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Wütende Jugend – erste Zersetzungserscheinungen einer in vielerlei Hinsicht verarmenden Gesellschaft?

In den letzten Monaten prasselten die Meldungen über straffällig gewordene Teenager wie Hagelkörner in einem nicht enden wollenden Gewittersturm mitten ins Herz einer Gesellschaft, die noch immer weitgehend von sich sagt, dass sie relativ gesund ist, dass es Probleme wie Vernachlässigung und Vereinzelung nur am Rande gäbe, dass die Kevins und Lea-Sophies schreckliche Einzelschicksale weniger “asozialer Familien (vermutlich ohnehin Hartz-IV-Empfänger)” seien, dass aber insgesamt doch gesellschaftlich alles weitgehend zum Besten stünde. Anders kann ich mir nicht erklären, dass eine Mehrheit der Menschen in diesem Land entweder gar nicht wählen geht oder aber Parteien ihre Stimme gibt, die den Triumph von Wirtschaft und Finanz über für das Überleben einer Gesellschaft essentielle Werte wie Zusammenhalt, Solidarität, Menschenwürde und Gleichberechtigung zur politischen Maxime erhoben haben.

In der letzten Zeit schrieb ich mehrfach Beiträge über die soziale Schere, durch Marktradikalismus ausgelösten Konsumzwang, Konkurrenzkampf und damit verbundene Vereinzelung der Menschen.
Wie schaut der Alltag eines durchschnittlichen Teenagers heutzutage aus? Tatsächlich oft sehr unterschiedlich – und zwar je nachdem, aus welchem Elternhaus er kommt. Läuft man in Dresden beispielsweise durch Gorbitz, Prohlis, aber zunehmend auch die Neustadt, sieht man regelmäßig junge Leute von 15, 16 Jahren bereits des Vormittags mit Bierflasche in der Hand an einschlägigen Spots herumhängen und nichts tun.


Geld für teure Hobbys, Nachhilfe oder kulturelle Betätigung ist häufig einfach nicht da, und zwar oft schon in der 2. Generation. Das Resultat sind sogeannte “Cliquen”, eine Art Sozialverband aus der Not geboren, um sich die Bestätigung zu holen, die man weder aus schulischen Leistungen noch aus der eigenen Familie zu beziehen vermag. Doch wirklichen Zusammenhalt und Vertrauen erfahren die Kids auch dort nur allzu oft nicht, stattdessen erleichtern solche Bündnisse das Abrutschen in kriminelle Milieus aus reiner Gruppendynamik heraus. Desillusionierung und Null-Bock-Haltung sowie eine schleichende Abschottung vom “Rest der Gesellschaft” sind ihnen oft immanent.

Und dennoch scheinen die Tendenzen zur Vereinsamung, zum Sich-Von-Allen-Alleingelassen-Und-Für-Nichts-Verantwortlich-Fühlen auch zunehmend in den Jugendzimmern der gehobenen Mittelschicht angekommen zu sein. Denn den gehobenen Status verdanken Familien heutzutage allzu oft der bedingungslosen Unterordnung ihres Familienlebens gegenüber Fleiß, Disziplin und totaler Aufopferung im Job.
Genau dieses von der Wirtschaft vorgelebte und offen eingeforderte Schema ist es auch, das Menschen ohne festen Job oft gravierende Minderwertigkeitsgefühle verursacht, völlig unabhängig davon, ob es sich um eine alleinerziehende Mutter handelt, die sehr wohl zu schuften hat, oder aber um einen 50-Jährigen Langzeitarbeitslosen, der ganz einfach keine Chance mehr auf Arbeit hat. Seelische Erkrankungen und emotionale Überreizung oder Abstumpfung sind oft die Folge.

Kinder und Jugendliche wachsen also in der heutigen Gesellschaft in Haushalten auf, in denen entweder alles im Überfluss vorhanden ist und eventuell fehlende familiäre Beziehungen wenigstens einigermaßen durch eine überdurchschnittliche Ausbildung aufgefangen werden.
Oder aber in einem Haushalt der Mittelklasse, in der ein normaler Lebensstandard immer öfter mit überarbeiteten und psychisch wie physisch erschöpften Eltern bezahlt wird, die oft nur wenig Zeit für die Kinder haben und wo Computer-Lernprogramme und das Internet zunehmend Funktionen der Erziehung, der Aufklärung und der Bildung übernehmen.

Immer mehr Kinder wachsen jedoch auch in Verhältnissen heran, in denen der Alltag von erdrückender Armut, gefühlter und teilweise realer Chancenlosigkeit, einem allgemeinen Klima der Hoffnungslosigkeit, der Wut und der Frustration sowie einem ewigen, ermüdenden Kampf mit Behörden, Ämtern und der Ignoranz der Mitmenschen geprägt ist. War davon 2000 noch lediglich jeder 11. Bundesbürger betroffen, war es 2008 bereits jeder 4.. Deutschlandweit lebt mittlerweile jedes 6. Kind in Armut.

Sind ausrastende und scheinbar mitleidlose Kinder und Jugendliche die Folge dessen?
Natürlich lässt sich streiten darüber, inwieweit der Faktor (soziale, emotionale und materielle) Verarmung tatsächlich eine Rolle spielt für die Entwicklung eines Kindes. Fest steht jedoch, dass er offensichtlich eine Rolle spielt, denn nie zuvor erlebte Deutschland eine derartige Serie von Gewalteruptionen teilweise mit ungeheuerlichster Brutalität vorgehender Jugendlicher.
Ein 18-Jähriger vergewaltigt im August 2008 die 8-jährige Michelle, bricht ihr dabei Zähne und Kiefer heraus und erwürgt sie schließlich. Gestern nun wird er wegen mangelnder sozialer Reife lediglich zu einer Jugendstrafe von 9 Jahren und 6 Monaten verurteilt.

Im Januar 2009 prügeln in Dresden eine 14-Jährige und ihre Begleiter im Teenageralter ein erst 13-jähriges Mädchen wegen eines Streits um einen Jungen halbtot und lassen es einfach liegen. Nur durch Zufall wird die in Lebensgefahr Schwebende gefunden.

Im März dieses Jahres schließlich läuft der 17-jährige Tim K. an seiner Realschule im baden-württembergischen Winnenden Amok und tötet dabei im Stile eines Kombattanten 15 Menschen, davon 9 SchülerInnen.

Im Mai wird in Berlin ein 13-Jähriger von zwei 14- und 15-Jährigen beraubt, misshandelt und schwer verletzt, scheinbar aus purem Spaß.

Im Juni misshandeln eine Gruppe etwa 16-Jähriger einen Obdachlosen schwer.

Im September schießlich treten und prügeln zwei 17- und 18-jährige Jugendliche den 50-jährigen Dominik Brunner in einer U-Bahn-Station in München-Solln zu Tode, als der sich schützend vor eine Gruppe von 12- und 13-Jährigen stellt, die zuvor von dem juvenilen Duo bedroht worden war. Zumindest einer der Täter war der Polizei bereits als “auffällig” bekannt. Seine beiden 17-jährigen Begleiter hingegen – eher unbeschriebene Blätter. (Falsche) Freunde als Familienersatz? Szenen einer verlorenen Jugend.

Ebenfalls im September misshandeln zwei 11- und 13-Jährige einen 10-Jährigen mit glühenden Zigaretten und Schlägen auf einem Spielplatz in Worms.

Auch im September stürmt ein 18-Jähriger sein Gymnasium im bayerischen Ansbach, mit mehreren Molotow-Cocktails und einer Axt bewaffnet, und verletzt dabei 10 Menschen, 2 Mädchen schwer. Der Täter muss mit einer MG-Salve niedergestreckt werden, um ihn vom Fortfahren abzuhalten. Auch dieser Jugendliche galt als Außenseiter, nicht anerkannt innerhalb der Gemeinschaft und zurückgezogen.

Und nun, erst gestern, wird in Düsseldorf ein erst 14 Jahre alter Jugendlicher unter dem dringenden Verdacht festgenommen, die 9-jährige Kassandra halbtot geprügelt, anschließend schwerstverletzt in einen Kanalschacht geworfen und diesen mit dem 40 Kg schweren Gullideckel sorgsam wieder verschlossen zu haben. Das kleine Mädchen überlebte nur knapp. Auch dieser junge mutmaßliche Täter war seit frühester Jugend verhaltensauffällig, besuchte Förderschulen.

Nur einige wenige Beispiele, die sich in der Kürze der Zeit zusammenstellen ließen.
Und doch genug, um die Frage aufzuwerfen: Was ist los mit unserer Jugend? Woher kommt diese zunehmende Brutalität?
Zwar steigen die Zahlen in Punkto Jugendkriminalität seit Jahren nicht signifikant an, doch nimmt die Brutalität der Taten augenscheinlich zu und der Anteil der Gewalttaten an den Gesamtdelikten steigt. Und immerhin gab es während der gesamten 80er- und auch 90er-Jahre einen stetigen Anstieg, also in einer Zeit, in der auch die Sozialstruktur unseres Landes in stetiger Verschlechterung begriffen war. Angefangen von steigenden Arbeitslosenzahlen bis hin zu wachsender Verarmung sowie zunehmenden Spannungen zwischen Migranten und Einheimischen.
So ist es auch kein Wunder, dass insbesondere rechtsextrem motivierte Gewalttaten ausgerechnet in den Bundesländern mit den höchsten Armutsraten nach wie vor im Ansteigen begriffen sind.

