Junge und gesunde Hartz-IV-Empfänger sollten zu zumutbarer Arbeit verpflichtet werden – etwa zum Schneeschippen. In Berlin liegt beispielsweise seit Wochen Eis und Schnee auf den Bürgersteigen. Da könnte die Stadt doch junge Sozialempfänger zum Räumen der Bürgersteige einsetzen. So praktisch ist das Leben. Wer sich dem verweigert, dem müssen die Mittel gekürzt werden.
Guido Westerwelle heute in der BILDzeitung.





Über 60 Jahre mussten die Herren im Lande nun schon ohne Zwangsarbeit auskommen. Es kann nicht sein dass das so weiter geht!
Guido-Antoinettes Kuchen der Woche: Berliner Sand-Kuchen.
Diese Form der neuen “Zwangsarbeit”, ohne jetzt das in irgendeiner Weise jener Zwangsarbeit zu NS-Zeiten gleichsetzen zu wollen, existiert ja im Prinzip schon eine Weile. Daher auch meine kleine Anspielung in der Überschrift, ob es sich hierbei nicht eben auch nur um billigen Populismus handeln könnte, um Stimmung zu machen.
Das würde ich auf der einen Seite bejahen, würde Herrn Westerwelle (und vielen seiner Kollegen) aber parallel auch attestieren wollen, hier langsam aber sicher eine Grenze überschritten zu haben: die Grenze zur gezielten Spaltung der Gesellschaft, etwa, um auch Linkswähler, die kein Hartz IV empfangen, vor die Frage zu stellen, ob man sich denn tatsächlich noch in Sachen Wahlentscheidung mit den “Hartzis” gemein machen will.
Und in der enthusiastischen Form, wie Westerwelle diese Aufgabe momentan verfolgt, möchte man ihm tatsächlich Handeln aus tiefster Überzeugung unterstellen (Brandstiftertum).
Die Anekdote mit dem Kuchen ist eine Erfindung.
Aufpassen, nicht einmal deine verlinkte Quelle stützt die Behauptung, die Anekdote als solche sei eine Erfindung:
Der springende Punkt ist imo der Zeitfaktor. Im übrigen ist “Brioche” kein Kuchen, sondern eine Art Weißbrot (bzw. war das damals im 18 Jhd. so)
Vielleicht hat aber jemand anderes aus dem Königshause seinerzeit diese Aussage getan, und Rousseau dichtete es dann später Marie-Antoinette an, als diese auf dem Königsthron saß?
Wer immer diesen Spruch getan hat, so es denn so war, es bliebe ein Skandal.
Sicher, der Satz ist (anscheinend) etliche Jahrzehnte zuvor tatsächlich gefallen, von Marie-Thérèse. Aber der Punkt ist eben, dass der Spruch üblicherweise im Kontext mit der französischen Revolution gebraucht wird, insbesondere als Argument für Marie-Antoinettes Verdorbenheit und als dezenter Hinweis aufs “an der Laterne baumeln”, frei nach der Devise “Sowas kommt von sowas”. Und diese Argumentation wird durch den Zeitfaktor schlichtweg zunichte gemacht, wenn man davon ausgeht, dass man die Eine nicht für die Spüche der Anderen verantwortlich machen will.
von dem nach der richtigen Übersetzung von “brioche” wenig übrig bleibt.
Für mich ist das gar nicht so der Punkt, schon gar nicht im aktuellen Zusammenhang. Vielmehr ist jener legendäre Ausspruch, vom wem auch immer getan, zum Sinnbild der Versnobbtheit und der Arroganz der Herrschenden gegenüber dem Elend der einfachen Menschen geworden.
Und so sieht übrigens eine Brioche aus
Nach Brot hungernden Menschen zu empfehlen, doch statt Brot Derartiges zu essen, wäre in jedem Falle ein Skandal.
Ist das ein Originalfoto aus dem 18 Jahrhundert?
Vor Jahrhunderten wurde Tagelöhnern empfohlen, doch Fisch zu essen, wenn sie sich Fleisch nicht leisten konnten. Total zynisch, wenn ich mir die Fischtheke so anschaue. Es sei denn, ich berücksichtige, dass Fisch einst billiger als Fleisch war, eine typische Armenspeisung.
Was spielt das für eine Rolle? Wichtiger wäre, ob es sich um ein Originalrezept handelt. Laut Rezept besteht die abgebildete Brioche aus Hefe, Milch, Mehl, 3 Eiern, 10 Teelöffeln ungesalzener Butter, einem 3/4 Teelöffel Salz und 3 Teelöffeln Zucker (was auf diese Menge Teig sehr wenig ist). Es sind also alle Originalzutaten vorhanden und keine dazugenommen worden.
Die Brioche war auch im 18. Jh. in Frankreich mit Sicherheit *kein* Grundnahrungsmittel, wie etwa Brot. In dieser Unverhältnismäßigkeit liegt der Skandal: Woher soll ein Volk die Zutaten für Brioche nehmen, wenn es nicht einmal normales Brot herstellen kann?
