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Schleichendes Vergessen statt gelebter Aufarbeitung

Der Garnisonfriedhof der Sowjetarmee an der Marienallee und die ihn umrankenden Geschichten sind momentan beherrschendes Thema in meinem beruflichen wie mittlerweile auch privaten Alltag. Seit meinem ersten Besuch auf der Anlage vor einigen Monaten (ich berichtete) hat sich in mir der Wille gefestigt, ein gewisses Stück des Weges zurückzugehen in eine Welt, ein gesellschaftliches und politisches Klima, die mir als 1979 Geborener unbekannt geblieben sind. Wie sah sie aus, die Welt in den Kasernen der Dresdner Militärgarnison der 50er- bis 70er-Jahre? Jenen Jahren, in denen etwa tausend Sowjetsoldaten und Angehörige – Frauen und Kinder – auf dem Garnisonfriedhof an der Marienallee ihre letzte Ruhe fanden.

Ausgangspunkt für mein sich regendes Interesse war eigentlich die Beobachtung, dass lange nach Kriegsende, ab etwa 1951 bis Ende der 60er-Jahre, vor allem junge Soldaten niederer Dienstgrade (Rekruten, Gefreite, Unteroffiziere) zahlreich in den in Dresden und Umgebung stationierten Einheiten verstorben waren. Zu Hunderten (>500) ruhen sie primär im West- und Nordflügel des Friedhofes. Im Schnitt waren die jungen Männer zum Zeitpunkt ihres Ablebens etwa 22 Jahre alt, der jüngste erst 16, wie sich nun herausstellte. Es drängte mich, zu erfahren, was mit ihnen geschah. Zumal auf diesem Friedhof, der anscheinend ursprünglich hauptsächlich für die Bestattung höherer Dienstgrade vorgesehen war, mit fortschreitender Zeit immer mehr junge Rekruten und immer weniger Offiziere beigesetzt wurden. In den 50er- und 60er-Jahren standen teilweise pro Jahrgang bis zu 50 Rekruten und Gefreiten nur 3 oder 4 Offiziere gegenüber. Die Entdeckung des Nordteils des Friedhofes, der mir bei der ersten Begehung gar nicht aufgefallen war, verstärkte diesen Eindruck noch.

Nun mag mancher argumentieren, dass das alles doch schon so lange her sei, und man die Geschichte auch einfach mal ruhen lassen sollte. Die sowjetische Besatzung und damit die Erinnerung an “die Russen” ist eben bei vielen Zeitgenossen hauptsächlich negativ besetzt, und das sicherlich auch nicht vollkommen unberechtigt. Doch ich halte diese Periode für ein Stück Heimatgeschichte, zudem eines, über das wenig bekannt ist – und sie markiert eine Schnittstelle zwischen deutscher und russischer Geschichte. Sie sollte nicht vergessen, sondern endlich aufgearbeitet werden.

Mehr noch drängt sich die Notwendigkeit historischer und menschlicher Aufarbeitung jener Zeit auf, als der Nordteil des Garnisonfriedhofes – trotz bestehender Verträge und Gesetze – seit Jahren der Verwahrlosung preisgegeben wird. Anfang der 2000er-Jahre wurde zwar der Hauptteil, bestehend aus Süd-, Südwest-, West-, Mittel- und Ostflügel mit Sandstein-/Beton-Stelen und den Ehrenmalen, für über 1 Million Euro aufwendig instand gesetzt. Und auch jetzt wird ein Mindestmaß an mehr oder weniger regelmäßiger Pflege gewährleistet.
Doch wenn man an der Nordseite des Hauptfriedhofes am Denkmal für die Kriegsgefangenen, wo man sich eigentlich schon am Ende der Anlage angekommen wähnt, vorbeigeht, wird man gewahr, dass der Friedhof hier eine traurige Fortsetzung findet.

