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…Lasst euch gesagt sein, das stetige Streben nach Horizonterweiterung und einer möglichst vollumfänglichen Durchdringung der Komplexität unserer Welt kann bisweilen schon recht ermüdend sein. Schon Nietzsche und Freud dürften diese verdriesliche Erfahrung gemacht haben…
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Also, nicht dass jemand denkt, hier ginge es nicht weiter. Momentan fehlt dem Weidegrund-Leitschaf lediglich die Zeit, um Produktives auch an dieser Stelle zu fabrizieren.
So vieles schwirrt mir im Kopf herum: zum Beispiel, warum ich Joachim Gauck zwar für einen gestandenen Bürgerrechtler und DDR-Vergangenheit-Aufarbeiter halte, als Bundespräsident aber für eine Fehlbesetzung (ebenso wie übrigens Christian Wulff), was ich über die vonseiten einiger ewig Gestriger aus der Union geforderten Intelligenztests für Migranten denke und was über die “Lockerung” der Gaza-Blockade durch Israel und dessen einseitige, interne “Untersuchung” des Überfalls auf eine Hilfsflotte von Ende Mai (der Weidegrund berichtete dazu ausführlich).
Allein, die Zeit fehlt. Meine schreiberischen Qualitäten sind momentan anderweitig voll in Beschlag genommen – was mich ausfüllt und zufrieden und glücklich macht. Fürs Schreiben bin ich halt doch irgendwie geschaffen – es ist wohl eines der wenigen Dinge, die ich wirklich gern tue und auch gut kann (hab ich mir zumindest sagen lassen).
Eine Sommergrippe hat mich zudem jüngst aus den Flip-Flops gehauen – just zum Start der Schönwetter- und der heißen Phase der Fußball-WM. Halsauspinseln statt lecker Caipis im Biergarten vorm Großbildfernseher ist angesagt.
Dann bleibt mir mal alle schön heiter und genießt den Sommer und die spannenden WM-Tage.
Euer Oberschaf (eigentlich klingt Schäfchen ja viel schöner, und passt auch besser…)
[...]
Das israelische Militär droht momentan damit, das irische Frachtschiff “Rachel Corrie”, das sich, mit Hilfsgütern für den Gaza-Streifen beladen, momentan 35 Seemeilen vor der gazanischen Küste befindet, ähnlich gewaltsam zu stoppen wie den Hilfskonvoi vergangenen Montag, wobei 10 Aktivisten getötet wurden. Man habe Kontakt zur Besatzung aufgenommen und versuche, das Schiff mittels Flankierung durch Militärboote zum Abdrehen zu bewegen. Die Besatzung der “Rachel Corrie”, die nach Medienangaben aus 15-20 Mann – darunter die Friedensnobelpreisträgerin Mairead Corrigan-Maguire sowie der ehemalige hohe UN-Vertreter Dennis Halliday – besteht, habe sich jedoch nach Medienberichten geweigert, der unmissverständlichen Warnung Folge zu leisten.
Nun droht Israel mit der Erstürmung des Frachters.
 Die "Rachel Corrie" bringt Hilfsgüter für Gaza.
Die “Rachel Corrie” sollte eigentlich Teil des vergangenen Montagmorgen gewaltsam seitens Israel aufgebrachten Hilfskonvois sein, trifft jedoch mit einiger Verspätung vor Gaza ein. An Bord sind 1000 Tonnen Hilfsgüter für die von der Außenwelt weitestgehend abgeschlossenen Menschen.
Besonders makaber: Das Schiff ist nach der US-amerikanischen Friedensaktivistin Rachel Corrie benannt, die im März 2003 während einer Protestaktion des International Solidarity Movement im damals noch israelisch besetzten Gaza-Streifen von einem israelischen Bulldozer überfahren wurde, als sie versuchte, die Militärs davon abzuhalten, palästinensische Häuser abzureißen, um Platz für israelische Siedlungen zu schaffen. Rachel Corrie war damals 23 Jahre alt. Die Forderung von Öffentlichkeit, Familie und einzelnen Kongressabgeordneten nach einer restlosen Aufklärung der Ermordung Corries wurde seinerzeit im US-Kongress abgeschmettert. Ein 2003 errichtetes Denkmal an der Stelle ihres gewaltsamen Todes wurde zwischenzeitlich von den israelischen Behörden abgerissen.
In Ramallah ist heute eine Straße nach dem jungen Mädchen benannt, das sein Leben gab, um anderen Menschen zu Gerechtigkeit zu verhelfen und dies doch nicht zu erreichen vermochte. Ihre Geschichte kann man sich heute noch in dem Musical “Mein Name ist Rachel Corrie” bzw. im gleichnamigen Hörspiel erzählen lassen.
Vor dem Hintergrund, dass Staaten weltweit die Gewalttat vom Montag verurteilten, vonseiten der UNO eindringlich die Aufhebung der völkerrechtswidrigen Gaza-Blockade gefordert wurde, kann das Vorgehen Israels eigentlich nur noch als diplomatisches Harakiri bezeichnet werden. Sollte es abermals zur Erstürmung eines mit Zivilisten bemannten, unbewaffneten Schiffes einer humanitären Hilfsaktion in internationalen Gewässern kommen, wird sich Israel international gefährlich isolieren. Zumindest muss das die logische Konsequenz für jedes Land sein, das sich die Achtung der Menschenrechte und des Völkerrechtes auf die Fahnen geschrieben hat.
