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Die Nachricht schlug ja wie ein Blitz aus dem heiteren Altweibersommerhimmel ein, als Starregisseur Roman Polanski (“Rosemary’s Baby”, “Der Pianist”) am vergangenen Samstag am Züricher Flughafen verhaftet wurde.
Der Umstand, dass sich Polanski auf dem Weg zum Zürich Film Festival befand, wo ihm ein Ehrenpreis für sein Lebenswerk verliehen werden sollte, wozu es aufgrund seiner Verhaftung dann aber nicht mehr kam, war der eigentliche Gestaltungsrahmen für einen förmlichen Aufschrei der Empörung, der scharfe Kritik an der Festnahme Polanskis formulierte, und bisweilen sogar in Rufe nach seiner Freilassung ausartete.
Dazu muss erwähnt werden, warum Polanski dieses Schicksal im Alter von 76 Jahren ereilte. Keine Verschwörung, keine falschen Verdächtigungen irrer Fans oder gescheiterter Konkurrenten brachten ihn ins Gefängnis, nein.
Polanski hatte 32 Jahre zuvor, immerhin im – so möchte man doch meinen – reifen und geläuterten Alter von 44 Jahren, ein Verbrechen begangen. Er hatte ein 13-jähriges Mädchen, ein Kind also, zunächst mit Alkohol, dann mit Drogen gefügig gemacht, es in schlüpfriger Pose fotografiert (oben ohne) und es anschließend vergewaltigt. Dieser Tatbestand ist eine Tatsache, darüber bestanden nie Zweifel und sie bestehen auch nach wie vor nicht.
Polanski baute damals zunächst auf einen “Deal”, der ihm ein halbwegs glimpfliches Davonkommen bescheren sollte, indem er sich zwar schuldig bekennen, aber für psychisch angeschlagen erklärt werden sollte.
Dieser Deal platzte jedoch, und statt sich seiner Verantwortung zu stellen und seine gerechte Strafe anzunehmen, floh Polanski nach Frankreich. Ein Verbrecher, ein Kinderschänder auf der Flucht. 32 Jahre lang, in denen ihm ein weitgehend von gezielter Strafverfolgung unbehelligtes Leben in Glanz und Gloria beschieden war, in denen er ungestört Filme drehen und dafür die Meriten einstreichen konnte, während sein damaliges Opfer die Folgen dieser Tat zu bewältigen hatte.
Schon allein diese Tatsache, dass ein allen als Vergewaltiger bekannter Regisseur 30 Jahre lang ungestraft ein Leben in aller Öffentlichkeit führen kann, ist meiner Ansicht nach ein Skandal. Und vor diesem Hintergrund erscheinen mir die Rufe nach seiner Freilassung und das damit einhergehende Herunterspielen der Tat in Form von Verweisen darauf, wie lange das alles schon her sei, und dass sein damaliges Opfer ihm doch “längst verziehen” hätte, wie ein Schlag ins Gesicht all jener Vergewaltigungsopfer, die auch 30 Jahre nach der Tat noch kein normales Leben führen können. Und wie genau das Leben von Samantha Gailey (Polanskis Opfer) bis heute verlaufen ist, weiß kaum einer von denen, die nach Straffreihei für ihren Peiniger rufen, und es scheint diese Leute auch nicht wirklich zu interessieren.
Des Weiteren ringt mir schon der Umgang Polanskis höchst selbst mit der Tat nicht den Hauch von Mitgefühl mit dem Täter ab. Völlig uneinsichtig und scheinbar absolut nicht die Tragweite seiner Taten erfassend, stellte er sich als Opfer einer Kampagne der “stockpuritanischen amerikanischen Öffentlichkeit” dar und forderte öffentlich “Vergebung” von Opfer, Justiz und Menschheit. Da möchte man sich fragen, ob der Mann überhaupt begriffen hat, dass nicht er, sondern ein Kind Opfer eines Verbrechens wurde, begangen von ihm und niemand anderem. Auf Vergebung kann ein Mensch in seiner Situation allenfalls *hoffen*, nicht aber sie einfordern. Und Vergebung für eine Tat erfahren, die man ehrlich bereut und für die man auch bereit ist, Verantwortung zu übernehmen, ist eine völlig andere Sache, als sich mit Verweis auf sein leidensreiches Leben als Opfer zu präsentieren und Vergebung mit Straffreiheit gleichzusetzen.
