Seit nunmehr 3 Jahren, seit der u. a. auch durch das Verhalten Israels miterzwungenen Machtübernahme der Hamas im Gazastreifen 2007, hält Israel eine menschenunwürdige, völkerrechswidrige Blockade der Land- und Seewege zu dem kleinen Landstrich am Mittelmeer aufrecht, in dem seither auf etwa 360 km² – das ist etwas mehr als die Fläche Dresdens (330 km²) – mehr als 2 Millionen Menschen unter zusehends schlechter werdenden Bedingungen vor sich hinvegetieren. Dass die Lage mehr als ernst ist, darauf machen immer wieder humanitäre Organisationen wie Amnesty International aufmerksam.
Seit dem verheerenden Gaza-Krieg Israels zum Jahreswechsel 2008/09, bei dem binnen dreier Wochen etwa 1500 Menschen im Gaza-Streifen getötet und Tausende verletzt worden waren, ist die zivile Infrastruktur zu weiten Teilen zerstört. Krankenhäuser, Schulen und Kliniken zu großen Teilen unbenutzbar – der Grund: Israel lässt infolge der Blockade so gut wie kein Baumaterial oder medizinische Güter in die Region.
Schnittblumen und Erdbeeren statt Brot und Medikamente
Auch die Einfuhr von Lebensmitteln wurde im Jahr 2009 nochmals drastisch eingeschränkt, was die Lage noch weiter verschärfte. Auch Hilfsorganisationen sehen sich immer wieder außerstande, dieses Embargo zu durchbrechen. Ab Dezember 2009 ließ Israel über Wochen nur einige Lastwagen mit Erdbeeren und Schnittblumen aus dem Gaza-Streifen heraus, alles andere wurde abgeblockt. Herein kam hingegen kaum etwas. Auch in der Folgezeit erreichten nur selten Hilfslieferungen das abgeriegelte Gebiet – immer abhängig von israelischer Einwilligung.
Israel begründet dieses Vorgehen mit “fortgesetzten Angriffen palästinensischer Gruppen auf israelisches Gebiet”. Gemeint sind hier die unkoordinierten Raketenangriffe von bewaffneten palästinensischen Militanten auf grenznahe israelische Wohnorte – ein wahrlich verzweifelter und ebenso wenig hilfreicher Versuch der Gegenwehr gegen eine schleichende Vernichtung. Ohne diese verharmlosen zu wollen, muss dazugesagt werden, dass 99 von 100 dieser Raketenangriffe im Nichts enden bzw. höchstens Gebäudeschaden verursachen. In den vergangenen 7 Jahren starben im Durchschnitt 2 Israelis pro Jahr bei diesen Angriffen.
Amnesty International spricht vor diesen Verhältnissen von “kollektiver Bestrafung” der gesamten Bevölkerung eines ganzen Landstriches für die Taten weniger und weist darauf hin, dass dies nach dem Völkerrecht verboten ist.
Mit einer Bevölkerungsdichte von mehr als 4000 Einwohnern/Km² konkurriert das Gebiet mit Großtstädten wie München oder Berlin. Nun stelle man sich vor, Berlin wäre über Jahre von der Versorgung mit Lebensmitteln, Medikamenten oder Finanzleistungen abgeschnitten, seine Betriebe von Material- und Rohstofflieferungen sowie von der Möglichkeit, hergestellte Waren auszuführen und Gewinn zu erwirtschaften. Was das bedeutet, konnte die Stadt 1947/48 während der Blockade durch die Sowjets am eigenen Leibe erfahren – nur eine Luftbrücke der Alliierten bewahrte die Bewohner seinerzeit vor dem Allerschlimmsten.
“Rosinen-Flotte” für Gaza
Eine solche Brücke wollten Ende Mai nun Hilfsorganisationen und Friedensaktivisten aus aller Welt unter dem Dachverband “Free Gaza” über den Seeweg in den Gazastreifen bauen. “Free Gaza” ist ein internationaler Aktivistenverband mit Kontaktstellen u. a. in Deutschland, Irland, Griechenland und Schweden. Gemeinsam hatte man sich das Ziel gestellt, eine Flotte mit Hilfsgütern für den Gazastreifen – vorrangig Medikamente, Lebensmittel sowie Baumaterial – zusammenzustellen und die von Israel verhängte völkerrechtswidrige Seeblockade zu durchbrechen. Auch die israelische Friedensorganisation “Gush Shalom” steuerte ihren Beitrag zum Gelingen der Aktion bei, indem sie von Israel aus öffentlichen Druck auf die israelische Regierung ausübte:
Die Bewohner des Gazastreifens haben wie die Bürger Israels und die anderer Länder das Recht, direkte Kontakte mit der Außenwelt zu haben, ihr Land zu verlassen und zurückzukehren, ihre Wirtschaft zu entwickeln, Waren, die sie benötigen zu importieren und eigene Produkte jedem, der sie haben will, zu exportieren – ohne Israel, Ägypten oder ein anderes Land um Erlaubnis zu bitten.
Trotz massiver Drohungen und Ankündigungen seitens der israelischen Regierung im Vorfeld, den Hilfskonvoi nicht passieren lassen und Hilfe für Gaza aktiv verhindern zu wollen, startete die Hilfsflotte am 25. Mai von griechischen Gewässern aus. An Bord unter anderem der schwedische Schriftsteller Henning Mankell sowie zahlreiche europäische Politiker – mindestens auch 2 Bundestagsabgeordnete, unter ihnen die Linke Annette Groth.
Die israelische Regierung hatte unterdessen Vorbereitungen getroffen, Hunderte Aktivisten festzunehmen und in der israelischen Hafenstadt Ashdod zu inhaftieren.
Der lange Arm der zionistischen Lobby
Auch die deutsche Friedensinitiative “Jüdische Stimme für einen gerechten Frieden in Nahost” unter Führung des Autors und Psychologen Rolf Verleger beteiligte sich am Aufbau internationalen Drucks.
Verleger hatte die israelische Regierung bereits im März informiert, dass die “Jüdische Stimme” im Rahmen der Hilfsaktion ein eigenes Boot schicken würde, das vorrangig Geschenke für palästinensische Kinder bringen sollte sowie Schultaschen, die von deutschen Schulkindern mit dem Nötigsten gefüllt worden waren.
Auf Verlegers Boot reisten zudem Bundestagsabgeordnete sowie Vertreter der Medien.
Bis 2009 war Rolf Verleger Direktoriumsmitglied des Zentralrats der Juden in Deutschland, wurde jedoch nach seiner Kritik am Libanon-Feldzug Israels 2006 vom ZdJ stark kritisiert und anschließend aus seinen Ämtern der Jüdischen Gemeinde in Schleswig Holstein gedrängt. Im Juni 2009 verlor er schließlich aufgrund seiner Israel-kritischen Haltung auch sein Direktoriumsmandat im Zentralrat der Juden in Deutschland:
Die Leute sehen nicht das große Unrecht, das Israel den Palästinensern seit mehr als 60 Jahren antut.
Ausschlaggebend dafür war der Umstand, dass Verleger im Mai 2009 einen Vortrag auf einem Teffen der Muslimischen Jugend Deutschlands hielt.
Unter Charlotte Knobloch habe der Zentralrat laut Verleger eine “Abschottungs-Mentalität” gegenüber anderen Minderheiten als Folge unbedingter Unterstützung der israelischen Politik erfahren.
Im Zuge der Vorbereitung der Hilfsaktion fanden sich zudem auch in deutschen Medien Äußerungen prozionistischer Akteure, die u. a. “Free Gaza” als vom Iran instruierte “Propaganda auf hoher See” in Misskredit zu bringen suchten, die nur eines zum Ziel hätte: die israelische Politik in Verruf zu bringen (als ob es dazu noch spezielle Maßnahmen von außen bräuchte). So konstatierte der britisch-jüdische Verleger und ehemalige Politikberater in israelischen Diensten, Lord George Weidenfeld, in der Welt:
Eine groß angelegte Propagandaaktion gegen Israel im Namen der Menschenrechte. Die Organisatoren erwarten offenbar, dass die israelischen Behörden die “Liebesgaben” des Propagandaschiffes aus Sicherheitsgründen nicht ins Land lassen. So könnte man dann der Welt beweisen, dass die Menschen in Gaza vollständig abgeriegelt seien und es schärfste Sanktionen gegen Israel bräuchte. Die Drahtzieher der Kampagne stehen in Kontakt mit dem Menschenrechtsausschuss der Vereinten Nationen, zu dem übrigens auch das Gaddafi-Regime in Libyen gehört. … Die Gaza-Propaganda gegen Israel ist die bisher gefährlichste, aber auch skrupelloseste. Sie gemahnt an Joseph Goebbels’ Maxime, wonach je größer die Lüge, desto stärker der propagandistische Effekt ist.
