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Bilder eines Krieges – Ausdruck eines Selbstbildes.

Die folgenden Fotos zeigen Wandbilder aus dem Festspielhaus Hellerau. Bereits vor den Weltkriegen wurde das Ensemble als Spielstätte genutzt. Nach Ende des 2. Weltkrieges zog in die heutige Festhalle das Stabshauptquartier einer Einheit der Sowjetarmee ein, rings herum gruppierten sich die Mannschaftsunterkünfte sowie Werk- und Lagerhallen. Nach der Wende begann die Wiederbelebung der alten Festspiel-Tradition auf dem Areal.
Im Zuge der Sanierung stieß man auf umfangreiche, farbenprächtige Wandgemälde der Sowjets, vermutlich aus jener Zeit kurz nach Ende des Krieges. Sie zeigen die Geschichte des “heldenhaften Vorstoßes” der Roten Armee über Russland, die Ukraine und Polen bis nach Berlin. Sie zeigen die Schrecken und das Grauen der Schlachten: brennende Panzer, Luftangriffe, Explosionen, Tote – und mittendrin eine junge Sanitäterin, die einen Verletzten birgt, um ihn zu retten. Bilder, die damals vermutlich in der Erinnerung des Künstlers noch sehr lebendig waren. Sein Name ist hingegen bis heute unbekannt.

Sie zeigen aber auch die bilderstürmerischen Ruhmessymbole vom siegreichen, mächten Rotarmisten mit wehendem Umhang, der ein angsterfülltes deutsches Kind in seinen Armen hält und mit einem überdimensionalen Schwert ein Hakenkreuz zerschmettert – die klassische Befreiungssymbolik. Eine Statue von ganz ähnlicher Gestalt steht noch heute am Ehrenmal in Berlin-Treptow. Dazu sieht man Landkarten mit den Marschrouten von damals. Dass von den ruhmreichen sowjetischen Kommandeuren schon mal eine Menschenmasse vergleichbar mit der Einwohnerzahl Leningrads binnen weniger Monate teils sinnlos verheizt wurde, darüber schweigen die Bilder.

Dass diese Kunstwerke im Zuge des Umbaus zum Festspielhaus erhalten wurden, ist ein wahrer Glücksfall und daher den Bauherren hoch anzurechnen. Denn zumeist werden die Zeugnisse jener Ära heute tunlichst übertüncht oder anderweitig zerstört. Nach Auskunft des Hauses wurden die Bilder einst mit einfacher Latex-Farbe auf die rohe Wand aufgebracht, an vielen Stellen bedürften sie dringend der Restaurierung. In de imposanten Eingangshalle, die nahezu ausschließlich in Weiß und anderen hellen Naturfarben gehalten ist, wirken die farbenfrohen Wandmalereien umso eindrucksvoller.

 Im Treppenhaus zum Obergeschoss: Der lange Weg nach Berlin und der heldenhafte, siegreiche Rotarmist, Retter deutscher Kinder.

Im Treppenhaus zum Obergeschoss: Der lange Weg nach Berlin und der heldenhafte, siegreiche Rotarmist, Retter deutscher Kinder.

Kommentare im Wandbild.

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Heiße Phase im Friedhofsstreit beginnt.

Am Donnerstag – zu Fastnachtsbeginn – fand im Ministerium für Soziales ein inoffizieller Termin zum Garnisonfriedhof statt. Nichts Genaues wurde über die tatsächlichen Teilnehmer bekannt, außer, dass Ministerium, Sächsisches Immobilien- und Baumanagement (SIB) und Herr Leroff vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge beteiligt waren. Von Herrn Leroff erfuhr ich, dass Argumente und Wünsche der “russischen Seite” betreffs die Umgestaltung des Nordflügels gehört und dann eine Entscheidung getroffen werden sollten. Baubeginn soll wohl je nach Wetterlage Anfang nächsten Jahres sein – da kann man eigentlich nur auf einen langen, harten Winter hoffen. Die russische Seite (Konsulat und Botschaft) hingegen haben uns versichert, nach wie vor zu keiner Entscheidung gekommen zu sein, und auch von einem Termin im Sozialministerium vom 11.11. wüsste man nichts.

Nach langem Hin und Her, vielen Beratungen und einer Phase des Werbens um Aufmerksamkeit und Interesse für die von Zerstörung bedrohten Grabmale aus den 50er- bis 80er-Jahren im Nordflügel des Garnisonfriedhofes ist es nun so weit: In Zusammenarbeit mit dem Deutsch-Russischen Kulturinstitut (DRKI), dem Verein Echo e. V. und mit der Unterstützung vieler weiterer Institutionen und BürgerInnen wurde nun eine Eingabe an das Sächsische Staatsministerium des Inneren verfasst, die in der kommenden Woche dort eingehen wird. Das DRKI hat freundlicherweise seinen Briefkopf zur Verfügung gestellt und fungiert somit als Hauptinitiator.

Darin wird zum einen Kritik an der Art und Weise geübt, wie der Freistaat über viele Jahre hinweg nicht nur den Nordflügel dem Verfall, sondern auch die Kriegsgräberstätte – trotz Bundesförderung nach dem Gräbergesetz – zusehends der Verwahrlosung preisgibt.
Des Weiteren wird punktweise stichhaltig argumentiert, weshalb wir mit den derzeitigen Plänen des Freistaates für die Umgestaltung, zumindest was den Abriss der Grabmale betrifft, nicht einverstanden sind.
Zu guter Letzt wird dargelegt, weshalb wir der Ansicht sind, dass der Friedhofsteil unter Denkmalschutz gestellt werden sollte.

Es ist zudem gelungen, sowohl im Dresdner Amt für Kultur und Denkmalschutz sowie im Amt für Stadtgrün und Abfallwirtschaft Unterstützer für unser Anliegen zu finden. Der Dresdner Verband des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge hat die Petition – entgegen der Position seines Landesverbandes – ebenso unterzeichnet wie der Erzpriester der Russisch-Orthodoxen Gemeinde Dresden und einige weitere Vereine von deutscher wie russischer Seite.
Anmerkung: Wie jetzt erst bekannt wurde, wurde die Petition den zuvor benannten beiden Institutionen entgegen zuvor lautenden Aussagen des DRKI doch nicht zur Unterschrift vorgelegt, sondern in der oben sichtbaren Fassung eingereicht.

Deutscher Soldatenfriedhof Sologubowka bei St. Petersburg. Quelle: Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge.

Deutscher Soldatenfriedhof Sologubowka bei St. Petersburg. Quelle: Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge.

Sowjetischer Soldatenfriedhof in Dresden.

Sowjetischer Soldatenfriedhof in Dresden.

Neu errichteter deutscher Soldatenfriedhof in Kursk.

Neu errichteter deutscher Soldatenfriedhof in Kursk. Quelle: www.weltkriegsopfer.de.

Nachfolgend der exakte Wortlaut des Dokumentes:

Sächsisches Staatsministerium des Inneren

Betrifft: Pläne des Freistaates Sachsen zur Umgestaltung des Nordflügels („Zivilteil“) des Garnisonfriedhofes der Sowjetischen Armee an der Marienallee, Dresden-Albertstadt

Ersuchen um die Verleihung der Denkmalschutzwürde für den Nordflügel

Sehr geehrte Frau xxxxx,

als bürgerschaftliche Interessengemeinschaft, die sich zusammengefunden hat, um das historische Erbe unserer schönen Stadt Dresden in all seinen Facetten zu schützen, zu erhalten und zu erforschen, um auch künftig eine gewinnbringende Auseinandersetzung und Aufarbeitung vergangener Epochen zu ermöglichen, wenden wir uns mit folgendem Anliegen an Sie.