Und Zutaten wie Mehl, Milch, Butter, Zucker usw. kann ich mir eben auch nicht einfach mal eben im nächsten Teich angeln – somit hinkt der Vergleich mit dem Fisch ein wenig. Fisch war nicht deshalb Armenspeisung, weil er billiger zu kaufen war als Fleisch, sondern weil man ihn sich unter Umständen vollkommen kostenlos selbst beschaffen konnte, ohne dazu ein Nutztier erwerben und dies teuer halten zu müssen.
Es sei denn, der Preis der Dinger wäre reguliert worden.
Und das von einem Verfechter des freien (unregulierten) Marktes
Herrje. War ja klar.
Hier gehts ja darum, was damals tatsächlich geschah, und nicht, was hätte sein sollen. Und in dem Punkt halte ich Zweifel an der verbreiteten Legende zumindest für sehr gerechtfertigt – nunmehr aus zwei Gründen.
Außerdem verfechte ich nicht ganz so stark, wie du vielleicht denkst.
Gegen Zweifel hat ja auch niemand was gesagt, ich wandte mich ja gegen endgültige Aussagen der Marke “Die Anekdote ist eine Erfindung”, insbesondere unter Bezugnahme auf eine Quelle, die das nicht ausreichend stützt.
Letzten Endes sollte die Brioche-Anekdote ja auch die Westerwelle’sche Ignoranz gegenüber den realen Lebensverhältnissen der Armen in diesem Land und seinen Umgang mit der Problematik, dass diese aufgrund der Politik der letzten 10 Jahre immer mehr werden, versinnbildlichen.
Das Argument der fehlenden Quelle mit genügend Stützfunktion gilt aber zunächst mal für die Anekdote. Wenn die Rechtfertigungspflicht primär bei dem gesehen wird, der die Behauptung nicht einfach so schlucken will, und nicht zuerst mal bei dem, der sie aufgestellt hat, dann kommt mir das sehr seltsam vor.
Das ist doch hier aber gar nicht von Bedeutung. Man hätte jede andere Form der Versinnbildlichung von Westerwelle’s Unverfrorenheit verwenden können – es geht doch hier gar nicht um die Frage, ob die verwendete Anekdote wahr ist, sondern um eine Einschätzung des Verhaltens Westerwelles.
Ja. Hätte. Und wäre und würde und könnte.
Dafür, dass das Marie-Antoinette-Argument “gar nicht von Bedeutung” ist, hast du es erstaunlich hartnäckig verteidigt. Sorry, da muss ich doch ein wenig an saure Trauben denken.
Ich habe hier gar nichts verteidigt, ich habe lediglich die tatsächlichen Umstände angemahnt: Es ist überhaupt nicht bewiesen, dass diese Worte nicht tatsächlich gefallen sind – von wem auch immer.
Ich werde stattdessen das Gefühl nicht los, dass du hier auf Teufel komm raus versuchst, etwas zu verteidigen, an dem es eigentlich überhaupt nichts zu verteidigen gibt, mein liberaler Foster
Ne, is klar.
Und schon wieder versuchst du dich an Beweislastumkehr – und das bei einem Argument, dass du gar nicht verteidigst. *LOL* Mach nur.
Ich verteidige die Verwendung einer solchen Metapher im Zusammenhang mit dem Verhalten Westerwelles, nicht die Behauptung Rousseaus, Marie-Antoinette hätte eine solche Aussage getätigt. Das ist ein Unterschied, den du anscheinend nicht sehen *möchtest*.
In der Wikipedia habe ich jetzt doch noch eine frühere Quelle des Zitats (1782) gefunden.
Ohne schnell eine Quelle nennen zu können möchte ich folgendes hinzufügen: ich habe schon einmal die Erklärung gehört, dass damals die Bäcker verpflichtet gewesen sein sollen, statt Brot auch Brioche zum selben Preis abzugeben, falls es kein Brot mehr gibt. Kann ich aber jetzt nicht nachprüfen. Das würde das Zitat in einen etwas anderen Rahmen stellen.
Im Prinzip diskutieren wir hier ja nicht mehr Westerwelles permanente Querschläger in Richtung der Ärmsten dieses Landes, sondern eine historische Frage.
Und zwar eine, die wir eigentlich alle nicht wirklich redlich diskutieren können, weil uns dahingehend schlicht und ergreifend Kenntnisse fehlen.
Es mag alles stimmen, das mit der verbilligten Brioche usw. Es ändert doch aber an einer Tatsache kaum etwas: dass seinerzeit lieber die Bäcker durch von oben angeordnete Preispolitik ruiniert und die eigentliche prekäre Versorgungslage völlig ignoriert wurde, während die Herrschaft in Saus und Braus lebte. Womit wir wiederum die metaphorische Kurve zu Guido kriegen würden
Apropos „verweigern“, was passiert eigentlich mit den FDP-Mitgliedern, die sich weigern, in Deutschland ihre Steuern zu zahlen – müssen die dann auch Schnee schippen?