Angesichts solch haarsträubender propagandistischer Umstrickungen der realen Verhältnisse kann man sich eigentlich nur noch entsetzt die Haare raufen: Es ist Israel, das Völkerrecht bricht und Menschen seit Jahren ihrer Bewegungsfreiheit sowie des zum Überleben Notwendigsten beraubt – hier braucht es keine Propaganda, um die Unerträglichkeit dieses Verbrechens herauszustellen, hier genügt ein Blick auf die Tatsachen.
Überfall in bester Piratenmanier
In der Nacht auf den 31. Mai schließlich erreichte die Gaza-Hilfe die internationalen Gewässer vor dem Gaza-Streifen. Nach Angaben von Passagieren sowie Medienberichten enterten israelische Militärs in bester Piratenmanier im Schutze der Dunkelheit der Nacht die Schiffe der Hilfsflotte. Einsatzkräfte hätten sich von Helikoptern auf die Schiffe abgeseilt und gegen die schockierten Passagiere und Besatzungsmitglieder das Feuer eröffnet, nachdem die Flotte auf die Aufforderung der israelischen Marine hin, zu stoppen, ihre Fahrt verlangsamt hatte, um Konfrontationen zu vermeiden. Entgegen der Behauptungen der israelischen Offiziellen, man habe das Feuer erst eröffnet nachdem Aktivisten die Militärs mit Messern und scharfer Munition angegriffen hätten, verlautbaren Zeugenaussagen der noch sichtlich unter Schock stehenden Aktivisten das Gegenteil. Demnach wurde sofort das Feuer auf unbewaffnete Zivilisten eröffnet, wobei nach neusten Angaben mindestens 10-15 Hilfsaktivisten zu Tode kamen und Dutzende Menschen verletzt wurden, unter anderem auch 4 israelische Soldaten.
Über die Identität der Opfer und den Verbleib der deutschen Aktivisten, die auf den Schiffen unterwegs waren, gibt es derzeit noch keine Angaben. Die 6 Schiffe der Hilfsflotte wurden indes in die israelische Hafenstadt Haifa verschleppt. Derweil hat die EU das Vorgehen Israels scharf verurteilt und eine Untersuchung der Vorkommnisse gefordert. Die EU-Außenbeauftragte Ashton nannte Israels Reaktion “inakzeptabel und politisch kontraproduktiv” und forderte zudem eine Lockerung der Gaza-Blockade für humanitäre Hilfslieferungen.
Verhöhnung des Völkerrechtes
Israel hat hier abermals eine Grenze überschritten auf dem Weg zur totalen Ignoranz völkerrechtlicher Konventionen. So heißt es in den auch von Israel ratifizierten Genfer Abkommen II sowie IV vom 12.08.1949:
Die Konfliktparteien können Schiffe neutraler Parteien sowie alle anderen erreichbaren Schiffe um Hilfe bei der Übernahme, dem Transport und der Versorgung der kranken, verwundeten und schiffbrüchigen Soldaten bitten (Artikel 21). Alle Schiffe, die dieser Bitte Folge leisten, stehen unter besonderem Schutz. [...]
Die Zerstörung von zivilen Einrichtungen und Privateigentum im besetzten Gebiet ist verboten, wenn sie nicht Teil von notwendigen militärischen Operationen ist (Artikel 53). Die Besatzungsmacht ist verpflichtet, für die Bevölkerung des besetzten Gebietes die Versorgung mit Nahrung und medizinischen Artikeln sicherzustellen und hat, wenn sie sich dazu außerstande sieht, Hilfslieferungen zuzulassen (Artikel 55 und 59). Die Tätigkeit der jeweiligen nationalen Rotkreuz- und Rothalbmond-Gesellschaften und ähnlicher Hilfsorganisationen darf durch die Besatzungsmacht nicht eingeschränkt werden
Gegen diese Grundsätze völkerrechtlicher Art hat Israel nun zum wiederholten Male verstoßen, dabei sind diesmal zudem unbewaffnete Zivilisten zu Tode gekommen, die nur helfen wollten, die katastrophale Lage der Menschen im Gazastreifen zu lindern, und die sich auf genau jenen Völkerrechtsverstoß Israels beriefen, den Menschen die lebensnotwendige Versorgung zu versagen.
Wie viel Arroganz und Gleichgültigkeit dem menschlichen Leben gegenüber braucht ein derartiges Vorgehen?
Der Lange Arm der zionistischen Lobby II
Es braucht vor allem eine weltweit aktive israelische Lobby, die unter der Maxime arbeitet, dass das israelische Sicherheitsbedürfnis vor allem auch im Interesse des Westens sei. Ganz besonders in den USA hat diese Lobby starken politischen Einfluss. Dieser stellt weitgehend sicher, dass das US-Veto im UN-Sicherheitsrat härtere internationale Konsequenzen für Israel verhindert, so wie es seit Jahrzehnten der Fall ist. Nur so ist es möglich, dass sich ein derart kleiner Staat, der überdies ohne internationale Milliardenstützen vollkommen hilflos wäre, derart gegen inernationales Recht auflehnen kann, Menschenrechte ignorieren sowie ein Atomprogramm betreiben kann, das noch niemals von einem einzigen Beobachter der Atomenergiebehörde IAEA in Augenschein genommen wurde, während ein Land wie der Iran nur wegen eines dieser Vergehen, seinem Atomprogramm, mit Sanktionen und Drohungen nur so überhäuft wird.
Und auch dieser neuerliche Vorfall, bei dem Bürger anderer Nationen, Zivilisten, wie Staatsfeinde behandelt und eiskalt umgebracht wurden, weil sie den israelischen Umgang mit dem Völkerrecht und den Menschenrechten nicht weiter tatenlos hinnehmen wollten, wird wohl kaum Konsequenzen für Israel nach sich ziehen. Die übliche Welle der Empörungsrhetorik ist bereits angerollt, gefolgt von Ankündigungen von Untersuchungen, die dann irgendwo im Sande verlaufen werden – ähnlich wie die Untersuchungen zum israelischen Organhandelskandal oder jene zum Massaker in Jenin aus dem Jahre 2002, die daran scheiterte, dass Israel die Untersuchungskommission der UN ganz einfach nicht ins Land ließ, indem sie ihr Befangenheit vorwarf, erst Monate später, als die schlimmsten Spuren längst beseitigt waren, wurden UN-Kommissare vorgelassen.
Selbst auf das Massaker an 1500 palästinensischen Zivilisten im Gazastreifen von Anfang 2009 folgten außer einer Resolution der UN-Generalversammlung keinerlei Konsequenzen. Dieses Stillhalten der Internationalen Gemeinschaft kommt einem Freibrief für israelische Willkür und Terrorherrschaft im Nahen Osten gleich. Wir alle hier machen uns dabei mitschuldig, mit Ausnahme jener, die aktiv etwas dagegen tun und dafür unter Umständen mit ihrem Leben bezahlen.
Und dabei wären Konsequenzen jenseits von Sanktionen durch die UNO durchaus möglich, wenn nicht beinahe jedes der einflussreichen Länder dieser Erde in Israel auch einen willkommenen Absatzmarkt, vor allem für militärische Produkte, erblicken würde. So setzen deutsche Rüstungsbetriebe jährlich Milliarden an Militärgütern nach Israel ab – der deutsche Betrag zum langsamen Sterben jeglicher Hoffnung auf Gerechtigkeit.
Vor knapp 15 Jahren begann sie im kalifornischen San Diego, die Erfolgsgeschichte des Online-Auktionshauses eBay. Gegründet vom US-Amerikaner Pierre Omidyar, revolutionierte die Auktionsplattform in den Folgejahren die Shoppingwelt, indem sie auf stressfreies Einkaufen ohne Feierabend-Rushhour, Wochenendansturm und Schlangestehen an Umkleidekabinen, teils zu echten Schnäppchenpreisen, als Konzept setzte.
Das System war denkbar einfach: Irgendwo in der Welt möchte eine Person einen Artikel an den Mann/die Frau bringen. Er richtet sich bei ebay ein Mitgliedskonto ein und stellt den Artikel zu den von ihm gewünschten Konditionen ein. Das Besondere: das Auktionsformat. Ein bestimmter Startpreis (mindestens 1 Euro) wird vom Verkäufer vorgegeben, den Rest bestimmen Nachfrage und Geldbeutel der Kaufinteressenten, die mit ihren Geboten den Endpreis bestimmen. Jene Kaufinteressenten bilden das 2. Standbein des Auktionshauses. Auch sie richten sich ein Mitgliedskonto ein und können von nun an grenzenlos auf Schnäppchenjagd gehen und dem Auktionsfieber erliegen.
