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Schon oft war ich am Rande von Radtouren oder Spaziergängen hier vorbeigekommen. Und immer – wie so oft, wenn ich an Friedhöfen vorbeigehe – hat mich ein leichtes Schaudern dabei ergriffen. Und jedes Mal hatte ich mir vorgenommen, mir diese Stätte einmal genau anzusehen. Jahrelang war sie für die Öffentlichkeit nicht zugänglich. Dann, ab 2007, konnte man sie wieder betreten, nachdem sie halbwegs wieder in Schuss gebracht worden war.
Die Rede ist vom Garnisonfriedhof der Roten Armee an der Marienallee, oberhalb des Prießnitzgrundes. Von 1945 bis 1987 bestatteten die nach dem Sieg über Hitler-Deutschland hier stationierten Sowjettruppen hier ihre Toten, darunter auch Frauen und Kinder.
Doch immer wieder zögerte ich seither, das gusseiserne Tor zu öffnen und jenen Platz zu betreten, an dem auf pi mal Daumen zwei Hektar verstreut mehr als tausend steinerne Grabmale in einschüchternder Gleichförmigkeit stehen, die sich erst auf den zweiten blick in Form und Gestaltung voneinander unterscheiden.
Als ich gestern das schwere Tor endlich aufstemmte, gesellte sich zu dem leichten Prickeln entlang der Wirbelsäule ein Gefühl der Ehrfurcht, der Bedrückung, aber schnell auch eine Art stille Heiterkeit und innerer Frieden.
Ich bin nicht allein. Inmitten der Gräber hat sich eine ganze Familie mitsamt Baby auf Bänken in einem kreisförmig angelegten Ruhebereich niedergelassen. Ich nicke freundlich und wende mich den Gräbern zu.
Still ist es hier und unglaublich grün, die Vögel zwitschern und die Sonne lässt den hellen Sandstein der Grabmale leuchten, die auf wildgewachsener Wiese in Reih und Glied stehen, Wildblumen und Kienäpfel bilden einen seltsam schönen Schmuck für fast jedes Grab.

 Ingenieur-Major Georgiy M. Kisseljew, Grab mit Marmorplatte und Wildblumenpracht.

Rhododendren und Hecken umsäumen rote Kieswege, Nadelgehölze und übermannshohe Büsche teilen das Gelände in verschiedene Bereiche. Erstaunt stelle ich fest, dass der Friedhof viel größer ist, als er von außen wirkt: Hinter hohem Gebüsch schließen sich an die endlosen Reihen der Stelen im Nordbereich versteckte Ecken an, wo im Schatten der Bäume kleine, einfache Grabsteine und halb überwucherte Bodenplatten mit Inschriften ruhen. Gräber von Kindern und Jugendlichen hauptsächlich.
Insgesamt vier verschiedene Monumente zähle ich, alle noch aus DDR-Zeiten und alle mit flammenden Hymnen auf Ruhm und Ehre der hier Bestatteten sowie einschlägigen Symbolen, vom tapferen Soldaten mit Waffe, über die rote Fahne bis hin zum unermüdlichen Arbeiter, besetzt. Unkontrolliert zuckt eine Augebraue nach oben und ein ironisches Grinsen huscht über mein Gesicht, um gleich darauf wie ertappt wieder zu erlöschen.
Sinnend laufe ich durch die Reihen der Grabmale. Namen und letzte Grüße in kyrillischer Schrift, Geburts- und Sterbedaten ziehen an mir vorbei – bedrückend: Die allermeisten hier Begrabenen haben kaum das 45. Lebensjahr erreicht. An einigen wenigen Stelen sind sogar noch die Keramiktafeln mit den Abbildern der Toten erhalten; die Gesichter der zumeist jungen Soldaten blicken stolz und ernst – entschlossene, mutige junge Männer, wie man sie in der Sowjetarmee gerne sah.
Und mit einem Male, so scheint es mir, bin ich von Geschichten umgeben, nicht mehr von Gräbern. Geschichten, die ich lediglich noch nicht zu entschlüsseln vermag.
 Grenadier P. D. Koschelnik starb im Mai 1958 mit nur 21 Jahren.
