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 Ein Licht für das Dunkel der Vergangenheit. Foto: Heike Richter Es ist noch immer ein seltsames Gefühl. Für jemanden, der die Zeit der sowjetischen Besatzung zwar nur als Kind, sehr wohl aber bewusst miterlebt hat, die Einschränkungen gespürt hat, die diese für die Menschen in Dresden mit sich brachte, und auch die fremde Kultur der Härte und des Misstrauens – für den wird es wohl immer ein leichtes Prickeln im Nacken mit sich bringen, wenn er auf einem sowjetischen Friedhof steht und der dort begrabenen Toten gedenkt, die während genau dieser Zeit ums Leben kamen. Dennoch ist die Auseinandersetzung mit dieser Zeit, mit diesen Menschen, für mich zu einer Art Lebensaufgabe geworden, stellt sie doch nicht zuletzt auch eine Brücke in meine ganz persönliche Vergangenheit dar. Der Sowjetische Garnisonfriedhof ist somit kein Ort des Todes, sondern von Geschichte, wie sie lebendiger nicht sein könnte.
Und je länger man sich mit dieser vielmals nur als eine finstere Zeit der Unfreiheit, der Scham und der Ohnmacht empfundenen, 50 Jahre währenden Epoche auseinandersetzt, desto mehr staunt man darüber, wie sie zunehmend an Finsternis verliert, im Lichte wiederkehrender Erinnerung. Es sind da eben nicht mehr nur die diffusen Wahrnehmungen “der Russen” als restriktive Ordnungsmacht, sondern die Ordnungsmacht bekommt Gesichter, Namen, die irgendwann wieder aus den Tiefen des Gedächtnisses auftauchen, bis hin zu einzelnen Worten, einem Lächeln, einem Geschenk, die man längst vergessen hatte. Wo vor Jahren noch ein Loch klaffte, eine verstörende Lücke in der eigenen Biografie, die entstand, als nach der Wende alles das, was zuvor war, mit Schamhaftigkeit, Schwäche und Rückständigkeit assoziiert wurde, findet die Vergangenheit endlich einen würdigen Platz – in der Erinnerung, und auch im täglichen Tun und Streben, ohne dass sie dabei den Ton angäbe.
Es nützt nichts, die Vergangenheit ausblenden, sie vergessen zu wollen, nur weil sie schwere Zeiten parat hielt. Die Zeiten waren für die vielen jungen Soldaten, die heute auf dem Nordflügel des Garnisonfriedhofes begraben liegen, keinesfalls weniger schwer als für uns. Diese Erkenntnis erfordert Überwindung, aber sie ist notwendig. Sie gibt den Menschen jenes Stück Würde zurück, das ihnen damals genommen wurde. Auch sie waren nicht frei. Wie wir.
Dresden, deine Sowjetarmisten. Es wäre ein Neuanfang in der Dresdner Gedenkkultur. Einen ersten Schritt dahin wagt der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge mit seiner Gedenkveranstaltung, die am 23. Februar bereits zum zweiten Mal stattfand.  Von rechts: Stadtrat Torsten Schulze (Grüne), Stadtrat Martin Bertram (SPD, 3. v. rechts). Foto: Heike Richter 35 Gäste aus Politik, Vereinsleben und Gesellschaft waren anwesend, darunter die Vizepräsidentin des sächsischen Landtages, der Kommandeur der Offizierschule der Bundeswehr, eine Vertretung des kasachischen Honorarkonsulates und ein russischer Weltkriegsveteran, dessen ganzes Streben der Aussöhnung zwischen Deutschen und Russen gilt. Erinnerungen an sowjetische Soldaten hat jeder von ihnen. Und selbst die, die sie nicht haben, wissen den Wert von Zeitzeugnissen, die ihnen Zugang zu unserer Vergangenheit verschaffen, umso mehr zu schätzen.  Viktor Maximow kämpfte im Zweiten Weltkrieg als Offizier in Reihen der Roten Armee gegen die Deutschen. Seit vielen Jahren setzt er sich für eine Aussöhnung zwischen beiden Völkern ein und hilft mit deutscher Unterstützung Kriegsveteranen in Russland.
Und so bewegte es alle Anwesenden besonders, als der 89-jährige Viktor Maximow, der selbst noch als Offizier im Zweiten Weltkrieg gegen die Deutschen kämpfte und später in einem Buch beschrieb, wie das anfängliche Gefühl des Hasses immer mehr dem Wunsch nach Versöhnung und Vergebung wich, spontan das Wort ergriff und dem anwesenden Kommandeur der Offizierschule der Bundeswehr, Brigadegeneral Jürgen Weigt, für sein Engagement für den Erhalt des Nordflügels dankte.
Der 23. Februar – ein Tag, an dem auf dem Sowjetischen Garnisonfriedhof viele Jahrzehnte lang der Gründung der Roten Armee im Jahr 1918 gedacht wurde. Nun wollen wir diese Tradition keinesfalls fortführen.  Blumen für die Toten - und die Hoffnung auf einen respektvolleren Umgang mit den Zeugnissen unserer Vergangenheit. Im Vordergrund: Alevtina Böttner, Honorarkonsulat der Republik Kasachstan. Die Helden der Oktoberrevolution, des Bürgerkrieges in der jungen Sowjetunion – es sind nicht unsere Helden. Und doch bildet der 23. Februar einen wichtigen Anknüpfungspunkt für die Menschen hier, die lange Zeit mit der Sowjetarmee Tür an Tür lebten. Hier kann es kein starres, rückwärtsgewandtes Gedenken geben, das an alten sowjetischen Traditionen orientiert. Nicht, wenn das Ziel sein soll, die zukünftigen Generationen für 50 Jahre sowjetische Präsenz in Dresden zu interessieren, die all dies nie selbst erlebt haben. Hier muss ein Gedenken stattfinden, das mehr einem geöffneten Fenster in die Vergangenheit gleicht, das gleichzeitig erklärt, in Beziehung setzt, Indentifikation stiftet.
Nichts stiftet wiederum mehr Identifikation als das Übertragen persönlicher Verantwortung. Verantwortung beispielsweise für den Erhalt wichtiger Zeitdokumente, die über jene Tage Zeugnis ablegen. Und deshalb ist der 23. Februar für den Volksbund und damit den Freundeskreis Sowjetischer Garnisonfriedhof auch klar mit dem Auftrag an Politik und Gesellschaft verknüpft, sich ihrer Verantwortung für die folgenden Generationen bewusst zu werden und auch die Zeitzeugnisse der Besatzungsjahre nicht wirtschaftlichen Planspielen zu opfern. Damit auch in vielen Jahren noch Angehörige der Toten einen Ort zum Trauern und die Dresdner einen Ort haben, an dem sie sich erinnern oder Geschichte hautnah erleben können. In seiner Gedenkrede hätte es der sächsische Volksbund-Landesvize Holger Hase besser nicht auf den Punkt bringen können als mit dem berühmten Zitat Charles de Gaulles: “Die Kultur eines Volkes erkennt man an seinem Umgang mit den Toten.”  Der stellvertretende Vorsitzende des Landesverbandes Sachsen des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge fand deutliche Worte zur geplanten Zerstörung des Nordflügels des Sowjetischen Garnisonfriedhofes.  Die Dresdner Rathauspfeifer und ein Ensemble des Chores der russisch-orthodoxen Gemeinde zu Dresden setzten im gemeinsamen Rahmenprogramm russische und deutsche Akzente.
Fotos 3-6: Jane Jannke
Großteils friedlich, so titelte die Dresdner Medienlandschaft fast einhellig, sei der diesjährige 13. Februar zu Ende gegangen. Ein saftiger Euphemismus, sage ich als Medienvertreterin, die direkt mittendrin war. Drei Stunden lang war ich zwischen Hauptbahnhof, Lennéplatz und Parkstraße unterwegs, jenem Quadranten, in dem sich die Konfrontation zwischen aufmarschierenden Nazis und protestierenden Antifaschisten hauptsächlich abspielte.
Zwei Stunden davon stand ich mit vielen anderen Pressevertretern in der Pufferzone, die die Polizei mittels menschlicher Absperrungen zwischen eine Gruppe von etwa 270 Nazis und von drei Seiten angreifenden Blockierern gehauen hatte. Von hier aus hat man alles gut im Blick, wird aber gelegentlich auch zur Zielscheibe von Schneeball- und Flaschenwürfen. Auf der anderen Seite des gestoppten Nazimarsches eine weitere, noch größere Wand aus Blockierern. Die Nazis standen mittendrin und mussten sich zähneknirschend Schneeballattacken gefallen lassen, die von allen Seiten geflogen kamen. Ihre Kundgebung samt Fackel-Show und zynischen Tiraden Udo Pastörs hielten sie trotzdem ab – beschützt von Polizeibeamten, die diesen Belagerungszustand über Stunden nicht aufzulösen in der Lage waren. Zum Dank mussten sich die Beamten Hohn von Nazis und Blockierern gleichermaßen gefallen lassen. Obgleich das Recht auf ihrer Seite stehe, sorge die Polizei nicht dafür, dieses Recht durchzusetzen, ätzte Pastörs über sein Megafon. Und der Witz an der ganzen Sache: Er hatte damit noch nicht mal Unrecht. Derweil schlugen “Antifaschisten” im Schutz der Dunkelheit mit Zaunlatten auf Polizeibeamte in Zivil ein und verletzten sie dabei schwer.
