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Es ist der 50. Jahrestag des Baus der Berliner Mauer. Was macht man an einem solchen Tag, an dem sich mal wieder Ausstellungen, Gedenkrunden und Vorträge die Klinke in die Hand geben? Jane, dacht ich mir, machst du mal wieder eine “Zeitreise” in die gute alte DDR, die du (im Großen und Ganzen gottseidank) gegen die tolle BRD eintauschen durftest, als du 12 Jahre alt warst.
Also auf nach Radebeul in das DDR-Museum “Zeitreise”, das ich das letzte Mal im September 2007 besucht hatte, als es noch so ziemlich im Aufbau war. Einfach mal sehen, was sich so getan hat, wie viele Exponate dazugekommen sind und sich mal ganz bewusst wieder erinnern und mit der heutigen Realität abgleichen. Ich gebe zu: Ganz uneigennützig war der Besuch nicht, arbeite ich doch gerade an einem Schrieb, der ziemlich viel mit dieser Zeit zu tun hat. So ganz nebenbei wollte ich auch ein paar ganz natürlich bedingte, der Gnade der späten Geburt geschuldete Wissenslücken schließen.
 Bildzeitung vom 15. August 1961.
Die erste Überraschung gab’s bereits an der Kasse: Nee, keine Journalistenkonditionen, ok, meinetwegen. Wieso auch Extrawürste für die Journaille braten? Auch die zweite gab’s an der Kasse: Der ermäßigten-Obolus, den Kinder, Schüler, Studenten und Rentner für das Visum berappen müssen, das zum eintägigen Aufenthalt in der DDR berechtigt, kostet mittlerweile sechs Euro, statt wie früher 5 (normal 7,50 Euro). Von “Ermäßigung” kann somit kaum noch eine Rede sein. Tja, auch in der DDR wird anscheinend langsam alles teurer…
Die zweite Überraschung war dann durchaus positiver Natur. Die Zahl der Exponate hatte sich im Vergleich zu vor vier Jahren vor allem um ein paar sehr informative Schautafeln erweitert. Das Problem daran war nur: Gerade im Erdgeschoss waren viele Tafeln offensichtlich einfach nur dort aufgehängt worden, wo gerade noch ein freier Platz war. So fanden sich Zeitungsausschnitte und Originaldokumente zum Todesstreifen zwischen Trabis und Wartburgs. Der Zeitstrahl durch die Geschichte der DDR, der von 1945 bis 1990 mittels beschrifteter Pfeile durch das gesamte Haus (vier Etagen) führt, ist zwar gut gemeint, aber in seiner Überdimensioniertheit ziemlich unübersichtlich. Immer wieder verliert man während des Beschauens der vielen anderen Objekte auf den Etagen den Faden. Besser wäre es gewesen, hätte man dem Zeitstrahl einen eigenen Bereich im Haus zugedacht und ihn kleiner, aber dafür übersichtlicher gestaltet, sodass er in einem Aufwasch einsehbar wäre.
Die Vielfalt der Ausstellungsobjekte ist ein absolutes Plus des Museums. Ich glaube nicht, dass es eine ähnlich umfangreiche Sammlung irgendwo anders gibt. Allerdings stellt speziell im Fall der “Zeitreise” diese Vielfalt die Betreiber vor Probleme, die anscheinend nicht zu bewältigen sind. So wirken viele Ausstellungsbereiche total überladen, indem einfach alles, was man zu greifen bekam, auch ausgestellt wurde – um den Preis der Übersichtlichkeit und vor allem der Informativität. Infotafeln, die den ausgestellten Gegenstand erklären, sucht man an den allermeisten Exponaten vergebens. Das betrifft vor allem die Themenbereiche wie Sport, Musik, Wohnen, Spielen usw. Bei so vielen Ausstellungsobjekten hätte man auch ein ganzes Unternehmen nur damit beschäftigen können, alles mit Erklärschildern zu versehen. Und so erinnert die Ausstellung an vielen Stellen eher an das Großlager des Rumpelmännchens, denn an ein Museum. Es wäre insgesamt wohl ratsamer gewesen, die Ausstellung nicht mit all zu vielen Exemplaren zu überfrachten, stattdessen sorgsam auszuwählen und dafür größeres Augenmerk auf Erklärungen zu legen. Man rühmt sich auf seiner Homepage, die größte Ausstellung zum Leben in der DDR zu sein, doch eine Ausstellung lässt sich nicht nur an der Masse der Exponate, sondern auch an Qualität, Umfang und Präsentation der vermittelten Informationen bemessen. Eine Puppe oder ein Plastik-Teller erzählen mir noch nichts über das Leben in der DDR. Schön wären zu solch persönlichen, da gebrauchten, Exponanten kleine Anekdoten aus dem Alltag gewesen.
Auch in Punkto Arrangement der Ausstellungsobjekte gibt es noch ziemlich viel Nachholebedarf. Das meiste wurde einfach nur ziemlich lieblos auf den Boden gelegt. Und oft (z.B. in der Kaufhalle) waren die Absperrungen so ungünstig angebracht, dass man viele kleinere Exponate nur aus ziemlicher Entfernung mit der Lupe suchen muss. Es fehlt des Öfteren die Möglichkeit, nahe heranzugehen.
Im Gegensatz dazu wiederum sehr hübsch und zum Teil ziemlich realistisch sind die originalgetreu nachgebildeten Kaderbüros, Werkstatträume und Wohnstuben, die einen beim Eintreten schlagartig wieder im alten Wohnzimmer oder Büro von damals stehen lassen. Die “Zeitreise”-Kaufhalle protzt mit einem Überfluss an (Original-!)Waren, über den sich früher wahrscheinlich jeder Kunde unbändig gefreut hätte.
Besonders herauszuheben aber ist die beachtliche Sammlung an Originaldokumenten wie Urkunden, Briefwechsel, “Verschlusssachen”, Zeitungsartikel, klassische DDR-Literatur und dergleichen mehr. So kann man sich in einen alten Sessel (natürlich aus DDR-Produktion) setzen und endlich einmal in jenem “Der Sinn meines Lebens”-Buch schmökern, das jungen FDJler bei ihrer – na ich nenns einfach mal Vereidigung – mit auf den weiteren Lebensweg gegeben wurde, was mir ja knapp erspart blieb. Da sträuben sich einem die Haare, wenn man liest, was man damals 14-Jährigen alles eingetrichtert und als Fakt verkauft hat. Was der Quellensammlung für meinen Geschmack noch ein wenig fehlt, ist ein größeres Angebot an alten Originalzeitungen, die man noch lesen kann. Ein paar wenige (darunter auch eine “Union” vom Oktober 1980) lagen da verführerisch hinter der Absperrung.
Und weil beim Lesen die Zeit so schnell vergeht, wird man in der 3. Etage auch schon mal vom Schließkommando überrascht. Das kam allerdings schon um 25 vor sechs in Gestalt eines sehr jungen Mannes daher, der einfach anfing, die Lichter auszuschalten. Als ich ihn daraufhin ansprach und meinte, dass ich für mein Eintrittsgeld schon auch bis sechs Uhr die Ausstellung besichtigen möchte, wie es die offiziellen Öffnungszeiten versprechen, meinte er etwas verwirrt, er könne ja das Ganglicht noch mal einschalten. Statt mich aber wenigstens noch bis sechs in Ruhe durch den Gang schlendern zu lassen, verfolgte er mich nun auf Schritt und Tritt: Machte ich einen Schritt, machte er auch einen. Und während der ganzen Prozedur hatte ich seinen bohrenden Blick im Rücken.
Sorry, aber so was geht einfach mal gar nicht. Wenn bis sechs Uhr offen ist, muss der Besucher auch bis sechs Uhr besichtigen können. Auch wenn Samstag ist, kann ich nicht einfach um 17.35 Uhr das Licht ausmachen und noch anwesende Gäste rausekeln. Überhaupt ist das Personal für mich ein Kritikpunkt. Statt sich wie in herkömmlichen Museen dezent im Hintergrund zu halten, sind die zudem recht ungepflegt wirkenden Herrschaften in der “Zeitreise” omnipräsent und quasi auch kaum zu übersehen und zu überhören. So stehen sie mal hier, mal da rum, fletzen sich auf Ausstellungsobjekte, die eigentlich hinter der Absperrung liegen, gießen zwischendurch die Blumen und unterhalten sich lautstark in platter Art und Weise, sodass es beim Lesen von Dokumenten und Literatur unheimlich stört – oder sie stellen einem eben quasi den Stuhl vor die Tür.
Fazit: Empfehlenswert, wenn man möglichst viele Dinge des täglichen Gebrauchs aus der DDR sehen will und sich nebenbei noch ein wenig Hintergrundwissen zu politischen und historischen Themen anlesen will und dabei nicht allzu viel Wert auf Ambiente und Übersichtlichkeit legt. Kritik: zu wenig Detailinformation zu den Exponaten und teilweise chaotisches Arrangement. Ungepflegtes Personal und überpünktliche Schließzeiten.
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20 Jahre nach dem Ende der SED-Herrschaft und vier Jahre nach der Fusion der Nachfolgepartei PDS.dieLinke mit der westdeutschen Wahlalternative Soziale Gerechtigkeit (WASG) zur neuen Linkspartei “Die Linke” rumort es in der Linken. Eigentlich, so kann man sagen, ist die Partei seit ihrer Gründung nicht wirklich zur Ruhe gekommen. Tauziehen um die politische Grundausrichtung, Antisemitismus-Debatte, Vergangenheitsbewältigung, irgendetwas gibt es immer. Der neueste Streich, mit dem die Linke in die Presse kam, war ein Thesenpapier des antikapitalistischen Flügels der Partei (AKL) zum Thema Mauerbau anlässlich dessen 50. Jahrestages am heutigen Tag. Daraufhin gingen Schlagzeilen wie “Der große Linken-Zoff um die Mauer” (Financial Times Deutschland), “In der Aufarbeitung gespalten” (Hamburger Abendblatt), “Linke blamiert sich mit Diskussion über Mauerbau” (Welt), “Verständnis für Bau der Mauer in der Linken” (Augsburger Allgemeine) usw. usf durch die Medien.