Auch eine schreckliche Kindheit und ein Leben voller Tragödien, die im Fall Polanski zweifellos unbestritten sind, rechtfertigen keine solche Tat und schon gar nicht rechtfertigen sie den Ruf nach Straffreiheit für einen Kinderschänder.
Der eigentliche Skandal ist, dass Polanski erst heute, mit Mitte 70, seiner gerechten Strafe zugeführt wird. Das ändert jedoch nichts daran, dass seine Verhaftung, auch wenn sie spät kam, selbstverständlich gerecht und richtig ist. Niemand, auch kein Starregisseur, sollte ungestraft mit so einem schändlichen Verbrechen davonkommen können, auch dann nicht, wenn sein Opfer 30 Jahre danach mit dem Verbrechen abgeschlossen hat und sich aus mir persönlich schleierhaften Gründen sogar für ihn einsetzt.
Nicht jedes Vergewaltigungsopfer kommt mit einer solchen Tat so gut klar, dass es seinem Peiniger irgendwann verzeihen kann. Eine Strafverschonung Polanskis wäre also ein völlig falsches Zeichen und liefe zudem sämtlichen gängigen Rechtsauffassungen eines modernen Rechtsstaates zuwider.
Und ich bin mir überdies ziemlich sicher, dass es keine solche Kampagne des Mitgefühls und der emotionalen Appelle gegeben hätte, hätte der Täter nicht Roman Polanski, sondern Thomas Meier geheißen und wäre kein weltberühmter Künstler, sondern Gas-Wasser-Installateur aus Wanne-Eickel gewesen.
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Quelle Grafik: Lpb Baden-Württemberg.
Gewinner und Verlierer
Die Bundestagswahl 2009 ist Geschichte, das 2. Superwahljahr in der gesamtbundesdeutschen Ära ebenso. Und das einzige, was nach dieser Wahl klar ist und auch vorher schon war, ist, dass es Sieger und Verlierer gibt.
Die ganz große, historische Niederlage hagelte es, wie zu erwarten war, für die SPD. Allein, in der Härte ihres Ausmaßes überraschte sie dann doch einigermaßen.
Die großen Gewinner dieser Wahl waren hingegen die FDP und die Linke, die jeweils 4,7 bzw. 3,2 Prozentpunkte hinzugewinnen konnten. Erstere mutierte hierdurch zum berühmten Zünglein an der Waage, das die neue schwarz-gelbe Regierungskoalition erst möglich macht.
Zerbrechliche Mehrheiten
Denn insgesamt ist das Ergebnis keinesfalls so deutlich, die Mehrheit für Schwarz-Gelb keinesfalls so “klar” und “satt”, wie diverse Medien bereits gestern gegen 19:00 Uhr zu verkünden wussten.
Längst sind die Zeiten vorbei, in denen es eine Regierungskoalition jenseits der Großen mit absoluter Mehrheit im Volk gab. Und so erreichen CDU und FDP auch dieses Mal gemeinsam lediglich 48,4% der Stimmen. Regieren können sie dennoch gemeinsam, da Grüne, Linke und SPD zusammen nur 45,6% aufbringen.
Dennoch: Bei einer gemessenen Stimmendifferenz von lediglich 2,8% zwischen bürgerlich-konservativem und linkem Lager von einer “satten Mehrheit” zu sprechen, wie etwa die Welt dies tat, erfordert schon jede Menge Bereitschaft zur Schönfärberei.
Denn die absolute Mehrheit, die Union und FDP im Bundestag erreicht haben, ist in überwältigendem Maße den Überhangmandaten der Union geschuldet, also einer Institution, die vor jeder Bundestagswahl aufs Neue heftig umstritten ist. Zöge man die 24 Überhangmandate für die Union ab, bliebe lediglich noch ein knapper Vorsprung von 18 Sitzen für Schwarz-Gelb im Bundestag.
Satte Mehrheiten gab es etwa noch 1990, als die CDU noch allein fast (319) jene 332 Sitze im Bundestag erwirtschaftete, die sie heute mit der FDP zusammen stellt, und mit der FDP zusammen auf sage und schreibe 398 Sitze kam, dem gegenüber 254 Sitze für den Rest standen.