1. Zustand des Garnisonfriedhofes, insbesondere des Nordflügels

Zum einen möchten wir unsere Bestürzung über den derzeitigen desolaten Zustand des Garnisonfriedhofes der Sowjetischen Armee, insbesondere des im Norden gelegenen Anbaus aus der Zeit der Besatzung (der sogenannte „Zivilteil“), zum Ausdruck bringen.
Wir sind der Ansicht, dass der derzeitige Zustand des Friedhofes im Allgemeinen – sowohl auf der unter Denkmalschutz stehenden Hauptanlage, noch ausgeprägter aber auf dem „Zivilteil“ – in keinster Weise hinnehmbar ist. Auf dem gesamten Friedhof zeigen sich schwere Spuren von Vernachlässigung. Seit der Freistaat die Verwaltung des Geländes 1994 übernommen hat, wurde kein stabiler Zaun errichtet – Wildschäden prägen das Bild auf dem gesamten Areal. Für die Pflege erhält der Freistaat Bundesmittel unter anderem nach dem Gräbergesetz für den Erhalt der Kriegsgräber. Eine zweckorientierte Verwendung kann allerdings seit Jahren nicht wesentlich festgestellt werden.

Einige Beispiele:
Seit Monaten ist die Türklinke des Haupttores auf der Außenseite abgebrochen.
Die zur Heide hin installierten Maschendrahtzäune sind seit Jahren an mindestens drei verschiedenen Stellen zerstört.
Ende September wurde auf der Kriegsgräberstätte der Rasen gemäht, die zentimeterhoch aufgewühlte Erde wurde hingegen nicht angetastet.
Der einzige Wasserhahn auf der Kriegsgräberstätte funktioniert seit ewigen Zeiten nicht mehr, das Gleiche gilt für die Wasserhähne auf dem Nordflügel, eine Grabpflege vor Ort – etwa durch Angehörige – ist so gar nicht möglich.

Noch weitaus schlimmer stellt sich die Lage auf dem Nordflügel dar: Dass sich dort über 600 Gräber von Frauen, Kindern und zumeist sehr jungen Soldaten befinden, ist an vielen Stellen kaum mehr auf den zweiten Blick zu erkennen. Wege sind zugewachsen, Grabfelder völlig von Unkraut überwuchert und die Grabmale durch ausufernde Wildschweinsuhlen zumeist verschüttet und abgesunken. Der stiefmütterliche Umgang mit den Gräbern ehemaliger sowjetischer Bürger hier in Ostdeutschland hat gerade in den ehemaligen Sowjetrepubliken für Bestürzung sorgt.

Bekanntlich sieht nun auch der Freistaat Sachsen Handlungsbedarf. Das Vorhaben, das Areal endlich mit einem Wildzaun einzufrieden, begrüßen wir auf das Ausdrücklichste. Diese lange aufgeschobene Maßnahme wird in Zukunft helfen, gravierende Wildschäden zu vermeiden. Auch die angedachte grundlegende Instandsetzung des Areals, das Anlegen gepflegter Grünflächen sowie das Reduzieren des Wildwuchses begrüßen wir ausdrücklich.

Inakzeptabel ist für uns hingegen die Tatsache, dass diese Umgestaltungsmaßnahmen mit dem Abriss der Grabmale einhergehen sollen, um die künftigen Pflegekosten so gering wie möglich zu halten.
Wir sind der Ansicht, dass es zum einen aus ethischen Gründen nicht akzeptabel ist, bestehenden Gräbern einfach ihren Gedenkstein zu nehmen, als dem Inbegriff dessen, was von den Verstorbenen verblieben ist: ihre Namen, ihre Lebensdaten, in Einzelfällen ihr Bildnis und in vielen die in steinerne Worte gegossene Trauer derer, die zurückblieben. Selbst auf städtischen Friedhöfen wird dies so nicht gehandhabt: Entweder werden die Gräber komplett eingeebnet und wieder für Beerdigungen freigegeben, oder sie bleiben eben komplett erhalten und stehen unter Denkmalschutz (siehe etwa Elias-Friedhof).
Des Weiteren sind wir der Ansicht, dass gerade die Grabsteine einen erheblichen historischen und kulturellen Wert darstellen, der mit ihrer Vernichtung unwiederbringlich verloren ginge. Nur, wenn die Grabanlagen insgesamt in ihrer Ursprünglichkeit bestehen bleiben, ist ein Nachvollziehen und Erleben der Lebensumstände und der Bestattungskultur während der vergangenen Epoche der sowjetischen Besatzungszeit in der Dresdner Garnison möglich.

2. Denkmalschutz für den Nordflügel

Zum zweiten möchten wir daher im Interesse eines möglichst dauerhaften Erhaltes des Friedhofscharakters des Nordflügels in seiner Ursprünglichkeit dazu auffordern, das Areal nicht länger wie ein Stiefkind der Hauptanlage zu behandeln und es endlich wie eben jene unter Denkmalschutz zu stellen.
Es erschließt sich uns nicht, wie man eine Anlage, die von 1946 bis 1987 ein und demselben Zweck diente – nämlich der Bestattung jener Militärangehörigen und ihrer Verwandten, die ohne den von Deutschland verschuldeten Zweiten Weltkrieg nie hier stationiert gewesen wären –, derart nach ihrer vermeintlichen Wertigkeit spalten kann. Diese Spaltung hat zu dem als irrational zu bezeichnenden Umstand geführt, dass heute ein Grab eines 1965 in Dresden verstorbenen Offiziers (also nach Gräbergesetz kein Kriegstoter), das auf dem Südwestflügel des Friedhofes Platz fand, unter Denkmalschutz steht, das Grab eines 1952 verstorbenen 18-jährigen Rekruten auf dem Nordflügel hingegen nicht, welches deshalb dem Verfall preisgegeben ist und nun durch den Abriss des Grabsteins anonymisiert werden soll.
Im Übrigen sind wir der Überzeugung, dass bereits die Unterscheidung zwischen „militärischem“ und „Zivilteil“, wie im Beamtendeutsch üblich, irreführend und schlichtweg falsch ist, da auf dem Nordflügel zu zwei Dritteln Soldaten begraben liegen (gezählt wurden 405 Soldatengräber und etwa 200 von Zivilisten), die zudem während der Besatzungszeit aufgrund des Kalten Krieges in ständiger Mobilmachung und unter Waffen standen und die Einheiten auf einen Kriegseinsatz permanent vorbereitet wurden. Es handelt sich also in der Tat mehrheitlich um militärische Gräber, deren Errichtung aufgrund des bestehenden Kalten Krieges als unmittelbarer Folge des Zweiten Weltkrieges sowie diverser unschöner Umstände des Militäralltages notwendig wurde.
Die Unterscheidung zwischen Kriegsgräbern und Nicht-Kriegsgräbern als Kriterium für die Verleihung der Denkmalschutzwürde wird allein schon durch die fließenden Grenzen zwischen beiden auf der Hauptanlage ad absurdum geführt, wo neben den knapp 1250 Kriegstoten auch etwa 250 nach dem 31.3.1952 Verstorbene begraben sind.

Warum ist der Nordflügel unter Denkmalschutz zu stellen?

1.
Der Nordflügel gehört untrennbar zum bereits unter Denkmalschutz stehenden Rest der Anlage. Schon aus der chronologischen Abfolge der Bestattungen auf dem gesamten Friedhof ist erkennbar, dass es keine ursprüngliche Trennung zwischen einer Anlage für die Kriegstoten und einer für später Verstorbene gab. Vielmehr ist man pragmatisch vorgegangen und hat aus Platzgründen die Anlage nach allen Seiten erweitert. Eine Abgrenzung ist allenfalls zwischen höheren und niederen Dienstgraden erkennbar: Während die Offiziere bis zur Reform des Sowjetischen Militärs 1967 und der dabei beschlossenen Rückführung verstorbener Militärangehöriger in die Heimat ausschließlich mit aufwendigen Grabmalen auf der Hauptanlage bestattet wurden, die sich von den Grabmalen der Kriegsgefallenen höherer Ränge mitnichten unterschieden, wurden die einfachen Soldaten in großer Zahl auf der nördlichen Erweiterung beigesetzt.