Doch was ist tatsächlich geschehen? Und was steht tatsächlich in dem Thesenpapier der mecklenburgischen AKL-Fraktion, um das ein solcher Wirbel kursiert?
Ob des medialen Gewitters, die Linke sei “gespalten” und streite vehement in der Frage um die Bewertung der Mauer, können viele Beteiligte nur den Kopf schütteln. Oskar Lafontaine, Parteivater, ehemaliger Bundesvorsitzender und aktuell Vorsitzender der saarländischen Linken, schrieb in seinem Blog dazu Folgendes:
Nun liegt es einerseits auf der Hand, dass es unterschiedliche Meinungen über den 13. August 1961 gibt, sonst hätte wohl zum Landesparteitag niemand eine alternative Stellungnahme zum Vorstands-Papier eingereicht. Andererseits muss man schon fragen, ob der Unterschied wirklich so groß ist, dass man ihn mit gewichtigen Begriffen wir „Verurteilung und Rechtfertigung“ beschreiben kann.
Offizieller Standpunkt der Linken
Die Historikkommission der Linken veröffentlichte unlängst (im Juni 2011) einen gemeinsamen Standpunkt zum Thema Mauerbau, der sich im Großen und Ganzen an der Position der Partei PDS zur Thematik aus dem Jahr 2001 orientierte, in der es hieß: “Kein Ideal und kein höherer Zweck kann das mit der Mauer verbundene Unrecht, die systematische Einschränkung der Freizügigkeit und die Gefahr für Freiheit sowie an Leib und Leben, beim Versuch das Land dennoch verlassen zu wollen, politisch rechtfertigen.” Im Juni 2011 las es sich nun so:
Als vor 50 Jahren die Berliner Mauer errichtet wurde, konnte sich kaum einer vorstellen, dass dieses Bauwerk die bestehende deutsche Teilung im wahrsten Sinne des Wortes auf Jahrzehnte zementieren würde. Die komplette Abriegelung der Grenze nach Westberlin am 13. August 1961 und der anschließende Bau der Mauer dienten der Aufrechterhaltung des politischen Systems in der DDR. Die Partei- und Staatsführung sah keine andere Möglichkeit der anhaltenden Übersiedlungs- und Flüchtlingsbewegung in die Bundesrepublik und dem damit verbundenen Verlust hochqualifizierter Arbeitskräfte Einhalt zu gebieten. Es war das Eingeständnis, den zuvor propagierten Wettbewerb der Systeme bei offenen Grenzen nicht bestehen zu können. Die Mauer symbolisiert somit Schwächen des Sozialismus, die als Geschichtszeichen bis heute nachwirken. Die Mauer als “antifaschistischen Schutzwall” zu rechtfertigen, war ein Missbrauch des wichtigsten demokratischen Legitimationsgutes der DDR. Die Mauer und die Grenzbefestigungsanlagen haben in den folgenden dreißig Jahren fast einhundertfünfzig Menschen das Leben gekostet, Tausende bei Fluchtversuchen ins Gefängnis gebracht, Millionen Menschen das Recht auf Reisefreiheit genommen und zahllose Familien getrennt. [...] .
Der Mauerbau war zugleich ein Produkt des Kalten Krieges und der nach dem Zweiten Weltkrieg neu entstandenen bipolaren Weltordnung von Ost und West. Europa war zwischen den Siegermächten aufgeteilt. Die Teilung Deutschlands und Berlins war besiegelt und wurde auch von den Westmächten befördert. John F. Kennedys Aussage, die Mauer “sei keine schöne Lösung, aber tausendmal besser als Krieg” illustriert knapp diesen Sachverhalt. Die sowjetische Führung und im Gefolge die DDR entschieden sich 1961 auch zum Mauerbau, um einen Krieg zu verhindern. Dieser war angesichts der fortschreitenden Destabilisierung der DDR und unter den Bedingungen der militärischen Konfrontation in Mitteleuropa nicht auszuschließen. Es ist zur Kenntnis zu nehmen: Die Mauer hätte auch nicht über Jahrzehnte bestehen können ohne ihre Tolerierung durch die westlichen Besatzungsmächte (USA, Großbritannien, Frankreich), für die damit der bestehende Status quo gesichert wurde. Die eigentlichen Auseinandersetzungen zwischen Ost- und Westblock fanden nicht mehr in Europa statt, sondern in Teilen der sogenannten Dritten Welt, wie etwa in Kuba, Vietnam oder Afrika. Dass in der Folgezeit die Entspannungspolitik vor allem in Europa rasante Fortschritte machte, gehört zum Paradox des Mauerbaus.
Im Grunde unterscheidet sich die offizielle Position der Linken wenig von der etwa der schwarz-gelben Koalition oder der SPD. Der Mauerbau wird als Zeichen der Schwäche des damaligen Systems bewertet und als nicht zu rechtfertigen verurteilt. Die Zahl der Maueropfer wird sogar mit 150 höher angesetzt, als es etwa Berlins Oberbürgermeister Wowereit (SPD) bei seiner heutigen Gedenkrede tat – er sprach von 128 Opfern (sein Vorredner wiederum von 136). Der einzige Unterschied, der auszumachen ist, ist der Versuch der Einordnung des Mauerbaus in den historischen Kontext des Kalten Krieges – etwas, das bei Gegnern und auch in den Medien oft und gerne als “Schönreden” oder “Rechtfertigung” gegeiselt wird. Dabei ist es unumstößlicher Fakt, dass die Teilung Deutschlands nicht nur von der Sowjetunion ausging, sondern insbesondere zu Beginn der Besatzungszeit von den Westalliierten mindestens ebenso vehement vorangetrieben wurde. Die Linke sieht den Mauerbau somit als Folge und Konsequenz des Kalten Krieges, jedoch nicht als legitimes Mittel der Durchsetzung von Interessen, was ein erheblicher Unterschied ist.
Dies ist nun ein offizielles Positionspapier, das parteiintern die demokratischen Abstimmungshürden nahm, ergo eine mehrheitsfähige Auffassung der Partei widerspiegelt.
Das Thesen-Papier der mecklenburgischen AKL
Nun hat es ein kleines Grüppchen innerhalb der Partei – die Antikapitalistische Linke (AKL) in Mecklenburg-Vorpommern – gewagt, dem Thesenpapier des mecklenburgischen Spitzenkandidaten Holter, das im Wesentlichen die Haltung der offiziellen Positionierung wiedergab, eine Alternative gegenüberzustellen. Und schon wird in den Medien von “Zerrissenheit” und “Streit” geschrieben.
Wer ist die AKL eigentlich?
Die AKL wurde im Jahr 2006 gegründet, ihre wesentlichen Frontreiter sind die stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Linken, Sarah Wagenknecht, Ulla Jelpke sowie Thies Gleiss aus der ehemaligen WASG. Den öffentlichen Aufruf der Arbeitsgruppe, eine antikapitalistischere Politik innerhalb der Linken zu etablieren, den 30 Mitglieder der damaligen PDS und WASG initiierten, unterzeichneten bislang ein paar Hundert Parteimitglieder ebenso viele Bürgerinnen und Bürger, insgesamt nicht mehr als 1700 Personen. Die Linkspartei hat bundesweit heute mehr als 70000 Mitglieder und mehrere Millionen Wähler. Angesichts dieser Zahlen entpuppt sich der viel beschworene “Antikapitalistische Flügel” der Partei, den lediglich der Verfassungsschutz des Landes Baden Württemberg als “extremistisch” einstuft, als lahmes Flügelchen.
Dieses Flügelchen hat nun was in seinem Alternativentwurf geäußert? Im Folgenden will ich den Inhalt kurz in Stichpunkten wiedergeben.
1. Der historische Kontext, in dem sich der Mauerbau bewegte, war weltumspannend und global. Die Truman-Doktrin der Westalliierten manifestierte die Absicht der Eindämmung des Sozialismus in Europa, mit dem Ausstieg aus der Anti-Hitler-Koalition begann der Kalte Krieg. Auf beiden Seiten entstanden Staaten mit eingeschränkten Souveränitätsrechten, die den Intressen der jeweiligen Besatzungsmächte unterworfen waren. Die Grenzen zwischen DDR und BRD waren vor allem Grenzen zwischen zwei sich feindlich gegenüberstehenden Militärblöcken.
2. Die DDR hatte als kleinere und wirtschaftlich schwächere Einheit von vorn herein bis 1989 einen signifikanten Nachteil gegenüber der BRD. Das vor allem US-finanzierte Wirtschaftswunder (Marschallplan) in der BRD manifestierte diesen Nachteil.
3. Westberlin wurde als “Pfahl im Fleische der DDR” aufgebaut. Dieser frei zugängliche „Brückenkopf“ des politischen Kontrahenten wurde intensiv zur Destabilisierung der DDR genutzt. Berlin war in jener Zeit der wohl größte internationale Spionagetummelplatz.
4. Die Politik der BRD war in Abstimmung mit den Westalliierten von Beginn an auf die Beseitigung der DDR ausgerichtet. Alleinvertretungsanspruch der BRD für die Deutschen. Gezielte Abwerbung von DDR-Arbeitskräften bis zum Mauerbau.