Identitätsprobleme einer Volkspartei
Letztendlich jedoch hat man sich bereits seelisch und moralisch auf einen Regierungswechsel einstellen können während der letzten Monate. Die parteiinternen Querelen innerhalb der SPD deuteten sich ja bereits seit Längerem an und hatten auch bereits in den letzten Landtagswahlen deutlich Spuren hinterlassen. Meines Erachtens nach ist das interne Ringen um den politischen Kurs zwischen rechtem und linkem Lager die Hauptursache für den Einbruch. Hin und her geht es zwischen jenen, die zunehmend das Unternehmerbürgertum adressieren wollen und jenen, die sich auf die sozialdemokratischen Wurzeln besinnen, und vor allem eine sozialverträgliche Politik der
“kleinen Leute” anstreben.
Unter Gerhard Schröders wirtschaftsliberalem Kurs zunehmend zum Ansprechpartner der Unternehmer und des Mittelstandes geworden, begann der Rückhalt in den traditionellen, zumeist den unteren, Wählerschichten schrittweise zu bröckeln, denn zu deren Lasten ging die neue Politik der Agenda 2010 hauptsächlich.
Wirtschaftsliberale als Sieger der Krise des Wirtschaftsliberalismus
Den Grundstein dafür, dass eine Partei des demokratischen Sozialismus, wie sich die SPD einst selbst definierte, sich derart nach rechts zur bürgerlichen Mitte hinbegeben konnte, wurde jedoch schon weit früher gelegt, nämlich in den 80er- und frühen 90er-Jahren, als die Liberalisierung und Globalisierung der Märkte mit vollem Karacho betrieben wurde – und zwar seitens der schwarz-gelben Regierungskoalition von Helmut Kohl (CDU) und Hans-Dietrich Genscher (FDP).
Als die Wende-Euphorie verflogen war, überließ Schwarz-Gelb der neuen rot-grünen Regierung Schröder eine kränkelnde Wirtschaft, rasant ansteigende, statistisch geschönte Arbeitslosenzahlen und vor allem eines: eine Wirtschafts- und Finanzwelt, die sich an die weitgehende Narrenfreiheit und Autonomie gewöhnt hatte, die ihr jahrelang zugestanden worden war.
Es war klar, dass in einem solchen gewachsenen Klima des Lobbyismus großer Wirtschaftsunternehmen die got-grüne Koalition nicht ohne Weiteres einen brachialen Umschwung würde vollziehen können, ohne große Teile des Wirtschaftsbürgertums gegen sich aufzubringen. Allein, sie ließ zumindest den Ansatz eines allmählichen Kurswechsels vermissen, der klare Regeln und Grenzen zu setzen geeignet gewesen wäre.
Eines dürfte jedoch feststehen: Die Wirtschaftskrise, die wir heute erleben, und die dort, wo sie entstand, nämlich in den Köpfen von Finanzjongleuren, Bankern und Wirtschaftsliberalen, längst wieder alten Denkmustern Platz gemacht hat, gründet in der verfehlten Politik der späten 80er- und 90er-Jahre, die die radikalisierten, globalisierten Märkte geschaffen hat. Und auch die schwarz-gelbe Koalition ließ sich seinerzeit vom Neoliberalismus der Reagans und Thatchers mitreißen.
Umso schwerlicher ist es an sich, zu verstehen, weshalb ausgerechnet jene Parteien, die seinerzeit die Fäden zogen, namentlich Union und FDP, nun abermals triumphieren, wo die ganze Welt die Auswirkungen dieser Politik zu bewältigen hat.
Zu erklären ist dieses Phänomen vor allem mit der wachsenden Unsicherheit der Wähler. Die Große Koalition, die vorrangig gefühlt mit der Krise in Verbindung gebracht wird, hat an Vertrauen verloren, vor allem die SPD, die zudem durch sogenannte “Wortbrüche” hinsichtlich der Mehrwertsteuer sowie ihrer Koalitionsabsichten in Ungnade fiel. Grün ist noch vorbelastet aus der Ära Schröder mit der unseligen Agenda 2010, an die die Erinnerung noch nicht wirklich verblasst ist, und glänzt sonst hauptsächlich durch Profillosigkeit und Abkehr von den eigenen Urprinzipien des Pazifismus und der unbedingten Gegnerschaft zur Kernkraft.
Wer bleibt also noch?
Die Linke hat nicht umsonst gut zulegen können – die enttäuschten Hoffnungen vieler traditioneller SPD-Wähler richten sich zunehmend auf die einzige verbliebene wirkliche linke Kraft. Wie weit es mit der allerdings tatsächlich her ist, wird sich spätestens dann zeigen, wenn die Linke das erste Mal tatsächlich an einer Regierungskoalition im Bund beteiligt sein wird.
