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Neujahrsgrüße an Serjoschenka – Krankenakten sowjetischer Soldaten in Kasernenruine aufgetaucht.

Sie lagen einfach da, mitten in einem kahlen, mit Müll und Tierkot verschmutzen Raum in einem vor sich hinrottenden, seit 20 Jahren leer stehenden ehemaligen Kasernengebäude in Königsbrück. Erst traute ich meinen Augen kaum. Schon eine gute halbe Stunde war ich in dem bis 1993 von der Sowjetarmee genutzten Gebäude herumgestiegen, um Fotos zu machen und nach Spuren und Hinterlassenschaften zu suchen, die es wert waren, dokumentiert zu werden. Gefunden hatte ich neben einigen alten Zeitungen bis dato nichts Weltbewegendes. Und fast hätte ich sie übersehen, wenn da nicht die Akuratesse eines säuberlich aufgeschichteten Häufchens Papier gewesen wäre, das mitten im Raum auf dem Fußboden lag und sich irgendwie abhob vom chaotischen Rest aus Büchsen, zerfledderten Tapeten und Glassplittern. Fast sah es aus, als hätte gerade erst jemand den Stapel dort hingelegt – und dann vergessen, ihn wieder mitzunehmen.

Mehrseitige Krankenakte eines sowjetischen Soldaten. Format: DIN A4. Zeit: Februar 1991.

Mehrseitige Krankenakte eines sowjetischen Soldaten. Format: DIN A4. Zeit: Februar 1991.

Mehrseitige Krankenakte eines sowjetischen Soldaten. Format: DIN A4. Zeit: Februar 1991.

Mehrseitige Krankenakte eines sowjetischen Soldaten. Format: DIN A4. Zeit: Februar 1991.


Als ich näher ging, um nachzusehen, um was es sich handelte, traute ich meinen Augen kaum. Vor mir lag ein Stapel von mehr als einem Dutzend Krankenakten ehemals hier stationierter sowjetischer Soldaten, einige “Medizinskaja Knijkas” – vergleichbar mit dem SV-Ausweis der DDR – sowie eine Ansichtskarte.
Die Akten stammten ausschießlich von jungen Wehrpflichtigen, die zwischen 1990 und 1992 im 44. Panzerregiment “Suche Bator” dienten. Darin: ausführliche Dokumentationen von Krankengeschichten, von den persönlichen Daten wie Namen, Geburtsdatum, Heimatanschrift, Dienstgrad, Einheit und Zeitpunkt der Einberufung über den Zeitpunkt und den Grund der Einlieferung ins Lazarett bis hin zu Form und Dauer der Behandlung, samt Fieberkurven und Vermerken über Operationen, und Zeitpunkt der Entlassung. Jeder, der des Russischen mächtig ist, konnte sich 20 Jahre nach der hoffentlich glücklichen Heimkehr der jungen Patienten in ihre Heimat über deren Leidensweg im Königsbrücker Lazarett belesen, das sich sehr wahrscheinlich einst in jenem Gebäude befunden hat. Laut Akten ging das zweifelhafte Abenteuer Lazarett trotz bisweilen ernsthafter Erkrankungen für diese Patienten glimpflich aus, sie alle wurden als “gesund” in ihre Einheiten entlassen, nach bis zu dreiwöchigen Klinikaufenthalten. Wohl kaum einer von ihnen dürfte geahnt haben, dass intimste Details seiner Krankengeschichte jahrelang für jedermann frei zugänglich in einem Abrisshaus in Deutschland vor sich hinmodern würden.

"Medizinskaja" Knijka" von A. M. Mischin von 1990.

"Medizinskaja" Knijka" von A. M. Mischin von 1990.

"Medizinskaja Knijka" mit Röntgenaufnahmen von W. Nigmatow - 1987.

"Medizinskaja Knijka" mit Röntgenaufnahmen von W. Nigmatow - 1987.