2.
Die Grabmale auf dem Nordflügel bestehen aus naturbelassenem rotem Quarzporfyr mit aufwendig herausgearbeiteten, erhabenen Beschriftungen. Selbst nach 20 Jahren der Verwahrlosung sind die meisten davon noch sehr gut erhalten. Die Inschriften sind in kyrillischer Schrift verfasst und stellen in solch großer Zahl in Dresden eine absolute Rarität dar. Lebensdaten und Dienstgrade geben wertvolle Aufschlüsse über die Lebensverhältnisse in der damaligen Garnison. Die Grabmale bieten einen wahren Fundus an Informationen für Historiker und Wissenschaftler. Der Nordflügel ist Teil des einzigen Dresdner Friedhofes, auf dem ausschließlich nicht-deutsche Staatsangehörige begraben sind.

3.
Der Nordflügel ist landschaftsarchitektonisch planvoll und gestalterisch aufwendig in die Hanglage des oberen Prießnitzgrundes eingepasst. Die terrassenförmig gestaltete Anlage mit viel altem Baumbestand sowie sandsteingefassten Grabfeldern und Wegen stellt ein Kleinod landschaftsbaulicher Handwerkskunst dar. Anderenorts – etwa in Russland – werden solche Anlagen heute teuer und aufwendig errichtet, sobald ein weiteres Massengrab deutscher Wehrmachtssoldaten aus dem 2. Weltkrieg entdeckt wird. In Dresden hat man eine solche Anlage bereits – und möchte sie nun ihrer wesentlichen Struktur berauben.

4.
Der Nordflügel stellt ein Zeitzeugnis einer in sich abgeschlossenen historischen Epoche Dresdner Geschichte dar. Er dokumentiert die Existenz und den Umgang mit Lebenden wie Toten von Menschen einer anderen Nation, die hier fast ein halbes Jahrhundert lang gelebt haben. Und er dokumentiert die Wirkmechanismen einer totalitären, auf ständige Wehrhaftigkeit getrimmten Diktatur nach innen.

Uns lässt der Gedanke keine Ruhe, dass man Menschen, die während der SED-Diktatur Unrecht erfuhren, Denkmäler setzt, weil es der politischen Leitlinie entgegenkommt, während man Menschen, die zur gleichen Zeit, zumeist unbemerkt von der Öffentlichkeit, teils unter unmenschlichen Bedingungen den Tod fanden, vergisst bzw. nicht einmal Willens ist, ihre Gräber zu erhalten, weil es sich um keine deutschen Opfer handelte, sondern um Angehörige der kommunistischen Besatzungsmacht, die heute immer noch synonym für ein äußerst diffuses, wenig differenziertes Feindbild steht.
Mit dem Garnisonfriedhof ist uns Dresdnern eine Möglichkeit gegeben, an den Gräbern der Toten über die Folgen von Diktatur und Militarismus aufzuklären, die für Menschlichkeit oft keinen Platz ließen. Aber auch eine Möglichkeit, uns zu erinnern an die Zeit der Besatzung und das oft problematische Zusammenleben, geprägt von Misstrauen und ideologisch konstruierten Freund- und Feindbildern, das nur selten Raum für tatsächliche Annäherung bot.

Nicht zuletzt das Deutsch-Russische Kulturinstitut steht heute für eben jenen Gedanken gelebter Annäherung zwischen Deutschen und ehemaligen Sowjets, zwischen Kriegsschuldnern und Besatzern. Es gibt viele Ideen für Jugendprojekte und integrationsfördernde Maßnahmen etwa für Migranten aus den ehemaligen Sowjetrepubliken, in die die ehrenamtliche Pflege des Zivilteils des Garnisonfriedhofes im Rahmen von Bildungs- und Begegnungsseminaren und auch als aktives Erleben eines Teils eigener Geschichte eingebunden werden könnte.
Es ist uns wichtig, den Friedhof auch für Informations- und Aufklärungsarbeit zu nutzen, Menschen, die die Vergangenheit aus unterschiedlichen Perspektiven erlebt haben, ins Gespräch zu bringen und somit auch zum Abbau der allgemeinen Situation der Scham und des Schweigens über jene Zeit beizutragen.

Als historisches Zeitzeugnis von derartiger Bedeutsamkeit ist der Garnisonfriedhof als untrennbare Einheit zu betrachten und daher insgesamt unter Denkmalschutz zu stellen, um seinen dauerhaften Erhalt zu garantieren.

Die Unterzeichner:

Deutsch-Russisches Kulturinstitut, Herr Dr. Wolfgang Schälike:

Verein European Culture and Hospice Oganizations, Frau Prof. Dr. Ingrid-Ulrike Grom:

Frau Jane Jannke, freie Journalistin:

im Namen vieler weiterer Kulturfreunde, die derzeit in einer separaten Unterschriftenliste ihre Unterstützung bekunden.

Keiner der 4 Wasserhähne auf der Anlage funktioniert mehr.

Keiner der 4 Wasserhähne auf der Anlage funktioniert mehr.

Die Türklinke des Haupttores ist seit Monaten defekt.

Die Türklinke des Haupttores ist seit Monaten defekt.

Die Liste der Unterzeichner ist derweil noch angewachsen, die aktuelle Fassung liegt mir noch nicht vor, da Herr Dr. Schälike bis gestern noch von Pontius nach Pilatus unterwegs war, um alle Unterzeichner zu erreichen.

Wer diese Eingabe und damit den Erhalt der Grabstätten seinerseits unterstützen möchte, kann dies jederzeit im Deutsch-Russischen Kulturinstitut Dresden, Zittauer Straße 29, 01099 Dresden, tun. Dort liegen seit gestern Unterschriftenlisten aus.
Für ein Gespräch und einen Kaffee wird man dort gern Zeit haben.

Es bleibt nun, zu hoffen, dass man an entscheidender Stelle zugänglich für Argumente und zur Zusammenarbeit mit Vereinen und Bürgern bereit sein wird.

Blumen zum 45. Todestag. Worotynzew, Nordflügel.

Oktober: Blumen zum 45. Todestag. Worotynzew, Nikolai Kuzmich. Nordflügel.

Oktober: Blumengruß nach 65 Jahren, Kriegsgräberstätte.

Oktober: Blumengruß nach 65 Jahren, Kriegsgräberstätte.

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Mehr Demokratie wagen?

Nicht, wenn es nach der schwarz-gelben Regierung des Freistaates Sachsen geht, wie es scheint. Wie demokratisch unser schönes Land wirklich ist, das weiß man tatsächlich erst dann, wenn man einmal versucht hat, sich politisch einzubringen und zwar in eine Richtung, die der Position der Entscheidungsträger zuwiderläuft.
Zu Zeiten klammer Kassen ist der Bürgerwille zudem umso lästiger, bedeutet er doch eigentlich zumeist, dass man vom eigenen Kurs abweichen müsste, der im Falle der schwarz-gelben Sachsen-Koalition lautet: Lieber noch ein wenig mehr an Kultur, Sozialem, der Umwelt und dem Bürger sparen, als teure Image-Kampagnen, Leuchtturm-Förderung, Infrastruktur- und Tourismusprojekte einzuschränken oder gar am eigenen Verwaltungsapparat zu kürzen.

Was tut der Freistaat also, wenn er durch unliebsame Bürgerinitiativen Gefahr läuft, in seiner Sparwut etwa in kulturellen Fragen ausgebremst zu werden? Ganz einfach: Man sperrt jene Vereine und Personen, die unbequeme Fragen stellen und Positionen vertreten, die den Plänen des Freistaates im Wege stehen, einfach aus und verhandelt ausschließlich mit jenen darüber, die man auf seiner Seite weiß.