Israel macht einen entscheidenden Fehler, den auch schon andere mächtige Staaten vor ihm machten: Es erklärt einer international immer mehr an Stärke gewinnenden Widerstandsbewegung den Krieg, die, ganz dem Gandhi’schen Ideal vom Streben nach Freiheit und Gerechtigkeit entsprechend, Ziele mittels zivilen Ungehorsams, Gewaltlosigkeit und Solidarität mit den Schwachen erreichen zu wollen, verfährt.
Das Verhältnis zur Türkei ist bereits auf hochwinterliche Temperaturen heruntergekühlt; das Land am Bosporus plant, seinen Außenhandel mit Israel stark einzuschränken und auch sonst seine diplomatischen Beziehungen auf ein Minimum zu begrenzen. Zwischen Israel und Schweden herrscht bereits seit den unsäglichen Antisemitismusvorwürfen Israels in Richtung schwedische Medien und sogar des ganzen Landes im Zuge des israelischen Organhandelskandals, den ein schwedischer Reporter im vergangenen August öffentlich gemacht hatte, Eiszeit.
Und ich fordere im Prinzip auch von unserer Bundesregierung, Israel mit derselben Konsequenz und Nachhaltigkeit zu zeigen, dass man Verstöße gegen internationales Recht und die Menschenrechte nicht hinzunehmen bereit ist, wie man dies Ländern wie dem Iran, Afghanistan oder China regelmäßig zeigt. Hierzu sollten unverzüglich alle Handelsbeziehungen eingefroren werden, die vorsehen, militärisches Material an Israel zu veräußern, sowie sämtliche Geldzuwendungen im Rahmen von Reparationszahlungen und Aufbauhilfe gestoppt werden. Gerade Deutschland spielt hier eine große Rolle als Zugpferd der europäischen Union und hat aufgrund seiner Geschichte eine noch größere Verantwortung als andere Staaten in dieser Angelegenheit.
[...]
Nach dem Überfall auf einen mit Hilfsgütern für den Gaza-Streifen beladenen Schiffskonvoi in internationalen Gewässern durch Israel befürchtet die Staatsführung nun Proteste vor allem der Palästinenser in den besetzten Gebieten sowie der palästinensischen Minderheit im eigenen Land. Im Rahmen des seit 1948 permanent aufrechterhaltenen Notstandes umgeht die israelische Führung nunmehr abermals die ohnehin aufgrund der fehlenden Verfassung nicht eindeutig formulierten Grundrechte und hat in Jerusalem für Muslime den Zugang zum Tempelberg stark eingeschränkt. Am Fuße des Tempelbergs steht eines der großen Heiligtümer der Muslime, die al-Aksa-Moschee. Nun dürfen lediglich noch Frauen und Männer über 40 Jahren die Moschee zum Freitagsgebet betreten, allen anderen wird die Ausübung ihrer religiösen Traditionen untersagt, um sie daran zu hindern, spontane Demonstrationen abzuhalten. Dazu muss gesagt werden, dass es Palästinensern in den besetzten Gebieten grundsätzlich nicht gestattet ist, Demonstrationen anzumelden, auch friedliche nicht.
Demokratie sieht anders aus.
Unterdessen lehnt Israel eine internationale Untersuchung der Überfallsaktion, bei der 10 türkische Aktivisten ums Leben kamen, strikt ab. Stattdessen läuft es, wie von mir schon befürchtet, drauf hin, dass eine israelische Kommission die Untersuchung vornehmen soll, die “von ausländischen Beobachtern” unterstützt werden könne, so Außenminister Lieberman – so lief es auch beim Massaker von Jenin, das durch diese unneutrale “Untersuchung” offiziell zu einer Lappalie herabgestuft wurde.
Ein Land, das nichts zu verbergen hat, verhält sich so nicht – ist das nicht immer die Argumentation Israels im Falle des iranischen Atomprogramms?
Der schwedische Autor Henning Mankell nutzt derweil seine “Lesetour” durch Deutschland, um von den Ereignissen zu berichten, derer er Zeuge wurde. Unter anderem sollen die Israelis der Besatzung seines Schiffes “Sofia” Nassrasierer und Brieföffner als vermeintliche Waffen ausgelegt haben und mehrere Personen mit Elektroschock-Pistolen niedergestreckt haben, obgleich niemand Widerstand leistete. Als Grund für die Verhaftung in Ashdod wurde den Menschen “illegale Einreise nach Israel” genannt – der pure Hohn, denn nach Israel waren sie nicht eingereist, sondern verschleppt worden, sie hatten israelische Gewässer nicht einmal ansatzweise betreten.
Für kommenden Herbst plant Mankell eine erneute Teilnahme an einem ähnlichen Hilfseinsatz – diesmal hoffentlich ohne Blutvergießen.
[...]
Heute möchte ich euch aus aktuellem Anlass ein Blog der etwas speziellen Art vorstellen. Der Initiator war so freundlich, mir zu einem Artikel ein paar nette, aussagekräftige Kommentare dazulassen, was auch der Grund ist, weshalb ich überhaupt auf das Blog “Captain’s Dinner” aufmerksam geworden bin.
Wesentliches Moment des Blogs sind die Verbreitung antideutscher und einseitig-proisraelischer Standpunkte sowie das gegenseitige Zuspielen von Parolen und Schulterklopfern unter seinesgleichen.
