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Am 23.8. erschien in den Dresdner Neuesten Nachrichten in der Rubrik “Heimatgeschichte”, S. 16, der von mir verfasste Artikel “Stalins vergessene Helden”.
Da es mir ein Bedürfnis ist, möglichst viele Menschen für eine aus mehrfacher Perspektive finstere Periode Dresdner Geschichte zu sensibilisieren, habe ich mich entschlossen, den Wortlaut auch hier in meinem Blog nochmals niederzuschreiben und ggf. zur Diskussion zu stellen, was ja so in der Zeitung nicht möglich war.
Stalins vergessene Helden
von Jane Jannke
Im Westflügel des Dresdner Garnison-Friedhofes an der Marienallee reihen sich in bedrückender Gleichförmigkeit 140 Betonstelen aneinander. Lebensdaten und Dienstgrade verraten: Hier ruhen fast ausschließlich junge Rekruten; 21 Jahre wurden sie im Schnitt alt. Sie starben Mitte bis Ende der 50er-Jahre – zu Friedenszeiten. Ein ähnliches Bild bietet sich dem Besucher im Nordflügel. Verwilderte Pfade führen scheinbar in den Wald – doch da leuchten zwischen wuchernden Büschen frische Gerbera neben einer Grabtafel.Erst auf den zweiten Blick realisiert man: Hunderte Grabplatten liegen dicht an dicht im Boden: Gräber einfacher Soldaten, die jüngsten erst 16, 17 Jahre alt.
Diese scheinbare Verschwendung jungen Lebens macht nachdenklich: Waren diese jungen Männer nicht Stalins und Chruschtschows strahlende Helden? Stattdessen endeten etwa 600 von ihnen allein in den 50er- und 60er-Jahren auf dem Dresdner Garnisonfriedhof. In der letzten Reihe des Westflügels blinkt nzwischen Beton das Bildnis des Rekruten Koschelnik († 20, 1958) – ein blonder Jüngling mit müdem Blick. Es durchbricht die steinerne Anonymität, will die Geschichte eines kurzen Lebens erzählen.
“Freunde” blieben Fremde
In der realsozialistischen Rhetorik traten die sowjetischen Besatzer als Befreier und Freunde auf; die SU als Hort des Fortschritts und der Menschlichkeit. Tatsächlich lebten Sowjetsoldaten und Deutsche in Dresden in unmittelbarer Nachbarschaft, doch Kontakte blieben selten und unterlagen dem Diktat der sowjetischen Militärkommandantur. Aber es gab sie natürlich, die Begegnungen zwischen “Ivans” und “Nemziy”. Dieter Liebschner, 1938 in Dresden geboren, erzählt von Angst und Hass, aber auch von Dankbarkeit, welche die Menschen in der von russischer Vergeltung und Hunger geprägten Nachkriegszeit gegenüber den Sowjets empfanden: “Kaum jemand hier hat die Russen als Befreier angesehen, die kamen als Sieger. Doch zu uns Kindern waren sie gut, verteilten Essen.”
Das offizielle Bild: Stabsunteroffizier der Sowjetarmee mit deutschem Kind.
Später erhielt Dieter Liebschner als Kfz-Techniker Zutritt zu den Kasernenanlagen – Einblicke in eine andere Welt: “Alles dort war sehr ärmlich, aber in den Schlafsälen für bis zu 50 Personen herrschte penible Ordnung”, erinnert sich der 72-jährige Hobby-Historiker. “Vieles war für uns Deutsche gewöhnungsbedürftig: das Essen, die Sitten. Viele Soldaten konnten nicht einmal Russisch, weil sie aus Fernost kamen. Der Umgang mit Munition und Waffen war oft fahrlässig, es gab viele Unfälle.”
Sowjetsoldaten bei Manöver in Königsbrück. 70er-Jahre.
Vice Versa blieb die Teilnahme am deutschen Leben den sowjetischen Offizieren vorbehalten. Den einfachen Soldaten war das Verlassen der Kaserne hingegen nur im dienstlichen Auftrag gestattet, der Militäralltag glich für sie oft einem Gefängnisaufenthalt. Zeitzeugen berichten von einseitiger Ernährung, die für die Mannschaftsdienstgrade oft spärlich ausfiel; von jungen Rekruten, die für schwerste Arbeiten in volkseigenen Betrieben förmlich verheizt wurden; von gefassten Deserteuren, mit denen eiskalt “kurzer Prozess” gemacht wurde. Behörden wie Bürger schauten wechselweise zu oder weg.
Seltenes Ereignis kurz vor der Entlassung aus dem Wehrdienst: Zoobesuch in Dresden.
Wie wenig ein Mensch im sowjetischen Militär zählte, veranschaulicht vor allem die “Dedowschtschina” (“Herrschaft der Älteren”): ein von Willkür und Gewalt geprägtes Kastensystem, das kaum mit dem vergleichbar ist, was in westlichen Streitkräften an Initationsriten und Hierarchien bekannt ist. Neu verpflichtete Wehrdienstleistende (“Grünschnäbel”) wurden den Längerdienenden gnadenlos unterworfen. Sklaverei, sadistische Prügelrituale, sexuelle Gewalt waren auch in den in der DDR stationierten Truppen an der Tagesordnung. Für jedes noch so kleine Vergehen blühten den Soldaten drakonische Strafen, von Einzelhaft unter mittelalterlichen Bedingungen über Essens- und Schlafentzug bis hin zu physischer Gewalt.
Während des Zweiten Weltkrieges fast verschwunden, flammte die menschenverachtende Tradition nach Erkenntnissen der Historikerin Silke Satjukow spätestens ab den 50er-Jahren wieder auf. Viele Soldaten hielten dem nicht stand und brachten sich um. Die Schicksale der jungen Verzweifelten blieben der breiten Öffentlichkeit verborgen.
Dokumentiertes Grauen
Erst mit dem Umbruch 1989/90 wurden die Zustände offenbar – mit den ersten Deserteuren, denen die Flucht in die BRD gelang. So berichtete ein aus einer Einheit nahe Zeitz desertierter Rekrut 1990 der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) in Frankfurt/M. : “Ich wurde jeden Tag geschlagen, die Offiziere sahen zu. Ein Soldat ist völlig rechtlos, ein Untermensch und Arbeitsroboter. Man hatte ständig Hunger, und es gab grausame ethnische Konflikte unter den Soldaten. Während meines Dienstjahres in der DDR erfuhr ich von zehn Todesfällen.” “Die Wahrscheinlichkeit, dass auch zwischen 1950 und 1970 in der DDR viele junge Soldaten internen Grausamkeiten zum Opfer fielen, ist sehr hoch”, konstatiert Wanda Wahnsiedler, bei der IGFM zuständig für Menschenrechtsverletzungen im russischen Militär. “Unter der Abschottung des Eisernen Vorhangs war es sogar noch leichter, Verbrechen zu vertuschen.”
Und so war wohl auch für die Betroffenen am schlimmsten, dass sie während des damals noch dreijährigen Wehrdienstes (heute 12 Monate) bei niemandem um Hilfe ersuchen konnten, oft selbst noch auf der Krankenstation die Mechanismen der “Dedowschtschina” wirkten.
Gegenüber dem “Spiegel” stellte der russische Publizist Dmitrij Bykow 1995 fest: “Die Armee ist ein seit 75 Jahren funktionierender Mechanismus zur Vernichtung vaterländischer Intelligenz.” Die Vorstellung, dass mitten in Dresden weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit junge Sowjetsoldaten achtlos zu Tode geschunden, begraben und vergessen wurden, mag in der etablierten Wahrnehmung der Sowjets als kommunistische Gewaltherrscher, derer man sich nur zu gern entledigte, für Irritationen sorgen. Doch sie weist auch auf die Notwendigkeit einer differenzierteren Betrachtungsweise hin – die Grausamkeit des Regimes wirkte durchaus auch gegen jene, die es verteidigen sollten.
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Mit dem jetzigen Stand meiner Kenntnisse und Recherchen, welcher oben zusammengefasst dargestellt ist, trete ich für die Anerkennung des sowjetischen Garnisonfriedhofes in Dresden nicht nur als Kriegsgräberstätte, sondern ebenso als Mahnmal gegen Willkür, Gewalt und staatlich praktizierte Menschenverachtung in diktatorischen Regimen ein.
Sowohl in der SU als auch in der DDR konnten Willkür und Grausamkeiten im sowjetischen Militär teils schauerliche Blüten treiben: Keiner hat die Hand erhoben oder zumindest deutliche Worte gefunden, als etwa ein junger Deserteur, der mit einem Kampfpanzer die Grenze zur BRD durchbrechen wollte, mittels Handgranatenwurfes durch die Einstiegsluke aus dem Verkehr gezogen wurde – ein eiskalter Mord, und zwar sowohl nach SU- als auch nach DDR-Recht, und das war nichtmals unter den dokumentierten Fällen ein Einzelfall. Wie verzweifelt muss aber ein Mensch gewesen sein, eine solch aussichtslose Flucht ins sichere Verderben zu wagen?
In einem vor 2 Wochen verfassten Artikel zum Garnisonfriedhof erwähnte ich den desaströsen Zustand des Nordflügels, in dem die über 600 Grabstätten (400 Soldaten, 200 Zivilisten) der Verwahrlosung preisgegeben sind. Vor den oben genannten Hintergründen gelten zumindest einige der dort begrabenen Soldaten zweifelsohne als
“Personen, die aufgrund rechtsstaatswidriger Maßnahmen als Opfer des kommunistischen Regimes ums Leben gekommen oder an den Folgen von aufgrund derartiger Maßnahmen erlittener Gesundheitsschädigungen innerhalb eines Jahres nach Beendigung der Maßnahme verstorben sind”, wie es im deutschen Gräbergesetz als Bedingung für dauerhaften Erhalt und Pflege von Grabstätten formuliert steht.
Der Umstand, dass es sich bei den dort Bestatteten fast ausschließlich um Rekruten/Soldaten (Rjadovoy), seltener Gefreite (Jefreitor), noch seltener Unteroffiziere (Sergeant) und lediglich ganz vereinzelt um Feldwebel (Starschiy Sergeant) bzw. Stabsfeldwebel (Starschina) handelt, die zudem in der übergroßen Mehrzahl zwischen 18 und 23 Jahren (Untere Spitze 16 J., Obere Spitze 29 J.) alt waren, als sie starben, weist klar auf eine 2-Klassen-Gesellschaft zulasten der niederen Dienstgrade hin, was Lebensqualität (Versorgung, Gesundheit, Grad der körperlichen und mentalen Belastung) sowie Sterblichkeit innerhalb der Truppe betrifft.
Das Argument, das zahlenmäßige Verhältnis zwischen den Offiziersrängen und den einfachen Truppen wäre einfach entsprechend gewesen, taugt für dieses Phänomen nicht zur Erklärung.
Denn: Das sowjetische Militär war bekanntermaßen sehr “kopflastig” strukturiert, das bedeutet, dass es eine vergleichsweise hohe Dichte an Offiziersdienstgraden gab, in die junge Soldaten relativ schnell aufsteigen konnten. Dies gilt für die Jahre bis einschließlich 1967, als das Militär zum ersten Mal grundlegend reformiert und vor allem auch ausgedünnt wurde. Damals sank auch die Wehrdienstzeit von bis dahin 3 auf dann nur noch 2 Jahre. Das Problem der “Kopflastigkeit” des Militärs steigerte sich allerdings danach noch – so stand in den 70er-Jahren fast ein Viertel des gesamten Personenbestandes im Offiziersrang. Unteroffiziere etwa waren ein innerhalb der Truppen überproportional stark vertretener Dienstrang – ihr Anteil an den auf dem Garnisonfriedhof Begrabenen ist aber vergleichsweise gering.
Parallel ist auch auf dem Garnisonfriedhof eine rapide Abnahme an Soldaten-Bestattungen ab dem Jahr 1967 zu verzeichnen – obgleich mit den Unruhen des Prager Frühlings 1968, zu dessen Niederschlagung auch Divisionen der in Dresden stationierten 1. Gardepanzerarmee entsandt wurden, eine kriegerische Konfliktsituation hinzukam, die für gewöhnlich ein erhöhtes Todesrisiko für kämpfende Truppen bedeutet.
Auch Epidemien oder Seuchen können für jene Jahre zwischen 1953 und 1968 als Ursache für das hohe Soldatensterben weitgehend ausgeschlossen werden. Zum einen konnten Gespräche mit Zeitzeugen (unter anderem ein in der damaligen Medak, heute Uniklinikum, beschäftigter Angehöriger der Abteilung Militärmedizin, der rege Austauschbeziehungen zum sowjetischen Militärlazarett in der Marienallee unterhielt) dahingehend keinerlei Anhaltspunkte liefern, auch in den Archiven ist diesbezüglich nichts verzeichnet. Zum anderen hätten Seuchen und Epidemien nicht vor höheren Dienstgraden haltgemacht und ausgerechnet fast ausschließlich junge Soldaten in der Blüte ihrer Jahre befallen. Die Versorgung in den Hospitälern und Lazaretten soll zudem, gemessen am ostdeutschen Standard, eher gut gewesen sein.
Als Gründe können deshalb am ehesten angenommen werden:
1. Mangelernährung und Überlastung (immer ein Gesundheitsrisiko):
In den 50er-Jahren vor allem noch aufgrund der schlechten Versorgungslage, sowie allgemein im Rahmen von Strafmaßnahmen (Essensentzug) auch im Zuge der Dedowschtschina. Es muss dazu gesagt werden, dass die Ernährung bis zur Wende 1990 allgemein schlecht und einseitig blieb, zumindest für die einfachen Soldaten. Frisches Obst und Gemüse waren Mangelware. Zeitzeugen berichten von kranken Soldaten, die mit Fieber in dünner Kleidung im Freien schwer schuften mussten. Schwerste körperliche Arbeit ohne Lohn in DDR-Betrieben war zudem an der Tagesordnung.
Knochenarbeit.
