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Was zerreißt die Ukraine?

Darf man auf einen friedlichen Ausgang der Krise in der Ukraine hoffen? Gestern kamen die Konfliktparteien gemeinsam mit den USA und der EU in Genf zum Krisengipfel zusammen. Das Ergebnis überrascht – im positiven Sinne: Ein Friedensfahrplan wurde beschlossen mit dem Ziel eine Spaltung der Ukraine zu vermeiden. Überraschend ist das deshalb, als Russland über Wochen – seit der Eskalation des Konfliktes im Zuge der russischen Annexion der Krim im März – sich jedwede Einmischung durch EU und USA verbat, Gesprächsangebote Kiews kategorisch ablehnte und seine westlichen Amtskollegen regelrecht auflaufen ließ und gar öffentlich verhöhnte.

Doch wie sind die Beschlüsse von Genf wirklich zu bewerten? Hat Russland wirklich eingelenkt, oder ist die scheinbare Kompromissbereitschaft lediglich dem Wissen um die tatsächliche Lage geschuldet? Wer kann heute sagen, ob die Lawine, die Putin mit der Annexion der Krim und einer antiwestlichen Propagandamaschinerie in weitgehend gleichgeschalteten russischen Medien, die selbstverständlich auch in der Ukraine empfangen werden, in der Ostukraine losgetreten hat, nicht längst zum Selbstläufer geworden ist? Erstmals hat Russland zumindest indirekt die Bewertung westlicher und ukrainischer Vertreter bestätigt, dass es sich bei den Rebellen im Osten der Ukraine um “illegale Kräfte” handelt. Zumindest wurde dieser im Beschluss gewählten Formulierung offenbar nicht widersprochen. Der Friedensfahrplan sieht die völlige Entwaffnung dieser Kräfte vor – im Gegenzug wird ihnen Straffreiheit gewährt. Ebenfalls eine Premiere: Wladimir Putin schlug parallel zur siebenstündigen Genfer Krisensitzung neue friedfertige Töne an: “Weder Flugzeuge noch Panzer können die Krise beenden”, so derselbe Mann gegenüber russischen Medien, der seit Wochen Truppen an der ukrainischen Grenze zusammenzieht und in “false-flag-operationen” auch in der Ukraine selbst einsetzt. Die soll Putin nun laut dem Genfer Beschluss zurückziehen. Dass das aber alsbald der Fall sein wird, von der Vorstellung haben sich alle Beteiligten in Genf bereits jetzt verabschiedet. Russland macht den Rückzug der Truppen von der Umsetzung der Genfer Beschlüsse – und somit auch von einer tatsächlichen Beruhigung der Lage in der Ukraine abhängig.

Doch was, wenn die Rebellen ihre Waffen nicht abgeben wollen? Eine Befürchtung, die absolut real ist. Hinzu kommt, dass Russland weiterhin standhaft leugnet, selbst Truppen in der Ukraine einzusetzen. Und das, obwohl der ukrainische Vizepremier Vitali Jarema Name und Standort der in der Ukraine zum Einsatz kommenden russischen Einheiten benannt hat. Die Entsendung von Truppen ohne Nationalitätenkennzeichnung scheint wesentliches taktisches Moment russischer Militärstrategie in diesem Konflikt zu sein. Militärfahrzeuge, die von Bauart und Ausrüstungsgrad klar dem russischen Militär zuzuordnen sind, fahren mit entfernten Kennzeichen durch ostukrainisches Gebiet. Und selbst die 40000 Soldaten, die Putin an der Grenze zur Ukraine aufgestellt hat und diejenigen 15000, die noch auf der Krim weilen, tragen häufig keinerlei Nationalitätskennzeichnung.

Vor diesem Hintergrund sollten die Genfer Gespräche äußerst vorsichtig bewertet werden. Es ist derzeit nicht anzunehmen, dass Russland seinem Teil der Vereinbarungen – auf die bewaffneten Rebellen dahingehend einzuwirken, die besetzten Gebäude zu räumen, ihre Waffen abzugeben und ihre Aktivitäten zur Spaltung der Ukraine aufzugeben – tatsächlich nachkommen wird. Denn Bedingung hierfür wäre ja zu allererst der Rückzug der eigenen Truppen aus der Ukraine, die zu einem guten Teil die separatistischen Bemühungen unterstützen und ohne die die Rebellen nur halb so schlagkräftig wären.

Zerrüttung zwischen Moderne und Kommunismus

Ein weiteres großes Problem dürfte die Lage innerhalb der Ukraine selbst sein. Das Land ist bereits tief gespalten. Das Vertrauen eines erheblichen Teils der Bevölkerung in die Regierung insbesondere im Süden und Osten des Landes ist gleich null. Rechtsextremisten und Altkommunisten erleben über der wirtschaftlichen und politischen Krise einen nie geahnten Aufwind – Wladimir Putin kann das nur in die Hände spielen. Seine ganze Rhetorik im Zuge des heraufziehenden Konfliktes sprach dahingehend Bände. Gab sich der russische Staatschef sonst immer als moderner, weltoffener, fortschrittsorientierter Mann, der sein Land in den letzten Jahren mit westlichem Teufelszeug wie Mobilfunknetzen, Internettechnik, deutschen Autos und amerikanischer Ölfördertechnik ausstattete, so beschwor Putin nun den Zusammenbruch der Sowjetunion als “größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts” (und verharmlost darüber die raumgreifenden territorialen Verschiebungen, der der Erste und Zweite Weltkrieg sowie Auseinandersetzungen im Zuge der Oktoberrevolution insbesondere durch die Feldzüge Deutschlands und Russlands mit sich brachte und die viele der zuletzt zum Sowjetreich gehörenden Gebiete überhaupt erst diesem zutrugen).

Putin weiß genau wie es um die Gemütslage seines und um die großer Teile des ukrainischen Volkes bestellt ist. Der Oppositionelle Michail Chodorkowsky, der mehr als 10 Jahre seines Leben in Haft saß und erst letztes Jahr freikam, meinte einst, dass Putin liberaler sei als 80 Prozent seiner Landsleute. Genau deswegen war Putin bei vielen – insbesondere unter den Anhängern des alten Systems – nicht sonderlich beliebt. Man duldete ihn quasi als “kleineres Übel”, denn den wirtschaftlichen Fortschritt unter dem kleinen, verbiesterten Mann – den konnte man schlecht leugnen. Doch genau diese große, duldsame Masse brachte Putin nun mit diesem einen Satz, nach dem das nostalgisch verklärte Volk viele Jahre lächzte, fast geschlossen hinter sich. Diesen Satz hatte er das letzte Mal 2005 auf einer Pressekonferenz gesagt – und für Aufhorchen im Westen gesorgt.

Putin, der in fast 20 Jahren an der Spitze des riesigen Landes nichts unternahm, um die Sowjetära irgendwie zum Thema gesellschaftlicher Auseinandersetzung zu machen, weiß um die Wirkung solcher Worte. In höchsten russischen Ämtern sitzen bis heute ehemalige Leistungsträger der kommunistischen Partei wie Nikolai Haritonow. Der heute 65-Jährige tritt für die Wiedererrichtung der Sowjetunion ein und wurde bei den Präsidentschaftswahlen 2004 mit diesem Anliegen mit knapp 14 Prozent der Stimmen Zweiter hinter Wladimir Putin. Zu Sowjetzeiten war Haritonow wie Putin beim KGB, verehrte dessen Urvater Felix Dzerdzinsky wie einen Gott und wollte 2000 sogar dessen 1991 vom Platz vor dem berüchtigten Moskauer KGB-Gefängnis Lubjanka entfernte Statue wiedererrichten. Und Haritonow ist nur ein Beispiel, das berühmteste freilich bietet Putin selbst, der 1985 im Alter von nur 33 Jahren bereits Leiter der Dresdner Dependance des KGB im Range eines Majors war.

Ein weiteres ist Walentina Matwijenko – die mächtigste Frau Russlands. Auch sie hat die einschlägige Karriere in der KPdSU hinter sich. Sie verhalf der Tochter eines einfachen Soldaten und einer Schneiderin zum Studium an der Akademie der Sozialwissenschaften der Partei und schließlich zum Aufstieg zur Leiterin des Ausschusses für Kinder und Familien im Obersten Sowjet 1989. Der Zusammenbruch der UdSSR tat Matwijenkos Karriere keinen Abbruch – im Gegenteil. Als erste Frau überhaupt wurde sie 2011 zur Vorsitzenden des Föderationsrates der Russischen Föderation ernannt und bekleidet seither das dritthöchste Staatsamt in Russland. Ihre Inthronisierung erfolgte unter mehr als fragwürdigen Umständen. Die Wunschkandidatin von Wladimir Putin und Dmitrij Medwedjew ist gleichsam wie diese Mitglied der Partei “Einiges Russland” – und sollte anscheinend aus St. Petersburg entfernt werden, wo ihre Tätigkeit als Gouverneurin die Werte der Partei in den Keller getrieben hatte. Solche Machtschiebereien, Umbesetzungen und dergleichen mehr sind Alltag in Russland. Zum Nachfolger von Walentina Matwijenko im Amt des Gouverneurs von St. Petersburg wurde übrigens mit Georgij Poltawtschenko – wen wundert’s? – ein Ex-KGB-Offizier ernannt. Ernannt wurde er bereits 1999 von Wladimir Putin – zum Stellvertreter des Präsidenten für die Oblast St. Petersburg sowie später zum Generalgouverneur für die Region Zentralrussland.

Stalin, Lenin, Rote Armee … seither kam nichts mehr

Putin weiß, die Masse ist ihm deshalb nicht gram, weil sie selbst nicht verstanden hat und zu Teilen auch nicht verstehen will, WARUM die Sowjetunion unterging. Für viele ist ihr Ende noch immer das Werk feindlicher Kräfte aus dem Westen. In unzähligen Forenbeiträgen in russigsprachigen sozialen Netzwerken wird der Tag der Abrechnung förmlich herbeigesehnt – und in der aktuellen Krise um die Ukraine erblicken nicht wenige sein Heraufdämmern. Hunderte von Gruppen mit teils mehreren Zehntausend Mitgliedern bevölkern die soziale Netzwerklandschaft in den beiden größten Plattformen “Vkontaktje” und “Odnoklassniki” Das Volk hat die Demütigung von 1991 nicht vergessen, und es braucht sein Imperium, um stolz sein zu können: militärische Stärke und territoriale Größe waren das, worüber sich Russland seit Katharina der Großen definierte, nicht sein unermesslicher kultureller Reichtum – den wusste man dagegen umso mehr im Ausland zu schätzen. Ein wenig ist es so, als hätte ein ganzes Volk Angst, in diesen 80 Jahre tiefen schwarzen Brunnen zu schauen und möglicherweise – wie zwei mal zuvor das deutsche Volk – zu erkennen, dass man sich durch seine Duldsamkeit und sein Augenverschließen vor den grausigen Wahrheiten der Sowjetära mitschuldig gemacht haben könnte, dass man an einem Gesellschaftsideal mitgefeilt hat, dessen Preis das Unglück und oft genug auch der Tod von Andersdenkenden war. Wenig galt dabei das berühmte Zitat Rosa Luxemburgs, dass Freiheit immer auch die Freiheit der Andersdenkenden sei. Es gilt bis heute wenig in Russland. Ob Homosexuelle, Oppositionelle oder behinderte Menschen – sie alle haben keine Lobby in Putins Russland. Der Westen ist schon deshalb vielen Menschen dort ein Graus, weil hier ein Mann öffentlich einen Mann küssen und ihn sogar ehelichen darf. Stattdessen klammert man sich trotzig an den alten Helden fest: Stalin, Lenin, die Rote Armee und ihr großer Sieg über den Faschismus 1945. Seither kam einfach nichts mehr.

