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Backstein-Harmonie hinter Wäldern aus Schilf

Eine Studienfahrt führte mich am gestrigen Samstag nach Leipzig, der Schönen. Seltsamerweise drängte sich mir diese Attributierung auf der Rückfahrt permanent auf, obgleich ich Leipzig eigentlich immer als unaufgeräumte, anstrengende Stadt empfunden hatte.

Den Unterschied machte wohl diesmal, dass ich mich nicht einfach, wie sonst, auf der Durchreise vom Bahnhof durch die Innenstadt zur Uni und wieder zurück befand, sondern mich im Anschluss an mein Uni-Programm kurzerhand in die Straßenbahn setzte und in jene Winkel der Stadt eintauchte, in denen das Leben wirklich pulsiert – und zwar jenseits von Konsumwut und Sight Seeing der Altstadt.
Ohne zu wissen, wo ich landen würde, bestieg ich am Hauptbahnhof die Linie 15 in Richtung Miltitz. Bei schönstem Sonnenwetter ging es aus der aufgemotzten Innenstadt in die vorgelagerten Wohngebiete.

Die Bahn windet sich hier wie ein Lindwurm durch enge, kurvenreiche Sträßchen, zu deren Seiten sich links und rechts in erdrückender Reihenbauweise hohe Altbauten türmen – erstaunlich häufig noch im modrigen Gewand der Vorwendezeit. Aber irgendwie machte mir das die Stadt sympatischer.
Hier wurde gelebt, und der etwas gammelige Vorstadtcharme erinnerte mich doch recht stark an alte Neustadt-Zeiten oder etwa eine Atmosphäre, wie man sie heute in Dresden nur noch in Teilen von Pieschen oder Cotta/Friedrichstadt vorfindet.
Irgendwann nach ca. 20 Minuten Bahnfahrt weicht die muffige Vorstadt Neubauten, Autohäusern und dem Grün einer Flussaue, die das Erreichen das Stadtrandes ankündigen.

Weil an der Haltestelle Saarländer Straße ein McDonalds-Schnellrestaurant am Straßenrand auftauchte, stieg ich aus, um das Mahl der Armen und Reisenden zu mir zu nehmen. Und wie ich so bei Hamburger Royal TS und Gartensalat saß und aus dem Fenster schaute, fiel mein Blick in der Ferne auf eine alte, monströse Backstein-Esse, eine, wie es sie seinerzeit etwa im Hof des Nordbades auf der Louisenstraße noch gab, bevor sie in den 80ern abgetragen worden war.

Ich schnappte mir meinen Stadtplan und schaute nach, wo ich eigentlich gelandet war: “Lindenau/Plagwitz” stand da, und als ich weiterschaute, entdeckte ich eine große graue Fläche, und es traf mich fast der Schlag, als ich da las: “Alte Baumwollspinnerei”.
Ohne es beabsichtigt zu haben, war ich in die unmittelbare Nähe von Leipzigs künstlerischer Pulsader geraten, wohl einer der größten Kreativschmieden des Landes – die Alte Baumwollspinnerei an der Spinnereistraße zu Plagwitz.

Einer der größten Künstler unserer Zeit und zudem einer meiner Lieblingsmaler hat hier (s)ein Atelier: Neo Rauch!
Sofort brach ich auf. Ich musste dorthin und mir den Flecken Erde anschauen, an dem so große Kunst entstand, zumal nicht nur Maestro Rauch hier schafft und ausstellt, sondern auch zahlreiche andere aufstrebende Künstler in über 100 Ateliers und Schmieden.
Nach etwa 10 Minuten Fußmarsch tauchten die ersten Backsteingebäude vor mir auf. An mir vorbei radelte ein Mann um die 50 im schwarzen Wollmantel, mit hagerem Gesicht und kurzem grauem Haar – und ohne dass ich es wollte, stellte sich bei mir eine Art Wallfahrts-Feeling ein. Ich musste über mich selbst lachen.