2. Unfälle:
Laut Aussagen von Zeitzeugen und Historikern sowie nach Studium alter Zeitungsarchive lässt sich sagen, dass es bis in die 80er-Jahre hinein häufig zu Unfällen aufgrund fahrlässigen Umgangs mit Waffen und Fuhrpark sowie oft mangelhafter Ausbildung der Soldaten kam. Sicherheitsvorkehrungen waren oft unzureichend. Von solchen “Querschlägern” waren manchmal auch deutsche Zivilisten betroffen.
3. Kriegseinsätze
Neben dem Prager Frühling 1968, bei dem insgesamt offiziell 50 Angehörige der in der Tschechoslowakei zum Einsatz gekommenen sowjetischen Einheiten ums Leben gekommen sind, darunter eventuell auch einige aus den 4 entsandten Dresdner Divisionen, sind mir keinerlei weitere Kriegseinsätze bekannt, bei denen Dresdner Soldaten zum Einsatz gekommen wären. Beim Aufstand in Ungarn 1956 wurden soweit mir bekannt, keine Dresdner Einheiten zur Niederschlagung eingesetzt, bei dem in Berlin 1953 ebenfalls.
4. Verbrechen und Selbstmord
Dieses Kapitel ist am schwersten nachzuvollziehen, da schlicht und ergreifend von den russischen Behörden gehütet wie die Augäpfel. Dennoch gibt es Berichte von Desertierten und früheren Opfern, die bezeugen, dass Gewalt im Rahmen der “Herrschaft der Älteren” an der Tagesordnung war, sowohl zwischen Offizieren und einfachen Soldaten als auch unter den Wehrflichtigen selbst. Neulinge wurden gnadenlos unterworfen und mussten für die Längerdienenden die niedersten Arbeiten erledigen. Weigerten sie sich oder bestanden auf Diensterfüllung gemäß Regularium, waren sie quasi vogelfrei und den grausamen Racheakten der Älteren über die gesamte Zeit ihres 3- bzw. ab 1967 2-jährigen Wehrdienstes ausgeliefert. In den Jahren seines Dienstes am Vaterland wurden Persönlichkeit und Emotion des Soldaten systematisch gebrochen, “um Disziplin und unbedingten Gehorsam in der Truppe zu erreichen.” Wer das einmal durchgemacht und überstanden hatte, “rächte” sich meist zum Ende seines Dienstes als “Älterer” dafür, indem er Frust und aufgestaute Wut an den Jüngsten ausließ. Es kam zu schweren, regelmäßigen Gewaltakten und sexuellen Übergriffen. Wer sich hingegen weigerte, der Tradition zu folgen und als Längerdienender die Jüngeren zu unterwerfen, blieb häufig bis zum Ende seiner Dienstzeit ein “Niederer” und damit Opfer von Schikanen und Demütigung. Später kamen noch ethnische Konflikte unter den Soldaten hinzu.
Es gibt Zeitzeugenberichte über junge Soldaten, die von ihrem Zugführer mitten im Winter an Kreuzungen abgesetzt wurden, um diese zu “bewachen” – ohne Proviant, in eisiger Kälte, die reine Willkür. Nach einer Woche wurden sie halberfroren wieder eingesammelt, hätten Anwohner den armen Kerlen nicht zwischenzeitlich Essen und Trinken gebracht, hätte man wohl Tote abgeholt – und das mitten in der DDR.
Viele (Zahlen sind hier nicht belegt) dürften daraufhin Selbstmord begangen haben oder versuchten, zu desertieren. Desertionsversuche endeten für die Betroffenen entweder mit Tötung an Ort und Stelle oder mit einer Verlegung in eines der berüchtigten Strafbataillone in Sibirien oder im Fernen Osten, wo ein noch grausameres Regime herrschte.
Die Dedowschtschina ist heute im russischen Militär grausamer und brutaler denn je ausgeprägt. Gerade ethnische Konflikte treten extrem zutage. Unter Aufsicht der Offiziere, die froh sind, dass die älteren Wehrdienstler ihnen das “Ordnungschaffen” in den Truppen abnehmen, werden sadistische Rituale ohne Rücksicht auf Verluste ausgelebt – jährlich sterben heute im russichen Militär nach offiziellen Zahlen (!) Hunderte junger Soldaten allein an den Folgen der Dedowschtschina, sie bringen sich um, werden ermordet oder sterben an Verletzungen, Tausende desertieren, Abertausende bleiben psychisch oder körperlich geschädigt. Dass diese Zahlen überhaupt publik werden und die Täter immer öfter auch ermittelt und bestraft werden in einem Land, in dem das Militär quasi einen Staat im Staate bildet, ist dem unermüdlichen öffentlichen Engagement von Menschenrechtlern wie etwa der Organisation der russischen Soldatenmütter zu danken.
Zwei Themen begegnen uns dieser Tage immer wieder im öffentlichen Diskurs: Fachkräftemangel gerade auf naturwissenschaftlich-technischem Gebiet: Die Hochtechnologie muss ihr Spitzenpersonal zunehmend im Ausland rekrutieren, sowie die viel bejammerte Politikverdrossenheit, die sich vor allem in stetig sinkenden Wahlbeteiligungen und schon fast hilflos anmutendem Wechselwählerverhalten vieler Bürger äußert.
Meiner Ansicht nach haben diese beiden Phänomene eine Ursache in ein und demselben Problem: unser Bildungssystem und das, was die Herrschenden in diesem Land unter “Investition in Bildung” verstehen.
Fakt ist: Wir haben heute ein Schulsystem, das sich hauptsächlich als Betreuungs- und Lehranstalt begreift, nicht jedoch als Erziehungs- und Bildungseinrichtung. Das heißt: Es wird zwar gelehrt und betreut, doch es wird kaum noch erzogen. Und Bildung würde weit mehr beinhalten als pures Eintrichtern von Grundlagenwissen in Deutsch, Mathe und Chemie. Bildung bezeichnet die Schnittstelle zwischen Qualifizierung für eine berufliche Ausbildung und Erziehung: Sie sollte nicht weniger umfassen als die Heranbildung von verantwortungsvollen, selbstbewussten und gesellschaftsfähigen BÜRGERN – und genau an denen fehlt es zunehmend, sowohl im gesellschaftspolitischen Raum als auch auf dem Arbeitsmarkt. Das äußert sich dann unter anderem darin, dass Schulabgänger zunehmend keine Ahnung von den Grundlagen (sowohl den geografischen als auch den historischen und politischen) ihres Heimatlandes haben, dass Verantwortungsbewusstsein und Pflichtgefühl immer weiter in die Bedeutungslosigkeit gedrängt werden, dass zunächst erst einmal nachgeholfen werden muss, um einen jungen Menschen überhaupt fit für die Arbeitswelt zu bekommen.
Rückblick.
Ich weiß, einige werden jetzt mit den Augen rollen – dennoch: Als in der DDR aufgewachsener Mensch habe ich erlebt, wie es anders geht. In der DDR wurden bereits die Kinder in Schulen und sogar im Kindergarten in Gestalt von Kollektivbildung, Gruppenaktivitäten, (im Prinzip kostenfreiem) außerschulischem Freizeitangebot (AGs in Technik, Handwerk, Chemie, Biologie, Sprachen, Kunst, Musik usw.) und innerschulischer Aufgabenzuweisung dazu ermuntert, Verantwortung zu übernehmen und sich vor allem schon als (wenn auch kleiner) Bürger ihres Landes zu fühlen. Es wurden Talente und Begabungen entdeckt und vor allem gefördert.
Das System der Gruppenräte strukturierte die Schulklassen, honorierte besonders engagiertes, freundliches, hilfsbereites Verhalten und gute schulische Leistungen. Es wurden auch Listen über sogenannte “Timur-Aktivitäten” geführt, das bedeutete, dass es einen Wettstreit unter den Schülern dahingehend gab, wer die meisten “guten Taten” vollbrachte: Einkaufen für ältere Leute, Altpapier sammeln, anderen bei den Hausaufgaben helfen, Spenden sammeln usw. Kurzum: ein System, das belohnte, wer sich engagierte und anderen half. Davon profitierten zuletzt nicht nur diejenigen, die in Führungspositionen gewählt wurden, sondern auch jene, die von Haus aus benachteiligt und/oder leistungsschwach waren. Der Gruppenrat, bestehend aus Vorsitzendem, seinem Stellvertreter, dem Schriftführer, dem “Agitator” bzw. Wandzeitungsredakteur sowie dem Kassierer, organisierte zudem den gesamten Ablauf des schulischen Alltages, er arbeitete mit älteren Schülern und den Lehrern zusammen und repräsentierte ihnen gegenüber die Mehrheitsmeinung der Klasse zu bestimmten Problemen, Themen und Fragen, gab Informationen weiter, organisierte die Gestaltung von Wandzeitungen und Aushängen, hielt Vorträge vor den Schülern über aktuelle politische und gesellschaftliche Ereignisse (das war in der 2. und 3. Klasse unter anderem mein Job ), verteilte Aufgaben wie Milch-, Essen-, Pflanzen-, Ordnungs- oder Waschraumdienst an die Mitglieder des Klassenkollektives. Die Schüler kümmerten sich also um beinahe alles selbst.
Nicht zuletzt das demokratische Abstimmverfahren zur Gruppenratswahl, die jährlich stattfand – welch ein hervorragendes politisches Trainingselement! Wenn die Wahlen auf Landesebene nur halb so demokratisch verlaufen wären…
Ich konnte ab Ende 1989 miterleben, wie dieses System der organisierten, reflektierten und zu persönlicher Verantwortungsübernahme fähigen Schülerschaft mit der Wende geradezu implodierte und die früheren Träger von kollektiver Verantwortung zunehmend zu “Klassenfeinden” mutierten.
Entsprechend sieht es heute in den meisten Schulen aus. Verantwortungsbewusstsein, Bildungshunger und Engagement werden oft mit Strebertum gleichgesetzt und vom Rest der Klasse, der sich durch Derartiges zurückgesetzt fühlt, mit Ausgrenzung oder Mobbing bestraft – und der Lehrer schaut zu. Jeder macht sein eigenes Ding. Die Kinder finden sich in lockeren Gruppen zu ihresgleichen zusammen – und zwar nach Kriterien, die meist von Äußerlichkeiten, geselligen und materiellen Motiven geprägt sind. In den Hauptschulen gelten Gymnasiasten oft als “arrogante Abgehobene” – höhere Bildung als Feindbild. Das Trainieren von gesellschaftlichen Abläufen oder Verantwortungsübernahme gerade auch für das Klassenkollektiv – Fehlanzeige. Heute leben wir zwar in einer realen Demokratie, doch dafür weiß keiner unserer jungen 10- bis 15-jährigen “Demokraten”, was Demokratie eigentlich bedeutet. Ich als kleiner Diktatur-Bürger kannte die Grundbedeutung betreffs Entscheidungsfindung bereits mit 8, zumindest auf das kleine Kollektiv meiner Schulklasse bezogen, herrschte dort wahre Demokratie, arbeitsteilig und mehrheitsgebunden.
Wer hindert uns daran, diese Tradition an heutigen Schulen wiederzubeleben? Natürlich darf nicht vergessen werden, dass das damals in der DDR alles zweckgerichtet zur Absicherung einer Diktatur geschah – und in so eine Richtung dürfte das natürlich nicht gehen. Aber was hindert uns daran, die absolut vorhandenen positiven Aspekte dieses Systems kindlicher Integration in die Gesellschaft und vor allem frühzeitiger Persönlichkeits- und Charaterbildung in UNSEREM Sinne zu gestalten? Ein Kind, das nicht rechtzeitig Gelegenheit erhält, sich mit Politik, Staat, Medien oder Chemie und Technik zu befassen, wird dies später nur selten von sich aus entdecken. Nie wieder in unserem Leben werden wir so begeisterungsfähig sein wie im Kindesalter!
Deutschland gibt sich stattdessen weiterhin mit staatlichen Betreuungseinrichtungen und der untragbaren Abschiebepraktik vermeintlich bildungsunfähiger Kinder auf Sonder- und Hauptschulen zufrieden. Welch eine Verschwendung von Potenzial. Ich sage: Wir müssen wieder mehr Mut zur Erziehung und zu echter Bildung an den Schulen haben! Dinge, die Elternhäuser ohnehin aufgrund der verschärften Konkurrenzsituation in der Arbeitswelt zunehmend weniger leisten können. Ein Kind, das von vorn herein in der Schule in Aufgabenpläne und Gemeinschaften eingegliedert wird, entwickelt eben jene soziale und verantwortliche Kompetenz, die den jungen Menschen heute zunehmend fehlen. Ein Kind, das so aufwächst, entwickelt auch ein ganz anderes Verhältnis zur Gemeinschaft und auch zur Bildung. Haupt- und Sonderschulen als Paria-Auffangstätten könnten wir uns so wahrscheinlich sparen.
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Nachtrag:
Und wie zur Bestätigung präsentiert sich heute mein eigenes Bildungsinstitut – die FernUniversität in Hagen – als Bremsklotz und Hort chaotischer Bürokratie, statt als fortschrittliche Qualifizierungseinrichtung mit der Maßgabe, Fachpersonal möglichst barrierefrei heranzubilden. Soeben hat mir mein Tutor die offizielle Stellung meines Semesterarbeitsthemas, an dem ich bereits seit Wochen gearbeitet habe und das ich vor knapp einer Woche bei ihm eingereicht hatte, verweigert. Grund: Als Teilzeitstudentin müsse er für mich beim Prüfungsamt 6 Wochen Bearbeitungszeit veranschlagen, der letzte mögliche Abgabetermin ist allerdings der 30. September, der letzte Tag des Semesters. Ich hätte das Expose also 10 Tage zu spät eingereicht, und nun seien ihm die Hände gebunden. Ich müsse die Arbeit im nächsten Semester nachreichen. So seien die “klaren und allgemeingültigen Regeln”.
