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Ringen um Erhalt des Zivilteils des Garnisonfriedhofs nimmt Formen an.

Die vergangenen zwei Wochen verliefen einigermaßen turbulent. Während Leser dieses Blogs schon mal den Anschein gewinnen konnten, es täte sich nichts in Sachen Rettung des Zivilteils vor Abrissbaggern und kulturfeindlicher Umgestaltung, formiert sich hinter den Kulissen langsam eine Allianz der Kulturfreunde, der engagierten Bürger, ehemaliger Angehöriger der sowjetischen Streitkräfte und verschiedener Vereine. Die Kontakte, die ich in der letzten Zeit knüpfen konnte, reichen bis nach Russland. Nach Angaben des Offiziers und ehemaligen Kommandeurs einer bei Königsbrück stationierten Einheit der Sowjettruppen, Wladimir K. Wassilijew, der sich bereits persönlich in Dresden einen Überblick über die derzeitige Situation verschaffte, befassen sich mit dem Schutz und dem Erhalt der historisch wertvollen Anlage an der Marienallee auf sein Bestreben hin momentan auch das russische Verteidigungsministerium und die russische Botschaft in Deutschland.

In einem Internetforum, in dem sich aktuell etwa 2000 ehemals in und um Dresden stationierte Sowjetsoldaten austauschen und miteinander Kontakt halten, kursiert ein Aufruf, sich zu erinnern: Wer weiß von Kameraden oder Angehörigen, die auf dem Garnisonfriedhof zwischen 1952 und 1987 bestattet wurden? Wer hat Originalpapiere aufbewahrt? Welche Behörde war zuständig (sowjetische oder deutsche)? Dabei entwickeln immer mehr ehemalige Soldaten einen intensiven Aktivismus. Dabei konnte ermittelt werden, dass die Regierungen fast aller ostdeutschen Bundesländer wie Brandenburg, Thüringen und Sachsen-Anhalt derzeit ähnliche Projekte initiieren, um die zivilen Bereiche der sowjetischen Garnisonfriedhöfe zurückzubauen und durch pflegeleichte Grünanlagen zu ersetzen, dabei gleichen die Pläne einander oft bis ins Detail. Auch aus Polen sind solche Vorhaben bekannt geworden. So wurde etwa auch der Zivilteil des Ehrenhains in Michendorf (Brandenburg) jahrelang vernachlässigt, befindet sich heute in einem desolaten Zustand und soll nun ähnlich dem Dresdner-Modell in eine Grünanlage mit Obelisk umgewandelt werden. Eine deutsch-russische Initiative bemüht sich derzeit darum, dieses Vorhaben zu verhindern und die Mittel für Sanierung und Erhalt der Anlage aus russischen Spendengeldern aufzubringen.

Doch auch in Dresden tun sich Möglichkeiten auf. So ist für den kommenden Montag ein Treffen mit dem Vorstandsvorsitzenden des Deutsch-Russischen Kulturinstitutes (DRKI) in Dresden geplant, das sich bereits seit dem Abzug der Sowjettruppen aus Sachsen 1993 mit der Angelegenheit des Garnisonfriedhofes beschäftigt und unter anderem die Sanierung der Kriegsgräberstätte zwischen 1998 und 2007 durchsetzen konnte und auch das Dostojewski-Denkmal am Landtag realisierte. Den Kontakt stellte freundlicherweise Herr Wladimir Wassilijew her. Ein erstes Telefonat heute verlief bereits sehr vielversprechend. Der Freistaat Sachsen steht derzeit in intensiven Verhandlungen mit dem DRKI. Nach Angaben des Vorsitzenden, Herrn Schälike, liegt dem Institut mittlerweile der genaue Entwurf des Sächsischen Staatsbetriebes Immobilien- und Baumanagement (SIB) zur Umgestaltung vor. Während der Verein wie ich selbst auch dem geplanten Bau eines stabilen Zaunes zustimmt, lehnt er den Abriss der kulturell wertvollen Grabanlagen ab. Am Montag werde ich nun erstmals Einsicht in die genauen Pläne erhalten, das SIB hielt sich diesbezüglich bis jetzt ja eher sehr vage und bedeckt.

Des Weiteren haben sich Kontakte zum ECHO – European Culture and Hospice Organisation e. V. ergeben, einem Verein, der sich mit Gedenk- und Trauerkultur über Ländergrenzen hinweg beschäftigt. Über Zeitungsartikel und art und wIEse auf das Thema aufmerksam geworden, wird der Umgang mit dem Andenken an hierzulande in der Fremde und während der stalinistischen Diktatur verstorbene Menschen dort rege diskutiert. Auch hier wird es demnächst ein erstes intensives Gespräch geben, des Weiteren wurde die Möglichkeit eines Podiumsgespräches bzw. einer Ausstellung zum Thema Garnisonfriedhof im Dresdner Landtag vorgeschlagen.

Was wurde sonst konkret bislang getan?
Ich habe wie bereits erwähnt, einen Antrag auf eingehende Prüfung auf Denkmalschutzwürdigkeit des Zivilteils des Garnisonfriedhofes bei der zuständigen Abteilung Inventarisation des Landesamtes für Kultur und Denkmalpflege Sachsen eingereicht. Ein Ergebnis steht hier noch aus. Des Weiteren wurde der aktuelle Wikipedia-Eintrag zum Sowjetischen Garnisonfriedhof von mir überarbeitet und auf den neuesten Stand gebracht. Emails mit einem Aufruf, die Aktion zu unterstützen, gingen unter anderem an Dresdner Blogger, von denen leider wenig Resonanz kam. Keinerlei Reaktion kam erstaunlicherweise auch von den Neustadtgrünen, die sich sonst doch immer recht vehement gegen Kulturschwund und Neubaupläne der schwarz-gelben Landesregierung einsetzen.
Es wurden des Weiteren Hinweisschilder an der Marienallee entlang des Friedhofes angebracht, die Passanten und Besucher auf die Problematik aufmerksam machen. Bei regelmäßigen Besuchen vor Ort fällt insbesondere eines auf: Relativ häufig sind nun russischstämmige Bürger auf der Anlage anzutreffen, was bei früheren Besuchen eher selten der Fall war. Und immer häufiger “verirren” sich Besucher bis in den Nordflügel, der sonst immer einsam und versteckt im Schatten der Kriegsgräberstätte lag und von dessen Existenz oft nicht einmal jene wussten, die den Friedhof als solchen bereits kannten.