Die FDP wiederum saugt all jene von der Politik der Großen Koalition Enttäuschten auf, deren Prioritäten nicht auf einem starken und gerechten Sozialstaat liegen, sondern hauptsächlich auf wirtschaftlichem Handlungsspielraum und geringer Abgabenlast – sowohl privat als auch auf Seiten der Unternehmen, und sei es eben auf Kosten der unteren Einkommensklassen, etwa in Form eines weitgehend privatisierten Gesundheits- und Rentenwesens oder aber des sogenannten “Bürgergeldes”, das im Grunde nichts anderes ist, als eine reale Kürzung der momentanen Hartz-IV-Existenzsicherung.
Realpolitische Tatbestände und Verantwortlichkeiten spielen bei der Wahlentscheidung des Einzelnen vermutlich eher eine geringe Rolle, genauso wie zunehmend auch das Gemeinwohl. Gemeinwesenorientierung ist eine Tugend, die dieser Tage rar geworden ist. Das Ich rückt stattdessen zusehends ins Zentrum des politischen Denkens, völlig unabhängig von der Stufe der Gesellschaft, auf der man steht – gewählt wird, wer gerade in den Medien besonders gefeiert wird, sich am besten verkauft und am ehesten die eigene “Sprache” spricht.
Dass die Piratenpartei etwa besonders bei den Erstwählern (und hier wiederum bei den männlichen) Zustimmung fand (13%), ist vor diesem Hintergrund wenig verwunderlich, wenn man mal einen Blick in die Kinder- und Jugendzimmer wirft. Von politischem Sachverstand oder zumindest einem ansatzweisen Interesse für Zusammenhänge, politische Geschichte und Struktur des politischen Systems kann da nicht wirklich eine Rede sein – leider.
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Der Countdown zur Bundestagswahl läuft – und ogleich man es eigentlich besser, da einfach um die ungefähre Stimmungslage im Lande, weiß, kann man nicht wirklich umhin, sich so ein wenig von der Aufbruchstimmung anstecken zu lassen, die momentan von Seiten unserer Volksvertreter, vor allem aber der Medien, im ganzen Lande mühsam erzeugt wird.
Als traditionelle Linkswählerin weiß ich sehr wohl, dass meine Stimme lediglich die Opposition stärken oder bestenfalls zu einer erneuten Großen Koalition führen kann. Da ich weder eine Große Koalition noch eine Ampel und schon gar nicht Schwarz-Gelb befürworte, bleibt mir eigentlich nicht mehr viel Auswahl, und rein taktisch verbietet sich eigentlich eine Stimme für die SPD, obgleich ich rein programmatisch so manchem, wenn auch bei Weitem nicht allem, zustimmen kann, für das die SPD steht.
Allein: Was nützt das beste Programm, wenn die Durchsetzung entweder gar nicht oder nur in Abhängigkeit von einer übermächtigen Union in einer Großen Koalition verwirklicht werden kann? Und nicht zuletzt ist ja der Faktor “zweifelhafte Wahlversprechen” gerade durch die unseligen Mehrwertsteuer-Versprechungen der SPD bei der Wahl 2005 und ihre katastrophale, diametrale Übertragung in die Regierungswirklichkeit der Großen Koalition entscheidend geprägt worden.
Dennoch bin ich heute hochinteressiert in die Stadt gepilgert, um dem Wahlkampf-Schlussspurt der linken Parteien einen Besuch abzustatten.
Auf dem Programm standen zum einen natürlich Frank-Walter Steinmeiers vielumworbenes Wahlkampfspektakulum vor historischer Kulisse auf dem Schloßplatz, zum anderen hatte aber auch die sächsische Linke eine “Dresdner Wahltour” für den heutigen Tag angekündigt.
Es war zunächst einmal festzustellen, dass Wahlkampfveranstaltungen dieses Jahr durchgängig unter dem Segen des Wettergottes standen, denn, wie schon am 27. August, herrschte auch heute grandioses Altweibersommerwetter, mit azurblauem Himmel, stechender Sonne und bis zu 22 Grad.
Ich schwang mich also gutgelaunt auf meinen Drahtesel und erreichte den Schloßplatz gegen 11:45. Frank-Walter Steinmeier war laut Plakaten für “ab 11:30 Uhr” angekündigt. Als ich eintraf, war der Platz schon gut gefüllt, allein, Herr Steinmeier ließ sein Wahlvolk sage und schreibe 11/4 Stunden warten.