Wenn man so mitten unter den Demonstranten steht, beschleicht einen zusehends das Gefühl, dass es gar nicht darum geht, etwas gegen Rechts zu tun, zumindest vielen geht es nicht darum. Die Stimmung im Lager der Blockierer ist viel zu aufgekratzt, ja regelrecht ausgelassen. “Nazis aufs Maul hauen”, “Nazis erschießen”, die Hassgesänge werden immer expliziter. Neben den Skandeuren stehen feixende Mädels mit Rastas und unschuldiger Stupsnase, die man eigentlich eher an der nächsten Veggie-Bude oder beim Kampfhäkeln vermutet hätte. Die Stimmung ist zu ausgelassen, um der behaupteten Ernsthaftigkeit des Anlasses gerecht zu werden. Und sie ist bisweilen klar aggressiv. Böller krachen, Gesänge werden angestimmt, die an Choreos in Fußballstadien erinnern: “Ihr könnt nach Haaaause fahrn, ihr könnt nach Haaause fahrn…” tönt es am Hauptbahnhof aus vielen Kehlen in einem so perfekten Kanon, als hätte man einige Routine darin. Kein Zweifel, wer da “demonstriert”. Die gleichen Typen in schwarzen Kapu-Sweats und Picaldi-Hosen kennt man auch von früheren eskalierten BRNs, die Gesänge auch.
Ich klettere auf ein Geländer, um weithin über die tobende Menge fotografieren zu können. Als ich wieder runtersteige, bauen sich plötzlich vor mir fünf junge Männer auf, die Kapuzen tief ins Gesicht gezogen. Sie umringen mich und schnauzen mich rüde an. Was ich mir erlaube, hier den Leuten ins Gesicht zu fotografieren. Eine Demo sei das hier, und ob ich die Demonstranten an die Bullen verraten wolle. Ich schaue in die aggressiven Gesichter, die feindseligen Augen. Meinen Job sollen sie mich hier machen lassen, ich sei von der Presse, antworte ich ihnen. Doch mit Pressefreiheit kann man die Meute wenig beeindrucken. Die Stimmung lädt sich weiter auf. Angriffslustig umschleicht und beschimpft man mich. Ich versuche zu entkommen, aber man lässt mich nicht. Einer greift nach meiner Kamera, will sie mir vom Hals zerren. “Zeig doch deinen Presseausweis, wenn du einen hast”, grölt mich ein anderer an und kommt mit seinem Gesicht dabei ganz dicht vor meines. Später sagt man mir, dass sie so an meinen Namen kommen wollten.
Ich kann schließlich im Chaos der Menschenmenge doch entrinnen. Um mich herum hatten in diesen drei-vier Minuten Hunderte Leute gestanden. Leute, die jederzeit in eine Kamera sagen würden, dass sie Gewalt bei Blockaden ablehnen. Geholfen hat mir niemand. Und nächstes Jahr werden sie wieder feiernd und singend neben diesen Leuten stehen, überzeugt davon, sich für Demokratie einzusetzen. Keine zehn Meter entfernt standen Polizeibeamte, die – hoffnungslos überfordert – nicht mal hätten einschreiten können, wenn sie diese Szene mitbekommen hätten. Blockieren, das haben mich die drei Stunden gelehrt, ist eine Riesen-Party, ein Happening ohne Gleichen, bei dem sonst gut kontrollierte Triebe und Neigungen kollektiv ausgelebt werden. Hier, in der schützenden, großen Masse, kann man die Sau rauslassen, randalieren, demolieren, toben und auch schon mal überschüssige Energie an vermeintlichen Feinden abarbeiten. Ob das Nazis, Polizisten oder Journalisten sind, ist letztlich egal. Und die Pace dazu gibt coole Mugge vor, die aus Lautis dudelt.
Alles Hoffen hat nichts genützt. Ich kann mich um das alljährliche Schmierentheater, an dem sich alle politischen Lager von ganz weit rechts bis ganz weit links gleichermaßen beteiligen, einfach nicht herumdrücken. Dabei ist schon jetzt ein Punkt erreicht, dass ich bald nicht mehr weiß, wie ich mich weiter möglichst unauffällig fremdschämen soll.
Das Bündnis Dresden-Nazifrei, das nicht mehr als ein Zweckbündnis ist, in dem sich ein aufrichtiger Kern insgeheim dafür schämt, dass die große Masse, die dieses Bündnis eigentlich trägt, ein radikaler Haufen ist, der jedwede Verbindlichkeit in Sachen Gewaltfreiheit ablehnt, darf nicht öffentlich trainieren, wie man eine genehmigte Demonstration aufmischt, wie man Polizeiketten “durchfließt”. Für Dresden-Nazifrei ein eindeutiges Zeichen für anprangerungswürdige “sächsische Verhältnisse”. Und während Eva Jähnigen von den Grünen auf dem Altmarkt noch “Demokratie” forderte, ist wahrscheinlich keinem der rund 60 Demonstranten bewusst gewesen, dass man selbst – wenn auch unter allzu löblichen und nachvollziehbaren Vorzeichen – der guten alten Demokratie einen kräftigen Tritt in den Hintern zu versetzen im Begriff ist.
Demokratie, liebe Blockierer, bedeutet nach Voltaire oder auch Rosa Luxemburg, seine Hände für die Meinungsfreiheit ins Feuer zu legen, auch wenn einem die eine oder andere Meinung “zuwider ist”, den Andersdenkenden nicht allein deshalb zu verurteilen weil er anders denkt. Es bedeutet gerade nicht, lediglich seiner eigenen Meinung stets zu Geltung verhelfen zu wollen. Die Einschätzung, ob dieses “anders” nun gut oder schlecht ist, wird immer subjektiver Natur sein und kann deshalb in einem demokratischen Rechtsstaat nur dann erfolgen, wenn streng juristisch anhand der Verfassung argumentiert wird. Unsere Gesellschaft gründet sich auf Antipoden. Die Rechten mögen die Ausländer und die Juden nicht, die radikalen Juden mögen die Muslime und die radikalen Muslime abermals die Juden nicht. Die Linken mögen wiederum die Rechten nicht, während die Rechten die Linken nicht leiden können. Die Anarchisten möchten am liebsten den Staat ganz abschaffen und der Staat setzt sie dafür auf die Liste der Verfassungsfeinde. Und alle haben wir immer eine vermeintlich hieb- und stichfeste Begründung für unsere jeweiligen Vorbehalte auf Lager. Wenn alle versuchen würden, dem jeweiligen Feindbild die Grundrechte streitig zu machen, befänden wir uns im Bürgerkrieg.
Damit wir uns richtig verstehen: Wenn ein Nazi einen Migranten totschlägt, dann ist das ein widerwärtiges Verbrechen, das eines gerechten Urteils bedarf, dann ist das etwas, das man nicht tolerieren darf. Und unser demokratisches Recht gibt uns hier auch alle Möglichkeiten in die Hand, zu strafen und den Tätern ihre Rechte bis auf ein Mindestmaß zu entziehen. Wenn ein Nazi aber eine Demo anmeldet, bei der keine verfassungsfeindlichen Symbole oder Tiraden auftauchen und bei der auch niemand ermordet wird, dann ist das – so schwer es mir fällt, das zu sagen – sein gutes, demokratisch verbrieftes Recht, solange die NPD (und somit ihre politischen Ziele) nicht als verbrecherisch geächtet und entsprechend verboten worden sind. Allein: Rechte Gewalttaten wird weder ein Verbot der NPD noch ein Verbot von Nazi-Demos verhindern können.
Wenn ein Nazi aus Hass tötet, dann ist das genauso schlimm und widerwärtig wie jeder andere Mord, der aus Menschenverachtung heraus geschieht. Dennoch ist es ein Fehler, von solchen Einzeltätern auf die gesamte rechtsradikale Szene zu schließen, die in ihren Strukturen und Zielen ähnlich heterogen ist wie die radikallinke Szene, in der Ökos neben Stalinisten und Kommunisten neben Anarchisten stehen. Hier geht es nicht darum, ob am Ende tatsächlich Menschen sterben, oder nicht, weil sie vielleicht einfach nur Glück hatten. Es gibt in der radikallinken Szene ein ebensolches Gewaltpotenzial wie in der rechtsradikalen. Es gibt linke Gruppen, die Bomben- und Brandanschläge verüben und dabei billigend Menschenleben in Kauf nehmen, und es gibt rechte, die das Gleiche tun. Verbindendes Element zwischen beiden sind die Ideologie, die über allem steht, der Hass auf den Staat und das unbedingte Feindbild des jeweils anderen Lagers, das es rücksichtslos zu bekämpfen gilt.