Bisher sind keine Zahlen bekannt, ob und wie sich die Steuerflüchtlinge auf die Parteien verteilen. Aber auch für überführte Steuerstraftäter dürfte es konsequenterweise keine Zwangsarbeit geben.
Naja, dann sollte es aber auch konsequenterweise für Hartz-IV-Empfänger keine Zwangsarbeit geben – die haben schließlich nicht mals was verbrochen.
Die Bewertungs- und Ahndungsmaßsstäbe, die in diesem Land momentan zur Anwendung kommen (teilweise Straffreiheit für reuige Steuersünder und Zwangsarbeit für Empfänger von Sozialleistungen) liegt jenseits jeglicher vertretbarer Moral.
Woher denn, so sehen schließlich “Leistungsträger” aus in diesem Land
Neben allem Brandstifetrischen, das historische Sensibilität zutiefst vermissen läßt, finde ich es auch peinlich, daß der Chef einer Wirtschafts-Partei nicht begreift, daß man mit Zwangsarbeit die Arbeitsplätze Anderer vernichtet.
Na ja, die erste Frage ist doch eigentlich: Gibt es überhaupt Sinn, den Schnee von A nach B zu schaufeln? Oder anders gefragt: liegt er dort nicht auch im Weg?
Und dann fragt man sich, warum der Chef einer Leistungsträger-Partei nicht versteht, dass jede Leistung irgendwie bezahlt werden muss …
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Entweder es gibt für den Eigentümer eine Räum- und Streupflicht: dann beauftragt er einen Hausmeisterdienst. Oder (und das tut die Öffentliche Hand meist): man bringt ein Schild an, mit dem auf den Verzicht auf Winterdienst hingewiesen wird.
Nun, also ich bin durchaus der Ansicht, dass es Sinn macht, im Winter die Straßen und Wege von Schnee und Eis zu säubern – gerade, wenn man bedenkt, dass es in diesem Land immer mehr ältere Leute gibt. Da geht es ja immerhin um Sicherheit und Gesundheit. Aber dann sollte man die Leute saisonal richtig einstellen und ihnen dann einen ordentlichen LOHN für ihre Arbeit zahlen, statt sie für einen Euro pro Stunde zwangszuverpflichten. Hier liegt meines Erachtens nach der Hase im Pfeffer.
In der Tat: Würden allgemein in den Kommunen mehr Arbeitsplätze im Öffentlichen Dienst geschaffen – etwa auch für die Straßenmeisterei, wo der Winterdienst ja zugehört – bräuchte man gar nicht erst überlegen, ob man Sozialempfänger zwangsweise zum Schneeschippen verpflichtet.
Zu Glück kenne ich Herrn Westerwelle nicht persönlich. Es gibt nämlich in meinem Bekanntenkreis niemanden, der Sozialschmarotzer ist oder gar illegal Putzfrauen beschäftigt. Statistisch betrachtet müssen diese Subjekte ja aber irgendwo sein, wenn nicht bei mir, dann eben in Herrn Westerwelles Bekanntenkreis. Er sieht sie ja ständig.
Also wenn ich Herr Westerwelle wäre – übrigens eine Vorstellung, die mir kalt den Buckel runterglitscht, nicht so ein wohliger Schauer wie in einem guten Gruselfilm – also mir als Herr Westerwelle wären meine Bekannten jedenfalls peinlich. Ich vermute, die haben den auch gewählt.
Das finde ich fies von Herrn Westerwelle, die ganzen kleinen Schneebeseitigunsunternehmen gucken ja dann in die Röhre, wenn die Arbeitslosen schon den ganzen Schnee weggeschippt haben.
Oh Anton, da wär ich vorsichtig. Neulich erst habe ich gelesen, dass viele kleine Räumdienste momentan aufgrund der überwältigenden Auftragslage pleite gehen. Der Grund dafür ist folgender: Die meisten kleinen Dienste haben mit Auftraggebern wie Hauseigentümern, Wohnungsgenossenschaften usw. Pauschalverträge abgeschlossen. Bedeutet, sie bekommen nur eine bestimmte Pauschale pro Saison vom Auftraggeber, müssen aber dann jederzeit zur Verfügung stehen. In harten Wintern wie diesem reicht die Pauschale dann hinten und vorn nicht, weil davon sämtliche Kosten (auch das Streugut) vom Räumdienst getragen werden müssen, inklusive Personalkosten.
Zu tun wäre also genug, Problem sind die unsinnigen Pauschalverträge sowie die zunehmenden Dumping-Preise.
Aber fies ist die Schneeschipper-Schose vom Herrn Westerwelle natürlich trotzdem