Seither wurde in ebay-Auktionen so ziemlich alles vertickt: Von der Toastscheibe, die angeblich ein Bildnis des Papstes zeigen sollte, über Körperteile als Werbeflächen, das Auto, das Papst Benedikt vor seiner Ernennung fuhr, bis hin zum bislang teuersten verkauften Artikel – einem Düsenjet für 4,9 Millionen Dollar.
Finanziert wird das Ganze über die Angebotsgebühren, die sich nach der Höhe des Startpreises und den ausgewählten kostenpflichtigen Features berechnen, sowie über Verkaufsprovisionen.
Ähnlich angelegte Projekte sprossen in den Folgejahren aus dem Boden, ohne dass ihnen jedoch ein ähnlicher Erfolg beschieden war. Der deutsche ebay-Vorläufer Alando wurde nach nur einem halben Jahr von eBay geschluckt, was den Beginn der deutschen Erfolgsgeschichte des Unternehmens markierte.
Auch wenn der Kitt zwischenzeitlich etwas zu bröckeln begann, steht unterm Strich jene Erfolgsgeschichte. Verkaufs- und Umsatzzahlen weltweit konnten stetig gesteigert werden, selbst die Krisenjahre 2007 und 2008 blieben davon nicht ausgenommen.
Doch zu welchem Preis?
Als ich selbst 2001 dem eBay-Fieber erlag – übrigens heute auf den Tag genau vor 9 Jahren -, war das Angebot noch einigermaßen überschaubar. Alle Angebote waren ausnahmslos im Auktionsformat eingestellt, wenige zusätzlich mit einer Festpreisoption ausgestattet. Kurzum, eBay präsentierte sich damals just als das, was es für sich reklamierte: nämlich, ein Online-Auktionshaus zu sein, dessen Geschäftsidee das entspannte Einkaufen samt Nervenkitzel des Gebotskrieges am heimischen PC war – Wer hat es nicht schon mal erlebt, das Kribbeln in den Fingern, die Schweißperlen auf der Stirn, während man darauf wartet, bis die letzten Sekunden runtergetickt sind, und hofft, den begehrten Artikel bald in Händen halten zu können? 3…2…1…meins…
Das war einmal. Wenn man sich eBay heute anschaut, ist festzustellen, dass die Angebotszahlen zwar im Vergleich zu vor 5 oder 10 Jahren exorbitant gestiegen sind. Jedoch hat sich das Erscheinungsbild der Plattform stark gewandelt. Von beispielsweise 1,6 Millionen bei eBay Deutschland eingestellten Artikeln in der Kategorie Computer stehen noch gerade 100.000 im Auktionsformat zum Verkauf – also kaum mehr als 6%. Dagegen stehen mehr als 1,5 Millionen Angebote zum Festkaufpreis.
Traditionell, aufgrund der hohen Gebrauchtwarenrate, etwas entspannter, aber insgesamt auch nicht viel besser sieht es in der angebotsstärksten Rubrik Kleidung & Accessoires aus. Von den rund 8 Millionen eingestellten Artikeln werden etwa 7 Millionen zum Festpreis verkauft, viele davon in Dauerangeboten, verschiedenen Größen und größerer Auflagenzahl. Nur etwa 12% der Angebote stehen zur Auktion.
Insgesamt ist ein starker Trend zur Neuware hin zu erkennen, die von gewerblichen Anbietern und Shops mehrheitlich als Festpreisangebot verkauft wird, während die Zahl der früher überpräsenten privaten Anbieter von gebrauchter Ware oder Fehlkäufen immer weiter zurückgeht.
Über diese überproportionale Hinwendung zu sogenannten Powersellern – meist gewerbliche Verkäufer, die langfristig auf der Plattform aktiv sind und überdies große Mengen an Waren zu relativ hohen Festpreisen verkaufen – lässt sich die Erfolgsgeschichte eBay zumindest in Zahlen fortschreiben. Denn die hohen Festpreise werfen für eBay auch hohe Verkaufsprovisionen ab, die oft professionell gestalteten Angebote unter Verwendung spezieller Bezahlangebote wie Hitlistenoptimierung etc. bringen zusätzlich hohe Angebotsgebühren. Privatleute, die nur mal schell das Service von Oma oder das verfehlte Weihnachtsgeschenk verkaufen wollen, können da nicht mithalten.
Die Verdrängung der kleinen privaten Verkäufer nimmt eBay anscheinend gerne in Kauf – mit der Folge, dass der ursprüngliche Auktionshaus-Charakter heute fast völlig verloren gegangen ist. Stattdessen gleicht der einstige Online-Auktionator mittlerweile einem simplen Online-Warenhaus, vergleichbar etwa mit Amazon.
Kann man also davon ausgehen, dass das Konzept Online-Auktionshaus gescheitert ist? Und wenn ja, woran?
Die Krise hatte ohne Zweifel dem Konzern schwer zugesetzt – 2007 brach der Gewinn von zuvor über 1 Milliarde Doller auf nur noch 350 Millionen ein. Bei trotz allem in diesem Jahr stark steigenden Umsätzen ist man geneigt, zu fragen: Woran lag’s?
Es muss zudem erwähnt werden, dass die Entwicklung bei eBay Deutschland nicht der des Gesamtkonzerns entsprach. Im Jahr 2006 verzeichnete man bis zu 16,5% Rückgang bei den eingestellten Artikeln, nachdem zuvor über Jahre Gebühren und Provisionen immer weiter angehoben worden waren. Als Reaktion darauf senkte eBay 2007 drastisch die Angebotsgebühren – mit Erfolg.
Zu Beginn des Jahres 2008 strukturierte eBay dann kräftig um, schaffte Vergünstigungen für Powerseller, führte die “Endlos-Angebote” zum Festpreis ein, erhöhte aber gleichzeitig gerade für Angebote im Niedrigpreissegment die Verkäuferprovision kräftig. Jemand, der einen Artikel für 5 Euro verkauft, bezahlt seither 8% Verkaufsprovision; jemand der einen Artikel für 500 Euro verkauft, zahlt hingegen nur 5% + 4 Euro, für einen Verkauf von 5000 Euro sogar nur 2% + 26,50 Euro.
Seither kann man zuschauen, wie der Anteil privater und kleingewerblicher Verkäufer zurückgeht, während die Shopangebote die Plattform dominieren. EBay aber gelang es, sich über diesen Kurs wieder zu sanieren und fährt seither Rekordgewinne ein – knapp 2,4 Milliarden Doller im Jahr 2009.
Aus Sicht des Unternehmens ein voller Erfolg, aus Sicht des kleinen Verbrauchers hingegen sowie aus marktkreativer Sicht ein riesen Verlust.
Schon oft war ich am Rande von Radtouren oder Spaziergängen hier vorbeigekommen. Und immer – wie so oft, wenn ich an Friedhöfen vorbeigehe – hat mich ein leichtes Schaudern dabei ergriffen. Und jedes Mal hatte ich mir vorgenommen, mir diese Stätte einmal genau anzusehen. Jahrelang war sie für die Öffentlichkeit nicht zugänglich. Dann, ab 2007, konnte man sie wieder betreten, nachdem sie halbwegs wieder in Schuss gebracht worden war.
Die Rede ist vom Garnisonfriedhof der Roten Armee an der Marienallee, oberhalb des Prießnitzgrundes. Von 1945 bis 1987 bestatteten die nach dem Sieg über Hitler-Deutschland hier stationierten Sowjettruppen hier ihre Toten, darunter auch Frauen und Kinder.
Doch immer wieder zögerte ich seither, das gusseiserne Tor zu öffnen und jenen Platz zu betreten, an dem auf pi mal Daumen zwei Hektar verstreut mehr als tausend steinerne Grabmale in einschüchternder Gleichförmigkeit stehen, die sich erst auf den zweiten blick in Form und Gestaltung voneinander unterscheiden.
Als ich gestern das schwere Tor endlich aufstemmte, gesellte sich zu dem leichten Prickeln entlang der Wirbelsäule ein Gefühl der Ehrfurcht, der Bedrückung, aber schnell auch eine Art stille Heiterkeit und innerer Frieden.
Ich bin nicht allein. Inmitten der Gräber hat sich eine ganze Familie mitsamt Baby auf Bänken in einem kreisförmig angelegten Ruhebereich niedergelassen. Ich nicke freundlich und wende mich den Gräbern zu.