Von dem Gefühl der nationalen Verlorenheit und Demütigung ist die Ukraine als SU-Nachfolgestaat keinesfalls ausgenommen. In die mit dem Zusammenbruch ausgelöste Identitätskrise platzte die Existenzangst. Die Armee war einst ein Hauptarbeitgeber in der SU. Für viele ehemalige ukrainische Offiziere und Berufssoldaten, aber auch Zivilangestellte war die Unabhängigkeitserklärung 1991 in der Tat eine Katastrophe, denn der kümmerliche Rest, der nun das Fundament der neuen ukrainischen Armee bilden sollte, bot für viele von ihnen keinen Platz mehr.

Rapport eines in Meißen stationierten ukrainischen Oberfähnrichs in der Armee der GUS vom Juli 1992. Darin bittet er seinen Kommandeur um Mitteilung hinsichtlich der Möglichkeit einer Weiterbeschäftigung in den ukrainischen Streitkräften. Quelle: Privat.

Stattdessen wartete Arbeits- und Wohnungslosigkeit, denn ihre einstigen zivilen Berufe, ebenso wie ihr Zuhause, hatten viele vor Jahren für die Armee aufgegeben. Die Selbstmordrate schnellte damals in die Höhe, und die Lebenserwartung der Männer sank auf ein Allzeittief von 61 Jahren, in Russland sogar auf 59 Jahre. Wer sich durchbiss, ist heute 50, 60 und dämmert im Regelfall einer kargen Rente entgegen. Nur wenige haben es zu echtem sozialem Aufstieg gebracht. Das funktionierte in Russland wesentlich besser, wo alte Parteistrukturen weitgehend erhalten blieben und man sich gegenseitig “half”. Geblieben ist häufig ein Groll auf alles Westliche und ein bewusster Rückzug in die Vergangenheit, die zum verlorenen Leben im Paradies der Gleichheit, des Glücks und der moralischen Anständigkeit verklärt wird, in der noch Recht und Ordnung herrschten und niemand um Lohn und Brot fürchten musste. Insbesondere diejenigen, die vor der Wende gut da standen und mit ihr tief fielen, ohne je wieder nach oben zu kommen, können das zeitlebens nicht verzeihen – und suchen Schuldige. Viele von ihnen haben nun die Uniformen wieder angezogen. Endlich kann man etwas tun, statt ohnmächtig im Sessel zu sitzen und alles stumm zu ertragen! Waffen und Uniformen – zwei Dinge, an denen es weder in Russland noch in der Ukraine einen Mangel gibt. Zu kaufen sind sie überall, fast jeder besitzt sie. Putins Satz von der größten Katastrophe des Jahrhunderts, dem Zusammenbruch der UdSSR, führt sie an. Denn er hat mal wieder ausgesprochen, was sie seit 23 Jahren dachten, und sie förmlich dazu aufgerufen, mit der Heimholung zumindest von Teilen des entrissenen “Brudervolkes” die alten Strukturen wiederherzustellen.

Dass ihr Utopia zum größten Teil auf Pump und nicht zuletzt auf Kosten der Lebensqualität der Bürger errichtet wurde, die den ideologischen Wettstreit mit dem Westen und die damit verbundene absolute Konzentration der Ausgaben auf die Rüstung mit einem Größtmaß an Unfreiheit, absoluter Gleichschaltung und einer Mangelwirtschaft bezahlen mussten, die zu Versorgungsengpässen, völlig veralteten Technologien und Instrumenten im Sozial-, Medizin- und Agrarsektor und nicht zuletzt zum Kollaps der SU führte, ohne dass irgendwer von außen auch nur einen Schuss abgeben musste – man sieht es nicht, denn die SU brach zusammen, bevor die marode Technik in den Werken und Gruben es ihr gleichtun konnte. Die bescheidenen wirtschaftlichen Ausgangslagen in den SU-Nachfolgestaaten brachten viele Menschen dort nicht etwa mit fast einem Jahrhundert zentral gesteuerter Wirtschaft in Verbindung, die auf schnelles Wachstum, nicht aber auf Nachhaltigkeit und fortwährende Innovation ausgerichtet war, sondern mit einer schmählichen Niederlage im Kalten Krieg mit dem Westen.

In den 30er- und 40er-Jahren war das sowjetische System bestrebt, seine völlig veraltete Armee für eine Auseinandersetzung mit den westlichen Staaten zu rüsten. So wuchs der Fuhrpark an Panzern und Bombern innerhalb von nur 15 Jahren auf das x-fache der Ausgangslage an. In den sowjetischen Hangars und Panzerhallen stapelten sich Fuhrwerke, für die nach den Säuberungswellen des stalinistischen Terrors der 20er- und 30er-Jahre innerhalb der Armee kein adäquat ausgebildetes Personal mehr vorhanden war. Milliarden wurden dafür ausgegeben – für Technik, die nach wenigen Jahren veraltet war, bevor es überhaupt jemanden gab, der sie bedienen konnte. Natürlich brachte diese Massenproduktion vielen Menschen Lohn und Brot und kurbelte die Wirtschaft an – aber es sorgte auch dafür, dass nach 20 Jahren kein Geld mehr da war, die Produktionstechnik zu modernisieren. Hätte man dies ohne Schuldenaufnahme bewerkstelligen wollen, hätte man am Rüstungsetat sparen müssen, was nicht infrage kam. Das so viel gerühmte Sozial- und Gesundheitssystem der Sowjetunion – es hinkte schon in den 60er-Jahren weit hinter den westlichen Staaten zurück, weil versäumt wurde, in neue Technologien und Behandlungsverfahren zu investieren. Mehr als 10 Prozent des Bruttoinlandproduktes ballerte man stattdessen noch in den 70er-Jahren in Rüstung – zum Vergleich: Das war das Dreifache von dem, was Russland heute für Rüstung ausgibt (3,5 Prozent BIP). 1948 gab die Sowjetunion noch fast 20 Prozent ihres Etats für die Rüstung aus, da hatten die USA die Ausgaben bereits auf 3,5 Prozent zurückgefahren (siehe auch in “Krieg um Berlin”, Matthias Uhl). In der SU dagegen wurde die Armee als Hüterin der Heimat und des Imperiums zum Zentrum des gesellschaftlichen Lebens. Ihre Verehrung im Volk hält – trotz aller Skandale, die zwischenzeitlich ans Licht kamen – beinahe ungebrochen bis heute an.

So wundert es nicht, dass sich unter den Rebellen im Osten sowohl Russen aus den Grenzgebieten des Nachbarstaates als auch Ukrainer finden, die dem Nationalbolschewismus des Eduard Weniaminowitsch Limonow anhängen, der die Wiederherstellung der Sowjetunion anstrebt. Verstehen lässt sich das alles nur, wenn man berücksichtigt, dass sowohl seitens der Politik in Ukraine und Russland als auch in großen Teilen des Volkes 70 Jahre Sowjetherrschaft quasi in einer Zeitkapsel konserviert wurden. Wie schwer es ist, mit einer in der Stunde ihrer Geburt so großartig scheinenden Idee grandios zu scheitern, deren hässliches Gesicht voller Unmenschlichkeit, Zwang und Unfreiheit zu erkennen – keiner weiß es besser als die Deutschen. In Russland und auch in der Ukraine, die lange Jahre von Kreml-treuen und politisch unfähigen Leuten wie Leonid Kutschma und Viktor Janukowitsch autoritär regiert wurde, hat man sich diesen Albträumen der eigenen Vergangenheit und deren unzähligen Opfern nie wirklich gestellt. Die Folgen erntet die Welt heute. Nur wenn man der Annahme ist, dass die Ukraine nach wie vor Teil eines vor 23 Jahren in einem unrechtmäßigen Akt zerstörten Großreiches ist und ihre bzw. die Rückholung von Teilen von ihr legitimes Recht sei, kann man mit einer derartigen Selbstverständlichkeit von einem völkerrechtlich einwandfreien Anschluss der Krim sprechen, von “russischer Erde” und dergleichen mehr.

Druschba bis zum bitteren Ende? Ohnmacht und schlechtes Gewissen verklären den Blick auf die Krise in der Ukraine..

Ein hervorragender Artikel zur Krise in der Ukraine, der einige unschöne Wahrheiten sowohl für Deutschland, den “Westen” als auch den Autokraten in Moskau parat hält, erschien am Donnerstag in der ZEIT. Der Leitartikel “Wie Putin spaltet – Woran liegt es, dass so viele Bürger die Krimkrise ganz anders beurteilen als Politik und Medien?” von Bernd Ulrich (Titel u. weiter auf S. 2) ist wahrlich beeindruckend. Keiner hat bislang so offen und ehrlich die Gründe für die derzeit scheinbar schwer zu fassenden Meinungsbildungsprozesse zum Thema in Deutschland und das Dilemma der Medien diesbezüglich benannt. Und mir – im Zug sitzend – entschlüpfte unvermittelt ein lautes “Endlich sagt’s mal einer!”, das prompt von einem jovialen “Genau!” aus den Sitzreihen vor mir quittiert wurde.

“Hier wurden offenbar Erfahrungen von Ohnmacht und Anmaßung gemacht, die so fundamental sind, dass sie selbst einen Wladimir Putin als diskutable Figur erscheinen lassen”

Auslöser für den Artikel war im Vorfeld eine Umfrage des Meinungsforschungsinstitutes Forsa gewesen, die die Deutsch-Russische Außenhandelskammer (!) in Auftrag gegeben hatte. Darin hatten sich 69 Prozent der Deutschen gegen Wirtschaftssanktionen gegen Russland ausgesprochen. Doch auch wenn wirtschaftliche Ängste sicher eine bedeutende Rolle spielen, sich in der aktuellen Krise möglichst passiv und russlandfreundlich verhalten zu wollen, wie nicht zuletzt der anbiedernde Auftritt von Siemens-Chef Joe Kaeser in Moskau vor einigen Wochen zeigte – andere Gründe könnten von weit bedeutsamerer Tragweite sein.

Ulrich sieht die Anmaßung des Westens, insbesondere der USA und Brüssels, aber auch die deutsch-russische Geschichte als Hauptgründe dafür, dass die Deutschen in so großer Zahl die Frontbildung der westlichen Politik gegen Moskau skeptisch bis kritisch sehen. “Hier wurden offenbar Erfahrungen von Ohnmacht und Anmaßung gemacht, die so fundamental sind, dass sie selbst einen Wladimir Putin als diskutable Figur erscheinen lassen”, so Ulrich, der insbesondere Bezug auf die Kriege im Irak und in Afghanistan nimmt, aber auch die NSA-Spähaffaire, die von Deutschland alle mehr oder weniger mitgetragen wurden. Viele Menschen erkannten demzufolge in Putin endlich einen “starken Mann”, der nun den naseweisen Westen in seine Schranken weist, der “aufmuckt” und den ganzen verhassten Trott nicht mehr mitmacht.

“Tatsächlich [...] wird die Legitimität des Völkerrechts offensiv infrage gestellt, die von Putins nationalistisch-imperialer Ideologie aber ernstlich erwogen. Man übernimmt das Gerede von ‘russischer Erde’, als wäre so etwas heute noch ein valides Argument. (Würde jemals wieder von deutscher Erde geredet – was Gott verhüten möge -, dann wäre hier – hoffentlich – die Hölle los).”