So läuft es derzeit zur Frage, wie zukünftig mit dem russischen Garnisonfriedhof an der Marienallee verfahren werden soll. Als Produkt von Übereinkommen, die mit der Sowjetunion und der DDR zwischen zwei Staaten getroffen wurden, die seit 20 Jahren nicht mehr existieren, befindet sich zumindest der nicht unter Denkmalschutz stehende Zivilteil heute quasi in einem rechtsfreien Raum. Niemand will ihn haben, niemand fühlt sich verantwortlich. Zuständig ist notgedrungen der Sächsische Staatsbetrieb Immobilien- und Baumanagement (SIB), doch macht man dort kein Hehl daraus, dass man den lästigen Kostenproduzenten am liebsten los wäre.
Da man jedoch mit einer kompletten Räumung die russische Seite verprellen würde, sieht der Kompromiss nun so aus, dass der Zivilteil zwar erhalten werden soll, jedoch nur unter Abriss der oberirdischen Grabmale, damit der Rasenmäher zukünftig schneller über die Grünfläche kommt. Stattdessen sollen 2 neue Steine mit den Namen der Toten aufgestellt werden.
Das muss man sich mal vorstellen: Die Gräber sollen bleiben, aber man raubt ihnen ihren Gedenkstein und anonymisiert sie dadurch. Welch ein würdeloser Kuhhandel, den der Freistaat hier mit den russischen Behörden und dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. beschlossen hat und der auch in anderen ostdeutschen Bundesländern derzeit – ebenfalls in Verbindung mit dem Volksbund – Schule macht, um Kosten zu sparen.

Dabei sind die Friedhöfe oft die letzten öffentlich zugänglichen Dokumente einer längst vergangenen Zeit, die so viele offene Fragen hinterlassen hat, und deren Spuren gerade von offizieller Seite am liebsten vollumfänglich getilgt würden. Fakt ist, dass gerade die Grabmale in ihrer Anordnung und mit den Lebendaten und Dienstgraden der Verstorbenen darauf viele Informationen hinsichtlich der Lebensumstände der damals hier stationierten Soldaten und Zivilisten geben, dass die Grabmale auch die letzten Spuren einer Existenz darstellen, die nur allzu oft an den Folgen kommunistischer Gewaltherrschaft und Willkür zugrunde ging.

Im deutschen Gräbergesetz gibt es einen Passus, der den Gräbern der Opfer kommunistischer Gewaltherrschaft dauerhaften Erhalt im Sinne eines mahnenden Gedenkens zugesteht. Demnach fallen darunter:

Personen, die aufgrund rechtsstaatswidriger Maßnahmen als Opfer des kommunistischen Regimes ums Leben gekommen oder an den Folgen von aufgrund derartiger Maßnahmen erlittener Gesundheitsschädigungen innerhalb eines Jahres nach Beendigung der Maßnahme verstorben sind

Im sowjetischen Militär kamen nach Erkenntnissen von Historikern allein auf dem Gebiet der ehemaligen DDR alljährlich 3000 bis 4000 Soldaten ums Leben – zu Friedenszeiten. Das entsprach 1% aller dauerhaft in der DDR stationierten Sowjetsoldaten, und das jedes Jahr. Etwa 500 davon sollen allein jährlich Selbstmord begangen haben, weitere starben bei Unfällen, Straftaten oder bei standgerichtlichen Exekutionen nach Desertionsversuchen. Wenn DAS keine Willkürherrschaft ist, der der einfache Soldat als vollkommen rechtlose Person mehr oder weniger hilflos ausgeliefert war, dann frage ich mich, was der deutsche Staat dann darunter begreift.

Kritische Stimmen sind in den sächsischen Amtsstuben aber natürlich nicht gefragt, man hat es nun eilig, die eigenen Pläne durchzupeitschen, denn bald ist Stichtag für die Fördermittelvergabe. Deshalb wurden auch zu dem am kommenden Donnerstag stattfindenden Termin zur Sache im Staatsministerium für Soziales lediglich jene Parteien eingeladen, die nachweislich den freistaatlichen Plänen nicht im Wege stehen: Der SIB, das Finanziministerium, der Volksbund für Kriegsgräberfürsorge und Vertreter der russischen Behörden, denen der kulturelle und historische Wert der Grabstätten aus einer vergangenen, abgeschlossenen Epoche gleichgültiger nicht sein könnten.

Das Deutsch-Russische Kulturinstitut, das im April noch mit am Verhandlungstisch saß und dabei eindringlich seine Bedenken gegenüber den Abrissplänen äußerte, wurde nun erst gar nicht über den Termin informiert. Und das, obwohl man dem Vorsitzenden, Herrn Dr. Schälike, noch im April schriftlich zugesichert hatte, seine Position zur Angelegenheit auch künftig zu berücksichtigen. Dass ich von dem bevorstehenden Termin überhaupt erfahren habe, ist einem glücklichen Zufall geschuldet.
Der Freistaat setzt sich mit diesem Verhalten über die Ansichten vieler Menschen in Dresden und auch in den ehemaligen Sowjetrepubliken hinweg. So gesteht der russisch-orthodoxe Glaube, ähnlich dem jüdischen, Verstorbenen ein ewiges Ruherecht zu, so etwas wie ein Erlöschen des Ruherechts nach 25 Jahren wie es das im zernormten und ach so zivilisierten Deutschland gibt, kennt man dort nicht. Zudem ignoriert der Freistaat den Umstand, dass viele Angehörige vielleicht gerne pflegen kommen würden, dies aber über die Distanz schlicht und ergreifend nicht möglich ist.

Die vonseiten des Deutsch-Russischen Kulturinstitutes ins Gespräch gebrachte Möglichkeit, die künftige Pflege des Zivilteils des Friedhofes zu einem guten Teil durch ehrenamtliches Engagement im Rahmen von Begegnungs- und Bildungsseminaren für russische Jugendgruppen oder aber von integrationsfördernden Maßnahmen für in Dresden lebende Migranten aus den ehemaligen Sowjetrepubliken zu bewerkstelligen, will man gar nicht erst diskutieren, sondern versucht nun, klammheimlich hinter verschlossenen Amtstüren eine Entscheidung herbeizuführen, die dann so leicht nicht mehr gekippt werden kann.
Auf das Ersuchen der erneuten Prüfung der Denkmalschutzwürde des Zivilteils, das ich im September beim Landesamt für Denkmalpflege eingereicht hatte, gibt es bis heute keine Reaktion, und vermutlich drängt man beim Freistaat nun auf eine Entscheidung, weil man den Druck der Bürger spürt, die sich mit diesem Raubbau an Kultur und historisch wertvollen Stätten zugunsten einiger eingesparter Euronen nicht abfinden wollen.

Dass es auch anders geht, zeigt das Beispiel Brandenburg, wo das Land und die Kommunen mit den verschiedenen Vereinen und Initiativen an einem Tisch sitzen und gemeinsam über die Zukunft ihrer Garnisonfriedhöfe verhandeln. In Brandenburg ist wohlgemerkt eine rot-rote Regierung an der Macht. Schwarz-Gelb in Sachsen hingegen bevorzugt die Hau-Drauf-Methode des Durchregierens unter Ausschluss kritischer Stimmen und vor allem unter weitestgehender Ignoranz gegenüber der Tatsache, dass man im Begriff ist, wertvolle Spuren der Vergangenheit auszulöschen, die schon allein aus diesem Grund wert wären, unter Denkmalschutz gestellt zu werden.

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Galerie der ausgefallenen Art bei art und wIEse.

Derzeit entsteht im Weidegrund eine Galerie der besonderen Art. In der “Buchengalerie” werden Fotografien sogenannter “weiser Buchen” – ja, das ist eine eigene Wortkreation – aus dem Dresdner Prießnitzgrund und anderen Stadtgebieten gezeigt. “Weise” sind sie deshalb, weil sie Geschichten erzählen, die ihnen von jungen Menschen eingekerbt wurden, vom klassischen Namenszug, über die Herzchen verliebter oder von Sehnsucht nach der Liebsten daheim erfüllter Soldaten bis hin zu Piktogrammen, die Stimmungs- und Gefühlslagen ausdrücken, Gegenstände des Alltages oder Porträts zeigen. Sie “wissen” Dinge, haben Menschen gesehen, die uns heute unbekannt sind. Die Inschriften sind Botschaften aus einer anderen Zeit.

