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Zum Fall Roman Polanski

Die Nachricht schlug ja wie ein Blitz aus dem heiteren Altweibersommerhimmel ein, als Starregisseur Roman Polanski (“Rosemary’s Baby”, “Der Pianist”) am vergangenen Samstag am Züricher Flughafen verhaftet wurde.
Der Umstand, dass sich Polanski auf dem Weg zum Zürich Film Festival befand, wo ihm ein Ehrenpreis für sein Lebenswerk verliehen werden sollte, wozu es aufgrund seiner Verhaftung dann aber nicht mehr kam, war der eigentliche Gestaltungsrahmen für einen förmlichen Aufschrei der Empörung, der scharfe Kritik an der Festnahme Polanskis formulierte, und bisweilen sogar in Rufe nach seiner Freilassung ausartete.

Dazu muss erwähnt werden, warum Polanski dieses Schicksal im Alter von 76 Jahren ereilte. Keine Verschwörung, keine falschen Verdächtigungen irrer Fans oder gescheiterter Konkurrenten brachten ihn ins Gefängnis, nein.
Polanski hatte 32 Jahre zuvor, immerhin im – so möchte man doch meinen – reifen und geläuterten Alter von 44 Jahren, ein Verbrechen begangen. Er hatte ein 13-jähriges Mädchen, ein Kind also, zunächst mit Alkohol, dann mit Drogen gefügig gemacht, es in schlüpfriger Pose fotografiert (oben ohne) und es anschließend vergewaltigt. Dieser Tatbestand ist eine Tatsache, darüber bestanden nie Zweifel und sie bestehen auch nach wie vor nicht.
Polanski baute damals zunächst auf einen “Deal”, der ihm ein halbwegs glimpfliches Davonkommen bescheren sollte, indem er sich zwar schuldig bekennen, aber für psychisch angeschlagen erklärt werden sollte.
Dieser Deal platzte jedoch, und statt sich seiner Verantwortung zu stellen und seine gerechte Strafe anzunehmen, floh Polanski nach Frankreich. Ein Verbrecher, ein Kinderschänder auf der Flucht. 32 Jahre lang, in denen ihm ein weitgehend von gezielter Strafverfolgung unbehelligtes Leben in Glanz und Gloria beschieden war, in denen er ungestört Filme drehen und dafür die Meriten einstreichen konnte, während sein damaliges Opfer die Folgen dieser Tat zu bewältigen hatte.

Schon allein diese Tatsache, dass ein allen als Vergewaltiger bekannter Regisseur 30 Jahre lang ungestraft ein Leben in aller Öffentlichkeit führen kann, ist meiner Ansicht nach ein Skandal. Und vor diesem Hintergrund erscheinen mir die Rufe nach seiner Freilassung und das damit einhergehende Herunterspielen der Tat in Form von Verweisen darauf, wie lange das alles schon her sei, und dass sein damaliges Opfer ihm doch “längst verziehen” hätte, wie ein Schlag ins Gesicht all jener Vergewaltigungsopfer, die auch 30 Jahre nach der Tat noch kein normales Leben führen können. Und wie genau das Leben von Samantha Gailey (Polanskis Opfer) bis heute verlaufen ist, weiß kaum einer von denen, die nach Straffreihei für ihren Peiniger rufen, und es scheint diese Leute auch nicht wirklich zu interessieren.

Des Weiteren ringt mir schon der Umgang Polanskis höchst selbst mit der Tat nicht den Hauch von Mitgefühl mit dem Täter ab. Völlig uneinsichtig und scheinbar absolut nicht die Tragweite seiner Taten erfassend, stellte er sich als Opfer einer Kampagne der “stockpuritanischen amerikanischen Öffentlichkeit” dar und forderte öffentlich “Vergebung” von Opfer, Justiz und Menschheit. Da möchte man sich fragen, ob der Mann überhaupt begriffen hat, dass nicht er, sondern ein Kind Opfer eines Verbrechens wurde, begangen von ihm und niemand anderem. Auf Vergebung kann ein Mensch in seiner Situation allenfalls *hoffen*, nicht aber sie einfordern. Und Vergebung für eine Tat erfahren, die man ehrlich bereut und für die man auch bereit ist, Verantwortung zu übernehmen, ist eine völlig andere Sache, als sich mit Verweis auf sein leidensreiches Leben als Opfer zu präsentieren und Vergebung mit Straffreiheit gleichzusetzen.
Auch eine schreckliche Kindheit und ein Leben voller Tragödien, die im Fall Polanski zweifellos unbestritten sind, rechtfertigen keine solche Tat und schon gar nicht rechtfertigen sie den Ruf nach Straffreiheit für einen Kinderschänder.

Der eigentliche Skandal ist, dass Polanski erst heute, mit Mitte 70, seiner gerechten Strafe zugeführt wird. Das ändert jedoch nichts daran, dass seine Verhaftung, auch wenn sie spät kam, selbstverständlich gerecht und richtig ist. Niemand, auch kein Starregisseur, sollte ungestraft mit so einem schändlichen Verbrechen davonkommen können, auch dann nicht, wenn sein Opfer 30 Jahre danach mit dem Verbrechen abgeschlossen hat und sich aus mir persönlich schleierhaften Gründen sogar für ihn einsetzt.
Nicht jedes Vergewaltigungsopfer kommt mit einer solchen Tat so gut klar, dass es seinem Peiniger irgendwann verzeihen kann. Eine Strafverschonung Polanskis wäre also ein völlig falsches Zeichen und liefe zudem sämtlichen gängigen Rechtsauffassungen eines modernen Rechtsstaates zuwider.
Und ich bin mir überdies ziemlich sicher, dass es keine solche Kampagne des Mitgefühls und der emotionalen Appelle gegeben hätte, hätte der Täter nicht Roman Polanski, sondern Thomas Meier geheißen und wäre kein weltberühmter Künstler, sondern Gas-Wasser-Installateur aus Wanne-Eickel gewesen.

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