Still ist es hier und unglaublich grün, die Vögel zwitschern und die Sonne lässt den hellen Sandstein der Grabmale leuchten, die auf wildgewachsener Wiese in Reih und Glied stehen, Wildblumen und Kienäpfel bilden einen seltsam schönen Schmuck für fast jedes Grab.
Ingenieur-Major Georgiy M. Kisseljew, Grab mit Marmorplatte und Wildblumenpracht.
Rhododendren und Hecken umsäumen rote Kieswege, Nadelgehölze und übermannshohe Büsche teilen das Gelände in verschiedene Bereiche. Erstaunt stelle ich fest, dass der Friedhof viel größer ist, als er von außen wirkt: Hinter hohem Gebüsch schließen sich an die endlosen Reihen der Stelen im Nordbereich versteckte Ecken an, wo im Schatten der Bäume kleine, einfache Grabsteine und halb überwucherte Bodenplatten mit Inschriften ruhen. Gräber von Kindern und Jugendlichen hauptsächlich.
Insgesamt vier verschiedene Monumente zähle ich, alle noch aus DDR-Zeiten und alle mit flammenden Hymnen auf Ruhm und Ehre der hier Bestatteten sowie einschlägigen Symbolen, vom tapferen Soldaten mit Waffe, über die rote Fahne bis hin zum unermüdlichen Arbeiter, besetzt. Unkontrolliert zuckt eine Augebraue nach oben und ein ironisches Grinsen huscht über mein Gesicht, um gleich darauf wie ertappt wieder zu erlöschen.
Sinnend laufe ich durch die Reihen der Grabmale. Namen und letzte Grüße in kyrillischer Schrift, Geburts- und Sterbedaten ziehen an mir vorbei – bedrückend: Die allermeisten hier Begrabenen haben kaum das 45. Lebensjahr erreicht. An einigen wenigen Stelen sind sogar noch die Keramiktafeln mit den Abbildern der Toten erhalten; die Gesichter der zumeist jungen Soldaten blicken stolz und ernst – entschlossene, mutige junge Männer, wie man sie in der Sowjetarmee gerne sah.
Und mit einem Male, so scheint es mir, bin ich von Geschichten umgeben, nicht mehr von Gräbern. Geschichten, die ich lediglich noch nicht zu entschlüsseln vermag.
Grenadier P. D. Koschelnik starb im Mai 1958 mit nur 21 Jahren.
Oberleutnant P. J. Komarov starb 1947 mit nur 26 Jahren.
Am Westende des Friedhofs finden sich ganze Reihen von Gräbern, in denen junge Soldaten ruhen, die kaum älter als 20 wurden. Was geschah mit ihnen? Anfangs dürften noch die desaströse Lage betreffs Versorgung und Hygiene der Nachkriegsjahre sowie alte Kriegsverletzungen eine Rolle gespielt haben. Doch woran starben Mitte bis Ende der 50er-Jahre in Dresden reihenweise junger russischer Soldaten Anfang 20? Diese Frage lässt mir seither keine Ruhe, mein Forscherdrang ist geweckt.
Rotarmist N. I. Duboviy war erst 14 Jahre alt, als er bei der Schlacht um Dresden im Mai 1945 fiel.
Erschüttert stelle ich zudem fest, dass bei der Einnahme der Stadt Dresden im Mai 1945 sogar halbe Kinder kämpften – und fielen: Das Schicksal des erst 14-jährigen Rotarmisten (Krasnojarmeetz) N. I. Duboviy war beileibe kein einzelnes in jenen entmenschlichten Tagen der Schlacht. Bei dem Gedanken daran, Kindern ein Gewehr in die Hand zu drücken und sie in einen so mörderischen Krieg zu schicken, befällt mich ein Gruseln.
Und selbst nach all der Zeit, nach bis zu 65 Jahren, liegen hier und da an Grabsteinen kleine Blumengrüße, an einer Stele steht ein Topf mit weiß-gelben Margeriten aus Plastik, sie leuchten weithin zwischen den schmucklosen Grabsteinen. Angehörige, die nach wie vor hier leben? Auf jeden Fall eine unermüdliche, vielleicht sogar über große Distanzen aufrechterhaltene Kultur des Erinnerns an geliebte Menschen, die viel zu früh ihr Leben lassen mussten.
Ab und zu knie ich vor einem der Grabsteine im weichen Gras nieder, lese genauer, betrachte Gesichter. Erst da fällt mir auf, dass die Grabsteine durchaus unterschiedlich aussehen, die Gravuren und Ornamente der höheren Dienstgrade sind zumeist aufwendiger und kunstvoller gestaltet, als bei einfachen Gefreiten. Geburtsdaten werden hier teils voll ausgeschrieben, die Inschriften befinden sich auf Mamorplatten, oder Grußworte der Angehörigen sind zu lesen, während bei niederen Dienstgraden nur Name, Geburtsjahr und Sterbedatum in einfachem Sandstein eingraviert sind und die Stelen nur ein einfaches Ornament in Form eines Sterns aufweisen.
Auch sind es oft die niederen Dienstränge, die in Mehrfachgräbern bestattet wurden (siehe Foto links).
Während ich fotografiere, komme ich mir irgendwie vor, wie ein Voyeur. Doch längst hat mich der Ort mit seiner irgendwie magischen Atmosphäre gefangen genommen, und ich will darüber berichten.
Oberstleutnant A. M. Kirejew - Grab mit Marmorfront.
So wild-romantisch der weitestgehend der Natur überlassene Ort auch wirkt – die mangelnde Pflege und Aufsicht haben auch ihre negativen Seiten: Am Mahnmal im Südteil des Friedhofes liegen verwelkte Blumen und Gebinde, viele noch mitsamt der Kunststoffverpackung. An den Inschriften der verblichenen Bänder ist zu erkennen – sie liegen bereits seit dem 8. Mai hier, dem Tag der Befreiung – unansehnlich, von Wind und Wetter zerzaust. Von den umliegenden Gräbern klaube ich verstreutes Blumenpapier, gieße Blumen, die in Töpfen am Mahnmal stehen und die Köpfe hängen lassen.
Aufgeräumt und gepflegt wird hier ganz sicher nicht. Im Papierkorb in der Sitzecke finden sich haufenweise leere Flaschen diverser Alkoholika und andere Reste für meinen Geschmack und den Ort zu geselligen Beisammenseins. Als ich mich vom hinteren Teil des Friedhofes wieder in Richtung Tor bewegen will, sehe ich gerade noch einen jungen Mann in Radlerdress den Hosenstall schließen, sein Rad lehnt an dem Denkmal, hinter dem er gerade seine Notdurft verrichtet hatte. Darauf angesprochen, wie er es fände, wenn später mal jemand neben seinen Grabstein pinkeln würde, winkt er feixend ab und sucht das Weite.
Es scheint, als wäre der abgelegene Ort so ein wenig in Vergessenheit geraten. Die Kriegsgräberfürsorge sorgt zwar für ein Mindestmaß an Ordnung und legt einmal im Jahr zum 8. Mai Blumen nieder. Doch an den Gräbern selbst wird nichts gemacht, sie sind der Verwitterung und auch Vandalismus preisgegeben. Auch aufgrunddessen sind mittlerweile nur noch wenige der Keramikfbildertafeln an den Stelen erhalten – dabei sind sie es gerade, die dem Friedhof etwas Menschliches, Persönliches verleihen. Ich erinnere mich an Spaziergänge zu Kinderzeiten, bei denen von den Grabmalen noch zahlreiche Gesichter, teils in Farbe, durch die Gitterstäbe blickten. Heute haben selbst die vereinzelt noch erhaltenen zum Teil schon Risse.
Grab von Hauptmann D. P. Mazakov mit fast zerstörtem Keramikbildnis.
Gestern, Pfingstmontag. Hastig hatte ich mit der Familie eine Verabredung in der Dresdner Innenstadt getroffen, um die wenigen Sonnenstrahlen des frühen Nachmittags zu erhaschen. Allerdings fing das Unterfangen schon ziemlich blöd an, da die Neustadt just in dem Moment, in dem ich mich aufs Rad schwingen wollte, von den Ausläufern der Gewitterfront getroffen wurde, die im Großenhainer Land eine Schneise der Verwüstung hinterließ. Aufgrund des starken Windes und prasselnden Regens musste ich warten, bis das Gröbste vorüber war – während meine Family 20 Minuten am Treffpunkt auf mich warten musste.
Als ich am Haus der Presse ankam, hatte sich der Himmel zwischenzeitlich auch hier in ein bedrohliches Dunkelgrau gefärbt, Wind peitschte nun auch durch die Gassen der Innenstadt, doch das tat der Stimmung keinen Abbruch. Munter starteten wir in Richtung Landtag und Theaterplatz.