 Oberleutnant P. J. Komarov starb 1947 mit nur 26 Jahren.
Am Westende des Friedhofs finden sich ganze Reihen von Gräbern, in denen junge Soldaten ruhen, die kaum älter als 20 wurden. Was geschah mit ihnen? Anfangs dürften noch die desaströse Lage betreffs Versorgung und Hygiene der Nachkriegsjahre sowie alte Kriegsverletzungen eine Rolle gespielt haben. Doch woran starben Ende der 50er- bis Mitte der 60er-Jahre in Dresden reihenweise junger russischer Soldaten Anfang 20? Diese Frage lässt mir seither keine Ruhe, mein Forscherdrang ist geweckt.
 Unteroffiziersanwärter N. I. Duboviy war erst 14 Jahre alt, als er bei der Schlacht um Dresden im Mai 1945 fiel.
Erschüttert stelle ich zudem fest, dass bei der Einnahme der Stadt Dresden im Mai 1945 sogar halbe Kinder kämpften – und fielen: Das Schicksal des erst 14-jährigen Unteroffiziersanwärters (Kursant) N. I. Duboviy war beileibe kein einzelnes in jenen entmenschlichten Tagen der Schlacht. Bei dem Gedanken daran, Kindern ein Gewehr in die Hand zu drücken und sie in einen so mörderischen Krieg zu schicken, befällt mich ein Gruseln.
Und selbst nach all der Zeit, nach bis zu 65 Jahren, liegen hier und da an Grabsteinen kleine Blumengrüße, an einer Stele steht ein Topf mit weiß-gelben Margeriten aus Plastik, sie leuchten weithin zwischen den schmucklosen Grabsteinen. Angehörige, die nach wie vor hier leben? Auf jeden Fall eine unermüdliche, vielleicht sogar über große Distanzen aufrechterhaltene Kultur des Erinnerns an geliebte Menschen, die viel zu früh ihr Leben lassen mussten.
Ab und zu knie ich vor einem der Grabsteine im weichen Gras nieder, lese genauer, betrachte Gesichter. Erst da fällt mir auf, dass die Grabsteine durchaus unterschiedlich aussehen, die Gravuren und Ornamente der höheren Dienstgrade sind zumeist aufwendiger und kunstvoller gestaltet, als bei einfachen Gefreiten. Geburtsdaten werden hier teils voll ausgeschrieben, die Inschriften befinden sich auf Mamorplatten, oder Grußworte der Angehörigen sind zu lesen, während bei niederen Dienstgraden nur Name, Geburtsjahr und Sterbedatum in einfachem Sandstein eingraviert sind und die Stelen nur ein einfaches Ornament in Form eines Sterns aufweisen.
Auch sind es oft die niederen Dienstränge, die in Mehrfachgräbern bestattet wurden (siehe Foto links).
Während ich fotografiere, komme ich mir irgendwie vor, wie ein Voyeur. Doch längst hat mich der Ort mit seiner irgendwie magischen Atmosphäre gefangen genommen, und ich will darüber berichten.
 Oberstleutnant A. M. Kirejew - Grab mit Marmorfront.
So wild-romantisch der weitestgehend der Natur überlassene Ort auch wirkt – die mangelnde Pflege und Aufsicht haben auch ihre negativen Seiten: Am Mahnmal im Südteil des Friedhofes liegen verwelkte Blumen und Gebinde, viele noch mitsamt der Kunststoffverpackung. An den Inschriften der verblichenen Bänder ist zu erkennen – sie liegen bereits seit dem 8. Mai hier, dem Tag der Befreiung – unansehnlich, von Wind und Wetter zerzaust. Von den umliegenden Gräbern klaube ich verstreutes Blumenpapier, gieße Blumen, die in Töpfen am Mahnmal stehen und die Köpfe hängen lassen.