Hier in meinem Blog hatte “Cap”, der Initiator von Captain’s Dinner, anlässlich meiner Artikelreihe zum Zwischenfall auf hoher See zwischen israelischen Militärs und einer Flotte mit Hilfsgütern für den Gaza-Streifen den Standpunkt vertreten:
die flotte war doch nur dazu da, einen vorfall zu inszenieren, bei dem israel schlecht weg kommen muß. wasser auf die mühlen antiisraelischer propaganda! tatsächlich haben den vorfall wirklich die sogenannten friedensaktivisten zu verantworten. es ging ihnen definitiv nicht um hilfe, sonst hätten sie ja in einem israelischen hafen anlegen können und ihre ladung nach kontrolle auf dem landweg, wie von der israelischen regierung angeboten, nach gaza bringen können.
In seinem eigenen Blog wird er da noch etwas deutlicher:
ich würde die aktion als geplante provokation einordnen. als einen sorgfältig vorbereiteten zwischenfall zur medialen stimmungsmache gegen israel, bei der tote billigend in kauf genommen wurden.
der gazastreifen steht unter einer blockade des israelischen militärs und ägypten. ankommende waren und hilfsgüter werden an den grenzübergängen kontrolliert. dies dient dem zweck, waffen und kriegswichtige materialien der islamistischen terrororganisation hamas vor zu enthalten. was auf dem landweg durchgesetzt wird, gilt auch für den seeweg. wer glaubt den gazastreifen so erreichen zu können, leidet entweder unter starkem realitätsverlust oder nimmt seine ingefangennahme willentlich in kauf.
Mich erschreckt hier vor allem die Selbstverständlichkeit, mit der angenommen wird, dass die Blockade Israels und Ägyptens rechtmäßig sei, dass beide Staaten irgendein Recht hätten, einen militärisch neutralen, unbewaffneten Hilfskonvoi in internationalem Gewässer anzugreifen, dabei auf un- oder nur notdürftig bewaffnete Menschen zu schießen oder überhaupt ein Gebiet zu besetzen und zu blockieren, das territorial nicht zu Israel gehört. Ebenso schockiert, dass den Aktivisten als einziges Motiv der Wille zur Rufschädigung unterstellt wird, der Wille zu helfen, wird hingegen negiert und anscheinend für völlig ausgeschlossen erachtet.
Völkerrechtler sehen genau in den oben besprochenen Dingen ja das grundliegende Problem israelischer Willkürmaßnahmen begründet. Nicht so unser “Cap”, der den Hilfsaktivisten sogleich noch Militanz und Gewaltbereitschaft andichten will. Einziger Beweis: Ein Foto, auf dem ein Besatzungsmitglied eines Schiffes mit Schwimmweste und einem Ding abgelichtet wurde, das wie eine Gaskmaske aussieht. Die Herkunft des Fotos wird nirgends angegeben.
Weitere Fotos und Videos, auf denen schwammig gezeigt wird, dass Menschen aufeinander einschlagen bzw. mit Gegenständen werfen, sollen beweisen, dass nicht die Israelis die Angreifer waren, sondern die Menschen auf den Schiffen.
Zu so viel zurechtgestutzter Bilderbuch-Rhetorik fällt mir eigentlich kaum noch etwas ein. Selbstverständlich wäre es nie zu einer Schlägerei gekommen, hätte nicht der initiale Überfall des israelischen Militärs in einer Nacht- und Nebelaktion stattgefunden, von dem die Aktivisten doch einigermaßen überrascht wurden. Und selbstverständlich würde auch ich mich mit Händen und Füßen wehren, würden irgendwelche Militanten nachts mein Schiff entern, sich auf mich stürzen und die Kontrolle übernehmen wollen.
Aber natürlich sind alle böse Israel- und Judenhasser, die dem guten “Cap” diese Argumente antragen, und auch die Israel-hassenden Printmedien bekommen ihr Fett weg:
ein paar beispiele für die medialen glanzstücke der israelhasser und eine treffende beschreibung des geschehenen gibt es in dem artikel „aufgebrachte narrenschiffe“ auf dem blog lizaswelt. ergänzen lässt sich das ganze noch um die meinung von so manchem, dass es einem israel mit dieser militäraktion mal wieder sehr schwierig macht mit der solidarität. frei nach dem motto – sind sie wieder selbst am hass gegen sich schuld, diese juden… kennen wa doch auch schon.
Natürlich nicht, ohne diese frontale Breitseite gegen die deutsche Medienlandschaft mit Bild- und Textmaterial aus neutralen, seriösen Quellen zu stützen, wie sich das gehört: in diesem Fall das prozionistische und tendenziell antideutsche Hetzblog Lizas Welt sowie die IDF – das israelische Militär. Gelobt sei Jesus Christus.
Ob Israel die Wahl gehabt hätte, anders zu reagieren? Selbstverständlich nicht, meint “Cap”:
die frage nach einem alternativen vorgehen seitens des israelischen militärs erübrigt sich meiner meinung nach. egal was sie getan hätten, es stand vorher schon fest, dass sie schlecht dabei wegkommen würden.
Ah ja. Und wenn es eh egal ist, was man tut, weil man doch eh immer schlecht dabei wegkommt, könnte man doch eigentlich auch gleich die Atombombe werfen, denn die Welt unterscheidet nicht nach angemessen oder nicht, wenn es “gegen die Juden” geht… Also warum nicht gleich den ganz großen Hammer rausholen.
Ich stehe da zugegeben einigermaßen resigniert vor so viel offen zur Schau getragenem Desinteresse an argumentativer Auseinandersetzung und offenem Unwillen, die eigenen ideologischen Schranken einzureißen und endlich einmal als Mensch gewisses Handeln zu hinterfragen, das zu allererst immer Unschuldige trifft.
