In den vergangenen ersten Tagen des neuen Jahres war in den führenden Gazetten des Landes (hier: Süddeutsche Zeitung und Die Welt) ein interessantes, wenngleich thematisch mehr als durchgelegenes, Streitgespräch zweier Männer zu verfolgen, das in der Art, wie es geführt wurde, beträchtliche Niveauunterschiede aufwies. Zurückzuführen ist dies vermutlich auf den Umstand, dass die Protagonisten unterschiedlicher sowohl in der Wahl ihrer Methoden als auch ihres Vokabulars nicht hätten sein können.
Da wäre zunächst Wolfgang Benz, Historiker und Politikwissenschaftler, Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung an der TU Berlin, Autor zahlreicher wissenschaftlicher Publikationen wie etwa den “Dachauer Heften”; bekannt für seine sachliche, wissenschaftlich fundierte Argumentations- und Herangehensweise.
Wolfgang Benz ist u.a. Verfasser politikwissenschaftlicher Lehrschriften und daher, am Rande bemerkt, einer meiner großen Mentoren, auch wenn ich seine Standpunkte nicht immer teile.
Am 4. Januar erschien nun in der Süddeutschen Zeitung ein Essay des Historikers zum Thema “Antisemiten und Islamfeinde – Hetzer mit Parallelen”. Die Sächsische Zeitung druckte diesen Essay übrigens vergangenen Mittwoch in der Rubrik “Perspektiven” ab. Benz stellt in seinem Aufsatz dem im islamischen Kulturkreis verbreiteten “Feindbild Westen” das in westlichen Breiten sich verstärkt formierende “Feindbild Islam” gegenüber. Am Beispiel der Verfestigung des Antisemitismus Ende des 19. JH erläutert er das Entstehen und das Wesen von Feindbildern, deren innerer Mechanismus immer auf Verallgemeinerung und Reduktion auf negative Charakteristika fuße und deren Motor die Hysterie sei (Vergl. auch Le Bon, Psychologie des Foules, 1895).
Benz beklagt die wachsende Feindseligkeit gegenüber dem Islam (nicht etwa gegenüber realen einzelnen Fanatikern) in Deutschland, die seiner Ansicht nach an die gesellschaftliche Stigmatisierung der Juden in Deutschland zu Zeiten Heinrich von Treitschkes erinnert:
Heinrich von Treitschke (1834 – 1896), renommierter deutscher Historiker und populärer Publizist, sah einst in seiner Überfremdungsangst Deutschland von Feinden umringt und durch mangelnde Bereitschaft der jüdischen Minderheit zur Assimilation im Inneren bedroht. [...] ‘Aus der unerschöpflichen polnischen Wiege’, behauptete der Gelehrte, dränge ‘eine Schar strebsamer, Hosen verkaufender Jünglinge herein, deren Kinder und Kindeskinder dereinst Deutschlands Börsen und Zeitungen beherrschen’ würden. [...] Die Parallele ist unübersehbar, wenn als taktische Waffe im geargwöhnten Kampf um die “Islamisierung Europas” heute das Wochenbett der muslimischen Frau beschworen wird. Treitschkes Angriffe gegen das deutsche Judentum markierten die Aufkündigung des mühsam erkämpften liberalen Konsenses über die Integration.
Als Beipiel für die anscheinend gesellschaftsfähig gewordene Islamophobie nennt Wolfgang Benz den Aktionismus einschlägiger Internetseiten sowie deren Frontreiter, die sich durchaus auch in den gängigen Presseorganen zu Wort melden und ohne Scheu in der Bevölkerung die Angst vor dem Islam schüren. Wenn in einschlägigen Publikationen der Islam mit einer Naturkatastrophe gleichgestellt wird, vor der man berechtigterweise Angst haben sollte, dann ist die Grenze zur Satire, zur berechtigten Kritik und selbst zur Polemik bei Weitem überschritten.
Der Autor des genannten Vergleichs ist kein Geringerer als Henryk M. Broder, Publizist, selbsternannter Islamkritiker und Berufspolemiker (womit der Schärfe seiner Zunge noch schmeichelnd Rechnung getragen wäre). Womit wir zum zweiten Protagonisten des neuesten Antisemitismus-Streits kämen, denn Broders Antwort auf Benz’ Essay folgte prompt am 13. Januar in der “Welt” – zu lesen auch in der Sächsischen Zeitung von heute.
In seinem polemischen Kontrapunkt umgeht Broder gekonnt die eigentliche Problematik der verschleierten Überfremdungs-Doktrin, die der Islamophobie zugrunde liegt, in dem er das Wort buchstäblich wörtlich nimmt: Islamophobie meine “Angst vor Islamisten” – und die ist ja, wie Broder immer wieder betont, völlig berechtigt. Benz’ durch und durch logisch aufgebaute Feindbild-These deutet Broder folgendermaßen um:
Praktisch läuft der Vergleich – ausgesprochen oder insinuiert – darauf hinaus, dass die Muslime die Juden von heute sind und die sogenannte Islamophobie “strukturell” dem Antisemitismus verwandt ist. Was auch nicht ganz falsch ist, wenn man bedenkt, dass ein Nilpferd mit einem Menschen einiges gemeinsam hat: Es isst, schläft, verdaut und pflanzt sich heterosexuell fort.