Aufgeräumt und gepflegt wird hier ganz sicher nicht. Im Papierkorb in der Sitzecke finden sich haufenweise leere Flaschen diverser Alkoholika und andere Reste für meinen Geschmack und den Ort zu geselligen Beisammenseins. Als ich mich vom hinteren Teil des Friedhofes wieder in Richtung Tor bewegen will, sehe ich gerade noch einen jungen Mann in Radlerdress den Hosenstall schließen, sein Rad lehnt an dem Denkmal, hinter dem er gerade seine Notdurft verrichtet hatte. Darauf angesprochen, wie er es fände, wenn später mal jemand neben seinen Grabstein pinkeln würde, winkt er feixend ab und sucht das Weite.
Es scheint, als wäre der abgelegene Ort so ein wenig in Vergessenheit geraten. Die Kriegsgräberfürsorge sorgt zwar für ein Mindestmaß an Ordnung und legt einmal im Jahr zum 8. Mai Blumen nieder. Doch an den Gräbern selbst wird nichts gemacht, sie sind der Verwitterung und auch Vandalismus preisgegeben. Auch aufgrunddessen sind mittlerweile nur noch wenige der Keramikfbildertafeln an den Stelen erhalten – dabei sind sie es gerade, die dem Friedhof etwas Menschliches, Persönliches verleihen. Ich erinnere mich an Spaziergänge zu Kinderzeiten, bei denen von den Grabmalen noch zahlreiche Gesichter, teils in Farbe, durch die Gitterstäbe blickten. Heute haben selbst die vereinzelt noch erhaltenen zum Teil schon Risse.
 Grab von Hauptmann D. P. Mazakov mit fast zerstörtem Keramikbildnis.
Gleich 2 seltene Erfahrungen konnte ich vergangene Woche machen:
Nummer 1 - ich war mal wieder im Kino, ein Ereignis, das mir höchstens zwei- bis dreimal im Jahr widerfährt, und dann handelt es sich meist um ein kleines Programmkino.
Nummer 2 - Der Film, den ich gesehen habe, war zudem auch noch richtig gut, das bezahlte Eintrittsgeld also jeden Cent wert.
Warum gehe ich so selten ins Kino? Nein, diesmal ist ausnahmsweise mal nicht der Geldbeutel schuld (zumindest nicht vorrangig ). Ich mag diese großen, finsteren Säle ganz einfach nicht, mit ihrer unpersönlichen Atmosphäre, der schlechten Luft und den mit Popcorn knuspernden Besuchern, von denen sich so manches Mal einige nicht zu benehmen wissen. Und um öfter in ein kleines Programmkino zu gehen, bin ich meist viel zu schlecht über das aktuelle Programm informiert und komme so gar nicht erst auf die Idee.
Diesmal brachte mich ausgerechnet meine aus Berlin stammende Mutter auf die Idee. In Friedrichshain/Pankow aufgewachsen, war sie sofort ganz Ohr, als Matti Geschonneks Real-Satire um den “Boxhagener Platz” in Berlin-Friedrichshain den Feuilleton enterte.
Der Film basiert auf dem gleichnamigen Buch von Torsten Schulz und spielt im heruntergekommenen Milieu rund um den Boxhagener Platz des Jahres 1968, just in jener Zeit, als im Westteil der Stadt und im Rest der BRD die studentischen Unruhen der 68-er tobten. Am Boxhagener Platz spürt man freilich nichts von all der Aufbruchsstimmung: Heruntergekommene Altbauten, vereinzelt huschen graue, verblichene Gestalten über die Straße und verschwinden in der Eckkneipe – dem “Feuermelder”, saufende Väter, die ihre Kinder misshandeln und mittendrin der 12-jährige Holger, der mehr bei seiner rüstigen Großmutter Ottilie lebt als bei seinen sich ständig streitenden Eltern. Der Vater ein aufrecht-linientreuer Polizist, die Mutter, einst schön, nun fast verwelkt, von der Trostlosigkeit des Viertels und dem Spießbürgertum seiner Bewohner ernüchtert und in Gedanken schon mit einem Bein im Westen.