Doch Ulrich lässt das eben – anders als andere – nicht einfach so unkommentiert stehen, sondern er zeigt konsequenterwerweise die katastrophalen Folgen auf, zu denen dieses Ohnmachtsgefühl auch hierzulande führt: “Tatsächlich [...] wird die Legitimität des Völkerrechts offensiv infrage gestellt, die von Putins nationalistisch-imperialer Ideologie aber ernstlich erwogen. Man übernimmt das Gerede von ‘russischer Erde’, als wäre so etwas heute noch ein valides Argument. (Würde jemals wieder von deutscher Erde geredet – was Gott verhüten möge -, dann wäre hier – hoffentlich – die Hölle los).” Und Ulrich hat recht. Es gibt keine bedrohlichere Triebfeder für Veränderungen als ein Gefühl von Ohnmacht. Dieses Gefühl war einst ausschlaggebend für den Aufstieg der Nationalsozialisten in den späten 20ern/frühen 30ern, als Deutschland am Tiefpunkt sowohl seiner moralischen als auch wirtschaftlichen Stärke angekommen und die für die innere Stabilität so wichtige Identität des Volkes durch die Niederlage von 1918 und die Antragung der alleinigen Schuld am Ersten Weltkrieg sowie die damit verbundenen Gebietsverluste und wirtschaftlichen Sanktionen in ihren Grundfesten erschüttert war. Und es war ausschlaggebend für zahlreiche schwerwiegende Umbrüche wie die französische oder die Oktoberrevolution. Es hält den Nahostkonflikt am Schwelen und es war verantwortlich für die politischen Unruhen in Nordafrika.

Auch viele Russen kennen das Gefühl. Nur übersetzen in Russland viele Menschen diese Ohnmacht erstaunlicherweise nicht in Energie, die gegen das eigene repressive System gerichtet ist, sondern in solche, die die Wiederherstellung der alten, noch weitaus repressiveren Machtverhältnisse zu Sowjetzeiten anstrebt.

Ulrich spricht auch harte Wahrheiten an: Viele Menschen in Europa waren nicht begeistert von den Bestrebungen der EU, mit der Ukraine “noch so ein Hungerleiderland voller primitiver Krimineller” wie Griechenland, Bulgarien & Co. (Von MIR frei zitiert nach Hörensagen!) näher an sich zu binden, und fühlten sich von Brüssel bevormundet. Tatsächlich spricht daraus ein alter, ungesunder Geist von Überheblichkeit, Überlegenheit und Nationalismus, den man sich besser nicht zurückwünschen sollte.

Und noch etwas Wichtiges bleibt Ulrich nicht verborgen: Die Nebenrolle, die der sowjetische Anteil am Sieg über den Hitlerfaschismus insbesondere in Westdeutschland über Jahrzehnte in der dortigen Gedenkkultur einnahm. Das hat Wunden hinterlassen, die jeder zu spüren bekommt, der sich heute mit dem Thema irgendwie befasst. Ein “schlechtes Gewissen” – so Ulrich weiter – führe nun dazu, dass man Moskau eine gewisse “Einflusszone” zugestehe, da sie ja “durch den Verlust ihres Sowjetimperiums schon genug gekränkt und gestraft” worden seien.

“Ein wenig erinnert diese Gemengelage an Schuld ans Jahr 1989. Da haben viele westdeutsche Linke auch gesagt, die deutsche Teilung müsse bestehen bleiben, sie sei eben die Strafe für Auschwitz. Das Argument hatte allerdings diese kleine, verlogene Pointe: dass allein die Ostdeutschen diese Strafe der Geschichte abzusitzen hatten.”"

“Ein wenig erinnert diese Gemengelage an Schuld ans Jahr 1989″, resümiert der Autor. “Da haben viele westdeutsche Linke auch gesagt, die deutsche Teilung müsse bestehen bleiben, sie sei eben die Strafe für Auschwitz. Das Argument hatte allerdings diese kleine, verlogene Pointe: dass allein die Ostdeutschen diese Strafe der Geschichte abzusitzen hatten.” Heute werde erneut mit Blick auf deutsche Schuld (am Zweiten Weltkrieg) einem anderen Volk das Recht auf Selbstbestimmung abgesprochen: den Ukrainern. “Sollen sie nicht in die EU dürfen, weil die Deutschen, zu Recht, gegenüber den Russen ein schlechtes Gewissen haben?”, fragt Ulrich. “Dass Deutsche und Russen abermals über das Schicksal der Ukraine entscheiden, wäre ein perverser Lerneffekt aus der GEschichte dieses Landes, das unter beiden Nationen wie kein anderes gelitten hat.”
Ulrich nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn er von den Bequemlichkeiten hierzulande schreibt, wenn es um Sanktionen gegen Russland geht. “Soll Frieren für die Ukraine dem Westen schon zu viel sein? Suchen wir nach Argumenten, um nichts tun und nichts riskieren zu müssen?”

Sieht aus, als wären wir in Deutschland auf einem besorgniserregenden Kurs. Land und Gesellschaft sind an einem Punkt angekommen, da Verstöße gegen das Völkerrecht quasi als “völlig normal” und “gegeben” hingenommen und teilweise sogar befürwortet werden, solange sie geeignet erscheinen, eigenen Interessen Nachdruck zu verleihen oder politischen Gegenstimmen im eigenen Land einen Schlag zu versetzen. Dass es hier zu allererst um die Rechte eines Volkes geht, dem gegenüber gerade wir als Deutsche nach wie vor eine erhebliche historische Verantwortung haben und das sich Übergriffen eines ungleich stärkeren Nachbarn ausgesetzt sieht, gerät dabei erschreckenderweise zur Nebensache.

Dabei kann und DARF es nicht darum gehen, was die Regierung in Kiew vielleicht alles falsch gemacht hat, denn das rechtfertigte längst kein aggressives Einmischen Russlands. Keine Regierung in Kiew hat sich jemals in die nationalen Belange Russlands eingemischt oder Russland bedroht. Im Gegenteil: Dank Russlands Einfluss konnten autoritäre Staatschefs wie Leonid Kutschma und zuletzt wieder Viktor Janukowitsch in der Ukraine ihren Machtbereich immer weiter ausdehnen, das Land in alte Abhängigkeitsstrukturen von Moskau zurückführen und es so Stück für Stück zugrunde wirtschaften. Mit den Folgen hat nun eine Regierung zu kämpfen, die dieser Aufgabe anscheinend nicht gewachsen ist.
Weder die Ukraine noch Deutschland, die EU oder die USA stehen derzeit mit mehr als 40000 bis an die Zähne bewaffneten Soldaten in bzw. an der Grenze zur Ukraine – einem souveränem Land. Und nur weil die USA und Deutschland in Afghanistan so ziemlich alles falsch gemacht haben (beim Einmarsch angefangen), was man falsch machen konnte, gibt das Russland kein Recht, zulasten der Ukraine seine Großmachtphantasien auszuleben.

Vom Hoffnungsträger zum Zeitzeugnis – Ein Apfelbaum erzählt

Da stand es mit einem Male vor mir, inmitten der savannenartigen, verlassenen Gegend. Ein eindeutiges Zeugnis des regen menschlichen Lebens, das hier einst herrschte, von dem aber heute nur noch ein paar Ruinen inmitten unberührtester Natur geblieben sind: ein Apfelbaum, umgeben von nichts als endlosen blühenden Wiesen, Büschen und uralten Bäumen.
Das ehemalige Stabsgebäude ist eines der wenigen erhaltenen Gebäude in der Garnisonsstadt Zeithain. Links der Apfelbaum in voller Blüte.

Der ehemalige Truppenübungsplatz in der Gohrischheide bei Zeithain ist keine Kulturlandschaft. Und doch lebten hier einst viele Menschen, Zigtausende bevölkerten die hiesige Garnison, die schon vom königlich-sächsischen Heer genutzt wurde. Lustlager Augusts des Starken sind ebenso überliefert wie kaiserliche Paraden auf dem riesigen Exerzierplatz hinter dem prächtigen Stabsgebäude. Der Platz – bis 1992 noch wie der Rest der Garnison von der Sowjetarmee genutzt – ist längst verschwunden, abgerissen, wie die meisten Gebäude und Baracken, die hier einst standen. Das Stabsgebäude hingegen steht bis heute an seinem Platz. Wie ein Relikt erinnert es an andere Zeiten, unwirklich, mit seinem neu eingedeckten roten Dach über grauen, bröckelnden Fassaden und dem Türmchen, inmitten von Weite und Natur. Ein örtlicher Heimatgeschichtsverein hat das Haus irgendwann als eine Art Museum genutzt. Andernorts vergammeln solche prachtvollen alten Bauten. Hier zeigt sich, wie man sie mit wenig finanziellem Aufwand zumindest vor dem rasanten Verfall schützen kann, bis sich vielleicht ein Investor findet: Ein dichtes Dach ist die halbe Miete im Kampf gegen den Schwamm.

Aufwendig gestaltete Gänge im Inneren des Stabsgebäudes.

Das frühere Stabsgebäude ist daher in erstaunlich gutem Zustand. Zwar blättert auch hier der Putz, Türen stehen offen und Fenster sind zerborsten; durch die Gänge pfeift der Heidewind und spielt mit den Plakaten und Wandzeitungen, die man hier noch wie in alten Tagen finden kann. Doch von Einsturzgefahr kann keine Rede sein – Im Gegenteil: läuft man durch das Haus, staunt man über den guten Erhaltungsgrad von Parkett, Wandfliesen und Sanitäreinrichtungen. Nirgendwo hängen Tapeten in Fetzen von den Wänden. Bis unters Dach ist das Haus top in Schuss – und scheinbar in Nutzung.

Unbeaufsichtigte "Dauerausstellung" im ehemaligen Stabsgebäude zur Geschichte der Garnison Zeithain.

Hier scheinen Menschen akribisch gesammelt und aufbewahrt zu haben, was in den zum Abriss bestimmten Bauten ringsum zurückgelassen worden war: alte Hinweisschilder, Türbeschriftungen, Wandtafeln mit kommunistischen Kampfparolen, aber auch Werkzeug, eine Kohlenlore und altes Aktenmaterial. Jeder kann sich auf diese Reise durch 200 Jahre Militärgschichte in Zeithain begeben, die Türen des Hauses stehen offen. Besonders aus der sowjetischen Epoche sind viele Original-Zeitzeugnisse erhalten. Jedoch sollte man diese einmalige Gelegenheit auch mit der dazugehörigen Portion Anstand quittieren: Die vielen Fundstücke, die dort zu sehen sind, gehören in die Garnison, in dieses Haus, nicht in private Archive!

Heute hat sich die Natur große Teile der ehemaligen Garnisonsstadt zurückerobert, ein einzigartiges Refugium, wo im Minutentakt Rehe aus den Büschen hervorbrechen und Falken ihren Schrei erschallen lassen. Im Mai meinte ich sogar, dort einen Luchs gesehen zu haben und war daraufhin so schnell wie nie zuvor auf mein Rad gesprungen und in Richtung Zivilisation entfleucht.

Äpfel inmitten endloser Heidelandschaft.

Und dann dies Bäumchen, geduckt und knorrig, uralt wahrscheinlich, mit Zweigen die bis zum Boden reichen. Über und über mit herrlichen, rotbäckigen Äpfeln behangen. Und keiner, der diese Pracht erntet. Ich habe mich erbarmt und mitgenommen, soviel die Fahrradtaschen tragen konnten. Leider war ich so hingerissen von diesem Anblick (und zu beschäftigt mit Pflücken), dass ich vergaß dieses kleine Bäumchen zu fotografieren, das vor Jahren noch eine ganze Kleinstadt voll Menschen mit Vitaminen versorgte, die sich sonst hauptsächlich von Büchsenfleisch und Kascha ernährten. Beim Blick in mein Archiv die Entdeckung: Es gibt schon ein Foto. Es zeigt den Baum im Frühjahr in voller Blüte (1. Foto oben auf der Seite, der Baum am linken Bildrand).