Nichts dergleichen lese ich aus Benz’ Aufsatz heraus. Benz ging es um die Erklärung eines aktuellen Phänomens am Beispiel artverwandter Erscheinungen, was vielleicht auch eine stumme Mahnung in den Raum stellen soll, diesen Kreislauf aus Diskriminierung und pauschaler gesellschaftlicher Stigmatisierung rechtzeitig zu unterbrechen, weil die Geschichte uns einst zeigte, wohin Derartiges schlimmstenfalls führen kann.
Broder, als einer der feurigsten Frontreiter der islamophoben Strömung in diesem Land, kann sich hierdurch freilich nur auf seinen antiislamischen Schlips getreten fühlen, verständlich also sein überschäumender Zorn auf Benz:
Wenn man den Jargon der akademischen Wichtigtuerei auf seinen Kern reduziert, enthält dieser Absatz zwei Aussagen. Erstens: Nicht der real existierende Islam soll kritisch betrachtet werden, sondern das “Feindbild Islam”, offenbar ein Phantomgebilde, das nur in der Fantasie der Islamkritiker existiert. [...] Professor Benz’ besondere Qualifikation, die ihn zu paradigmatischen Übungen befähigt, ist seine Ahnungslosigkeit. Er hat vom Judentum keine Ahnung, er hat vom Antisemitismus keine Ahnung, und vom Islam hat er auch keine Ahnung. Dafür versteht er was von einem Paradigmenwechsel, den er mit seiner Arbeit befördert.
Henryk M. Broder ist bekannt für seine verbalen Ausfälle, die potenziell jeden treffen können, der in irgendeiner Weise durch öffentliche Stellungnahmen zu den erprobten Reizthemen Broders Ärger auf sich zieht. Und er ist bekannt für seine scharfen verbalen Angriffe gegen den Islam (vergl. auch Broders “Hurra, wir kapitulieren, von der Lust am Einknicken”) sowie seine eher fraternisierende Haltung gegenüber der israelischen Palästina-Politik. Das war nicht immer so. Broders schleichende Hinwendung zum Radikalen begann etwa mit dem 11. September 2001, der für ihn seither den Inbegriff des “teuflischen Islam” markiert.
Und genau an diesem Punkte schreit es doch förmlich nach einem von Vernunft und Differenzierung getragenen Einwurf der Marke Wolfgang Benz, der auf die eklatante und schlicht unzulässige Verallgemeinerung von einigen wenigen Urhebern (deren Identität noch nicht einmal vollumfänglich geklärt ist und deren Motive mit Sicherheit anderswo zu suchen wären, als im Koran) auf “den Islam” und damit potenziell alle seine Anhänger hinwies, die einer solchen Denkweise zugrunde liegt.
Es geht nicht darum, dass man den Islam nicht fundierter Kritik unterziehen soll, wie Broder meint, sondern darum, es differenziert und punktuell zu tun, statt diese Religion als “Geißel der Menschheit” darzustellen, der eine grundsätzliche, nicht durch menschliche Einwirkung behebbare Bösartigkeit innewohne und die man daher erbittert bekämpfen müsse.
Reform ist unmittelbar an Aufklärung und Akzeptanz gekoppelt. Welchen Anreiz, seinen Islam-Begriff an moderne Lebens- und Weltbilder anzulehnen, hat ein Moslem hierzulande, der sich von dieser modernen Gesellschaft ausgegrenzt und rundweg abgelehnt fühlt?





Sollte Broder wirklich gesagt haben, dass Islamophobie die Angst vor Islamisten ist?
Die Bedeutung von Islamophobie ist doch m.E. die Angst vor dem Islam bzw vor den Anhängern des Islam. Habe ich das vercheckt?
> Welchen Anreiz, seinen Islam-Begriff an
> moderne Lebens- und Weltbilder anzulehnen,
> hat ein Moslem hierzulande, der sich von
> dieser modernen Gesellschaft ausgegrenzt
> und rundweg abgelehnt fühlt?
Ich kann mir vorstellen, dass sich “die Moslems” unter diesen Umständen eher einem konservativen Begriff von Islam zuwenden. Wahrscheinlich und leider sind Deutschland und Dresden nicht unbedingt DIE Orte um soziale oder religiöse Innovationen oder Vielfalt zu leben und zu entwickeln.