All diese Beobachtungen legen einen Zusammenhang zwischen Wirtschaftsentwicklung hin zum Marktradikalismus mit all den daraus für die Gesellschaft resultierenden Folgen, Sozialpolitik und dem Zustand der nachwachsenden Generation zumindest nahe.
Ein Zustand, bei dem – auch jenseits von Gewaltdelikten – alle Alarmglocken schellen sollten.
Nicht nur Mord- und Totschlag, sondern auch die eklatante, weit verbreitete desinteressierte Haltung gegenüber Land, Gesellschaft und der aktuellen Politik geben Anlass zur Sorge.

Realschüler, die nicht sagen können, welche Bundesländer denn die “neuen” und welche “die alten” sind, wo die Grenze zwischen DDR und BRD war oder wer gerade Außenminister ist; Unter-18-Jährige, die bei der U-18-Wahl zu 13% für die rechtsextreme NPD stimmen; männliche Erstwähler, die im Vorfeld der Bundestagswahl auf die Frage danach, wovor sie sich am meisten fürchten und wo sie am Ehesten politischen Handlungsbedarf sähen (so auf N24), die zunehmende Überwachung und Reglementierung des Internet nennen, das völlig unreflektiert mit einem “Überwachungsstaat” gleichsetzen und dem zu immerhin 13,5% in Form einer Stimmabgabe für die Piratenpartei auch Taten folgen lassen – da kann, da MUSS einem einfach himmelangst werden.

Angesichts einer solchen Bestandsaufnahme erscheint es geradezu erschreckend bigott, wenn unsere Medien und auch die Blogwelt es bevorzugen, sich über einen jungen Moslem auszulassen, der vor Gericht – ja wie kann er es bloß wagen – das Recht auf einen Raum in seiner Schule einklagte, in dem muslimische Schüler nun ihr Gebet verrichten können. Mir fällt dazu spontan ein: Wieso kommt die Schule eigentlich nicht von selbst auf die Idee, auf besondere kulturelle Traditionen Rücksicht zu nehmen?
Mir persönlich ist es lieber, wenn der Junge sich in diesem Land in seinen Rechten und kulturellen Gewohnheiten geachtet und respektiert fühlt und ein positives Verhältnis zu ihm entwickelt.
Und nicht zuletzt bedeutet der separate Raum ja, dass alle anderen, nicht-muslimischen Schüler von den religiösen Gebräuchen der Muslime nicht behelligt und belästigt werden, anders, als wenn der Junge stattdessen auf dem Pausenhof oder in der Mensa hätte beten müssen.

30 comments to Wütende Jugend – erste Zersetzungserscheinungen einer in vielerlei Hinsicht verarmenden Gesellschaft?

  • “Und doch genug, um die Frage aufzuwerfen: Was ist los mit unserer Jugend? Woher kommt diese zunehmende Brutalität?” – Eventuell ja von falsch verstandenen Statistiken?

    Die aufgezählten Zwischenfälle sind nämlich keine Erfindung des Internetzeitalters, auch früher schon haben sich Heranwachsende gekloppt, betrunken oder in Einzelfällen auch üble Verbrechen begangen. Ich möchte ja genausowenig wie du, dass das ewig so weitergeht, aber wie geschrieben: Das alles ist nicht neu.

    Oh, und das mit dem “völlig unreflektiert mit einem “Überwachungsstaat” gleichsetzen” wundert mich dann doch. Welche Bedingungen müssen denn erfüllt sein, damit Deutschland wieder als Überwachungsstaat bezeichnet werden darf, ohne dass das polemisch oder überzogen oder verschwörungstheoretisch wirkt?

    Und wie passen die Piratenpartei-Wähler in die Aufzählung von Schwerverbrechen?

  • Andrea

    Liebe Jane,

    Du hast mal wieder den Nagel auf den Kopf getroffen…

    Die “Verrohung”, gerade auch unter Teenagern macht mir persönlich sehr viel Angst… gerade, weil ich selbst kleine Kinder habe…

    Ich bin Christin und muss mich wegen meines Glaubens belächeln oder diskriminieren lassen… und wurde auch gefragt, wie ich meinen Kindern “das” antun kann…

    Aber ich wünsche mir für meine Kinder lieber eine christliche Prägung als eine, die von der Straße kommt…

    Der Staat wird erst aktiv, wenn das “Kind” in den Brunnen gefallen ist…

    Ich wäre einfach dafür, dass es für Kinder viel mehr Möglichkeiten gibt, in der Gesellschaft aufgefangen zu werden… und das fängt schon mit einer Betreuung nach der Geburt in “Problemfamilien” an…

    Intensivere Betreuung einzelner Kinder in Kindergärten und Schulen, sinnvolle Freizeitangebote für alle Kinder…

    Familie und Kinder haben einfach keine große Lobby hier… kommt mir zumindest subjektiv so vor…

    Aber dies bedeutet auch für jeden Einzelnen… eine gewisse Mitverantwortung zu tragen… sei es in Nachbarschaftspflege, Ehrenamt usw… eben ein bißchen nach rechts und links zu schauen…

    Gewalt ist niemals eine Lösung… aber wie sollen sich Menschen verhalten, die nie was anderes gesehen und kennengelernt haben…

    ich finde schon, dass der Staat hier gefordert ist… aber auch jeder selbst…

    Ist ein schwieriges Thema und einfache Lösungen, die allem gerecht werden kann, gibt es wohl nicht…

    aber ich versuche in der Familie eine Basis zu schaffen und im Umfeld weiter zu streuen…

    Danke für diesen Artikel

    LG

    Andrea

  • Jane

    Also zunächst mal: Schön, dass es hier doch auch etwas kontrovers wird, so mag ich es ja an sich ;)
    Und willkommen auch an henteaser in meinem Blog.

    Vielleicht erstmal an henteaser:

    Inwiefern kann man denn eine Statistik falsch verstehen, die einen steigenden Anteil von Gewaltdelikten an der Gesamtjugendkriminalität ausweist?

    Und zwischen “sich betrunken kloppen” und schon mittags in der Straßenbahn auf dem Heimweg von der Schule mit der Bierbuddel in der Hand sitzen, oder mit Pumpguns bewaffnet Amok an seiner Schule zu laufen, ja, da sehe ich dann doch noch einen kleinen Unterschied. Du nicht?
    Man müsste zunächst einmal klären, was du unter “früher” verstehst. Die 80er? Die 90er? Naja, zumindest in Deutschland hat man in dieser Zeit glaube ich weniger über Schulamokläufe oder Kinder und Rentner totprügelnde Kids gehört, während heute quasi im Jahres- bis Monatstakt (abhängig vom Verbrechen) und mit steigender Tendenz über solche Verbrechen berichtet wird.
    Das ist eine Veränderung, die man imho nicht einfach ignorieren kann.

    Was den Überwachungsstaat betrifft, ich glaube, da gehört eine ganze Menge mehr dazu, als Online-Durchsuchungen, Vorratsdatenspeicherung und Kampf gegen Kinderpornographie durch Indizierung einschlägiger Seiten. Diese Dinge sind oft irgendwas zwischen unschön und ineffektiv, aber mit einem Überwachungsstaat hat das allein sicherlich noch recht wenig zu tun. Nichtsdestotrotz lehne ich selbst zumindest die ersten beiden Dinge auch ab.
    Weitaus mehr Sorgen würde mir dahingehend der Handel mit Personendaten zwischen Deutschland und den USA machen, die teilweise Aufweichung des Grundgesetzes etwa in Gestalt der Anti-Terror-Maßnahmen, die quasi jeden erstmal unter Terrorverdacht stellen können.

    Mir ging es um die stupide Einseitigkeit und das Gewicht, das auf die empfundene Reglementierung des Internet bei jungen Leuten gelegt wurde. Dass Derartiges sogar über den Grundrechten, sozialer Gerechtigkeit oder gar der Regulierung der Finanzmärkte steht, ist erschreckend.

    Und was die Piratenpartei betrifft: Ich möchte nicht wissen, wie viele Kinderporno-Konsumenten noch außer Herrn Tauss in dieser Partei vor sich hinbrüten, die sich ja mit ihrem vehementen Kampf für ein liberales Internet nicht zuletzt auch gegen einen verschärften Kampf gegen Kinderpornografische Inhalte “einsetzt”.

    Oh – und inwiefern hat Zensur in China oder dem Iran etwas mit einem “Überwachungsstaat Deutschland” zu tun? Genau das ist ja der Unterschied zu wirklichen Überwachungsstaaten. Hierzulande kann ich im Grunde – solange ich die verbrieften Rechte eines Dritten nicht beschädige – im Internet schreiben was ich will, ohne dass von staatlicher Seite Zensur droht. Von chinesischen oder auch russischen Verhältnissen sind wir hier in Deutschland sicherlich weit entfernt.
    Und als ehemaliger DDR-Bürger kenne ich den Unterschied zwischen einer restriktiven Sicherheitspolitik und einem Überwachungsstaat besonders gut.
    Das bedeutet nicht, dass ich die Maßnahmen des “goßen Lauschangriff” herunterspielen will. Ich sehe aber wie gesagt auf anderem Terrain weitaus gravierendere Eingriffe in die Privatsphäre der Bürger, als im Internet.