Das Problem ist nur: Nichts ist an der FernUNI Hagen “klar” und “allgemeingültig”. Konnte ich noch im letzten Jahr (ich berichtete auf art und wIEse) meine Semester-Hausarbeit innerhalb von nur 31/2 Wochen vor dem letztmöglichen Abgabetermin und völlig ohne Expose und offizielle Themenstellung einsenden, ohne dass es irgendein Problem gab, ich nicht zur Prüfung zugelassen oder die Arbeit nicht gewertet worden wäre, ist dies nun in diesem Jahr auf einmal nicht mehr möglich. Natürlich OHNE dass der Student über die Homepage der Uni oder per email über die neuen Regelungen informiert worden wäre. In den offiziellen Informationen zur Hausarbeit der Fakultät Kultur- und Sozialwissenschaften hieß es lediglich lapidar:
Um die Themenstellung für die Hausarbeit zu vereinbaren, sollten Sie frühzeitig Kontakt mit dem Kursbetreuer aufnehmen. (Denken Sie daran, dass die Hausarbeit spätestens am letzten Tag des Semesters, also am 31. März im WS bzw. am 30. September im SS eingereicht bzw. abgeschickt werden muss.)
Kein Wort von einer Maximalfrist zur Einreichung eines Exposes oder dahingehend, was genau man unter “frühzeitig” versteht. Wenn man bedenkt, dass ich die Arbeit im letzten Jahr in 3 Wochen erstellt hatte, dann war meine Kontaktaufnahme mit dem Tutor in diesem Jahr 5 Wochen vor dem Abgabetermin tatsächlich frühzeitig.
Im Resultat steht: Ich habe in den vergangenen Wochen Urlaub genommen, auf Dienste und somit auf Einnahmen verzichtet, Termine verschoben und mich in Bibliotheken verbarrikadiert – um jetzt höflich aber bestimmt gesagt zu bekommen, dass ich die Arbeit erst im nächsten Semester vor Weihnachten einreichen kann. Da kann einem die Lust am Studieren wahrlich vergehen.
Heute also eine neue Episode aus der Reihe “Verballhornung und Faktenentstellung bei Politically Incorrect”. Diesmal geht es um den gestern auf PI erschienenen Artikel “Prantls Lektionen in Moral und Ethik”, verschlagwortet u. a. mit den Schubladen “Linke”, “Gutmenschen” und “Islam ist Frieden”.
Darin wird ein Kommentar des Journalisten und Leiters des Ressorts Innenpolitik der Süddeutschen Zeitung, Heribert Prantl, in eben jener zur jüngsten Rechtfertigung gezielter Tötungen durch Außenminister Guido Westerwelle aufgegriffen.
Zur Erinnerung: Anfang August hatte Westerwelle zu den aufflammenden Diskussionen um aufgetauchte Dokumente, die gezielte Tötungen von Taliban vor allem durch das US-Militär, jedoch auch das Führen von Namenslisten zur Eliminierung vorgesehener Terroristen und Taliban durch die Bundeswehr belegten, gesagt:
Diesbezüglich geht es nicht um Legitimität, sondern um Legalität. Wir müssen wissen, dass gegnerische Kämpfer in einem nicht-internationalen bewaffneten Konflikt in dem vom humanitären Völkerrecht gesteckten Rahmen gezielt bekämpft werden können und dürfen.
Prantl zweifelt nun genau diese von Westerwelle behauptete Vereinbarkeit der gezielten Ermordung von Gegnern in Afghanistan mit völkerrechtlichen Grundsätzen an:
In dieser Pauschalität ist das nicht Aufklärung, sondern schlechte Propaganda. [...] Nicht jeder Verbrecher ist automatisch ein “feindlicher Kämpfer”, der nach den Regeln des Kriegsrechts immer und überall niedergemacht werden darf.
Der Jurist Prantl veranschaulicht:
In einem Tal des Hindukusch wurden soeben zehn Mitarbeiter einer Hilfsorganisation erschossen, unter ihnen eine Deutsche. Angenommen, man hat Anhaltspunkte dafür, wer die Täter und die Auftraggeber waren: Darf die Bundeswehr sie gezielt töten – ohne weitere Umstände, ohne jede Gerichtsverhandlung und obwohl die Todesstrafe in Deutschland verboten ist? Unter den Opfern waren amerikanische Ärzte. Dürfen US-Militärs Exekutionsraketen fliegen lassen in die Häuser der mutmaßlichen Auftraggeber, wo sie auch deren Frauen und Kinder töten? [...] Wo liegt der Unterschied zwischen illegaler Exekution und legaler Tötung im bewaffneten Konflikt? Im Jahr 2002 eliminierten israelische Streitkräfte ein führendes Hamas-Mitglied, dem die Organisation von Selbstmordattentaten vorgeworfen wurde. Mit ihm wurden 14 Menschen in den Tod gerissen, unter ihnen 13 Kinder. Zerrissen wurde dabei auch ein Kernsatz des Rechtsstaats: Jeder Beschuldigte hat ein Recht auf einen fairen Prozess. [...] Nur Aufständische, die sich kontinuierlich an bewaffneten Auseinandersetzungen beteiligen, können unter bestimmten Umständen auch außerhalb laufender Kämpfe zu legitimen militärischen Zielen werden. Ein pauschales Einverständnis mit „zielgerichteten Tötungen“, wie es der Außenminister formuliert, ist rechtswidrig. So infiziert sich die deutsche Politik mit dem Extralegalen.
Prantl moniert den inflationären Umgang mit Kriegserklärungen wie etwa der Erklärung des diffusen “Krieges gegen den Internationalen Terrorismus” durch die US-Administration Bush, nach der überall dort, wo Terroristen auch nur vermutet wurden, rechtsstaatliches Recht Kriegsrecht zu weichen hat – und nach dem könne “der Feind” jederzeit auch gewaltsam bekämpft werden. Genau auf diese Deutung schwenkt der deutsche Außenminister derzeit ein – und rechtfertigt das mit der nach dem Horror-Anschlag der Bundeswehr in Kundus vom September 2009, bei dem bis zu 140 Zivilisten umkamen, zähneknirschend vorgenommenen Neubewertung des Afghanistan-Einsatzes als “bewaffneter Konflikt”. Es dürfte für Westerwelle eine späte Genugtuung sein.
Was macht nun unsere Schmuddel-Postille “Pi-news”?
Zunächst mal macht sie aus Prantl einen “Muselfreund” und deutet unterschwellig damit angeblich zwangsläufig verbundene, bei Prantl zukünftig zu erwartende Aversionen gegen Homosexuelle an:
Keine Angst – es geht nicht um die sexuelle Orientierung des Außenministers, so weit geht Prantl nicht. In wirklich private Angelegenheiten mischt er sich noch nicht ein, was bei seiner Islamophilie aber durchaus noch zu erwarten ist. Denn unser Außenminister verletzt schließlich die Gefühle der armen Mohammedaner durch sein schlichtes Dasein.
Das klassische reaktionäre Muster der Verunglimpfung und Diskreditierung eines unliebsamen Kommentatoren als vermeintlicher Freund der eigens zu “Untermenschen” erhobenen Personengruppe sowie die subtil vermittelte Behauptung feindseliger Motive gegenüber Vertretern der eigenen Gesinnungen. Ohne diese Methoden kommt Pi einfach nicht aus.
Regel Nr. 2 im PI-Methodikseminar nach der Verunglimpfung des aufs Korn Genommenen lautet: Stricke die als illegal monierten Tatbestände mit umfangreicher pseudojuristischer Dramaturgie zu legalen solchen um und stelle den Kritiker (in diesem Fall einen studierten Juristen) als Idioten dar. Auf Prantls Mahnung, dass eben nicht jeder Taliban (zumal deren Frauen und Kinder) nach dem Völkerrecht als Feind gelten und damit ausnahmslos legal exekutiert werden dürfe und die oben zitierten Veranschaulichungen, schreibt PI:
Prantl ist ein sehr guter Jurist, aber von „putativer Notwehr“ scheint er noch nichts gehört zu haben. Man kann mit den Taliban nicht reden, das ist Prantl noch nicht aufgefallen, sie verstehen nur eine Sprache, die der Gewalt. [...] Wie naiv muss man eigentlich sein, um derartige Fragen zu stellen? Aber Prantl ist nicht naiv, er versucht zu manipulieren.
Ah ja. Zur Erläuterung: Der Tatbestand der Putativnotwehr bedingt eine wahrgenommene unmittelbare Bedrohungssituation, in der der sich bedroht Fühlende in vermeintlicher Notwehr sein Gegenüber unschädlich macht, um sich selbst zu helfen, obwohl real gar keine Bedrohungslage vorlag. Beispielsweise, wenn jemand mich vermeintlich mit einer Pistole bedroht und ich ihn daraufhin mit einem Knüppel außer Gefecht setze, sich hinterher aber rausstellt, dass die Pistole aus Plastik und ungefährlich war – dann habe ich in Putativnotwehr gehandelt.
In Putativnotwehr handelt ganz sicher NICHT, wer eine Rakete in ein Haus feuert, in der Annahme, dass dort irgendein Feind sitzt, dem man irgendetwas vorwerfe, ohne zuvor in einem fairen Prozess ermittelt zu haben und dabei den Tod von Frauen und Kindern billigend in Kauf nimmt. Weder geht von diesem – vielleicht gerade schlafenden – “Feind” bzw. dessen Familie in diesem Moment für den Killer eine unmittelbare Bedrohung für Leib und Leben aus, die Notwehr zwingend erforderte, noch wäre ein derartig unverhältnismäßiger Akt, der Zivilisten in Sippenhaft nimmt, im Rahmen einer von rechtsstaatlichem Recht tolerierten Notwehraktion.
Pi macht hier aus einer international mehrfach geächteten Praxis des modernen Standgerichts einen Akt der Selbstverteidigung – da fragt man sich dann schon, wie rechtsstaatsfeindlich einer sein muss, um das dann auch noch für vertretbar zu halten, wie zahlreiche Kommentare verraten:
Islam News:Zwei Dinge fallen mir spontan ein: 1. Wer anderen das Recht auf Leben nimmt, hat seines verwirkt.
expert:Lieber Heribert Prantl! [...] Ich dagegen frage Sie, ob den Moslems gezielt unschuldige Ärzte, Frauen oder Kinder töten dürfen, nur weil sie einen anderen Glauben haben als die Taliban.[Ich bin mir sicher, Prantl würde dies ohne zu zögern verneinen, Anm. Autorin] Wieso haben Sie hierfür keine moralischen Bedenken? [ Ich bin mir sicher, die HAT Herr Prantl sehr wohl, Anm. Autorin] Sie kotzen mich einfach nur an!
TomcatK: Im Gegenteil! Dadurch reinigen wir unsere durch “Gutmenschentum” verdreckte Weste! Zumindest einen kleinen Zipfel davon. Aber was wollen wir machen? Hunderttausende oder millionen lesen und glauben das was Prantl da so vor sich hin prantelt. Ich habe weder Mitleid noch Verständnis für die welche sich noch für diesen Staat einsetzen! Es muß noch so viel mehr schiefgehen bis auch nur ein kleiner Teil anfängt aufzuwachen. Die Masse will es nicht anders!
mettnau:Wir haben sie mit ihrem eigenen Wahnsinn geschlagen, sagte Herr Hitler als er 1933 die Macht erobert hatte. Die Prantls werden es noch erleben, dass das auch ein Mullah in Berlin sagen wird, 2033.
STNA:Humm…ob Herr Prantl uns damit wohl sagen will man möge die werten Taliban doch bitte nach Deutschland holen damit sie dann in einem rechtsförmigen Verfahren bestraft werden? Und nach dem Freispruch gibt es dann natürlich Begrüßungsgeld, Harz IV und das ganze restliche Paket…Wenn man keine Ahnung hat…einfach mal die Fresse halten Prantl!
Zahal:Dem antisemitischen Prantl geht es doch nur darum, daß er bei den Israelis diesen Fakt nicht mehr anprangern kann, ohne sich sagen zu lassen müssen, er möge sich erst einmal selbst an die Nase fassen. Das Einzige, was Westerwelle bisher gut auf die Beine gebracht hat, ist doch diese Zustimmung. Die Köpfe gezielt weg, dann leiden auch die Zivilisten weniger.
kosak:Das Wort: Kriegsvölkerrecht ist doch der gösste Witz, denn im Krieg hält sich kein einziges Land an Regeln, denn es herrscht Krieg! Basta !
status quo ante:Für mich ist Prantl, mit Verlaub gesagt, ein arrogantes, überhebliches…na, ja. Ein guter Journalist hat neutral zu informieren und nicht seine Leser in seinem Sinn zu manipulieren[So wie PI? Die Autorin kämpft mit einem unwillkürlichen Lachanfall]. Das ist Journalismus wie man ihn im 3.Reich und in der DDR praktizierte.
nicht die mama:Nehmen wir dochmal an, ein Geistesgestörter macht Prantls Qualitätsjournalismus für seinen Gesteszustand verantwortlich und er entschliesst sich, mit einem Gewehr Herrn Prantl von einem Dach herab zu erschiessen.
Nehmen wir weiter an, ein Polizist würde den vermeintlichen Schützen entdecken, ist aber zu weit entfernt, um den Schützen anders als mit der Dienstwaffe unschädlich zu machen. [eine klassische Nothilfesituation, Anm. Autorin]Der vermeintliche Schütze ist derart von der Brüstung gedeckt, dass nur der Kopf zu sehen ist und der Polizist somit auch nur auf den Kopf, also tödlich, schiessen kann. Darf der Polizist gezielt töten?[Klar darf er. Den Unterschied dieser klassischen Nothilfesituation, in der ein Dritter einem akut Gefährdeten zu Hilfe kommt, zu den gezielten Tötungen von Talibanführern und ihrer Familien quasi in ihren Betten hat der Poster anscheinend noch immer nicht begriffen - oder er/sie will einfach nicht, Anm. Autorin]
Und auch die PI-Autoren stehen ihrer Leserschaft in Sachen Ignoranz und Menschenverachtung in nichts nach:
Was hat Verteidigung mit der Todesstrafe zu tun? Es gilt immer die Drahtzieher zu eliminieren; und wenn es dann Unschuldige erwischt, wo gehobelt wird, da fallen Späne.