Spannend finde ich solche Gedanken wie zum Open-Ijtihad, die die Offenheit des Ijtihad betonen. Ich glaube nicht, dass ich es akzeptieren kann, "den Islam" als konservative Religion bezeichnen zu lassen, wenn die Anwendung des Begriffes "Hacken" auf den Bereich der Religion ausgerechnet dieser achso-konservativen Religion entspringt.
In seiner Antwort an Benz hat er es gleich eingangs so formuliert (mit kleinem Rechtschreibefehler). Ich hab diesen Artikel oben verlinkt, kannst also auch nachlesen.
Du hast da nichts falsch verstanden, das ist ganz einfach Broders verquere, islamfeindliche Sicht der Dinge. Natürlich möchte er sich als erklärter Vertreter der von Benz kritisierten Spezies ungern mit Extremisten und Rassisten in Verbindung bringen lassen, da wird aus Islamophobie bei ihm eben eine scheinbar legitime Angst vor einer per se extremistischen Religion.
Ich hatte den Broder-Text auch gelesen, zumindest bis mir seine unlogischen Schlüsse zu absurd wurden. Normalerweise ignoriere ich seine Texte mittlerweile komplett. Anfang der 90er fand ich ihn noch recht gut (ich hatte sogar Bücher von ihm). Als er dann aber beim Spiegel den Antisemitismus quasi für sich zu pachten begann und sich die Freiheit nahm, aus dieser unangreifbaren Schutzburg heraus jeden beliebigen Menschen unwidersprochen kritisieren zu dürfen, war er für mich gestorben. Einfach, weil das eine absolut unseriöse Methode ist. Dass er später sogar Juden des Antisemitismus bezichtigte, war nur eine peinliche Steigerung seiner Rundumschüsse.
Es gab bei ARTE einmal eine sehr erhellende Sendung „Durch die Nacht mit Henryk M. Broder und Kai Diekmann“. Darin gab es eine tolle Stelle, in der Diekmann so ganz nebenbei die Rolle Broders auf den Punkt brachte: Man traf in irgendeinem Restaurant neben G. Westerwelle auch einen hochrangigen Mitarbeiter vom „Spiegel“ (wenn es nicht sogar der Chefredakteur war). Und Diekmann sagte nach einigen Sätzen Smalltalk, Broder sei ja beim Spiegel eigentlich das, was Franz Josef Wagner bei BILD sei. Alle lachten.
Aber genauso ist es.
Hallo Frank,
ich kann dir da nur zustimmen. Broder war vor dem 11. Septeber 2001 noch ein halbwegs seriöser Journalist, der sich auf die Präsentation von tatsächlichen Sachverhalten beschränkte.
Was genau nach jenem Datum mit ihm geschehen ist, darüber kann nur gemutmaßt werden. Vielleicht war es aber auch nur der Startschuss, auf den er gewartet hatte, um endlich seiner ganzen Verachtung gegenüber dieser Religion öffentlich Luft machen zu können, ohne dass jeder sofort empört “Volksverhetzung!” geschrien hätte.
Vielleicht war 9/11 und der allgemeine Aufruf zum Kampf gegen den islamistischen Terrorismus sowie die allgemeine Debatte zum Thema Islam, die damit losgetreten wurde, jener ausschlaggebende Punkt, der Broder bis dato noch gefehlt hat, um auf grundlegender Ebene – nämlich ansetzend auf der Basis des islamischen Glaubens – Hass gegen alles Islamische zu schüren und somit auch die israelische Politik als etwas “Notwendiges” erscheinen zu lassen. So lässt sich auch die gleichzeitige Hinwendung zur Geißelung jeglicher Israel-Kritik mit dem Vorwurf des Antisemitismus erklären.
“Geißelung jeglicher Israel-Kritik mit dem Vorwurf des Antisemitismus” – zumal das Eine mit dem Anderen genaugenommen nichts zu tun hat.
Zumindest nicht per se bzw. zwangsläufig. Natürlich kann eine Kritik an Israel zielgerichtet aus antisemitischen Motiven erfolgen, eben nur das Feigenblättchen der Israelkritik verwendend. Allein das kann aber nicht ausreichen, Israelkritik pauschal als antisemitisch motiviert einzustufen, es gibt eben neben dem Antisemitismus noch genügend andere mögliche Motive: humanistische etwa, völkerrechtliche, ethische – und sogar explizit Israel-freundliche solche, die das Wohl und eine möglichst friedliche und dauerhafte Fortexistenz dieses Staates im Auge haben, die ja durch das provokante, teils rassistisch anmutende Gebahren dieses Staats nach innen wie nach außen am ehesten bedroht ist.
“… kann eine Kritik an Israel zielgerichtet aus antisemitischen Motiven erfolgen…” – ja, das ist natürlich klar: Wenn Neonazis angeblich die Politik Israels gegenüber den Palästinensern kritisieren, dürfte das nur der offizielle Aufhänger für den eigentlich dahintersteckenden Judenhass sein. Insofern habe ich das zu sehr verallgemeinert.
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