5. Krise der DDR-Wirtschaft ab Ende der 50er-Jahre. Ziel, die BRD wirtschaftlich zu überholen, wurde nicht annähernd erreicht. Vergenossenschaftlichungen in der Landwirtschaft führten zu Fluchten und Nahrungsengpässen.
6. Mauerbau als zwingende Konsequenz der politischen und wirtschaftlichen Krise mit Gefahr eines neuen Krieges. Aus den Memoiren von Kennedy, Chruschtschow und Strauß geht hervor, dass alle Seiten mit einem Krieg rechneten und entsprechende Planungen anstellten. Zitat Kennedy 1961: “Chruschtschow sieht sich einer unerträglichen Lage gegenüber. Die DDR blutet sich zu Tode, und als Folge ist der ganze Ostblock in Gefahr. Er muss etwas unternehmen, um das aufzuhalten. Vielleicht eine Mauer?“ Auch Kennedy sprach von einem “Berlin-Problem”, das die Welt in einen schrecklichen nuklearen Krieg stürzen könnte.
7. Der Bau der Mauer war damals für die DDR- und SU-Führung alternativlos und wurde von den Westmächten akzeptiert. Es folgte eine Periode friedlicher Koexistenz und größerer Sicherheit in Europa. die Mauer führte zur Anerkennung der DDR als souveränem Staat durch einen Großteil der Welt.
8. Für viele Menschen war der Mauerbau mit schwerwiegenden persönlichen Konsequenzen verbunden, Familien wurden getrennt, Menschen verloren auf der Flucht ihr Leben. Der Drang, nach Westen zu gehen, wurde nicht verringert. Es war nicht gelungen, den Sozialismus in der DDR so zu gestalten, dass er für die Mehrheit der Menschen als bessere Alternative zum westlichen Kapitalismus erlebbar wurde. Das hätte ein attraktives und konkurrenzfähiges Wirtschaftssystem sowie individuelle Freiheiten erfordert. Sozialismus ist nur dauerhaft machbar, wenn ihn die Menschen wollen.
Wenn man nun das Papier der mecklenburgischen AKL mit der offiziellen Position der Linken vergleicht, fällt auf: So groß ist der Unterschied gar nicht. Die AKL hat lediglich mehr Wert auf eine ausführliche Schilderung der ihrer Ansicht nach vorliegenden historischen Faktenlage gelegt als die Historikkommission der Linken. Und tatsächlich wird kaum ein Historiker die darin dargestellten historischen Zusammenhänge bestreiten. Es wird darin auf die Rolle der Westalliierten genauso eingegangen wie auf Fehlentwicklungen innerhalb der DDR (Vergenossenschaftlichungen, Krise, mangelnde Freiheiten usw.). Und am wichtigsten: Auch die AKL zieht den Schluss, dass die Mauer unendliches Leid zufügte und ihren anvisierten Zweck letztendlich nicht – oder nur teilweise erfüllte. Sie mag vielleicht einen dritten Weltkrieg verhindert haben, aber sie hätte den Fortbestand der DDR niemals sichern können, weil grundlegende Dinge schlicht und ergreifend fehlten und viele Menschen lieber zu sterben bereit waren, als in einem solchen Staat zu leben.
Aus diesem acht Punkte umfassenden Papier werden in fast allen Medienberichten und von fast allen “empörten Politikern” nun immer wieder dieselben Passagen zitiert: die “zwingende Konsequenz” und die vermeintliche “Alternativlosigkeit” des Mauerbaus. Wobei auch gerne einmal auf die gute alte journalistische Sorgfalt des Zitierens gepfiffen wird – so wird aus der “zwingenden Konsequenz” schon mal locker eine “zwingende Notwendigkeit”. Der Unterschied zwischen beidem dürfte hoffentlich klar sein.
Ein dreiviertelseitiges Papier eingedampft auf zwei Formulierungen, um daraus letztendlich eine “Rechtfertigung des Mauerbaus” zu stricken. Punkt eins, fünf oder acht hingegen, in denen auch Missstände auf der Seite der sowjetischen Besatzungszone thematisiert werden, finden in fast keiner Publikation und wenn dann nur ganz marginal Beachtung, was auch zwingend erforderlich ist, um den zu erzeugenden Eindruck einer Rechtfertigungs-Carta irgendwie glaubhaft zu darzustellen.
Die AKL zielt in ihrem Papier zwar eindeutig darauf ab, den Mauerbau aus der historischen Perspektive irgendwie nachvollziehbar erscheinen zu lassen. Doch zwischen nachvollziehbar und legitim ist eben noch ein himmelweiter Unterschied. Aus meiner Sicht wurde nicht legitimiert oder gerechtfertigt, sondern wie bereits geschrieben versucht, die Frage, wie es zum Bau der Mauer kommen konnte, aus historischer Sicht nachzuvollziehen. Dem mögen nun sehr unterschiedliche und persönliche Motive zugrunde liegen, doch genau über die kann sich ein Außenstehender kein redliches Urteil bilden, da man darüber, was ein Mensch tatsächlich denkt, lediglich spekulieren kann.
Ich persönlich – als entschiedener Gegner von SED-Diktatur und Mauer – kann sagen: Im Großen und Ganzen könnte ich sowohl das Thesenpapier der AKL als auch das offizielle Statement der Linken unterschreiben. Prinzipiell hätte ich jedoch dem destruktiven und kriminellen Element der Mauer mehr Gewicht eingeräumt als die AKL. Und ich hätte wenigstens eines noch dazugeschrieben: Nicht nur die Westalliierten, auch die Sowjetunion hätte die Mauer wesentlich eher wieder abbauen können, als klar wurde, dass diese mehr Leid als Nutzen bringt.
Wer allerdings die Position der Linken aufgrund ihres historisierenden Elements in die Nähe der SED stellt, der handelt grundsätzlich zweckorientiert und reduziert umfassende Stellungnahmen auf wenige Formulierungen, in die man dies und jenes hineininterpretieren könnte. Der Linken aufgrund ihrer Vergangenheit auch dauerhaft eine Nähe zu alten Missetaten zu unterstellen, ist der leichteste Weg eines jeden Gegners, unliebsame Kritik oder politische Inhalte aufseiten der Linken zu diskreditieren. Keine Partei hat sich jemals seit Bestehen des deutschen Parteiensystems derart intensiv mit ihrer Vergangenheit beschäftigt. Sicherlich sind längst nicht alle Altlasten beseitigt. Doch die vielen kleinen Auseinandersetzungen und Diskussionen innerhalb der Partei sind auch ein Indiz für Arbeit und Vorwärtsgewandtheit, nicht für Stagnation. Das ist doch prinzipiell etwas Positives. Die sehr aufgeräumte und kritische Position der Linken zum Thema Mauerbau zeigt, dass die Partei bereit ist, sich von ihrer totalitären Vergangenheit endgültig zu lösen. Junge Leute und Leute aus dem Westen sind in den letzten Jahren dazugestoßen. Die Einflüsse, die die Partei heute prägen, sind sehr westlich, aber auch geprägt von den negativen Begleiterscheinungen der kapitalistisch geprägten Gesellschaft.
Und nicht zuletzt die Tatsache, dass ein “Gegenentwurf” zu den offiziellen Positionen schlussendlich auch zu dem Schluss kommt, dass die Mauer im Nachhinein betrachtet ein Fehler war, dass sie Leid gebracht und und ihr Ziel verfehlte, zeigt doch, dass selbst die Fundis in der Partei ihre Lehren gezogen haben und auf dem richtigen Weg sind.
Wie wäre es, wenn man das zur Abwechslung einmal ganz vorbehaltlos anerkennen würde?
Bei genauer Betrachtung lässt sich die Behauptung, ein “Mauerstreit” habe die Linke “gespalten”, in keinster Weise halten. Es mag verschiedene Ansätze und Gewichtungen innerhalb der Linken geben. Während Fundis immer noch ihrer Skepsis gegenüber dem amerikanischen Kapitalismus und Imperialismus verhaftet sind und traditionell die Rolle desselben in der Herausbildung des Kalten Krieges betonen wollen, verzichten die Realos in der Linken zusehends auf rückwärtsgewandte Bezüge. Doch in einem sind sich beide Lager grundlegend einig: Die Mauer mag aus damaliger Sicht konsequent gewesen sein, aus heutiger jedoch ist und bleibt sie in erster Linie ein Verbrechen an den Menschen und in keinster Weise zu rechtfertigen. Die Verantwortung für ihre Entstehung ist nicht allein der DDR und der Sowjetunion zuzuschreiben.
Die Rolle Amerikas im Kalten Krieg ist jedoch etwas, das in einem Land, das nach wie vor sehr vom amerikanischen Einfluss geprägt ist, nur zögernd in den Fokus der Debatten um diese Phase europäischer Geschichte gerät. Und wann, wenn nicht am 50. Jahrestag des Mauerbaus, ist die Zeit reif, diese Seite noch näher zu beleuchten?
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Nach langer Zeit mal wieder ein “Bild des Monats”:
 Christopher Haley Simpson, Herbst 1991, 61x84,3 cm
Dieses Aquarell des britischen Künstlers Christopher Haley Simpson aus dem Jahr 1991 hat einen festen Platz in der Reihe meiner absoluten Lieblingsbilder. Ein Werk, das die unruhigen Jahre der Wende in Dresden von 1989 bis 1991 und ihre oft skurrilen Auswüchse wie kaum ein zweites festhielt, was man übrigens über viele Werke des Künstlers aus jener Zeit sagen kann.
Wo das Bild entstand, dürfte wohl allen Neustädtern klar sein, oder?