Seine Artikel schließt “Cap” denn auch am allerliebsten mit der markigen Aufforderung in Richtung der Feinde ab, sich doch selbst zu begatten.
Wer übrigens als Andersdenkender im Captain’s Dinner gerne Kritik zu den merkwürdigen bis katastrophalen Veröffentlichungen dort kundtun möchte, der sei gut beraten, dies möglichst fäkalartikulativ und niveaulos zu tun. Am besten mit farbigen Schimpfworten um sich werfen und so richtig schön beleidigen:
du hurensohn! was schreibst du für scheiße! fick dich und deine zionoistischen freunde!
Wie im oben verlinkten Captain’s-Dinner-Artikel veröffentlicht.
Der Vorteil: Diese Kommentare schaffen es wenigstens durch die Blog-interne Zensur, vermutlich, weil sie sich schön für Gegenoffensiven und als anschauliche Exemplare für die vermeintliche Niveaulosigkeit der “Gegner” eignen. Auch überfordern sie die eigentliche Zielgruppe der Gleichgesinnten nicht mit allzu viel Neuem, Unbekanntem oder bislang Ignoriertem, mit dem man sich dann notgedrungen herumschlagen müsste, will man nicht das Gesicht verlieren. Wer hingegen sachlich argumentiert, um Fehlschlüsse und Ungereimtheiten offenzulegen oder Inhalte zu hinterfragen, der landet bei Captain’s Dinner im Spamfilter:
Sorry, Ihr Kommentar wurde von dem Spamfilter dieses Blogs als Spam markiert. Dies mag ein Fehler sein, in diesem Fall bitten wir höflichst um Verzeihung. Ihr Kommentar wird dem Blog-Administrator vorgelegt, der ihn unverzüglich freischalten kann.
Sie können den Blog-Administrator per E-Mail darüber in Kenntnis setzen.
Auseinandersetzung außerhalb der strengen ideologischen Denkvorgaben unerwünscht, wie es mir bislang in den meisten prozionistischen Blogs widerfahren ist, so unter anderem bei der antiislamisch-prozionistischen Hetzpostille Nr. 1, Politically Incorrect, wo ich schon nach dem ersten kritischen Posting (sachlich-argumentativ!) gesperrt wurde, während meine Blogeinträge hingegen bisweilen “lobend” erwähnt werden, ohne dass ich die Möglichkeit der Richtigstellung dort hätte, Letters from Rungholt, wo ich trotz sachlicher und möglichst wertungsfreier Argumentation von den dort versammelten Diskutanten beschimpft und in die antisemitische Ecke gestellt wurde, und anderen, die Diskussionen von inhaltlichem Wert zumeist unterbinden.
Anmerkung: Den Vorwurf der Zensur widerrufe ich hiermit. Es hat sich herausgestellt, dass der Blogbetreiber wohl lediglich technische Probleme hatte. Meine Postings wurden mittlerweile freigeschaltet.
[...]
Das weltweit operierende Netzwerk der Umwelt- und Friedensaktivisten, Avaaz.org, hat nach den neuerlichen Verstößen Israels gegen Völker- und Menschenrechte eine Petition online gestellt, die in Reaktion auf dieses Vorkommnis eine objektive und neutrale Untersuchung und restlose Aufklärung des Vorfalls, rechtliche Konsequenzen für die Verantwortlichen sowie ein Ende der unmenschlichen und völkerrechtlich unhaltbaren Blockade des Gaza-Streifens fordert.
Die Petition soll nach Auskunft von Avaaz.org an die UNO sowie führende Politiker der Weltnationen übergeben werden, sobald mehr als 200.000 Unterschriften eingegangen sind.
Die Resonanz ist bislang überwältigend: Seit die Petition gestern online gestellt wurde, haben etwa 300.000 Menschen unterzeichnet und damit ihr Mitgefühl und ihre Solidarität mit den Unterdrückten und Entrechteten im Gaza-Streifen sowie mit den Angehörigen und Freunden der Opfer des Überfalls vom Sonntag ebenso wie ihren entschiedenen Protest gegenüber einer menschenverachtenden Politik der militärischen Oppression, des willkürlichen Rechtsbruches und der schleichenden Landnahme seitens Israel zum Ausdruck gebracht.
Avaaz.org schreibt dazu:
Liebe Freundinnen und Freunde,
Israels tödlicher Angriff auf den Hilfskonvoi für den Gaza-Streifen schockiert die Welt.
Es ist ein empörender Einsatz von tödlicher Gewalt, um damit eine empörende und tödliche Politik zu verteidigen — Israels Blockade des Gaza-Streifens, wo zwei Drittel der Familien nicht wissen, wie sie ihre nächste Mahlzeit finden.
Die UNO, EU, USA und beinahe alle Regierungen und multilateralen Organisationen haben Israel aufgerufen die Blockade zu beenden und, jetzt sofort, eine umfassende Untersuchung des Angriffs auf den Hilfskonvoi einzuleiten. Doch ohne den massiven Druck von ihren Bürgern, werden unsere Entscheidungsträger ihre Reaktion auf bloße Worte begrenzen — wie schon so viele Male zuvor.
Lasst uns nun einen unüberhöhrbaren Protestruf aussenden – Schliessen Sie sich dem Ruf nach einer unabhängigen Untersuchung der Kommandoaktion und einem sofortigen Ende der Blockade des Gaza-Streifen an. [...]