Die Medizinskaja Knijkas wiederum datieren teilweise zurück bis ins Jahr 1987. Offensichtlich wurde damals für jeden Soldaten ein solches kleines Heftchen angelegt und penibel geführt. Zwar gab es industriell gefertigte Standardausführungen dieser Hefte, jedoch wurden sie augenscheinlich auch mangels Vorrätigkeit provisorisch per Hand angelegt. In Tapete eingeschlagen und mit Papier aus einem Schreibblock zusammengeschustert, wurden die maschinellen Vordrucke einfach per Hand nachgearbeitet. Wahrscheinlich ist, dass diese Hefte in einer Art Kartei zentral im Lazarett gelagert wurden, die Soldaten sie also nicht bei sich trugen. In diesen kleinen Heftchen wurden die persönlichen Daten des Soldaten sowie sämtliche Untersuchungen und Arztbesuche, aber auch medizinische Behandlungen, so sie denn nötig wurden, vermerkt.
Daraus geht unter anderem hervor, dass auch in der Sowjetarmee jeder Wehrpflichtige in turnusmäßigen Abständen Gesundheitschecks unterzogen wurde – vom Zahn- über den Augenarzt bis hin zum Internisten und zum Psychologen. auch regelmäßige Röntgenaufnahmen des Torax waren an der Tagesordnung – die Aufnahmen liegen in den meisten Fällen den Heftchen nach wie vor bei, fein säuberlich in einem kleinen, handgefertigten Umschlag verwahrt, der in das Heft geklebt wurde. Und so dürfte sich der ehemalige Soldat A. Mischin vermutlich sehr wundern, wenn er wüsste, dass irgendwo im beschaulichen Dresden gerade eine junge Frau die Innenansicht seines Brustkorbes studiert.

Etwas aus dem Rahmen schlägt die Ansichtskarte, die ganz oben auf dem Haufen lag. Mit bunten Bildchen wollten da Vera, Nadjezhda und Ljubow aus dem südrussischen Tuapse im Januar 1992 Sergej M. zum Neuen Jahr beglückwünschen, der ebenfalls in Einheit Nr. 34998 in Königsbrück diente. Erreichte sie ihn jemals? Und wenn ja, warum ließ er sie mit einem Stapel Krankenakten zurück? Wer war Sergej M.? Arbeitete er im Lazarett? War er ein Patient? Fragen über Fragen…

Neujahrsgrüße für Serjoschenka - Januar 1992.

Neujahrsgrüße für Serjoschenka - Januar 1992.

Neujahrsgrüße für Serjoschenka - Januar 1992.

Neujahrsgrüße für Serjoschenka - Januar 1992.

Fragen stellen sich überhaupt jede Menge. Wie konnte es sein, dass medizinische Akten, zumal aus dem militärischen Hochsicherheitsbereich, die eigentlich besonderen Schutzmechanismen unterliegen müssten, einfach in einem verlassenen Haus zurückgelassen wurden? Wenn man weiß, wie penibel noch heute Dokumente und Akten aus der Zeit der Besatzung im russischen Militärarchiv von Podolsk gehütet werden, wie schwer es für Historiker oder Journalisten ist, an solches Material zu gelangen, staunt man umso mehr über solch einen Fund: War es bloße Nachlässigkeit in den Wirren eines überstürzten Abzuges? Hielt man diese Dokumente tatsächlich für unwichtig und somit vernachlässigbar? Oder steckt doch mehr dahinter? Warum ausgerechnet DIESE Akten? Es besteht anscheinend weder eine alphabetische Sortierung noch eine nach Diagnosen. Allenfalls der Zeitraum (alle lagen zwischen Anfang Februar und Mitte März 1991 im Lazarett) bietet eine Gemeinsamkeit.
Für die Forschung ist ihr Auffinden allemal einer von mittlerweile selten gewordenen Glücksmomenten. Alle Dokumente wurden gesichert und befinden sich in meiner Obhut.

6 comments to Neujahrsgrüße an Serjoschenka – Krankenakten sowjetischer Soldaten in Kasernenruine aufgetaucht.

  • Ach die russischen Verniedlichungsformen… herrlich.

    Petruschenotschka

    • Jane

      Sie sind doch mit Abstand das Schönste an der russischen Sprache! “Serjoschenka” habe ich übrigens nur der Grußkarte entnommen.
      Die Verniedlichung von Pet(e)r lautet allerdings Petja oder Petjenka ;-)
      Zhenjatschka.

  • Die gängigsten Verniedlichungen von Petr bestimmt, aber je nach Gemüt, Gegend und Alter der aussprechenden (dann meist) Babuschka kann das noch ausgeweitet werden, zumindest kenne ich es so. ;-)

    Petruschka

    • Jane

      Gewiss, die Babuschkas, die sind da unberechenbar. Allein für den Namen Vladimir sind mir bislang sieben unterschiedliche Koseformen untergekommen von Volodja über Dima bis Vovotschka. Aber das spricht für eine lebendige Sprache. Gefällt mir.

  • »книжка« scheint eine Verkleinerungsform von »книга« Buch zu sein. Müsste man das »ж« dann nicht mit “sch” umschreiben?

    • Jane

      Njet, Stepan,

      “sch” entspräche ja dem kyrillischen “ш”. “ж” ist “j”, bzw. wird korrekterweise meistens “zh” transkribiert. Es wird nicht Knischka ausgesprochen, sondern Knijka, mit summendem sch-Laut. Im Übrigen bedeutet Knijka “Heft”, also in der Tat so etwas wie die Verkleinerungsform eines Buches.

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