  • Ich denke, dass man relativ sicher ausschließen kann, dass unter den Gegnern des Zugangserschwerungsgesetzes und speziell unter den Piraten nennenswertes Interesse an illegaler Pornographie besteht. Denn sie treten ja für viel weitergehende Maßnahmen ein: Löschen vor Ort und Verfolgen der Urheber. Und sie haben ja in Eigeninitiative schon in etlichen Fällen illegale Angebote aus dem Netz nehmen lassen. Hätten sie Interesse, würden sie das nicht fordern und tun. Wichtige Gegner der Sperren waren früher selbst Missbrauchsopfer.

    Nein, ich sehe da eine sehr gute Parallele zu dem Fall Polanski. Es wäre schon lange möglich gewesen, ihn seiner Strafe zuzuführen. Es wäre im Rahmen bestehender Gesetze möglich gewesen. Nur hat man es nicht getan — ein partielles Versagen des Rechtsstaats. Genauso ist es auch mit der illegalen Pornographie. Es gab schon lange vor der Diskussion um Netzsperren sehr wirksame Gesetze, um solchen Verbrechern das Handwerk zu legen. Aber das reichte Leuten wie von der Leyen, Zypries und Schäuble natürlich nicht. Ihr Werkzeug sollte ein Einstieg in die Netzüberwachung sein.

  • Jane

    Wie ist dann im Piraten-Parteiprogramm die unter Punkt 6.3 – Inhaltsfilterung befindliche Formulierung:
    “Jedwede Zensurbestrebungen sind zu verhindern, der Möglichkeit der Installation von Filtern muss aktiv vorgegriffen werden. Die Freiheit der Kommunikation darf durch die Bundesrepublik Deutschland auch außerhalb ihres Territoriums nicht unterminiert werden”
    zu interpretieren?

    Für mich berührt das auch Inhalte kinderpornografischer Art, denn solche Inhalte werden hier eben nicht grundsätzlich davon ausgenommen. So kollidieren eben gerade Würde und Rechte missbrauchter Kinder mit dem von den Piraten eingeforderten grundsätzlichen “Recht in Ruhe gelassen zu werden”,das sich ja auch auf Methoden bezieht, die geeignet sind, Daten von potentiellen KiPo-Seiten-Nutzern zu speichern und für Ermittlungen zu nutzen. Das funktioniert ja im Prinzip nicht anders, als etwa bei der Terrorbekämpfung.

    Mal ganz davon abgesehen, dass das Parteiprogramm als solches inakzeptabel, da einfach wichtige Bereiche wie etwa Umwelt-, Sozial- oder Außenpolitik aussparend ist.

  • Jane

    Andrea:

    Dann kannst du persönlich ja sehr gut beurteilen, wie schnell es geht, dass man zur “Randgruppe” gestempelt wird, sei es aufgrund seiner Herkunft, seines sozialen Status oder eben aufgrund seines Glaubens.
    Ich persönlich bin nicht religiös, aber ich bin der Ansicht, dass eine von religiösen Werten geprägte Erziehung – sofern sie nicht fundamentalistischen Tendenzen unterworfen ist – auf alle Fälle sinnvoller und vor allem sozialen Kompetenzen zuträglicher ist, als ein Aufwachsen im Wildwuchs oder in Familien, die zusehends den Kontakt zur Mitte der Gesellschaft verlieren, wo die Kinder alltäglich den Frustrationen und den falschen Vorbildern ihrer desillusionierten Eltern anheimgegeben sind.
    Ich denke, dass Letzteres ein großes, unterschätztes Problem in unserer Gesellschaft ist, das sich u.a. auch darin äußert, dass immer mehr Ausbildungsstellen unbesetzt bleiben, weil die Heranwachsenden – selbst wenn sie einen Schulabschluss haben – immer seltener die Anforderungen an Reife und Allgemeinbildung erfüllen, die es braucht, um eine Berufsausbildung erfolgreich abzuschließen, während gleichzeitig viele eben dieser Schulsabsolventen händeringend einen Ausbildungsplatz suchen.
    Das sollte zu denken geben.

  • Das Zitat ist aus Sicht der Piraten ganz eindeutig so zu interpretieren, dass man gesetz- und verfassungswidrigen Inhalt an der Quelle bekämpfen soll. Dann muss auch nichts Kriminelles und nichts Verfassungswidriges mehr herausgefiltert werden.

    Es ist kein Eingriff in die Freiheit, wenn man Kriminelle mit allen Mitteln des Rechtsstaats verfolgt und verurteilt. Es ist ein Eingriff in die Freiheit, wenn mit guten Vorsätzen oder unter gutem Vorwand eine Zensur-Infrastruktur aufgebaut wird, denn sie wird definitiv immer missbraucht werden.

  • PS: Dass im Programm der Piratenpartei sehr viele Punkte fehlen oder im Unklaren bleiben, ist auch aus meiner Sicht ein entscheidender Kritikpunkt.

  • Jane

    Zu deinem ersten Posting:

    Und wie soll es denn bei einem für jedermann frei zugänglichen und nicht überwachten Internet (dafür machen sich die Piraten ja stark) verhindert werden, dass irgendwo irgendwer überhaupt Kinderpornographie ins Netz stellt? Das würde man doch dann unter “an der Quelle bekämpfen” verstehen müssen, oder wie sonst sollte man Kinderpornographie im Netz wirksam bekämpfen können?
    Es wird diese Leute immer geben.
    Außerdem dient doch die Überwachung einschlägiger Portale und Seiten dem Bekämpfen der “Quelle”, nämlich der Urheber und Konsumenten, die diesen schwunghaften Handel online erst ermöglichen.

    Und davon ganz abgesehen kann ich beim besten Willen eine solche Botschaft aus den von mir zitierten Worten nicht herauslesen. Woran genau machst du die fest und dann auch noch “ganz eindeutig”?

  • Jane

    P.S. Um im Übrigen nicht missverstanden zu werden: Ich möchte hier nicht postuliert haben, die Piratenpartei würde gezielt die Hürden für Internet-Pornographie, insbesondere Kinderpornographie, herabsetzen wollen oder diese möglichst unangetastet lassen.
    Das Problem ist, dass sie in ihrem Programm dieses Problem nicht gesondert adressiert, es weitgehend ignoriert und damit auch die Tatsache, dass viele ihrer Programmpunkte den Online-Handel mit KiPo sogar begünstigen würden.
    Und nicht zuletzt werfen dann Personalien wie Jörg Tauss, der trotz der im Raum stehenden Vorwürfe gegen ihn in die Partei aufgenommen wurde, ein eher fragwürdiges Licht auf die Piraten.

  • Bevor wir weiterreden, möchte ich Dir ein Buch ans Herz legen: Der Terrorist als Gesetzgeber. Wie man mit Angst Politik macht. von Heribert Prantl.

    Für das Internet und die »reale Welt« gilt: Es kann nur die Kriminalität bekämpft werden, die dem Staat auch bekannt wird. Wenn jemand illegal Hitlers Werke nachdruckt und sie in Deutschland vertreibt, wird er entweder angezeigt oder die Polizei kommt ihm von selbst auf die Schliche.

    Aber es werden nicht ohne konkreten Anhaltspunkt die Kommunikationswege unbescholtener Menschen überwacht, nur weil jemand so etwas Übles wie Hitlers Werke nachdrucken könnte.

    Alle zivilisierten Staaten, die technisch dazu in der Lage sind, beschäftigen Polizisten mit der Suche nach kriminellem Inhalt im Internet. Alle zivilisierten Staaten beschäftigen andere Polizisten mit der Bekämpfung des Kindesmissbrauchs. Diese Polizisten müssen weltweit immer enger und effizienter zusammenarbeiten und auf diese Weise werden immer mehr Täter gegriffen werden.

    Trotzdem wissen wir, dass es selbst dann keine hundertprozentige Sicherheit geben würde, wenn wir eine hundertprozentig überwachte Gesellschaft hätten. Keine hundertprozentige Sicherheit gegen Mord, gegen Terrorismus oder gegen sexuellen Missbrauch.

    Wenn die Täter gegriffen wurden, wenn sie verurteilt wurden und wenn sie ihrer Strafe abgesessen haben, dann kann ich mir analog zur Sicherheitsverwahrung eine überwachte Kommunikation vorstellen — damit diese Personenkreis eben nicht noch Bilder von solchen Verbrechen anbietet oder nachfragt.

    Aber alle unverdächtigen Bürger müssen unbehelligt bleiben und somit auch deren Kommunikation. Denn es gibt einen rechtsstaatlichen Grundsatz, der sagt, dass jedermann unschuldig bis zum Beweis seiner Schuld ist. Auch der Herr Tauss.

    Und jetzt noch ein wichtiges Zitat aus dem oben genannten Buch:

    “In einem maßlosen Staat [...] gibt es vielleicht ein wenig mehr Sicherheit, aber ganz sicher sehr viel weniger Freiheit.”

  • – “Inwiefern kann man denn eine Statistik falsch verstehen, die einen steigenden Anteil von Gewaltdelikten an der Gesamtjugendkriminalität ausweist?”