Sukzessive wird hier der Eindruck manifestiert, bei gezielten Tötungen diffuser Feinde in einem bewaffneten Konflikt, den man den Feinden zudem selbst erklärt hat, handele es sich um einen Akt der Selbstverteidigung in Notwehr und somit um eine legitime Art der REAKTION. Und als ob diese platte Verballhornung hiesigen und internationalen Rechts nicht schon genügte, wird hier ungeniert die Inkaufnahme von Kollateralschäden in der Zivilbevölkerung, also tote Frauen und Kinder, propagiert. Ohne dabei zu bemerken, dass man dabei im Prinzip die Theorie der Selbstmordattentäter hochleben lässt, die ja im Grunde nichts anderes besagt, als dass Zivilisten auf der Feindesseite genauso in Mitleidenschaft gezogen werden dürfen und sollen. Und überhaupt: Wer stellt eigentlich rechtlich einwandfrei fest, dass es sich bei den vermeintlichen “Drahtziehern” auch tatsächlich um solche handelt? Wer übernimmt die Verantwortung für “Fehldiagnosen” und Willkür, denen diese Praxis quasi Tür und Tor öffnet?
Über das von Prantl genannte Beispiel des 2002 in Gaza von israelischen Exekutionskommandos per Raketenanschlag getöteten Hamas-Führers (bei dem Anschlag kamen u.a. auch dessen Frau und ein Dutzend Kinder ums Leben) geht Pi ganz lapidar folgendermaßen hinweg:
In diesem Fall handelte es sich um Salah Mustafa Muhammad Shehade, einen Pali-Terroristen. Laut Wiki warf ihm Israel vor, mehrere Angriffe sowohl gegen israelische Soldaten als auch Zivilisten im Gaza-Streifen und auch in Israel selbst koordiniert zu haben. Desweiteren wird berichtet, dass Shahade in die Herstellung von Qassam-Raketen verwickelt war, die auf israelische zivile Ziele abgefeuert wurden. Außerdem hat er auch Waffen geschmuggelt, aber das machen sie ja alle.
Nach Auffassung der PI-Agitatoren reichen diffuse Vorwürfe, jemand sei in Angriffe gegen Dritte und Waffengeschäfte verwickelt gewesen, also aus, um den Verdächtigen mitsamt seiner gesamten Familie auszulöschen und unzählige weitere Unbeteiligte in Mitleidenschaft zu ziehen. Nein, man muss das anders formulieren: Diesen Maßstab gilt es selbstverständlich nur bei Angehörigen der als “Untermensch” klassifizierten ethnischen Gruppen anzuwenden. Kann man sich eindrucksvoller selbst den Stempel “rassistischer Menschenverachter und Demokratiefeind” auf die Stirn drücken?
Pi beantwortet die Frage selbst:
Es ist natürlich traurig, wenn Kinder umkommen, aber wenn schon, dann besser die Kinder von Terroristen als israelische Kinder.
Palästinensische Kinder haben kein Recht auf Leben, auf eine sorgenfreie Kindheit, ein friedliches Aufwachsen in ihrer Heimat. Nein, weil ihre Eltern ihnen das ermöglichen wollen und irgendwann nachvollziehbarerweise nicht mehr tatenlos zusehen können, wie ihnen dieses Recht von Israel und auch durch die internationale Gemeinschaft verwehrt wird, haben diese Kinder ihr Recht auf Leben in den Augen der PI-Protagonisten verwirkt. Sie dürfen konsequenzlos für die diffus gegen ihre Väter erhobenen Vorwürfe mitverantwortlich gemacht und getötet werden. Hauptsache, israelische Kinder müssen nicht aus ihren Häusern im besetzten Westjordanland ausziehen, auf Land, das einmal palästinensischen Familien gehörte, die nun in überfüllten Flüchtlingslagern hausen.
Bei so viel juristischer Eloquenz und Belesenheit Prantls schwinden bei Pi denn auch schnell Geduld und quasi-seriöse Auseinandersetzung mit dem kritischen Kommentar. Auf den Hinweis, dass nach der Rechtsstaatsidee Verbrecher, auch Terroristen, in einem fairen Verfahren abgeurteilt werden müssten, faucht der nun unzweideutig als Hobby-Ideologe erkenntliche Autor:
Die langwierige und kostenintensive Untersuchung von Oberst Kleins Vorgehen hätte man sich in der Tat sparen können. Die getöteten „Zivilisten“ waren sowieso alle Sympathisanten der Taliban. Was haben Zivilisten nachts um drei auf der Straße zu suchen? [...] Diese ewigen Belehrungen über den Rechtsstaat. Jetzt wird unser Außenminister belehrt, was die Rechtsstaatlichkeit ausmacht und vorher waren es die Schweizer, die es mit dem Minarettverbot gewagt hatten, gegen Prantls Idee des Rechtsstaats abzustimmen.
Herrjeh, welch ein desaströser Auftritt, welch vernichtende Blamage. Mehr als die gebetsmühlenartig wiederholten Doktrin vom “Feindbild Musel” und der bedingungslosen Unterstützung Israels und der USA hat niemand bei Pi zu bieten. Sobald der Lack der pseudo-intellektuellen und -seriösen Auseinandersetzung mit kritischen Kommentaren ab ist, weil man argumentativ nicht mehr mithalten kann, spätestens dann tritt regelmäßig das schmuddelige Antlitz aufgehetzter Bildungsferner zu Tage.
Der Garnisonfriedhof der Sowjetarmee an der Marienallee und die ihn umrankenden Geschichten sind momentan beherrschendes Thema in meinem beruflichen wie mittlerweile auch privaten Alltag. Seit meinem ersten Besuch auf der Anlage vor einigen Monaten (ich berichtete) hat sich in mir der Wille gefestigt, ein gewisses Stück des Weges zurückzugehen in eine Welt, ein gesellschaftliches und politisches Klima, die mir als 1979 Geborener unbekannt geblieben sind. Wie sah sie aus, die Welt in den Kasernen der Dresdner Militärgarnison der 50er- bis 70er-Jahre? Jenen Jahren, in denen etwa tausend Sowjetsoldaten und Angehörige – Frauen und Kinder – auf dem Garnisonfriedhof an der Marienallee ihre letzte Ruhe fanden.
Ausgangspunkt für mein sich regendes Interesse war eigentlich die Beobachtung, dass lange nach Kriegsende, ab etwa 1951 bis Ende der 60er-Jahre, vor allem junge Soldaten niederer Dienstgrade (Rekruten, Gefreite, Unteroffiziere) zahlreich in den in Dresden und Umgebung stationierten Einheiten verstorben waren. Zu Hunderten (>500) ruhen sie primär im West- und Nordflügel des Friedhofes. Im Schnitt waren die jungen Männer zum Zeitpunkt ihres Ablebens etwa 22 Jahre alt, der jüngste erst 16, wie sich nun herausstellte. Es drängte mich, zu erfahren, was mit ihnen geschah. Zumal auf diesem Friedhof, der anscheinend ursprünglich hauptsächlich für die Bestattung höherer Dienstgrade vorgesehen war, mit fortschreitender Zeit immer mehr junge Rekruten und immer weniger Offiziere beigesetzt wurden. In den 50er- und 60er-Jahren standen teilweise pro Jahrgang bis zu 50 Rekruten und Gefreiten nur 3 oder 4 Offiziere gegenüber. Die Entdeckung des Nordteils des Friedhofes, der mir bei der ersten Begehung gar nicht aufgefallen war, verstärkte diesen Eindruck noch.
Nun mag mancher argumentieren, dass das alles doch schon so lange her sei, und man die Geschichte auch einfach mal ruhen lassen sollte. Die sowjetische Besatzung und damit die Erinnerung an “die Russen” ist eben bei vielen Zeitgenossen hauptsächlich negativ besetzt, und das sicherlich auch nicht vollkommen unberechtigt. Doch ich halte diese Periode für ein Stück Heimatgeschichte, zudem eines, über das wenig bekannt ist – und sie markiert eine Schnittstelle zwischen deutscher und russischer Geschichte. Sie sollte nicht vergessen, sondern endlich aufgearbeitet werden.
Mehr noch drängt sich die Notwendigkeit historischer und menschlicher Aufarbeitung jener Zeit auf, als der Nordteil des Garnisonfriedhofes – trotz bestehender Verträge und Gesetze – seit Jahren der Verwahrlosung preisgegeben wird. Anfang der 2000er-Jahre wurde zwar der Hauptteil, bestehend aus Süd-, Südwest-, West-, Mittel- und Ostflügel mit Sandstein-/Beton-Stelen und den Ehrenmalen, für über 1 Million Euro aufwendig instand gesetzt. Und auch jetzt wird ein Mindestmaß an mehr oder weniger regelmäßiger Pflege gewährleistet.
Doch wenn man an der Nordseite des Hauptfriedhofes am Denkmal für die Kriegsgefangenen, wo man sich eigentlich schon am Ende der Anlage angekommen wähnt, vorbeigeht, wird man gewahr, dass der Friedhof hier eine traurige Fortsetzung findet.
Garnisonfriedhof Marienallee, Blick zum Ost- und Mittelflügel
Garnisonfriedhof Westflügel mit Blickrichtung zur Mitte
Das nördliche Areal befindet sich in einem absolut unwürdigen, desolaten Zustand. Es beherbergt – soweit ich sie erfassen konnte – etwa 400-450 Soldatengräber ausschließlich junger Männer im Alter von 16-26 Jahren in einfachen Dienstgraden sowie etwa 150 Gräber von Frauen und Kindern aller Altersstufen. Hier sucht man aufwendige Stelen aus Beton oder gar Sandstein vergeblich. Stattdessen dominieren aufs zweite, genauere Hinsehen schlichte Platten aus rotem Granit das Bild, mal klein, mal größer, mal stehend, hauptsächlich jedoch flach im Boden liegend. Doch die Einfachheit des Materials geht auch mit ausgesprochener Robustheit einher – diesem Umstand dürfte es auch gedankt sein, dass die Grabplatten der Verwahrlosung bislang gut standhielten.
Die ältesten Gräber im Nordteil stammen von 1952. Allein im Jahr 1953 wurden über 65 junge Rekruten zwischen 17 und 25 Jahren, die in/um Dresden während ihres Militärdienstes starben, hier begraben, 1954 waren es gar 95, 1965 waren es immerhin noch um die 50. Das jüngste Grab ist von 1987 – ein kleines Mädchen. Im Nordteil ruhen auch die beiden letzten auf dem Garnisonfriedhof bestatteten Soldaten aus dem Jahr 1973. Was mit jenen geschah, die ein ähnliches Schicksal nach 1973 ereilte, ist nach wie vor ungewiss. Anscheinend wurden viele auf städtischen Friedhöfen oder innerhalb der Kasernenmauern beigesetzt, wie mir aus gut informierten Kreisen zugetragen wurde.
Im Nordteil des Friedhofes liegen die meisten Grabmale mittlerweile halb oder ganz unter Erde und Pflanzen versteckt, manche sind vollkommen von ausufernden Sträuchern umwachsen und gar nicht mehr zugänglich. Auch fehlt ein stabiler Zaun zur Dresdner Heide hin – die Folge: Schwarzwild hat auf dem gesamten Friedhofsgelände, vor allem jedoch auf dem Nordteil, schwere Schäden in Form aufgewühlter Erde und dadurch verschütteter Grabmale verursacht.
Garnisonfriedhof, Nordflügel in desolatem Zustand
Garnisonfriedhof Nordflügel in desolatem Zustand
Nordflügel, Gräber sind teils verschüttet und überwuchert
Das Land Sachsen, dem die Pflege und der Erhalt der Kriegsgräberstätte bzw. der Ruhestätten von Opfern von Gewalt und Willkürherrschaft obliegen, hat hier seit Jahren nichts getan, um dem schleichenden Verfall und der Verwahrlosung Einhalt zu gebieten. Weder wird das Eindringen von Wild durch Einhegung verhindert, noch werden Büsche und Hecken zurückgeschnitten oder gar Wege freigelegt. Besucher stolpern durch wildes Gestrüpp, kniehohes Gras und ackerähnlichen Boden. Teilweise musste ich dort, wo ich welche vermutete, Grabplatten durch Graben mit den Füßen und einem Schippchen freilegen, um sie erfassen zu können – ein trauriger Anblick.
Wie müssen Angehörige der Toten empfinden, die nach Jahrzehnten endlich den Weg nach Deutschland finden und einen Besuch am Grab des Angehörigen damit verbinden wollen? Wie haben wohl die Angehörigen des Rekruten Rodin (†19, 1955) empfunden, als sie sein Grab vor Kurzem inmitten unwegsamen, verwilderten Geländes unter Erde und überwuchert von Unkraut vorfanden? Die Grabplatte im Boden wurde liebevoll großflächig von Dreck und Unkraut freigeräumt und mit frischen Blumen geschmückt, während man die benachbarten Platten weiterhin mit der Lupe unter Erde und Wiese suchen muss.
Freigeräumt - Liebevolle Erinnerung inmitten des Vergessens.
Alles in diesem Friedhofsteil atmet auf fast unerträgliche Art Vergessen. Viele der dort bestatteten sehr jungen Menschen dürften nach bisherigen Erkenntnissen den rauen, teils menschenunwürdigen Lebensumständen innerhalb des sowjetischen Militärs zum Opfer gefallen sein, in dem ein Menschenleben oft nicht viel zählte – was übrigens noch heute so ist. Sie ereilte ein einsames Ende weit ab von Heimat und Familie. Sollte man ihnen nicht wenigstens im Tod ein Mindestmaß an Respekt entgegenbringen und ihnen die Ehre einer bescheidenen Grabpflege erweisen?