All dies mag den Eindruck erwecken, es handele sich um einen furchtbar deprimierenden, schwermütigen Film – doch weit gefehlt. Denn zum Glück gibt es die Figur der Ottilie, die mit Haaren auf den Zähnen und viel naivem Sarkasmus durch die Szenen hasardiert und einen Tränen lachen lässt. Als der letzte ihrer 5 Ehemänner unter der Erde ist, verliebt sich die alte Dame in den weißhaarigen Karl, der als “wahrer Kommunist” das totalitäre Regime ablehnt und heimlich mit den im Westen aufbegehrenden Studenten sympathisiert. Durch ihn erfährt der junge Holger auch von der Kehrseite des Regimes, die im Film vor allem von Holgers Polizisten-Vater und den ständig herumschnüffelnden Stasi-Mitarbeitern verkörpert wird, die im Fall des Mordes am örtlichen Fischhändler, einem alten Nazi, mit ihren ganz eigenen Methoden ermitteln.
Der Film greift dankenswerterweise wenige Ostklischees (Stasi, verfallende Bausubstanz, dogmatisches Bildungswesen) heraus und lässt ringsherum eine Szenerie erstehen, die ohne Weiteres auch in der Alaunstraße der früheren Neustadt hätte spielen können. Ohne Kitsch und Ostalgie, ohne Tempo-Linsen und Muckefuck, Parteitagsnelken und Hammer-Zirkel-Ährenkranz, wie etwa in “Sonnenallee” oder “Goodbye Lenin”. Im Vordergrund steht das Geflecht an Beziehungen, die die Menschen miteinander verbinden, und die Zerrissenheit eines Kindes zwischen Linientreue und Blick über den Tellerrand, sanft umspült von den unablässig und in feinster Berliner Schnauze vorgetragenen, vor Zynismus und Pointe nur so strotzenden Lebensweisheiten der Ottilie – von der Politik über die Liebe bis zur regen Verdauung.
So überwiegen Erheiterung und Amüsement über Oma Otties scharfe Zunge oft so stark, dass man regelrecht aufpassen muss, dass einem der durchaus ernste Milieustudien-Charakter nicht vollends entgeht. Und das macht den Film durchaus anspruchsvoll. Über ganze Salven trocken-schwarzen Humors federt er die mit Gewalt hervorbrechenden Erinnerungen an die eigene Kindheit im tristen Viertel mit Eckkneipen und M/L-Drill in der Schule ab, die ohne jene herrlich-satirischen Einspieler wohl nur schwer zu ertragen gewesen wären.
Ein seltener Wermutstropfen: Ausgerechnet die Besetzung der jungen Hauptrolle des Holger Jürgens in Person des 15-jährigen Samuel Schneider war meines Erachtens nach eher ein Fehlgriff. Schneider gibt dem eigentlich erst 12-jährigen Holger zwar ein perfekt verschlossen-melancholisches Gesicht, bleibt aber spielerisch viel zu blass und wirkt von seiner ganzen körperlichen Konstitution her eben nicht wie ein 12-jähriges Kind, sondern voll und ganz wie ein 9.-Klässler.
Sonst kann ich den Film nur allen empfehlen, die sich gerne ab und an auf eine Reise zurück in vergangene Zeiten begeben, um längst vergessen Geglaubtes wiederzubeleben und ein Stück eigene Geschichte wiederzuentdecken.
So jedenfalls wird es heute gern ziemlich pauschal dargestellt, z. B. gestern in der ARD. Weihnachten sei in der DDR ja eine “ziemlich knifflige Angelegenheit” gewesen und zwar, weil die DDR-Führung die Kirchen und den christlichen Glauben nicht gerade schätzte und ein Großteil der DDR-Bürger das Fest daher nicht in christlicher Tradition begingen, so Kirchenvertreter in der ARD.
So weit ja so richtig.
Aber – warum macht allein der Umstand, dass Weihnachten in der DDR weitgehend entchristlicht wurde und (zumindest offiziell) als Jahresend-Familien-Fest galt, zu einer “kniffligen Angelegenheit”?
Auch Stimmen, die behaupten, in der DDR hätte es an Weihnachten “nichts” gegeben, weil es ja immer “nichts” gab, werden um diese Jahreszeit mit schöner Regelmäßigkeit lauter.
Hm, aber gab es wirklich “nichts”, und war Weihnachten in der DDR wirklich so “knifflig” und trostlos?
