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Totgesagte leben länger – zwei Jahre Kampf für den Erhalt des Nordflügels des Sowjetischen Garnisonfriedhofes.

Es gibt ihn noch, den Nordflügel des Sowjetischen Garnisonfriedhofes. 30 Monate, nachdem das Sächsische Immobilien- und Baumanagement (SIB) damals noch gemeinschaftlich mit dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge in Gestalt seines damaligen sächsischen Landesgeschäftsführers Klaus Leroff erstmals mit Vertretern des Sozialministeriums Pläne diskutierte, die die Einebnung der 605 Gräber aus der sowjetischen Besatzungszeit vorsehen, sind sie immer noch da. Auch wenn nach wie vor jeden Tag die Bagger anrücken können – für die Menschen, die sich für seinen Erhalt einsetzen, ist die Tatsache, dass dies bislang abgewendet werden konnte, jeden Tag aufs Neue ein Erfolg.

Zwei Jahre Kampf um eines der wenigen noch erhaltenen Zeitzeugnisse aus jenen 45 Jahren Dresdner Geschichte liegen hinter uns. Galten die Leroff-Pläne, die neben der Einebnung der Gräber zugunsten einer pflegeleichten Grünfläche auch die Errichtung eines zentralen Gedenkbereiches sowie eines Wildschutzzaunes vorsehen, zum Jahresende 2010 noch als das Nonplusultra würdevoller Gedenkkultur für den Nordflügel, ist das SIB mit seinen Plänen heute weitgehend isoliert. Nicht nur hat der damals noch verbündete Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge mittlerweile seine Position in der Causa Nordflügel grundlegend verändert. Sowohl der Stadtverband Dresden als auch der sächsische Landesverband haben sich von den Leroff-Plänen distanziert und setzen sich für den Erhalt der Anlage in ihrem historischen Zustand ein. Von Ex-Landesgeschäftsführer Klaus Leroff, der – wie sich herausstellte – weitgehend eigenmächtig seine Pläne vorangetrieben hatte, trennte man sich zu Jahresbeginn 2012.

Auch immer mehr Bürgerinnen und Bürger sowie Vereine und Denkmalschützer lehnen die Zerstörung der denkmalgeschützten Friedhofssubstanz ab. Und nicht zuletzt Moskau verweigert dem SIB nach wie vor seine Zustimmung zu den Umgestaltungplänen – auch dank der unzähligen Bittschreiben, die mittlerweile aus Dresden und Russland im Kreml eingingen. In der Heeresoffizierschule haben wir zudem einen einflussreichen, zuverlässigen Partner gefunden, der uns bei der Pflege der Anlage unterstützt – und somit mithilft, dass wir unser Angebot an den Freistaat, ihm ehrenamtlich dabei unter die Arme zu greifen, einlösen können.

Auch wenn es manchmal haarsträubend auf dem Nordflügel aussieht, weil Gras und Unkraut sprießen oder die Wildsau mal wieder ihren Weg durch den notdürftig geflickten Maschendrahtzaun gefunden hat – das ist es allemal wert. Denn wenigstens haben so Angehörige nach wie vor einen Ort, wo sie einen Grabstein mit dem Namen ihres Lieben vorfinden und unter dem sie diesen auch ganz sicher wissen. Und Besucher können sinnend an jener Stelle stehen, an der noch heute acht Gräber davon zeugen, dass im Juni 1954 acht junge Männer innerhalb weniger Tage ihr Leben verloren, fünf davon allein an einem Tag. Dank der noch vorhandenen Grabsteine und der davon ablesbaren Daten können wir mit ziemlicher Sicherheit deuten, dass sie bei einer Tragödie während eines Frühjahrsmanövers oder einem andersartigen Unfall ums Leben kamen. DAS ist gelebte Geschichte, gelebte deutsch-russische Verständigung! Da verzichtet man gern auf einen Zaun, lieber Herr Wagner. Und genau deshalb werden wir nicht aufgeben – aus Verantwortung für die nachwachsenden Generationen. Jemand muss sie ja übernehmen, wenn es der Freistaat nicht tut. Unser Ziel lautet: Zaun und Instandsetzung ja, aber keine Zerstörung und Entweihung des Friedhofes für mehr als 300.000 Euro Steuergeld, um 4000 Euro Pflegeersparnis im Jahr zu erreichen!

Übrigens: In Zusammenarbeit mit dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, in dessen Dresdner Stadtverband der Freundeskreis Sowjetischer Garnisonfriedhof seit Jahresbeginn als eigenständige Arbeitsgruppe integriert ist, bietet dieser künftig Führungen über den Nordflügel an. Dabei gibt es nicht nur Wissenswertes über die Geschichte des Friedhofes und den Einsatz für den Nordflügel zu erfahren. Dank intensiver Forschungsarbeiten lassen wir für die Gäste etwa die letzten Tage des 2. Weltkrieges in Dresden aufleben, in denen viele der auf dem Friedhof beerdigten Menschen ihr Leben verloren, oder geben Einblicke in den Alltag hinter den Kasernenmauern der sowjetischen Armee während der Besatzungszeit. Hinter vielen Grabmalen und Gedenksteinen warten spannende Geschichten, die erzählt werden wollen – traurige und erschütternde, anrührende und spannende. Und wir freuen uns auf die Geschichten der Gäste, mit denen wir uns gemeinsam erinnern wollen, daran, wie sie diese Zeit erlebten, als Mauern und Stacheldrähte im Dresdner Norden noch so nah waren, dass man ihnen kaum aus dem Weg gehen konnte.

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