    Erstens, indem man aus den aktuellen und den Vorjahreszahlen bereits einen Trend konstruiert. (Was zumindest der verlinkte Artikel mit seinem Direktvergleich nahelegt.) Die Entwicklung steigt bzw. fällt nämlich immer irgendwohin. Das sie – vor allem in absoluten Zahlen – gleich bleibt, wäre krasser Zufall.

    Zweitens, indem man die bereits von Stefanolix erwähnte Problematik außer Acht lässt: Nämlich, dass nur Straftaten und Verbrechen verfolgt werden, die bekannt werden bzw. angezeigt werden. So etwa könnte es durchaus sein, dass inzwischen mehr Mobbingopfer (worunter auch das sog. happy slapping fällt) zur Polizei gehen.

    Drittens, indem jugendliche Tatverdächtige mit eindeutig überführten jugendlichen Tätern gleichgesetzt werden.

    – “[D]a sehe ich dann doch noch einen kleinen Unterschied. Du nicht?”

    Ich auch. Hernwachsende, die freitags mit Mixerykästen durch die Stadt laufen, oder jene Sorte Jugendliche, die in der Straßenbahn laut Frauenarzt oder Kiz hören sind tatsächlich was anderes als jugendliche Gewalttäter, Triebtäter oder Massenmörder. Nur nehmen es manche Ältere nicht immer so genau, was diese Nuancen angeht, und es hagelt restriktive Gesetzgebungsvorstöße (z.B. ein “Killerspieleverbot”) und Realsatire (z.B. Klagen gegen durchgestrichene Hakenkreuze).

    – “Man müsste zunächst einmal klären, was du unter “früher” verstehst. Die 80er? Die 90er? Naja, zumindest in Deutschland hat man in dieser Zeit glaube ich weniger über Schulamokläufe oder Kinder und Rentner totprügelnde Kids gehört.”

    Genau meine Rede. Ich erinnere mich noch dunkel daran, dass in den beginnenden Neunzigerjahren hierzulande fremdenfeindliche Übergriffe zum guten Ton gehörten. Ein Trend, der nie wirklich verebbt ist, wenngleich auch lange kein Ausländerwohnheim mehr gebrannt hat. Aber inzwischen haben sich die Massenmedien eben wieder den jugendlichen Übeltätern zugewandt, weil das Thema Generationskonflikt immer zieht; ein weiterer Grund, aus dem “mit steigender Tendenz über solche Verbrechen berichtet” wird.

    – “Was den Überwachungsstaat betrifft, ich glaube, da gehört eine ganze Menge mehr dazu, als Online-Durchsuchungen, Vorratsdatenspeicherung und Kampf gegen Kinderpornographie durch Indizierung einschlägiger Seiten.”

    Ähm… Online-Durchsuchungen und Vorratsdatenspeicherung würden ohne die Proteste unter anderem gewisser Interessengruppen Pro-Bürgerrechte und das Hineingrätschen durchs Verfassungsgericht weitaus krasser angewandt. Aber auch so sind diese Maßnahmen eine völlig überzogene Reaktion im Nachhall von 9/11.

    Also nochmal die Frage: Wann beginnt für dich ein Überwachungsstaat? In meinen Augen ist die Totalerfassung einiger Eckdaten (z.B. Funkzelle und Gerätenummern) jedenfalls bereits bedrohlich genug. Und zwar auch ohne dass mir eine Gestapo die Tür eintritt, weil ich per Handy Flüsterwitze verbreitet habe.

    – “Dass Derartiges sogar über den Grundrechten, sozialer Gerechtigkeit oder gar der Regulierung der Finanzmärkte steht, ist erschreckend.”

    Ein weiteres Mal Zustimmung. Wobei ich nicht der Meinung bin, dass das Verteidigen der grundlegender Bürgerrechte Augenwischerei oder Schattenboxen ist. Deshalb finde ich den Vorwurf “Einthemenpartei” nicht gut. Bzw. nicht gut, dass diese Bezeichnung als Vorwurf gemeint ist. Es kann sich doch nicht jedermensch um alles kümmern. Und wenn es Experten gibt, dann bittesehr.

    (Wobei ich’s wiederum blöde finde, dass zwar über 60.000 Menschen gegen Kiposperren mitzeichneten, aber nur wenige bei Petitionen, die nicht zielgruppenrelevant, aber dennoch wichtig sind. Jetzt sehen “wir Netzaffinen” aus wie ‘ne stumpfe Lobbygruppe von vielen.)

    – “gegen einen verschärften Kampf gegen Kinderpornografische Inhalte”

    :( Inzwischen bin ich’s leid, in Gesprächen und Blogkommentz immer einen “Ich bin gegen Kinderpornografie”-Disclaimer anhängen zu müssen. Das haben die Netzsperren-Befürworter nämlich schön hinbekommen mit ihrer Leier von ‘Wer unsere Methoden nicht unterstützt, wird wohl einer von denen sein.’

    – “[I]nwiefern hat Zensur in China oder dem Iran etwas mit einem “Überwachungsstaat Deutschland” zu tun?”

    Uhl, CSU, meinte: “Was die Chinesen können, sollten wir auch können. Da bin ich gern obrigkeitsstaatlich.” Soviel dazu.

    – “Ich sehe aber wie gesagt auf anderem Terrain weitaus gravierendere Eingriffe in die Privatsphäre der Bürger, als im Internet.”

    Mich gruselt’s – vermeintlicher Themenwechsel zum Schluss – auch immer, wenn die Rede von einer “Festung Europa” oder dem Verteidigen Deutschlands am Hindukusch die Rede ist. Oder wenn unsere Kanzlerin chinesischen Parteibonzen oder dem Berlusconi die Hand schüttelt. Die Zivilisationsdecke ist erschreckend dünn.

  • Jane

    henteaser:

    1. Wenn du genau liest, habe ich keinen Trend aus den letzten 2 Jahren konstruiert. Im verlinkten Artikel geht es ja auch um die Statistik aus dem Jahr 2007, 2008 ist also noch gar nicht inkludiert.
    Des Weiteren schrieb ich doch ganz deutlich von stetig steigenden Raten von Jugendkriminalität während fast der gesamten 90er-Jahre (bis 1998). Ich glaube, dieser Trend ist erstens schon recht aussagekräftig und zweitens so nicht mehr von der Hand zu weisen.
    Es gibt zudem auch Langzeitstudien, die den positiven Einfluss auf die Gewaltbereitschaft eines Jugendlichen sowohl von häuslicher Gewalt als auch von sogenannter visuell erfahrener Gewalt (z.B. durch Killerspiele) belegen. Und da aufgrund der von mir angedeuteten steigenden Armutszahlen auch die Anzahl vernachlässigter Kinder steigt und Internet und Killerspiele zudem stetig an Zuspruch unter Kindern und Jugendlichen gewinnen (z.B. auch als “Aggressionsabbau”), liegt schließlich auch der Schluss nahe, dass Jugendliche stärker zu Gewalt neigen und einen geringeren Grad an sozialer Reife aufweisen, als vielleicht noch vor 20 Jahren. Dies wird wiederum durch Studien belegt (vor einigen Monaten saß dazu ein Diplompsychologe bei Frau Maischberger in der Sendung, im Netz konnte ich jetzt auf die Schnelle dazu nichts finden, werd aber dranbleiben).

    2. Die Hellfeld/Dunkelfeld-Problematik ist bekannt. Allerdings kann ich mir nicht vorstellen, dass sie hinsichtlich jener Delikte, die ich hier anspreche – also weder Mobbing noch Slapping, sondern brutalste Verbrechen ohne jegliches Mitleid und vor allem mit der Bereitschaft, sein Opfer ohne Weiteres auch sterben zu lassen bzw. mit null Durchblick dahingehend, inwieweit das eigene Vorgehen den Tod eines Menschen auszulösen in der Lage ist – eine signifikante Rolle spielt. Denn solche Verbrechen, wo Opfer mit schwersten Verletzungen im Krankenhaus landeten oder gar zu Tode kamen, wurden mit Sicherheit auch schon in den 80er- oder 90er-Jahren angezeigt. Nenne mir einen Grund, weshalb Betroffene oder deren Angehörige in einem Fall wie dem Michelles oder Kassandras davon hätten absehen sollen. Du siehst, ich lasse hier nichts außer acht, ich bewerte lediglich anders.

    3. Vielleicht hast du meine Intention auch missverstanden. Mir geht es hier gar nicht darum, die Jugend pauschal zu verteufeln und ihnen ein schlechtes Image anzuheften. Die Probleme die zu den von mir beklagten Symptomen wie sinkende Hemmschwellen, Tendenzen zu Brutalität und Alkoholmissbrauch, mangelnde soziale Reife usw. führen, liegen viel tiefer und haben primär nichts mit den Kids, sondern mit dem Gesellschaftssystem, mit der sich seit den 80er-Jahren rapide ändernden Wertesphäre zu tun, in dem/der Kinder aufwachsen. Alles verändert sich so schnell, dass wirklich stabile soziale Werte kaum noch entstehen, die in der Lage sind, Halt und eine Richtlinie für den Lebensweg zu geben.