Zu jedem Bild wird sich die Autorin in looping-schlagenden Deutungsversuchen, historisierenden Erklärungen und kleinen Anekdötchen ergehen, die vor allem eines sein sollen: unterhaltsam und fantasieanregend. Die Galerie will dafür werben, mit offenen Augen durch unsere schöne Stadt zu gehen und die überall sichtbaren Zeitzeugnisse vergangener Epochen wahrzunehmen.
Über das Seitenmenü in der linken oberen Ecke, wo auch das Impressum zu finden ist, wird die Buchengalerie künftig per Schnellklick aufrufbar sein.

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Fundstück.

1889 - Dem Hause Wettin zum 800. Jubiläum.

1889 - Dem Hause Wettin zum 800. Jubiläum.

Wer kann sagen, wo diese prächtige Tafel in Dresden einst zu Ehren kam? Handwerkervereine machten sie dem sächsischen König Albert anlässlich des 800. Jubiläums des Hauses Wettin zum Geschenk. Derzeit verrottet sie auf dem ehemaligen Sportplatz der Sowjetarmee westlich des Alaunplatzes zwischen allerlei anderen, dort scheinbar achtlos abgelegten Memorabilia und Bauteilen aus der Innenstadt. So finden sich dort unter anderem Seifenpflastersteine und schwere gusseiserne Zaunelemente aus der Zwingeranlage.
Auf dem Bild sind deutlich mehrere Löcher im Metall zu sehen – könnten das gar noch Einschusslöcher aus umkämpften Zeiten sein?

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Warum man im Prießnitzgrund die Buchen suchen sollte.

Die gemeine Buche.

Die gemeine Buche.

Es gibt sie nicht allzu häufig im Prießnitzgrund: die Buche. Mit ihrem leuchtend hellen, ebenmäßig glatten Stamm, hoch aufgeschossen – die ungekrönte Königin unter den Bäumen Mitteleuropas. Im Grund entlang der Prießnitz dominieren zunächst die Eichen und die Erlen – besonders Eichen, wohin man schaut.
Je weiter man allerdings von der Neustadt kommend in Richtung offener Heide wandert, desto öfter trifft man nicht nur auf die eine oder andere Kiefer, Tanne oder Fichte, sondern auch auf sie – die Buche: prächtige Exemplare, teils uralt, mit Moos an den Wetterseiten, und wo eine steht, da sind auch jüngere Nachkömmlinge meist zahlreich vertreten.

Nun ist die Buche ja an sich ausgenommen ihrer Schönheit nichts so wahnsinnig Besonderes, dass man ihr unbedingt einen Artikel in einem politisch-kulturellen Blog widmen müsste. Doch die Buchen im Dresdner Prießnitzgrund sind in der Tat etwas Besonderes: Sie erzählen Geschichten. Geschichten, von mal mehr mal weniger geschickten Händen ins Holz der Stämme geschnitzt, von Menschen, die von weither kamen und fremd hier waren. Geschichten von Liebe und Sehnsucht, Heimweh und Stolz.

Mit ihrer glatten Rinde bot die Buche vielen der in der näheren Umgebung lebenden Sowjetsoldaten und -bürgern den perfekten Untergrund, auf dem sie sich mit Insignien, Botschaften und sogar kleinen Zeichnungen verewigten. Gerade für Soldaten waren Abstecher in den Prießnitzgrund etwa zu Patrouillen, Märschen oder für Lauftrainings oft eine willkommene Möglichkeit, dem tristen Kasernenalltag für kurze Zeit zu entfliehen. Die Buchen im Grund tragen bis heute ihre Namen, ihre Dienstgrade und oft auch die Zeiträume ihrer Stationierung. Zeugnisse einer Ära, die Geschichte ist. Manche Inschriften erzählen auch über die Heimat der jungen Künstler: “Kursk”, “Moskau” oder “Kavkaz” für immer in Holz gebannt.

Sowjetstern und Totenschädel von 1955.

Sowjetstern und Totenschädel von 1955.


Aljoscha und Lena waren hier.

Aljoscha und Lena waren hier.


Porträt und Soldatenmesser von 1970.

Porträt und Soldatenmesser von 1970.

Die Insignien und Piktogramme stammen fast alle aus der Zeit zwischen 1953 und 1973 – interessanterweise genau jenem Zeitraum, in dem Besatzungssoldaten auf dem Garnisonfriedhof beerdigt wurden. Die meisten wurden in den 50er- und 60er-Jahren erstellt. Trotz intensiver Suche ist es mir bislang nicht gelungen, Inschriften aus den 80er- oder gar 90er-Jahren zu finden. An vielen Stellen haben Zeit und Witterung kaum mehr als verschwommene Wülste hinterlassen, die sich nur noch schwer entschlüsseln lassen. Gefunden habe ich bislang mindestens 15 solcher “weisen Buchen”, fast alle davon nahe der 2. Prießnitzbrücke, wo sich der Hauptweg mit jenen links hinauf nach Klotzsche bzw. rechts hinauf zur Marienallee kreuzt. Auch am Kannenhenkel (oberhalb des Prießnitzgrundes) fanden sich viele Bauminschriften. Drei der interessantesten Werke habe ich hier einmal veröffentlicht:

Bild eins könnte man beinahe ein “Graffiti” aus den 50er-Jahren nennen: Es zeigt deutlich einen in die Rinde geschnitzten Sowjetstern, darunter einen Totenschädel sowie oben das Datum: 4. (oder 9.) November 1955.
Ähnlich Bild drei: Ein Menschenkopf mit 60er-Jahre-Pilz-Frisur ist zu sehen, dazu mehrere Initialen und die Jahreszahl 1970, darunter ein Messer wie es jeder Sowjetsoldat besaß und zumeist auch immer am Gurt trug. Mit diesen Messern sind wohl auch die meisten der Bauminsignien angefertigt worden. Bild zwei mutet auf den ersten Blick einfach an, ist aber insofern besonders, als dass relativ selten volle Namen in die Bäume geritzt wurden, hier aber gleich zwei, und das auch noch sehr gut erhalten: Lena und Ljoscha.

Bei aufmerksamem Durchwandern ohne Tunnelblick und Bürogedanken im Kopf ist der Prießnitzgrund eine regelrechte Galerie der Zeitgeschichte. Er ist erfüllt von Dokumentationen junger Menschen, eines Lebens abgeschieden vom Rest der Gesellschaft. Man kann in ihnen blättern wie in einem hölzernen Buch. Und vielleicht heißt die Buche ja auch deshalb Buche, weil sich auf ihrer hellen, glatten Rinde so wunderbar Geschichten erzählen lassen.

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Ringen um Erhalt des Zivilteils des Garnisonfriedhofs nimmt Formen an.

Die vergangenen zwei Wochen verliefen einigermaßen turbulent. Während Leser dieses Blogs schon mal den Anschein gewinnen konnten, es täte sich nichts in Sachen Rettung des Zivilteils vor Abrissbaggern und kulturfeindlicher Umgestaltung, formiert sich hinter den Kulissen langsam eine Allianz der Kulturfreunde, der engagierten Bürger, ehemaliger Angehöriger der sowjetischen Streitkräfte und verschiedener Vereine. Die Kontakte, die ich in der letzten Zeit knüpfen konnte, reichen bis nach Russland. Nach Angaben des Offiziers und ehemaligen Kommandeurs einer bei Königsbrück stationierten Einheit der Sowjettruppen, Wladimir K. Wassilijew, der sich bereits persönlich in Dresden einen Überblick über die derzeitige Situation verschaffte, befassen sich mit dem Schutz und dem Erhalt der historisch wertvollen Anlage an der Marienallee auf sein Bestreben hin momentan auch das russische Verteidigungsministerium und die russische Botschaft in Deutschland.