Freigelegt: Grab mit Bildnis des Gefreiten Malkin (21)
Skulptur "18 Stiche" vor dem Dresdner Landgericht. Quelle: Bürger courage e. V.
Knapp ein Jahr ist es her, dass die Ägypterin Marwa El-Sherbini im Dresdner Landgericht von Alex W., einem 28-Jährigen mit russischem Migrationshintergrund, mit 16 Messerstichen getötet wurde.
Der Dresdner Verein Bürger Courage e. V. hatte anlässlich des ersten Todestages der damals schwangeren Mutter eines 3-jährigen Sohnes eine Aktion ins Leben gerufen, um – so die Protagonisten – ein Zeichen gegen Alltagsrassismus und Fremdenfeindlichkeit zu setzen: 18 Stelen in Form eines versenkten Messers aus weißem Beton, versehen mit einer kleinen Gedenktafel, wurden nach und nach an verschiedenen Plätzen in Dresden errichtet. Darüber wurde viel geredet – nicht immer wurde vorher nachgedacht, so mein Eindruck.
So steht etwa in der aktuellen Wochenendausgabe der Sächsischen Zeitung ein Artikel von Johanna Lemke zum Thema zu lesen (leider mit Passwort geschützt, aber auch in der Zeitungsausgabe im Kulturteil unter “Das Nacht-und-Nebel-Prinzip” zu lesen), in dem die Autorin den Initiatoren der Gedenkaktion sinngemäß vorwirft, Dresden ungerechtfertigt pauschal zu einer Stadt zu erklären, in der Alltagsrassismus und Fremdenfeindlichkeit an der Tagesordnung wären. Und überhaupt, könne man den Schluss, in Dresden herrsche Alltagsrassismus, aus dem Fall so gar nicht ziehen, weil der Täter ja schließlich ein Russlanddeutscher sei:
In der Tat ist es fraglich, ob der Fall Marwa El-Sherbini der geeignete Anlass ist, um einen tief sitzenden Rassismus in Dresden anzuprangern – kam der Mörder doch erst 2003 als junger Mann aus Russland nach Dresden.
Spätestens hier fragte ich mich, wie solch ein Artikel durch die Schlussredaktion kommen konnte. Eine persönliche Meinung der Autorin ist eine Sache. Eine völlig unreflektierte, einer grundsätzlichen Antihaltung entspringende, zudem pauschal verunglimpfende Behauptung hingegen etwas völlig anderes.
Alex W. kam 2003 als Spätaussiedler nach Dresden. Das heißt, er hat deutsche Wurzeln und siedelte wie viele andere aus der russischen Heimat zurück nach Deutschland über – möglicherweise auch, weil Deutsche in vielen Teilen Russlands nach wie vor als Fremdkörper und “Nazis” schikaniert werden. Zur Folge haben diese Ausgrenzungen – wen wundert’s – oft eine Rückbesinnung auf alte Wurzeln, in Alex W.s Fall wohl auf einen archaischen, deutschtümeligen Nationalismus, ähnlich wie der wachsende Rassismus gegenüber Muslimen in Deutschland oft zu einer Rückbesinnung auf besonders archaische Auslegungen von Religiosität bei selbigen führen.
Seit sechs Jahren lebte W. in Dresden, das bedeutet: W. war selbstverständlich Dresdner. Zur Information: Als Dresdner gilt offiziell, wer seinen Hauptwohnsitz hier länger als drei Monate hat. Und zwar verbunden mit allen damit einhergehenden Rechten und Pflichten: Er muss sich beim Einwohnermeldeamt registrieren lassen und darf bei kommunalen Entscheiden mitwirken (Stadtratswahl, Bürgermeisterwahl, Bürgerentscheide). Nach Ansicht von Frau Lemke braucht es offensichtlich einen Abstammungsnachweis, um auch in ihrer Wahrnehmung zu Recht das Prädikat “Dresdner” führen zu dürfen, um das mal ironisch zu überspitzen.
Die Autorin Lemke postuliert nun in ihrem Artikel unterschwellig nichts anderes, als dass W.s rassistische Gesinnungen eine “russische Sache” seien und keine deutsche, die große Masse der Dresdner frei von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit sei und deshalb von W.s Geisteshaltung nicht auf ein Rassismusproblem in Dresden geschlossen werden könne. Sie geht sogar so weit, russischen Migranten völlig unreflektiert eine allgemeine Islamfeindlichkeit zu attestieren:
Anstatt die Islamfeindlichkeit unter russischen Migranten zu problematisieren, haben die Künstler den einfachen Weg gewählt: Marwa El-Sherbini als Symbol für den sogenannten Alltagsrassismus in unserer Gesellschaft.
Dass die Islamfeindlichkeit, die unter russischen Migranten sicherlich auch diversen Zuspruch finden wird, in Deutschland durchaus in vielen Köpfen auf fruchtbaren Boden fällt und eben kein russisches Phänomen ist, scheint die Autorin anders zu sehen. Für sie, so möchte man dem Artikel entnehmen, wurde die Islamfeindlichkeit eines Alex W. aus Russland nach Dresden eingeschleppt und bedarf daher keiner expliziten öffentlichen Anklage in einem Dresdner Zusammenhang.
Im Prinzip meint Johanna Lemke, in der Stelen-Aktion, die sich laut Bürger Courage e. V. sehr allgemein gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit richtet, eine ungerechtfertigte und unfaire Kritik an den Dresdnern zu erkennen, die ihrer Ansicht nach vielmehr den russischen Migranten hätte gelten sollen. Dabei fehlen mir jedoch gleich in zweierlei Hinsicht die vielbeschworene journalistische Redlichkeit sowie ein reflektierter Umgang mit dem behandelten Thema: Zum einen scheint Frau Lemke nicht mit der nötigen Akuratesse recherchiert zu haben, oder doch zumindest sehr selektiv. Machte sie sich auf der einen Seite die Mühe, zu recherchieren, dass die von den Aktivisten genannte Zahl von 18 Messerstichen gar nicht stimmte, sondern laut Obduktionsbericht nur 16 bestätigt wurden, ließ sie selbiges Engagement hinsichtlich dessen, was Bürger Courage e. V. eigentlich mit seiner Aktion tatsächlich “anprangerte”, wie Frau Lemke es nennt, hingegen sträflich vermissen, wenn sie davon spricht, die Aktivisten wöllten mit dem Stelen-Projekt einen “tiefsitzenden Rassismus in Dresden anprangern”. Woher nimmt die Autorin diese (Falsch-)Information? Bei Bürger Courage e. V. benennt man die Absicht der Aktion folgendermaßen:
Wir wollen mit dieser Aktion zum einen an Marwas Tod erinnern und zum anderen deutlich machen, dass sich der tägliche Rassismus für die Betroffenen ebenso wie viele kleine Messerstiche anfühlt. Daher gilt es, Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Diskriminierung jeglicher Art zu bekämpfern! [...] Die “Messer” stehen stellvertretend für die kleinen und großen “Stiche”, die in Dresden Tag für Tag durch versteckten oder offenen Rassismus solchen Menschen widerfahren, die offensichtlich ihre Wurzeln nicht in Deutschland haben. Die 18 Betonskulpturen sollen somit den schleichenden, oft kaum wahrnehmbaren Alltagsrassismus versinnbildlichen.
Von einem “tiefsitzenden Rassismus” in Dresden keine Spur, sondern vielmehr von den Erscheinungsformen, in denen Rassismus – bewusst oder unbewusst, latent oder akut – auftreten kann.
Zum anderen ist es wohl kaum akzeptabel, wenn Frau Lemke den Mord an El-Sherbini derart platt aus dem gesellschaftlichen Rahmen in Dresden herauslösen und ihn auf die “Tat eines russischen Migranten” reduzieren will, um damit gleichzeitig Kritik an einer Aktion üben zu können, die Alltagsrassismus als gesamtgesellschaftliches Phänomen thematisiert, dessen extreme Zuspitzung Taten wie die von Alex W. symbolisieren.
Als Nächstes glaubt die Autorin, durch den Umstand, dass einige der Stelen offensichtlich von Vertretern des linksextremen Spektrums umgestoßen wurden und nicht von Rechtsextremisten, belegen zu können, dass das Motiv hierfür nicht Alltagsrassismus lauten könne:
Doch der hier in Gang gesetzte Mechanismus ist kurzsichtig. Die Rechnung „Umgekippte Gedenksteine = Alltagsrassismus“ führt am Kern vorbei. Beim Umwerfen einer weiteren Stele wurden ausgerechnet zwei Jugendliche gestellt, die sich angeblich selbst dem „linken Milieu“ zuordnen.
Dahinter steht die naive und nicht zu Ende gedachte Annahme, Alltagsrassismus sei eine ausschließlich rechtsextreme Sache, könne nur von Nazis ausgehen und äußere sich immer in greifbaren Aktivitäten, etwa Vandalismus, Schmierereien, Übergriffe auf Fremde, wie die Autorin auch sogleich bestätigt:
Rassismus gibt es. Ihn bekommen Migranten alltäglich zu spüren: Anpöbeleien im öffentlichen Nahverkehr, zerstörte Dönerbuden, die wie selbstverständlich verwendete Bezeichnung „Fidschis“ für Migranten mit asiatischem Hintergrund
während Alltagsrassismus bei Johanna Lemke anscheinend auf das diffuse Schattenreich von “über 7000 NPD-Wählern” in Dresden begrenzt ist.
Dabei geht das Gro des alltäglich gedachten und gelebten Rassismus von ganz normalen Bürgern aus, oft auch unbewusst, weil bestimmte Unterscheidungen und Werturteile hinsichtlich der verschiedenen Ethnien vielen gesellschaftlichen Denk- und Handlungsmustern einfach immanent sind. Dabei muss im Resultat nicht immer eine Straftat oder ein konkreter Personen- oder Sachschaden stehen, vielmehr wird darüber immer wieder eine stabile Frontstellung des “Wir” und “Die” in den Köpfen reproduziert. Äußern tut sich Derartiges dann etwa in der unmittelbaren Benachteiligung von Äusländern im Bildungswesen und auch in der Vergabe von Arbeitsplätzen. Wie sonst ist es zu erklären, dass selbst Akademiker mit Migrationshintergrund auf dem Arbeitsmarkt ungleich schlechtere Chancen haben als ihre einheimischen Pendants? Die Entscheidung, ob ein türkisches Kind eine Empfehlung für die Haupt- oder aber für die Realschule erhält, ob ein libanesischer Ingenieur mit Abschluss 1 oder doch eher ein deutscher mit Abschluss 2 die Stelle bekommt, trifft zumeist kein Nazi oder Extremist, nein, es sind ganz biedere Durchschnittsbürger, die am Wahltag ihr Kreuzchen bei CDU oder SPD machen.
Und selbstverständlich gehören zu dieser Art latenten Rassismus’ (Alltagsrassismus) auch pauschale Negativzuweisungen an eine bestimmte ethnische Gruppe – etwa die undifferenzierte Aussage Johanna Lemkes, russische Migranten seien tendenziell islamophob.
Zudem ist gerade Islamfeindlichkeit eine Sache, die zunehmend auch im linksextremen, antideutschen Spektrum zu finden ist und mit bedingungsloser Unterstützung des radikalen israelischen Zionismus einhergeht, der im muslimischen Araber seinen Hauptfeind erkannt zu haben glaubt. Jedoch ist auch jene Art der pauschalen Feindseligkeit gegenüber einer ethnischen Gruppe eine Form von Rassismus – ob dieser von rechten oder linken Gruppierungen ausgeht, ist für die Feststellung des Tatbestandes überhaupt nicht relevant.
Der Artikel wirkt schon insgesamt unstrukturiert und vermittelt eigentlich überhaupt keine klare, argumetative Leitlinie der Autorin. Doch vollends verwirrend wird es, wenn sie dazu übergeht, diffus von “gesichtslosen Nazis” und “Alibitäterschaften” zu reden, auf die man (wer eigentlich genau?) die Verantwortung für die umgestoßenen Messer-Plastiken “verlagern” wolle:
Das Problem nun auf linke Autonome zu schieben, wäre naiv. Doch die Taten als Spitze des Eisbergs eines von Fremdenfeindlichkeit durchsetzten Dresden zu instrumentalisieren, ist ebenso kurz gedacht. Denn wenn die Schuld auf gesichtslose Neonazis verlagert wird, ist das eine Flucht aus der eigenen Verantwortung. Die Alibi-Täter ermöglichen es dem Einzelnen, sich seiner Bürgerpflicht zu entziehen.
Ja wie denn nun? Der Verein Bürger Courage e. V. hat sich ja eben gerade nicht darauf versteift, platt diffusen “Nazis” oder gar wie die Autorin “den Russen” Rassismus und Islamophobie zu unterstellen, sondern die Aktion soll ja gerade darauf abzielen, “die Gesellschaft”, die “Bürger” in die Pflicht zu nehmen, auf das Vorhandensein von eben solchem alltäglichem Rassismus aufmerksam zu machen. Auch zu den umgestoßenen Stelen äußerste sich der Verein in einer Presseerklärung recht unmissverständlich:
Da an den Stelen die Hinweisschilder, die über den antirassistischen Hintergrund der Aktion informieren, abmontiert und teilweise entfernt wurden, ist jedoch sicher, dass alle bisherigen Zerstörungsversuche Angriffe auf die freiheitlich demokratische Grundordnung unserer Gesellschaft, darstellen. Wer ein Denkmal gegen Alltagsrassismus umwirft oder beschädigt, ganz gleich aus welchen Motiven heraus, verhindert, dass Fremdenhass und Rassismus der Boden entzogen wird und bewegt sich selbst kaum im demokratischen
Terrain.
Weder vermutete man hier konkret rechte, noch linke, sondern vielmehr sehr allgemein prorassistische Gesinnungen als Täter. Wie Johanna Lemke darauf kommt, der Verein wolle “gesichtslose Nazis” oder “linke Autonome” für die Tat verantwortlich machen, ist mir ein Rätsel. Vielmehr können die Täter sehr gut aus beiden Szenen stammen bzw. keiner von beiden angehören.