    4. Nicht vergessen, dass auch die Täter jener fremdenfeindlichen Übergriffe Anfang der 90er (und auch heute noch) nur allzu oft junge Leute zwischen 15 und 21 waren und sind (ich erinnere nur an Jorge Gomondai oder Amadeu Antonio).

    Warum sind es immer mehr Jugendliche, die derart ausflippen? Es liegt eigentlich in der Natur der Sache, dass junge Menschen ohne gefestigtes Weltbild, ohne gefestigten Charakter mit Schwankungen und Instabilität ihrer äußeren Umwelt weitaus schwieriger umgehen können, als ihre erwachsenen, mental und emotional ausgereifteren Pendants. Sie sind also besonders anfällig für Gesinnungen, die an an sich für das Erwachsenwerden wichtige Werte wie Ehre, Stolz, Verpflichtung gegenüber den Mitmenschen usw. appellieren – leider auch gegenüber solchen, die diese an sich positiven Werte pervertieren und für selektive, menschenfeindliche Ideologien missbrauchen.

    5.
    “– “gegen einen verschärften Kampf gegen Kinderpornografische Inhalte”

    :( Inzwischen bin ich’s leid, in Gesprächen und Blogkommentz immer einen “Ich bin gegen Kinderpornografie”-Disclaimer anhängen zu müssen.”
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    Sorry, verstehe ich jetzt nicht ganz. Wer hat denn irgendeine entsprechende Bemerkung in deine Richtung fallen gelassen, dass du dich genötigt siehst, hier einen entsprechenden “Disclaimer anhängen zu müssen”? Der zitierte Satz nahm Bezug auf die Piratenpartei – bist du die Piratenpartei? :D
    Und selbst dieser unterstelle ich nicht, dass sie bewusst und zielgerichtet Kinderpornographie zu fördern beabsichtigt, wie ich weiter oben auch schon schrieb.

    6. Was die Aussage von Uhl betrifft, so halte ich sie – allein in Bezug auf kinderpornographische Inhalte wohlgemerkt! – für die einzige Möglichkeit, aktiv und vor allem punktuell zielgerichtet und zeitnah etwas gegen solche Seiten zu unternehmen, so sie entdeckt werden. Du darfst nicht außer Acht lassen, dass es sich dabei um ein schändliches Verbrechen handelt. Den Vergleich mit den Chinesen finde ich hingegen ziemlich unglücklich gewählt, denn die zensieren ja wohl ein klein wenig mehr, als nur kinderpornographische Seiten.

    Gruseln tut mich momentan vor allem, dass einer wie der Roland Koch jetzt sogar auf den Finanzministersessel klettern dürfen soll. Ausgerechnet einer, der in der Vergangenheit mehrfach mit Spenden- und Stimmenkauf-Skandalen in Verbindung gebracht wurde, und der nicht zuletzt mit höchst fragwürdigen bis fremdenfeindlichen Parolen “kriminelle Ausländer abschieben!”,
    “Ypsilanti, Al-Wazir und die Kommunisten stoppen!”) zur Landtagswahl in Hessen 2008 auf Stimmenfang am rechten Rand ging. Wie kann einer, der letztes Jahr nur knapp an einem Verfahren wegen Volksverhetzung vorbeischrammte, weil er mit unsäglichen Sprüchen wie “mulitkulturelle Verblendung”, “die deutsche Position in Sachen Integration war lange genug nicht klar genug gewesen” oder “bei uns treffen sich nicht viele Kulturen und bilden dann gemeinsam eine neue” fragwürdige Berühmtheit erlangte, jetzt dafür auch noch mit einem Ministerposten belohnt werden?
    Da hat selbst mein grenzenloses Verständnis ein Ende.

  • Jane

    Zur Ergänzung:

    Aus dem Kriminalitätsbericht des BKA für das Jahr 2007 (die Jahre 2006 und 2007 vergleichend):

    “Die Tatverdächtigenzahl der Jugendlichen (14 bis unter 18 Jahre) ist im Jahr 2007 um 0,4 Prozent zurückgegangen. Dagegen setzte sich der Anstieg der Gewaltkriminalität Jugendlicher im Jahre 2007 verstärkt fort (4,9 Prozent, 2006: 0,7 Prozent): Insbesondere bei der gefährlichen und schweren Körperverletzung wurde ein Anstieg von 6,3 Prozent (2006: 3,0 Prozent) registriert. Diese Entwicklung zeigt, dass bei Teilen der Jugendlichen eine erhöhte Gewaltbereitschaft bei gesunkener Hemmschwelle und teilweise brutalem Vorgehen festzustellen
    ist. Dabei erweist sich sicherlich Alkohol als Gewaltkatalysator. Zudem wird Jugendgewalt auch stark durch Gruppendynamik beeinflusst. Inzwischen ist auch eine steigende Gewaltbereitschaft junger Mädchen festzustellen. Die Gewaltkriminalität weiblicher Jugendlicher hat im Jahresvergleich von 7.147 auf 7.498 zugenommen (4,9 Prozent). Die
    Eindämmung der Jugendgewalt erfordert eine kontinuierliche Schwerpunktsetzung und eine Anstrengung der gesamten Gesellschaft.”

    Aus dem Bericht für 2008 (die Jahre 2007 und 2008 vergleichend):

    “Die Zahl tatverdächtiger Jugendlicher (14 bis unter 18 Jahre) ist im Jahr 2008 um 4,2 Prozent auf 265.771 zurückgegangen. Erfreulicherweise setzte sich der Anstieg der Gewaltkriminalität
    Jugendlicher im Jahre 2008 nicht fort (2008: –5,9 Prozent, 2007: +4,9 Prozent). Auch bei der gefährlichen und schweren Körperverletzung wurde ein Rückgang von 5,6 Prozent (2007: +6,3 Prozent) registriert. Ob dieser erstmalige Rückgang der Fallzahlen im Hellfeld der Kriminalität eine Trendwende im Hinblick auf die Gewaltbereitschaft Jugendlicher indiziert, kann nicht abschließend beurteilt werden.”

    Erfreulich ist, dass im vergangenen Jahr die Gewaltrate unter Jugendlichen zum ersten Mal seit den 90er-Jahren zur Stagnation kam. Dennoch liegen die Quoten nach wie vor auf etwa dem Niveau von 2006. Ein Grund für den Rückgang könnte auch der “Geburtenknick” sein, der sich verstärkt auswirkt, denn ein Absinken der absoluten Zahlen ist ja nicht nur bei den Gewaltdelikten zu verzeichnen sondern parallel auch bei den Zahlen der Einschulungen und Schulabschlüssen.

  • Jane

    stefanolix:

    Inwiefern ist zur gezielten Beseitigung von kinderpornographischen Inhalten aus dem Netz eine “Überwachung der Kommunikationswege unbescholtener Menschen” notwendig?
    Das Sperren von entsprechenden Seiten kann durchaus zielgerichtet und auf Entdeckung hin erfolgen, OHNE dass irgendwer dazu überwacht werden müsste.

    Allein, dieses Vorgehen wird von der Piratenpartei als “Zensur” verstanden, da es Inhalte bewusst filtern und entfernen würde. Zumindest kann ich im Parteiprogramm keinen Einwand erkennen, der solche Inhalte ausdrücklich vom Zensur-Stigma ausnehmen würde.

    Niemand fordert eine Online-Überwachung (außer vielleicht diverse Politiker). Ich schon gar nicht. Das gezielte Entfernen von KiPo-Seiten hat für mich nichts mit Bürgerüberwachung, sondern mit Kinderschutz und Kriminalitätsbekämpfung zu tun.

  • “bist du die Piratenpartei?” – Glücklicherweise nicht. Nur stieß mir deine Bemerkung, die Piraten und andere Bürgerrechtler wären “gegen einen verschärften Kampf gegen Kinderpornografische Inhalte” übel auf. Sowas nervt ungemein, denn es kann eigentlich nur diffamierend verstanden werden.

    Es geht ihnen/uns nämlich darum, vorhandene Methoden und Kompetenzen sinnvoll zu koordinieren, anstatt sich zu jedem Wahlkampf wieder künstlich aufzuregen und halbgare Neuerungen durchzupeitschen, während den klassischen Ermittlern die Gelder gekürzt werden.

    Dazu gehört übrigens auch, dass nicht jeder Unfug an die Presse rausposaunt wird, obwohl die Aktion (“Himmel” hieß sie) im Nachheinein mehr oder weniger verpuffte.

    (Auch hier das alte Spiel, Tatverdächtige zu Tätern zu machen.)

  • Wann auch immer man eine Liste (Sperrliste) mit inkriminierten Adressen aufstellt, kann man diese auch gleich zur Prüfung und fallweisen Abschaltung der Betreiber verwenden. Alle gesetzlichen Grundlagen existieren — auch international. Eine Filterung des Datenverkehrs ist dann schlichtweg nicht mehr notwendig.

    Das Abschalten ist also juristisch und technisch möglich. Zur Verhinderung von Zugriffen auf solche Seiten ist dagegen immer eine Filter-Technik notwendig, die auch zur Zensur und gezielt zur Rückverfolgung eingesetzt werden kann. Wenn die Listen geheim bleiben, bleibt auch die Funktionsweise im Dunkeln. Die Geschichte lehrt: wann immer jemand eine solche Technik aufbaut, wird sie missbraucht werden. Deshalb im Namen der Freiheit: Keine Filterung unserer Kommunikation!