Wollte man mit einem ähnlichen Argument Ehrenmorde verhindern oder ächten, müsste man als Nächstes Demos von Muslimen untersagen. Ist es das, was das Bündnis Dresden-Nazifrei fordert? Nein? Aber die Frage ist doch: Wo führt es hin? Wer garantiert denn bitte, dass es bei den Nazis bleibt? Merken die Protagonisten denn nicht, auf welch dünnes Eis man sich mit dieser Position begibt, demokratische Grundrechte nach politischer Ansicht bzw. Zugehörigkeit zu einer bestimmten missliebigen Gruppe aberkennen zu wollen? Demokratische Rechte nur für die, die sich so verhalten, wie es eine bestimmte politische Gruppe möchte? Oder wie es eine Mehrheit möchte? Das hatten 1933 schon mal. Es darf eben NICHT reichen, dass jemand nationalistisches Gedankengut hegt, um ihn zum Rechtlosen zu stempeln, auch dann nicht, wenn dieser Mensch anderen Menschen das Gleiche zugedenkt. Genau durch diese Einsicht nämlich unterscheide ich mich als wahrer Demokrat von ihm. Und ich bin FROH, dass wenigstens unsere Justiz sich an demokratische Grundsätze noch hält. Vor allem DAS ist für mich ein Beweis für ihre Wehrhaftigkeit. Wo mancher Politiker bereits der Verlockung erlegen ist, auf der Welle der Anti-Nazi-Proteste den Sympathieträger zu mimen und jegliche demokratische Verpflichtung über Bord zu werfen, steht wenigstens die Justiz noch fest auf demokratischem Boden.
Als ausgesprochen weit links angesiedelte Demokratiegläubige schäme ich mich regelrecht für Politiker wie Eva Jähnigen oder Margot Gaitzsch und all die vielen anderen, die sich Jahr für Jahr neben autonomen Gewaltfanatikern und radikalen Linksaußen wie Marxisten/Leninisten und sogar Stalinisten in ein Bündnis einreihen, das Demokratie lediglich als schlagkräftiges “Argument” auf Protestplakaten schätzt, die im gleichen Atemzug nach Exklusivrechten schreien. Ein Widerspruch, der maßgeblich dafür verwantwortlich ist, dass insbesondere die Linke für mich trotz meiner geistigen Nähe zu einer Vielzahl ihrer politischen Positionen nicht wählbar ist. Demokratie darf insbesondere bei unserer Geschichte nicht zum Kraftwort verkommen, das man rauskramt, wenn es einem passt, und das unbequem wird, wenn es nicht darum geht, zu profitieren, sondern zu tolerieren. Es gibt eben leider nicht nur eine Partei, die damit anscheinend Schwierigkeiten hat.
Es gibt ihn noch, den Nordflügel des Sowjetischen Garnisonfriedhofes. 30 Monate, nachdem das Sächsische Immobilien- und Baumanagement (SIB) damals noch gemeinschaftlich mit dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge in Gestalt seines damaligen sächsischen Landesgeschäftsführers Klaus Leroff erstmals mit Vertretern des Sozialministeriums Pläne diskutierte, die die Einebnung der 605 Gräber aus der sowjetischen Besatzungszeit vorsehen, sind sie immer noch da. Auch wenn nach wie vor jeden Tag die Bagger anrücken können – für die Menschen, die sich für seinen Erhalt einsetzen, ist die Tatsache, dass dies bislang abgewendet werden konnte, jeden Tag aufs Neue ein Erfolg.

Zwei Jahre Kampf um eines der wenigen noch erhaltenen Zeitzeugnisse aus jenen 45 Jahren Dresdner Geschichte liegen hinter uns. Galten die Leroff-Pläne, die neben der Einebnung der Gräber zugunsten einer pflegeleichten Grünfläche auch die Errichtung eines zentralen Gedenkbereiches sowie eines Wildschutzzaunes vorsehen, zum Jahresende 2010 noch als das Nonplusultra würdevoller Gedenkkultur für den Nordflügel, ist das SIB mit seinen Plänen heute weitgehend isoliert. Nicht nur hat der damals noch verbündete Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge mittlerweile seine Position in der Causa Nordflügel grundlegend verändert. Sowohl der Stadtverband Dresden als auch der sächsische Landesverband haben sich von den Leroff-Plänen distanziert und setzen sich für den Erhalt der Anlage in ihrem historischen Zustand ein. Von Ex-Landesgeschäftsführer Klaus Leroff, der – wie sich herausstellte – weitgehend eigenmächtig seine Pläne vorangetrieben hatte, trennte man sich zu Jahresbeginn 2012.
Auch immer mehr Bürgerinnen und Bürger sowie Vereine und Denkmalschützer lehnen die Zerstörung der denkmalgeschützten Friedhofssubstanz ab. Und nicht zuletzt Moskau verweigert dem SIB nach wie vor seine Zustimmung zu den Umgestaltungplänen – auch dank der unzähligen Bittschreiben, die mittlerweile aus Dresden und Russland im Kreml eingingen. In der Heeresoffizierschule haben wir zudem einen einflussreichen, zuverlässigen Partner gefunden, der uns bei der Pflege der Anlage unterstützt – und somit mithilft, dass wir unser Angebot an den Freistaat, ihm ehrenamtlich dabei unter die Arme zu greifen, einlösen können.
Auch wenn es manchmal haarsträubend auf dem Nordflügel aussieht, weil Gras und Unkraut sprießen oder die Wildsau mal wieder ihren Weg durch den notdürftig geflickten Maschendrahtzaun gefunden hat – das ist es allemal wert. Denn wenigstens haben so Angehörige nach wie vor einen Ort, wo sie einen Grabstein mit dem Namen ihres Lieben vorfinden und unter dem sie diesen auch ganz sicher wissen. Und Besucher können sinnend an jener Stelle stehen, an der noch heute acht Gräber davon zeugen, dass im Juni 1954 acht junge Männer innerhalb weniger Tage ihr Leben verloren, fünf davon allein an einem Tag. Dank der noch vorhandenen Grabsteine und der davon ablesbaren Daten können wir mit ziemlicher Sicherheit deuten, dass sie bei einer Tragödie während eines Frühjahrsmanövers oder einem andersartigen Unfall ums Leben kamen. DAS ist gelebte Geschichte, gelebte deutsch-russische Verständigung! Da verzichtet man gern auf einen Zaun, lieber Herr Wagner. Und genau deshalb werden wir nicht aufgeben – aus Verantwortung für die nachwachsenden Generationen. Jemand muss sie ja übernehmen, wenn es der Freistaat nicht tut. Unser Ziel lautet: Zaun und Instandsetzung ja, aber keine Zerstörung und Entweihung des Friedhofes für mehr als 300.000 Euro Steuergeld, um 4000 Euro Pflegeersparnis im Jahr zu erreichen!
Übrigens: In Zusammenarbeit mit dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, in dessen Dresdner Stadtverband der Freundeskreis Sowjetischer Garnisonfriedhof seit Jahresbeginn als eigenständige Arbeitsgruppe integriert ist, bietet dieser künftig Führungen über den Nordflügel an. Dabei gibt es nicht nur Wissenswertes über die Geschichte des Friedhofes und den Einsatz für den Nordflügel zu erfahren. Dank intensiver Forschungsarbeiten lassen wir für die Gäste etwa die letzten Tage des 2. Weltkrieges in Dresden aufleben, in denen viele der auf dem Friedhof beerdigten Menschen ihr Leben verloren, oder geben Einblicke in den Alltag hinter den Kasernenmauern der sowjetischen Armee während der Besatzungszeit. Hinter vielen Grabmalen und Gedenksteinen warten spannende Geschichten, die erzählt werden wollen – traurige und erschütternde, anrührende und spannende. Und wir freuen uns auf die Geschichten der Gäste, mit denen wir uns gemeinsam erinnern wollen, daran, wie sie diese Zeit erlebten, als Mauern und Stacheldrähte im Dresdner Norden noch so nah waren, dass man ihnen kaum aus dem Weg gehen konnte.
Sie lagen einfach da, mitten in einem kahlen, mit Müll und Tierkot verschmutzen Raum in einem vor sich hinrottenden, seit 20 Jahren leer stehenden ehemaligen Kasernengebäude in Königsbrück. Erst traute ich meinen Augen kaum. Schon eine gute halbe Stunde war ich in dem bis 1993 von der Sowjetarmee genutzten Gebäude herumgestiegen, um Fotos zu machen und nach Spuren und Hinterlassenschaften zu suchen, die es wert waren, dokumentiert zu werden. Gefunden hatte ich neben einigen alten Zeitungen bis dato nichts Weltbewegendes. Und fast hätte ich sie übersehen, wenn da nicht die Akuratesse eines säuberlich aufgeschichteten Häufchens Papier gewesen wäre, das mitten im Raum auf dem Fußboden lag und sich irgendwie abhob vom chaotischen Rest aus Büchsen, zerfledderten Tapeten und Glassplittern. Fast sah es aus, als hätte gerade erst jemand den Stapel dort hingelegt – und dann vergessen, ihn wieder mitzunehmen.
 Mehrseitige Krankenakte eines sowjetischen Soldaten. Format: DIN A4. Zeit: Februar 1991.  Mehrseitige Krankenakte eines sowjetischen Soldaten. Format: DIN A4. Zeit: Februar 1991.
Als ich näher ging, um nachzusehen, um was es sich handelte, traute ich meinen Augen kaum. Vor mir lag ein Stapel von mehr als einem Dutzend Krankenakten ehemals hier stationierter sowjetischer Soldaten, einige “Medizinskaja Knijkas” – vergleichbar mit dem SV-Ausweis der DDR – sowie eine Ansichtskarte.