Typisches Landschaftsbild des früheren Truppenübungsplatzes in der Gohrisch-Heide.

Es ist ein atemberaubender Kontrast: All diese urwüchsige Landschaft rings umher, darin dieses fremd wirkende Gebäude – und dann ein Baum voller roter Äpfel. Keine der heute im Supermarkt erhältlichen, auf Konsumfreundlichkeit getrimmten Zuchtprodukte, sondern herb-aromatische, feste Früchte. Welche Freude wirst du jahrzehnte-, vielleicht sogar über ein Jahrhundert lang so vielen jungen Burschen gebracht haben, die vermutlich voller Sehnsucht dem Spätsommer zufieberten – bis du endlich Früchte trugst. Frisches Obst – ein Luxus, den es in der Sowjetarmee allerhöchstens an Feiertagen und selbst dann oft nur für Offiziere gab.

Lenin wacht über den Ruhmespfad.

Die Spuren ihrer Existenz hier lassen sich bis heute tausendfach lesen – als Autografen und Inschriften in den Bäumen, auf Mauerresten und in den Wänden der wenigen verbliebenen Gebäude. Im alten Ehrenhain der Garnison legt sich der bedrückende Geist ritualisierter Geschichtsdeutung auf die Schultern. Lenin wacht über den langsam zerblätternden Ruhmespfad der 9. Panzerdivision während des Zweiten Weltkrieges. “Wir dienen der Sowjetunion” steht da in schwarzen kyrillischen Lettern, daneben die Reliefs zweier Soldaten. Und doch ist man irgendwie dankbar, dass dieses Zeitdokument bislang den Abrissbaggern zu trotzen vermochte.

Sowjetische Soldaten während ihres Dienstes in der Garnison Zeithain (80er-Jahre).

Wenn man langsam die alte Heerstraße im Herzen der früheren Garnison entlanggeht, wird es greifbar, das Gefühl des Eingesperrtseins, das viele der hier einst stationierten jungen Männer in stillen Nächten mitten im Wald gepeinigt haben dürfte. Denn unmerklich läuft man in eine Sackgasse. Da vorne, am südlichen Ausgang, versperrt ein eisernes, verschlossenes Tor den schnellen Weg zurück in die Zivilisation, daneben die Überreste eines Checkpoints, in dem wohl unter der Woche ein kettenrauchender Pförtner der Verwertungsgesellschaft residiert. Auch alle anderen Wege, die man nimmt, enden unweigerlich an einem verrammelten Tor. Zurück gelangt man nur auf dem Weg, den man gekommen ist, über die offene Heide nach Osten, hin zur B169.

Nach NSDAP und NSU die NSA – Deutschland wird den NS-Fluch nicht los.

In Moskau sitzt ein junger Mann im Transitbereich eines Flughafens fest. Er hat soeben Europa davon in Kenntnis gesetzt, dass seine Bürger massiv vom US-Geheimdienst überwacht, Politiker und zentrale Institutioen ausspioniert worden sind. Er hat in rund 30 Staaten um Asyl ersucht – jene, denen er mit seiner Aktion die Augen öffnen wollte, haben sein Gesuch allesamt abgelehnt, darunter auch Deutschland. Protest gibt es dagegen keinen. In Deutschland sind der Bau eines unterirdischen Bahnhofes oder die Ablagerung von Atommüll wichtiger als das Schicksal eines Menschen, der sich in den Dienst der Öffentlichkeit stellen wollte, oder gegen Überwachung im ganz großen Stile vorzugehen und Bürgerrechte zu verteidigen.

Es mutet tatsächlich ein wenig wie ein Fluch an. Mit den Buchstaben N und S hat Deutschland nicht viel Glück. Nach dem Vernichtungsfeldzug der Nationalsozialisten (NS) im 3. Reich und der rassistischen Mordserie des Nationalsozialistischen Untergrundes (NSU) zwischen 2000 und 2006 folgt nun der Skandal um die Bespitzelung des US-Geheimdienstes National Security Agency (NSA). Eine halbe Milliarde Daten soll die NSA monatlich aus deutschen Büros und Wohnzimmern abfangen – ob man diese Praxis mittlerweile zurückgefahren oder eingestellt hat, ist nicht bekannt. Dass die Geheimdienstler in Deutschland öffentliche Institutionen verwanzten und Telefone, Handys und Computer überwachten, ist hingegen sehr wohl bekannt – das allerdings nur, weil ein ehemaliger Geheimdienstmitarbeiter ausscherte und den Gehorsam verweigerte.

Edward Snowden. Rechte: Laura Poitras via Wikimedia Commons

Edward Snowden. Rechte: Laura Poitras via Wikimedia Commons

Der 30-jährige Edward Snowden ist seither so was wie the “next big thing” unter den Whistleblowern, nach Wiki-Leaks-Guru Julian Assange, Mordechai Vanunu oder Prototyp Daniel Ellsberg. Letzterer enthüllte 1971 jahrelangen Lug und Trug der US-Regierung, was Vorgänge während des Vietnam-Kriegs betraf, um diesen vor dem eigenen Volk zu rechtfertigen. Ähnliches tat Assange später in Bezug auf die US-Kriege in Irak und Afghanistan.

Nun also Snowden – ein fast schon jungenhaftes Bübchen mit weichen Gesichtszügen, den man eher hinterm Kundentresen eines Handy-Shops vermuten würde, als beim Geheimdienst. Quasi sympthomatisch ist die zweithäufigste Google-Anfrage in Bezug auf Snowden gleich nach “Snowden Wiki” “Snowden girlfriend”… als hätte der Mann derzeit keine größeren Probleme als auf Brautschau zu gehen.
Was treibt einen 30-jährigen, der durch seinen Job beim Geheimdienst für einen jungen Mann ein äußerst privilegiertes Leben genießen durfte, dazu, seine hübsche Villa samt hübscher Frau auf Hawaii gegen einen kahlen Raum im Transit-Bereich des Moskauer Flughafens Scheremetjewo zu tauschen, wo er sich bis heute angeblich aufhalten soll? Einerseits gibt Snowden an, bereits seit Jahren ein schlechtes Gewissen wegen all der umfassenden Überwachung seiner Regierung gehabt zu haben, derer er Zeuge wurde. Angeblich habe er die geheimen Daten bereits 2007 veröffentlichen wollen (da war er 23!), habe aber nach der Wahl Obamas zum US-Präsidenten und dem damit verbundenen Ende der neokonservativen Herrschaft in den USA neue Hoffnung geschöpft. Andererseits meldet sich jener Edward Snowden 2003 unter Präsident George W. Bush zur US-Army, um im Irakkrieg zu dienen. So ganz wird man also nicht schlau aus Snowdens Haltung zum System. Fakt scheint zu sein, dass Snowdens Karriere beim Geheimdienst nach seiner Reservistenzeit begann, nachdem er aufgrund einer schweren Unfallverletzung nicht weiter dienen konnte.

Wie dem auch sei: der Fall Snowden hätte eigentlich wie eine Bombe einschlagen sollen – und kommt doch eher als Blindgänger daher. Noch immer sitzt der Whistleblower in Moskau fest, seine Tat dankt ihm im Prinzip niemand. In Deutschland, das eines der Hauptopfer des Abhörskandales sein soll, hebt die Story praktisch niemanden an. Die Zeitungen berichten zwar rauf und runter, doch die Politik, also diejenigen, die als aufrechte Demokraten und Verteidiger einer Verfassung, die den Schutz der Privatsphäre und der übermittelten Daten hochhält, eigentlich aufschreien sollten, übt sich in erstaunlicher Zurückhaltung. Niemand, mit Ausnahme der üblichen Verdächtigen, bietet Snowden Unterstützung an, stattdessen wenden sich alle ab und überlassen einen Mann seinem Schicksal, dem in den USA eine Anklage wegen Geheimnisverrats und vermutlich eine lebenslange Haftstrafe blüht – weil er uns wissen lassen wollte, dass der Große Bruder immer mithört und -liest. Dass die USA ganz unverblümt allen Staaten drohen, die signalisieren, Snowden Asyl geben zu wollen – kaum ein Medium greift diese Tatsache kritisch auf. Stattdessen muss man Aussagen des US-Außenministers solch dreister Couleur über sich ergehen lassen, dass es einen innerlich fast zerreißt: “Die USA werden Länder für schlechtes Verhalten nicht belohnen”, so Bob Menendez – ohne rot zu werden.

Selbst Linke und Grüne zeigen sich erstaunlich abgestumpft im NSA-Skandal. Mit Ausnahme einiger alibimäßiger Vorstöße bleibt es auch hier ruhig. Wo ist denn die viel beschworene Protestkultur der Linken geblieben? Wo bleibt der Druck auf die Regierung? Es ist eigentlich kaum zu glauben: Da gibt ein Mann seine sichere Existenz auf und lässt sich jagen, damit andere Menschen Kenntnis über gewisse Vorgänge erlangen, um etwas dagegen unternehmen zu können – und in Deutschland interessiert’s eigentlich kein Schwein. Sind wir schon so abgeklärt und demokratiemüde, dass wir systematische Überwachung, um die die USA sicherlich von der STASI aufrichtig beneidet worden wäre, einfach hinnehmen? Wenn in Moskau randalierende Mädchen, die angeblich gegen Prüderie und Orthodoxie in der Gesellschaft protestieren wollen, zwei Jahre ins Arbeitslager marschieren, gibt es Demos ohne Ende. Aber wenn einem jungen Mann lebenslange Haft droht, der gegen weltweite Spionage und massive Bespitzelung zahlloser Europäer durch die US-Regierung zu Felde zieht – still ruht der See. Wird Snowden einfach zum Verhängnis, dass er sich den falschen Feind ausgesucht hat? Barak Obama ist kein Wladimir Putin – zumindest ist hier die Wahrnehmung der westlichen europäischen Gemeinschaft recht eindeutig. Doch statt aufzuwachen und die Qualität der so viel beschworenen engen Bindung Deutschlands an die USA auf den Prüfstand zu stellen, wird weiter brav an alten Mustern festgehalten. Neue Besen kehren eben doch schlecht…

Was auch immer Snowdon für Motive gehabt haben mag – die Reaktion Deutschlands auf sein Öffentlichmachen der amerikanischen Totalüberwachung ist eigentlich der weitaus größere Skandal. Für eine derartige Zurückhaltung kann es eigentlich nur einen einzigen Grund geben: Die deutsche Regierung war bis ins Detail eingeweiht in die Bespitzelung ihrer Bürger und hat diese billigend in Kauf genommen, um am Ende selbst davon zu profitieren, ohne sich dabei selbst die Hände schmutzig machen zu müssen. Dabei muss man nun erkennen, dass der Große Bruder dabei wohl ein wenig übers Ziel hinausgeschossen ist – und man selbst Opfer ausgedehnter Spionageattacken wurde. So war das nicht geplant. Doch mal wieder sitzt man im Glashaus, und da macht sich das Steinewerfen bekanntlich schlecht. Würde Deutschland jetzt rigoros auf eine Aufklärung der Affäre pochen, würde am Ende ja rauskommen, dass man selbst das ganze Ding mit einrührte und von allem wusste. Eine Regierung, die bis heute eine Behörde zur Aufklärung der STASI-Verbrechen betreibt, und selbst über Dritte ihr eigenes Volk bespitzeln lässt. Dieser Fleck würde die weiße Weste ziemlich arg besudeln. Und das macht sich bekanntlich besonders schlecht, wenn Wahlkampf herrscht.