    Heribert Prantl sollte Dir sicher als eher linker Autor und Journalist bekannt sein und ich hoffe, dass Du Dich auf sein Buch einlässt. Es ist packend und verständlich geschrieben, es ist ein Plädoyer für die Freiheit. Gern leihe ich es Dir auch aus. Setze dort »Terrorismus« mit »Kinderpornographie« gleich und Du verstehst vielleicht, was ich sagen will.

  • – “Des Weiteren schrieb ich doch ganz deutlich von stetig steigenden Raten von Jugendkriminalität während fast der gesamten 90er-Jahre (bis 1998). Ich glaube, dieser Trend ist erstens schon recht aussagekräftig und zweitens so nicht mehr von der Hand zu weisen.”

    Wie steht es mit der Relation zu Gesamtzahl der als “jugendlich” bezeichneten Bundesbürger?

    – “visuell erfahrene Gewalt (z.B. durch Killerspiele)”

    Oder zum Beispiel durch Fernseherichte über sog. Kollateralschäden, finale Rettungsschüsse, das “Dritte Reich” (Guido Knopp) und Abu Ghraib? Wenn schon, dann bitte alle möglichen Medieneinflüsse zum Sündenbock machen. Und indizieren / zensieren.

    – “ein Diplompsychologe bei Frau Maischberger”

    Für mich als Nachdenkseiten-Leser ist das noch kein Argument. Da sitzen wohl öfters mal dubiose Experten. War es vllt. der berühmt-berüchtigte Dr. Pfeiffer?

    – “nichts mit den Kids, sondern mit dem Gesellschaftssystem”

    Volle Zustimmung.

    – “Alles verändert sich so schnell, dass wirklich stabile soziale Werte kaum noch entstehen, die in der Lage sind, Halt und eine Richtlinie für den Lebensweg zu geben.”

    Kaum Zustimmung. Vor allem, weil das Wort “Lebensweg” eine klare Richtung suggeriert, die es einfach nicht (mehr) gibt und geben kann. Außer, wenn man Fortschritt verbietet, statt den Nachwuchs von Geburt an darauf vorzubereiten, dass das eigene Leben auch dann nicht zwingend auf ein happy end zusteuert, wenn man (vermeintlich) alles richtig macht. Der kathegorische Imperativ in Kombination mit Timothy Learys “Denke selbst. Hinterfrage Autoritäten.” führt in die Verbitterung, wenn man merkt, dass die anderen sich nicht daran halten und es dennoch ‘besser’ haben.

    – “Warum sind es immer mehr Jugendliche, die derart ausflippen?”

    Weil Erwachsene zu sehr im Trott sind, um noch ausflippen zu können. Zu abgebrüht. Zu resigniert. Zu machtlos. Generation S.A.A.R.T. halt.

    – “mental und emotional ausgereift”

    So kann man’s auch formulieren.

    – “[Netzsperren als]die einzige Möglichkeit, aktiv und vor allem punktuell zielgerichtet und zeitnah etwas gegen solche Seiten zu unternehmen, so sie entdeckt werden”

    Wenn das doch nur stimmen würde. Wenn man die DNS-Blockaden nicht innerhalb weniger Sekunden umgehen könnte. Wenn doch nur nicht angedacht wäre, die Sperren auch auf andere Gebiete (Terrorpropaganda, Bulimieforen) auszuweiten. Wenn nur die entdeckten Seiten tatsächlich verschwinden würden, statt noch immer als BKA-Honigtöpfe im Netz stehenzubleiben. Wenn doch nur unterscheidbar wäre, ob jemand wissentlich nach Kinderpornos gesucht hat oder nur auf einen falschen Link klickte. (vgl. ‘rickrolling’) Wenn doch nur zweifelsfrei geklärt wäre, was nicht als Kinderpornografie zählt. Wenn es nicht auch den Straftatbestand Jugendpornografie und die Grauzone Scheinjugendlichkeit gäbe.

    – “Du darfst nicht außer Acht lassen, dass es sich dabei um ein schändliches Verbrechen handelt.”

    Und du wiederum nicht vergessen, dass das Herstellen und Verbreiten von Bildern weitaus schändlicher ist als das (teilweise ungewollte) Angucken dieses Drecks. Die Berichterstattung zu “Operation Himmel” beispielsweise bezeichnete die Rasterfahnung nach Kleinkriminellen als Sprengung eines “Kinderpornorings”, was auf Unbedarfte wie die Hatz nach Schwerverbechern von der Gewichtsklasse eines Marc Dutroux wirken musste.

  • Jane

    henteaser:

    Aufpassen, ich spreche durchaus und primär von denjenigen Leuten, die den Kipo-Mist ins Netz stellen, die Seitenbetreiber also. Und gegen die hilft selbstverständlich keine Seitensperre für Surfer, die ja bloß bewirkt, dass die computertechnisch am wenigsten begabten von ihnen diese Seiten nicht mehr anschauen können. Die Urheber meinte ich auch, als ich von einem “schändlichen Verbrechen” sprach.

    Was die Relation der Zahlen von Gewaltdelikten zur Gesamtzahl der Jugendlichen betrifft, so dürfte der stetige Schwund an jungen Leuten und der dennoch bis 2007 vorhandene stetige Anstieg der Gewaltdelikte ja sogar ein noch viel alarmierenderes Zeichen darstellen, ich glaube, ich erwähnte das auch bereits.

    Was die Killerspiele betrifft, so müssen wir bei Vergleichen einfach mal realistisch bleiben. Glaubst du nicht auch, dass es etwas völlig anderes ist, wenn ich in einem Film sehe, wie rumgeballert wird (Fernsehberichte in den Nachrichten zeigen ja so gut wie nie Bilder von Getöteten und schon gar nicht solche vom Akt der Tötung) und ein paar Schauspieler hinfallen, als wenn ich stundenlang vor einem Killergame sitze, in dem ICH derjenige bin, der ballert, ICH derjenige bin, der mit wachsendem Feuereifer Kreaturen ihr Lebenslichtlein ausbläst? Wissenschaftler quer durch alle theoretischen Ansätze glauben das.
    Außerdem finde ich, dass es auf das Maß ankommt. Wenn man so ein game mal ausprobiert, hat das sicherlich noch keinen schädigenden Einfluss. Weitet sich das aber zum alltagsbestimmenden Element aus, sieht es schon wieder ganz anders aus.
    Jugendliche haben IMMER einen Grund, sich hinter ihre PCs zurückzuziehen und auch dafür, Gewaltspiele zu bevorzugen (Frustration, mangelnde Anerkennung, Außenseiterstatus z.B.).

    Zu den Werten und dem Lebensweg:
    Es ist Aufgabe der Eltern, für ihre Kinder den Überblick im Wirrwarr der Werte und der Lebensauffassungen zu bewahren und ihnen ein gesundes Selbstbewusstsein und klare Richtlinien dahingehend, was richtig und falsch ist, mitzugeben. Ein solches Kind wird auch im bewegtesten Leben stets Ein- und Ausgänge finden.
    Das Problem ist aber, dass Eltern zunehmend dazu aus den verschiedensten Gründen nicht mehr in der Lage sind. Sei es durch Überarbeitung, durch psychische Erkrankungen, Resignation, Armut oder weil sie selbst schlichtweg schon aus Familien stammen, in denen das einmaleins der Sozialisation nicht stattgefunden hat.

  • Jane

    Stefanolix:

    Von Heribert Prantl habe ich entfernt schon mal gehört, ich würde aber nicht behaupten, ihn als Autor zu kennen.

    Ich werde mir das Buch aber gerne zu Gemüte führen, sobald der Stapel, durch den ich mich momentan immer abwechselnd kämpfe, etwas niedriger geworden ist.

    Was das Abschalten von inkriminierten Seiten betrifft, sind wir soweit einer Meinung, nur, dass ich eben auch die Nutzer dieser Seiten (z.B. angemeldete Mitglieder) gleich mithochgehen sehen möchte. Auch dazu ist keine flächendeckende Überwachung, sondern lediglich die Möglichkeit eines gezielten Zugriffes auf entsprechend kriminelle Seiten und die damit in Verbindung stehenden Daten nötig.
    Das Ding ist, dass die Piratenpartei das anders sieht. Denen geht selbst das zu weit.

    Wie ich schon sagte, ich befürworte keine Online-Überwachung, denn wo derartige Infrastrukturen einmal gelegt sind, können sie auch beliebig zu anderen Überwachungszwecken genutzt werden, ohne dass der Bürger etwas davon merken würde.
    Schon deshalb lehne ich solche Maßnahmen ab. Ich befürworte aber das gezielte Außer-Gefecht-Ziehen von Internetkriminalität.

  • Zu Heribert Prantl gibt es schon einen eigenen Wikipedia-Eintrag. Er schreibt in der »Süddeutschen Zeitung«.

  • Jane

    Zumindest, was Prantl über einen “maßlosen Staat” sagt (Zitat), kann ich durchaus unterschreiben.
    Allerdings fällt mir spontan auch niemand ein, der einen solchen “maßlosen Staat” befürworten würde. Nicht einmal eine Frau Wagenknecht will den ;)

    Naja, man müsste erstmal schauen, was Prantl genau unter einem maßlosen Staat begreift, schon da kann auch einiges schiefgehen.