Das Thema nimmt derzeit Dimensionen an, die den möglichen zeitlichen Rahmen beinahe sprengen, berücksichtigt man, dass ich momentan noch immer als Einzelkämpfer aktiv unterwegs und zudem beruflich voll eingespannt bin. Aber vielleicht wird sich das ja bald ändern. Spannend ist das alles allemal.

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Ein Ort, an dem jeder Stein eine Geschichte erzählt.

Schon oft war ich am Rande von Radtouren oder Spaziergängen hier vorbeigekommen. Und immer – wie so oft, wenn ich an Friedhöfen vorbeigehe – hat mich ein leichtes Schaudern dabei ergriffen. Und jedes Mal hatte ich mir vorgenommen, mir diese Stätte einmal genau anzusehen. Jahrelang war sie für die Öffentlichkeit nicht zugänglich. Dann, ab 2007, konnte man sie wieder betreten, nachdem sie halbwegs wieder in Schuss gebracht worden war.
Die Rede ist vom Garnisonfriedhof der Roten Armee an der Marienallee, oberhalb des Prießnitzgrundes. Von 1945 bis 1987 bestatteten die nach dem Sieg über Hitler-Deutschland hier stationierten Sowjettruppen hier ihre Toten, darunter auch Frauen und Kinder.

Doch immer wieder zögerte ich seither, das gusseiserne Tor zu öffnen und jenen Platz zu betreten, an dem auf pi mal Daumen zwei Hektar verstreut mehr als tausend steinerne Grabmale in einschüchternder Gleichförmigkeit stehen, die sich erst auf den zweiten blick in Form und Gestaltung voneinander unterscheiden.
Als ich gestern das schwere Tor endlich aufstemmte, gesellte sich zu dem leichten Prickeln entlang der Wirbelsäule ein Gefühl der Ehrfurcht, der Bedrückung, aber schnell auch eine Art stille Heiterkeit und innerer Frieden.
Ich bin nicht allein. Inmitten der Gräber hat sich eine ganze Familie mitsamt Baby auf Bänken in einem kreisförmig angelegten Ruhebereich niedergelassen. Ich nicke freundlich und wende mich den Gräbern zu.

Still ist es hier und unglaublich grün, die Vögel zwitschern und die Sonne lässt den hellen Sandstein der Grabmale leuchten, die auf wildgewachsener Wiese in Reih und Glied stehen, Wildblumen und Kienäpfel bilden einen seltsam schönen Schmuck für fast jedes Grab.

Ingenieur-Major Georgiy Moissejewitsch, Grab mit Marmorplatte und Wildblumenpracht.

Ingenieur-Major Georgiy M. Kisseljew, Grab mit Marmorplatte und Wildblumenpracht.

Rhododendren und Hecken umsäumen rote Kieswege, Nadelgehölze und übermannshohe Büsche teilen das Gelände in verschiedene Bereiche. Erstaunt stelle ich fest, dass der Friedhof viel größer ist, als er von außen wirkt: Hinter hohem Gebüsch schließen sich an die endlosen Reihen der Stelen im Nordbereich versteckte Ecken an, wo im Schatten der Bäume kleine, einfache Grabsteine und halb überwucherte Bodenplatten mit Inschriften ruhen. Gräber von Kindern und Jugendlichen hauptsächlich.
Insgesamt vier verschiedene Monumente zähle ich, alle noch aus DDR-Zeiten und alle mit flammenden Hymnen auf Ruhm und Ehre der hier Bestatteten sowie einschlägigen Symbolen, vom tapferen Soldaten mit Waffe, über die rote Fahne bis hin zum unermüdlichen Arbeiter, besetzt. Unkontrolliert zuckt eine Augebraue nach oben und ein ironisches Grinsen huscht über mein Gesicht, um gleich darauf wie ertappt wieder zu erlöschen.

Sinnend laufe ich durch die Reihen der Grabmale. Namen und letzte Grüße in kyrillischer Schrift, Geburts- und Sterbedaten ziehen an mir vorbei – bedrückend: Die allermeisten hier Begrabenen haben kaum das 45. Lebensjahr erreicht. An einigen wenigen Stelen sind sogar noch die Keramiktafeln mit den Abbildern der Toten erhalten; die Gesichter der zumeist jungen Soldaten blicken stolz und ernst – entschlossene, mutige junge Männer, wie man sie in der Sowjetarmee gerne sah.
Und mit einem Male, so scheint es mir, bin ich von Geschichten umgeben, nicht mehr von Gräbern. Geschichten, die ich lediglich noch nicht zu entschlüsseln vermag.

Grenadier P. D. Koschelnik starb im Mai 1958 mit nur 21 Jahren.

Grenadier P. D. Koschelnik starb im Mai 1958 mit nur 21 Jahren.


Leutnant P. J. Komarov starb 1947 mit nur 26 Jahren.

Oberleutnant P. J. Komarov starb 1947 mit nur 26 Jahren.

