Sonnabend, 18. Februar 2012, um 9 Uhr morgens in Dresden. Ein ruhiger, milder Februarmorgen mit Vogelgezwitscher, der Lust auf Brötchen und Milchkaffee macht. Die Sonne überlegt noch, ob sie sich zeigen sollte. Ein trügerisches Idyll, wie das langsam aufziehende, stetige Brummen eines Helikopters am grauen Himmel unmissverständlich zu verstehen gibt. Das Brummen wird einen wohl durch den Tag begleiten. Seufz.
Draußen im Gesträuch des Hinterhofes huscht etwas Schwarzes umher. Mit entschlossenem Blick und listigem Grinsen klettert ein junger Mann vom Nachbargrundstück über den Lattenzaun. Wie ein Äffchen schwingt er sich gekonnt am Ast des Holunderbusches über das Gatter. Uff, das hat geklappt. Er verharrt für eine Sekunde und lächelt selbstzufrieden. Der Jüngling sieht ein wenig aus wie ein Ninja-Kämpfer, der aus seinem Martial-Arts-Film ausgebrochen ist: Schwarze Schließer-Hosen, bei denen die vielen Taschen anscheinend ein absolutes Muss sind, schwarze Snowboard-Jacke, dunkler Hoody, schwarzer Rucksack. Auf dem Gepäckstück prangt ein Blockade-Aufnäher.
Die Kapuze hat er sich tief ins Gesicht gezogen, ein schwarzer Schal wartet auf Kinnhöhe darauf, den Rest des Gesichts zu bedecken. So trägt man das, wenn man blockieren geht. Auch, wenn es eigentlich gar nichts zu blockieren gibt. Auch, wenn man doch eigentlich “gar nichts macht” und total friedliche Absichten hegt. Wer das Fass am 13. Februar und auch am darauffolgenden Wochenende regelmäßig zum Überlaufen bringt, das sind schließlich die Scheiß-Cops mit ihren Wasserwerfern, ihrem Pfefferspray und ihren Schlagstöcken, die sie morgens schon voller Vorfreude auf das Gemetzel vorwärmen…
Zurück zu unserem jungen Ninja-Kämpfer. Wachsame Blicke um sich werfend, huscht er über den Hof und klettert etwas unbeholfen über die brüchigen Mauerreste, die unseren Hof vom angrenzenden nicht wirklich trennen. Geschafft! Was dann passiert, ist so wohlbekannt wie peinlich. Unser kämpferisch aufgemachter Blockade-Held drängt sich mit gespreizten Beinen in die Mauerecke und pinkelt in den Nachbarhof. Geschafft! Keiner hat ihn gesehen (denkt er), kein Spießer hat gemeckert. Mit triumphalem Grinsen jagt er über Mauern und Zäune zurück. Jetzt ist er gewappnet für was auch immer heute noch kommen mag. Wer so was schafft, der nimmt es auch mit dem grimmigsten aller Gegner auf – seien es Nazis, Polizisten oder hochgefährliche Müllkübel.
Keine fünf Minuten später – der nächste schwarz vermummte Karate-Kid flitzt durch den Garten. Der erfolgreiche Coup seines Vorgängers scheint sich herumgesprochen zu haben: Hier lässt es sich herrlich ungestört urinieren. Wieder bekommen Mauer und Busch im Nachbarhof eine warme gelbe Dusche, der Harnpegel im Boden steigt bedenklich, der Grad der Geruchsbelästigung vermutlich auch. So sehen Helden aus! Der Gang in eine der unzähligen Kneipen mit echten WCs wäre ja auch viel zu uncool, viel zu spackenhaft. Man sucht den Kick. Es könnte ja ein empörter Anwohner ein Fenster öffnen und sich beschweren, und man findet sich mal wieder bestätigt: alles Nazis hier in Deutschland… Wenn heute schon aller Wahrscheinlichkeit nach keine echten Nazis zum Auf-die-Fresse-Hauen zur Verfügung stehen. Morgen früh wird der Hof wohl ein Fall für die Schadstoffsanierung sein.