Doch schon, als wir am Fürstenzug ankamen, öffneten sich sämtliche Schleusen, die Straßen verwandelten sich binnen Kürze in eine Seenlandschaft, und während ich mit der einen Hand den Schirm umklammerte und mit der anderen abwechselnd versuchte, die wirren Haarsträhnen zu bändigen, die mir der Sturm um Mund und Augen jagte, und die etwas zu lang geratenen Hosenbeine vor den Pfützen zu retten, flüchteten die anderen bereits kurzentschlossen in eines der Restaurants am Neumarkt. Ich stolperte etwas irritiert hinterher.
Drinnen brach zunächst ein Kampf derjenigen, die aufgrund des Unwetters die gleiche Idee hatten, um die letzten freien Plätze aus. Giftige Blicke und genervtes Zungenschnalzen taten den Ärger derjenigen kund, die keinen Platz mehr ergattern konnten. Beherzt sprang ich durch eine Gruppe verdutzt dreinguckender Touristen zu einem frei werdenden Tisch und rief die anderen heran – im Nachhinein bin ich eingermaßen froh, dass ich mich in diesem Moment nicht selbst im Spiegel beobachten musste: eine aufgeplusterte Henne, die gackernd und flügelschlagend ihren Nistplatz markiert und gegen Konkurrenten verteidigt… brrrr.
Nun ja, nach all den unerwarteten Strapazen, die der Nachmittag parat gehalten hatte, stimmte die Aussicht auf Kaffee und Kuchen in gehobenem Ambiente direkt unterhalb der Frauenkirche etwas versöhnlich. Der Kellner, der kam, um uns zu bedienen, erinnerte mich ein klein wenig an eine uralte Geschichte des Blogger-Kollegen Anton Launer zu einem ehemaligen Kellner eines ehemaligen Neustädter Inn-Lokals, der heute überdies ein geschätzter Kollege ist.
Mit unverkennbarer Flamboyance näselte er ein: “Was kann ich Ihnen bringen?”
Doch weit kam meine Mutter mit der Bestellung nicht, denn gerade, als sie sich anschickte, der bestellten Schwarzwälder Kirschtorte noch meine Eierschecke hinzuzufügen, wandte der junge Ober sich bereits einigermaßen ungeduldig zum Gehen, schnappte wie von einem Gummiband gehalten wieder zurück, als er bemerkte, dass die Bestellung noch nicht beendet war, wiederholte herablassend “…und ein Stück Eierschecke…” – und wandte sich abermals zum Gehen, als mein Vater mit einem gefährlichen Stirnrunzeln und mit Nachdruck noch ein Kännchen Kaffee mit 2 Tassen und die heiße Zitrone folgen ließ, die ich ausgewählt hatte. Zwischendurch traf mich ein Blick, der zwischen Neugier und Verachtung schwankte.
Nachdem wir die gesamte Bestellung schließlich hatten unterbringen können, rauschte unser Oberlein davon, als hätte man ihn zwischenzeitlich an unseren Tisch gekettet und gegen seinen Willen dort festgehalten.
Wir sahen uns an: Meine Mutter schnappte empört nach Luft, mein Vater sah immer noch aus, als würde er jeden Moment explodieren – und ich bekam einen Lachanfall, mit dem ich schließlich meine Mutter ansteckte. Wir flüchteten aufs WC.
Als wir zum Tisch zurückkehrten, hatte unser Ober den ersten Teil der Bestellung gebracht: für die Eltern ein Kännchen Kaffee und zwei Tassen – ähm, mit Kaffee. Keine leeren, wie es Sinn gemacht hätte und wie bestellt worden war. Wir nahmen es mit Humor: “Da hätta wohl eenfach mal n bissjen oofmerksamer die Löffel uffsperrn solln, als wa bestellt hattn, statt hier so arrojant rumzuhampeln”, witzelte meine Mutter in feinstem Berlinerisch.
Der Kuchen kam, ich war zufrieden, aber meine Mutter war jetzt richtig in Fahrt: Die Kirschfüllung bestand aus zu viel Gelee statt richtigen Kirschen, die Creme war zu fettig und überhaupt schmeckte das Teil “wie Diätkuchen”. Als Nächstes fing mein Vater an, am Kaffee herumzumosern – “ni de Welt, viel zu dinne”. Den ungekrönten Höhepunkt aber bildete die Ankunft meiner “heißen Zitrone”. Für die 2,30 €, die ich für das kleine Glas bezahlen sollte, bekam ich ein Instant-Zitronengetränk, wie es aus jedem Uni-Getränkeautomaten läuft, statt einer frisch zubereiteten heißen Zitrone, wie man sie etwa im Scheune-Cafe oder der Planwirtschaft serviert.
Der Bogen war überspannt. “Unmöglich!”, entwich es mir, während ich noch mit dem grauenhaften Geschmack nach lauem Pippi kämpfte. Ein solches Gebräu hätte ich noch nicht mal meinen beiden erkälteten Kollegen angeboten, wie ich später in Gedanken notierte. Immerhin, heiß war es, das Gemisch aus Aromen, Farbstoffen und Vitaminpräparaten.
Mom und Paps schlürften derweil mit angwidertem Gesicht ihren Bohnenkaffee: “Frechheet! Da wird mer ja bei McDonalds besser bedient”, gollte Paps, der als Fernfahrer sonst eher robusten Raststätten-Charme gewohnt ist. Und auch im Pinguin-Eiscafe mit Kantinen-Feeling beim Zoobesuch mit klein-Jack neulich war der Kaffee hundertmal besser – und billiger natürlich.
“Keen Trinkjeld, Lutz, ditt fehlte ja noch”, schnaubte meine Mutter mit tiefbeleidigtem Seitenblick in Richtung Thresen.
Und während mir mein Bauchgefühl empfahl, diesen wenig service- und kundenorientierten Ort so bald als möglich zu verlassen, versprach ein Blick nach draußen in den immer noch vom Himmel herabströmenden Regen wenig Gutes.
Abkassieren kam dann gottseidank nicht unser zappeliger Kellner, sondern eine Kollegin. Bei der einstudierten, beiläufig wirkenden Frage “Und, war alles zu Ihrer Zufriedenheit?” hielt es mich nur mit Mühe auf meinem Stuhl. ‘Immer schön ruhig bleiben’, dachte ich mir, ‘hier kommst du eh nicht wieder her’.
Zu meiner Überraschung entgegnete mein Vater mit unverhohlener Ironie: “Also, wenn Se schon so dirrekt frachen, de weld war das hier nich.” Wie vom Blitz getroffen war die Kellnerin aus ihrer höflichen Gleichgültigkeit erwacht, Kritik hatte es hier anscheinend noch nicht allzu oft gehagelt. Nun wurde auch ich etwas mutiger und mahnte freundlich aber bestimmt an, dass ich laut Karte eine “heiße Zitrone” und kein Instant-Zitronengetränk bestellt hatte.
Mit einiger Belustigung vernahm ich die anschließenden Tipps in Sachen Dosierung der Kaffeemaschine, die mein Vater der sichtlich peinlich berührten Bedienung gab. Meine Mutter warf mir von der Seite einen Blick zu, der Genugtuung verriet. Der Aufruhr war mir unangenehm, ‘nur raus hier’, dachte ich.
Keine fünf Minuten später standen wir wieder auf der Straße, meine Mutter immer noch tief gekränkt ob der “miesen Bedienung” und permanent am Schimpfen über den “unterirdischen Service”, während ich eigentlich die ganze Zeit nur lachen musste. Was soll man sich auch aufregen über die wenig überraschende Entdeckung, dass die Servicewüste ihre öden, sandigen Ausläufer nun sogar schon in die Nobelviertel der Stadt einsickern lässt: Schwarzwälder Kirschtorte von K-Classic, frisch aus dem Tiefkühler, Zitronenpulver zum Aufgießen aus der Drogerie, Kaffee in maximaler Spardosierung und das alles in einem Lokal in exquisiter Lage – das wird die Zukunft sein in einer Welt, die sich noch mal totsparen wird, um konkurrenzfähig zu bleiben.
Im strömenden Regen kämpften wir uns zurück zum Haus der Presse. ‘Na hoffentlich werden die Tweed-Hosen nicht schrumpelig’, dachte ich besorgt beim Anblick meiner schon leicht angefeuchteten, hochgekrämpelten Hosenbeine – immerhin musste ich anschließend noch zur Arbeit.
Der globalisierte, freie Markt hat zusehends ein Klima des Gewinnstrebens und des Überlebenskampfes zwischen den einzelnen Marktteilnehmern geschaffen, das den Grundsatz des “Ehrbaren Kaufmannes” in die Bedeutungslosigkeit verdrängt hat.