Am Westende des Friedhofs finden sich ganze Reihen von Gräbern, in denen junge Soldaten ruhen, die kaum älter als 20 wurden. Was geschah mit ihnen? Anfangs dürften noch die desaströse Lage betreffs Versorgung und Hygiene der Nachkriegsjahre sowie alte Kriegsverletzungen eine Rolle gespielt haben. Doch woran starben Mitte bis Ende der 50er-Jahre in Dresden reihenweise junger russischer Soldaten Anfang 20? Diese Frage lässt mir seither keine Ruhe, mein Forscherdrang ist geweckt.

N. I. Duboviy war erst 14 Jahre alt, als er bei der Schlacht um Dresden im Mai 1945 fiel.

Rotarmist N. I. Duboviy war erst 14 Jahre alt, als er bei der Schlacht um Dresden im Mai 1945 fiel.


Erschüttert stelle ich zudem fest, dass bei der Einnahme der Stadt Dresden im Mai 1945 sogar halbe Kinder kämpften – und fielen: Das Schicksal des erst 14-jährigen Rotarmisten (Krasnojarmeetz) N. I. Duboviy war beileibe kein einzelnes in jenen entmenschlichten Tagen der Schlacht. Bei dem Gedanken daran, Kindern ein Gewehr in die Hand zu drücken und sie in einen so mörderischen Krieg zu schicken, befällt mich ein Gruseln.

Und selbst nach all der Zeit, nach bis zu 65 Jahren, liegen hier und da an Grabsteinen kleine Blumengrüße, an einer Stele steht ein Topf mit weiß-gelben Margeriten aus Plastik, sie leuchten weithin zwischen den schmucklosen Grabsteinen. Angehörige, die nach wie vor hier leben? Auf jeden Fall eine unermüdliche, vielleicht sogar über große Distanzen aufrechterhaltene Kultur des Erinnerns an geliebte Menschen, die viel zu früh ihr Leben lassen mussten.
Ab und zu knie ich vor einem der Grabsteine im weichen Gras nieder, lese genauer, betrachte Gesichter. Erst da fällt mir auf, dass die Grabsteine durchaus unterschiedlich aussehen, die Gravuren und Ornamente der höheren Dienstgrade sind zumeist aufwendiger und kunstvoller gestaltet, als bei einfachen Gefreiten. Geburtsdaten werden hier teils voll ausgeschrieben, die Inschriften befinden sich auf Mamorplatten, oder Grußworte der Angehörigen sind zu lesen, während bei niederen Dienstgraden nur Name, Geburtsjahr und Sterbedatum in einfachem Sandstein eingraviert sind und die Stelen nur ein einfaches Ornament in Form eines Sterns aufweisen.
Auch sind es oft die niederen Dienstränge, die in Mehrfachgräbern bestattet wurden (siehe Foto links).
Während ich fotografiere, komme ich mir irgendwie vor, wie ein Voyeur. Doch längst hat mich der Ort mit seiner irgendwie magischen Atmosphäre gefangen genommen, und ich will darüber berichten.

Oberstleutnant A. M. Kirejew - Grab mit Marmorfront.

Oberstleutnant A. M. Kirejew - Grab mit Marmorfront.

So wild-romantisch der weitestgehend der Natur überlassene Ort auch wirkt – die mangelnde Pflege und Aufsicht haben auch ihre negativen Seiten: Am Mahnmal im Südteil des Friedhofes liegen verwelkte Blumen und Gebinde, viele noch mitsamt der Kunststoffverpackung. An den Inschriften der verblichenen Bänder ist zu erkennen – sie liegen bereits seit dem 8. Mai hier, dem Tag der Befreiung – unansehnlich, von Wind und Wetter zerzaust. Von den umliegenden Gräbern klaube ich verstreutes Blumenpapier, gieße Blumen, die in Töpfen am Mahnmal stehen und die Köpfe hängen lassen.
Aufgeräumt und gepflegt wird hier ganz sicher nicht. Im Papierkorb in der Sitzecke finden sich haufenweise leere Flaschen diverser Alkoholika und andere Reste für meinen Geschmack und den Ort zu geselligen Beisammenseins. Als ich mich vom hinteren Teil des Friedhofes wieder in Richtung Tor bewegen will, sehe ich gerade noch einen jungen Mann in Radlerdress den Hosenstall schließen, sein Rad lehnt an dem Denkmal, hinter dem er gerade seine Notdurft verrichtet hatte. Darauf angesprochen, wie er es fände, wenn später mal jemand neben seinen Grabstein pinkeln würde, winkt er feixend ab und sucht das Weite.

Es scheint, als wäre der abgelegene Ort so ein wenig in Vergessenheit geraten. Die Kriegsgräberfürsorge sorgt zwar für ein Mindestmaß an Ordnung und legt einmal im Jahr zum 8. Mai Blumen nieder. Doch an den Gräbern selbst wird nichts gemacht, sie sind der Verwitterung und auch Vandalismus preisgegeben. Auch aufgrunddessen sind mittlerweile nur noch wenige der Keramikfbildertafeln an den Stelen erhalten – dabei sind sie es gerade, die dem Friedhof etwas Menschliches, Persönliches verleihen. Ich erinnere mich an Spaziergänge zu Kinderzeiten, bei denen von den Grabmalen noch zahlreiche Gesichter, teils in Farbe, durch die Gitterstäbe blickten. Heute haben selbst die vereinzelt noch erhaltenen zum Teil schon Risse.

Grab von Hauptmann D. P.  Mazakov mit fast zerstörtem Keramikbildnis.

Grab von Hauptmann D. P. Mazakov mit fast zerstörtem Keramikbildnis.

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Seltene Erfahrungen.

Gleich 2 seltene Erfahrungen konnte ich vergangene Woche machen:

Nummer 1 - ich war mal wieder im Kino, ein Ereignis, das mir höchstens zwei- bis dreimal im Jahr widerfährt, und dann handelt es sich meist um ein kleines Programmkino.
Nummer 2 - Der Film, den ich gesehen habe, war zudem auch noch richtig gut, das bezahlte Eintrittsgeld also jeden Cent wert.