Eine kleine Rückschau:
Weihnachten war für mich und meine Familie immer ein Fest der Besinnlichkeit, der Familie, des Beisammenseins und der kleinen Überraschungen und Gaben, die man sich gegenseitig bescherte. Und im Prinzip halten wir das bis heute so. Auch bei uns in der DDR war Heiligabend offiziell Arbeitstag, der 1. und 2. Weihnachtstag hingegegen gesetzlicher Feiertag. In der Vorweihnachtszeit gab es Betriebsweihnachtsfeiern, die besonders im Betrieb meiner Mutter immer richtig schön waren: Jedes Jahr gab es dort Märchenaufführungen der Betriebstheatergruppe für Mitarbeiter und deren Kinder, dazu Kaffee, Punsch und Gebäck.
Vor dem Heiligen Abend hatte meine Mutter die Stube immer blitzblank gewienert, der Vater hatte einen riesigen Weihnachtsbaum besorgt und aufgestellt, und am Vorabend des Heiligen Abends wurde der von der ganzen Familie traditionsgemäß angeputzt, mit bunten Lichtern, uralten Kugeln aus Familienbesitz und reichlich Lametta. Also eigentlich so, wie man das heute auch noch macht. “Knifflig” war es nie, einen Weihnachtsbaum oder Baumschmuck zu bekommen, höchstens das Aufsetzen der Weihnachtsbaumspitze auf den 2 Meter hohen Baum war manchmal eine etwas knifflige Angelegenheit.
An Heiligabend gab es traditionell mittags eine Geflügelsuppe und abends Kartoffelsalat und Würstchen oder Buletten – auch das ist heute noch so bei meinen Eltern. Beim Metzger unseres Vertrauens (damals: Seifert, Görlitzer/Ecke Sebnitzer Straße) bereits bestellt, brauchte man Würstchen und Gehacktes am Vortag lediglich noch abzuholen, und am nächsten Abend stand alles, dank Muttis Kochkünsten, lecker auf dem festlich mit dem besten Porzellan gedeckten Wohnzimmertisch. Mit dem Weihnachtsbraten für die Festtage verhielt sich das ganz ähnlich. Gab es mal keine Gans, dann eben Pute, Kaninchen oder Rouladen mit Rotkohl und Klößen, wobei Letztere in jeder Kaufhalle erhältlich waren. Klar musste man lange vorbestellen und so eine Gans konnte schon mal tief im 2-stelligen Mark-Betrag enden, aber “knifflig”? Höchstens für Mutti, die alles zubereiten musste und am 23. bis Mitternacht in der Küche stand
Und selbst wenn es zum rein kommerziellen Teil – der Bescherung – überging, konnten zumindest wir uns nicht über irgendeinen Mangel beschweren. Mal gab es eine Ski-Ausrüstung, dann einen Puppenwagen, Kleidung ein Puppenbett, Bücher, jede Menge Süßigkeiten – und natürlich die obligatorischen Dinge von “drüben” aus den Westpaketen: ein Monchichi, Kinderschokolade, Stabilo-Neon-Liner, Mickey-Mouse-Hefte, Parfümerie-Artikel und Kaffee für die Eltern usw.
Fazit:
Weihnachten in der DDR war für gewöhnlich eine schöne, besinnliche Angelegenheit, die weder trostlos noch “knifflig” war, sondern einfach nur – und gerade für die Kinder – herrlich festlich und etwas ganz Besonderes, genau, wie es das für die Menschen in der BRD damals auch gewesen sein wird. Und es wurde höchstwahrscheinlich auch ganz genau so gefeiert wie in der BRD, ob nun christlich oder weltlich, nur vielleicht etwas weniger luxuriös.
Auch, lieber Herr Ulbrich, wenn der Strom mal flackerte oder wie im Jahrhundertwinter 78/79 mal ganz ausfiel und Weihnachten bei Kerzenschein verbracht wurde – meine Eltern fanden es romantisch, nicht etwa trostlos.