Viele von uns teilen den selben Traum: Zwei Staaten, Israel und Palästina, die Seite an Seite friedlich zusammenleben. Doch die Blockade und die andauernde Gewalt verhindern diese Vision. In der angesehenen Zeitung “Haaretz” schreibt ein Kolumnist an seine Mitbürger: “Wir verteidigen nicht länger Israel. Wir verteidigen die Blockade. Die Blockade selber wird zu Israels Vietnam.”
Tausende von Friedensaktivisten verurteilen den Angriff und die Blockade in Israels Straßen, von Haifa und Tel Aviv bis nach Jerusalem — und schliessen sich Protesten auf der ganzen Welt an. Unabhängig davon, welche Seite den ersten Schlag versetzte oder das Feuer eröffnete (Das israelische Militär behauptet, es habe nicht mit der Gewalt begonnen), Israels Regierung sendete bewaffneten Spezialeinheiten in Hubschraubern, um einen Hilfskonvoi in internationalen Gewässern anzugreifen. Die Aktivisten auf den Schiffen wollten Medikamente und Hilfsgüter nach Gaza bringen, einige haben dies mit ihrem Leben bezahlt.
Wir können diese Tragödie nicht rückgängig machen. Doch wir können diesen düsteren Moment in einen Wendepunkt verwandeln und mit vereinter Stimme für Gerechtigkeit und Frieden einstehen.
Hoffnungsvoll,
Ricken, Alice, Raluca, Paul und das ganze Avaaz Team
QUELLEN:
Live-Reportage von Al Jazeera (auf Englisch):
http://blogs.aljazeera.net/middle-east/2010/05/31/live-coverage-israels-flotilla-raid
Empörung über Israels tödlichen See-Angriff:
http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,697703,00.html
und
http://www.faz.net/s/RubB30ABD11B91F41C0BF2722C308D40318/Doc~E77C1BB90592A4941828AECF1874AB00A~ATpl~Ecommon~Sspezial.html
“Der zweite Gaza-Krieg: Israel verlor auf See” – Bradley Burston, Ha’aretz (auf Englisch – Originalzitat)
http://www.haaretz.com/blogs/a-special-place-in-hell/a-special-place-in-hell-the-second-gaza-war-israel-lost-at-sea-1.293246
Analyse zur Gewaltanwendung aus Sicht der Israelischen Armee (IDF), Debka-Reporter mit Verbindungen zum israelischen Geheimdienst:
http://debka.com/article/8824/
Humanitäre Lage in Gaza katastrophal :
http://boell.de/weltweit/nahost/naher-mittlerer-osten-5810.html
70 Prozent der Familien leben von weniger als einem US-Dollar am Tag:
http://www.aerzte-ohne-grenzen.at/hilfseinsaetze/artikel/details/anhaltende-not-in-gaza/
Analyse über die politischen Konsequenzen des Angriffs:
http://www.sueddeutsche.de/h5n38f/3374025/Gestoerte-Beziehung.html
Jeder, der zumindest passiv etwas gegen das Leid der Menschen im Gaza-Streifen und die nicht zu tolerierende Politik Israels in Palästina tun möchte, die den Menschen hier im Westen stets zynisch als Verteidigungs- und gar Friedenspolitik verkauft wird, kann die Petition durch kurze Anmeldung und Signatur per email-Adresse unter oben angegebenem Link unterzeichnen und somit ein Zeichen setzen.
Ich möchte auch nochmals klipp und klar sagen, dass es hier überhaupt nicht darum gehen kann, antijüdische Ressentiments zu bedienen. Ein Ende der Gewalt im Nahen Osten und ein baldmöglichst hergestellter gerechter Friedenszustand kämen ALLEN Menschen, sowohl in Palästina als auch in Israel, zugute. Ich weiß von vielen jüdischen Israelis, die des seit 60 Jahren bestehenden Ausnahmezustandes in ihrem Land sowie der Gewissheit, Bürger eines Staates zu sein, der nach ethnischen Aspekten abwägt, für wen Grundrechte gelten und für wen nicht und der sich nach außen wie ein totalitärer Militärstaat verhält, ebenso überdrüssig sind, wie ihre Brüder auf der anderen Seite der Mauer.
Wer hingegen die Frage der Positionierung im Nahostkonflikt auf die Frage: “Für uns oder gegen uns?” bzw. “Israel-Freund oder Israel-Hasser?” oder gar “Philosemit oder Antisemit?” reduziert, dem geht es nicht um Menschen und Lösungen, sondern um die Verteidigung eines ziemlich kranken Weltbildes.
[...]
Weil ich gestern gefragt wurde, wie ich eigentlich zum Rücktritt unseres Herrn Bundespräsidenten stehe und diesem “einschneidenden Erlebnis” doch ein paar Zeilen hätte widmen sollen, hier nun meine Antwort:
Ich habe von gestern Nachmittag an keinen Radio- und keinen Fernsehsender einschalten sowie kaum ein Nachrichtenportal oder Blogspot aufrufen können, ohne dass es deftig “Geköhlert” hätte, wie es ein Kollege von mir ausdrückte. Vom Ersten bis zum Zweiundvierzigsten, von Ost nach West, vom Nachmittag bis Mitternacht menschelte es “Bestürzung”, “Bewegung” und Kritik – Köhler als vorbildlicher Bundespräsident, der “immer nahe bei den Menschen” gewesen sei, Köhler als Weichling, der “nicht kritikfähig” sei und sich aus seiner Verantwortung stehle, sobald es kritisch würde; es hagelte von allen Seiten bis tief in die Nacht Porträts, Kommentare und Nachrufe – bis ich mir irgendwann nicht mehr sicher war, ob Horst Köhler nicht vielleicht doch verstorben war.