In einem Internetforum, in dem sich aktuell etwa 2000 ehemals in und um Dresden stationierte Sowjetsoldaten austauschen und miteinander Kontakt halten, kursiert ein Aufruf, sich zu erinnern: Wer weiß von Kameraden oder Angehörigen, die auf dem Garnisonfriedhof zwischen 1952 und 1987 bestattet wurden? Wer hat Originalpapiere aufbewahrt? Welche Behörde war zuständig (sowjetische oder deutsche)? Dabei entwickeln immer mehr ehemalige Soldaten einen intensiven Aktivismus. Dabei konnte ermittelt werden, dass die Regierungen fast aller ostdeutschen Bundesländer wie Brandenburg, Thüringen und Sachsen-Anhalt derzeit ähnliche Projekte initiieren, um die zivilen Bereiche der sowjetischen Garnisonfriedhöfe zurückzubauen und durch pflegeleichte Grünanlagen zu ersetzen, dabei gleichen die Pläne einander oft bis ins Detail. Auch aus Polen sind solche Vorhaben bekannt geworden. So wurde etwa auch der Zivilteil des Ehrenhains in Michendorf (Brandenburg) jahrelang vernachlässigt, befindet sich heute in einem desolaten Zustand und soll nun ähnlich dem Dresdner-Modell in eine Grünanlage mit Obelisk umgewandelt werden. Eine deutsch-russische Initiative bemüht sich derzeit darum, dieses Vorhaben zu verhindern und die Mittel für Sanierung und Erhalt der Anlage aus russischen Spendengeldern aufzubringen.

Doch auch in Dresden tun sich Möglichkeiten auf. So ist für den kommenden Montag ein Treffen mit dem Vorstandsvorsitzenden des Deutsch-Russischen Kulturinstitutes (DRKI) in Dresden geplant, das sich bereits seit dem Abzug der Sowjettruppen aus Sachsen 1993 mit der Angelegenheit des Garnisonfriedhofes beschäftigt und unter anderem die Sanierung der Kriegsgräberstätte zwischen 1998 und 2007 durchsetzen konnte und auch das Dostojewski-Denkmal am Landtag realisierte. Den Kontakt stellte freundlicherweise Herr Wladimir Wassilijew her. Ein erstes Telefonat heute verlief bereits sehr vielversprechend. Der Freistaat Sachsen steht derzeit in intensiven Verhandlungen mit dem DRKI. Nach Angaben des Vorsitzenden, Herrn Schälike, liegt dem Institut mittlerweile der genaue Entwurf des Sächsischen Staatsbetriebes Immobilien- und Baumanagement (SIB) zur Umgestaltung vor. Während der Verein wie ich selbst auch dem geplanten Bau eines stabilen Zaunes zustimmt, lehnt er den Abriss der kulturell wertvollen Grabanlagen ab. Am Montag werde ich nun erstmals Einsicht in die genauen Pläne erhalten, das SIB hielt sich diesbezüglich bis jetzt ja eher sehr vage und bedeckt.

Des Weiteren haben sich Kontakte zum ECHO – European Culture and Hospice Organisation e. V. ergeben, einem Verein, der sich mit Gedenk- und Trauerkultur über Ländergrenzen hinweg beschäftigt. Über Zeitungsartikel und art und wIEse auf das Thema aufmerksam geworden, wird der Umgang mit dem Andenken an hierzulande in der Fremde und während der stalinistischen Diktatur verstorbene Menschen dort rege diskutiert. Auch hier wird es demnächst ein erstes intensives Gespräch geben, des Weiteren wurde die Möglichkeit eines Podiumsgespräches bzw. einer Ausstellung zum Thema Garnisonfriedhof im Dresdner Landtag vorgeschlagen.

Was wurde sonst konkret bislang getan?
Ich habe wie bereits erwähnt, einen Antrag auf eingehende Prüfung auf Denkmalschutzwürdigkeit des Zivilteils des Garnisonfriedhofes bei der zuständigen Abteilung Inventarisation des Landesamtes für Kultur und Denkmalpflege Sachsen eingereicht. Ein Ergebnis steht hier noch aus. Des Weiteren wurde der aktuelle Wikipedia-Eintrag zum Sowjetischen Garnisonfriedhof von mir überarbeitet und auf den neuesten Stand gebracht. Emails mit einem Aufruf, die Aktion zu unterstützen, gingen unter anderem an Dresdner Blogger, von denen leider wenig Resonanz kam. Keinerlei Reaktion kam erstaunlicherweise auch von den Neustadtgrünen, die sich sonst doch immer recht vehement gegen Kulturschwund und Neubaupläne der schwarz-gelben Landesregierung einsetzen.
Es wurden des Weiteren Hinweisschilder an der Marienallee entlang des Friedhofes angebracht, die Passanten und Besucher auf die Problematik aufmerksam machen. Bei regelmäßigen Besuchen vor Ort fällt insbesondere eines auf: Relativ häufig sind nun russischstämmige Bürger auf der Anlage anzutreffen, was bei früheren Besuchen eher selten der Fall war. Und immer häufiger “verirren” sich Besucher bis in den Nordflügel, der sonst immer einsam und versteckt im Schatten der Kriegsgräberstätte lag und von dessen Existenz oft nicht einmal jene wussten, die den Friedhof als solchen bereits kannten.

Das Thema nimmt derzeit Dimensionen an, die den möglichen zeitlichen Rahmen beinahe sprengen, berücksichtigt man, dass ich momentan noch immer als Einzelkämpfer aktiv unterwegs und zudem beruflich voll eingespannt bin. Aber vielleicht wird sich das ja bald ändern. Spannend ist das alles allemal.

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Gedenkerziehung als Politikfeld

Die Erziehung der Bürger zum “korrekten Gedenken” und damit die Übermittlung von bestimmten politisch korrekten “historischen Wahrheiten” lässt sich in jüngster Zeit in Dresden exemplarisch illustrieren.
Gleich fünf Vorschläge (teils bereits realisiert), irgendwessen zu gedenken, drangen in den letzten Monaten aus Dresdner Stadtratskreisen, vor allem aus Richtung der schwarz-gelben Koalition.

Da hätten wir zunächst das jüngst wiederaufgestellte und um die Bedeutung des Gedenkens der bürgerlichen Revolution von 1989 erweiterte Denkmal zu Ehren des Kreuzchor-Kantors Ernst Julius Otto vor der Kreuzkirche am Altmarkt. 1998 wurde der Aufbau desselben im Stadtrat beschlossen, 2007 gabs die Ausschreibung, im August 2010 wurde es eingeweiht. Es soll daran erinnern, dass die bürgerliche Revolution maßgeblich von der christlichen Kirche ausgegangen sei.

Gestern erst wurde auf dem Heidefriedhof ein weiteres Mahnmal zum Gedenken der Opfer des 13. Februar 1945 eingeweiht – Malgorzata Chodakowskas “Trauerndes Mädchen am Tränenmeer”. Auch hier hatte die schwarz-gelb dominierte Kommunalpolitik ihre Hände im Spiel. Ich habe so meine Zweifel, dass die Skulptur zwischen den mehr als ein Dutzend monumentalen Betonstelen mit den Aufschriften von Orten des Grauens im Zweiten Weltkrieg (unter anderem Auschwitz, Conventry und Dresden) sowie den vielen anderen Denkmälern zu Ehren der Opfer, die sich dort finden, wirklich noch eine ihr eigene Wirkung zu erzielen in der Lage ist.

Dann gab es erst kürzlich vonseiten FDP und CDU den Vorschlag, man möge in Dresden eine “Straße der Einheit” zu Ehren der Wiedervereinigung vor 20 Jahren einrichten. Vor dem Hintergrund, dass just jene schwarz-gelben Stadträte 1991 die Umbenennung zahlreicher Dresdner Straßen und Plätze in ideologisch weniger konfliktbeladene frühere Namen aus Kaiserreich und Drittem Reich veranlassten – unter anderem des “Platz der Einheit” sowie der “Straße der Einheit” in der Neustadt, dem heutigen Albertplatz bzw. der Albertstraße, kann man ob dieser schildbürgeresque anmutenden Töne, die nun laut werden, um zudem eine Einheit zu feiern, die längst noch keine ist, nur noch die Hände überm Kopf zusammenschlagen. Die Linke, mit Häme immer schnell dabei, schlug als Lokation für eine solche Straße eine Straße oder einen Platz in Sichtweite zur Dresdner ARGE vor, also just dort, wo sich bis heute die Verlierer der Einheit die Klinke in die Hand geben.