Ich kenne zudem keine einzige Person aus jener Zeit, die Weihnachten technokratisch als “Jahresabschlussfest” angesehen und begangen hätte, wie es im ARD-Beitrag dargestellt wurde. Für alle war es – wie auch heute – eine Zeit der Besinnung, der Familie und der Freude. Schon in der Vorweihnachtszeit wurde das Besondere der Zeit zelebriert: Plätzchenbacken, Gedichte schreiben, Weihnachtslieder wurden einstudiert, mit dem Chor auf Weihnachtskonzerten aufgetreten.
Was besonders schön war: Nach der Bescherung klingelte man meist bei den Nachbarn oder anderen Hausbewohnern, wir Kinder stürmten zu den befreundeten Nachbarskindern, und man tauschte sich über Geschenke, Dekorationen und Traditionen aus. Heute wird wohl in den meisten Fällen im stillen Eckchen die neue Playstation ausprobiert, oder die Familie versammelt sich andächtig vor dem neuen XXL-Plasma-Bildschirm. Diese Entwicklung ist meines Erachtens nach nicht mehr nur “knifflig”, sondern bedenklich.
Heutzutage verkommt Weihnachten – trotz freier Kirchen und Meinungsfreiheit – immer mehr zur reinen Kommerzschlacht. Wer hingegen Weihnachten in der DDR in christlicher Tradition feiern wollte, der konnte das auch, wie zahlreiche christliche Nachbarn in der Neustadt jedes Jahr unter Beweis stellten, denn alle Kirchen waren Gläubigen und Nichtgläubigen auch damals an Weihnachten offen.
Alles in allem war es damals sicherlich nicht “kniffliger”, ein gelungenes Weihnachtsfest samt Braten, Geschenken und festlicher Atmosphäre zu organisieren als heute für eine Hartz-IV-Familie oder Niedriglohnbeschäftigte. Schlimmer: heute müssen Menschen aufgrund ihrer Armut wieder ernüchtert an all dem Glanz und der Gloria der Weihnachtsmärkte und Konsumtempel vorbeigehen, und Kinder drücken sich traurig die Nasen an Schaufenstern platt, weil sie all die schönen Dinge zwar sehen, sie sich aber eben nicht leisten können.
Das gabs früher so nicht. Da gabs eben allgemein nicht viel, aber das, was es gab, das konnten sich die meisten Menschen wenigstens einmal im Jahr leisten.
Insgesamt wird man das Gefühl nicht los, als würde es besonders im Interesse der Kirchen liegen, alles über Gebühr schwarz zu malen, was mit der DDR zu tun hat. Zu einem gewissen Teil sicherlich verständlich, hält man sich vor Augen, unter welchem Druck die Kirche in der DDR stand. Aber so?
Es ist ja auch nicht so, dass nur das “ungläubige DDR-Regime” Weihnachten entchristlichte und zu einem weltlichen, bürgerlichen Fest umstrickte – es gibt auch so einige weihnachtliche Traditionen, die heute u.a. in jedem Christenhause an Weihnachten Anwendung finden, die aber so gar nichts mit der christlichen Überlieferung zu tun haben: Den Weihnachtsbaum zum Beispiel – eine alte heidnisch-nordische Tradition zum Wintersonnenwend-Fest, die erst im Mittelalter so langsam im christlichen Europa Einzug fand und heute weitverbreitet zum “Christbaum” verchristlich worden ist. Und auch das ganze Weihnachtsfest, wie wir es heute im Dezember feiern, war ursprünglich keine christliche Angelegenheit, sondern datiert vielmehr auf das nordische Wintersonnenwend-Fest um den 25. Dezember herum zurück.
Die ersten Festlichkeiten zu Ehren Christi Geburt fanden vielmehr ab Mitte des 1. Jahrtausends nach Chr. um den 6. Januar statt, an Heilige Drei Könige, wie es die Orthodoxen Christen auch heute noch halten.
Also, liebe Kirchen-Vetreter: bitte lasst die Kirche doch im Dorf in Sachen DDR-Kritik. Sei sie in vielen Bereichen selbstverständlich auch noch so berechtigt – und ich will mich hier ganz sicher nicht zu Lobesarien auf die untergegagene Diktatur aufschwingen -, aber auf Weihnachten in der DDR muss doch nun wahrlich nicht herumgehackt werden. Es zieht nur abermals schöne bisweilen auch urkomische Erinnerungen in den Schmutz.