Warum gehe ich so selten ins Kino? Nein, diesmal ist ausnahmsweise mal nicht der Geldbeutel schuld (zumindest nicht vorrangig :mrgreen: ). Ich mag diese großen, finsteren Säle ganz einfach nicht, mit ihrer unpersönlichen Atmosphäre, der schlechten Luft und den mit Popcorn knuspernden Besuchern, von denen sich so manches Mal einige nicht zu benehmen wissen. Und um öfter in ein kleines Programmkino zu gehen, bin ich meist viel zu schlecht über das aktuelle Programm informiert und komme so gar nicht erst auf die Idee.

Diesmal brachte mich ausgerechnet meine aus Berlin stammende Mutter auf die Idee. In Friedrichshain/Pankow aufgewachsen, war sie sofort ganz Ohr, als Matti Geschonneks Real-Satire um den “Boxhagener Platz” in Berlin-Friedrichshain den Feuilleton enterte.
Der Film basiert auf dem gleichnamigen Buch von Torsten Schulz und spielt im heruntergekommenen Milieu rund um den Boxhagener Platz des Jahres 1968, just in jener Zeit, als im Westteil der Stadt und im Rest der BRD die studentischen Unruhen der 68-er tobten. Am Boxhagener Platz spürt man freilich nichts von all der Aufbruchsstimmung: Heruntergekommene Altbauten, vereinzelt huschen graue, verblichene Gestalten über die Straße und verschwinden in der Eckkneipe – dem “Feuermelder”, saufende Väter, die ihre Kinder misshandeln und mittendrin der 12-jährige Holger, der mehr bei seiner rüstigen Großmutter Ottilie lebt als bei seinen sich ständig streitenden Eltern. Der Vater ein aufrecht-linientreuer Polizist, die Mutter, einst schön, nun fast verwelkt, von der Trostlosigkeit des Viertels und dem Spießbürgertum seiner Bewohner ernüchtert und in Gedanken schon mit einem Bein im Westen.

All dies mag den Eindruck erwecken, es handele sich um einen furchtbar deprimierenden, schwermütigen Film – doch weit gefehlt. Denn zum Glück gibt es die Figur der Ottilie, die mit Haaren auf den Zähnen und viel naivem Sarkasmus durch die Szenen hasardiert und einen Tränen lachen lässt. Als der letzte ihrer 5 Ehemänner unter der Erde ist, verliebt sich die alte Dame in den weißhaarigen Karl, der als “wahrer Kommunist” das totalitäre Regime ablehnt und heimlich mit den im Westen aufbegehrenden Studenten sympathisiert. Durch ihn erfährt der junge Holger auch von der Kehrseite des Regimes, die im Film vor allem von Holgers Polizisten-Vater und den ständig herumschnüffelnden Stasi-Mitarbeitern verkörpert wird, die im Fall des Mordes am örtlichen Fischhändler, einem alten Nazi, mit ihren ganz eigenen Methoden ermitteln.

Der Film greift dankenswerterweise wenige Ostklischees (Stasi, verfallende Bausubstanz, dogmatisches Bildungswesen) heraus und lässt ringsherum eine Szenerie erstehen, die ohne Weiteres auch in der Alaunstraße der früheren Neustadt hätte spielen können. Ohne Kitsch und Ostalgie, ohne Tempo-Linsen und Muckefuck, Parteitagsnelken und Hammer-Zirkel-Ährenkranz, wie etwa in “Sonnenallee” oder “Goodbye Lenin”. Im Vordergrund steht das Geflecht an Beziehungen, die die Menschen miteinander verbinden, und die Zerrissenheit eines Kindes zwischen Linientreue und Blick über den Tellerrand, sanft umspült von den unablässig und in feinster Berliner Schnauze vorgetragenen, vor Zynismus und Pointe nur so strotzenden Lebensweisheiten der Ottilie – von der Politik über die Liebe bis zur regen Verdauung.

So überwiegen Erheiterung und Amüsement über Oma Otties scharfe Zunge oft so stark, dass man regelrecht aufpassen muss, dass einem der durchaus ernste Milieustudien-Charakter nicht vollends entgeht. Und das macht den Film durchaus anspruchsvoll. Über ganze Salven trocken-schwarzen Humors federt er die mit Gewalt hervorbrechenden Erinnerungen an die eigene Kindheit im tristen Viertel mit Eckkneipen und M/L-Drill in der Schule ab, die ohne jene herrlich-satirischen Einspieler wohl nur schwer zu ertragen gewesen wären.

Ein seltener Wermutstropfen: Ausgerechnet die Besetzung der jungen Hauptrolle des Holger Jürgens in Person des 15-jährigen Samuel Schneider war meines Erachtens nach eher ein Fehlgriff. Schneider gibt dem eigentlich erst 12-jährigen Holger zwar ein perfekt verschlossen-melancholisches Gesicht, bleibt aber spielerisch viel zu blass und wirkt von seiner ganzen körperlichen Konstitution her eben nicht wie ein 12-jähriges Kind, sondern voll und ganz wie ein 9.-Klässler.
Sonst kann ich den Film nur allen empfehlen, die sich gerne ab und an auf eine Reise zurück in vergangene Zeiten begeben, um längst vergessen Geglaubtes wiederzubeleben und ein Stück eigene Geschichte wiederzuentdecken.

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Weihnachten in der DDR, eine “kniffelige Angelegenheit”?

Update:

Alle Jahre wieder wird dieser in der Vorweihnachtszeit 2009 von mir verfasste Beitrag aktuell.
Grund für mich, ihn nochmals ganz oben auf die Seite zu stellen, war eine Diskussion zwischen dem ehemaligen DDR-Minister für Abrüstung und Verteidigung, Rainer Eppelmann, dem ARD-Vorsitzenden Prof. Peter Voß sowie den anwesenden JournalistInnen zum Thema “Aufarbeitung der SED-Diktatur”, derer ich am Freitag in Berlin Zeuge wurde.