Ebenfalls von der FDP kam kürzlich der Vorschlag eines Denkmals für den “Unbekannten Demokraten”, das unter anderem die Helden und Opfer der Dresdner Aufstände im Zuge der Märzrevolution 1848/49 ehren soll. Dass es solche Denkmäler in Dresden – zwei Stück an der Zahl – längst gibt (am Schloßplatz und am Albertinum), wurde geflissentlich unter den Tisch fallen gelassen – oder vielleicht gar nicht erst recherchiert, bevor man sich mit solch einem Vorschlag aus dem Fenster lehnte? Hauptsache, man postiert sich immer mal wieder medienwirksam als Verfechter von Demokratie und Liberalismus – zumindest vor laufenden Kameras und wenn es nur drauf ankommt, große Worte zu formulieren.
Die Linken konterten diesen sonderbaren Vorschlag entsprechend zynisch, indem sie im Gegenzug ein Denkmal für den “Unbekannten Liberalen” anregten. Sorry, aber etwas anderes als Spott hatte der strategische Winkelzug nun auch wirklich nicht verdient, wenn sich das Spektakel auch als ziemlich unwürdiges Theater darstellte.

Nun soll nach Medienberichten auch noch ein weiteres Denkmal am Altmarkt hinzukommen, dass “die 19.000 Opfer der Bombenangriffe von 1945″ durch Namensnennung ehrt.
Man führe mir jenen Menschen herbei, der dafür bürgen kann, 1945 exakt 19000 Bombenopfer gezählt zu haben, dass es gerechtfertigt wäre, das Denkmal als eines auszuweisen, das “die 19.000 Bombenopfer von 1945″ ehrt.
Was sollen diese Zahlenspiele? Hier sollen “Wahrheiten” geschaffen werden, die so vor der Realität nie bestehen würden. So ist es selbst nach Auffassung von Historikern schlicht nicht möglich, dass alle Opfer restlos identifiziert worden sind, um wirklich alle Namen auf solch einem Denkmal nennen zu können. Warum errichtet man nicht, wenn schon unbedingt noch ein Denkmal sein muss, ein zahlenmäßig neutrales? Der maßlosen Übertreibung der Opferfrage durch die Rechtsextremen begegnet man sicher nicht adäquat durch das Postulieren eigener, betont niedriger und dafür entgültig anmutender Zahlen. Dieses Denkmal ist eine rein politische Entscheidung, mit Gedenken und Erinnerung hat das noch so viel zu tun wie eine Kuh mit Dosenmilch.

Die Stadt scheint ein heiden-Geld zu haben, wenn es darauf ankommt, Gedenken in politisch und ideologisch genehme Bahnen zu lenken und sei es nur für die Medien und die Wahrnehmung in der Weltöffentlichkeit. An anderer Stelle verfallen hingegen die Kulturgüter, oder dringend notwendige Projekte wie etwa das Sachsenbad, der Russensportplatz oder auch das Kulturkraftwerk Mitte bleiben auf der Strecke.

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Geburt einer Idee?

Gestern war bundesweiter Tag des (offenen) Friedhofs. Auch in Dresden gab es anlässlich dieses Tages Friedhofsführungen bzw. Vorträge, so etwa auf dem Jüdischen Friedhof in der Pulsnitzer Straße, Dresden-Neustadt, dem Tolkewitzer Friedhof, oder auch auf dem Trinitatisfriedhof in der Johannstadt. Auf dem Nordfriedhof am Kannenhenkelweg konnten Besucher in Führungen die Ruhestätten von Größen des preußischen Militärs, wie etwa die der sächsischen Kriegsminister von Carlowitz oder von der Planitz, sowie die Gedenkstätte für den Mitverschwörer des 20. Juli 1944, Friedrich Olbricht, besichtigen.
Ganz großer Bahnhof dagegen auf dem Heidefriedhof: Malgorzata Chodakowskas Skulptur “Trauerndes Mädchen am Tränenmeer” zum Gedenken der Opfer des alliierten Bombardements vom 13. Februar wurde der Öffentlichkeit übergeben.

Man mag nun geteilter Ansicht sein, ob etwa der Heidefriedhof mit seiner ohnehin schlicht monumental zu nennenden Gedenkinfrastruktur, was die Opfer des 2. Weltkrieges ingesamt anbelangt, ein weiteres Mahnmal gebraucht hätte, oder ob der Jüdische Friedhof in der Pulsnitzer Straße auch zum Tag des (offenen) Friedhofes 4 Euro Eintritt verlangen muss (so stand es zumindest in der Zeitung und am Tor). Eine positive Geschichte ist dieser Tag des (offenen) Friedhofs allemal, bedeutet er doch eine wichtige Annäherung an Themen wie Tod und die Endlichkeit allen Seins, aber auch die Geschichte der jeweiligen Region.

Was ich sehr schade finde, ist die Tatsache, dass weder Stadt noch Freistaat, noch Vereine oder Institutionen diesen Tag jemals genutzt hätten, auch Führungen auf dem Garnisonfriedhof der Sowjetischen Armee an der Marienallee anzubieten. Gerade hier, auf einer Anlage, die eine Zeit berührt, die die meisten von uns noch unmittebar miterlebt haben, gäbe es so viel zu erzählen, so viel Möglichkeit zu Aufklärung, Enttabuisierung und Austausch.
Doch wie in jedem Jahr, waren für den Garnisonfriedhof auch in diesem Jahr keinerlei Veranstaltungen geplant.

Daher hatte ich beschlossen, dies einfach selbst in die Hand zu nehmen und mich als Gedenkstättenführer zu versuchen. Vorab sei vielleicht darauf hingewiesen, dass ich mich nicht aus politisch-ideologischen Gründen um eine bessere Wahrnehmung des Friedhofes bemühe, sondern vor allem aus historischen, aufklärerischen und kulturellen. Es geht darum, zu zeigen, dass auf dem Friedhof Licht und Schatten nah beieinander liegen. Dass die Helden, die hier im Befreiungskampf starben, zugleich auch grausame Besatzer waren, dass das Regime, das sie hier verteidigten, ein grausames war, das sich auch gegen die eigenen Leute richtete – junge Menschen, deren Gräber zu Dutzenden auf dem Friedhof zu finden sind. Letztendlich, dass es allemal lohnt, diese Stätte in ihrer Gesamtheit und vor allem in ihrer Ursrpünglichkeit als zeitgeschichtlich relevantes Kulturgut zu erhalten und der Öffentlichkeit nahezubringen.

Eine Informationstafel (bestehend aus einer Leinwand) mit allerlei Wissenswertem rund um Geschichte, Beschaffenheit und Zukunft des Garnisonfriedhofes war schnell zusammengestellt. Sie enthielt unter anderem einen mehr als provisorischen und gewiss nicht maßstabsgerechten Lageplan, um zu zeigen, dass der Friedhof am nördlichen Ende der Hauptanlage weitergeht. Die Tafel wurde gut einsehbar am Friedhofstor befestigt, das sonst immer fest verrammelte Tor selbst weit geöffnet.
Und die Sache wurde ein voller Erfolg.
Da zwischenzeitlich die Arbeit rief, war es mir lediglich möglich, zwischen 13:30 und 14:45 Uhr sowie zwischen 17:15 und 18:00 Uhr selbst vor Ort zu sein. In diesen zwei Stunden zählte ich mindestens 25 Gäste auf einer Anlage, die sonst mehr oder weniger einsam im Schatten der Heide liegt. Mit vielen davon ergaben sich sehr gute Gespräche.