Nach der Zwangsübernahme der freenet-Telekommunikations-Kunden durch 1&1, von der ich betroffen war und durch die man zum 1&1-Bestandskunden 2. Klasse mutierte, ohne dagegen etwas unternehmen zu können, ist es nun der Stromanbieter TelDaFax, der einem mit inakzeptablem Geschäftsgebaren den letzten Nerv raubt.
Seit 1. Mai letzten Jahres bin ich nun Kunde bei TelDaFax, denn der alljährliche Stromanbieterwechsel ist aufgrund der unerträglichen Preispolitik der meisten Anbieter fast schon zur Routine geworden. Ich wählte seinerzeit den Tarif 1508, mit 7,04 € Grundpreis (richtet sich nach dem Grundpreis des lokalen Grundversorgers – hier die DREWAG) und 17,71 Cent/Kwh Arbeitspreis. Zudem bot der Tarif ein Jahr lang eine Preisgarantie an, bestand allerdings auch auf einer Mindestlaufzeit von 1 Jahr mit Kündigungsfrist von 6 Wochen zum Laufzeitende. Bei nicht rechtzeitig erfolgter Kündigung verlängert sich die Laufzeit um ein weiteres Jahr.
Es muss dazugesagt werden, dass ich aufgrund struktureller Gegebenheiten (Durchlauferhitzer für Küche und Bad, EBK mit alten Geräten) außerordentlich hohe Stromkosten habe, bislang zahlte ich immer einen Abschlag von 56 € pro Monat bei etwa 3000 kwh Jahresverbrauch.
Nun erhielt ich pünktlich zum Ende der einjährigen Mindestlaufzeit Ende April ein Schreiben von TelDaFax mit der Aufforderung, den Zählerstand abzulesen und dem Konzern online mitzuteilen, damit die Endabrechnung erstellt werden könne. Und – welch Freude: Es stellte sich heraus, dass ich aufgrund des Einbaus eines moderneren Durchlauferhitzers sowie eines neuen Einbauherdes gegen Ende des letzten Jahres meinen Stromverbrauch erheblich hatte reduzieren können – immerhin auf nunmehr moderate 2600 kwh. Es winkt also eine schöne Rückzahlung. Doch die Freude währte nicht lange, denn ein paar Tage später stellte ich fest, dass TelDaFax, statt wie bisher einen Abschlag von 56 Euro, mit einem Mal 63 Euro von meinem Konto abgebucht hatte – einfach so.
Ein Anruf bei der Service-Hotline brachte es ans Licht: TelDaFax hatte mirnichtsdirnichts nach Ablauf der Preisgarantie die Strompreise erhöht und mich in den teuersten TelDaFax-Tarif eingestuft – mit saftigen 20,20 Cent pro Kwh, 2,5 Cent mehr als bisher!
Man behauptete, die Kunden Ende Februar über die bevorstehende Strompreiserhöhung schriftlich informiert zu haben – allein, ein solches Schreiben, welches selbstverständlich unmittelbar Anlass zur Kündigung für mich geboten hätte, hat mich nie erreicht. Folglich sah ich auch keine Veranlassung, meinen Vertrag fristgerecht zu kündigen, was jetzt selbstverständlich nicht mehr möglich ist.
Ich sitze nun also zunächst einmal bis Ende April nächsten Jahres auf einem sauteuren Stromtarif fest, den ich freiwillig niemals akzeptiert hätte. Der Widerspruch ist schon so gut wie geschrieben.
Die Frage, die mich nun umtreibt, ist natürlich: Steckt da System hinter? Werden die Kunden absichtlich von TelDaFax im Dunkeln über bevorstehende Strompreiserhöhungen gehalten, damit nicht vom Kündigungsrecht Gebrauch gemacht wird, um so die lästige Informationspflicht zu umgehen, die der Gesetzgeber vorschreibt?
Und welche Möglichkeiten habe ich nun als Betroffener in diesem Fall? Zum einen stehe ich hier als Stromkunde, der sich um sein Kündigungsrecht geprellt sieht, da er – aus welchen Gründen auch immer – nicht über die bevorstehende Preiserhöhung informiert wurde. Warum macht man so etwas nicht per email, um später einen einwandfreien Nachweis zu haben?
In jedem anderen Fall, in dem ich als Verbraucher in der Informationspflicht stehe (z.B. Kündigungen, Widersprüche usw.), habe ich auch automatisch die Nachweispflicht, sprich, ich muss nachweisen, dass ich den Vermieter, die Versicherung, das Amt oder wen auch immer rechtzeitig und fristgerecht über einen Sachverhalt in Kenntnis gesetzt habe. Deshalb verschicke ich meine Kündigungen oder Widersprüche für gewöhnlich per Einschreiben oder per email. Für meine Begriffe muss TelDaFax nachweisen, dass es ein entsprechendes Schreiben an mich versandt hat. Davon will man dort allerdings nichts wissen.
Und wie bei so vielen Dienstleistungsunternehmen im Call-Center-Zeitalter sind die Strippenzieher im Hintergrund für den gemeinen Verbraucher nicht zu sprechen, muss die Auseinandersetzung über quälend-lange und teure Briefkorrespondenzen sowie eine Service-Hotline ausgetragen werden, bei der der Anruf 20 Cent kostet.
Vielleicht erreicht dieser Artikel ja den einen oder anderen TelDaFax-Kunden, den ich auf diesem Wege bitten möchte, mir Informationen dahingehend zukommen zu lassen, ob er über die letzte Strompreiserhöhung schriftlich informiert wurde, bzw. ob er von einer allgemeinen Strompreiserhöhung bei TelDaFax zum 1.5.2010 weiß.
—————————————————————————————————————————–
Update:
Ich erhielt mit Datum von heute vom TelDaFax-Kundenservice eine Email. Man habe mein Kündigungsgesuch erhalten und nach Rücksprache mit dem zuständigen Fachbereich beschlossen, von der zum 01.05.2010 erhobenen Preiserhöhung auf 20,20 Cent/Kwh Abstand zu nehmen. Stattdessen würde mein Arbeitspreis “weiterhin wie bisher” 17,91 Cent/kwh betragen, ebenso bliebe der Grundpreis in Höhe von 7,04 Euro pro Monat gleich.
Ganz abgesehen davon, dass mein bisheriger Arbeitspreis bislang 17,71 Cent/Kwh betrug, bin ich einigermaßen positiv überrascht vom Entgegenkommen des Stromanbieters, zumal die Reaktion sehr zeitnah erfolgte und ich meinen alten Strompreis praktisch weiterbehalten darf. Da kann man über den kleinen 0,2-Cent-Lapsus gut und gerne mit einem Schmunzeln hinweggehen.
Tipp also an alle ähnlich Betroffenen: Außerordentlich kündigen und auf einem Nachweis der erfolgreichen *Zustellung* der Preiserhöhungsankündigung innerhalb der Fristen bestehen.
Damit stimmt der Haushalt für den Rest des Jahres nun erstmal wieder, und Jane ist zufrieden.
Man kann nur hoffen, dass der Kundenservice weiter in ähnlicher Qualität gewährleistet bleiben bzw. an entscheidender Stelle ausgebaut wird. Dazu zählt für meine Begriffe, die Stromkunden per email und damit relativ zuverlässig über Strompreiserhöhungen zu informieren.
Jeder halbwegs sesshaft gewordene Neustädter wird wissen, was gemeint ist, wenn vom “Russen-Sportplatz” die Rede ist. Das Westareal des Alaunparks, ca. 4 Hektar groß, diente bis zur Wende als Sportplatz für die in den umliegenden Neustädter Kasernen stationierten Sowjetsoldaten. Die letzten Sowjets zogen 1993 aus Dresden ab, das Gelände wurde vom Kampfmittelräumdienst gesichert, die existierenden Gebäude bis auf einige wenige in ihre Bestandteile zerlegt – diese türmen sich dort noch heute in Form loser Platten und Einzelteile. Seit nunmehr 18 Jahren liegt das Gelände brach, bis heute verrotten dort die Überbleibsel der Vergangenheit, bis heute wuchert das Unkraut; und mit dem Unkraut, so scheint es, möchte die Stadt den Mantel des Vergessens über das Areal legen, die Erinnerung an eine Zeit zudecken, die mancher wohl gern aus seinem Gedächtnis tilgen wollte.