Title Christopher Haley Simpson, Herbst 1991, 61x84,3 cm [...]
Dieser Tage trage ich Trauer. Obwohl, eigentlich trage ich schon seit Jahren Trauer, was diese Thema betrifft. Heute hat sich nun genug Trauer angesammelt, dass ich sie in einen Blog-Post ergießen muss. Die gute alte Neustadt ist tot. Seit Jahren sah ich sie sterben, die letzten Zuckungen, die sich noch in ihr regen, machen einen umso trauriger, weil man weiß: Es ist das Todeszucken eines einst so charmanten, eigentümlichen und urpsrünglichen Stadtteils, der für seine querdenkenden, weltoffenen und entspannten Menschen bekannt war. Doch wo sind sie hin, die entspannten, querdenkenden und weltoffenen Menschen? Sie können sich die Mieten nicht mehr leisten, da ihr Lebensmodell nicht auf maximale Gewinnsteigerung und Leistung ausgerichtet war – und, weil es für ihre Idee von alternativen Lebensmodellen, Solidarität und Gemeinschaft (siehe “Bunte Republik Neustadt”) längst keine Mehrheit im Viertel mehr gibt, die diese Werte gegen den übermächtigen Druck der Mainstream-Gesellschaft von außen verteidigen könnte.
Zur “alten Neustadt” gehörten die Ruinen, in denen Kinder zwischen “verwunschenen” Möbeln aus längst vergangener Zeit und Gasgeruch Mutproben veranstalteten und “Bude” spielten, die Bruckbuden, in denen noch Platz und Raum war für Träume und Ideen, die nur der Verwirklichung harrten. Heute ist mittlerweile auch das letzte Haus in der Äußeren Neustadt saniert, immer öfter auch luxussaniert. Wo heute noch neu gebaut wird, entstehen hyperfuturistische Klötzer mit Riesen-Terrassen und abweisenden XXL-Fensterfronten, die verkauft und nicht mehr vermietet werden. Vorbei die Zeiten, als sich hier Studenten noch bei alten Omis gegen ein wenig Hilfe im Haushalt einmieteten.
Zur “alten Neustadt” gehörten die verruchten Eckkneipen, aus denen man die schmissige Musik und das Gröhlen der Gäste noch aus zig Metern Entfernung hören konnte – weil nicht wie heute in jedem Haus eine schicke Bar war, vor der sich duftende Trauben gut eingegelter und parfümierter Menschen bilden, deren Geschnatter und Gelächter sich mit dem der Traube von nebenan zu einem Geräuschebrei vermischt, in dem alles nur noch gleich klingt, riecht und aussieht. Nein, früher gab es wirklich nur hier und da ein Kneipchen, und die Nachtruhe war gesichert.
In der “alten Neustadt” kannte fast jeder jeden. Man half sich oft über die Straße mit Dingen des alltäglichen Bedarfs aus, grüßte freundlich und wusste selbst, wer im letzten Haus am anderen Ende des Straßenzuges wohnte. Klar, es gab eben in jeder Straße nur zehn oder zwölf bewohnbare Häuser. Heute hingegen gleicht die Neustadt einem Bienenschwarm – es herrscht ein ständiges Kommen und Gehen, wer gestern noch ins Vorderhaus einzog, ist morgen vielleicht schon wieder ausgezogen. Heute sind zwar alle Häuser in der Neustadt bewohnbar, doch sie gleichen Mietskasernen, in der kaum einer noch den Nachbarn kennt. Und wenn man sich kennenlernt, dann ziehen die neuen Freunde alsbald schon weiter. Das Leben ist hektisch geworden, hektisch, anonym, eng und wenig gemeinschaftlich – zumindest, wenn man unter “gemeinschaftlich” etwas anderes versteht, als sich allabendlich mit seinen Saufkumpanen an der “Assi-Ecke” Louise/Rothi/Görli zu treffen, den ganzen Weg zu blockieren und das Gedrängel zu nutzen, um Mädels anzumachen, die einfach nur an diesem Nadelöhr vorbeiwollen.
Früher traf man sich in Hinterhöfen, legte dort heimlich Obst- und Gemüsegärten an und saß abends grillend mit der Hausgemeinschaft im Hof, die eigenen Kinder wuchsen buchstäblich mit denen der Nachbarn auf. Heute hat sich die Liste der Namen in unserem Haus mit jedem neuen Anlauf, den ich unternehme, um die Hausgemeinschaft mal zu einem gemütlichen Sommerfest zusammenzutrommeln, wieder grundlegend geändert.
Wenn man früher im Hochsommer auf den Alaunplatz ging, um zu spielen oder sich in die Sonne zu legen, dann war der Ort noch einer der Erholung und der Ruhe. Lediglich vereinzelt traf man dort auf spielende Kinder, die im hüfthohen Gras Verstecken spielten und auf Bäume kletterten, oder auf Muttis, die lesend oder mit ihren Kindern Karten spielend auf einer Decke saßen. Heute ist der Alaunplatz zum ultimativen Sinnbild des Wandels in der Neustadt geworden – wo man hinschaut nichts als Enge, Ignoranz und Selbstsucht. Was interessiert mich auch der Ärger der anderen über meinen Müll? Was interessiert es mich, ob es das Mädel mit dem Buch vielleicht nervt, wenn sie ständig meinen Fußball im Rücken oder die Spiritusfahne meines Grills (den ich zwei Meter von ihr entfernt aufgebaut habe) in der Nase hat?
Das abweichlerische Element des Gegen-den-Strom-Schwimmens, das die Neustadt immer ausgezeichnet hatte, ist auf simplen Vandalismus und Egoismus zusammengeschrumpft. Kaum etwas ist noch von den kreativen Ideen der Wendejahre geblieben oder von dem sozialen Engagement zu DDR-Zeiten. Gegen den Strom zu schwimmen bedeutet heute in der Neustadt, demonstrativ auf der Straße zu laufen, Wände zu besprühen oder mit dem Fahrrad todesmutig über Fußwege zu brettern – kurzum: seine Mitmenschen zu ignorieren und ganz grundlegende, simple Regeln des Zusammenlebens (zumal auf engstem Raum!) mit Füßen zu treten.
Es ist nicht mehr schön, in der Neustadt zu wohnen. Und das nicht wegen des Viertels, sondern wegen der Mehrzahl seiner Menschen. Statt über die Begrünung und Wiederbelebung von Hinterhöfen oder die Verbesserung der Fürsorge für alte Menschen in der Gegend reden sich die Leute heute über fehlende Parkplätze die Köpfe heiß. Früher lebten hier Menschen, für die das Wort Parkplatz ein Fremdwort war. Heute ist die Stellplatzsituation hingegen schon “schlecht”, wenn man nicht stets und immer das Auto direkt vor der Türe abgestellt bekommt. Solchen Leuten sage ich: Ihr wolltet hier leben – in einem Viertel mit vielen Menschen und wenig Platz. Also beschwert euch nicht.
Vielleicht werde ich einfach bloß alt und daher weniger “biegsam”, meinetwegen. Aber mir fehlt hier zunehmend die Luft zum Atmen, und diese ignoranten Kids ohne Benehmen und Anstand, die das Viertel zunehmend bevölkern, gehen mir einfach auf den Zeiger. Das Wort “Alter” löst bei mir mittlerweile mittelschwere Plaque aus. Nur mal so zum Vergleich: Die Neustadt galt früher (zu DDR-Zeiten) als “Assi-Viertel”, weil auf manchen Parkbänken Suffkes mit Bierpullen saßen und sich in den paar Eckkneipchen auch schon mal gegenseitig unter den Tisch getrunken wurde. Da dürfte wohl allen sonnenklar sein, auf welchem Level wir uns heute befinden, wo Kids mit Bierpullen und Joints zum alltäglichen Stadtbild gehören und die Büsche auf dem Alaunplatz nicht Blüten-, sondern Urinduft versprühen. Einfach nur krank.
[...]
Seit 18 Jahren ruht sie im Dornröschenschlaf, die Kasernenanlage in der Klingerstraße in Dresden-Übigau. Im Frühjahr 1993 verließen mit den seit 1945 hier stationierten sowjetischen Truppen die letzten Bewohner das Areal. Vermutlich waren hier das 68. Ponton-Brückenregiment und das 443. Pionierbataillon untergebracht – sicher weiß ich das jedoch nicht zu sagen. Selbst die ehemaligen Besatzungssoldaten wissen heute nicht mehr genau, welche Truppenteile in der fast schon idyllisch im malerischen Ortskern von Altübigau gelegenen Kaserne Station bezogen hatten. Doch anders als die Schöne im Märchen zeigt das fast 100 Jahre alte Gebäudeensemble sehr wohl Alterungs- um nicht zu sagen Auflösungserscheinungen.
 Gesunkener Stern: Ruine der ehemaligen Sowjet-Kaserne Dresden-Übigau.
Zur Genüge wurde bereits in der Vergangenheit geschimpft, die Russen hätten wie die Vandalen in den 1945 in gutem Zustand übernommenen Gebäuden gehaust, alles kolossal heruntergewirtschaftet. Doch solange sich die Kasernenanlagen in Nutzung durch die Sowjets befanden, waren die meisten von ihnen offensichtlich noch gut in Schuss, die Bundeswehr bei vielen Objekten sogar bei der Übernahme überrascht darüber, wie gut vieles noch intakt war. Davon weiß unter anderem Dieter Liebschner zu berichten, Mitglied des Arbeitskreises Sächsische Militärgeschichte in Dresden und seinerzeit bei der Übergabe der Albertstadt-Kasernenanlagen an die Bundeswehr im Jahre 1994 zugegen. Herr Liebschner ist wohlgemerkt weit davon entfernt, ein ausgesprochener “Freund” der Sowjets zu sein und somit nicht gefährdet, den Himmel über den ehemaligen Besatzern voller Geigen zu malen.