Der Weg zum Bäcker ist gesäumt mit schwarz gekleideten jungen Leuten. Ihre Kluft ähnelt sich auffallend. Trauern gehen die aber nicht. Sie alle streben Richtung Innenstadt, denn dort beginnt um 11 Uhr der Aufmarsch des Bündnisses Dresden-Nazifrei. Nazis marschieren heute zwar wohl keine durch die Stadt (zumindest ist keine Demo angemeldet), aber absagen is nich. Die Aktionen sind lange vorbereitet, viel Geld da reingesteckt worden, da lässt man sich jetzt von ausbleibenden Nazis keinen Strich durch die Rechnung machen. Und das aufgeregte Blitzen des Adrenalins in den Augen der jungen Wilden lässt sich jetzt auch nicht mehr löschen. Und schließlich hat man ja eine Stadt nazifrei zu bekommen. Psst: Klar ist das bloß ein Vorwand, ein hehres Ziel, unter dessen Deckmantel sich wunderbar die eigenen Ansichten zu Opfern und Tätern des 2. Weltkrieges, zum alliierten Bombenangriff auf Dresden und zu Staat, System, Kapital und Ordnung propagieren lassen. Aber wayne juckt’s?
Am 18. Februar morgens um neun in Dresden.





warst du jemals in deinem leben auf ner demo???
dann verwsch doch mal , wenn de auf ner dmeo bist, in ne kneipe reinzukommen?
wenn dann dort nene haufen polizei davor steht und dich nicht rien lässt.
scheint dir ja aber noch nie passiert zu sein.
zudem wirkolich schade, hättest du nurmal die seite http://www.dresden-nazifrei.de geöffnet udn was durch gelesen, wüsstest du, dass es am 18. eben nicht nur um blockadne gegen nazis ging.
aber wie du schon geschrieben hast, just wayne
Hallo blubbelrord,
Ich lass das Posting trotzdem mal zu, obwohl die E-Mail gefaked ist. Solange der Ton sachlich bleibt, soll es recht sein.
Zu deinem Kommentar:
Ja, ich war schon mal auf einer Demo und nicht nur auf einer. Das Problem ist nur: Zu dem Zeitpunkt, als die kleinen Ninja-Turtles durch meinen Hinterhof flitzten und in die Ecken pullerten, war weit und breit keine Demo. Die Demo begann um 11, die Pinkelattacken fanden um kurz vor 9 statt. Und zu dem Zeitpunkt war hier in der Neustadt noch alles ruhig. Wo liegt eigentlich der Unterschied, ob ich aus einer Demo heraus in eine Kneipe oder in einen Hinterhof gehe, um mich zu erleichtern? Ich würde sogar sagen, in die Kneipe zu kommen ist erheblich leichter, da muss man vorher nicht über Mauern und Zäune kletter.
Und wer weiß, dass er das Wasser über die Dauer einer Demo nicht halten kann, sollte gewisse Vorkehrungen treffen oder eben nicht demonstrieren.
Gegen Nazis? Ja, gegen die gehts doch immer. Egal, obs grade Sinn macht. Auch, wenn sie gar nicht da sind. Ob man die nun physisch oder im Geiste blockiert, das dürfte für die Nazifrei-Leute aufs selbe rauskommen. Und um einem entsprechenden Einwurf zuvor zu kommen: Dass die Nazis ja auch dann da sind, wenn man sie nicht sieht, interessiert das Bündnis Dresden-Nazifrei den Rest des Jahres erstaunlich wenig. Die kommen nur am 13. Februar, wenn die Möglichkeit groß ist, dass es auch wirklich Nazis gibt, auf die man sich stürzen kann.
Ach, soweit ist es schon gekommen, das Inkontinente nicht mehr demonstrieren dürfen? Schäm Dich!
Lesen, lesen, lesen… Ich schrieb was von “Vorkehrungen treffen”. Heißt: In jeder guten Apotheke – und davon gibt es in Dresden einige – gibt es extra-saugfähige Inkontinenzhöschen
Musst du wohl überlesen haben. Macht nix, ist mir auch schon passiert.