Anders kann man sich die nun fast 2 Jahrzehnte dauernde Tatenlosigkeit der Stadt sowie das zermürbende, letztlich zu nichts führende Hickhack um eine Wiederbelebung des Gebietes seitens Parteien, Verbänden und Bürgerinitiativen nicht erklären. Immer wieder taucht das Thema in den Agenden von Ortsbeirats- und Stadtratssitzungen auf – so zuletzt im Dezember 2009 im Ortsbeirat Neustadt -, wusste im kommunalen Wahlkampf 2009 viel Beachtung in der Bevölkerung zu schüren; immer wieder werden Anträge und Anfragen an die Stadtverwaltung und das Land gestellt, immer wieder, so scheint es, versickert das Thema in den Rinnsälen kommunaler Bürokratie.
Wahrlich eine Schande, weiß man doch, dass die Neustadt eines der kinderreichsten Stadtviertel Deutschlands, dicht bebaut und mit verhältnismäßig wenig Grün- und Freiflächen ausgestattet ist. Schon heute treten sich die Menschen auf dem Alaunplatz mit seiner begrenzten Fläche an schönen Tagen fast tot – darunter leiden nicht nur die Menschen, sondern zu allererst auch die Anlage selbst. Im Spätsommer ist vom erquickenden Rasengrün zumindest stellenweise fast nichts als eine erdbraune, kahlgewalzte Wüste übrig geblieben, dank exzessiver und unkontrollierter Nutzung als Bolz-, Grillplatz und für andere raumgreifende Freizeitaktivitäten. Wo sollen sie auch hin? Bis heute gibt es keinen öffentlichen Grillplatz in der Neustadt, keine öffentliche Freizeitanlage mit Spielfeld. Wenn das so weitergeht, wird der Platz als Erholungsoase bald ausgedient haben.
Woran scheitert es also?
Nach Auskunft der Neustadt-Grünen hakt es an einer allgemeinen Kakophonie innerhalb der Kommunikation zwischen Stadt und Land. Die Stadt (in Person der Oberbürgermeister Helma Orosz) möchte nach eigenen Angaben das im Besitz des Landes Sachsen befindliche Areal gerne vom Land kaufen. Das Land Sachsen jedoch will es nach Aussage der Stadt nicht verkaufen. Offiziell behauptet nun aber wieder das Land Sachsen, es läge ihm seitens der Stadt Dresden gar kein Kaufinteresse vor. Wer flunkert hier?
In einem Antwortschreiben der Frau Oberbürgermeisterin Orosz an die anfragende SPD-Landtagsabgeordnete Sabine Friedel vom November 2008 teilte Erstere mit, dass über den Ankauf des Geländes bereits seit 2007 über das Liegenschaftsamt mit dem Land Sachsen Gespräche geführt würden. Als Grund für den stockenden Fortschritt nannte die Bürgermeisterin einen entscheidenden Dissens zwischen Stadt und Land hinsichtlich der Preisvorstellungen.
Angesichts diverser Großprojekte straßen- und gewerbebaulicher Art, die seither in Dresden verwirklicht wurden, frage ich mich ernsthaft, wie es sein kann, dass bei einem dringend notwendigen Projekt zur Aufwertung des Wohnumfeldes eines der pulsierendsten Stadtteile Dresdens ein solches Gefeilsche um den Kaufpreis ausbricht. Wenn das der Grund sein soll, weshalb es in Sachen Russenbrache seit Jahren nicht vorangeht, dann rufe ich hiermit dazu auf, eine Bürgerinitiative zu gründen und notfalls den zur Debatte stehenden Differenzbetrag aus Spendenmitteln aufzubringen, damit dieses Projekt endlich umgesetzt wird.
Dass der Bedarf groß und die Ideen zur Nutzung des Areals vielfältig sind, zeigen Umfragen der Grünen unter Neustädter BürgerInnen:
In meiner Erinnerung präsentierte sich das Gelände zu DDR-Zeiten als bewehrte Bastion, umgeben von Steinmauern, teils mit Stacheldrahtaufsatz, und mit einem eisernen Tor samt Ausfahrt zur Südseite hin. Diese fremdelnde Abwehrhaltung zog uns Kinder magisch an, in großer Zahl lungerten wir oft an oder in der Nähe der Mauer herum und suchten Kontakt zu den Soldaten.
Auf dem Gelände selbst, auf welches man entweder von der Nordseite, von der Tannenstraße aus, oder bei Erklimmen der Mauern einen Blick werfen konnte, befanden sich ein ziemlich erbarmungswürdiges Ballsportfeld mit provisorischer Laufbahn ringsherum, ein schmuckloser Plattenbau – wohl Verwaltungsgebäude -, diverse lagerähnliche Anbauten sowie in der nordöstlichen Ecke, unterhalb der Tannenstraße, ein paar Stallungen mit Schweinen und Hühnern. Auf dem restlichen Gelände boten ungeordnete Haufen von Baumaterial, diverse Armeefahrzeuge und Gerätschaften ein reichlich chaotisches Bild.
Fragte man mich, wie ich die Brache nutzen wollen würde, kämen mir einige der im obigen Video bereits vorgeschlagenen Dinge ebenso in den Sinn: Ein Fußball- und ein Beachvolleyball-Feld etwa, ein Schwimmbad oder auch einfach nur eine schön gestaltete Parklandschaft mit Spielplatz und Feuerstelle.
Eines jedoch schwebt mir vor, was noch nie wirklich jemand im Zusammenhang mit der Neugestaltung des Geländes vorschlug: Ich tue mich schwer mit dem Gedanken, die Vergangenheit mit jeder Menge neuer Farbe und modernen Chics zuzudecken und zu übertünchen. Ich fände es spannend und sinnvoll, Erinnerungen, Fundstücke und Informationen über die einstige Präsenz der sowjetischen Besatzungstruppen zusammenzutragen und in einer Art Lehrpfad oder Ausstellung dem kollektiven Gedächtnis zu übergeben.
Ich blogge nun bald ein Jahr und mache mir zurzeit verstärkt Gedanken über die charakter- und wesensverändernden Einflüsse der weitgehenden Anonymität, die das Internet den Surfern weltweit im Umgang mit ihren Mitmenschen bietet.
Diese Anonymität, so scheint es, verleitet einerseits dazu, Grenzen zu überschreiten, Dinge zu tun oder zu sagen, die man von Angesicht zu Angesicht mit anderen wahrscheinlich vermeiden würde – aus Unsicherheit oder gar Angst ob der Reaktion des anderen, die mir schaden könnte, aus Anstand, aus anerzogener Normenkonformität.
Im Internet sieht man die Reaktionen des anderen nicht, ja in den meisten Fällen kennt man das Gegenüber nicht einmal. Man muss allerhöchstens verbale Wutausbrüche fürchten, während die eigene physische Unversehrtheit garantiert bleibt, wie sehr so mancher vielleicht auch provoziert und über die Stränge schlägt.
Man sieht aber auch nicht, was man unter Umständen in einem sensiblen Menschen auslöst, erfährt nichts über dessen Gedanken, Ängste oder Frustrationen. Das Internet bietet jedem, der es braucht, weitestgehend konsequenzlosen Release – es erleichtert das Aufbauen gesichtsloser Freund- oder Feindbilder, an denen man Frustrationen, Hassgefühle oder auch Sehnsüchte abarbeiten kann, ohne schlechtes Gewissen, ohne Verantwortung tragen zu müssen.
Andererseits fördert das Internet somit aber auch das Entwickeln von äußerst unsozialen Wesenszügen: Wer regelmäßig die unendlichen Weiten virtueller “Liebe” durchstreift, sich in den unpersönlichen, namenlosen, auf bloße Befriedigung von Trieben ausgerichteten Porn-Clips verirrt, der wird unter Umständen Probleme bekommen, im real life eine Partnerschaft zu führen, zu der eben weit mehr gehört, als der bloße Akt – so sensationell er auch immer sein mag.
Wer regelmäßig im Internet mit Freude verbal Unbekannte aufmischt – sei es als Stalker in sozialen Netzwerken oder als Troll in Chat- und Diskussionsforen, der nur darauf bedacht ist, zu stören und andere zu verletzen -, der wird unter Umständen Schwierigkeiten bekommen, anderen Menschen im real life rücksichtsvoll, höflich und tolerant zu begegnen. Denn was bleibt, ist die mangelnde Sensibilität für das, was man in anderen durch sein Tun auslöst. Ich glaube einfach nicht, dass man Sensibilität ein- und ausschalten kann, wie eine Lampe. Feinfühligkeit ist etwas, das man entweder erlernt und weiterentwickelt, erlernt und wieder verlernt oder aber niemals erlernt.
Wie kommt es zu diesen Reflektionen über das Internet und seine Auswirkungen auf das Wesen eines Menschen? Offen gestanden habe ich mich aus aktuellem Anlass gefragt, was Menschen dazu bewegt, sich destruktiv an Diskussionen zu beteiligen, die andere mühsam und mit viel Arbeit versuchen, aufzubauen.