Ein junger Jounalist, etwa Mitte bis Ende 20, meldete sich mit einem Vorwurf an die Adresse Eppelmanns – der übrigens Vorsitzender der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit und einer der vehementesten Kritiker der Diktatur ist – zu Wort: Rainer Eppelmann wirke als Frontreiter für die Aufarbeitung der SED-Diktatur unglaubwürdig, weil er weiterhin rege Kontakte zu “SED-Politikern” wie Gregor Gysi und anderen pflege und diese damit als Politiker neben sich respektiere. Damit würde ein “falsches Signal gesetzt”. Stattdessen hätten diese Leute als Verbrecher einer Strafe zugeführt werden müssen. Des Weiteren trage diese Akzeptanz gegenüber “SED-Politikern” dazu bei, ein “romantisches, nostalgisches Bild von der DDR” aufzubauen als einem Land, in dem ja “alles gar nicht so schlimm” war.
Der junge Mann, der dem Dialekt nach zu urteilen offensichtlich den alten Bundesländern entstammte, auf jeden Fall aber jung genug war, die Verhältnisse in der DDR nicht mehr bewusst miterlebt zu haben, bezog sich dabei auf das Thematisieren systembedingter Vorteile gerade in der Sozialpolitik der DDR, was man unmöglich dulden dürfe, um ein “realistisches Bild” von der Diktatur insbesondere bei der nachwachsenden Generation zu erzeugen.

Nach diesem Vortrag war nicht nur ich einigermaßen sprachlos, sondern auch Rainer Eppelmann rang sichtlich um die passende Antwort. Rainer Eppelmann ist wohlgemerkt nach meinem Erleben weit davon entfernt, irgendeine Art von Schönrederei hinsichtlich der SED-Diktatur zu betreiben. Nach Ansicht des jungen Kollegen begeht er den “Fehler”, zwischen Parteimitgliedschaft und Täterschaft zu differenzieren. Ein Gregor Gysi meinetwegen mag ein überzeugter Kommunist und Parteimitglied gewesen sein, er gehörte jedoch zu jenen innerhalb der Partei, die gegen Ende der 80er-Jahre Reformen und Modernisierung forderten, weil er erkannt hatte, dass es so nicht weitergehen konnte. Gregor Gysi hat auch nie einen Schießbefehl erteilt oder gar einen Menschen gefoltert bzw. seine Inhaftierung initiiert. Und Gregor Gysi hielt im Gegensatz zu vielen Parteigängern damals den Sozialismus nicht für unvereinbar mit der demokratischen Idee.

Mir hat sich ein Satz von Rainer Eppelmann an jenem Abend eingebrannt, er sagte: “Wir dürfen niemals vergessen.” Recht hat er. Wir dürfen nicht vergessen. Allerdings dürfen wir hier nicht zweierlei Maßstäbe ansetzen: Nicht-Vergessen kann nur bedeuten, dass es auch möglich sein muss, diejenigen Dinge zu thematisieren, die den Menschen nicht zusetzten, sondern ihnen einen sicheren sozialen Status verschafften: eine gute Schulbildung, sinnvolle Rundumbetreuung für Kinder und Jugendliche nach der Schule unabhängig vom Geldbeutel der Eltern, sichere finanzielle Verhältnisse. Dass all jenen Institutionen (wie Bildung, Sozialwesen usw.) auch sehr negative Aspekte innewohnten (Jugendwerkhöfe, Ausgrenzung der Christen, Manipulation innerhalb der Jugendorganisationen usw.) ist ebenso wichtig und wird nicht dadurch relativiert, dass man die positiven Dinge ebenfalls erinnert.

“Nicht vergessen” darf nicht heißen, nur das Negative zu erinnern und das als positiv Erlebte zu verdrängen und sich dafür zu schämen. Das hat für meine Begriffe auch nichts mit “Romantik” oder “Nostalgie” zu tun, sondern es ist ein Teil des eigenen Lebens, der zur Formung eines bestimmten Gesellschafts- und Staatsbildes beigetragen hat: In mir lebt diese Zeit heute in Form einer starken Gemeinwohlorientierung und in der Ablehnung kaptialistischer Auswüchse gerade der Finanz- und Wirtschaftswelt weiter.

Dazu gehört z. B. die Erfahrung von Weihnachten in der DDR: Für mich die schönsten, weil unbeschwertesten Weihnachten, die ich in meinem Leben erlebt habe. An die ersten Nachwende-Weihnachten 1989 und 1990 habe ich beispielsweise gar keine Erinnerung mehr (an die davor hingegen sehr wohl), jene ab 1991 sind mir aufgrund der desaströsen finanziellen Situation, in die unsere Familie damals geraten war und der damit verbundenen ständigen Sorgen, Ängste und Frustrationen in schmerzlicher Erinnerung geblieben.

Für meine Eltern muss Weihnachten 1991 der reinste Horror gewesen sein. Mein Vater, der bis zur Wende bei der Erdgastrasse gearbeitet hatte, war nach dem Konkurs von BMK Chemie Halle seit Mitte 1990 arbeitslos, durch naive Nach-Wende-Anschaffungen hatten sich meine Eltern zudem hoffnungslos verschuldet – trotzdem hatten sie natürlich zwei Töchter im Teenageralter, für die die Wende einen schier unglaublichen Druck gebracht hatte, mit dem Neusten, Schönsten und Teuersten, das es nun überall zu kaufen gab und das in der Schule allgegenwärtig war, mitzuhalten, um sich nicht dem Geläster der Mitschüler auszusetzen. Das Wort “Zonenklamotten” wurde zum ultimativen Dartpfeil, die DDR-Vergangenheit zum Makel, den es so gut es ging mit Westklamotten zu verdecken galt.
Es war jene Zeit, die ich immer gern als die Zeit der Versandhauskataloge bezeichne. Es wurde bestellt, bestellt, bestellt, obwohl man eigentlich ständig klamm war – und dann ewig in Raten abgestottert.