Ich war zwischenzeitlich also zurück zum Albertplatz geradelt, wo ja schließlich die “Wahltour” der Linken mit Klaus Sühl für 12 Uhr angekündigt war. Pünktlich um 12:05 Uhr traf ich dort ein – doch weder von Herrn Sühl noch von einem Infostand, geschweige denn einer Wahlveranstaltung war etwas zu sehen. Enttäuschung. Keine Ahnung, ob da später noch irgendetwas durchstartete – mit Pünktlichkeit und Verlässlichkeit haben es die Herren Politiker anscheinend weniger.
Also zurück zum Schloßplatz.
Dort war die Menge zu einer mehrere Hundert zählenden Masse angeschwollen, auf der Bühne fanden sich mittlerweile wenigstens die Dresdner SPD-Bundestagskandidaten ein (also die, für die man mit der Erststimme stimmt).
Gegen 12:45 Uhr schließlich wurde der Tross aus Sicherheitsbeamten, Parteifreunden und Getreuen, der den Kanzlerkandidaten umgab, oben auf der Brühl’schen Terrasse sichtbar und bahnte sich langsam seinen Weg in Richtung Bühne.

Die Rede, die dann folgte, war durchwachsen. Positiv würde ich Steinmeier selbst bewerten wollen. Gut gelaunt, humorvoller, als man es ihm zutrauen würde, und Entschlossenheit versprühend, arbeitete er sich durch das SPD-Wahlkampfprogramm, ohne jedoch den gewissen Schuss Volksnähe vermissen zu lassen. Wenn man weiß, dass ausgerechnet die Person Frank-Walter Steinmeiers es mir momentan gründlich versalzt, der SPD meine Stimme zu geben und Steinmeier selbst damit fürs Kanzleramt zu empfehlen, wird man erkennen, dass mir dieser positive Kommentar zu Steinmeier doch ein ziemliches Maß an sachlicher Distanz abverlangt.

Die Ansprache selbst war dann jedoch wieder getragen vom obligatorischen Dualismus aus Madigmachen des politischen Gegners und Hervorheben der eigenen Leistung. Erhellende Vorstöße in die Tiefen der eigenen Programmpunkte – Fehlanzeige.
Wer bis heute noch nicht sicher war, wie er das politische Programm der SPD nun eigentlich begreifen und bewerten soll, der wird es auch nach dieser Veranstaltung nicht sein.

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Wie bereits in vorangehenden Einträgen erwähnt, habe ich vom 28.07.-21.08.2009 meine Semesterarbeit im Fachbereich “Demokratie und Regieren im Vergleich” geschrieben.
Nun ist das Ergebnis eingetrudelt, und da im Vorfeld bereits Interesse bestand, Einblick in die Arbeit zu erhalten, habe ich mich entschlossen, sie hier zu veröffentlichen.
Das Leitthema der Arbeit lautete: “Systemtransformation”,
das selbst gestellte, dem Leitthema untergeordnete Forschungsthema:
“Über die Bedeutung von Säkularisierungsprozessen in Politik und Gesellschaft für die Etablierung und Konsolidierung von Demokratie am Beispiel einer vergleichenden Analyse Israels und des Libanon”
Die Arbeit wurde mit der ECTS-Note “very good” benotet (ECTS-Notensystem: “excellent”, “very good”, “good”, “satisfactory”, “sufficient”, “fail”).
Die Stärken lagen laut Kommentar in der Begründung von Forschungsfrage und -design, der Recherche sowie der Ländervorstellung, die Schwächen lagen wie erwartet in der mangelnden Klarheit der methodischen Linie sowie der nicht ausreichend erfolgten Abgrenzung der angenommenen Ursache “mangelhafte Säkularisierung” von möglichen anderen Ursachen für die Instabilität der Systeme.