Deutschland müsste Edward Snowden gar nicht Asyl gewähren. Es würde bereits ausreichen, wenn es seine Solidarität mit dem Whistleblower signalisieren und damit ein klares Zeichen an die Adresse der USA setzen würde. Ähnlich, wie man das mit Pussy Riot tat. So aber ist unser Verhalten einfach nur beschämend. Kaum etwas bringt die Bigotterie und Zweierleimaßmessung getreu dem Schema aus dem Kalten Krieg vom “guten Westen und bösen Osten” besser zur Geltung als die Snowden-Affäre im Vergleich zur Pussy-Riot-Affäre. Es ist politisch schick, gegen den nackt reitenden Mann aus Moskau zu wettern, aber es gilt als politisch verhängnisvoll, sich mit den USA anzulegen – zumal, wenn man von deren kriminellen Machenschaften selbst profitiert.

Dresden mit den Augen Sergej Rachmaninows.

Sergej Rachmaninow bei der Arbeit im Garten des Familienlandsitzes im russischen Iwanowka. Foto: Carl Rönisch Pianofortemanufaktur

Sergej Rachmaninow bei der Arbeit im Garten des Familienlandsitzes im russischen Iwanowka. Foto: Carl Rönisch Pianofortemanufaktur


Er galt als der letzte Romantiker der klassischen Musikszene und wusste wie kaum ein Zweiter seiner Zeit die Kritiker zu spalten. In diesem Jahr wäre der Pianist, Komponist und Dirigent Sergej Rachmaninow 140 Jahre alt geworden, vor 70 Jahren starb der Künstler, der auf vielfältige Weise mit der Stadt Dresden verbunden war. Nur einige Winter seines Lebens verbrachte Rachmaninow in Dresden. Doch die reichten, um sich im Gedächtnis der Stadt zu verewigen und selbst sein Herz zu verlieren. Rachmaninow und die Elbmetropole – eine Liebesgeschichte mit tragischem Ausgang.

Am 1. April 1873 als viertes von sechs Kindern auf dem elterlichen Landgut Semjonowo nahe der russischen Kleinstadt Staraja Russa geboren, wird bereits früh das enorme Talent des kleinen Serjoscha offenbar. Alsbald trennen sich die Eltern, und so fördert ihn vor allem die Mutter nach Kräften. Doch erst die Lehrjahre bei Nikolai Swerew in Moskau lassen den Künstler und Komponisten reifen, der es verstand, seine große Sensibilität in ebensolche Werke zu übersetzen. In Swerews Künstlerpension, von Rachmaninow einst als „musikalisches Paradies“ geadelt, entstehen Kontakte zu Größen der russischen Musikszene wie Pjotr Tschaikowski und Sergej Tanejew.

Als Rachmaninow im November 1906 nach Dresden kommt, hat er auf dem internationalen Parkett gerade mit seinem Klavierkonzert Nr. 2 für Aufsehen gesorgt. In Russland jedoch ist sein Stern am Sinken. Er leidet unter der Häme der Kritiker und stürzt in eine tiefe Lebenskrise.
Mit seiner Cousine Natalia Satina, die ihn auffängt und unterstützt und die er 1902 heiratet, und der dreijährigen Tochter Irina bezieht er ein Haus in der Sidonienstraße, einer Querstraße der Prager Straße, die damals noch ihr historisches Gesicht trägt. Vermutlich über Franz Koppel-Ellfeld, dem damaligen Intendanten des in der Semperoper beheimateten Dresdner Hoftheaters, der es zuvor bewohnt hatte, mietet der Komponist ein Haus im hinteren Teil des Grundstückes Nummer 6, unweit des Hauptbahnhofes. Denkbar günstig für die Künstlerfamilie, die in ständigem Reisen begriffen ist und so schnell zum Bahnhof, aber auch zur Semperoper gelangen kann.
Im beschaulichen Dresden kommt der Virtuose zur Ruhe, sucht in anfänglicher Zurückgezogenheit Kraft:

„Wir leben hier still und bescheiden [...] wir sehen keinen und kennen niemanden. Und auch selbst lassen wir uns nirgends sehen und wollen auch niemanden kennenlernen. Alle Russen, scheint es, leben jenseits der Grenze. […] Die Stadt selbst gefällt mir sehr: sehr sauber, sympathisch und viel Grün in den Gärten. […]“

schreibt er kurz nach seiner Ankunft 1906 an einen Freund in der Heimat.

Das Bürgerhaus in der Trachenberger Straße 23 war bis 1990 im Besitz der Familie Rachmaninow. Foto: J. Jannke

Das Bürgerhaus in der Trachenberger Straße 23 war bis 1990 im Besitz der Familie Rachmaninow. Foto: J. Jannke


Die junge Familie wird der Barockmetropole zwei weitere Winter treu bleiben. Die 1907 geborene Tochter Tatjana macht ihre ersten Schritte an der Elbe. Vater Sergej erwirbt währenddessen zwei weitere Immobilien in Dresden. Das Bürgerhaus Trachenberger Straße 23 erstrahlt heute in neuem Glanz, erst mit der Wende 1990 verschwindet ein gewisser Eigentümer Sergej Rachmaninow mit Wohnsitz New York aus den Grundbüchern. Die Villa Fürstenstraße 28 in der heutigen Fetscherstraße hingegen verbrennt ebenso wie der Familiensitz in der Sidonienstraße beim Bombenangriff am 13. Februar 1945.

Langsam wird der Künstler in Dresden heimisch. Er erkundet seine barocken Schönheiten, besucht die Generalproben in der Semperoper und ist fasziniert von der Vielfalt des kulturellen Lebens in der Stadt. Auch künstlerisch ist Dresden ein fruchtbares Pflaster. Zahlreiche neue Werke entstehen, darunter die Zweite Sinfonie e-moll op.27, die Erste Sonate für Klavier d-moll op.28 sowie die sinfonische Dichtung “Die Toteninsel” op. 29 nach einem Gemälde Arnold Böcklins.

Carl Rönisch gründete 1845 in Dresden die Königlich-Sächsische Hofpianofabrik. Foto: Carl Rönisch Pianofortemanufaktur

Carl Rönisch gründete 1845 in Dresden die Königlich-Sächsische Hofpianofabrik. Foto: Carl Rönisch Pianofortemanufaktur

Die Reste der Königlich-Sächsischen Hofpianofabrik im Wallgässchen in der Inneren Neustadt. Foto: J. Jannke

Die Reste der Königlich-Sächsischen Hofpianofabrik im Wallgässchen in der Inneren Neustadt. Foto: J. Jannke

Enge Kontakte pflegt er zur in der Dresdner Neustadt ansässigen Königlich-Sächsischen Hof-Pianofabrik von Albert und Hermann Rönisch – damals einer der namhaftesten Klavierproduzenten der Welt. Zahlreiche bekannte Musiker spielten auf Instrumenten Dresdner Provenienz, die seinerzeit zum Besten unter dem Modernen zählten. Bis heute ist jener Rönisch-Flügel Nr. 59183, auf dem unter anderem auf Rachmaninows Landsitz in Iwanowka sein berühmtes 3. Klavierkonzert entsteht, im dort befindlichen Museum zu besichtigen.

„Leider können wir heute nicht mehr sagen, wann genau er den Flügel erwarb oder was er kostete, da alle Dokumente und Unterlagen im Bombenangriff 1945 verloren gingen“, erklärt Rönisch-Geschäftsführer Frank Kattein. Die Manufaktur im Dresdner Wallgässchen, in der Rachmaninows Flügel entstand, wird am 13. Februar 1945 ein Raub der Flammen, seither produziert Rönisch in Großpösna bei Leipzig. Noch heute ist man hier auf den berühmten Kunden stolz. Reste des alten Fabrikgebäudes im Wallgässchen sind bis heute erhalten und beherbergen unter anderem das Museum Körnigreich zu Ehren des Künstlers Hans Körnig.

Im Frühjahr 1909 findet die unbeschwerte Zeit in Dresden zunächst ein Ende. Seiner Frau Natalia hat Rachmaninow versprochen, nie länger als drei Jahre im Ausland zu leben. Er hält Wort, obgleich er die Stadt ins Herz geschlossen hat. Wie schwer ihm der Abschied aus Dresden fällt, offenbart er in einem Brief in die Heimat:

„Wie schön ist es hier in Dresden, Sergej Iwanowitsch! Und wenn Sie wüssten, wie traurig ich bin, dass ich hier den letzten Winter verbringe!“,

schreibt er im März kurz vor seinem Abschied an seinen Freund und früheren Lehrer Sergej Tanejew. Doch es ist kein Abschied von Dauer. Konzerttourneen führen ihn schon bald wieder an die Elbe. Am 2. Dezember 1910 und am 15. März 1912 gibt er umjubelte Gastspiele in der Semperoper.

Auf einem Dresdner Flügel zum Erfolg: Das Rönisch-Exemplar Sergej Rachmaninows in Iwanowka. Foto: Carl Rönisch Pianofortemanufaktur.

Auf einem Dresdner Flügel zum Erfolg: Das Rönisch-Exemplar Sergej Rachmaninows in Iwanowka. Foto: Carl Rönisch Pianofortemanufaktur.

Die Oktoberrevolution in Russland und der Erste Weltkrieg, in dem sich Russland und Deutschland als Gegner gegenüberstehen, bilden eine schmerzliche Zäsur. Aus Furcht vor Pogromen flieht der aus begüterten Verhältnissen stammende Rachmaninow 1917 mit seiner Familie vor den Bolschewisten aus Russland in die USA, wo er bis zu seinem Tod leben wird. Die Beziehung zu Dresden aber reißt noch lange nicht ab.

In den Goldenen Zwanzigern gastiert er wieder regelmäßig mit seiner Familie in der Barockmetropole. Überliefert sind seine Aufenthalte in der Villa Fliederhof in der Emser Allee 5 (heute Goetheallee 26), einem bekannten Künstlertreff der Familie Schuncke. Hier feiert auch Sergejs Tochter Irina ihre Hochzeit mit dem Fürsten Pjotr Wolkonskij, mit dem sie am 24. September 1924 feierlich in der russisch-orthodoxen Kirche des Heiligen Simeon vom wunderbaren Berge in der Südvorstadt getraut worden war, die bis heute fortbesteht. Porträts der Dresdner Fotografin Ursula Richter, die in Blasewitz eine „Werkstätte für Lichtbildkunst“ betreibt, dokumentieren Treffen mit Sergej Zharow, der einst die Don-Kosaken-Chöre weltberühmt machte.
Viele Jahrzehnte später – zwei Weltkriege nahezu unversehrt überstanden – wird auch die Villa Fliederhof ein Raub der Flammen: Bei einem Brand infolge einer Familientragödie, bei der zwei Menschen ums Leben kommen, wird sie 1979 völlig zerstört. Bis heute erinnert eine Tafel an das Haus und seinen berühmten Gast.