Mein Tagebucheintrag vom 21.12.1991 (damals war ich etwa 13 Jahre alt) liest sich demzufolge so:

Liebes Tagebuch, in 3 Tagen ist Heilig Abend. Ich freue mich schon riesig darauf. Das weiß ich schon, das ich es kriege:
1 Latzjeanshose, 1 Minniemaussweatshirt gestreift, 1 Rosa gestreiftes Sweatshirt, 1 schwarzes Sweatshirt mit Graffithispüherei, 1 schwarzen Nietengürtel, 5 paar Strumfphosen, 6 paar Socken, Ich kriege aber wahrscheinlich noch etwas, was es ist weis ich noch nicht. Nächste Informationen nach Weihnachten!

Die Sachen hatte meine Mutter bereits Wochen zuvor (aus Angst, dass die begehrten Artikel beizeiten ausverkauft sein könnten) bei Otto, Quelle und/oder Neckermann bestellt gehabt – mit der Weihnachtsüberraschung, von der die Ost-Feste immer gelebt hatten, war es da logischerweise nicht weit her. Natürlich musste vorher probiert werden, weil unter Umständen nach Weihnachten die Rückgabefrist bereits abgelaufen war.
Früher hatte man das Größenproblem im privaten Umfeld mit Tauschgeschäften gelöst: Was nicht passte wurde entweder passend gemacht, man wuchs hinein oder man reichte es an irgendein Nachbarskind weiter, und fürs eigene ergatterte man irgendwas anderes Hübsches von Freunden und Verwandten.

Der Tagebucheintrag vom 28.12.1991 offenbarte dann:

Ich habe viele Weihnachtsgeschenke bekommen, insgesamt 26 was. Und zwar sind das: 1 Paar Skischuhe, 1 Paar Bindungen dazu, 5 Paar Strumpfhosen, 2 Paar Feinstrumpfhosen, 2 Paar Zweiteilerunterwäsche, 3 Sweatshirts (die im vorigen Eintrag benannten welchen, d. Verf.), 1 Nietengürtel, 1 Samtsweatshirt, 2 Paar Socken, 4 Bücher, 1 Kalender, 1 Wollpullover und Süßigkeiten. Ich freue mich über das alles sehr, nur über den Wollpullover nicht. er ist grau, ud hat vorne 1 Schwarzen, dann einen rosanen und wieder einen schwarzen breiten Streifen drauf u. oben einen schwarzen Kragen wie beim Poloshirt, naja, typisch meine Oma. Das war’s erstmal!

Alles was mir dazu heute einfällt: traurig, ja armselig. Kein Wort vom festlich gedeckten Tisch, vom Plätzchenbacken, vom leckeren Essen, das meine Mutter gezaubert hatte, vom Weihnachtsspaziergang, vom abendlichen Musizieren. Stattdessen: haben, haben, haben, noch nen Pullover und noch eine Hose – und über den Pulli von Oma, über den man sich vermutlich noch zwei Jahre zuvor riesig gefreut hätte, wurde abgelästert. Mein ganzes Denken, mein ganzes Ich hatten sich innerhalb von nur zwei Jahren völlig verändert.
Weihnachten lebte fortan nur noch vom Konsum, von der Zahl der Geschenke – und als der Tiefpunkt der finanziellen Talfahrt bei uns erreicht war (das war so Mitte der 90er), mutierte Weihnachten zur Zeit der enttäuschten Wünsche und des Frustes, der Konflikte zwischen Eltern und Kindern, die nie gelernt hatten, was es bedeutete, wenn kein Geld mehr da war, um etwas zu kaufen. Ein köstliches Essen, ein Abend in trauter Familie – das alles hatte massiv an Bedeutung verloren.

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So jedenfalls wird es heute gern ziemlich pauschal dargestellt, z. B. gestern in der ARD. Weihnachten sei in der DDR ja eine “ziemlich knifflige Angelegenheit” gewesen und zwar, weil die DDR-Führung die Kirchen und den christlichen Glauben nicht gerade schätzte und ein Großteil der DDR-Bürger das Fest daher nicht in christlicher Tradition begingen, so Kirchenvertreter in der ARD.
So weit ja so richtig.
Aber – warum macht allein der Umstand, dass Weihnachten in der DDR weitgehend entchristlicht wurde und (zumindest offiziell) als Jahresend-Familien-Fest galt, zu einer “kniffligen Angelegenheit”?
Auch Stimmen, die behaupten, in der DDR hätte es an Weihnachten “nichts” gegeben, weil es ja immer “nichts” gab, werden um diese Jahreszeit mit schöner Regelmäßigkeit lauter.

Hm, aber gab es wirklich “nichts”, und war Weihnachten in der DDR wirklich so “knifflig” und trostlos?
Eine kleine Rückschau:

Weihnachten war für mich und meine Familie immer ein Fest der Besinnlichkeit, der Familie, des Beisammenseins und der kleinen Überraschungen und Gaben, die man sich gegenseitig bescherte. Und im Prinzip halten wir das bis heute so. Auch bei uns in der DDR war Heiligabend offiziell Arbeitstag, der 1. und 2. Weihnachtstag hingegegen gesetzlicher Feiertag. In der Vorweihnachtszeit gab es Betriebsweihnachtsfeiern, die besonders im Betrieb meiner Mutter immer richtig schön waren: Jedes Jahr gab es dort Märchenaufführungen der Betriebstheatergruppe für Mitarbeiter und deren Kinder, dazu Kaffee, Punsch und Gebäck.