Die Akten stammten ausschießlich von jungen Wehrpflichtigen, die zwischen 1990 und 1992 im 44. Panzerregiment “Suche Bator” dienten. Darin: ausführliche Dokumentationen von Krankengeschichten, von den persönlichen Daten wie Namen, Geburtsdatum, Heimatanschrift, Dienstgrad, Einheit und Zeitpunkt der Einberufung über den Zeitpunkt und den Grund der Einlieferung ins Lazarett bis hin zu Form und Dauer der Behandlung, samt Fieberkurven und Vermerken über Operationen, und Zeitpunkt der Entlassung. Jeder, der des Russischen mächtig ist, konnte sich 20 Jahre nach der hoffentlich glücklichen Heimkehr der jungen Patienten in ihre Heimat über deren Leidensweg im Königsbrücker Lazarett belesen, das sich sehr wahrscheinlich einst in jenem Gebäude befunden hat. Laut Akten ging das zweifelhafte Abenteuer Lazarett trotz bisweilen ernsthafter Erkrankungen für diese Patienten glimpflich aus, sie alle wurden als “gesund” in ihre Einheiten entlassen, nach bis zu dreiwöchigen Klinikaufenthalten. Wohl kaum einer von ihnen dürfte geahnt haben, dass intimste Details seiner Krankengeschichte jahrelang für jedermann frei zugänglich in einem Abrisshaus in Deutschland vor sich hinmodern würden.
 "Medizinskaja" Knijka" von A. M. Mischin von 1990.  "Medizinskaja Knijka" mit Röntgenaufnahmen von W. Nigmatow - 1987.
Die Medizinskaja Knijkas wiederum datieren teilweise zurück bis ins Jahr 1987. Offensichtlich wurde damals für jeden Soldaten ein solches kleines Heftchen angelegt und penibel geführt. Zwar gab es industriell gefertigte Standardausführungen dieser Hefte, jedoch wurden sie augenscheinlich auch mangels Vorrätigkeit provisorisch per Hand angelegt. In Tapete eingeschlagen und mit Papier aus einem Schreibblock zusammengeschustert, wurden die maschinellen Vordrucke einfach per Hand nachgearbeitet. Wahrscheinlich ist, dass diese Hefte in einer Art Kartei zentral im Lazarett gelagert wurden, die Soldaten sie also nicht bei sich trugen. In diesen kleinen Heftchen wurden die persönlichen Daten des Soldaten sowie sämtliche Untersuchungen und Arztbesuche, aber auch medizinische Behandlungen, so sie denn nötig wurden, vermerkt.
Daraus geht unter anderem hervor, dass auch in der Sowjetarmee jeder Wehrpflichtige in turnusmäßigen Abständen Gesundheitschecks unterzogen wurde – vom Zahn- über den Augenarzt bis hin zum Internisten und zum Psychologen. auch regelmäßige Röntgenaufnahmen des Torax waren an der Tagesordnung – die Aufnahmen liegen in den meisten Fällen den Heftchen nach wie vor bei, fein säuberlich in einem kleinen, handgefertigten Umschlag verwahrt, der in das Heft geklebt wurde. Und so dürfte sich der ehemalige Soldat A. Mischin vermutlich sehr wundern, wenn er wüsste, dass irgendwo im beschaulichen Dresden gerade eine junge Frau die Innenansicht seines Brustkorbes studiert.
Etwas aus dem Rahmen schlägt die Ansichtskarte, die ganz oben auf dem Haufen lag. Mit bunten Bildchen wollten da Vera, Nadjezhda und Ljubow aus dem südrussischen Tuapse im Januar 1992 Sergej M. zum Neuen Jahr beglückwünschen, der ebenfalls in Einheit Nr. 34998 in Königsbrück diente. Erreichte sie ihn jemals? Und wenn ja, warum ließ er sie mit einem Stapel Krankenakten zurück? Wer war Sergej M.? Arbeitete er im Lazarett? War er ein Patient? Fragen über Fragen…  Neujahrsgrüße für Serjoschenka - Januar 1992.  Neujahrsgrüße für Serjoschenka - Januar 1992.
Fragen stellen sich überhaupt jede Menge. Wie konnte es sein, dass medizinische Akten, zumal aus dem militärischen Hochsicherheitsbereich, die eigentlich besonderen Schutzmechanismen unterliegen müssten, einfach in einem verlassenen Haus zurückgelassen wurden? Wenn man weiß, wie penibel noch heute Dokumente und Akten aus der Zeit der Besatzung im russischen Militärarchiv von Podolsk gehütet werden, wie schwer es für Historiker oder Journalisten ist, an solches Material zu gelangen, staunt man umso mehr über solch einen Fund: War es bloße Nachlässigkeit in den Wirren eines überstürzten Abzuges? Hielt man diese Dokumente tatsächlich für unwichtig und somit vernachlässigbar? Oder steckt doch mehr dahinter? Warum ausgerechnet DIESE Akten? Es besteht anscheinend weder eine alphabetische Sortierung noch eine nach Diagnosen. Allenfalls der Zeitraum (alle lagen zwischen Anfang Februar und Mitte März 1991 im Lazarett) bietet eine Gemeinsamkeit.
Für die Forschung ist ihr Auffinden allemal einer von mittlerweile selten gewordenen Glücksmomenten. Alle Dokumente wurden gesichert und befinden sich in meiner Obhut.
In Syrien tobt Krieg. Es ist ein Bürgerkrieg, das heißt zunächst mal, dass im Land darüber, wie der politische Weg der Nation künftig aussehen sollte, grundverschiedene Vorstellungen herrschen. Es heißt aber auch, dass sowohl die Regierung Assad als auch die, die diese gerne beseitigt sähen, entschlossen sind, ihre Interessen mit Waffengewalt durchzusetzen. Eigentlich kein guter Zeitpunkt, um von “glücklichen Syrern” zu sprechen, wie in der Überschrift geschehen. Und doch: Bei aller Kriegsnot haben die Syrer Glück im Unglück, denn ihr Leiden unter den derzeitigen untragbaren Zuständen stößt – anders als das Leid vieler anderer Menschen in den Krisen- und Kriegsgebieten dieser Welt – auf rege Anteilnahme in der westlichen Welt.
Kein Tag, an dem die Medien nicht von den jüngsten Entwicklungen in Syrien berichten, jeder, den es interessiert, weiß um die neuerlichen Scharmützel, wann und wo es wieder gekracht hat und sogar live-Mitschnitte vom Kriegsgeschehen geistern durch News-Sendungen und das Internet.
Was man auch weiß – oder zumindest wissen sollte – ist, dass es in diesem Konflikt ein klares Rollenschema gibt: Die Regierungstruppen um Bashir al-Assad, das sind “die Bösen”. Sie schicken ihre Panzer gegen das eigene Volk aus und bombardieren Großstädte wie Damaskus. Manchmal “weiß” man auch schon Dinge, die man eigentlich noch gar nicht wissen kann: z.B., dass Assad sogar Chemiewaffen gegen das eigene Volk einsetzt, so wie man das damals auch im Irak “wusste”. Das Unheil hatte damals sogar einen Namen: “Chemical Ali”. Dass man eigentlich gar nichts wusste, hat man dann erst Jahre später zugegeben, als man längst aus dem Irak abgezogen war und ein völlig kaputtes Land zurückgelassen hatte, das noch heute an den Folgen zu nagen hat.
Heute weiß man aber viel mehr als damals. Zum Beispiel, dass die syrischen Rebellen “die Guten” sind. Aha. Was man allerdings nicht weiß, ist, wer diese Rebellen eigentlich sind, was sie wollen, wer sie finanziert – also so ziemlich all das, was etwa bei anderen Rebellen wie zum Beispiel der Hamas, Hisbollah oder auch beim Iran immer ganz oben auf der Liste dessen steht, was man wissen muss. Aber das ist im Fall Syrien nicht so wichtig. Wichtig ist nur, dass die Rebellen gegen Assad sind. Darum sind sie “gut”. Warum das wichtig ist? Weil der Westen gegen Assad ist, nur deshalb. Deshalb wird Herr Assad in Fernseh-Interviews auch immer mit Narrenstimme und voller Zynismus synchronisiert, wenn er dem Westen mal wieder vorwirft, er finanziere die Rebellen und somit den Bürgerkrieg im eigenen Land zu guten Teilen mit. Das passiert, damit auch jeder im Westen weiß, wie er solche Anwürfe zu bewerten hat.
Und weil das Rollenbild so klar ist, ist auch sonnenklar, dass man den Syrern helfen muss. Die armen Menschen (und das meine ich völlig ernst) müssen doch vor dem wild gewordenen Assad beschützt werden. So wie die Menschen in Ägypten und Libyen. Dass dort die lieben Rebellen von damals mittlerweile mittelalterliche Systeme aufzubauen im Begriff sind – wen interessiert das schon? Aber zurück zu den Syrern. Die müssen erst mal von Assad befreit werden. Warum eigentlich? Weil er autoritär regiert? Das tun ungefähr 150 andere Herrscher weltweit auch. Assads eigentlicher Fehler ist nicht so sehr, dass er versucht, sich gegen gewaltsame Umsturzversuche im eigenen Land ebenso gewaltsam zu verwahren. Assads Fehler ist, dass er traditionell gute Beziehungen zum Iran pflegt. Und als Opfer israelischer Erweiterungspolitik gilt Syrien als nicht gerade freundlich dem israelischen Staat gegenüber gesinnt. Die ursprünglich syrischen Golan-Höhen – ein fruchtbares Weinbaugebiet – sind übrigens noch heute in israelischem Besitz. Aber das muss natürlich keiner wissen.