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Das Erkenntnisinteresse dieser Arbeit wird in der Frage nach der Bedeutsamkeit von Säkularisierungsprozessen innerhalb von Staat und Gesellschaft für die erfolgreiche Konsolidierung demokratischer Regime begründet liegen. Zur zielgerichteten Erforschung des Sachverhaltes soll hier als Hypothese die Ausgangsvermutung geäußert werden, dass die Chancen eines Systems, erfolgreich eine gesunde Demokratie auszubilden sowie diese zu konsolidieren im selben Maße gering sind, wie es nicht gelingt, System und Gesellschaft umfassend zu säkularisieren. Der soeben formulierten Frage soll im Folgenden anhand eines Vergleichs der politischen und gesellschaftlichen Systeme Israels und des Libanon nachgegangen werden, was methodisch auf der Basis eines most-different-cases-design erfolgen wird. Die Wahl des Forschungsdesigns fußt auf der Annahme, dass es sich bei den benannten Staaten um kulturell, politisch und wirtschaftlich sehr unterschiedliche Einheiten handelt. Es wird des Weiteren angenomen, dass in beiden Ländern demokratische Systeme Bestand haben, die jedoch weder defektfrei noch stabil sind, was durch einen Mangel an systeminterner und gesellschaftlicher Säkularisierung maßgeblich mitverursacht wird. Um die Frage nach dem Zusammenhang von Säkularisierung und Demokratisierung bzw. Konsolidierung beantworten zu können, wird es zunächst erforderlich sein, die beiden „Probanden“ auf den tatsächlichen Zustand ihres jeweiligen demokratischen Systems sowie den Grad der religiösen Durchdringung von Gesellschaft und Staat hin zu untersuchen. Außerdem soll Einblick in die durch religiöse (konfessionelle) Aspekte ausgelösten bzw. begünstigten innergesellschaftlichen Konfliktlagen beider Länder gewährt werden, um so Aufschluss über deren destabilisierende bzw. eine erfolgreiche Konsolidierung des demokratischen Systems verhindernde Wirkung zu erlangen.
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1.1 Demokratie
Nach der Typologie politischer Systeme von Wolfgang Merkel zeichnen sich Demokratien durch die Offenheit des Herrschaftszuganges, eine pluralistische Herrschaftsstruktur, begrenzten Herrschaftsanspruch, eine an rechtsstaatlichen Grundsätzen orientierte Herrschaftsausübung sowie Herrschaftslegitimation auf Basis der Volkssouveränität aus.1 Sein Theoriemodell der „embedded democracy“ begreift Demokratie als System wechselseitig abhängiger Teilregime (interne Einbettung von Wahlregime, politischen Partizipationsrechten, Freiheits- und Bürgerrechten, Gewaltenkontrolle und Effektiver Regierungsgewalt), das des Weiteren eine Umwelt aus ermöglichenden Bedingungen benötigt (externe Einbettung in den sozioökonomischen Kontext, die Zivilgesellschaft sowie internationale und regionale Integration).2
1.2 Defekte Demokratie
In Abgrenzung zur „gesunden“ bzw. stabilen Demokratie sind bei defekten Demokratien nach Merkel/Puhle Teilregime der embedded democracy so beschädigt oder eingeschränkt, dass der rechtsstaatliche Charakter teilweise verloren geht. So sind beispielsweise bei exklusiven Demokratien Teile der Bürgerschaft in ihren Freiheits- oder Partizipationsrechten beschränkt. In illiberalen Demokratien werden wiederum die garantierten Freiheits- und Bürgerrechte durch die Regierenden verletzt, sodass die rechtsstaatliche Dimension nicht mehr gegeben ist.
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Ob sich eine Demokratie auf Dauer erfolgreich etablieren kann, hängt von einer Reihe von stabilisierenden oder aber destabilisierenden Faktoren im politischen wie auch im Gesellschaftssystem ab. So wirken politische Krisensituationen, ethnisch oder religiös fragmentierte, von gegenseitigem Misstrauen geprägte Gesellschaften, das Vorhandensein von Klientelismus sowie Identitäts- und Staatlichkeitskrisen zumeist destabilisierend und leisten dem Einnisten von Demokratiedefekten Vorschub.3
Eine Kultur des innergesellschaftlichen Misstrauens verhindert den für die Konsolidierung eines Systems notwendigen Grad an aktiver und passiver Unterstützung. Ethnische, religiöse und soziale Kluften (Cleavages) erschweren den Prozess der demokratischen Entscheidungsfindung und erhöhen das innergesellschaftliche Konfliktpotenzial. Eine weit reichende Liberalisierung sowie Säkularisierung von Politik und Gesellschaft scheinen daher von essentieller Wichtigkeit für das Herausbilden stabiler Demokratien zu sein, da sie den genannten destabilisierenden Tendenzen entgegenwirken.
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