Vor dem Heiligen Abend hatte meine Mutter die Stube immer blitzblank gewienert, der Vater hatte einen riesigen Weihnachtsbaum besorgt und aufgestellt, und am Vorabend des Heiligen Abends wurde der von der ganzen Familie traditionsgemäß angeputzt, mit bunten Lichtern, uralten Kugeln aus Familienbesitz und reichlich Lametta. Also eigentlich so, wie man das heute auch noch macht. “Knifflig” war es nie, einen Weihnachtsbaum oder Baumschmuck zu bekommen, höchstens das Aufsetzen der Weihnachtsbaumspitze auf den 2 Meter hohen Baum war manchmal eine etwas knifflige Angelegenheit.

An Heiligabend gab es traditionell mittags eine Geflügelsuppe und abends Kartoffelsalat und Würstchen oder Buletten – auch das ist heute noch so bei meinen Eltern. Beim Metzger unseres Vertrauens (damals: Seifert, Görlitzer/Ecke Sebnitzer Straße) bereits bestellt, brauchte man Würstchen und Gehacktes am Vortag lediglich noch abzuholen, und am nächsten Abend stand alles, dank Muttis Kochkünsten, lecker auf dem festlich mit dem besten Porzellan gedeckten Wohnzimmertisch. Mit dem Weihnachtsbraten für die Festtage verhielt sich das ganz ähnlich. Gab es mal keine Gans, dann eben Pute, Kaninchen oder Rouladen mit Rotkohl und Klößen, wobei Letztere in jeder Kaufhalle erhältlich waren. Klar musste man lange vorbestellen und so eine Gans konnte schon mal tief im 2-stelligen Mark-Betrag enden, aber “knifflig”? Höchstens für Mutti, die alles zubereiten musste und am 23. bis Mitternacht in der Küche stand :razz:

Und selbst wenn es zum rein kommerziellen Teil – der Bescherung – überging, konnten zumindest wir uns nicht über irgendeinen Mangel beschweren. Mal gab es eine Ski-Ausrüstung, dann einen Puppenwagen, Kleidung ein Puppenbett, Bücher, jede Menge Süßigkeiten – und natürlich die obligatorischen Dinge von “drüben” aus den Westpaketen: ein Monchichi, Kinderschokolade, Stabilo-Neon-Liner, Mickey-Mouse-Hefte, Parfümerie-Artikel und Kaffee für die Eltern usw.

Fazit:
Weihnachten in der DDR war für gewöhnlich eine schöne, besinnliche Angelegenheit, die weder trostlos noch “knifflig” war, sondern einfach nur – und gerade für die Kinder – herrlich festlich und etwas ganz Besonderes, genau, wie es das für die Menschen in der BRD damals auch gewesen sein wird. Und es wurde höchstwahrscheinlich auch ganz genau so gefeiert wie in der BRD, ob nun christlich oder weltlich, nur vielleicht etwas weniger luxuriös.
Auch, lieber Herr Ulbrich, wenn der Strom mal flackerte oder wie im Jahrhundertwinter 78/79 mal ganz ausfiel und Weihnachten bei Kerzenschein verbracht wurde – meine Eltern fanden es romantisch, nicht etwa trostlos.
Ich kenne zudem keine einzige Person aus jener Zeit, die Weihnachten technokratisch als “Jahresabschlussfest” angesehen und begangen hätte, wie es im ARD-Beitrag dargestellt wurde. Für alle war es – wie auch heute – eine Zeit der Besinnung, der Familie und der Freude. Schon in der Vorweihnachtszeit wurde das Besondere der Zeit zelebriert: Plätzchenbacken, Gedichte schreiben, Weihnachtslieder wurden einstudiert, mit dem Chor auf Weihnachtskonzerten aufgetreten.

Was besonders schön war: Nach der Bescherung klingelte man meist bei den Nachbarn oder anderen Hausbewohnern, wir Kinder stürmten zu den befreundeten Nachbarskindern, und man tauschte sich über Geschenke, Dekorationen und Traditionen aus. Heute wird wohl in den meisten Fällen im stillen Eckchen die neue Playstation ausprobiert, oder die Familie versammelt sich andächtig vor dem neuen XXL-Plasma-Bildschirm. Diese Entwicklung ist meines Erachtens nach nicht mehr nur “knifflig”, sondern bedenklich.
Heutzutage verkommt Weihnachten – trotz freier Kirchen und Meinungsfreiheit – immer mehr zur reinen Kommerzschlacht. Wer hingegen Weihnachten in der DDR in christlicher Tradition feiern wollte, der konnte das auch, wie zahlreiche christliche Nachbarn in der Neustadt jedes Jahr unter Beweis stellten, denn alle Kirchen waren Gläubigen und Nichtgläubigen auch damals an Weihnachten offen.

Alles in allem war es damals sicherlich nicht “kniffliger”, ein gelungenes Weihnachtsfest samt Braten, Geschenken und festlicher Atmosphäre zu organisieren als heute für eine Hartz-IV-Familie oder Niedriglohnbeschäftigte. Schlimmer: heute müssen Menschen aufgrund ihrer Armut wieder ernüchtert an all dem Glanz und der Gloria der Weihnachtsmärkte und Konsumtempel vorbeigehen, und Kinder drücken sich traurig die Nasen an Schaufenstern platt, weil sie all die schönen Dinge zwar sehen, sie sich aber eben nicht leisten können.
Das gabs früher so nicht. Da gabs eben allgemein nicht viel, aber das, was es gab, das konnten sich die meisten Menschen wenigstens einmal im Jahr leisten.