Mit der Machtergreifung der Nazis 1933 findet Sergej Rachmaninows enge Beziehung zu Dresden ein jähes Ende. Ausländische Künstler werden bis auf wenige Ausnahmen von den Bühnen verbannt. Mit dem Überfall Deutschlands auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 verschärft sich die Lage weiter: Russische Interpreten werden nun gar nicht mehr gespielt.
Das Leben Sergej Wassiljewitsch Rachmaninows endet am 28. März 1943 mit der gleichen Dramatik, die ihn Zeit Lebens begleitete und sich auch in vielen seiner Werke widerspiegelt. Viel zu früh, mit nur 69 Jahren, stirbt der Komponist vier Tage vor seinem 70. Geburtstag in New York an Krebs. Sein inniger Wunsch, in der Heimat bestattet zu werden, bleibt ihm aufgrund des in Russland tobenden Krieges verwehrt. Seine letzte Ruhe findet er auf dem Kensico-Friedhof bei New York.

Dieser Beitrag ist die leicht modifizierte Fassung eines Artikels, der am 17. Juni 2013 auf dem Dresden-Portal Dresden-Kompakt erschien. Alle Rechte: Jane Jannke

Dresden, deine Sowjetarmisten…

Ein Licht für das Dunkel der Vergangenheit. Foto: Heike Richter

Es ist noch immer ein seltsames Gefühl. Für jemanden, der die Zeit der sowjetischen Besatzung zwar nur als Kind, sehr wohl aber bewusst miterlebt hat, die Einschränkungen gespürt hat, die diese für die Menschen in Dresden mit sich brachte, und auch die fremde Kultur der Härte und des Misstrauens – für den wird es wohl immer ein leichtes Prickeln im Nacken mit sich bringen, wenn er auf einem sowjetischen Friedhof steht und der dort begrabenen Toten gedenkt, die während genau dieser Zeit ums Leben kamen. Dennoch ist die Auseinandersetzung mit dieser Zeit, mit diesen Menschen, für mich zu einer Art Lebensaufgabe geworden, stellt sie doch nicht zuletzt auch eine Brücke in meine ganz persönliche Vergangenheit dar. Der Sowjetische Garnisonfriedhof ist somit kein Ort des Todes, sondern von Geschichte, wie sie lebendiger nicht sein könnte.

Und je länger man sich mit dieser vielmals nur als eine finstere Zeit der Unfreiheit, der Scham und der Ohnmacht empfundenen, 50 Jahre währenden Epoche auseinandersetzt, desto mehr staunt man darüber, wie sie zunehmend an Finsternis verliert, im Lichte wiederkehrender Erinnerung. Es sind da eben nicht mehr nur die diffusen Wahrnehmungen “der Russen” als restriktive Ordnungsmacht, sondern die Ordnungsmacht bekommt Gesichter, Namen, die irgendwann wieder aus den Tiefen des Gedächtnisses auftauchen, bis hin zu einzelnen Worten, einem Lächeln, einem Geschenk, die man längst vergessen hatte. Wo vor Jahren noch ein Loch klaffte, eine verstörende Lücke in der eigenen Biografie, die entstand, als nach der Wende alles das, was zuvor war, mit Schamhaftigkeit, Schwäche und Rückständigkeit assoziiert wurde, findet die Vergangenheit endlich einen würdigen Platz – in der Erinnerung, und auch im täglichen Tun und Streben, ohne dass sie dabei den Ton angäbe.

Es nützt nichts, die Vergangenheit ausblenden, sie vergessen zu wollen, nur weil sie schwere Zeiten parat hielt. Die Zeiten waren für die vielen jungen Soldaten, die heute auf dem Nordflügel des Garnisonfriedhofes begraben liegen, keinesfalls weniger schwer als für uns. Diese Erkenntnis erfordert Überwindung, aber sie ist notwendig. Sie gibt den Menschen jenes Stück Würde zurück, das ihnen damals genommen wurde. Auch sie waren nicht frei. Wie wir.

Dresden, deine Sowjetarmisten. Es wäre ein Neuanfang in der Dresdner Gedenkkultur. Einen ersten Schritt dahin wagt der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge mit seiner Gedenkveranstaltung, die am 23. Februar bereits zum zweiten Mal stattfand.

Von rechts: Stadtrat Torsten Schulze (Grüne), Stadtrat Martin Bertram (SPD, 3. v. rechts). Foto: Heike Richter

35 Gäste aus Politik, Vereinsleben und Gesellschaft waren anwesend, darunter die Vizepräsidentin des sächsischen Landtages, der Kommandeur der Offizierschule der Bundeswehr, eine Vertretung des kasachischen Honorarkonsulates und ein russischer Weltkriegsveteran, dessen ganzes Streben der Aussöhnung zwischen Deutschen und Russen gilt. Erinnerungen an sowjetische Soldaten hat jeder von ihnen. Und selbst die, die sie nicht haben, wissen den Wert von Zeitzeugnissen, die ihnen Zugang zu unserer Vergangenheit verschaffen, umso mehr zu schätzen.

Viktor Maximow kämpfte im Zweiten Weltkrieg als Offizier in Reihen der Roten Armee gegen die Deutschen. Seit vielen Jahren setzt er sich für eine Aussöhnung zwischen beiden Völkern ein und hilft mit deutscher Unterstützung Kriegsveteranen in Russland.


Und so bewegte es alle Anwesenden besonders, als der 89-jährige Viktor Maximow, der selbst noch als Offizier im Zweiten Weltkrieg gegen die Deutschen kämpfte und später in einem Buch beschrieb, wie das anfängliche Gefühl des Hasses immer mehr dem Wunsch nach Versöhnung und Vergebung wich, spontan das Wort ergriff und dem anwesenden Kommandeur der Offizierschule der Bundeswehr, Brigadegeneral Jürgen Weigt, für sein Engagement für den Erhalt des Nordflügels dankte.

Der 23. Februar – ein Tag, an dem auf dem Sowjetischen Garnisonfriedhof viele Jahrzehnte lang der Gründung der Roten Armee im Jahr 1918 gedacht wurde. Nun wollen wir diese Tradition keinesfalls fortführen.

Blumen für die Toten - und die Hoffnung auf einen respektvolleren Umgang mit den Zeugnissen unserer Vergangenheit. Im Vordergrund: Alevtina Böttner, Honorarkonsulat der Republik Kasachstan.

Die Helden der Oktoberrevolution, des Bürgerkrieges in der jungen Sowjetunion – es sind nicht unsere Helden. Und doch bildet der 23. Februar einen wichtigen Anknüpfungspunkt für die Menschen hier, die lange Zeit mit der Sowjetarmee Tür an Tür lebten. Hier kann es kein starres, rückwärtsgewandtes Gedenken geben, das an alten sowjetischen Traditionen orientiert. Nicht, wenn das Ziel sein soll, die zukünftigen Generationen für 50 Jahre sowjetische Präsenz in Dresden zu interessieren, die all dies nie selbst erlebt haben. Hier muss ein Gedenken stattfinden, das mehr einem geöffneten Fenster in die Vergangenheit gleicht, das gleichzeitig erklärt, in Beziehung setzt, Indentifikation stiftet.

Nichts stiftet wiederum mehr Identifikation als das Übertragen persönlicher Verantwortung. Verantwortung beispielsweise für den Erhalt wichtiger Zeitdokumente, die über jene Tage Zeugnis ablegen. Und deshalb ist der 23. Februar für den Volksbund und damit den Freundeskreis Sowjetischer Garnisonfriedhof auch klar mit dem Auftrag an Politik und Gesellschaft verknüpft, sich ihrer Verantwortung für die folgenden Generationen bewusst zu werden und auch die Zeitzeugnisse der Besatzungsjahre nicht wirtschaftlichen Planspielen zu opfern. Damit auch in vielen Jahren noch Angehörige der Toten einen Ort zum Trauern und die Dresdner einen Ort haben, an dem sie sich erinnern oder Geschichte hautnah erleben können. In seiner Gedenkrede hätte es der sächsische Volksbund-Landesvize Holger Hase besser nicht auf den Punkt bringen können als mit dem berühmten Zitat Charles de Gaulles: “Die Kultur eines Volkes erkennt man an seinem Umgang mit den Toten.”

Der stellvertretende Vorsitzende des Landesverbandes Sachsen des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge fand deutliche Worte zur geplanten Zerstörung des Nordflügels des Sowjetischen Garnisonfriedhofes.

Die Dresdner Rathauspfeifer und ein Ensemble des Chores der russisch-orthodoxen Gemeinde zu Dresden setzten im gemeinsamen Rahmenprogramm russische und deutsche Akzente.


Fotos 3-6: Jane Jannke

Drei Stunden Hass – Dresden am 13. Februar

Großteils friedlich, so titelte die Dresdner Medienlandschaft fast einhellig, sei der diesjährige 13. Februar zu Ende gegangen. Ein saftiger Euphemismus, sage ich als Medienvertreterin, die direkt mittendrin war. Drei Stunden lang war ich zwischen Hauptbahnhof, Lennéplatz und Parkstraße unterwegs, jenem Quadranten, in dem sich die Konfrontation zwischen aufmarschierenden Nazis und protestierenden Antifaschisten hauptsächlich abspielte.

Zwei Stunden davon stand ich mit vielen anderen Pressevertretern in der Pufferzone, die die Polizei mittels menschlicher Absperrungen zwischen eine Gruppe von etwa 270 Nazis und von drei Seiten angreifenden Blockierern gehauen hatte. Von hier aus hat man alles gut im Blick, wird aber gelegentlich auch zur Zielscheibe von Schneeball- und Flaschenwürfen. Auf der anderen Seite des gestoppten Nazimarsches eine weitere, noch größere Wand aus Blockierern. Die Nazis standen mittendrin und mussten sich zähneknirschend Schneeballattacken gefallen lassen, die von allen Seiten geflogen kamen. Ihre Kundgebung samt Fackel-Show und zynischen Tiraden Udo Pastörs hielten sie trotzdem ab – beschützt von Polizeibeamten, die diesen Belagerungszustand über Stunden nicht aufzulösen in der Lage waren. Zum Dank mussten sich die Beamten Hohn von Nazis und Blockierern gleichermaßen gefallen lassen. Obgleich das Recht auf ihrer Seite stehe, sorge die Polizei nicht dafür, dieses Recht durchzusetzen, ätzte Pastörs über sein Megafon. Und der Witz an der ganzen Sache: Er hatte damit noch nicht mal Unrecht. Derweil schlugen “Antifaschisten” im Schutz der Dunkelheit mit Zaunlatten auf Polizeibeamte in Zivil ein und verletzten sie dabei schwer.

Wenn man so mitten unter den Demonstranten steht, beschleicht einen zusehends das Gefühl, dass es gar nicht darum geht, etwas gegen Rechts zu tun, zumindest vielen geht es nicht darum. Die Stimmung im Lager der Blockierer ist viel zu aufgekratzt, ja regelrecht ausgelassen. “Nazis aufs Maul hauen”, “Nazis erschießen”, die Hassgesänge werden immer expliziter. Neben den Skandeuren stehen feixende Mädels mit Rastas und unschuldiger Stupsnase, die man eigentlich eher an der nächsten Veggie-Bude oder beim Kampfhäkeln vermutet hätte. Die Stimmung ist zu ausgelassen, um der behaupteten Ernsthaftigkeit des Anlasses gerecht zu werden. Und sie ist bisweilen klar aggressiv. Böller krachen, Gesänge werden angestimmt, die an Choreos in Fußballstadien erinnern: “Ihr könnt nach Haaaause fahrn, ihr könnt nach Haaause fahrn…” tönt es am Hauptbahnhof aus vielen Kehlen in einem so perfekten Kanon, als hätte man einige Routine darin. Kein Zweifel, wer da “demonstriert”. Die gleichen Typen in schwarzen Kapu-Sweats und Picaldi-Hosen kennt man auch von früheren eskalierten BRNs, die Gesänge auch.