Das beste Beispiel sind dafür wohl die Heilstätten Beelitz: Bis zuletzt das modernste Militärlazarett der Russen auf deutschem Boden, sah es hier bis 1994 noch so aus:
 Beelitz Heilstätten (90er-Jahre). Foto: W. Borissow, Deutsch-Russisches Museum Berlin.
 Beelitz Heilstätten, 1992. Quelle: Sowjetische Truppen in Deutschland, Burlakow.
 Beelitz Heilstätten (90er-Jahre). Foto: W. Borissow, Deutsch-Russisches Museum Berlin.
Von “heruntergewirtschaftet” oder “verlumpt” keine Spur. Keine bröckelnden Fassaden, kein herabblätternder Putz, gepflegte Außenanlagen, innen alles blitzsauber. Zwar war die Bausubstanz alt und marode, doch die Sowjets hielten die Klinik mit kleineren Reparaturen und Flickarbeiten und vor allem penibler Reinlichkeit nutzbar. Nur wenige Jahre nach dem Abzug der Truppen standen die Gebäude noch immer leer, zeigten sich die Spuren in der Hauptsache nicht der Vernachlässigung durch die Sowjets, sondern durch die Kommunen, die die denkmalgeschützten Bauten jahrelang verwahrlosen und verfallen ließen, bevor die ersten saniert wurden. Im Prinzip lässt sich sogar sagen, das die Nutzung durch die Sowjets die Anlage während der DDR-Zeit sogar vor dem Verfall rettete – denn die SED-Behörden hatten mit Denkmalschutz und Sanierung bekanntlich nicht viel am Hut.
 Beelitz Heilstätten, Ende 90er-Jahre.
Wie immer hat die Wahrheit zwei Medaillen. Die Sowjets erwiesen sich auch in Beelitz als Überlebenskünstler und Improvisateure, statt als Modernisierer. Moskau wollte so wenig Geld wie möglich in die hiesige Gebäudesubstanz investieren, wirkliche Instandsetzung gab es also auch in Beelitz in den 45 Jahren sowjetischer Präsenz nicht. Stattdessen wurde geflickt und gepflegt. Beim Abzug gingen die gedemütigten Truppen zudem oft alles andere als zimperlich mit Inventar und Einrichtung um, teilweise wurden sogar ganze Heizungsanlagen einfach ausgebaut und mit in die Heimat genommen. Dennoch: Die Gebäude befanden sich 1994 in einem nutzbaren Zustand. Mit vergleichsweise geringem Sanierungsaufwand machte man bis 1999 einige davon auch wieder flott – 2000 geriet der Erneuerungsprozess ins Stocken, die übrigen Gebäude verfielen immer mehr. Auch Vandalismus tat seins dazu: Zerschmissene Fensterscheiben und eingetretene Türen öffneten der Verwitterung Tür und Tor. Und eines ist wohl sicher: Je länger die Häuser verfallen, desto teurer wird eine eventuelle Sanierung. Von der gesetzlichen Verpflichtung, denkmalgeschützte Bauten zu erhalten, mal ganz zu schweigen.
Beelitz ist nur eines von vielen Beispielen, die zeigen, wie nach der Wende vergammelnde Kasernen bevorzugt auf das Konto der “sowjetischen Horden” geschrieben wurden, statt sich an die eigene Nase zu fassen. Wie viele DDR-Wohnhäuser (z.B. in der Neustdt) sahen genauso katastrophal aus, weil sie jahrzehntelang unbewohnt dem Verfall preisgegeben worden oder aber dringend notwendige Sanierungen immer auf das aller Notwendigste beschränkt waren?
Dass die Sowjets während der Besatzung alles andere als wie die Vandalen hausten, zeigen weitere Aufnahmen von Kasernengebäuden in ganz Ostdeutschland kurz vor dem Truppenabzug:
 Kaserne der 34. Artillerie-Division in Potsdam, 1993. Quelle: Burlakow, Sowjetische Truppen in Deutschland.
 Schlafsaal Berlin-Brigade, Berlin Karlshorst (90er-Jahre). Foto: W. Borissow, Deutsch-Russisches Museum Berlin.
Auch hier zeigt sich ein vergleichsweise zivilisiertes Bild: Die Bausubstanz mag alt gewesen sein, doch sie zeigt sich sowohl von außen als auch von innen in annehmbarem Zustand. Die Schlafsäle seien auch in den Dresdner Kasernen bei der Übergabe an die Bundeswehr “blitzsauber” gewesen, sodass “man vom Boden hätte essen können”, erinnert sich Dieter Liebschner. Die Exerzier- und Vorplätze zeigen sich aufgeräumt, akurat gepflastert und von Pflanzkübeln und Rasenrabatten, teils sogar Blumenbeeten, gesäumt. Weitere Fotos aus dem Fundus des letzten Oberkommandierenden der Westgruppe, Burlakow, zeigen Soldaten beim Rasenmähen und Putzen.
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Sieht man sich nun die wenigen zugänglichen, unscharfen Bilder der 1913/14 errichteten ehemaligen Luftschifffahrts- und späteren Nachrichtenkaserne in Übigau an, die das Areal in sowjetischer Nutzung kurz vor dem Abzug der Truppen im Frühjahr 1993 zeigen, kann auch hier konstatiert werden: Die Kaserne befand sich vor Übergabe an die deutschen Behörden in einem vergleichsweise zivilisierten Zustand – bis die ersten Fensterscheiben in dem nur dürftig gesicherten Gebäudekomplex zu Bruch gingen und einheimische Abenteurer sich Zutritt verschafften.
 Die letzten Truppen verlassen die Übigauer Kaserne, Frühjahr 1993. Quelle: www.dresden-übigau.de.
 Der Exerzierplatz auf dem Kasernenhof, Herbst/Winter 92/93. Quelle: www.dresden-übigau.de.
 Kaserne Dresden-Übigau, Unterkünfte.
Heute hingegen ist der gesamte Innenhof der Kaserne von Bauschutt und Trümmerresten, Pflastersteinen und Schrott übersäht. Wahrscheinlich großteils Rückstände des Abrisses einiger Gebäude in den Jahren 2004 und 2005. Die Häuserreihe im Hintergrund des rechten oberen Fotos mit dem Exerzierplatz steht heute nicht mehr. Früher befanden sich Ställe und Fuhrpark darin. Wind und Wetter setzten ihnen so zu, dass sie teilweise einstürzten und notdürftig abgerissen wurden.
An der Mauer entlang der Klingerstraße türmt sich achtlos von Anwohnern rübergeworfener Müll: Flaschen, Autoreifen und ganze Möbel- und Technikteile gammeln dort vor sich hin. Sowjetische Hinterlassenschaften hingegen sind trotz intensiver Suche kaum zu finden: Ein Soldatenstiefel hinter der Turnhalle ist eines der wenigen Originalsouvenire, die das Gelände heute hergibt. Auch der meiste Unrat in den Kasernengebäuden entpuppt sich als “deutsches Erbe”: haufenweise Zementsäcke und Werkzeug aus deutscher Produktion, herangeschleppte Möbel; verwanzte Schlafsäcke und Decken zeugen von gelegentlichen nächtlichen Gästen. Der Zutritt ist auch heute noch – trotz der augenscheinlichen Einsturz- und sogar Lebensgefahr in vielen Bereichen – kinderleicht. Nur ein Schild warnt direkt neben dem bequemen Einstiegsloch im Haupttor: “Betreten der Baustelle verboten”. Vermutlich muss erst ein neugieriges Kind durch das Loch in der Hauswand in den mehrere Meter tiefen Kohlenschacht (mehr dazu später im Text) stürzen und dabei umkommen, bis die Ruine (und mehr ist das heute einfach nicht mehr) besser gesichert wird. Dass Ruinen eine magische Anziehungskraft auf abenteuerlustige Kinder haben, wissen wir nicht erst, seit die 11-jährige Emma vorvergangene Woche im alten Sachsenbad in den Tod stürzte. Auch ich streifte als Kind bereits bevorzugt durch die Ruinen der Neustadt.
 Kaserne Dresden-Übigau: Soldatenstiefel.
 Kaserne Dresden-Übigau: rosa Wände?
Auch heute, 17 Jahre nach dem Abzug, geben die Gebäude noch Aufschluss über so manche sowjetische Auffassung von Wohnlichkeit: So schienen die Sowjets trotz des tristen Graus der Außenfassaden eine Vorliebe für kräftige Farben im Innenbereich zu haben. Häufig stößt man im Inneren der Kasernenbauten auf knallige Blau- und Mintgrün-Töne, sonniges Gelb und sogar schreiendes Rosa – in einem Haus, das fast ausschließlich Männer beherbergte, wohlgemerkt. Die Latrinen erstrahlen sogar in einer gewagten Kombination aus Blau, Grün und Rot.
 Kaserne Dresden-Übigau: Festsaal?
 Kaserne Dresden-Übigau: Kellerloch.
An der Westseite befinden sich die ehemalige Turnhalle und anscheinend so etwas wie der ehemalige Festsaal. Auf dem Bild (links) mag das nicht so ganz rüberkommen, aber die Bretterlandschafft im Vordergrund mutet wie eine Bühne an, von der rechter Hand Stufen in einen tiefer gelegenen Bereich führen. Betreten ist aber mittlerweile gerade bei dem momentanen Tauwetter nicht zu empfehlen, Dach und Bretterboden sind extrem morsch und akut einsturzgefährdet.