Was passiert eigentlich derzeit tatsächlich in Syrien, und wie sähe die Reaktion etwa in Deutschland in einer vergleichbaren Situation aus? Man stelle sich folgendes Szenario vor: Tausende Menschen formieren sich mit Finanzhilfe aus dem Ausland zu einer schwer bewaffneten Rebellenarmee. Warum sie das tun sollten? Weil sie einen anderen Staat, ein anderes System wollen. Zum Beispiel, weil sie keine Bespitzelung durch Geheimdienste und Terrorabwehr mehr wollen, oder keine Herrschaft von Finanz und Wirtschaft, keine christlich geprägte Gesellschaft, was auch immer. Sie versuchen nun, die herrschenden Verhältnisse gewaltsam zu beseitigen – so wie das in Syrien geschieht. Wie würde die Bundesregierung wohl damit umgehen? Wenn Bomben im Kanzleramt explodieren oder Heckenschützen auf Regierungsbeamte schießen würden? Die Antwort darf sich jeder, der dazu imstande ist, selbst geben.
Assads Problem ist, dass aus Sicht des Westens Regierungen nur dann “Wehrhaftigkeit” gegen Zersetzungsversuche von innen demonstrieren dürfen, wenn sie dem Westen genehm sind. Aber eigentlich wird das erst zum Problem, weil der Westen meint, aktiv Partei für die Rebellen ergreifen und diese sowohl aktiv als auch seelisch und moralisch unterstützen zu müssen. Sanktionen gegen das Regime Assad wurden von der Uno verhängt, Propaganda flimmert über die Mattscheiben.
Dass Israel im Gaza-Blitzkrieg 2008/2009 chemische Kampfstoffe gegen Zivilisten einsetzte, hat den Westen nicht dazu bewegen können, Sanktionen gegen Israel zu ergreifen, auch als die USA im Irak Phosphor einsetzten und ein Kriegsverbrechen nach dem anderen begingen, war das völlig in Ordnung. Wieso? Die “Guten” dürfen das. Allenfalls gab es in diesen Fällen eine gepflegte, inhaltlich scharf kalkulierte Rüge. Auch dass Israel seit 40 Jahren an einem heimlichen Atomprogramm arbeitet – also an einer Massenvernichtungswaffe – ist kein Grund für den Westen, nach Sanktionen zu rufen. Ein autoritärer Herrscher aber, der sich gegen Umsturzversuche wehrt, das geht doch nun wirklich nicht. Zumal, wenn der in einem möglichen Angriff auf den Iran auch noch militärische Unterstützung leisten könnte. Jetzt ist er wenigstens voll beschäftigt. Ein Schelm, wer böses dabei denkt. Aber das braucht ja alles keiner zu wissen.
Soeben gefunden auf einem Dresdner Blog:
Mit einem mehr oder weniger – das zu beurteilen, überlasse ich dem Betrachter – gelungenen Werbegag hat der Spülmittelhersteller “Fit” versucht, auf der Welle des derzeit grassierenden Fußball-Hypes seine Umsätze zu pushen. “Spülführer” steht auf der ganz fußballtaumelig in Schwarz-Rot-Gold gehaltenen Flasche.

Woran denken Sie da als Erstes? Ich verbinde damit die Vereinnahmung des exponierten Spielführer-Postens im Fußball, also des Mannschaftskapitäns, um die eigene vermeintliche Spitzenposition zu illustrieren.
Im besagten Blog sah man das ein klein wenig anders. Dort kriegt Autor Tobias Strahl die Tür nicht zu. Warum? Der “Spülführer” wird dort nicht etwa mit Fußball in Verbindung gebracht (obgleich man den Zusammenhang sehr wohl erfasst hat). Nein, der Autor meint, in dem Wort, gepaart mit den abgebildeten Nationalfarben, national(sozial)istische Tendenzen zu erkennen. Und des Wahnsinns nicht genug werden gar “Aussteiger” aus der rechten Szene in der Fit’schen Marketing-Abteilung gewittert. Klar, passt ja auch so schön, weil Fußall doch bekannt dafür ist, ein Hort des Nationalismus zu sein. Millionen Deutsche, die lautstark “Deutschland! Deutschland! skandieren, das geht nun wirklich auf keine Kuhhaut. Und auch die Freunde kriegen ihr Fett weg – sie wagten doch tatsächlich, dem wilden assoziativen Ritt des Herrn Strahl mit Befremden zu begegnen! Für die behauptete Glosse wirkt der Duktus übrigens viel zu ernst und offen kritisch. Selbige verpackt die Kritik vielmehr geschickt in sarkastisch-pointierten Spitzen.
Lieber Tobias Strahl: Entspannen Sie mal wieder. Lehnen Sie sich zurück und gehen Sie mal mit Ihren Freunden zum nächsten Länderspiel. Nehmen Sie sich ein schwarz-rot-goldenes Fähnchen mit und genießen Sie die adrenalingeladene, fröhliche Stimmung eines Fußballspiels. Und vor allem: Lassen Sie sich mal von einem Fußballfan erklären, aus welchen Motiven heraus man so auf die Idee kommen kann, sich vom Taumel einer Europa- oder Weltmeisterschaft mitreißen zu lassen und die eigene Mannschaft anzufeuern – und das sogar, wenn man ein T-Shirt mit der Aufschrift “Kein Bock auf Nazis” (selbst gesehen) trägt.
Wer beim Anblick des Wörtchens “-führer” in beliebiger Zusammensetzung reflexartig an Adolf Hitler oder beim Anblick der Nationalfarben automatisch an Nationalismus denkt, sollte anfangen, sich Sorgen zu machen. Mir fallen dabei diese Typen ein, die zwanghaft an weibliche Geschlechtsteile denken, wenn die Rede auf Pflaumen fällt, oder ans Vögeln, wenn das klopfende Einbringen kleiner Metallstifte in Wände gemeint ist.
Manchmal gibt die Natur Rätsel auf. Das sogenannte Neue Lager bei Königsbrück ist solch ein Rätsel. Rund 50 Jahre lang war der 70 Quadratkilometer große Truppenstandort mit Übungsplatz westlich des 3000-Einwohner-Städtchens, rund 30 Kilometer nördlich von Dresden, nichts als ein halbtoter Acker: durchfurcht von Panzerketten und Geschosskratern, durchtränkt mit Kettenöl und Benzin, durchwirkt mit allen nur denkbaren Arten von scharfer Munition.
Bis heute sind großte Teile des Areals nur unter Gefahr für Leib und Leben zu betreten, überall entlang der wenigen gesicherten Wege starren einem die Warnschilder des Landkreises entgegen, die vor “kampfmittelbelastetem Gebiet” warnen.  Ein Schwanenpaar hat sich einen Teich inmitten des Truppenübungsplatzes als Domizil auserkoren. Ringsum verseuchtes Gebiet. In den letzten beiden Jahrzehnten nach dem Abzug der Truppen der 11. Gardepanzerdivision im Jahr 1992 hat sich Schorf auf den Wunden gebildet. Wo früher Ödland war, hat sich dichter Heidewuchs das Feld zurückerobert. Und an manchen Flecken zeichnet die zurückkehrende Natur schaurig-schöne Kontraste: Tümpel und Moraste wechseln sich mit staubtrockenem, sandigem Heideboden ab. Und auf einem solchen kleinen Tümpel, unweit des in den 80er-Jahren künstlich angelegten Freundschaftssees, schwamm neulich sogar unbekümmert ein einsames Schwanenpaar – ein Tupfen unschuldsweißen Ebenmaßes inmitten einer noch immer versehrt wirkenden Umgebung.
 Das ehemalige Offizierscasino im Neuen Lager mit gut erhaltener sowjetischer Siegesikone. Auf dem Gelände der ehemaligen Kasernen des 40. und 44. Gardepanzerregimentes der sowjetischen Armee an der Hoyerswerdaer Straße erinnern noch immer zahlreiche Gebäude an das militärische Leben einer Garnison, die nicht erst mit dem Einzug der Russen zu existieren begann. Es diente sowohl Truppen der kaiserlichen Armee als auch der Wehrmacht als Standort. Als Relikte vergangener Zeiten stehen sie in einer Umgebung, die längst nicht mehr aussieht wie ein Militärstandort, sondern so, als wäre hier schon immer dieser wahrhaftige Urwald aus dichtem Baum- und Strauchbewuchs gewesen: Überwuchert, vom Schwamm durchzogen – wie einer anderen Welt entsprungen.
 Ehemaliges Depot für Raketensprengköpfe der sowjetischen Armee in der Königsbrücker Heide.