Das ist er natürlich glücklicherweise nicht. Was ich aber damit sagen will, ist, dass ich das Ausmaß des Aufrisses um seine sicherlich taktische Entscheidung nicht recht begreifen kann. Es wird einen Nachfolger geben, der das naturgemäß blasse Amt des Bundespräsidenten ebenso wenig über die Verfassungsgrenzen hinaus mit Leben und Farbe wird füllen können wie Köhler und seine Vorgänger. Deshalb werde ich mich zum Thema auch ganz bewusst kurz halten.
Mir fehlt einfach die Portion gekünsteltes Pathos, in einem Bundespräsidenten etwas Besonderes zu erblicken, der im Grunde nur das wiederholt, was alle anderen Politiker seit eh und je praktizieren: Wirtschafts- und strategische Interessen rechtfertigen eben manchmal auch todbringende Kriegseinsätze, na klar! Manche mögen darin Courage erblicken, ich dagegen empfinde es als Kapitulation vor Macht- und Herrschaftsstreben.
[...]
Diesen Kommentar vom Vorstandsvorsitzenden der Organisation “Jüdische Stimme für einen gerechten Frieden in Nahost”, Rolf Verleger, dessen Engagement für die von Israel illegalerweise aufgebrachte Gaza-Hilfsflotte im gestrigen Artikel zum Thema von mir bereits eingehend Erwähnung fand, bekam ich gestern von einem aufmerksamen Leser zugemailt. Ich denke, dass er – trotz allen darin enthaltenen Zynismus’ – den Nahostkonflikt und die gängigen Argumentationsmuster zur Rechtfertigung der dauerhaften Besatzung Palästinas durch Israel recht gut veranschaulicht und auch die Tücken und fatalen Trugschlüsse deutlich macht, die diese in sich trägt.
Der Text stammt von Anfang Januar 2009, wurde also unter dem Eindruck des verheerenden Gaza-Krieges Israels verfasst – seinerzeit war Verleger noch Mitglied des Zentralrates der Juden.
Was würden Sie tun – so schrieb am 31.12. die israelische Geschichtswissenschaftlerin Prof. Fania Oz-Salzberger in der FAZ – wenn Ihr Nachbar immerzu Steine und Molotowcocktails auf Ihre Wohnung wirft? Würden Sie nicht irgendwann zum Gewehr greifen, um diesem Treiben ein Ende zu machen? Und wenn sich der Nachbar mit seinen Kindern umgibt, damit Sie ihn nicht treffen, würden Sie dann nicht irgendwann ein Gewehr mit Zielfernrohr nehmen?
Just so wie dieser Nachbar verhalte sich die Hamas in Gaza, wenn sie israelische Städte mit ihren Sprengstoffraketen beschieße. Daher sei der jetzige Krieg Israels gegen Gaza ein gerechter Krieg.
Ich bin Frau Oz-Salzberger für dieses Beispiel mit dem Nachbarn sehr dankbar. Denn daran kann man vieles anschaulich klarmachen. Nennen wir der Einfachheit halber Sie und Ihre vom bösen Nachbarn so gemein terrorisierte Familie die Hausbesitzer und betrachten nun die merkwürdigen Verhältnisse im Wohnblock. Die Nachbarswohnung ist Gaza.
1) Sie haben vor drei Jahren dem Nachbarn die Schlüssel abgenommen
Ohne Ihre Zustimmung als Hausbesitzer darf die Nachbarsfamilie nicht aus ihrer Wohnung heraus, weder zum Arbeiten noch zum Studieren noch zum Verreisen noch zum Einkaufen. Ohne Ihre Zustimmung als Hausbesitzer bekommt der Nachbar keine Post, nichts zu essen, keinen Strom, kein Gas und keinen Besuch: Die Wohnung ist abgeschlossen, Sie als Hausbesitzer haben den Schlüssel, und der böse, böse Nachbar ist eingeschlossen. Und zwar seit 2006, seit fast drei Jahren.
Da bekam der böse, böse Nachbar eine Wut.
Der Fehler des bösen, bösen Nachbarn und seiner Freunde im anderen Wohnblock: Diese Leute haben die falsche Partei gewählt.
Dabei waren Sie doch so nett zu dem Nachbarn gewesen, dass Sie vor vier Jahren, 2005, freiwillig von seinem Balkon mit Seeblick ausgezogen waren, den Sie ihm mal früher abgenommen hatten. Allerdings eines Blickes oder Wortes gewürdigt hatten Sie diesen Typen bei Ihrem Auszug natürlich auch nicht. Und die Balkonmöbel haben Sie demoliert. Wo kommen wir denn da hin, wenn wir mit unseren Nachbarn reden würden?
Da bekam der böse, böse Nachbar eine Wut.
2) Sie haben vor zwei Jahren dem Nachbarn eine Schlägergang geschickt
Sie und Ihre nordamerikanischen Freunde vom Hausbesitzerverband hatten 2007 eine Schlägertruppe in der Nachbarswohnung einquartiert, die Mohamed-Dahlan-Gang. Die sollte dem bösen, bösen Nachbarn die Wohnung wegnehmen. Gemeinerweise wehrte sich der Nachbar gegen diesen Putsch. Da waren Sie ganz schön sauer. Danach haben Sie allen weiszumachen versucht, der böse, böse Nachbar habe nun ohne jeden Grund gewaltsam die Macht in seiner Wohnung übernommen und sei dazu nicht legitimiert. Sie waren selbst überrascht, wie viele Journalisten diese Lüge gerne verbreitet haben. Bei Silke Mertins aus der taz war es ja vielleicht noch zu erwarten, aber dass auch Torsten Schmitz von der Süddeutschen diesen Unsinn schreiben würde, war verblüffend.