(Das obige Foto von Wolfgang Stahr aus dem Jahr 2006 zeigt Neo Rauch vor seinem Atelier in der Baumwollspinnerei.)

Die Alte Spinnerei liegt gut versteckt in einer Art abgelegenem Industriegelände zwischen Lindenau und Plagwitz und ist doch eine festungsartige Anlage für sich. Auf 10 Hektar Fläche wurde im Jahr 1884 eine Baumwollfabrik errichtet; bis 1989 arbeiteten hier bis zu 4000 Menschen im baumwollverarbeitenden Gewerbe, bis die Fabrik schließlich ein Opfer der Wende wurde. In diesem Jahr feierte sie 125. Geburtstag.

Auf dem Gelände selbst war es mir oft, als wäre hier die Zeit irgendwann vor 100 Jahren stehen geblieben. Alte, rostige Schienenstränge ziehen sich durch die Hauptfahrstraße, zur Rechten und Linken Gebäude aus rohem, in der tief stehenden Herbstsonne feurig-rot leuchtendem Backstein, mal turmhoch und erdrückend, mal gebrechlich-klein und geduckt, mit halbblinden Fenstern und klapprigen Regenrinnen, an denen das Moos wuchert. Durch zerbrochene Glasscheiben fällt der Blick in dämmrig-dunkle Kellergewölbe, schmutzig und mit allerlei Gerümpel und altem Inventar voll gestellt.

Doch es ist gerade der Blick in diese alten, verliesartigen Gemäuer, der jene alte kribbelnde Abenteuerlust aus Kindertagen in mir aufsteigen lässt, die ich empfand, wenn wir die Neustädter Ruinen der Vorwendezeit in Abenteuerspielplätze verwandelten und mit allerlei “Schätzen” und Fundstücken nach Hause gingen.

Die Fabrikhallen sind in unterschiedlichem Erhaltungszustand, der Zahn der Zeit nagt sichtlich an der Bausubstanz, und doch herrscht Leben hinter verwitterten Fensterrahmen und verrosteten Türangeln. Unzählige Künstler, Gastronomen und Alternative haben sich hier eingerichtet; die große Tafel auf dem Platz hinter dem Haupteingang zählt sie alle auf: Keramikstudios, Lithografie-Werkstätten, Fotostudios, Maler- und Bildhauerateliers, ein Großhandel für Künstlerbedarf, Weinlokale – und Neo Rauchs Hausgalerie “Eigen+Art”, die sich in Halle 5 befindet.
Türen stehen offen und laden zum Besuch von Töpferschmieden, Galerien und Lokalen ein, bei Eigen+Art blättere ich in einem Neo-Rauch-Katalog und nehme mir fest vor, dessen derzeit in Berlin laufende Ausstellung “Schilfland” zu besuchen, die nächste Woche zu Ende geht.


Neo Rauch – “Schilfland” – 2009 (Quelle: Galerie Eigen+Art Leizig/Berlin)

Zwischen den einzelnen Hallenblöcken immer wieder Grün: Bäume, Wiese, Blumenkästen, die von stilsicheren Hallen-Bewohnern an rostigen Geländern und Lüftungsgittern befestigt wurden.
An Backsteinwänden rankt rot-gelb-grün der Wein.

Mensch und Natur haben sich Seite an Seite ein Relikt aus vergangener Zeit zurückerobert und achten einander. Das war eines der Gefühle, die mich beim ausgedehnten Rundgang über das Gelände bisweilen völlig überwältigten, neben den Erinnerungen an ein kleines Mädchen, dessen bevorzugter Zeitvertreib es war, durch die Häuserruinen und Schuppen seines im Sterben begriffenen Stadtteils zu streifen.

Als ich mich zum Gehen wandte, war der Umstand, dass mein Lieblingsmaler hier sein Atelier hat, zur Nebensache geworden. Stattdessen ging ich mit dem Gefühl, ein Kleinod des Friedens, der Harmonie und des kreativen Schaffens im Einklang mit Mensch und Natur gefunden zu haben, zu dem ich gern zurückkehren werde.

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