  • Na sowas, unsere Auffassung von Rechtsstaatlichkeit ist ja doch eine ziemlich ähnliche. Deshalb nur noch etwas zu diesem Absatz:

    – “Glaubst du nicht auch, dass es etwas völlig anderes ist, wenn ich in einem Film sehe, wie rumgeballert wird”

    Glauben heisst nicht wissen. Abgesehen davon: Nein, nicht wirklich. Spiele mit brutalen Spielelementen sind nur die aktuelle Generation gewaltbetonter Realitätsfluchtmöglichkeiten. Vorher kamen Buchdruck, Theater, Kintopp, Comics, Rockmusik und video nasties. Auch Computerspiele werden langsam aber sicher in den Adelsstand erhoben, während nun dem Internet die Rolle des Ultimativen Bösen aufgedrückt wird.

    – “(Fernsehberichte in den Nachrichten zeigen ja so gut wie nie Bilder von Getöteten und schon gar nicht solche vom Akt der Tötung)”

    Aber zur Genüge Peanut-Banker, halbseidene Geiselbefreiungsaktionen und diverse andere Grenzwertigkeiten. Gewalt beginnt nicht erst bei Fleischwunden in Großaufnahme.

    – “wenn ich stundenlang vor einem Killergame sitze, in dem ICH derjenige bin, der ballert, ICH derjenige bin, der mit wachsendem Feuereifer Kreaturen ihr Lebenslichtlein ausbläst?”

    Mit Waffengewalt Geiseln zu befreien geht also nur klar, wenn Geiseln und tote Entführer echt sind statt Pixelmännchen? Kriegseinsätze ähm Friedensmissionen gehen klar, aber kein “Medal of Honor” oder “Battlefield 1942″?

    “Wissenschaftler quer durch alle theoretischen Ansätze glauben das.”

    Wissenschaftler, die (vermeintliche) Zusammenhänge untersuchen und statistisch aufbereiten, haben nichts zu glauben. Die sollten Zahlen sprechen lassen. Dumm nur, dass es für jede Auffassung die passende Studie gibt. Dümmer noch, wenn Institute gegen “Killerspiele” und das böse Internet wettern, welche außerdem noch Filtersoftware verkaufen wollen.

  • Jane

    henteaser:

    ——————————————————
    – “wenn ich stundenlang vor einem Killergame sitze, in dem ICH derjenige bin, der ballert, ICH derjenige bin, der mit wachsendem Feuereifer Kreaturen ihr Lebenslichtlein ausbläst?”

    Mit Waffengewalt Geiseln zu befreien geht also nur klar, wenn Geiseln und tote Entführer echt sind statt Pixelmännchen? Kriegseinsätze ähm Friedensmissionen gehen klar, aber kein “Medal of Honor” oder “Battlefield 1942″?
    ——————————————————
    Du neigst mir ein wenig zur Schwarz-Weiß-Malerei, was die Killerspiel-Problematik angeht.
    Nochmal: Es ist ein Unterschied, ob ich von Grausamkeiten höre, sie aus der Distanz sehe oder ob ich sie (und sei es nur virtuell) persönlich begehe.

    Warum sind bei Jugendlichen Gewalttätern in so vielen Fällen nachweislich entweder Killerspiele oder aber Mitgliedschaften in Schützenvereinen (wo ja auch der furchtlose Umgang mit Waffen erlernt wird) im Spiel?
    Studien belegen, dass Killerspiele und Umgang mit Waffen gerade instabilen und unsicheren Jugendlichen ein Gefühl der Macht, der Befriedigung und des “Jemand-Seins” verleiht – also wieder nur Ersatz für den Mangel an sozialen Beziehungen und entsprechendem Feedback von anderen in Form von Respekt und Anerkennung.

    Und natürlich ist Gewalt in Form von Kriegseinsätzen für mich als Pazifistin einfach nur zu verurteilen. Du wirst aber zugestehen müssen, dass kein Kind und kein Jugendlicher hierzulande derartige Gewalt am eigenen Leibe erfährt bzw. aktiv als Kämpfer involviert ist. Virtuell hingegen spielen sogar schon Achtjährige Krieg.
    Wenn du wirkliche Kriegshandlungen verurteilst, wie kannst du dann virtuelle Nachahmungen solcher Aktionen herunterspielen?

    ————————————————————–
    “Wissenschaftler, die (vermeintliche) Zusammenhänge untersuchen und statistisch aufbereiten, haben nichts zu glauben. Die sollten Zahlen sprechen lassen. Dumm nur, dass es für jede Auffassung die passende Studie gibt. Dümmer noch, wenn Institute gegen “Killerspiele” und das böse Internet wettern, welche außerdem noch Filtersoftware verkaufen wollen.”
    —————————————————————

    Lieber henteaser, ich selbst studiere in einem geisteswissenschaftlichen Fach, und ich halte es für vermessen, über irgendeinen Sachverhalt die absolute Wahrheit kennen zu wollen. Das lernt man bereits im 1. Semester, dass man sich dieser lediglich annähern kann. Vieles, über was durch jahrelange Forschungen und Theorieansätze halbwegs Konsens erlangt wird, ist nur so lange “Tatsachenwissen”, bis eine neue Theorie dieses “Wissen” wieder in Zweifel zieht.
    Der Ausdruck “glauben” kommt also den realen Zuständen in der Wissenschaft sehr nahe.

    Es ist übrigens nicht so, dass es für jede Auffassung die “richtige Studie” gibt. Ich würde dir empfehlen, die bekannten Studien insgesamt mal genau zu vergleichen. Du wirst herausfinden, dass sie lediglich hinsichtlich des Grades der Auswirkungen voneinander abweichen, nicht aber hinsichtlich der Feststellung, dass das Konsumieren von Killerspielen die Gewaltbereitschaft erhöht, und das proportional steigend, je jünger ein Spieler ist und je länger er diese Spiele konsumiert.

    Überhaupt nicht geeignet, um die Frage zu klären, inwiefern sich intensiver Konsum von Killerspielen auf die Gewaltbereitschaft von jungen Menschen auswirkt, sind z.B. Studien nach diesem Muster.
    Hier wird lediglich überprüft, inwiefern bereits auffällige Kinder zu Killerspielen tendieren, nicht aber, wie sich der Konsum langfristig auf die Psyche auswirkt, denn dazu hätte die Studie ja auch langfristig angelegt sein müssen und dem Zusammenhang zwischen langfristigem Konsum und der Gewaltbereitschaft auf den Grund gehen müssen.

    Unsere Frage kann nur mittels einer Langzeitstudie sinnvoll beantwortet werden, die Dauer und Intensität des Konsums von gewalttätigen PC-Spielen mit dem Grad der Gewaltbereitschaft der Spieler in bestimmten Konfliktsituationen in Zusammenhang bringt und dann einen Zusammenhang entweder bestätigt oder verneint.

    Ich möchte diese Diskussion hier jetzt auch nicht zu einer Debatte über Für und Wider von Killerspielen degenerieren lassen. Eine Diskussion wird hier nämlich ewig dauern, so sie zwischen einem überzeugten Fan und einem überzeugten Gegner dieser Spiele geführt wird. Das sind meine Erfahrungswerte.

  • – “Nochmal: Es ist ein Unterschied, ob ich von Grausamkeiten höre, sie aus der Distanz sehe oder ob ich sie (und sei es nur virtuell) persönlich begehe.”

    Vom Grad der Schwere her schon. Das Hören hingegen macht mir bereits klar, dass sich Gewalt auszahlt, wenn man nur auf der richtigen Seite steht. (Zum Beispiel als amerikanischer Soldat.) Lektion gelernt: Might makes right.

    – “Warum sind bei Jugendlichen Gewalttätern in so vielen Fällen nachweislich entweder Killerspiele oder aber Mitgliedschaften in Schützenvereinen (wo ja auch der furchtlose Umgang mit Waffen erlernt wird) im Spiel?”

    Weil Symptome und Krankheit verdreht werden bzw. Ursache und Wirkung.

    Warum die Killerspiele? Ich schätze, das liegt einzig daran, dass es männliche Jugendliche sind/waren und Videospiele ein Teil unserer Jugendkultur sind. Daher regen sich friedliche Killerspieler ja über den Begriff Killerspiel auf und argumentieren mit “Ich bringe niemanden um, obwohl ich auf Pixel schieße.”

    Wieso unterscheidest du gelesene von realer Gewalt, aber nicht gespielte/simulierte Gewalt von realer?

    – “Mitgliedschaften in Schützenvereinen”

    Hier wird’s schon interessanter. Und auch die Schützenvereinsler sind nicht erfreut darüber, nun als Sündenböcke dazustehen, weil eine Handvoll Psychopathen ihren traditionsreichen Sport(?) in Verruf bringen.

    Nur: Die schusswaffenstarrenden Massenmörder waren diejenigen, welche jahrelang verkloppt und gemobbt wurden, während der Großteil jugendlicher Straftäter (ob auf Alk oder nicht) nicht nur einmal im Leben die Fäuste sprechen lässt.