Auf dem rechten Bild ist etwas undeutlich ein ziemlich dunkles, mindestens sechs Meter tiefes Kellerloch zu sehen, das im mittleren Hauptgebäude an der Klingerstraße durch ein Loch in der Hauswand einsehbar ist. Vom Loch in der Wand führt eine Eisenstiege nach unten. Eventuell befand sich hier mal das Heizhaus, denn das Loch sieht ziemlich ausgeweidet aus, die Kessel und Geräte wurden anscheinend mitgenommen. Sogar die Treppe an der dem Einstiegsloch gegenüberliegenden Kellerwand, die von unten zu einer parterre liegenden Tür hinaufführte, wurde abgebaut. Anscheinend wurden früher Kohlen dort gelagert, denn alles ist irgendwie noch ziemlich schwarz da unten.
 Kaserne Dresden-Übigau: mediale Tapete.
 Kaserne Dresden-Übigau: farbenfrohes Treppenhaus.
Die Übigauer Kaserne steht zu 85% unter Denkmalschutz, doch der Verfall geht weiter. 2004 wurden einige Gebäude abgerissen, ein Dehner-Gartencenter entstand an der Washington-Straße. Eine vor Jahren geplante Seniorenwohnanlage wurde nie gebaut, seit 2003 gelten die Pläne als verworfen. Seither hat sich an dem schlechten Zustand der restlichen Gebäude nichts geändert. Sollte die einst schmucke Kaserne ihren 100. Geburtstag in 3 Jahren tatsächlich als Ruine feiern müssen?
 Unterkünfte der Nachrichtenkaserne Klinger-/Ecke Kaditzer Straße um 1937.
 Zeugnis alter kaiserlicher Herrlichkeit: Ornament an der Fassade Klingerstraße.
[...]
Jedes Mal, wenn ich heute ein Glas des süßen braunen Brotaufstriches öffne, steigt unweigerlich der Anblick des ach so unerreichbar hoch gelegenen obersten Regals des Vorratsschrankes in der elterlichen Wohnküche vor meinem geistigen Auge herauf, von dem aus mich ab einem gewissen Zeitpunkt gleich eine ganze Batterie Nutella-Gläser anschmunzelte.

Das erste Glas lag eines Tages wohl in einem der Weihnachtspakete aus dem Westen, und einmal gekostet, war es um mich geschehen. Die Ostmarke Nudossi war Taubendreck dagegen, wie wir immer zu sagen pflegten, und überdies ohnehin auch bloß völlig überteuert für etwa sieben Ostmark im Deli erhältlich. Es war mir damals – ich mag vielleicht fünf, sechs Jahre alt gewesen sein, völlig unbegreiflich, wie man etwas derart Köstliches von solch aromatischer Intensität herstellen konnte. Unsere eigenen Versuche, über den Rest des Jahres das Fehlende mit einer Mischung aus Trinkfix, Butter, Zucker und Haselnuss-Backaroma zu ersetzen, fielen jedenfalls immer ziemlich dürftig aus; Deli und Intershop fielen aufgrund der überteuerten Preise aus. Doch dann nahte unerwartet Erlösung.
1985 fing mein Vater bei BMK Chemie Halle an und wurde an die im Bau befindliche Erdgastrasse durch die Sowjetunion geschickt – Worte wie “Ukraine” und “Ural”, “Perm” und “Swerdlowsk” prägten sich damals in mein Bewusstsein ein. Und noch etwas ist unweigerlich mit dieser Zeit verbunden: Nutella. Seit mein Vater in Russland arbeitete, stimmten sozusagen die Finanzen, denn der Job war hart und gefährlich. Die Familien daheim zahlten dafür zudem einen hohen Preis, den Ehemann und Vater sahen sie im Jahr alle drei bis vier Monate für drei oder vier Wochen. Als Kind gewöhnt man sich gewiss schneller daran, ich hatte es jedenfalls bald als gegeben hingenommen.
Viel spannender waren die tollen Sachen, die mein Vater mitbrachte oder nach Hause schickte. Eines Tages kam eine große Kiste bei uns an. Meine Schwester und ich drängten uns erwartungsfroh um unsere Mutter, während sie das Paket öffnete. Zum Vorschein kam schließlich: eine ganze Stiege Nutella-Gläser, wohl zehn bis zwölf Stück – ein Jahresvorrat. Mein Vater hatte die Gläser zu Sonderkonditionen über den sogenannten GENEX-Katalog bestellt, ein Privileg, in dessen Genuss damals nur Menschen in besonderer Position kamen – wie eben jene körperliche Schwerstarbeit in der russischen Wildnis leistenden Menschen an der Trasse.
Dieser Jahresvorrat wurde von meiner Mutter sorgfältig in besagtem oberstem Regal des Vorratsschrankes verwahrt und gehütet wie ein Schatz. Ein Glas Nutella hatte von nun an bei drei Personen mindestens einen ganzen Monat zu reichen, hauchdünn wurde die begehrte Speise auf Frühstücksbrötchen und Schulbrote gestrichen, und dennoch war jedes Milligramm davon ein Genuss.
Heute kann ich so viel und so oft Nutella essen, wie ich lustig bin. Aber irgendwie schmeckt sie – wie so ziemlich alles – heute lange nicht mehr so gut wie damals, habe ich mich in den letzten Jahren immer wieder verwundert gefragt, ob man denn in den letzten 25 Jahren etwas an der Rezeptur verändert habe. Doch vermutlich gaukeln einem die mittlerweile an maximale Geschmacksvielfalt gewöhnten Geschmacksrezeptoren schlicht und ergreifend nicht mehr vor, etwas völlig Neues, Unbegreifliches zu kosten.
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Vor einigen Wochen begab ich mich auf Spurensuche auf dem Gelände des Festspielhauses Hellerau, das von den 30er-Jahren an bis in die 90er-Jahre hinein Kasernengelände war. Von 1945 bis 1992 waren hier das 153. separate Fernmeldebatallion sowie ein Sanitätsbatallion der Sowjetarmee samt Lazarett ansässig. In der großen grauen Villa (erstes Foto), links des Eingangs zum Gelände, sollen früher Politoffiziere gewohnt haben, in den kleinen gelben Häuschen am Festplatz die Kommandeure, während das Festspielhaus selbst anscheinend als Lazarett gedient hat.
Neben den bereits gesondert zur Schau gestellten Wandmalereien aus der Zeit der sowjetischen Besatzung im Festspielhaus gab es noch eine Reihe anderer interessanter Zeugnisse aus vergangenen Zeiten, die im Bild festzuhalten mir lohnenswert schien.
Dabei herumgekommen ist u. a. dies (zum Vergrößern bitte auf die Bilder klicken):




 DMB 86
Das obige Bild – dessen marmorierte Optik mir übrigens irgendwie total gut gefällt – zeigt ein Stück rohverputzte Mauer im Bereich der ehemaligen Werk- bzw. Fuhrparkshallen. Links ist sehr verschwommen mit dunkler Farbe in Kyrillisch “DMB 86″ zu lesen. DMB steht dabei vermutlich für das Russische “Dembel”, abgeleitet von “Demobilisazia”, das im Prinzip die Entlassungskandidaten bezeichnete. Dazu steht meist das Jahr der Entlassung: oben 1986.
Rechts daneben noch mal in Rot die Dienstzeit: 1984-86. Auf dem gesamten Gelände fanden sich solche Insignien von hier ihren Wehrdienst ableistenden Soldaten der Sowjetischen Armee. Siehe auch das nächste Bild: Entlassung Frühjahr (“Wesna”) 1988.

 Freundschaft.
 Leningrad.
 Eingewecktes anno 1984.
Damals wie heute beliebt, früher aber fast überlebenswichtig: eingekochtes Obst. Hier Kirschen, Pflaumen und Apfelmus. Das ganz links sah aus wie Blumenkohl. Auf dem Apfelmusglas klebt noch ein kleiner weißer Aufkleber mit der Aufschrift “84″. Fotografiert durch die fast blinde Scheibe eines noch nahezu im Originalzustand erhaltenen Schuppens hinter dem Festspielhaus. Daher auch die recht miese Qualität des Fotos. Das Obst sieht übrigens – wie man erkennen kann – noch richtig genießbar aus. Würde sicher auch eine tolle Requisite fürs Theater abgeben.

Altes Werbeschild des russischen Tanztheaters “Derevo” – oder ein Teil einer Requisite? Toller Fund auf jeden Fall. Es stand ziemlich abseits des Festspielhauses im Bereich der Schuppen und Baracken.

Dieses verwitterte Bild ziert eine der nach wie vor erhaltenen Begrenzungsmauern hinter den ehemaligen Truppenunterkünften (auf dem Festspielgelände die langgezogene Ruine rechter Hand). Auch wenn Wind und Wetter ihm arg zugesetzt haben, hat es mich sofort aufgrund seiner erstaunlichen Perspektivik und Weite begeistert. Wenn man hinschaut, meint man, auf ein steiniges Meeresufer zu blicken: In den seichten Wogen liegen runde, schwarze Steine im Morgendunst, die am Horizont aufgehende Sonne spiegelt sich im Wasser… fantastisch. Wahrscheinlich kommt dieser Effekt gerade deshalb zustande, weil das Bild bereits so verwaschen ist.
An diesem Mauerstück finden sich noch weitere handgemalte Bilder, teilweise mit kindlichen Motiven (siehe die nächsten Bilder). Womöglich wurden in dem auf dem Gelände befindlichen Lazarett dann und wann auch Kinder von Offizieren behandelt, sodass man die Mauern auf der Innenseite mit Bildern verzierte, um den kleinen Patienten den Aufenthalt angenehmer zu gestalten.