Im 20. Jahr des Mauerfalls findet ja ein förmlicher Gedenktourismus zur Thematik statt. Da ist es gar nicht so leicht, sich für das eine oder andere Event oder eine der vielen Ausstellungen zu entscheiden.
Am Freitag habe ich der Ausstellung “Keine Gewalt! – Revolution in Dresden 1989″ im Dresdner Stadtmuseum einen Besuch abgestattet und war einigermaßen fasziniert.
Klein, aber fein ist die Ausstellung im 2. OG des Museumsbaus am Pirnaischen Platz; abwechslungsreich und originell gestaltet. Das Interieur – eine Reminiszenz an das Instabile, Fragile, das der untergegangenen Diktatur wie auch dem Staat als solchem innewohnte: Es besteht nämlich zu einem großen Teil aus Pappmaché – von den Wänden, über die Aufbauten für die Exponate bis hin zu den Hockern vor den Audio- und Videoinstallationen. Schummrige Beleuchtung macht das Wandeln durch die Austellung angenehm und unangestrengt.
Viele Originaldokumente, Videoaufnahmen von Veranstaltungen wie Jugendweihen, Pioniergeburtstagen oder der Einweihung der Prager Straße lassen Erinnerungen wach werden und wirken dennoch seltsam surreal und komisch.
Am beeindruckendsten war jedoch ein Videofilm u.a. des Filmemachers Volker Karp, aufgenommen im Dresden der Wendezeit kurz vor der Wiedervereinigung 1990. Der Film besteht aus 3 Teilstücken unterschiedlicher Autoren, wobei Karps Part den Verfall insbesondere der Friedrich- und der Äußeren Neustadt zu DDR-Zeiten zeigt.
Ich musste feststellen, dass die Zeit auch bei mir so einiges an Erinnerung verfärbt und ausgelöscht hatte – SO SCHLIMM hatte ich es in der Tat nicht in Erinnerung.
Und spätestens, als der Videofilm mit einem Male die Fensterfront unserer alten Wohnung am Bischofsweg ins Visir nahm, war das ostalgische Moment perfekt:
Alles sah im Film noch genauso aus, wie wir es seinerzeit ein halbes Jahr zuvor verlassen hatten: Die knallgelben Kunststoffverkleidungen, die mein Vater damals als Sichtschutz und Schutz gegen die Taubenplage angebracht hatte, stießen sofort ins Auge.
Es wird unter anderem über die Entstehung der Gruppe der 20 referiert, unterfüttert mit viel originalem Foto- und Schriftmaterial, und es wird gezeigt, dass die eigentliche Entscheidung, den Dialog zu suchen, also eine explizit *friedliche* Wende herbeizuführen, in Dresden fiel. Dennoch, finde ich, sollte die friedliche Wende nicht ausschließlich mit Kirche und Gruppe der 20 assoziiert werden. Es waren Hunderttausende Dresdner, die in jenen Tagen mit Rufen wie “Keine Gewalt!” durch die Straßen zogen, und Millionen im ganzen Land, und es waren die Volkspolizisten, die irgendwann ihre Helme abnahmen und sich weigerten, auf ihre MitbürgerInnen zu schießen bzw. Gewalt anzuwenden.
Es war die Gemeinschaft der Entschlossenen, die die Wende zustande brachte, keine Clique weniger.
Insgesamt aber ist die Ausstellung eine gelungene Mischung aus Präsentation der realen Lebensumstände in der DDR, über die Instrumente der Machtausübung und Unterdrückung bis hin zur Organisation des Umsturzes. Alles in Allem kann ich die Ausstellung wärmstens empfehlen -allerdings nur als Ergänzung zu weitergehender Auseinandersetzung mit der Thematik. Trotz quantitativer Überschaubarkeit war ich immerhin fast 2 Stunden dort unterwegs.
Übrigens: Freitags ist der Eintritt immer frei
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