Ich klettere auf ein Geländer, um weithin über die tobende Menge fotografieren zu können. Als ich wieder runtersteige, bauen sich plötzlich vor mir fünf junge Männer auf, die Kapuzen tief ins Gesicht gezogen. Sie umringen mich und schnauzen mich rüde an. Was ich mir erlaube, hier den Leuten ins Gesicht zu fotografieren. Eine Demo sei das hier, und ob ich die Demonstranten an die Bullen verraten wolle. Ich schaue in die aggressiven Gesichter, die feindseligen Augen. Meinen Job sollen sie mich hier machen lassen, ich sei von der Presse, antworte ich ihnen. Doch mit Pressefreiheit kann man die Meute wenig beeindrucken. Die Stimmung lädt sich weiter auf. Angriffslustig umschleicht und beschimpft man mich. Ich versuche zu entkommen, aber man lässt mich nicht. Einer greift nach meiner Kamera, will sie mir vom Hals zerren. “Zeig doch deinen Presseausweis, wenn du einen hast”, grölt mich ein anderer an und kommt mit seinem Gesicht dabei ganz dicht vor meines. Später sagt man mir, dass sie so an meinen Namen kommen wollten.

Ich kann schließlich im Chaos der Menschenmenge doch entrinnen. Um mich herum hatten in diesen drei-vier Minuten Hunderte Leute gestanden. Leute, die jederzeit in eine Kamera sagen würden, dass sie Gewalt bei Blockaden ablehnen. Geholfen hat mir niemand. Und nächstes Jahr werden sie wieder feiernd und singend neben diesen Leuten stehen, überzeugt davon, sich für Demokratie einzusetzen. Keine zehn Meter entfernt standen Polizeibeamte, die – hoffnungslos überfordert – nicht mal hätten einschreiten können, wenn sie diese Szene mitbekommen hätten. Blockieren, das haben mich die drei Stunden gelehrt, ist eine Riesen-Party, ein Happening ohne Gleichen, bei dem sonst gut kontrollierte Triebe und Neigungen kollektiv ausgelebt werden. Hier, in der schützenden, großen Masse, kann man die Sau rauslassen, randalieren, demolieren, toben und auch schon mal überschüssige Energie an vermeintlichen Feinden abarbeiten. Ob das Nazis, Polizisten oder Journalisten sind, ist letztlich egal. Und die Pace dazu gibt coole Mugge vor, die aus Lautis dudelt.

Törö-Tärä – bald is mal wieder 13. Februää…

Alles Hoffen hat nichts genützt. Ich kann mich um das alljährliche Schmierentheater, an dem sich alle politischen Lager von ganz weit rechts bis ganz weit links gleichermaßen beteiligen, einfach nicht herumdrücken. Dabei ist schon jetzt ein Punkt erreicht, dass ich bald nicht mehr weiß, wie ich mich weiter möglichst unauffällig fremdschämen soll.

Das Bündnis Dresden-Nazifrei, das nicht mehr als ein Zweckbündnis ist, in dem sich ein aufrichtiger Kern insgeheim dafür schämt, dass die große Masse, die dieses Bündnis eigentlich trägt, ein radikaler Haufen ist, der jedwede Verbindlichkeit in Sachen Gewaltfreiheit ablehnt, darf nicht öffentlich trainieren, wie man eine genehmigte Demonstration aufmischt, wie man Polizeiketten “durchfließt”. Für Dresden-Nazifrei ein eindeutiges Zeichen für anprangerungswürdige “sächsische Verhältnisse”. Und während Eva Jähnigen von den Grünen auf dem Altmarkt noch “Demokratie” forderte, ist wahrscheinlich keinem der rund 60 Demonstranten bewusst gewesen, dass man selbst – wenn auch unter allzu löblichen und nachvollziehbaren Vorzeichen – der guten alten Demokratie einen kräftigen Tritt in den Hintern zu versetzen im Begriff ist.

Demokratie, liebe Blockierer, bedeutet nach Voltaire oder auch Rosa Luxemburg, seine Hände für die Meinungsfreiheit ins Feuer zu legen, auch wenn einem die eine oder andere Meinung “zuwider ist”, den Andersdenkenden nicht allein deshalb zu verurteilen weil er anders denkt. Es bedeutet gerade nicht, lediglich seiner eigenen Meinung stets zu Geltung verhelfen zu wollen. Die Einschätzung, ob dieses “anders” nun gut oder schlecht ist, wird immer subjektiver Natur sein und kann deshalb in einem demokratischen Rechtsstaat nur dann erfolgen, wenn streng juristisch anhand der Verfassung argumentiert wird. Unsere Gesellschaft gründet sich auf Antipoden. Die Rechten mögen die Ausländer und die Juden nicht, die radikalen Juden mögen die Muslime und die radikalen Muslime abermals die Juden nicht. Die Linken mögen wiederum die Rechten nicht, während die Rechten die Linken nicht leiden können. Die Anarchisten möchten am liebsten den Staat ganz abschaffen und der Staat setzt sie dafür auf die Liste der Verfassungsfeinde. Und alle haben wir immer eine vermeintlich hieb- und stichfeste Begründung für unsere jeweiligen Vorbehalte auf Lager. Wenn alle versuchen würden, dem jeweiligen Feindbild die Grundrechte streitig zu machen, befänden wir uns im Bürgerkrieg.

Damit wir uns richtig verstehen: Wenn ein Nazi einen Migranten totschlägt, dann ist das ein widerwärtiges Verbrechen, das eines gerechten Urteils bedarf, dann ist das etwas, das man nicht tolerieren darf. Und unser demokratisches Recht gibt uns hier auch alle Möglichkeiten in die Hand, zu strafen und den Tätern ihre Rechte bis auf ein Mindestmaß zu entziehen. Wenn ein Nazi aber eine Demo anmeldet, bei der keine verfassungsfeindlichen Symbole oder Tiraden auftauchen und bei der auch niemand ermordet wird, dann ist das – so schwer es mir fällt, das zu sagen – sein gutes, demokratisch verbrieftes Recht, solange die NPD (und somit ihre politischen Ziele) nicht als verbrecherisch geächtet und entsprechend verboten worden sind. Allein: Rechte Gewalttaten wird weder ein Verbot der NPD noch ein Verbot von Nazi-Demos verhindern können.

Wenn ein Nazi aus Hass tötet, dann ist das genauso schlimm und widerwärtig wie jeder andere Mord, der aus Menschenverachtung heraus geschieht. Dennoch ist es ein Fehler, von solchen Einzeltätern auf die gesamte rechtsradikale Szene zu schließen, die in ihren Strukturen und Zielen ähnlich heterogen ist wie die radikallinke Szene, in der Ökos neben Stalinisten und Kommunisten neben Anarchisten stehen. Hier geht es nicht darum, ob am Ende tatsächlich Menschen sterben, oder nicht, weil sie vielleicht einfach nur Glück hatten. Es gibt in der radikallinken Szene ein ebensolches Gewaltpotenzial wie in der rechtsradikalen. Es gibt linke Gruppen, die Bomben- und Brandanschläge verüben und dabei billigend Menschenleben in Kauf nehmen, und es gibt rechte, die das Gleiche tun. Verbindendes Element zwischen beiden sind die Ideologie, die über allem steht, der Hass auf den Staat und das unbedingte Feindbild des jeweils anderen Lagers, das es rücksichtslos zu bekämpfen gilt.

Wollte man mit einem ähnlichen Argument Ehrenmorde verhindern oder ächten, müsste man als Nächstes Demos von Muslimen untersagen. Ist es das, was das Bündnis Dresden-Nazifrei fordert? Nein? Aber die Frage ist doch: Wo führt es hin? Wer garantiert denn bitte, dass es bei den Nazis bleibt? Merken die Protagonisten denn nicht, auf welch dünnes Eis man sich mit dieser Position begibt, demokratische Grundrechte nach politischer Ansicht bzw. Zugehörigkeit zu einer bestimmten missliebigen Gruppe aberkennen zu wollen? Demokratische Rechte nur für die, die sich so verhalten, wie es eine bestimmte politische Gruppe möchte? Oder wie es eine Mehrheit möchte? Das hatten 1933 schon mal. Es darf eben NICHT reichen, dass jemand nationalistisches Gedankengut hegt, um ihn zum Rechtlosen zu stempeln, auch dann nicht, wenn dieser Mensch anderen Menschen das Gleiche zugedenkt. Genau durch diese Einsicht nämlich unterscheide ich mich als wahrer Demokrat von ihm. Und ich bin FROH, dass wenigstens unsere Justiz sich an demokratische Grundsätze noch hält. Vor allem DAS ist für mich ein Beweis für ihre Wehrhaftigkeit. Wo mancher Politiker bereits der Verlockung erlegen ist, auf der Welle der Anti-Nazi-Proteste den Sympathieträger zu mimen und jegliche demokratische Verpflichtung über Bord zu werfen, steht wenigstens die Justiz noch fest auf demokratischem Boden.

Als ausgesprochen weit links angesiedelte Demokratiegläubige schäme ich mich regelrecht für Politiker wie Eva Jähnigen oder Margot Gaitzsch und all die vielen anderen, die sich Jahr für Jahr neben autonomen Gewaltfanatikern und radikalen Linksaußen wie Marxisten/Leninisten und sogar Stalinisten in ein Bündnis einreihen, das Demokratie lediglich als schlagkräftiges “Argument” auf Protestplakaten schätzt, die im gleichen Atemzug nach Exklusivrechten schreien. Ein Widerspruch, der maßgeblich dafür verwantwortlich ist, dass insbesondere die Linke für mich trotz meiner geistigen Nähe zu einer Vielzahl ihrer politischen Positionen nicht wählbar ist. Demokratie darf insbesondere bei unserer Geschichte nicht zum Kraftwort verkommen, das man rauskramt, wenn es einem passt, und das unbequem wird, wenn es nicht darum geht, zu profitieren, sondern zu tolerieren. Es gibt eben leider nicht nur eine Partei, die damit anscheinend Schwierigkeiten hat.

Totgesagte leben länger – zwei Jahre Kampf für den Erhalt des Nordflügels des Sowjetischen Garnisonfriedhofes.

Es gibt ihn noch, den Nordflügel des Sowjetischen Garnisonfriedhofes. 30 Monate, nachdem das Sächsische Immobilien- und Baumanagement (SIB) damals noch gemeinschaftlich mit dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge in Gestalt seines damaligen sächsischen Landesgeschäftsführers Klaus Leroff erstmals mit Vertretern des Sozialministeriums Pläne diskutierte, die die Einebnung der 605 Gräber aus der sowjetischen Besatzungszeit vorsehen, sind sie immer noch da. Auch wenn nach wie vor jeden Tag die Bagger anrücken können – für die Menschen, die sich für seinen Erhalt einsetzen, ist die Tatsache, dass dies bislang abgewendet werden konnte, jeden Tag aufs Neue ein Erfolg.

Zwei Jahre Kampf um eines der wenigen noch erhaltenen Zeitzeugnisse aus jenen 45 Jahren Dresdner Geschichte liegen hinter uns. Galten die Leroff-Pläne, die neben der Einebnung der Gräber zugunsten einer pflegeleichten Grünfläche auch die Errichtung eines zentralen Gedenkbereiches sowie eines Wildschutzzaunes vorsehen, zum Jahresende 2010 noch als das Nonplusultra würdevoller Gedenkkultur für den Nordflügel, ist das SIB mit seinen Plänen heute weitgehend isoliert. Nicht nur hat der damals noch verbündete Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge mittlerweile seine Position in der Causa Nordflügel grundlegend verändert. Sowohl der Stadtverband Dresden als auch der sächsische Landesverband haben sich von den Leroff-Plänen distanziert und setzen sich für den Erhalt der Anlage in ihrem historischen Zustand ein. Von Ex-Landesgeschäftsführer Klaus Leroff, der – wie sich herausstellte – weitgehend eigenmächtig seine Pläne vorangetrieben hatte, trennte man sich zu Jahresbeginn 2012.