Da bekam der böse, böse Nachbar eine Wut.
3) Sie haben dem Nachbarn die Betriebskosten der Wohnung nicht korrekt abgerechnet.
Seit Jahren werden die der Wohnungs-Autonomiebehörde zustehenden Zölle und Abgaben nicht termingerecht und vollständig ausgezahlt.
4) Sie haben schon viele Personen aus der Nachbarswohnung umgebracht.
Das war im Jahre 2006. Es waren Hunderte Tote. Übrigens war dies ein Auslöser des Libanonkriegs, da die Hisbollah für diese Taten an Israel Vergeltung üben wollte.
5) Sie haben dem Nachbarn schon lange sein Auto weggenommen.
Der Nachbar hatte mal einen Flughafen – gebaut von EU-Geldern. Den haben Sie kaputtgemacht: Böse Nachbarn brauchen keinen Flughafen.
Da bekam der böse, böse Nachbar eine Wut.
6) Sie haben dem Nachbarn seine Arbeit weggenommen.
Der Nachbar ging mal auf Fischfang. Das haben Sie ihm verboten. Er hatte mal Fabriken. Die haben Sie ihm 2006 zerbombt. Er hatte mal Landwirtschaft. Die haben Sie ruiniert, indem Sie den Export verboten haben. Der böse Nachbar, der nur schießen will, soll nicht fischen, nicht arbeiten, nicht Boden beackern: Der böse, böse Nachbar soll auf Sie schießen, damit Sie zurückschießen können.
Das tat er denn auch.
7) Gerichte geben dem bösen Nachbarn Recht
Viele Fachleute für Nachbarschaftsrecht, wie Amnesty International, UN-Experten, Friedensnobelpreisträger haben klar gesagt, dass Ihr Vorgehen als Hausbesitzer gegenüber Ihrem Nachbarn seit Jahren gegen Recht und Gesetz verstößt. Glücklicherweise haben diese Leute keine Polizei, um Recht und Gesetz durchzusetzen. „Wie viele Divisionen hat der Papst?“ spottete Stalin.
Da bekam der böse, böse Nachbar eine Wut.
8 ) Sie vertreiben seit Jahren die Freunde des bösen Nachbarn aus deren Wohnungen
Leider hat der böse Nachbar immer noch Handys und Telefone. Daher erfährt er tagtäglich, wie Sie die Freunde und Verwandten des bösen Nachbarn, die im Wohnblock Westjordanland leben, aus ihren Wohnungen vertreiben. Ein wesentliches Mittel dazu ist die große Wand, die Sie mitten durch den Wohnblock gebaut haben. Denn Sie haben diese Wand, die eigentlich zu Ihrem Schutz dienen sollte, nicht um Ihre Wohnung gebaut, sondern quer durch die Wohnungen dieser Freunde. Was brauchen die auch zwei Wohnzimmer? Eins reicht völlig, im anderen können doch lieber Ihre Freunde wohnen. Und dass die auch in ihrer eigenen verkleinerten Wohnung durch eine Sicherheitskontrolle müssen, bevor sie vom Wohnzimmer ins Bad gehen, da ist doch nichts dabei: Das ganze Leben ist schließlich ein Wartesaal! Und wer dagegen friedlich demonstriert, der bekommt zwar in Deutschland den Ossietzky-Preis, aber zuhause wieder Tränengas, und wenn er Pech hat, wird er wegen Demonstrierens in Putativnotwehr erschossen. Natürlich gingen die Freunde des bösen Nachbarn wegen der Wand durch ihre Wohnung vors Gericht, der damalige deutsche Außenminister, ein bräsiger Mann namens Fischer, nannte dies „nicht hilfreich“, sie bekamen selbstverständlich Recht, aber wieder ist keine Polizei da, die dieses Recht durchsetzt.
Da bekam der böse, böse Nachbar eine Wut.
9) Sie haben dem Nachbarn vor 60 Jahren den Hausbesitz weggenommen
Vor langer, langer Zeit war der Großvater des Nachbarn Besitzer des ganzen Hauses gewesen. Damals sind Ihre Großeltern in das Haus gekommen, verzweifelt, verfolgt, es war ein guter Schutz vor dem Sturm, Sie haben bald auf dem Hof eine Wohnung gebaut, der Hof gehörte ja schließlich keinem, nicht wahr, dass die anderen dann nicht mehr von einer Wohnung zur andern kamen, nun ja, sind ja nur Araber. Gelegentlich kamen ein paar humanistische Spinner vorbei, die hießen Achad ha’Am, Martin Buber, Hannah Arendt, es waren noch ein paar mehr, die sagten, man müsse mit den Hausbesitzern in Freundschaft leben, aber um Marx’ Willen, diese Araber waren doch zu primitiv für den Aufbau des Sozialismus, mit solchen Landpomeranzen kann man nicht Freund sein. Und später als Marx nicht mehr in Mode war, da sagte man um Gottes Willen, diese Araber haben ja die falsche Religion, was wollen die überhaupt hier im Heiligen Hause? Gibt doch genug andere Häuser hier, sollen sie doch dahin.