Das ehemalige Militärgelände bei Königsbrück übt eine seltsame Anziehungskraft auf eine Vielzahl von Menschen aus. Als eine der ganz wenigen Plätze der Dresdner Region kann hier die Geschichte der Besatzungszeit noch beinahe hautnah nachempfunden werden. Hunderte Hobbyhistoriker und Abenteuerlustige zieht die geheimnisumwitterte Kulisse jährlich an, aber auch ehemals hier stationierte Soldaten, die es zurück an ihre alten Wirkungsstätten zieht. Länst sind die Ruinen bis auf den letzten Winkel durchstöbert, nur unter ortskundiger und militärerfahrener Führung gibt das Gelände noch das eine oder andere Geheimnis preis. Und dennoch: Der Kontrast zwischen wiedererstarkender Natur, die mit sattem Grün und vielfältigem Gestimm zu betören weiß, und den überall sichtbaren Altlasten der Geschichte erzeugt eine unbedingt außergewöhnliche Faszination, die diesen Ort einzigartig in der Dresdner Region macht. Wo sonst steht schon die Wanderhütte (übrigens ein ehemaliger Checkpoint) direkt neben dem Hochsicherheitsdepot für Atomraketen? Hier hatten bis vor 20 Jahren die 23. und 119. Raketenbrigade der Sowjetarmee ihr Refugium, die Hinterlassenschaften rosten hinter morschen Zäunen und Toren mit Sowjetstern vor sich hin und wirken unwirklich fremd zu Zeiten eines seit 70 Jahren währenden Friedens.
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Ein Mann schreibt ein israelkritisches Gedicht – und in Deutschland spannen sich die Stränge, die die ohnehin fragilen Wanden demokratischer Grundsätze bislang hielten, bedenklich. Pressefreiheit? Meinungsfreiheit? Kulturpluralismus? Wie es scheint nur, solange es nicht gegen die israelische Außenpolitik geht.
Erschreckendstes Zeugnis deutscher Scheinheiligkeit, was Demokratie und Pluralismus betrifft, ist wohl der Schulterschluss mit offen rechtsradikalen, rassistischen und radikal-prozionistischen Gruppierungen, der momentan quer durch die politische Landschaft und vor allem bei öffentlichen Vertretern des jüdischen Lebens in Deutschland zu beobachten ist. Ob sonst so geschätzte Köpfe aus Kunst und Kultur wie Marcel Reich-Ranicki oder die soeben noch Bundespräsidentschaftskandidatin Beate Klarsfeld und sogar der deutsche Außenminister Guido Westerwelle – alle reihen sie sich ein in einen Duktus, den man sonst in seiner ganzen Kompromisslosigkeit, Unduldsamkeit, Härte und somit Radikalität eigentlich nur von bedingungslos antiislamisch-proisraelischen Hetzplattformen wie Politically Incorrect kennt.
Die Betreiber des Portals, die sich offen volksverhetzend betätigen, wird’s freuen. Und vielleicht wird in der Debatte um Günter Grass’ Gedicht klarer denn je, warum diese Hetzpostille bislang völlig unbehelligt im Internet ihren Hass und ihre einseitig-verzerrenden Darstellungen, in denen Israel stets die Inkarnation des Guten und alle, die etwas gegen seine Politik sagen oder es gar wagen, sich dagegen als unmittelbar Betroffene aktiv zur Wehr zu setzen, das Böse verkörpern, verbreiten darf:
 Quelle: Politically Incorrect - "grassfuehrer".
Noch Fragen?
Dass eine Scheindemokratie wie Israel – mehr, muss man zum Leidwesen insbesondere der israelischen Bevölkerung sagen, ist es nicht -, in der rassistische Anschauungen und offen zur Schau gestellte Menschenverachtung zum politischen und gesellschaftlichen Alltag gehören, derart auf einen Angriff auf ihr ureigenes Selbstverständnis, zudem noch aus Deutschland, reagiert, war nicht anders zu erwarten. Die Erklärung Grass’ zur Persona Non Grata entspricht ähnlichen Reaktionen auf Widerstand und Kritik aus den eigenen Reihen wie etwa Schikanen gegen arabische Oppositionelle, Inhaftierung von Menschen wie Mordechai Vanunu über mehr als 25 Jahre, der 1986 Details über das israelische Atomprogramm an die Öffentlichkeit brachte oder Einreiseverbote für Israel-Kritiker wie Norman Finkelstein (“Holocaustindustrie”, “Palästina”). Norman Finkelstein ist wohlgemerkt Jude und hatte mit den Nazis nie etwas am Hut. Im Gegenteil, seine Eltern litten im Krakauer Getto und überlebten die Lager.
Hieran sieht man auch, dass die Art und Weise, wie Israel das Einreiseverbot für Grass begründet, rein populistischen Zwecken dient: Man erklärt Grass quasi rückwirkend zum Nazi, zum SS-Schergen – dabei wäre dies überhaupt nicht nötig gewesen, ein solches Verbot zu legitimieren. Verlieren kann dabei allenfalls einer: Israel. Die Reaktion ist an Populismus und politischer Unreife nicht zu überbieten – wie nicht zuletzt auch Leute aus den eigenen Reihen finden. Kritik daran gab es unter anderem von Haaretz-Journalist Gideon Levi und dem ehemaligen israelischen Botschafter in Deutschland, Avi Primor.
Wie bereits angesprochen: Von einem System wie dem derzeitigen israelischen kann man beinahe nichts anderes erwarten – allenfalls von mutigen Einzelpersonen des öffentlichen Lebens (und die gibt es!). Ein System, das die Zeit – mit kurzen Phasen des Tauwetters – seit mehr als 60 Jahren anhält, das sein Volk zwanghaft in der Vorstellung hält, es sei von blutrünstigen, mordlüsternen Feinden umgeben, die es – in Nazimanier – auslöschen wollten und seine gesamte Innen- und Außenpolitik auf dieser Vorstellung aufbaut, ist geradezu dazu verdammt, diesen Mythos vom allseits bedohten Opfer aufrechtzuerhalten, um sich selbst nicht die Daseinsberechtigung zu nehmen. Dass dazu immer wieder das außer Frage stehende jüdische Trauma des Nationalsozialismus bemüht wird, erklärt sich aus sich selbst heraus.
Von Deutschland aber, einer an sich zumindest im Vergleich zu Israel oder dem Iran relativ gefestigten Demokratie, hätte man anderes erwarten MÜSSEN. Man hätte erwarten können müssen, dass dieses Land zumindest die öffentliche Schmähung eines anerkannten Künstlers als Nazi und Antisemit klar verurteilt. Von Deutschland (und anderen Nationen auch) hätte man erwarten dürfen müssen, dass sie die israelische Maskerade nicht billigen. Leider wiegen politische Interessen schwerer, und deshalb bedient man sich des israelischen Opfermythos.
Das war schon immer so – wie unter anderem die zahllosen Waffengeschäfte mit Schurken und Despoten in der Vergangenheit zeigte. Sind wir oder ist Israel wirklich so viel besser als der Iran? Der Iran liefert Waffen an Hamas und das Regime in Syrien, wir liefern Waffen an Despoten wie Saddam Hussein, Mohammed El-Gaddafi und wer weiß sonst noch wen – nicht zuletzt an ein Land wie Israel, das damit seinen Status als drakonische Besatzungsmacht im Nahen Osten manifestiert und dadurch Zigtausende von Menschen in den vergangenen 50 Jahren tötete – um dann öffentlich bei Eskalationen eben diese Gewalteruptionen zu geißeln.
Noch Fragen?
Im Zuge des Sturms der Entrüstung um das israelikritische Gedicht des Schriftstellers Günter Grass (art und wIEse berichtete an anderer Stelle) sprießen derzeit sogenannte “Fakten-Checks” wie Pilze aus dem Boden, in denen man Grass’ Thesen einer vermeintlich redlichen Prüfung unterziehen will. Einige habe ich mir mal näher angeschaut – und kam teilweise aus dem Staunen nicht mehr raus.
Hier nun zunächst der Fakten-Check aus der Welt vom 4.4.12 von Clemens Wergin:
Alles Lüge?
Es muss vorangeschickt werden, dass dies ein absolutes Negativbeispiel ist. Nicht alle “Fakten-Checks”, die es in den letzten Tagen in diversen Presseorganen gab, liefen in einer derart unsachlichen Weise ab, dass es schon nahe an verleumderische Hetze grenzte.
Clemens Wergin hat sich alle Mühe gegeben, diesem Superlativ sehr nahe zu kommen. Dass dieser Weg offensichtlich das Ziel war, wird eigentlich schon im Vorspann des Artikels deutlich, in dem Wergin schreibt:
…Grass’ Gedicht wimmelt nur so von Verzerrungen, Halbwahrheiten und Lügen. Wie blind muss man sein, um derart an den tatsächlichen Gegebenheiten in der Region vorbeizuschreiben? [...]
Für Wergin steht bereits vor dem eigentlichen Check fest: Grass ist ein Lügner, der die Fakten nicht kennt. Ich selbst habe Politikwissenschaften studiert, aber nie Journalismus. Dennoch weiß ich, die heute wie Wergin als Journalistin arbeitet, dass Derartiges kein redlicher, sachlich-neutraler journalistischer Stil, sondern das genaue Gegenteil ist: Der Mensch, dessen Aussagen eigentlich ganz nüchtern untersucht werden sollten, wird hier vorverurteilt und an den Pranger gestellt. Und in diesem Stile fährt Wergin auch fort:
Tatsächlich sind nicht nur die Motive des Grass’schen Machwerks zweifelhaft.
Ein Journalist und Wissenschaftler, der die Motive eines Mannes kennen will, den er nie persönlich dazu befragt hat, den er nicht persönlich kennt? Ausgesprochen vermessen, um nicht zu sagen: überheblich. Und journalistisch ein Absturz ins Bodenlose.