Ich habe mich des Weiteren gefragt, warum ausgerechnet jene Menschen zumeist gerne ein Maximum an Anonymität wahren wollen – z.b., indem sie sich unter Mehrfach-Accounts oder mit gefaketen email-Adressen in Diskussionsforen und Blogs anmelden: Feigheit? Kriminelle Energie? Oder vielleicht ein Nicht-Wahrhaben-Wollen der eigenen dunklen Charakterzüge, ein sich als Privatmensch – liebevolle(r) FreundIn, Ehemann/-frau, Vater/Mutter – abspalten-Wollen vom 2. Ich, das anderen gerne Schaden zufügt, um irgendetwas zu kompensieren?
Zumindest durfte ich da in den letzten Monaten einen unmittelbaren Zusammenhang beobachten. Es sind zumeist jene Poster, die sich hier mit verschiedenen Pseudonymen und ungültigen email-Adressen anmelden, die ein umso farbenfroheres im negativen Sinne und direkt gegen die Person gerichtetes Vokabular benutzen, die pöbeln, beleidigen und einem ihre Verachtung für den anderslautenden Standpunkt entgegenschreien. Oft frage ich mich, ob sie zum gleichen Thema ihrem Chef ebenso gegenübertreten würden.
Angesichts der Entwicklung des Stellenwertes, den das Internet im Leben der Menschen zunehmend einnimmt, bin ich geneigt, zu warnen. Davor, zu vergessen, dass man es auch im Internet immer mit Menschen zu tun hat, mit Menschen aus Fleisch und Blut, mit Gefühlen und Emotionen. Und auch, wenn man die Menschen nicht kennt, denen man im Netz über den Weg läuft, man trägt eine Verantwortung für sein Tun ihnen gegenüber. Und letztlich hat man auch eine Verantwortung sich selbst gegenüber – wer möchte schon gern ein Ignorant sein, der unfähig ist, Respekt und Toleranz gegenüber seinesgleichen zu empfinden und immun gegen die Verletzlichkeit anderer? Ein wahrlich armer Wicht, wem das egal.
Schwarz-Gelb in NRW ist seit gestern Geschichte. In jenem Land mit der langen sozialdemokratischen Tradition seit 1980, die erst nach dem Debakel von Rot-Grün im Bund einen Knacks erhielt und die christlich-liberale Koalition erst ermöglichte.
Man konnte den Stein förmlich plumpsen hören, der Hannelore Kraft (SPD) gestern vom Herzen fiel – endlich seien die Sozialdemokraten wieder da; unüberhörbar war auch das Siegesgeheul der Grünen – Steffi Lemke und Claudia Roth konnten ihre Schadenfreude gegenüber dem unter fernerliefen gelandeten FDP-Kandidaten Christian Lindner kaum verbergen und zogen kräftig vom Leder. “Gezeigt” habe man’s denen, “mehr als einen Warnschuss” für die Bundeskoalition hätte es gesetzt, und überhaupt wäre man an Stelle der Unterlegenen “am Boden zerstört”. Grund zur Freude hatten die Grünen indes in der Tat, hatte man doch mit 6% Stimmenzuwachs den größten Sprung nach vorne gemacht.
Und nachdem man im Wahlkampf tunlichst darum bemüht war, der ungeliebten Linkspartei die kalte Schulter zu zeigen, ohne jedoch den Ypsilanti-Faux-Pas zu wiederholen und Gespräche oder eine Koalition vollends auszuschließen, gehen zumindest die Grünen nun schon ganz unverhohlen auf Kuschelkurs mit dem kleinen Bruder am linken Rande – meines Erachtens nach logisch und auf der Hand liegend, denn in den Schlüsselpositionen Kernkraft, Studiengebühren, Umwelt, Soziales weisen sowohl SPD, Grüne als auch die Linken weitestgehende Übereinstimmungen auf.
Insgesamt können Rot und Grün momentan fast schon froh sein, dass die Linkspartei es auf Anhieb in den nächsten Landtag geschafft hat – denn ohne diese säßen sie jetzt einigermaßen in der Patsche: Die rot-grünen Stimmenverhältnisse allein reichen nicht aus für eine stabile Mehrheit.
Was aber zeigt uns dieses Wahlergebnis nun? Die Menschen sind unzufrieden mit der bisher von CDU und FDP geführten Regierung – sowohl in NRW als auch im Bund. Die seit Beginn des Jahres unbeirrt anhaltende Talfahrt der FDP setzte sich hier zwar nicht merklich fort, allerdings zählte die FDP bislang ohnehin in NRW eher zu den kleineren Lichtern. So traf der Volkszorn hier hauptsächlich Rüttgers Rumpel-CDU, die es sich mit der Einführung der Studiengebühren und auch aufgrund ihrer verheerenden Bundespolitik bei den Bewohnern des größten deutschen Bundeslandes gründlich verscherzt hat.
Das Ergebnis zeigt also zunächst deutlich den Wunsch nach einem Politikwechsel – weg mit Schwarz-Gelb.
Doch es zeigt auch die Rat- und Ahnungslosigkeit weiter Teile der Bevölkerung: wen wählen stattdessen? Die FDP, zur Bundestagswahl nach Schwarz-Rot noch der Profiteur der frustrierten und ratlosen Bundesbürgerschaft, kam nun als Alternative nicht mehr infrage. Hm, was machen wir da? Richtig! Grün hatten wir schon lange nicht mehr, und ganz links gibts da ja auch noch so ne neue Partei. Die soll zwar irgendwie früher mit der SED…, ach wurscht. Und nicht zuletzt schwollen auch die Stimmen für die Splitterparteien merklich an, allein die Piratenpartei vereinte 1,5% der Stimmen auf sich.
Deutschland wählt emotional und wenig rational – auch wenn die Emotionen in NRW dieses Mal in die meiner Ansicht nach richtige Richtung ausschlugen. Bei der nächsten Wahl kann das schon wieder anders aussehen, wenn es Rot-Rot-Grün, das sich immer mehr abzeichnet, nicht gelingen sollte, die aufgrund der inkompetenten Bundeskrisenbewältigungspolitik klammen Mittel halbwegs gerecht auf Land und Kommunen zu verteilen. In einem Bundesland, in dem 70% aller Kommunen den Eulenstempel auf der Stirn tragen, gar nicht so einfach. So weit, dass eine nennenswerte Zahl der Wähler sogar so viel Weitblick mitbrachte, mit ihrer Stimme auch die schwarz-gelbe Politik des sozialen Kahlschlages im Bund angreifen zu wollen, würde ich derweil nicht gehen wollen. Dennoch hat das Ergebnis dies zur unmittelbaren Folge, denn aufgrund des Verlustes der schwar-gelben Mehrheit im Bundesrat dürfte es von nun an erheblich schwieriger werden für Schwarz-Gelb, Gesetzesinitiativen, die auch die Länder betreffen – so z.B. im Gesundheitswesen – durch den Bundesrat zu bekommen.
Gestern war Walpurgis-Nacht, und im ganzen Lande dürften bei herrlich mildem Wetter die Maifeuer gelodert haben, also hab auch ich mich an ein solches begeben und mit Bekannten gemütlich in den Mai gefeiert.
Alles neu macht der Mai, sagt man ja auch. Und nachdem ich Hexen und böse Geister gestern also gründlich ausgetrieben habe, hoffe ich, dass sich der Rest des Jahres gewogen zeigen wird.
Erinnert sich vielleicht noch jemand an die alte ungarische Volksweise, die wir früher immer an den Lagerfeuern der sozialistischen Jugendfreizeiten gesungen haben? Über den Link kann man eine Audio-Version des Liedes downloaden, die zwar etwas gewöhnungsbedürftig klingt, nach mehrerem Hören – wie ich fand – aber irgendwie sehr schön.
Flackerndes Feuer, Zelte, die träumen
ruhloser Nachtwind fern in den Bäumen.
Schür die Glut
und laß das Feuer nicht verwehen!
Übers Jahr erst werden wir ein neues sehen.
Hoch loht die Flamme, stumm wird die Runde,
Abschied zu nehmen, mahnt uns die Stunde.
Steig’ ein letztes Lied empor,
mein Freund, nun singe,
daß es in die abendstille Weite dringe…
Noch heute kommt mir immer dieses Lied mit seiner seltsam wehmütigen Melodie in den Sinn, wenn ich an einem Lagerfeuer sitze. Interessant ist, dass es im Grunde gar kein sozialistisches Lied ist, sondern ein Volkslied mit Melodie nach Bela Bartok. Und dennoch ist es heute fast vergessen.
Letzte Kommentare