Dennoch bezieht der Verein von der Autorin hier offensichtlich “Prügel” und sieht sich mit Vorwürfen konfrontiert, er wolle Dresden als “von Fremdenfeindlichkeit durchsetzt anprangern”. Was will Frau Lemke also dann mit der “Verantwortung des Einzelnen” sagen? Es erschließt sich mir nicht.
Sie wettert gegen das Anmahnen von Alltagsrassismus im biederen Kleinbürgertum durch Bürger Courage e. V., fordert aber gleichzeitig die Übernahme von Verantwortung eines jeden Einzelnen und erkennt selbst das Vorhandensein von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit an. Liegen die Motive von Frau Lemke am Ende einfach nur in persönlichen Animositäten, inhaltlichen Differenzen mit der Arbeit des Vereins begründet?
Dann wäre es ehrlicher gewesen, dies auch so zu formulieren.
Über das Stelen-Projekt und auch so manche andere Aktion des Vereins Bürger Courage e. V. kann man sicherlich geteilter Ansicht sein. So bin auch ich nicht unbedingt der Auffassung, dass es sonderlich zielführend ist, sich durch derart aufwendige und vor allem rein symbolische Aktionen “gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit” zu produzieren. So hätte beispielsweise auch eine Stele vor dem Landgericht völlig ausgereicht. Teilweise bin ich der Ansicht, dass hier eine grausame Tat für die Inszenierung der eigenen Arbeit benutzt wird.
Und Tatsache ist letzten Endes: Durch solch provokante Aktionen von rein symbolischem Wert (wie etwa auch die Blockade-Aktionen zum 13. Februar) ändert man nichts am tatsächlich vorhandenen Rassismus, im Gegenteil, provoziert man häufig nur Widerstand und wohl auch undifferenzierte, indifferente Kritik wie die einer Johanna Lemke, die ihre eigentliche Motiviation wahrscheinlich aus ganz anderen Zusammenhängen speist und die Aktion lediglich zum Anlass nahm, sich zu äußern.
Dennoch wehre ich mich gegen die Art und Weise, wie Lemke offensichtlich versucht, über eine durchaus diskussionswürdige Aktion generell das Vorhandensein von Alltagsrassismus auch in Dresden infrage zu stellen sowie die Gelegenheit zu nutzen, unreflektiert eigene Ressentiments und Pauschalismen gegenüber einer ethnischen Minderheit (hier den russischen Migranten) breitzutreten.
Im Juli kamen zwei Männer nach gleich lautender Anklage frei – wenn auch die Fälle aus völlig verschiedenen Zeiten datieren und die Geschichte, insbesondere der Strafverfolgung, der beiden Angeklagten unterschiedlicher nicht hätte sein können. Die Rede ist von Roman Polanski, millionenschwerer Hollywood-Regisseur, vielgefeierter Star, und Jörg Kachelmann, ARD-Wetterkönig und Riverboat-Moderator.
Beide waren wegen desselben Verbrechens angeklagt: Vergewaltigung. Bei Kachelmann sogar im besonders schweren Fall in Tateinheit mit schwerer Körperverletzung. Beide sind nunmehr auf freiem Fuß – mit unterschiedlichem Werdegang.
Rückblick. Roman Polanski vergewaltigte im Jahr 1977 in der Villa des Hollywood-Schauspielers Jack Nicholson ein erst 13-jähriges Mädchen, nachdem er es zuvor mit Drogen und Alkohol gefügig gemacht hatte. Ein klarer Fall von Kindesmissbrauch und Vergewaltigung. Eine niederträchtige Tat zur Befriedigung des Sexualtriebes. Polanski hatte die Tat gestanden, um die Chancen auf einen Deal zu erhöhen, der ihn mit einem kürzeren Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik hätte davonkommen lassen. Als er kurz vor Prozessauftakt davon Wind bekam, dass der Deal wohl platzen würde, nutzte er die Gelegenheit zur Flucht nach Frankreich. Niemand hinderte ihn, niemand lieferte ihn aus, mehr als 30 Jahre lang. 30 Jahre, in denen Polanski Karriere machte, Oscars gewann, zum weltweiten Star avancierte. 30 Jahre, in denen er dem damaligen Opfer höchstwahrscheinlich großzügige Entschädigungsgelder zahlte, denn Samantha Gailey setzte sich in der Vergangenheit sogar öffentlich in den Medien für eine Verschonung Polanskis ein – ein mehr als untypisches Verhalten für Vergewaltigungsopfer, die in den meisten Fällen von Hass- und Ekelgefühlen ihren Peinigern gegenüber geschlagen sind.
Roman Polanski 1975. Quelle: written by.
Trotz des offensichtlichen Verbrechens und seiner Schwere konnte Polanski über 30 Jahre lang unbehelligt von Strafverfolgung im französischen Exil leben, nahm sogar die französische Staatsbürgerschaft an. Bis die Falle im September 2009 in der Schweiz zuschnappte. Doch wer geglaubt hätte, der Vergewaltiger eines Kindes würde nun endlich seiner gerechten Strafe zugeführt, der irrte. Nach einigen Wochen im Gefängnis erlaubte man dem Weltstar gegen eine saftige Kaution, die Gefängniszelle mit seinem Schweizer Chalet zu tauschen. Ist das die Behandlung, die einem jahrzehntelang flüchtigen Sexualverbrecher von Rechts wegen gebührt? Die Auslieferung Polanskis lehnte die Schweiz offiziell wegen angeblich fehlender Papiere ab.
Seit Mitte Juli ist Polanski nun offiziell wieder ein freier Mann – ein nachweislicher Sexualstraftäter, der eine Minderjährige vergewaltigte und dafür nie eine Strafe gesehen hat, wird einfach in die Freiheit entlassen. Gründe? Die Schweizer Justizministerin Widmer-Schlumpf sagte zum Fall Polanski:
Ich beurteile nicht Schuld oder Unschuld von Herrn Polanski.
Dieser Satz brachte viele Befürworter einer gerechten Strafzuführung auf die Palme, denn über Schuld oder Unschuld von Polanski war längst befunden worden, es ging seinerzeit in den USA nur noch um die Höhe des Strafmaßes. So hat die Schweiz vor wenigen Wochen wohlwissentlich einen flüchtigen Sexualstraftäter in die Freiheit entlassen – ein Skandal ohne Gleichen. Auch wenn der Täter schon 76 Jahre alt ist: Das gute Leben, das ihm in den letzten 30 Jahren vergönnt war, hat wesentlich dazu beigetragen, dass Polanski sich in einer außergewöhnlich guten körperlichen Konstitution für einen Mitte-70-Jährigen befindet. Umso unbegreiflicher, zumal Polanski sich bis heute vielmehr selbst als Opfer von antisemitischen und Neid-Kampagnen seitens der US-Justiz und der Medien begreift, statt irgendein Schuldbewusstsein und Einsicht in die Schwere seiner Tat entwickelt zu haben. Dass solch ein Mann über Jahrzehnte ein Leben in völliger Öffentlichkeit und in Saus und Braus führen konnte, ohne von irgendwelchen international verbindlichen Haftbefehlen beeinträchtigt zu werden, und nun – wo er doch einmal gefasst war – vorsätzlich wieder in Freiheit entlassen wurde, verdient meiner Ansicht nach das Prädikat “Justizskandal des 19. Jahrhunderts”. Vielleicht sollte die Schweiz erwägen, allen ihren verurteilten Sexverbrechern ein derartiges Privileg der Straffreiheit zuteil werden zu lassen.
Ganz anders gelagert, wenn auch mit ähnlichen Anklagepunkten ausgestattet: der Fall Jörg Kachelmann in Deutschland. Der allseits (anscheinend vor allem auch bei der Damenwelt) beliebte Wettermoderator wurde im März nach seiner Rückkehr von den Olympischen Spielen in Vancouver noch am Flughafen festgenommen. Der Vorwurf: Kachelmann sollte im Februar seine damalige Lebensgefährtin nach einem Streit über vermeintliche Affären des TV-Stars vergewaltigt und ihr dabei ein Messer an die Kehle gehalten haben. Jörg Kachelmann kam umgehend in Untersuchungshaft. Anders als im Fall Polanski etwa wurde er aus dieser auch nicht gegen Zahlung einer Kaution oder Ähnlichem vorzeitig entlassen, Begründung: Fluchtgefahr.
Hätte man Polanski nicht vorzeitig aus der Psychiatrie entlassen bzw. ihn stattdessen umgehend in Untersuchungshaft überführt, hätte er niemals fliehen und sich so seiner Strafe entziehen können. Wäre der Täter ein gewöhnlicher Arbeiter oder gar ein Schwarzer gewesen, er wäre auch nie auf freien Fuß gekommen. so viel darf man wohl mit Blick auf die gängige Praxis der US-Strafjustiz feststellen. Stattdessen wurden Polanski offensichtlich schon damals aufgrund seiner Prominenz Privilegien eingeräumt.
Weit gefehlt im Fall Kachelmann. Der Wetterfrosch saß insgesamt mehr als vier Monate lang in Untersuchungshaft und das, nachdem sich im Grunde bereits im April Zweifel hinsichtlich der Aussagen und Vorwürfe des vorgeblichen Opfers zum Tathergang ergaben. Im Gegensatz zum Fall Polanski war hier also zu keinem Zeitpunkt einwandfrei von einer Schuld Kachelmanns auszugehen – dennoch blieb der durchaus der Prominenz Zuzuordnende in Haft. Und dennoch: Diese Art der Strafverfolgung ist konsequent, neutral und den Vorwürfen absolut angemessen.
Frei kam Kachelmann nun letzte Woche schließlich doch noch – nicht, weil er einwandfrei unschuldig wäre, sondern schlicht und ergreifend, weil sich die Vorwürfe der Anklage als widerspruchsbehaftet und teils unglaubwürdig erwiesen hatten.
Im Fall Polanski dagegen stand zu keiner Zeit nach dem Ermittlungsprozess vor über 30 Jahren die Frage, ob der Regisseur schuldig oder unschuldig sei, denn diese Frage war einwandfrei geklärt worden. Dennoch führte der Mann 30 Jahre lang und wie es scheint wohl bis an sein Lebensende ein Leben in Freiheit, ohne jemals für seine Tat bestraft worden zu sein, die eventuell nur die Spitze eines Eisberges sein könnte.
Denn nach der Freilassung Polanskis kamen neue Vorwürfe gegen den Hollywood-Star auf. Mit 21 sei das ehemalige Model Edith Vogelhut (57) von Polanski nach einer Party abermals in der Villa von Jack Nicholson vergewaltigt worden. Sie hätte sogar eindeutig Sex mit Polanski erwartet, sei aber in der Villa dann gegen ihren Willen brutal gefesselt und vergewaltigt worden. Die Schauspielerin Charlotte Lewis (42) will mit 16 Jahren von Polanski missbraucht worden sein. Kein Mensch weiß bislang, ob diese Vorwürfe stimmen und es wird sich mit Sicherheit auch nicht mehr feststellen lassen. Allerdings lassen sie die Freilassung dieses Menschen auch vor dem Hintergrund, dass Sexualstraftäter selten Einmaltäter sind, noch grotesker erscheinen.
Die diesjährige Loveparade ist gestern in einer unbeschreiblichen Katastrophe geendet. Das Techno-Festival, das 2010 erstmalig auf dem Gelände eines ehemaligen Güterbahnhofes in Duisburg stattfand, sollte ein friedlicher Rave werden, circa 1 Million Menschen waren erwartet worden. EINE MILLION. Mindestens 19 von ihnen sind nun tot, über 100 verletzt, mehr als 40 davon schwer.
Fragen über Fragen tun sich auf. Wie konnte das geschehen?
Das Konzept
Wieso erschließt man den Zugang zum Festivalgelände durch einen engen, langen Tunnel?? Hat man denn aus den Schreckensszenarien des Mont-Blanc-Brandes vor 11 Jahren gar nichts gelernt? In Tunneln wird mangels Frischluftzufuhr die Luft in der Regel besonders schnell stickig, die Röhre zwingt Personen darin zudem, sich lediglich in eine bestimmte Richtung fortzubewegen.
Millionen Menschen sollten, sowohl in Richtung Festgelände, als auch von dort kommend, durch den wenige Meter breiten Tunnel geschleust werden. Dass dieser unweigerlich zu einer Falle werden würde, sobald irgendetwas außer Kontrolle gerät, hätte man doch ahnen MÜSSEN. Daran ändern für meine Begriffe auch die Verteidigungsversuche des Panikforschers Michael Schreckenberg nichts, der genau dieses Konzept nun verteidigt. Nach seiner Ansicht sei der Tunnel groß genug gewesen für mehr als 1 Million Leute. Die Schuld sieht Schreckenberg vielmehr bei den Jugendlichen, die versuchten, sich aus ihrer schlimmen Lage per Kletteraktion über eine nicht gesicherte Treppe zu befreien, von der einige von ihnen dann aus ungeklärten Gründen auf die Masse unter ihnen stürzten. Zur Panik sei es deswegen gekommen, so Schreckenberg. Ich glaube, diese ignoranten, unverbesserlichen Aussagen überraschen niemanden mehr, wenn man erfährt, dass Schreckenberg das Sicherheitskonzept für die Loveparade selbst mit ausgearbeitet hatte und jetzt vermutlich um seinen Kopf fürchtet.
Das Vorgehen der Sicherheitskräfte
Wieso öffnete das Sicherheitspersonal die Tore zum Festivalgelände nicht, als es von einigen der wie Sardinen in einer Büchse gedrängt im Tunnel Gefangenen die ersten Hilferufe gab, bzw. Warnungen von Leuten, die es gerade so aus dem Tunnel rausgeschafft hatten? Letztere gab es NACHWEISLICH. Auch dies ein Beleg dafür, dass eben nicht nur die Treppenstürze einiger Verzweifelter für das Ausbrechen der Panik verantwortlich waren, sondern dass schon zuvor eine panische Stimmung im Tunnel geherrscht hatte.