Faktenverdrehung statt “Faktencheck”
In seiner ersten Strophe schrieb Grass:
“Es ist das behauptete Recht auf den Erstschlag, der das von einem Maulhelden unterjochte und zum organisierten Jubel gelenkte iranische Volk auslöschen könnte, weil in dessen Machtbereich der Bau einer Atombombe vermutet wird.”
Wergin hält dem folgende “Fakten” entgegen:
Daran stimmt eigentlich überhaupt nichts. [...] Nun hat Israel keine Atomdoktrin des atomaren Erstschlages.
Das Land hat gar keine offizielle Atomdoktrin, weil man nicht offen zugeben will Atomwaffen zu besitzen, um andere Staaten nicht zur atomaren Aufrüstung zu drängen. [...] Nie hat aber ein israelischer Politiker dem Iran mit einem verheerenden Erstschlag gedroht.
Hier offenbart sich, dass Wergin Grass’ Intention überhaupt nicht verstanden hat – oder aber die Fakten wissentlich ignoriert, kennen müsste er sie als studierter Nahostexperte ja eigentlich.
Fakt ist: Grass geht es (zumindest dem nach zu urteilen, was er schreibt, was er wirklich denkt, weiß nur er allein) nicht darum, zu behaupten, dass Israel öffentlich mit einem atomaren Erstschlag gegen den Iran gedroht hätte, sondern dass Israel mit seinen Angriffsplänen gegen den Iran (und die sind offensichtlich) sein Recht sichern möchte, auch künftig im Ernstfall in der Region den atomaren Erstschlag durchführen zu können. Und ein solcher Erstschlag wäre definitiv auch geeignet, das iranische Volk zumindest in großen Teilen zu vernichten. Sobald der Iran auch die Bombe hätte, wäre genau diese Sicherheit ja nicht mehr gegeben, da es dann ein atomares Gleichgewicht gäbe und auch der Iran zum Erstschlag in der Lage wäre. Dieses Tänzchen um das Goldene Kalb ist ein Relikt des Kalten Krieges. Schon damals taten sich alle Seiten schwer mit dem Gedanken eines atomaren Gleichgewichtes, auf dessen Grundlage dann nach einem Friedensschluss das Wettrüsten beendet und schließlich eine schrittweise Abrüstung herbeigeführt werden konnte. 50 Jahre hat es gebraucht, um den Sinn eines Friedens zu verstehen. Und wie oft die Welt damals am Rande eines Dritten Weltkrieges stand, brauche ich hier wohl nicht zu verdeutlichen. Wergin schießt diese von Grass deutlich benannte Gefahr einfach in den Wind.
Fakt ist: Aus der Erfahrung des Kalten Krieges haben die Großen dieser Welt nichts gelernt. Sie haben ihn lediglich aus ihrem unmittelbaren Umfeld in eine Region verlagert, in der es noch “was zu holen” gibt.
Auffällig ist auch, mit welcher Selbstverständlichkeit der Autor die eigentlich unsägliche Tatsache anspricht, dass Israel sein Atomwaffenarsenal verschweigt. Kein anderes Land dieser Welt darf Derartiges ungestraft tun. Nicht umsonst haben sowohl Pakistan als auch Indien und sogar Nordkorea die Existenz von Atomwaffen bekannt gegeben. Im Falle Israels scheint es aber das Natürlichste von der Welt zu sein, damit hinterm Berg zu halten – auch für Clemens Wergin. Ein objektiver Faktencheck sieht anders aus.
Gute Bombe, böse Bombe
Aber weiter. Auf die Aussage Grass’, dass der Angriff auf den Iran in Planspielen geübt würde, schreibt Wergin:
Es gibt keine Planspiele. Vielmehr wird immer wieder deutlich gemacht, dass die furchtbarsten Waffen in israelischen Depots defensiver Natur sind und der Abschreckung dienen, also allenfalls als Zweitschlagswaffe zum Einsatz kommen würden nach einem Angriff mit Massenvernichtungswaffen auf Israel.
Entweder weiß der Autor nicht, was ein Planspiel ist, oder er ignoriert ganz bewusst, dass Israel und die USA seit JAHREN (!) Angriffspläne gegen den Iran schmieden, dass ein Angriff von beiden Seiten seit Langem als “letzte Möglichkeit” in Betracht gezogen wird. Und dann ist es mir ein Rätsel, wie ein Journalist und Wissenschaftler, der eigentlich objektiv handeln müsste, den Widerspruch in seinem eigenen Denken und Tun nicht erkennt. Wergin behauptet, von Israels Atomprogramm gehe für den Iran keinerlei Gefahr aus, da diese Waffen nur für den Zweitschlag im Gefahrenfall gedacht seien.
Abgesehen davon, dass Israel damit ein absoluter Ausnahmefall unter den Atommächten wäre – gehen wir einfach mal davon aus, das ist so richtig. Warum sollte Israel dann Angst vor einem iranischen Atomprogramm haben, das nach Aussage iranischer Politiker gar keine Bombe anstrebt, sondern zur Sicherung wirtschaftlicher Interessen dient? Der Iran braucht ja nach Aussage Wergins nicht mal die Bomben zu fürchten, die bereits da sind. Und selbst wenn der Iran die Bombe baut: Warum sollte das Land nicht dasselbe Recht wie Israel auf einen Zweitschlag im Verteidigungsfall haben? Unterm Strich steht: Der Westen macht eine Zweierlei-Maß-Rechnung auf: Der Iran, der die Bombe noch gar nicht nachweislich hat, wird zur Gefahr für den Weltfrieden stilisiert. Aber Israel, das die Bombe seit Jahren hat, ist das arme Opfer.
Fakt ist: Israel benutzt sein Atomprogramm vielleicht nicht gedankenlos für einen atomaren Erstschlag, sehr wohl jedoch als Druckmittel, um seine Außenpolitik gegen die Nachbarstaaten durchzusetzen, militärische Schritte eingerechnet. Dass das in den Nachbarn den Wunsch weckt, ebenbürtig zu sein, um auch die eigenen Interessen durchzusetzen, ist verständlich. Welches Level im Planspiel bereits erreicht ist, sieht man daran, dass vonseiten Israels bereits mögliche Opferkalkulationen vorgenommen wurden.
Fakt ist auch: Der Westen ist an einem atomaren Gleichgewicht im Nahen Osten NICHT interessiert. Und deshalb gibt es eine “gute, gerechte Bombe”, die lagert in diesem Fall in Israel, und eine “böse, gefährliche Bombe”, die der Iran vermeintlich zu bauen im Begriff ist.
Wergin unterliegt seinerseits einem für einen Mann seines Belesenheitsgrades mehr als peinlichen Irrtum, wenn er schreibt:
Grass erliegt dem Anfängerirrtum, ein Angriff Israels gegen iranische Atomanlagen müsste seinerseits mit atomaren Waffen geführt werden.
Abgesehen davon, dass dem Autoren die persönliche Abneigung gegen Grass und dessen politische Haltung mit jedem Satz nur so aus der Feder quillt, bleibt immer nur wieder festzustellen, dass Grass nirgends etwas von einem geplanten israelischen Atomschlag (Erstschlag) geschrieben hatte. Er schrieb von der MÖGLICHKEIT und davon, dass Israel sich das Recht auf eine Erstschlaggarantie sichern will. Und das erreicht es durch einen wie auch immer gearteten militärischen Erstschlag gegen die iranischen Atomanlagen.
Was Wergin übrigens ebenfalls völlig ignoriert, ist die Gefahr einer atomaren Katastrophe im Falle eines Militärschlags gegen iranische Atomanlagen. Dazu bräuchte es noch nicht einmal einen atomaren Erstschlag Israels. Dass dazu manchmal schon ein Sturm reicht, hat nicht zuletzt Fukushima gezeigt.
Kein Vertrag, keine Verpflichtungen, keine Konsequenzen?
Grass schreibt weiter:
“Doch warum untersage ich mir, jenes andere Land beim Namen zu nennen, in dem seit Jahren – wenn auch geheimgehalten – ein wachsend nukleares Potential verfügbar aber außer Kontrolle, weil keiner Prüfung zugänglich ist?”
Darauf schreibt Wergin – und das muss jedem friedliebenden Menschen einfach einen Stich ins Herz geben:
Wie Günter Grass wissen kann, dass das israelische Atomarsenal seit Jahren wächst, bleibt sein Geheimnis. Vielleicht hat er ja besondere Quellen. Dass die israelischen Waffen “keiner Prüfung zugänglich” sind, hat einen einfachen Grund: Israel hat, anders als der Iran, den Atomwaffensperrvertrag nicht unterschrieben und ist demnach nicht an seine Regeln gebunden, gegen die Teheran mehrfach und anhaltend verstoßen hat.
Das Wichtigste gleich vorweg: Es ist ein unerträglicher Euphemismus, das israelische Atomwaffenprogramm, das der Natur des vom Autoren hier so vehement hochgehaltenen Atomwaffensperrvertrages derart diametral zuwiderläuft – auch wenn dieses Land den Vertrag nicht unterzeichnet hat -, quasi dem iranischen in Sachen Gefährdungspotenzial unterzuordnen. Es ist richtig, Israel hat den Vertrag nicht unterzeichnet – als eines von gerade einmal vier Ländern weltweit. Doch das kann und darf kein Freifahrtsschein für Israel sein. Ziel sollte es vielmehr gerade sein, eine derartige unkontrollierte Verbreitung von Atomwaffen zu vermeiden. Dass eine solche wieder zur Aufrüstung führen kann, sieht man am derzeitigen Konflikt zwischen Israel und dem Iran. Diese Dynamik folgt dem Beispiel des Kalten Krieges und erzrealistischen Ansätzen zur Deutung der Weltpolitik. Sie ist somit rational zu erklären.