Insgesamt wird man das Gefühl nicht los, als würde es besonders im Interesse der Kirchen liegen, alles über Gebühr schwarz zu malen, was mit der DDR zu tun hat. Zu einem gewissen Teil sicherlich verständlich, hält man sich vor Augen, unter welchem Druck die Kirche in der DDR stand. Aber so?
Es ist ja auch nicht so, dass nur das “ungläubige DDR-Regime” Weihnachten entchristlichte und zu einem weltlichen, bürgerlichen Fest umstrickte – es gibt auch so einige weihnachtliche Traditionen, die heute u.a. in jedem Christenhause an Weihnachten Anwendung finden, die aber so gar nichts mit der christlichen Überlieferung zu tun haben: Den Weihnachtsbaum zum Beispiel – eine alte heidnisch-nordische Tradition zum Wintersonnenwend-Fest, die erst im Mittelalter so langsam im christlichen Europa Einzug fand und heute weitverbreitet zum “Christbaum” verchristlich worden ist. Und auch das ganze Weihnachtsfest, wie wir es heute im Dezember feiern, war ursprünglich keine christliche Angelegenheit, sondern datiert vielmehr auf das nordische Wintersonnenwend-Fest um den 25. Dezember herum zurück.
Die ersten Festlichkeiten zu Ehren Christi Geburt fanden vielmehr ab Mitte des 1. Jahrtausends nach Chr. um den 6. Januar statt, an Heilige Drei Könige, wie es die Orthodoxen Christen auch heute noch halten.

Also, liebe Kirchen-Vetreter: bitte lasst die Kirche doch im Dorf in Sachen DDR-Kritik. Sei sie in vielen Bereichen selbstverständlich auch noch so berechtigt – und ich will mich hier ganz sicher nicht zu Lobesarien auf die untergegagene Diktatur aufschwingen -, aber auf Weihnachten in der DDR muss doch nun wahrlich nicht herumgehackt werden. Es zieht nur abermals schöne bisweilen auch urkomische Erinnerungen in den Schmutz.

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Was ist noch da, was schon vergessen?

Im 20. Jahr des Mauerfalls findet ja ein förmlicher Gedenktourismus zur Thematik statt. Da ist es gar nicht so leicht, sich für das eine oder andere Event oder eine der vielen Ausstellungen zu entscheiden.

Am Freitag habe ich der Ausstellung “Keine Gewalt! – Revolution in Dresden 1989″ im Dresdner Stadtmuseum einen Besuch abgestattet und war einigermaßen fasziniert.
Klein, aber fein ist die Ausstellung im 2. OG des Museumsbaus am Pirnaischen Platz; abwechslungsreich und originell gestaltet. Das Interieur – eine Reminiszenz an das Instabile, Fragile, das der untergegangenen Diktatur wie auch dem Staat als solchem innewohnte: Es besteht nämlich zu einem großen Teil aus Pappmaché – von den Wänden, über die Aufbauten für die Exponate bis hin zu den Hockern vor den Audio- und Videoinstallationen. Schummrige Beleuchtung macht das Wandeln durch die Austellung angenehm und unangestrengt.
Viele Originaldokumente, Videoaufnahmen von Veranstaltungen wie Jugendweihen, Pioniergeburtstagen oder der Einweihung der Prager Straße lassen Erinnerungen wach werden und wirken dennoch seltsam surreal und komisch.

Am beeindruckendsten war jedoch ein Videofilm u.a. des Filmemachers Volker Karp, aufgenommen im Dresden der Wendezeit kurz vor der Wiedervereinigung 1990. Der Film besteht aus 3 Teilstücken unterschiedlicher Autoren, wobei Karps Part den Verfall insbesondere der Friedrich- und der Äußeren Neustadt zu DDR-Zeiten zeigt.
Ich musste feststellen, dass die Zeit auch bei mir so einiges an Erinnerung verfärbt und ausgelöscht hatte – SO SCHLIMM hatte ich es in der Tat nicht in Erinnerung.
Und spätestens, als der Videofilm mit einem Male die Fensterfront unserer alten Wohnung am Bischofsweg ins Visir nahm, war das ostalgische Moment perfekt:
Alles sah im Film noch genauso aus, wie wir es seinerzeit ein halbes Jahr zuvor verlassen hatten: Die knallgelben Kunststoffverkleidungen, die mein Vater damals als Sichtschutz und Schutz gegen die Taubenplage angebracht hatte, stießen sofort ins Auge.

Es wird unter anderem über die Entstehung der Gruppe der 20 referiert, unterfüttert mit viel originalem Foto- und Schriftmaterial, und es wird gezeigt, dass die eigentliche Entscheidung, den Dialog zu suchen, also eine explizit *friedliche* Wende herbeizuführen, in Dresden fiel. Dennoch, finde ich, sollte die friedliche Wende nicht ausschließlich mit Kirche und Gruppe der 20 assoziiert werden. Es waren Hunderttausende Dresdner, die in jenen Tagen mit Rufen wie “Keine Gewalt!” durch die Straßen zogen, und Millionen im ganzen Land, und es waren die Volkspolizisten, die irgendwann ihre Helme abnahmen und sich weigerten, auf ihre MitbürgerInnen zu schießen bzw. Gewalt anzuwenden.
Es war die Gemeinschaft der Entschlossenen, die die Wende zustande brachte, keine Clique weniger.

Insgesamt aber ist die Ausstellung eine gelungene Mischung aus Präsentation der realen Lebensumstände in der DDR, über die Instrumente der Machtausübung und Unterdrückung bis hin zur Organisation des Umsturzes. Alles in Allem kann ich die Ausstellung wärmstens empfehlen -allerdings nur als Ergänzung zu weitergehender Auseinandersetzung mit der Thematik. Trotz quantitativer Überschaubarkeit war ich immerhin fast 2 Stunden dort unterwegs.

Übrigens: Freitags ist der Eintritt immer frei ;)

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