Das Festivalgelände war zudem längst nicht voll, und die Massen hätten sich dort in jedem Fall besser verlaufen können als in dem Tunnel, in dem es weder Vor noch Zurück gab – selbst wenn es zwischenzeitlich auf dem Gelände etwas enger geworden wäre. Für meine Begriffe ein schier unverantwortliches Vorgehen des Sicherheitspersonals.
Der Faktor Mensch
Ich kenne ihn selbst aus unzähligen Großkonzert- und Festivalerfahrungen, den Faktor Mensch. Einmal in Euphorie oder gar Hysterie geraten, gibt es für viele oft kein Halten, keine Vernunft mehr. Rücksichtslos wird nach vorne gedrängelt, um gute Plätze zu ergattern, oder einfach nur, weil man Spaß an der Rangelei auf Kosten anderer hat. Bei der Loveparade waren zudem auch schon immer diverse aufputschende Mittelchen im Einsatz, um stundenlang durchhotten zu können und in die richtige “love-sex-rave”-Stimmung zu kommen. Diesmal dürfen sich einige Unverbesserliche gewiss sein: Sie haben den Tod von rund 20 jungen Menschen mitzuverantworten. Denn nach Zeugenaussagen drängten immer mehr Menschen von hinten in den Tunnel, obgleich ersichtlich war, dass es vorne nicht voranging, teilweise liefen nach Augenzeugenberichten die Nachfolgenden rücksichtslos über bereits am Boden liegende Menschen hinweg in Richtung Festival. Unklar. Warum macht man so was? Warum kann man nicht vernünftig sein und warten? Zumal das alles andere als Zeichen eines natürlichen Verhaltens bei Panik ist, denn da läuft man normalerweise schnellstens vom Ort der Gefahr weg, statt geradewegs hinein.
Ich kann mich an Konzerte erinnern wie HIM oder Reamonn, wo kreischende Teenies mir die Tasche aus der Hand rissen und wie eine Welle über mir zusammenschlugen, als ich mich bückte, um sie aufzuheben. Hätten vier Freundinnen nicht eine eiserne Mauer um mich gebildet und die außer Rand und Band Geratenen zurückgedrängt, ich wäre schlicht und ergreifend nicht mehr hochgekommen, weil einige schon damit begonnen hatten, sich mit den Händen auf meinem Kopf und Schultern abzustützen, um sich in dem Gedränge einen besseren Halt zu verschaffen.
Massenereignisse wie Großkonzerte oder die Loveparade erfordern vor allem eines: Ein großes Maß an Verantwortungsbewusstsein, auch wenn viele das nicht wahrhaben wollen. Es geht eben nicht nur um Spaß und das eigene Vergnügen. Wer sich auf die Veranstalter und das Sicherheitspersonal verlässt, ist im Notfall selbst verlassen. Im schlimmsten Fall sterben Menschen.
Draußen Panik und Tod, drinnen Party ohne Ende
Was ich absolut nicht nachvollziehen kann: WIE kann es sein, dass draußen Dutzende Menschen zu Tode kommen und drinnen wird munter weitergefeiert??? DAS ist für meine Begriffe die Krönung der Abgebrühtheit, eine unglaubliche Ignoranz!
Die Erklärung, man hätte eine neuerliche Panik auf dem Festivalgelände vermeiden wollen, ist die mieseste Ausrede, die mir in meinem Leben bislang untergekommen ist. Man hätte die Veranstaltung sehr kontrolliert abbrechen können, warum hätte jemand in Panik ausbrechen sollen? Drinnen war doch genug Platz, und irgendwann war die Party doch sowieso zu Ende, da ist doch auch niemand in Panik geraten.
Ich als parade-Besucher hätte wissen wollen, wenn draußen eine Katastrophe geschehen ist – und ganz sicher hätte ich NICHT weiterfeiern wollen, während draußen Menschen um ihr Leben kämpfen! Ich hätte mich nicht blümchenschwenkend und lachend in den Sondernachrichten neben in Tücher gehüllten Leichen sehen wollen – welch eine Groteske. Noch Stunden später, als das Festivalgelände sich auf “natürlichem Wege” bereits erheblich geleert hatte, soll die Party bis zum bitteren Ende weitergelaufen sein.
Was ist bloß aus den Menschen geworden? Ein Schelm, wer hier die Besorgnis der Veranstalter und Sponsoren klingeln hört, dass die Umsätze an Getränken, Essen und anderen Bezahlangeboten hinter den Erwartungen hätten zurückbleiben können, wäre das Festival vorzeitig abgebrochen worden.
In letzter Konsequenz hat heute der Veranstalter der loveparade, Rainer Schaller, das endgültige Ende der Großveranstaltung bekannt gegeben. Für meine Begriffe gehört der Mann vor Gericht, denn ihm oblag die letztendige Entscheidung hinsichtlich des Sicherheitskonzeptes, ebenso die Entscheidung, die Party nach dem Tod von 19 Menschen und Hunderten Verletzten weiterlaufen zu lassen.
Aus Anstand und Pietät verzichte ich darauf, an dieser Stelle eines der schrecklichen Videos zu veröffentlichen, die derzeit im Internet grassieren, und die unmissverständlich das ganze Ausmaß der chaotischen Zustände im Tunnel zeigen.
Wie angekündigt, widmet sich der Weidegrund in versachlichender Manier heute zum ersten Mal einem Artikel des antiislamischen Hetzblogs “Politically Incorrect”.
In dem Beitrag, der gestern (wie meist der Fall) anonym unter dem Titel “Hebron: 400 Juden und 200.000 Araber” erschien, wurden die arabische Stadt Hebron im Westjordanland und ihre Geschichte vorgestellt.
Die Ausführungen zur Geschichte beschränkten sich im Artikel auf die seit alters her bestehende jüdische Gemeinde in Hebron, deren Vertreibung und teilweise Ermordung während des Pogroms 1929 sowie deren Reimplementierung Mitte des 20. Jahrhunderts und das gefährliche Leben, das die Gemeinde seither unter der Übermacht von 200.000 feindseligen Arabern führe. Im Original liest sich das dann so:
Hebron blieb seit der Zeit, als Abraham dort begraben wurde, praktisch durchgehend auch von Juden bewohnt. 1929 rotteten die Araber die jüdischen Bewohner Hebrons in einem Massaker aus, doch seit einigen Jahren leben wieder Juden in Hebron, zumindest in einer einzigen Straße. [...] Bereits 50 Juden wurden in dieser Straße von den Arabern erschossen. Unter ihnen war ein jüdisches Baby [...] Heute zählt die jüdische Bevölkerung in Hebron rund 400 Mitglieder. Sie leben alle in einer Einzigen Straße und in ihrer unmittelbaren Umgebung, obwohl das israelisch-kontrollierte Gebiet von Hebron H2 um einiges größer ist. Die Juden in Hebron befinden sich in ständiger Lebensgefahr.
Von den rassistisch motivierten und von den gängigen Kolonialismus-Ideen der 1920er-Jahre inspirierten Groß-Israel-Plänen etwa eines Ze’ev Jabotinsky fehlt hingegen jede Spur. Jabotinsky gehörte einer rechtsradikalen zionistischen Strömung an, deren Ziel es war, ein Israel auf historischem Territorium zu reimplementieren, ohne Rücksicht auf die einheimische Bevölkerung zu nehmen. In seinen Schriften rief Jabotinsky offen dazu auf, die Araber zu unterwerfen oder zu vertreiben, nannte sie kulturell und zivilisatorisch rückständig und forderte eine eiserne Mauer (“iron wall”) jüdischer Streitkräfte, um diese Ziele rigoros durchzusetzen. Um 1929 hatte sich diese revisionistische Doktrin zwar nicht mehrheitlich, aber dennoch zu beachtlichem Umfang Gehör unter den Zionisten verschaffen können.
Dabei argumentierte Jabotinsky nach ähnlichem Muster , wie die Briten seinerzeit in den nordamerikanischen Kolonien:
There can be no voluntary agreement between ourselves and the Palestine Arabs. Not now, nor in the prospective future. [...] Except for those who were born blind, they realised long ago that it is utterly impossible to obtain the voluntary consent of the Palestine Arabs for converting ‘Palestine’ from an Arab country into a country with a Jewish majority. [...] Our Peace-mongers are trying to persuade us that the Arabs are either fools, whom we can deceive by masking our real aims, or that they are corrupt and can be bribed to abandon to us their claim to priority in Palestine, in return for cultural and economic advantages. [...] Culturally they are five hundred years behind us, they have neither our endurance nor our determination; [...] We may tell them whatever we like about the innocence of our aims, watering them down and sweetening them with honeyed words to make them palatable, but they know what we want, as well as we know what they do not want. They feel at least the same instinctive jealous love of Palestine, as the old Aztecs felt for ancient Mexico, and the Sioux for their rolling Prairies.
Wir alle wissen, wie die Kolonialisierung in Afrika, in Nord- und Südamerika vonstatten ging. Es ging den Kolonisten nie darum, irgendwo in Frieden in der neuen Welt zu leben, im Einklang mit den dort lebenden Einheimischen. Nein, die Einheimischen wurden immer schon als kulturell rückständig und unterlegen gebrandmarkt, ihre Eigentumsrechte nicht anerkannt. Ziel war es immer, die neue Welt zu erobern und dort die Strukturen des Mutterlandes zu etablieren. So verwundert es auch nicht, dass man diesen Duktus auch bei Jabotinsky und vielen anderen zionistischen Führern fand und findet:
We cannot offer any adequate compensation to the Palestinian Arabs in return for Palestine. And therefore, there is no likelihood of any voluntary agreement being reached. So that all those who regard such an agreement as a condition sine qua non for Zionism may as well say “non” and withdraw from Zionism. Zionist colonisation must either stop, or else proceed regardless of the native population.
Die Unterwerfungspläne der Zionisten waren im Palästina der 20er-Jahre kein Geheimnis. Und sie waren es auch, die wesentlich zur zusehends gewalttätiger werdenden Stimmung unter der arabischen Bevölkerungsmehrheit beitrugen, zumal sie von Hardlinern auf der anderen Seite, wie dem Großmufti al-Hussaini von Jerusalem, für antijüdische Gegenpropaganda aufgegriffen wurden. Die Gründung der paramilitärischen Untergrund- und Verteidigungsorganisation Haganah hatte 1920 zudem eine Zäsur im zuvor eher passiv-subversiven Besiedelungsprozess markiert – zionistische Ansprüche wurden verstärkt formuliert und die Bereitschaft zur gewaltsamen Verteidigung dieser Ziele damit signalisiert. Wenige Tage vor dem Massaker an Juden in Hebron 1929 wurde dann die neue zionistische Verwaltungsorganisation und Vertretung vor dem Völkerbund, die Jewish Agency, gegründet – ein unmissverständliches Zeichen an die Adresse der Einheimischen, dass hier zusehends Tatsachen geschaffen wurden, die für sie selbst Ungemach bedeuteten.
In vielen Foren und Interneteinträgen, so auch im betreffenden PI-Artikel, beginnt die Geschichte des Hebron-Massakers mit schöner Regelmäßigkeit mit den Worten: “Der Großmufti von Jerusalem begann, Hass zu säen, dieser entlud sich dann in Hebron”. Doch der Großmufti begann eben nicht einfach aus heiterem Himmel und aus lauter Antisemitismus, Hass zu säen, sondern 1929 war ganz Palästina bereits so sehr von gegenseitigen Feindseligkeiten und vor allem den immer offener zutage tretenden kolonialen Absichten der Zionisten ergriffen, dass diese Eskalation beinahe eine logische Konsequenz darstellte. Der Hass aufseiten der Araber war vor dem Beginn der organisierten und zielgerichteten jüdischen Besiedelung entsprechend noch nicht vorhanden, obgleich immer Juden in Hebron und Jerusalem gelebt hatten, wie der PI-Autor ja korrekt erwähnte. Er kam mit den menschenverachtenden Ideologien europäischer Kolonisten, die die einheimischen Araber als Wilde und Hindernis für die eigenen Pläne begriffen.
Auch zur Art und Weise, wie die jüdische Gemeinde im ursprünglich seit dem Teilungsplan 1948 zu Palästina gehörenden Hebron reimplementiert wurde, wird kein Wort verloren.
Zur Erinnerung: Die Zionisten hatten nach Bekanntgabe des Teilungsplanes 1947 damit begonnen, beinahe das gesamte Territorium des zukünftigen Israel von Arabern zu säubern, Hunderttausende Menschen wurden dabei vertrieben, Tausende ermordet. Man bestand darauf, einen möglichst rein-jüdischen Staat zu schaffen. Dem Nachbarn gestand man Selbes allerdings nicht zu. 1968, kurz nach dem 6-Tage-Krieg Israels, bei dem weite Teile der Westbank völkerrechtswidrig besetzt und Jerusalem annektiert wurden, kam der israelische Rabbi Mosche Levinger mit einigen Familien als Schweizer Touristen getarnt nach Hebron und mietete sich in einem Hotel ein. Tags darauf ließ er seine Tarnung fallen und kündigte an, nun “bis zur Rückkehr des Messias” in Hebron bleiben zu wollen. Er gründete daraufhin an der Stadtgrenze die Siedlunge Kiriat Arba, in der heute 7.500 jüdische Siedler leben.