Was der Autor ebenso unter den Tisch fallen lässt: Der Atomwaffensperrvertrag billigt jedem Mitgliedsstaat das “unveräußerliche Recht” auf eine friedliche Nutzung der Atomkraft zu. Auf eben dieses hat sich der Iran in der Vergangenheit immer wieder berufen.
Fakt ist: Im Atomwaffensperrvertrag steht nicht geschrieben, dass die Mitgliedsstaaten das Recht haben, Verstöße gegen die Regeln mit militärischen Mitteln zu ahnden. Vielmehr verstoßen unkontrollierte Atomwaffenarsenale wie die in Israel exorbitant gegen das Ethos dieses Abkommens, und es sollte eigentlich die Frage gestellt werden, wie man solche Atommächte unter Kontrolle bekommt, die die Bombe bereits haben. Israel ist derzeit zusammen mit Nordkorea das einzige, das keine Angaben zum Umfang seines Arsenals macht.
Fakt ist auch: Nicht nur der Iran verletzt die Bestimmungen des Atomwaffensperrvertrages. Wie so viele Abkommen ist er insbesondere für die Atommächte nicht viel mehr als ein Selbstzweck. Seit mehr als 40 Jahren wird offiziell abgerüstet – und doch wäre nach wie vor jedes dieser Länder in der Lage, verheerende Atomschläge durchzuführen. Und auch der Handel mit Nuklearwaffensystemen mit Nationen, die offiziell nicht als Atommacht gelten, wird nicht geahndet, obgleich der Vertrag vorschreibt, die Verbreitung und Nutzung solcher Waffen nicht voranzutreiben. Die Lieferung eines Atomwaffenfähigen U-Bootes an ein Land wie Israel läuft aber genau diesem Punkt zuwider. Wo bleibt die Kritik des Autors?
Übrigens, Herr Wergin: Wenn die Anzahl der atomaren Sprengköpfe in Israel nicht wächst, weshalb braucht das Land dann immer mehr Trägersysteme aus Deutschland? Gute Frage.
Alles eine Frage des Standpunktes
Auf die Behauptung Grass’, dass das israelische Atomprogramm und der Umstand, dass dieses jedweder Kontrolle entzogen ist, von Medien und Politikern meist verschwiegen werde, antwortet Wergin im bereits etablierten unsachlichen Stil:
Auch das ist schlicht gelogen. Um das festzustellen, reicht eine simple Archivrecherche. Es gehört inzwischen zum guten Ton einer gewissen deutschen Auseinandersetzung über das iranische Atomprogramm, auf den israelischen Besitz der Bombe zu verweisen und die angebliche unterschiedliche Behandlung beider Fälle zu kritisieren oder zu behaupten, der Iran wolle ja nur ein Gleichgewicht des Schreckens herstellen.
Erstens: Welche Art Archive hat Wergin durchsucht? Ich habe mir mal die Mühe gemacht und im Welt-Online-Archiv die Worte “Israels Atomprogramm” eingegeben. Das Resultat waren ausschließlich Treffer, die den Israel-Iran-Konflikt und in diesem Zusammenhang ausschließlich das iranische Atomprogramm behandelten. Mit Ausnahme einiger Arikel, die im Zuge des Grass-Gedichtes verfasst wurden. Da kann man mal sehen, welch Anstoßwirkung Grass’ Verse tatsächlich haben.
Fakt ist: Ich als Journalistin bei einer deutschen Tageszeitung und ausgesprochen Nahost-Interessierte, die ständig auf den Seiten diverser deutscher Medien unterwegs ist, kann mit gutem Gewissen sagen: Grass hat recht. In den Medien ist das israelische Atomprogramm – auch im Zusammenhang mit der Iran-Kontroverse – so gut wie nie Thema. Der vermeintliche “gute Ton”, das israelische Atomprogramm zu besprechen, entspringt vielmehr offensichtlich der ideologischen Schieflage des Herrn Wergin, der daraus sicherlich nicht ohne Grund im selben Atemzug “eine deutsche Auseinandersetzung mit dem iranischen Atomprogramm” macht. Ganz als müsse man ein Deutscher sein, um Kritik an Israels Politik betreiben zu wollen. Ein Schelm, wer hier den Vorwurf des “elementaren deutschen Antisemtitismus” unterschwellig mitschwingen hört, der insbesondere von zionistischer Seite aus immer wieder gern als Totschlagargument benutzt wird – wie nicht zuletzt die Kontroverse um Grass abermals gezeigt hat.
Wie so häufig ist die Frage, ob das Thema israelische Atomwaffen ausreichend diskutiert wird, eine des politischen Standpunktes. Während die Gegner des politischen Israel berechtigterweise eine mangelhafte öffentliche Behandlung und Diskussion des Themas beklagen, finden die Freunde Israels, dass schon viel zu viel darüber gesprochen wird. Einzelkämpfer wie Günter Grass empfinden sie als unverschämt und vorwitzig, weil sie den Finger in eine Wunde legen, über die Vorgenannte gern ein dickes fleischfarbenes Pflaster kleben.
Und so geht es immer weiter. Nicht müde wird der Autor, immer wieder auf die Zweitschlagsausrichtung des israelischen Atomprogramms hinzuweisen – ohne zu erkennen, dass es gar nicht um den Erst- oder Zweitschlag geht, sondern darum, dass hier einem Land (nämlich dem Iran) unterstellt wird, von einer Atombombe, die es eventuell baut, ginge eine unmittelbare Gefahr für einen anderen Staat (Israel) aus, ohne das sinnvoll begründen zu können. Im gleichen Atemzug postuliert jedoch Wergin – ganz im Sinne westlicher Argumentationsmuster -, dass von der israelischen Atombombe keinerlei Gefahr ausginge, da diese ja für den Zweitschlag gedacht sei. Wie garantieren die Isarelis das aber? Gibt es eine technische Vorrichtung, die das Zünden einer Atombombe erst ermöglicht, nachdem eine solche auf israelischem Boden detonierte? Hat Wergin (oder sonst jemand) Beweise dafür?
Wenn nicht – wie kann Wergin sich dann hinstellen und so etwas behaupten, als handelte es sich um eine todsichere Tatsache? Schenkt man Clemens Wergin Glauben, so möchte man meinen, es lägen bereits konkrete Pläne für einen atomaren Erstschlag des Iran gegen Israel vor für die Zeit, wenn die Bombe fertig gebaut ist. Anders lässt es sich nicht erklären, dass Wergin sich so sicher in dem Punkt ist, dass die Bombe für Israel unmittelbar gefährlich ist und deshalb ein Militärschlag gegen Iran unvermeidlich sei.
Fakt ist: Der Autor weiß ebenso wenig wie die meisten anderen Menschen auf der Welt, wie Israels Atomdoktrin genau aussieht, weil sie – und das hatten wir zuvor bereits gründlich erörtert – zu den am besten gehüteten Staatsgeheimnissen gehört. Das israelische Atomwaffenprogramm ist demnach für Staaten, die dem Land nicht in Freundschaft verbunden sind, potenziell ebenso unberechenbar und bedrohlich wie ein mögliches iranisches für Israel oder das einer jeden anderen Atommacht in vergleichbarer Situation. Und es gehört schon ziemlich viel Wohlwollen dazu, diesen Fakt zugunsten Israels zu ignorieren und sich schlicht und ergreifend, wie Wergin, zu weigern, sich einmal außenpolitisch in die Lage des Iran zu versetzen.
Freund-Feind-Denken beherrscht den Diskurs
Ein Blick auf die Biografie Wergins kann durchaus erhellend wirken: Nach dem Abitur zweieinhalb Jahre Zivildienst bei einem Projekt zur Verständigung zwischen Christen und Juden in Israel, Studium des Journalismus, der Nahostgeschichte und der – huch? – Islamwissenschaften, Abschlussarbeit über die Beziehungen zwischen Europa und Israel, Kolumnist bei der Jüdischen Allgemeinen.
Ein Blick in das Welt-Blog, das Wergin betreibt, offenbart dann ziemlich schnell eine regelrechte Obszession, was das Grass-Gedicht betrifft, das für Wergin anscheinend nur eines sein kann: antiisraelisch und antisemitisch.
Die Intensität und Vehemenz, mit der er versucht, Grass einen “Drang zur Befreiung von der Schuldenlast aus der Nazizeit” zu unterstellen und ganze Gruppen von Menschen (darunter die ARD, die sich in einem Kommentar hinter das Grass-Gedicht stellte, und Politiker der Linkspartei) in die Nazi-Ecke zu stellen, lässt stark daran zweifeln, dass Wergin sich diesem Thema überhaupt ideologisch unvorbelastet nähern kann. Ich sage das nicht oft, aber als Pressemensch und Fürsprecherin freier Medien, die sachlich und orientiert am Codex des redlichen Journalismus berichten, muss ich sagen: Ich schäme mich für Kollegen wie Clemens Wergin.
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