Tag des Friedhofs - Leben auf dem Garnisonfriedhof.

Tag des Friedhofs - Leben auf dem Garnisonfriedhof.

Etwas unsicher war ich zunächst, wie ich mich verhalten sollte: die Leute gleich am Tor in Empfang nehmen? Sich eher im Hintergrund halten und sie kommen lassen? Es stellte sich heraus, dass viele einen freundlichen Empfang am Tor mit der Bemerkung, falls Fragen bestünden, könnte man sich gern an mich wenden, sehr schätzten. Auch die Auskunft, dass die Verfasserin der Zeitungsartikel, aufgrund derer man sich entschlossen hatte, mal wieder vorbeizuschauen, direkt vor Ort war, löste positive Reaktionen aus und stellte sofort ein ungezwungenes Klima her.
Bei meinen früheren Besuchen zu Recherchezwecken war ich meist über Stunden völlig allein auf der Anlage – trotz Wochenendes und schönen Wetters. Die Menschen liefen meist verschüchtert vorbei, blieben allenfalls mal kurz stehen, um durch die Gitterstäbe zu lugen. Nur selten verirrte sich mal jemand für einen kurzen verschämten Besuch oder schlimmstenfalls auf der Suche nach einem Ort fürs kleine Geschäft auf den Friedhof.

Gestern war das anders. Von Besuchern, die die Anlage bereits kannten, erfuhr ich, dass viele bis heute nicht wussten, dass es noch einen zivilen Anbau im Norden des Areals gibt. Diejenigen, die ich dort hinführte, zeigten sich bestürzt über den verwahrlosten Zustand. Ein Mann bestürmte mich mit Fragen, ob ich einen Verein wüsste, der sich um die Auffindung von in Russland oder Polen während des 2. Weltkriegs verstorbenen Wehrmachtsoldaten bemühe; ein weiterer in Begleitung seiner Frau war selbst vom Zustand der an sich gepflegten Hauptanlage wenig begeistert.
Es stellte sich heraus, dass der Radebeuler in der jüdischen Gemeinde engagiert ist. Auch von dort, so berichtete er, kenne man das, dass die Friedhöfe oft verwahrlosten, wenn sich nicht Vereine oder engagierte Bürger darum kümmerten. Er freute sich wie ein Kind, als ich ihn zu einem Grab führte, das ich vorsichtig als das eines jüdischen Sowjetsoldaten identifiziert hatte: Der 1947 verstorbene Oberleutnant der Sowjetischen Armee hieß mit Nachnamen Baum, und auf seinem Grabmal liegen zwei blankpolierte Steine.

Es muss dazugesagt werden, dass sich das Interesse erfreulicherweise nicht nur auf die ältere Generation beschränkte. Auch Jugendliche und junge Erwachsene sammelten sich am Tor vor der Tafel, die allermeisten statteten der Anlage draufhin einen mehr oder weniger ausgedehnten Besuch ab. Intensiverer Informationsbedarf zeichnete sich aber dann doch bei den Gästen jenseits der 55 ab.
Leider gab es auch die weniger sensiblen “Besucher” – so etwa eine Frau um die 40 in lässig-modernem Outfit mit Knöpfen im Ohr, die Musik daraus konnte man noch auf 60 Meter Entfernung deutlich hören. Sie schlenderte mit desinteressiertem Gesicht über den Hauptweg – um dann schließlich an einem Vogelbeerenstrauch mit hübschen orangenen Früchten stehen zu bleiben, ein paar Zweige abzubrechen und wieder abzuziehen.

Jedenfalls war dieser Tag des (offenen) Friedhofes der Geburtstag einer Idee. Aufgrund des positiven Feedbacks durch Besucher, die sich erfreut zeigten, endlich einmal einen Ansprechpartner vor Ort zu haben, der ihnen mehr zur Anlage erzählen konnte, habe ich mir überlegt, dass man solche Führungen doch regelmäßiger veranstalten könnte, um einen größeren Bekanntheitsgrad des Friedhofes in der Bevölkerung zu etablieren. Da mehrere Besucher andeuteten, sich durchaus vorstellen zu können, ein-, zweimal im Quartal oder Halbjahr mit anzupacken und die gröbsten Witterungs- oder Vandalismusschäden auf dem Friedhof zu beseitigen, überlege ich sogar, demnächst (möglichst noch vor dem Winter) so etwas wie eine Art “Aktion Friedhofsputz” für den Nordflügel zu organisieren, um diesen wenigstens ansatzweise wieder in einen würdigen Zustand zu versetzen.

Die Hoffnung, die ich mit diesem Engagement verbinde, ist die, dass der Freistaat so davon überzeugt werden kann, seine Pläne zum Abriss der originalen Grabanlagen im Nordflügel zugunsten einer Grünanlage mit lediglich noch zwei Stelen ad acta zu legen. Die Kosten, die bei einer gebührenden Pflege eines so großen Areals anfallen würden, waren (nach Aussage des Staatsbetriebes Sächsisches Immobilien- und Baumanagement) ein Hauptgrund für die jahrelange stiefmütterliche Behandlung durch den Freistaat und sie dürften auch ein Hauptgrund für die aktuellen Umgestaltungspläne sein. Doch würde die Umbaumaßnahe an sich Zigtausende wenn nicht gar über hunderttausend Euro kosten – Geld, das mittels bürgerlichen Engagements gespart und zum Beispiel für die sinnvolle Gestaltung des ehemaligen Russensportplatzes am Alaunplatz verwendet werden könnte.

Nur wenn die Anlage in ihrem Ursprungszustand erhalten bleibt, jedes einzelne der über 400 Soldatengräber des Nordflügels so wie seine Pendants, die das Glück hatten, auf der gepflegten Hauptanlage ihre letzte Ruhe zu finden, eingesehen werden kann, wird doch die Dimension sichtbar, in der ein totalitäres Regime ohne Rücksicht auf Menschenleben in den eigenen Reihen seinen Status quo aufrechterhalten wollte. Sie stehen hier in Dresden repräsentativ für die 2000-4000 sowjetischen Soldaten, die Schätzungen von Historikern und Menschenrechtsorganisationen zufolge während der Besatzungszeit JÄHRLICH IN DER DDR zu Friedenszeiten ihr Leben verloren.

P. S.: Wem es ein Bedürfnis ist, sich für den Erhalt des einzigen Friedhofes in Dresden in seinem ursprünglichen architektonischen Zustand zu engagieren, der ausschließlich nichtdeutsche Staatsangehörige beherbergt, kann sich gerne melden. Ich freue mich jederzeit über Mitstreiter. Hier geht es nicht um Spenden oder finanzielle Aufwendungen, sondern vor allem um Öffentlichkeitsarbeit und gegebenenfalls wenige Male im Jahr um tatkräftiges Anpacken. Die eine oder andere Heckenschere, Schaufel oder Harke könnte allerdings durchaus von Nutzen sein ;-)

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Gibts nur in der Neustadt.

So was kann einem wohl nur in der Neustadt passieren: Samstagabend, man ist mit Freunden unterwegs und wandelt durch die belebten Straßen. Ausgerechnet in der stillen Böhmischen Straße ziehen uns plötzlich wohlklingende Töne in den Bann, die von irgendwoher kamen. Als wir den Ursprung schließlich ausmachen konnten, stießen wir auf eine junge Hamburger Folk-Rock-Band, die in einem Hausflur ihre Bühne aufgeschlagen hatten: “Torpus and the Art Directors” heißt die unkonventionelle Truppe um Frontmann Sönke Torpus, die diese nicht gerade übliche Art der Hausmusik “Wohnzimmertour” nennt.
Der Hausflur platzte jedenfalls bald aus allen Nähten, und auch wir waren längst absolut hingerissen von der frischen, rebellischen aber auch unglaublich professionellen Darbietung. Alle blieben bis zum Schluss, und selbst eine Zugabe musste noch her – die Menge war hellauf begeistert. Aber überzeugt euch selbst:

Die zehn Euro für die CD waren es definitiv wert.

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