Auch immer mehr Bürgerinnen und Bürger sowie Vereine und Denkmalschützer lehnen die Zerstörung der denkmalgeschützten Friedhofssubstanz ab. Und nicht zuletzt Moskau verweigert dem SIB nach wie vor seine Zustimmung zu den Umgestaltungplänen – auch dank der unzähligen Bittschreiben, die mittlerweile aus Dresden und Russland im Kreml eingingen. In der Heeresoffizierschule haben wir zudem einen einflussreichen, zuverlässigen Partner gefunden, der uns bei der Pflege der Anlage unterstützt – und somit mithilft, dass wir unser Angebot an den Freistaat, ihm ehrenamtlich dabei unter die Arme zu greifen, einlösen können.

Auch wenn es manchmal haarsträubend auf dem Nordflügel aussieht, weil Gras und Unkraut sprießen oder die Wildsau mal wieder ihren Weg durch den notdürftig geflickten Maschendrahtzaun gefunden hat – das ist es allemal wert. Denn wenigstens haben so Angehörige nach wie vor einen Ort, wo sie einen Grabstein mit dem Namen ihres Lieben vorfinden und unter dem sie diesen auch ganz sicher wissen. Und Besucher können sinnend an jener Stelle stehen, an der noch heute acht Gräber davon zeugen, dass im Juni 1954 acht junge Männer innerhalb weniger Tage ihr Leben verloren, fünf davon allein an einem Tag. Dank der noch vorhandenen Grabsteine und der davon ablesbaren Daten können wir mit ziemlicher Sicherheit deuten, dass sie bei einer Tragödie während eines Frühjahrsmanövers oder einem andersartigen Unfall ums Leben kamen. DAS ist gelebte Geschichte, gelebte deutsch-russische Verständigung! Da verzichtet man gern auf einen Zaun, lieber Herr Wagner. Und genau deshalb werden wir nicht aufgeben – aus Verantwortung für die nachwachsenden Generationen. Jemand muss sie ja übernehmen, wenn es der Freistaat nicht tut. Unser Ziel lautet: Zaun und Instandsetzung ja, aber keine Zerstörung und Entweihung des Friedhofes für mehr als 300.000 Euro Steuergeld, um 4000 Euro Pflegeersparnis im Jahr zu erreichen!

Übrigens: In Zusammenarbeit mit dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, in dessen Dresdner Stadtverband der Freundeskreis Sowjetischer Garnisonfriedhof seit Jahresbeginn als eigenständige Arbeitsgruppe integriert ist, bietet dieser künftig Führungen über den Nordflügel an. Dabei gibt es nicht nur Wissenswertes über die Geschichte des Friedhofes und den Einsatz für den Nordflügel zu erfahren. Dank intensiver Forschungsarbeiten lassen wir für die Gäste etwa die letzten Tage des 2. Weltkrieges in Dresden aufleben, in denen viele der auf dem Friedhof beerdigten Menschen ihr Leben verloren, oder geben Einblicke in den Alltag hinter den Kasernenmauern der sowjetischen Armee während der Besatzungszeit. Hinter vielen Grabmalen und Gedenksteinen warten spannende Geschichten, die erzählt werden wollen – traurige und erschütternde, anrührende und spannende. Und wir freuen uns auf die Geschichten der Gäste, mit denen wir uns gemeinsam erinnern wollen, daran, wie sie diese Zeit erlebten, als Mauern und Stacheldrähte im Dresdner Norden noch so nah waren, dass man ihnen kaum aus dem Weg gehen konnte.

Neujahrsgrüße an Serjoschenka – Krankenakten sowjetischer Soldaten in Kasernenruine aufgetaucht.

Sie lagen einfach da, mitten in einem kahlen, mit Müll und Tierkot verschmutzen Raum in einem vor sich hinrottenden, seit 20 Jahren leer stehenden ehemaligen Kasernengebäude in Königsbrück. Erst traute ich meinen Augen kaum. Schon eine gute halbe Stunde war ich in dem bis 1993 von der Sowjetarmee genutzten Gebäude herumgestiegen, um Fotos zu machen und nach Spuren und Hinterlassenschaften zu suchen, die es wert waren, dokumentiert zu werden. Gefunden hatte ich neben einigen alten Zeitungen bis dato nichts Weltbewegendes. Und fast hätte ich sie übersehen, wenn da nicht die Akuratesse eines säuberlich aufgeschichteten Häufchens Papier gewesen wäre, das mitten im Raum auf dem Fußboden lag und sich irgendwie abhob vom chaotischen Rest aus Büchsen, zerfledderten Tapeten und Glassplittern. Fast sah es aus, als hätte gerade erst jemand den Stapel dort hingelegt – und dann vergessen, ihn wieder mitzunehmen.

Mehrseitige Krankenakte eines sowjetischen Soldaten. Format: DIN A4. Zeit: Februar 1991.

Mehrseitige Krankenakte eines sowjetischen Soldaten. Format: DIN A4. Zeit: Februar 1991.

Mehrseitige Krankenakte eines sowjetischen Soldaten. Format: DIN A4. Zeit: Februar 1991.

Mehrseitige Krankenakte eines sowjetischen Soldaten. Format: DIN A4. Zeit: Februar 1991.


Als ich näher ging, um nachzusehen, um was es sich handelte, traute ich meinen Augen kaum. Vor mir lag ein Stapel von mehr als einem Dutzend Krankenakten ehemals hier stationierter sowjetischer Soldaten, einige “Medizinskaja Knijkas” – vergleichbar mit dem SV-Ausweis der DDR – sowie eine Ansichtskarte.
Die Akten stammten ausschießlich von jungen Wehrpflichtigen, die zwischen 1990 und 1992 im 44. Panzerregiment “Suche Bator” dienten. Darin: ausführliche Dokumentationen von Krankengeschichten, von den persönlichen Daten wie Namen, Geburtsdatum, Heimatanschrift, Dienstgrad, Einheit und Zeitpunkt der Einberufung über den Zeitpunkt und den Grund der Einlieferung ins Lazarett bis hin zu Form und Dauer der Behandlung, samt Fieberkurven und Vermerken über Operationen, und Zeitpunkt der Entlassung. Jeder, der des Russischen mächtig ist, konnte sich 20 Jahre nach der hoffentlich glücklichen Heimkehr der jungen Patienten in ihre Heimat über deren Leidensweg im Königsbrücker Lazarett belesen, das sich sehr wahrscheinlich einst in jenem Gebäude befunden hat. Laut Akten ging das zweifelhafte Abenteuer Lazarett trotz bisweilen ernsthafter Erkrankungen für diese Patienten glimpflich aus, sie alle wurden als “gesund” in ihre Einheiten entlassen, nach bis zu dreiwöchigen Klinikaufenthalten. Wohl kaum einer von ihnen dürfte geahnt haben, dass intimste Details seiner Krankengeschichte jahrelang für jedermann frei zugänglich in einem Abrisshaus in Deutschland vor sich hinmodern würden.

"Medizinskaja" Knijka" von A. M. Mischin von 1990.

"Medizinskaja" Knijka" von A. M. Mischin von 1990.

"Medizinskaja Knijka" mit Röntgenaufnahmen von W. Nigmatow - 1987.

"Medizinskaja Knijka" mit Röntgenaufnahmen von W. Nigmatow - 1987.


Die Medizinskaja Knijkas wiederum datieren teilweise zurück bis ins Jahr 1987. Offensichtlich wurde damals für jeden Soldaten ein solches kleines Heftchen angelegt und penibel geführt. Zwar gab es industriell gefertigte Standardausführungen dieser Hefte, jedoch wurden sie augenscheinlich auch mangels Vorrätigkeit provisorisch per Hand angelegt. In Tapete eingeschlagen und mit Papier aus einem Schreibblock zusammengeschustert, wurden die maschinellen Vordrucke einfach per Hand nachgearbeitet. Wahrscheinlich ist, dass diese Hefte in einer Art Kartei zentral im Lazarett gelagert wurden, die Soldaten sie also nicht bei sich trugen. In diesen kleinen Heftchen wurden die persönlichen Daten des Soldaten sowie sämtliche Untersuchungen und Arztbesuche, aber auch medizinische Behandlungen, so sie denn nötig wurden, vermerkt.
Daraus geht unter anderem hervor, dass auch in der Sowjetarmee jeder Wehrpflichtige in turnusmäßigen Abständen Gesundheitschecks unterzogen wurde – vom Zahn- über den Augenarzt bis hin zum Internisten und zum Psychologen. auch regelmäßige Röntgenaufnahmen des Torax waren an der Tagesordnung – die Aufnahmen liegen in den meisten Fällen den Heftchen nach wie vor bei, fein säuberlich in einem kleinen, handgefertigten Umschlag verwahrt, der in das Heft geklebt wurde. Und so dürfte sich der ehemalige Soldat A. Mischin vermutlich sehr wundern, wenn er wüsste, dass irgendwo im beschaulichen Dresden gerade eine junge Frau die Innenansicht seines Brustkorbes studiert.

Etwas aus dem Rahmen schlägt die Ansichtskarte, die ganz oben auf dem Haufen lag. Mit bunten Bildchen wollten da Vera, Nadjezhda und Ljubow aus dem südrussischen Tuapse im Januar 1992 Sergej M. zum Neuen Jahr beglückwünschen, der ebenfalls in Einheit Nr. 34998 in Königsbrück diente. Erreichte sie ihn jemals? Und wenn ja, warum ließ er sie mit einem Stapel Krankenakten zurück? Wer war Sergej M.? Arbeitete er im Lazarett? War er ein Patient? Fragen über Fragen…

Neujahrsgrüße für Serjoschenka - Januar 1992.

Neujahrsgrüße für Serjoschenka - Januar 1992.

Neujahrsgrüße für Serjoschenka - Januar 1992.

Neujahrsgrüße für Serjoschenka - Januar 1992.

Fragen stellen sich überhaupt jede Menge. Wie konnte es sein, dass medizinische Akten, zumal aus dem militärischen Hochsicherheitsbereich, die eigentlich besonderen Schutzmechanismen unterliegen müssten, einfach in einem verlassenen Haus zurückgelassen wurden? Wenn man weiß, wie penibel noch heute Dokumente und Akten aus der Zeit der Besatzung im russischen Militärarchiv von Podolsk gehütet werden, wie schwer es für Historiker oder Journalisten ist, an solches Material zu gelangen, staunt man umso mehr über solch einen Fund: War es bloße Nachlässigkeit in den Wirren eines überstürzten Abzuges? Hielt man diese Dokumente tatsächlich für unwichtig und somit vernachlässigbar? Oder steckt doch mehr dahinter? Warum ausgerechnet DIESE Akten? Es besteht anscheinend weder eine alphabetische Sortierung noch eine nach Diagnosen. Allenfalls der Zeitraum (alle lagen zwischen Anfang Februar und Mitte März 1991 im Lazarett) bietet eine Gemeinsamkeit.
Für die Forschung ist ihr Auffinden allemal einer von mittlerweile selten gewordenen Glücksmomenten. Alle Dokumente wurden gesichert und befinden sich in meiner Obhut.