Doch damit nicht genug: Anfang der 70er-Jahre bildete er die radikale Siedlerbewegung Gush Emunim. 1979 besetzte er gemeinsam mit 30 radikalen Siedlern aus den USA das ehemalige jüdische Krankenhaus in Hebron und markierte damit den Beginn der dauerhaften gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Arabern und jüdischen Siedlern in der Stadt. 1980 etwa erschoss Levinger höchstpersönlich einen palästinensischen Ladenbesitzer, nachdem er ursprünglich in Richtung einer Gruppe Jugendlicher gefeuert hatte. Unter seiner Führung wurden Sprengstoffanschläge und Terrorkommandos vorbereitet – 1984 flog ein solches Terrorkomplott in letzter Minute auf. 1990 erschoss er einen weiteren Palästinenser in Hebron. Das Massaker des Orthodoxen Baruch Goldstein an 29 betenden Moslems 1994 in Hebron und die darauffolgenden Ausschreitungen, bei denen 25 weitere Araber getötet wurden, begrüßte Levinger mit den Worten:
„Das Töten von Fremden ist akzeptabel und auch willkommen, um die jüdische Renaissance im versprochenen Land zu fördern.“
Levinger saß für seine Schandtaten im Namen der Torah insgesamt eine sagenhafte Gefängnisstrafe von 10 Wochen ab. Dagegen ging er 1996 für weitere 4 Monate ins Gefängnis, weil er 1991 in Jerusalem eine Trennwand in einem Gebetshaus eingerissen und einen israelischen Offizier beleidigt hatte. Doch mittlerweile haben gerade die jüdischen Siedler in und um Hebron, die als besonders gewaltbereit gelten, sämtliche Boni im israelischen Mutterland verspielt. Selbst daheim gelten sie heute als Problem und Aufruhrherd – aber kein Wort darüber natürlich bei Politcally Incorrect.
Kurzum: Mit der gewaltsamen Reimplementierung der “jüdischen Gemeinde” in Hebron durch Rabbi Mosche Levinger kehrten Terror und Schrecken in die Stadt zurück, deren Opfer bereits unzählige Menschen auf beiden Seiten wurden, denn die palästinensische Antwort fiel zumeist nicht minder brachial aus.
Und es handelt sich um eine jüdische Gemeinde, die die eigenen Kinder nicht minder zum Hass auf “die Fremden” erzieht (denn die in Hebron beheimteten Araber werden als Fremde im gelobten jüdischen Land erachtet), wie es in den “besten” Hamas-Haushalten vermutet werden kann. So verwundert es wenig, dass der Sohn Moshe Levingers 2002 wegen der Vorbereitung eines Terroranschlags auf eine Mädchenschule in Ostjerusalem festgenommen wurde – er musste nicht ins Gefängnis.
Wenn man heute durch die jüdischen Straßen Hebrons geht, ohne eindeutig als Jude erkennbar zu sein, möchte man meinen, als Orthodoxer in einem palästinensischen Dorf gelandet zu sein. Im vergangenen Jahr wurde eine filmende Mitarbeiterin einer Menschenrechtsorganisation in Hebron auf offener Straße von Siedlerkindern angegriffen, mit Steinen und Flaschen beworfen, während die anwesenden IDF zuschauten und nichts unternahmen, bis ein Kollege der verängstigten Frau zu Hilfe kam:
Derartige Übergriffe gegen Palästinenser oder andere “Fremde” sind in Hebron genauso üblich wie die im PI-Artikel geschilderten Attacken auf die Siedler. Mit dem Unterschied, dass sich hier die Einheimischen einer hochaggressiven Minderheit erwehren müssen, die bewaffnet ist und vom israelischen Militär geschützt wird:
So sieht der Alltag der palästinensischen Bevölkerung aus in Hebron. Die palästinensische Frau, die ihren Sohn ins Haus holen will, weil der von fanatisierten Siedlerkindern angegriffen wird, wird von IDF-Soldaten daran gehindert, auf die Straße zu gehen, um ihm zu helfen. Mit den Worten “Halt’s Maul” und Schlägen quittieren Sie die verzweifelten Bitten der Frau, dem Treiben ein Ende zu bereiten. Die Häuser der Einwohner, die zur jüdischen Straße hinausgehen, sind mit Zäunen und Gittern verbarrikadiert, um sich vor den im Film erkennbaren Drangsalen und Übergriffen selbst der jüngsten Siedler zu schützen. Die Siedlerkinder wirken verhaltensgestört und weisen eine schon pathologische Aggression gegenüber den palästinensischen Nachbarn auf.
Man beachte übrigens die orthodoxe jüdische Frau im zweiten Film und insbesondere das Kopftuch, das sie trägt: Diese Bekleidung (Kopftuch, verhüllende Kleidung) ist bei orthodoxen verheirateten Frauen ebenso Gang und Gäbe wie etwa bei gläubigen Muslimas oder fundamentalistischen Christen. Auch ist die Stellung der Frau im orthodoxen Judentum der des Mannes in nahezu allen Belangen untergeordnet. Ähnlich wie in vielen muslimischen Familien gilt die Frau im traditionalistischen Judentum als “Licht der Familie”, Hüterin des Haushalts und der Kinder – hier hat sie “das Sagen”. Doch im religiösen und öffentlichen Leben ist die Frau dem Mann gegenüber stark benachteiligt. Die Problematik etwa von Zwangsehen in orthodoxen Familien thematisierte schon vor Jahren der Film “Kadosh” von Amos Gitai. Sie darf des Weiteren beim Gebet in der Synagoge nicht laut mitsingen – was im Übrigen bis heute selbst in deutschen jüdischen Gemeinden oft als Frevel angesehen und mit männlichem wie weiblichem Zorn quittiert wird, setzt sich doch einmal eine moderne Jüdin darüber hinweg -, sie sitzen in der Synagoge oft noch immer separiert von den Männern, dürfen keinen Gebetsmantel tragen und auch die Thora nicht küssen.
Dass die 400 radikalen jüdischen Siedler in Hebron (neue Quellen gehen mittlerweile von 800 aus, die Geburtenrate orthodoxer jüdischer Frauen liegt mit 7,6 Kindern pro Frau genauso hoch wie die der muslimischen Palästinenser) von mehr als 2000 bis an die Zähne bewaffneten israelischen Soldaten bewacht und geschützt werden, lässt PI gekonnt unter den Tisch fallen, dass die 35.000 Palästinenser in H2 von H1 und somit von den restlichen 160.000 Arabern genauso abgeschnitten sind wie die jüdischen Siedler, und dass wiederum die Hälfte davon unter 18 Jahren alt ist, ebenso. Stattdessen baut das islamophobe Blog die mit Gewalt eroberte und gehaltene jüdische Straße in Hebron zum “Hebroner Juden-Getto” auf:
Durch die Betonschießsperren am Straßenrand wird daneben noch ein ganz anderes Hebron sichtbar. Dass Groß-Hebron H1, in dem Juden keinen Zutritt haben und das fast zu 100 Prozent von muslimischen Arabern bewohnt wird.
Was der Autor verschweigt: Die Aufteilung der Stadt in eine jüdische (H2) und eine palästinensische Zone (H1) erfolgte 1997 in einem Abkommen zwischen Israel und Palästina, um ein völliges Überrennen der Stadt durch israelische Siedler zu verhindern, ähnlich wie es in Jerusalem erforderlich wurde, und die Gewalt somit wenigstens einermaßen im Zaume zu halten. Die Palästinenser traten dabei freiwillig den Israelis die Kontrolle über einen guten Teil der Stadt Hebron ab und übergaben Zehntausende seiner Bewohner damit israelischer Willkür – alles um des lieben Friedens willen.
Zur Erinnerung: 1994 hatte der radikale Siedler Baruch Goldstein fast 30 Araber in einer Moschee ermordet, 25 weitere starben durch Sicherheitskräfte. Wer gewährt schon gerne seinem potenziellen Mörder freien Zutritt zu seinem Haus? Die von PI betrauerten 50 jüdischen Opfer, die in der Hebroner Siedlung Tel-Rumeida binnen 40 Jahren starben, schafften die jüdischen Radikalen 1994 locker an einem einzigen Tag.
Dass Kinder wie Shalhevet Pass, die 2001 in Hebron im Alter von 10 Monaten von einem arabischen Extremisten erschossen wurde, immer wieder zwischen die Fronten geraten, ist eine wahre Schande – das Leben ihrer Kinder scheint den Orthodoxen nicht sehr viel wert zu sein, sonst würden sie sie nicht für ihren Glauben in derartige Gefahr bringen. Jeder rationale Mensch bringt seine Kinder, so gut er kann, in Sicherheit und schützt sie vor Gefahr – nicht so die radikalen Siedler: Für sie sind die Kinder ein Garant für das Fortbestehen und den künftigen Erfolg der “jüdischen Sache”, die mit der ursprünglichen zionistischen Idee nur noch sehr wenig zu tun hat.
Hinzu kommt die völlige militärische Abriegelung des jüdischen Sektors H2 , in dem unter anderem auch noch 35.000 Palästinenser leben, durch Checkpoints, Straßensperren und Scharfschützen. Farmer aus dem Umland etwa haben so keinen Zugang zu den Märkten in der Innenstadt, die zu H2 gehört, das Umland versinkt daher aufgrund der erschwerten Handelsbedingungen in Arbeitslosigkeit und Armut, ganz im Gegensatz zum bei PI postulierten “Wohlstandskinder-Image” der Stadt:
Märchen 1: Die Araber in Hebron sind arm und haben nichts zu essen – der Realität sieht augenscheinlich anders aus.
Erstens: Die Quelle (ein Palästinenser) der vorgeblichen Aussage bleibt ungenannt. Zweitens: Die Araber im jüdisch kontrollierten Teil Hebrons (H2) leben nach einem Bericht des Applied Research Institute in Jerusalem zu großen Teilen weit unterhalb der Armutsgrenze, Ursache dafür sind vor allem die vielen Militärblockaden, die Handelswege und Wirtschaft zum Erlahmen bringen:
In einer vom palaestinensischen Wirtschaftsministerium erstellten Umfrage aus dem Jahr 2005 ist zu lesen, dass das durchschnittliche Haushaltseinkommen in H2 bei 700 NIS pro Monat liegt, was einem Betrag weit unter der Armutsgrenze entspricht. Das internationale Kommittee des Roten Kreuzes hat 2002 eine monatliche Verteilung von Lebensmittelpaketen an fast 2500 Haushalte in H2, und somit an nahezu alle Einwohner rund um den Altstadtmarkt, initiiert.
Ebenso werden die täglichen Übergriffe der radikalen Siedler auf das Eigentum der Palästinenser in H2 dokumentiert, die darauf abzielen, die eigene Einflusssphäre auszudehnen und Gebietsgewinne zu erzielen.
PI behauptet des Weiteren, dass zwei Mitglieder der Hilfsorganisation Temporary International Presence of Hebron (TIPH) von Palästinensern ermordet worden seien – von diesem sensationellen “Ermittlungserfolg” weiß anscheinend nicht einmal die TIPH selbst, von PI wurden für diese Behauptung selbstverständlich keine Belege angeführt. Die Krönung aber setzt dem Ganzen der abschließende Satz auf, in dem Hebron als
wohl arabischste Stadt auf israelischem Territorium
bezeichnet wird. Solange es so etwas wie international verbindliche Rechtskonventionen noch gibt, wird Hebron hoffentlich niemals als israelischem Territorium zugehörig betrachtet werden. Hebron gehört zur Westbank und die ist sowohl im Teilungsvertrag von 1947 als auch im Oslo-vertrag 1993 als palästinensisches Gebiet deklariert.
Und Hebron vor dem Hintergrund der israelischen Besatzung und dem immer kleiner werdenden palästinensischen Territorium und immer raumgreifenderen israelischen Siedlungen voller zionistischer Inbrunst als
ein riesiges Aquarium voller Haifische, das von der Welt für einen winzigen Goldfischteich gehalten wird.
zu bezeichnen, entlarvt das Traktat dann vollends als antiarabische Hetzschrift, bar jeglicher Verankerung auf dem Boden der Tatsachen.
Ich hatte ja damit gerechnet, dass meine kleine Kolumne früher oder später entdeckt würde. Womit ich allerdings nicht gerechnet hätte, das ist die gefühlte Gefahr und das Ausmaß der Verägerung, die “Standardisierte Inkorrektness” bei vielen der Kommentatoren dort ausgelöst hat. Anscheinend begreift man dort selbst die sachlichste Kritik (und ich habe mir doch wirklich Mühe gegeben, die Methoden von PI & Konsorten ausschließlich anhand tatsächlich nachvollziehbarer, sachlicher Beweisführung zu entlarven) als Majestätsbeleidigung und Angriff auf die gesamte Bewegung.
Wie sehr die gackernden Islamophoben tatsächlich aufgescheucht wurden, zeigen sowohl die Kommentare in meinem eigenen Blog, etwa die von JSF, Tassilo oder vielen, die es aufgrund gefakter email-Adressen oder zu offensichtlich anfeindender Wortwahl gar nicht erst zur Veröffentlichung schafften, aber auch jene bei PI selbst.
So wird etwa Tassilochen nicht müde, den Entenhaufen auf PI unermüdlich auf mein Blog hinzuweisen und seinen pathologischen Verfolgungswahn auszuleben, indem er mich mit irgendwelchen ominösen Pseudonymen in Verbindung bringt – vermutlich Leute, die ihn aufgrund ihrer stringenten Argumentation schon früher mal zur Weisglut brachten:
Tassilofrankfurt (23. Jul 2010 09:46)
Wenn ihr ein “dümmlich faschistoides entenvieh mit holzkopf” sehen wollt…
Schaut euch bitte die Reakion von Jane alias Margot H. usw. (Blog Art und Wiese) auf Kommentare von Pi Lesern an.
http://djane.momocat.de/
Geht auf deren Startseite runter zu den Kommentaren.
Kommentare im Pi Artikel unter
Shopping Paradies, armes ausgehungertes Gaza
20 juli 2010
So steht es in beinahe jedem PI-Forum geschrieben.
Jaja, so ist’s recht, meine lieben PI-ler, kommt nur alle schön auf meine Seite und lest! Lest, bis ihr so etwas wie Vernunft entwickelt. Put, put, put…
Tatsächlich habe ich seit Tagen Besucherquoten, die alles sprengen, was hier jemals stattgefunden hat – zwischen 1000 und 1600 Besucher finden momentan am Tag den Weg hierher. So muss das.
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