    Das sind zwei völlig verschiedene Tatmotive. Die einen hassen alles und wollen ein Leben in Unwürde einem großen Knall gehen. Die anderen fühlen sich toll und stark, weil sie schwächere Menschen durch die bloße Anwesenheit (also auch ohne Schusswaffengewalt) einschüchtern können.

    Also: Nicht das Killerspiel macht aus normalen Jugendlichen die falsch benannten Amokschützen. Nein, es sind die Unangepassten, welche sich Medien mit krasser Thematik zuwenden. Deshalb bringen Medienverbote genau garnichts; wenn die Psyche ‘schwacher’ Jugendlicher genügend Belastungsrisse bekommen hat, bringt er sich um.

    Der Zugang zu Schusswaffen hingegen eröffnet die Option zur finalen Massenrache; einer besonderen Form des Selbstmordes. Statt vor den Zug zu springen lässt ‘man’ sich von Polizeibeamten erschießen.

  • Korrektur: “Die einen hassen alles und wollen ein Leben in Unwürde mit einem großen Knall beenden.”

    – “Du neigst mir ein wenig zur Schwarz-Weiß-Malerei, was die Killerspiel-Problematik angeht.”

    Als ob’s mir nicht bewusst wäre, wenn ich auf meinem Computer unmoralische Rollen spiele und Entscheidungen treffe. Als ob ich nicht wüsste, dass es auch da noch verschiedene Abstraktionsebenen gibt, also dass z.B. explodierende Planeten oder Raumschiffe wesentlich ‘unbrutaler’ wirken als BOOM HEADSHOT!!

    – “Ich würde dir empfehlen, die bekannten Studien insgesamt mal genau zu vergleichen.”

    Gibt es darüber bereits empfehlenswerte Metastudien?

    – “Der Ausdruck “glauben” kommt also den realen Zuständen in der Wissenschaft sehr nahe.”

    Verflucht, jetzt bin ich auf den eigenen Korinthen ausgerutscht. Aua, mein Rücken.

    – (Aus dem Artikel zur Studie:) “Nicht berücksichtigt wurde das soziale Umfeld der Kinder. “Uns war es verboten, die Kinder nach ihrem familiären und sozialen Umfeld zu befragen”, führte Oppl aus.”

    So geht das natürlich nicht, zugegeben.

    Das andere Extrem ist nun aber, dass inzwischen nach jedem Amoklauf erstmal geguckt wird, ob der Täter gewalthaltige Spiele installiert hatte, und sobald sich das bestätigt, sind weitere Nachforschungen (für den Mainstream) erledigt. Wozu auch soziale Misstände beseitigen, wenn man vom Sündenbock grässliche Screenshots präsentieren kann.

    – “Unsere Frage kann nur mittels einer Langzeitstudie sinnvoll beantwortet werden, die Dauer und Intensität des Konsums von gewalttätigen PC-Spielen mit dem Grad der Gewaltbereitschaft der Spieler in bestimmten Konfliktsituationen in Zusammenhang bringt und dann einen Zusammenhang entweder bestätigt oder verneint.”

    Diese Idee scheitert jedoch daran, dass (1.) Menschen soziale Wesen sind, die täglich Konflikte bewältigen müssen und dass (2.) jedes Jahr neue Trendspiele erscheinen. Was wir brauchen ist ein Kaspar Hauser mit “World of Warcraft”-Account.

  • Hier noch drei ernstzunehmende Artikel, die seltsamerweise auf Humorseiten erschienen:

    5 Reasons You Secretly Want a Zombie Apocalypse

    “No homework, no term papers, no job search, no internship, no cubicle, no bills to pay. There will no longer be mail of any sort; paper or electronic. Identity theft will only happen if you die and come back as a zombie.

    We think of teenagers as living and breathing texts and Facebook and Twitter, but it still buries them under the kind of rapid-fire multitasking humans just aren’t built for. Even building up a bunch of shows you can’t get around to watching on TiVO creates a kind of stress.”

    7 Badass Cartoon Villains Who Lost to Retarded Heroes

    “While boys were taught that evil giant transforming robots could only be defeated with other giant transforming robots, girls were taught that evil could be defeated with the power of rainbows and flamboyant song and dance. Which one better prepared their audience for the real world?”

    Best Years Of Area Man’s Life Apparently Never Going To Happen

    “I guess I always just figured the really good years were right around the corner,” Videk said. “What a pantload. I remember in high school, thinking that as soon as I got a car, the best years were really gonna kick in. I’d be able to go anywhere, get girls, maybe get laid, and people would think I was cool. Then, when I finally got a car, it was such a shitheap, I figured that once I got a better car, then everything would be fine. Well, you know what? I’ve owned 11 cars in my life, and I thought the same exact thing about each one of the fuckers. Not one in the succession of cars I’ve bought since I was 16 has ever done anything for me but drag my sorry ass to and from work every goddamn day of my life. That’s it.”

  • Jane

    henteaser:

    Um es kurz zu halten: Niemand sagt (auch keine Studie), dass Killergames der einzige, ausschlaggebende Faktor sind, dass Jugendliche gewalttätig werden können.
    Seriöse Studien bezeugen aber, dass Killerspiele Gewaltfantasien auslösen können und allgemein die Hemmschwelle senken. Treffen diese Faktoren auf ein problematisches Umfeld, in dem prinzipiell Frustrationspotenzial vorhanden ist, kann das jene fatalen Folgen haben, die wir dann und wann in der Öffentlichkeit erleben.
    Würden Problemkids wie Tim Kretzschmar oder Robert Steinhäuser keine Killergames gespielt haben, wären sie mit großer Wahrscheinlichkeit auch nicht zu Amokläufern geworden, denn in diesen Spielen fanden sie den ultimativen “release” und aus ihnen formte sich langsam das Bild von blutiger Rache im Stile eines ihrer Game-Helden, an jenen, die sie für ihre Feinde hielten – eine Zielgruppe, zu der Stück um Stück mehr Menschen gezählt wurden, bis sie die ganze Welt umfasste.
    Ohne die “Fluchtmöglichkeit” Killergames zum vermeintlichen Frustrationsabbau würden psychisch labile und sozial gehandicapte Kids vermutlich eher die Reißleine ziehen und sich Hilfe suchen müssen.

    Im Falle Tim Kretzschmar hat man z.B. auch erleben können, wie nicht einmal eine psychotherapeutische Behandlung ihn aus seinem Kombat-Wahn herausholen konnte.

    ———————————————–
    “While boys were taught that evil giant transforming robots could only be defeated with other giant transforming robots, girls were taught that evil could be defeated with the power of rainbows and flamboyant song and dance. Which one better prepared their audience for the real world?”
    —————————————————

    zeugt für mich übrigens von einer erschreckenden Gleichgültigkeit gegenüber dem, was heute als “the real world” gesehen und scheinbar kritik- und widerstandslos hingenommen wird.
    Nein, dann lieber Regenbogen und Tanzen, sonst wird sich mit Sicherheit nie etwas ändern am momentanen Wertekanon der “realen Welt”.

  • Dieser hier …

    – “Ohne die “Fluchtmöglichkeit” Killergames zum vermeintlichen Frustrationsabbau würden psychisch labile und sozial gehandicapte Kids vermutlich eher die Reißleine ziehen und sich Hilfe suchen müssen.”

    … ist tatsächlich ein guter Kritikpunkt, an dem man ansetzen sollte. Wobei mir die Ursache/Wirkung noch immer nicht so recht einleuchten will.

    – “in diesen Spielen fanden sie den ultimativen “release” und aus ihnen formte sich langsam das Bild von blutiger Rache im Stile eines ihrer Game-Helden”

    Das klingt mir zu einfach. Letzten Endes waren’s dann doch die Killermedien und nicht etwa das Mobbing und reale (Versagens-)Ängste, die daran schuld sind, dass sie durchknallten. Systembedingte Rachephantasien hatte nämlich sicherlich jeder gefrustete Jugendliche bereits und gewalthaltige Medien haben eine lange Tradition.

    – “Nein, dann lieber Regenbogen und Tanzen, sonst wird sich mit Sicherheit nie etwas ändern am momentanen Wertekanon der “realen Welt”.”

    Dagegen hätte ich nichts einzuwenden, wenn unser ‘System’ (ein blödes Wort, zugegeben) uns das doch nur erlauben würde. So hingegen müssten wir uns in Fröhlichkeits-Ghettos zurückziehen, um nicht an der Härte der echten Welt den zugrunde zu gehen.

  • Mal abgesehen davon ist die Diskussion nun vollends weg von alltäglicher Jugendgewalt und hin zu den üblen Sonderfällen abgedriftet. Und da stimme ich dir im Wesentlichen zu

    – “All diese Beobachtungen legen einen Zusammenhang zwischen Wirtschaftsentwicklung hin zum Marktradikalismus mit all den daraus für die Gesellschaft resultierenden Folgen, Sozialpolitik und dem Zustand der nachwachsenden Generation zumindest nahe. Ein Zustand, bei dem – auch jenseits von Gewaltdelikten – alle Alarmglocken schellen sollten.”

    Jetzt ist die wichtigste Frage, wie man die Patienten kuriert bekommt. Wozu soll denn beispielsweise Psychotherapie gut sein, wenn sie den Kids nur klarmachen soll, dass und wie sie in diesem Wirtschaftssystem zu funktionieren (also mitzuschwimmen) haben.

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