[...]
Die folgenden Fotos zeigen Wandbilder aus dem Festspielhaus Hellerau. Bereits vor den Weltkriegen wurde das Ensemble als Spielstätte genutzt. Nach Ende des 2. Weltkrieges zog in die heutige Festhalle das Stabshauptquartier einer Einheit der Sowjetarmee ein, rings herum gruppierten sich die Mannschaftsunterkünfte sowie Werk- und Lagerhallen. Nach der Wende begann die Wiederbelebung der alten Festspiel-Tradition auf dem Areal.
Im Zuge der Sanierung stieß man auf umfangreiche, farbenprächtige Wandgemälde der Sowjets, vermutlich aus jener Zeit kurz nach Ende des Krieges. Sie zeigen die Geschichte des “heldenhaften Vorstoßes” der Roten Armee über Russland, die Ukraine und Polen bis nach Berlin. Sie zeigen die Schrecken und das Grauen der Schlachten: brennende Panzer, Luftangriffe, Explosionen, Tote – und mittendrin eine junge Sanitäterin, die einen Verletzten birgt, um ihn zu retten. Bilder, die damals vermutlich in der Erinnerung des Künstlers noch sehr lebendig waren. Sein Name ist hingegen bis heute unbekannt.
Sie zeigen aber auch die bilderstürmerischen Ruhmessymbole vom siegreichen, mächten Rotarmisten mit wehendem Umhang, der ein angsterfülltes deutsches Kind in seinen Armen hält und mit einem überdimensionalen Schwert ein Hakenkreuz zerschmettert – die klassische Befreiungssymbolik. Eine Statue von ganz ähnlicher Gestalt steht noch heute am Ehrenmal in Berlin-Treptow. Dazu sieht man Landkarten mit den Marschrouten von damals. Dass von den ruhmreichen sowjetischen Kommandeuren schon mal eine Menschenmasse vergleichbar mit der Einwohnerzahl Leningrads binnen weniger Monate teils sinnlos verheizt wurde, darüber schweigen die Bilder.
Dass diese Kunstwerke im Zuge des Umbaus zum Festspielhaus erhalten wurden, ist ein wahrer Glücksfall und daher den Bauherren hoch anzurechnen. Denn zumeist werden die Zeugnisse jener Ära heute tunlichst übertüncht oder anderweitig zerstört. Nach Auskunft des Hauses wurden die Bilder einst mit einfacher Latex-Farbe auf die rohe Wand aufgebracht, an vielen Stellen bedürften sie dringend der Restaurierung. In de imposanten Eingangshalle, die nahezu ausschließlich in Weiß und anderen hellen Naturfarben gehalten ist, wirken die farbenfrohen Wandmalereien umso eindrucksvoller.
 Im Treppenhaus zum Obergeschoss: Der lange Weg nach Berlin und der heldenhafte, siegreiche Rotarmist, Retter deutscher Kinder.




 Kommentare im Wandbild.
Title Im Treppenhaus zum Obergeschoss - Der lange Weg nach Berlin und der heldenhafte, siegreiche Rotarmist, Retter deutscher Kinder. [...]
Die vergangenen zwei Wochen verliefen einigermaßen turbulent. Während Leser dieses Blogs schon mal den Anschein gewinnen konnten, es täte sich nichts in Sachen Rettung des Zivilteils vor Abrissbaggern und kulturfeindlicher Umgestaltung, formiert sich hinter den Kulissen langsam eine Allianz der Kulturfreunde, der engagierten Bürger, ehemaliger Angehöriger der sowjetischen Streitkräfte und verschiedener Vereine. Die Kontakte, die ich in der letzten Zeit knüpfen konnte, reichen bis nach Russland. Nach Angaben des Offiziers und ehemaligen Kommandeurs einer bei Königsbrück stationierten Einheit der Sowjettruppen, Wladimir K. Wassilijew, der sich bereits persönlich in Dresden einen Überblick über die derzeitige Situation verschaffte, befassen sich mit dem Schutz und dem Erhalt der historisch wertvollen Anlage an der Marienallee auf sein Bestreben hin momentan auch das russische Verteidigungsministerium und die russische Botschaft in Deutschland.
In einem Internetforum, in dem sich aktuell etwa 2000 ehemals in und um Dresden stationierte Sowjetsoldaten austauschen und miteinander Kontakt halten, kursiert ein Aufruf, sich zu erinnern: Wer weiß von Kameraden oder Angehörigen, die auf dem Garnisonfriedhof zwischen 1952 und 1987 bestattet wurden? Wer hat Originalpapiere aufbewahrt? Welche Behörde war zuständig (sowjetische oder deutsche)? Dabei entwickeln immer mehr ehemalige Soldaten einen intensiven Aktivismus. Dabei konnte ermittelt werden, dass die Regierungen fast aller ostdeutschen Bundesländer wie Brandenburg, Thüringen und Sachsen-Anhalt derzeit ähnliche Projekte initiieren, um die zivilen Bereiche der sowjetischen Garnisonfriedhöfe zurückzubauen und durch pflegeleichte Grünanlagen zu ersetzen, dabei gleichen die Pläne einander oft bis ins Detail. Auch aus Polen sind solche Vorhaben bekannt geworden. So wurde etwa auch der Zivilteil des Ehrenhains in Michendorf (Brandenburg) jahrelang vernachlässigt, befindet sich heute in einem desolaten Zustand und soll nun ähnlich dem Dresdner-Modell in eine Grünanlage mit Obelisk umgewandelt werden. Eine deutsch-russische Initiative bemüht sich derzeit darum, dieses Vorhaben zu verhindern und die Mittel für Sanierung und Erhalt der Anlage aus russischen Spendengeldern aufzubringen.
Doch auch in Dresden tun sich Möglichkeiten auf. So ist für den kommenden Montag ein Treffen mit dem Vorstandsvorsitzenden des Deutsch-Russischen Kulturinstitutes (DRKI) in Dresden geplant, das sich bereits seit dem Abzug der Sowjettruppen aus Sachsen 1993 mit der Angelegenheit des Garnisonfriedhofes beschäftigt und unter anderem die Sanierung der Kriegsgräberstätte zwischen 1998 und 2007 durchsetzen konnte und auch das Dostojewski-Denkmal am Landtag realisierte. Den Kontakt stellte freundlicherweise Herr Wladimir Wassilijew her. Ein erstes Telefonat heute verlief bereits sehr vielversprechend. Der Freistaat Sachsen steht derzeit in intensiven Verhandlungen mit dem DRKI. Nach Angaben des Vorsitzenden, Herrn Schälike, liegt dem Institut mittlerweile der genaue Entwurf des Sächsischen Staatsbetriebes Immobilien- und Baumanagement (SIB) zur Umgestaltung vor. Während der Verein wie ich selbst auch dem geplanten Bau eines stabilen Zaunes zustimmt, lehnt er den Abriss der kulturell wertvollen Grabanlagen ab. Am Montag werde ich nun erstmals Einsicht in die genauen Pläne erhalten, das SIB hielt sich diesbezüglich bis jetzt ja eher sehr vage und bedeckt.
Des Weiteren haben sich Kontakte zum ECHO – European Culture and Hospice Organisation e. V. ergeben, einem Verein, der sich mit Gedenk- und Trauerkultur über Ländergrenzen hinweg beschäftigt. Über Zeitungsartikel und art und wIEse auf das Thema aufmerksam geworden, wird der Umgang mit dem Andenken an hierzulande in der Fremde und während der stalinistischen Diktatur verstorbene Menschen dort rege diskutiert. Auch hier wird es demnächst ein erstes intensives Gespräch geben, des Weiteren wurde die Möglichkeit eines Podiumsgespräches bzw. einer Ausstellung zum Thema Garnisonfriedhof im Dresdner Landtag vorgeschlagen.
Was wurde sonst konkret bislang getan?
Ich habe wie bereits erwähnt, einen Antrag auf eingehende Prüfung auf Denkmalschutzwürdigkeit des Zivilteils des Garnisonfriedhofes bei der zuständigen Abteilung Inventarisation des Landesamtes für Kultur und Denkmalpflege Sachsen eingereicht. Ein Ergebnis steht hier noch aus. Des Weiteren wurde der aktuelle Wikipedia-Eintrag zum Sowjetischen Garnisonfriedhof von mir überarbeitet und auf den neuesten Stand gebracht. Emails mit einem Aufruf, die Aktion zu unterstützen, gingen unter anderem an Dresdner Blogger, von denen leider wenig Resonanz kam. Keinerlei Reaktion kam erstaunlicherweise auch von den Neustadtgrünen, die sich sonst doch immer recht vehement gegen Kulturschwund und Neubaupläne der schwarz-gelben Landesregierung einsetzen.
Es wurden des Weiteren Hinweisschilder an der Marienallee entlang des Friedhofes angebracht, die Passanten und Besucher auf die Problematik aufmerksam machen. Bei regelmäßigen Besuchen vor Ort fällt insbesondere eines auf: Relativ häufig sind nun russischstämmige Bürger auf der Anlage anzutreffen, was bei früheren Besuchen eher selten der Fall war. Und immer häufiger “verirren” sich Besucher bis in den Nordflügel, der sonst immer einsam und versteckt im Schatten der Kriegsgräberstätte lag und von dessen Existenz oft nicht einmal jene wussten, die den Friedhof als solchen bereits kannten.
Das Thema nimmt derzeit Dimensionen an, die den möglichen zeitlichen Rahmen beinahe sprengen, berücksichtigt man, dass ich momentan noch immer als Einzelkämpfer aktiv unterwegs und zudem beruflich voll eingespannt bin. Aber vielleicht wird sich das ja bald ändern. Spannend ist das alles allemal.