Und dann, ab 1947, haben Ihre Eltern den Eltern des bösen, bösen Nachbarn die meisten Wohnungen und das ganze Haus weggenommen, als die vor Angst geflohen waren, in Panik vor dem bewaffneten Terror Ihrer Eltern. Und nun leben viele Nachkommen dieser Leute in der einen Wohnung, im dichtest besiedelten Fleckchen der Erde, in Gaza. Ja warum ist es jetzt nur so dicht besiedelt?
Da bekam der böse, böse Nachbar eine Wut.
Und so sagte die deutsche Bundeskanzlerin und auch Frau Prof. Oz-Salzberger: Die Alleinschuld an diesem Krieg hat nur der böse, böse Nachbar.
10) Nachwort.
Als die ersten jüdischen Zionisten um 1890 in das heutige Israel kamen, da waren sie auf der Flucht vor Diskriminierung im Zarenreich, vor Brandschatzung und Ermordung in Pogromen, auf der Suche nach einem freien, selbstbestimmten Leben, das ihnen in ihrer alten Heimat nicht ermöglicht wurde. Dies war nicht ein Konflikt von Gut gegen Böse, sondern der Streit um ein Stück Land, das den palästinensischen Arabern Heimat war und den Einwanderern als einzig mögliche Heimat erschien.
Gewonnen hat diesen Streit die jüdische Seite, um den Preis des ständigen Kriegszustands. Jedoch der Friedensplan liegt längst auf dem Tisch. Dieser besteht in der Zwei-Staaten-Lösung auf den Grenzen von 1967, in einer einvernehmlichen Regelung des Problems der palästinensischen Flüchtlinge, in einer einvernehmlichen Regelung über Jerusalem. Dies haben die Mitgliedsstaaten der arabischen Liga Israel 2002 vorgeschlagen und in jüngster Zeit nochmals bekräftigt. Israel ist damit nicht einverstanden, weil Israel sich nicht entscheiden kann, ob es das widerrechtlich besetzte Land im Westjordanland nicht lieber behalten und erweitern will. Solange Israel nicht sagt, ja, wir wollen lieber Frieden, wir geben das Besatzungsregime auf, so lange wird es keinen Frieden geben.
Die Position Deutschlands in diesem Konflikt ist zwiespältig. Aber kann die Tatsache, dass wir europäischen Juden Opfer eines von Deutschland verübten großen Unrechts wurden, dem jüdischen Staat das Recht geben, nun anderen Unrecht zu tun? Glauben deutsche Politiker wirklich, es sei eine Wiedergutmachung der Ermordung meiner jüdischen Verwandtschaft, dass nun Israel haltlos und bindungslos alles machen darf, was ihm so gerade einfällt?
Es würde im Gegenteil Israel unendlich gut tun, wenn es aus seiner fantasierten Position, das ewige Opfer zu sein, herausgeführt würde, und wie jeder andere Staat auch fest in das internationale Regelsystem eingebettet würde. Das heißt, dass die widerrechtliche Besetzung des Westjordanlands und die völkerrechtswidrige jahrelange Belagerung Gazas sanktioniert und boykottiert werden müssen. Die EU sollte Israel ebenso an seinen Fortschritten in Beachtung von Völkerrecht und Menschenrechten messen wie die Türkei und Serbien. Die rechtliche Bewertung des Falles Olmert sollte ebenso wie im Fall Milosevic in Den Haag erfolgen.
Rolf Verleger
Der Autor: Prof. Dr. Rolf Verleger ist Psychologe an der Universität Lübeck. Er baute die Jüdische Gemeinde Lübeck und den Landesverband Schleswig-Holstein mit auf und ist seit 2006 Delegierter des Landesverbands im Zentralrat der Juden in Deutschland.
Quelle: hintergrund.de
Zur Vervollständigung: Den von Verleger eingangs erwähnten Artikel von Fania Oz-Salzberger in der FAZ findet ihr hier.
Und zum Abschluss vielleicht noch eine Frage in die Runde, die Frage von Fania Oz-Salzberger direkt aufgreifend: Was würdet IHR eigentlich tun, als aufrechte Demokraten, wenn euer Nachbar euer Grundstück ab und an mit Molotowcocktails oder Steinen bewerfen würde? Würdet ihr ihn und unbeteiligte Mitglieder seiner Familie tatsächlich massakrieren? Sie über Jahre in ihren dunklen Keller sperren? Und glaubt ihr, dass ihr in einem demokratischen Rechtsstaat wie unserem mit solchen Taten ungestraft davonkommen würdet?
Ich sag euch, was ich in einem solchen Fall machen würde. Zunächst mal würde ich deeskalativ vorgehen, mich fragen, ob ich nicht vielleicht doch auf die Bitten des Nachbarn, seine Grundstücksgrenzen nicht ständig zu verletzen und nicht ständig heimlich seinen Pool zu benutzen, sobald er nicht hinguckt, mal eingehen und seinen legitimen Wunsch respektieren sollte. Vielleicht ist der Nachbar ja nur deshalb so wütend, weil er gar keine Gelegenheit hat, sich z.B. auf juristischem Wege gegen meine willkürlichen Rechtsübertritte zu wehren. Es könnte doch sein, dass der dann von ganz alleine aufhört, mit Steinen und Böllern zu schmeißen, wenn ich ihm zeige, dass ich seine Existenz und seine Rechte respektiere. Na? Was meint ihr?
P.S.: Dank an Juergen für die Zusendung des Kommentars.
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