[...]
Schon oft war ich am Rande von Radtouren oder Spaziergängen hier vorbeigekommen. Und immer – wie so oft, wenn ich an Friedhöfen vorbeigehe – hat mich ein leichtes Schaudern dabei ergriffen. Und jedes Mal hatte ich mir vorgenommen, mir diese Stätte einmal genau anzusehen. Jahrelang war sie für die Öffentlichkeit nicht zugänglich. Dann, ab 2007, konnte man sie wieder betreten, nachdem sie halbwegs wieder in Schuss gebracht worden war.
Die Rede ist vom Garnisonfriedhof der Roten Armee an der Marienallee, oberhalb des Prießnitzgrundes. Von 1945 bis 1987 bestatteten die nach dem Sieg über Hitler-Deutschland hier stationierten Sowjettruppen hier ihre Toten, darunter auch Frauen und Kinder.
Doch immer wieder zögerte ich seither, das gusseiserne Tor zu öffnen und jenen Platz zu betreten, an dem auf pi mal Daumen zwei Hektar verstreut mehr als tausend steinerne Grabmale in einschüchternder Gleichförmigkeit stehen, die sich erst auf den zweiten blick in Form und Gestaltung voneinander unterscheiden.
Als ich gestern das schwere Tor endlich aufstemmte, gesellte sich zu dem leichten Prickeln entlang der Wirbelsäule ein Gefühl der Ehrfurcht, der Bedrückung, aber schnell auch eine Art stille Heiterkeit und innerer Frieden.
Ich bin nicht allein. Inmitten der Gräber hat sich eine ganze Familie mitsamt Baby auf Bänken in einem kreisförmig angelegten Ruhebereich niedergelassen. Ich nicke freundlich und wende mich den Gräbern zu.
Still ist es hier und unglaublich grün, die Vögel zwitschern und die Sonne lässt den hellen Sandstein der Grabmale leuchten, die auf wildgewachsener Wiese in Reih und Glied stehen, Wildblumen und Kienäpfel bilden einen seltsam schönen Schmuck für fast jedes Grab.

 Ingenieur-Major Georgiy M. Kisseljew, Grab mit Marmorplatte und Wildblumenpracht.

Rhododendren und Hecken umsäumen rote Kieswege, Nadelgehölze und übermannshohe Büsche teilen das Gelände in verschiedene Bereiche. Erstaunt stelle ich fest, dass der Friedhof viel größer ist, als er von außen wirkt: Hinter hohem Gebüsch schließen sich an die endlosen Reihen der Stelen im Nordbereich versteckte Ecken an, wo im Schatten der Bäume kleine, einfache Grabsteine und halb überwucherte Bodenplatten mit Inschriften ruhen. Gräber von Kindern und Jugendlichen hauptsächlich.
Insgesamt vier verschiedene Monumente zähle ich, alle noch aus DDR-Zeiten und alle mit flammenden Hymnen auf Ruhm und Ehre der hier Bestatteten sowie einschlägigen Symbolen, vom tapferen Soldaten mit Waffe, über die rote Fahne bis hin zum unermüdlichen Arbeiter, besetzt. Unkontrolliert zuckt eine Augebraue nach oben und ein ironisches Grinsen huscht über mein Gesicht, um gleich darauf wie ertappt wieder zu erlöschen.
Sinnend laufe ich durch die Reihen der Grabmale. Namen und letzte Grüße in kyrillischer Schrift, Geburts- und Sterbedaten ziehen an mir vorbei – bedrückend: Die allermeisten hier Begrabenen haben kaum das 45. Lebensjahr erreicht. An einigen wenigen Stelen sind sogar noch die Keramiktafeln mit den Abbildern der Toten erhalten; die Gesichter der zumeist jungen Soldaten blicken stolz und ernst – entschlossene, mutige junge Männer, wie man sie in der Sowjetarmee gerne sah.
Und mit einem Male, so scheint es mir, bin ich von Geschichten umgeben, nicht mehr von Gräbern. Geschichten, die ich lediglich noch nicht zu entschlüsseln vermag.
 Grenadier P. D. Koschelnik starb im Mai 1958 mit nur 21 Jahren.
 Oberleutnant P. J. Komarov starb 1947 mit nur 26 Jahren.
Am Westende des Friedhofs finden sich ganze Reihen von Gräbern, in denen junge Soldaten ruhen, die kaum älter als 20 wurden. Was geschah mit ihnen? Anfangs dürften noch die desaströse Lage betreffs Versorgung und Hygiene der Nachkriegsjahre sowie alte Kriegsverletzungen eine Rolle gespielt haben. Doch woran starben Mitte bis Ende der 50er-Jahre in Dresden reihenweise junger russischer Soldaten Anfang 20? Diese Frage lässt mir seither keine Ruhe, mein Forscherdrang ist geweckt.
 Rotarmist N. I. Duboviy war erst 14 Jahre alt, als er bei der Schlacht um Dresden im Mai 1945 fiel.
Erschüttert stelle ich zudem fest, dass bei der Einnahme der Stadt Dresden im Mai 1945 sogar halbe Kinder kämpften – und fielen: Das Schicksal des erst 14-jährigen Rotarmisten (Krasnojarmeetz) N. I. Duboviy war beileibe kein einzelnes in jenen entmenschlichten Tagen der Schlacht. Bei dem Gedanken daran, Kindern ein Gewehr in die Hand zu drücken und sie in einen so mörderischen Krieg zu schicken, befällt mich ein Gruseln.
Und selbst nach all der Zeit, nach bis zu 65 Jahren, liegen hier und da an Grabsteinen kleine Blumengrüße, an einer Stele steht ein Topf mit weiß-gelben Margeriten aus Plastik, sie leuchten weithin zwischen den schmucklosen Grabsteinen. Angehörige, die nach wie vor hier leben? Auf jeden Fall eine unermüdliche, vielleicht sogar über große Distanzen aufrechterhaltene Kultur des Erinnerns an geliebte Menschen, die viel zu früh ihr Leben lassen mussten.
Ab und zu knie ich vor einem der Grabsteine im weichen Gras nieder, lese genauer, betrachte Gesichter. Erst da fällt mir auf, dass die Grabsteine durchaus unterschiedlich aussehen, die Gravuren und Ornamente der höheren Dienstgrade sind zumeist aufwendiger und kunstvoller gestaltet, als bei einfachen Gefreiten. Geburtsdaten werden hier teils voll ausgeschrieben, die Inschriften befinden sich auf Mamorplatten, oder Grußworte der Angehörigen sind zu lesen, während bei niederen Dienstgraden nur Name, Geburtsjahr und Sterbedatum in einfachem Sandstein eingraviert sind und die Stelen nur ein einfaches Ornament in Form eines Sterns aufweisen.
Auch sind es oft die niederen Dienstränge, die in Mehrfachgräbern bestattet wurden (siehe Foto links).
Während ich fotografiere, komme ich mir irgendwie vor, wie ein Voyeur. Doch längst hat mich der Ort mit seiner irgendwie magischen Atmosphäre gefangen genommen, und ich will darüber berichten.
 Oberstleutnant A. M. Kirejew - Grab mit Marmorfront.
So wild-romantisch der weitestgehend der Natur überlassene Ort auch wirkt – die mangelnde Pflege und Aufsicht haben auch ihre negativen Seiten: Am Mahnmal im Südteil des Friedhofes liegen verwelkte Blumen und Gebinde, viele noch mitsamt der Kunststoffverpackung. An den Inschriften der verblichenen Bänder ist zu erkennen – sie liegen bereits seit dem 8. Mai hier, dem Tag der Befreiung – unansehnlich, von Wind und Wetter zerzaust. Von den umliegenden Gräbern klaube ich verstreutes Blumenpapier, gieße Blumen, die in Töpfen am Mahnmal stehen und die Köpfe hängen lassen.
Aufgeräumt und gepflegt wird hier ganz sicher nicht. Im Papierkorb in der Sitzecke finden sich haufenweise leere Flaschen diverser Alkoholika und andere Reste für meinen Geschmack und den Ort zu geselligen Beisammenseins. Als ich mich vom hinteren Teil des Friedhofes wieder in Richtung Tor bewegen will, sehe ich gerade noch einen jungen Mann in Radlerdress den Hosenstall schließen, sein Rad lehnt an dem Denkmal, hinter dem er gerade seine Notdurft verrichtet hatte. Darauf angesprochen, wie er es fände, wenn später mal jemand neben seinen Grabstein pinkeln würde, winkt er feixend ab und sucht das Weite.
Es scheint, als wäre der abgelegene Ort so ein wenig in Vergessenheit geraten. Die Kriegsgräberfürsorge sorgt zwar für ein Mindestmaß an Ordnung und legt einmal im Jahr zum 8. Mai Blumen nieder. Doch an den Gräbern selbst wird nichts gemacht, sie sind der Verwitterung und auch Vandalismus preisgegeben. Auch aufgrunddessen sind mittlerweile nur noch wenige der Keramikfbildertafeln an den Stelen erhalten – dabei sind sie es gerade, die dem Friedhof etwas Menschliches, Persönliches verleihen. Ich erinnere mich an Spaziergänge zu Kinderzeiten, bei denen von den Grabmalen noch zahlreiche Gesichter, teils in Farbe, durch die Gitterstäbe blickten. Heute haben selbst die vereinzelt noch erhaltenen zum Teil schon Risse.
 Grab von Hauptmann D. P. Mazakov mit fast zerstörtem Keramikbildnis.
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