Garnisonfriedhof Marienallee, Blick zum Ost- und Mittelflügel

Garnisonfriedhof Marienallee, Blick zum Ost- und Mittelflügel


Garnisonfriedhof Westflügel mit Blickrichtung zur Mitte

Garnisonfriedhof Westflügel mit Blickrichtung zur Mitte

Das nördliche Areal befindet sich in einem absolut unwürdigen, desolaten Zustand. Es beherbergt – soweit ich sie erfassen konnte – etwa 400-450 Soldatengräber ausschließlich junger Männer im Alter von 16-26 Jahren in einfachen Dienstgraden sowie etwa 150 Gräber von Frauen und Kindern aller Altersstufen. Hier sucht man aufwendige Stelen aus Beton oder gar Sandstein vergeblich. Stattdessen dominieren aufs zweite, genauere Hinsehen schlichte Platten aus rotem Granit das Bild, mal klein, mal größer, mal stehend, hauptsächlich jedoch flach im Boden liegend. Doch die Einfachheit des Materials geht auch mit ausgesprochener Robustheit einher – diesem Umstand dürfte es auch gedankt sein, dass die Grabplatten der Verwahrlosung bislang gut standhielten.
Die ältesten Gräber im Nordteil stammen von 1952. Allein im Jahr 1953 wurden über 65 junge Rekruten zwischen 17 und 25 Jahren, die in/um Dresden während ihres Militärdienstes starben, hier begraben, 1954 waren es gar 95, 1965 waren es immerhin noch um die 50. Das jüngste Grab ist von 1987 – ein kleines Mädchen. Im Nordteil ruhen auch die beiden letzten auf dem Garnisonfriedhof bestatteten Soldaten aus dem Jahr 1973. Was mit jenen geschah, die ein ähnliches Schicksal nach 1973 ereilte, ist nach wie vor ungewiss. Anscheinend wurden viele auf städtischen Friedhöfen oder innerhalb der Kasernenmauern beigesetzt, wie mir aus gut informierten Kreisen zugetragen wurde.

Im Nordteil des Friedhofes liegen die meisten Grabmale mittlerweile halb oder ganz unter Erde und Pflanzen versteckt, manche sind vollkommen von ausufernden Sträuchern umwachsen und gar nicht mehr zugänglich. Auch fehlt ein stabiler Zaun zur Dresdner Heide hin – die Folge: Schwarzwild hat auf dem gesamten Friedhofsgelände, vor allem jedoch auf dem Nordteil, schwere Schäden in Form aufgewühlter Erde und dadurch verschütteter Grabmale verursacht.

Garnisonfriedhof, Nordflügel in desolatem Zustand

Garnisonfriedhof, Nordflügel in desolatem Zustand

Garnisonfriedhof Nordflügel in desolatem Zustand

Garnisonfriedhof Nordflügel in desolatem Zustand


Nordflügel, Gräber sind teils verschüttet und überwuchert

Nordflügel, Gräber sind teils verschüttet und überwuchert

Das Land Sachsen, dem die Pflege und der Erhalt der Kriegsgräberstätte bzw. der Ruhestätten von Opfern von Gewalt und Willkürherrschaft obliegen, hat hier seit Jahren nichts getan, um dem schleichenden Verfall und der Verwahrlosung Einhalt zu gebieten. Weder wird das Eindringen von Wild durch Einhegung verhindert, noch werden Büsche und Hecken zurückgeschnitten oder gar Wege freigelegt. Besucher stolpern durch wildes Gestrüpp, kniehohes Gras und ackerähnlichen Boden. Teilweise musste ich dort, wo ich welche vermutete, Grabplatten durch Graben mit den Füßen und einem Schippchen freilegen, um sie erfassen zu können – ein trauriger Anblick.
Wie müssen Angehörige der Toten empfinden, die nach Jahrzehnten endlich den Weg nach Deutschland finden und einen Besuch am Grab des Angehörigen damit verbinden wollen? Wie haben wohl die Angehörigen des Rekruten Rodin (†19, 1955) empfunden, als sie sein Grab vor Kurzem inmitten unwegsamen, verwilderten Geländes unter Erde und überwuchert von Unkraut vorfanden? Die Grabplatte im Boden wurde liebevoll großflächig von Dreck und Unkraut freigeräumt und mit frischen Blumen geschmückt, während man die benachbarten Platten weiterhin mit der Lupe unter Erde und Wiese suchen muss.

Grab Rekrut Rodin (1955), Nordflügel Garnisonfriedhof

Freigeräumt - Liebevolle Erinnerung inmitten des Vergessens.

Alles in diesem Friedhofsteil atmet auf fast unerträgliche Art Vergessen. Viele der dort bestatteten sehr jungen Menschen dürften nach bisherigen Erkenntnissen den rauen, teils menschenunwürdigen Lebensumständen innerhalb des sowjetischen Militärs zum Opfer gefallen sein, in dem ein Menschenleben oft nicht viel zählte – was übrigens noch heute so ist. Sie ereilte ein einsames Ende weit ab von Heimat und Familie. Sollte man ihnen nicht wenigstens im Tod ein Mindestmaß an Respekt entgegenbringen und ihnen die Ehre einer bescheidenen Grabpflege erweisen?

Freigelegt: Grab mit Bildnis des Gefreiten Malkin (21)

Freigelegt: Grab mit Bildnis des Gefreiten Malkin (21)

Zwei Anklagen, zwei völlig unterschiedliche Arten der Strafverfolgung, und am Ende steht die Freiheit.

Im Juli kamen zwei Männer nach gleich lautender Anklage frei – wenn auch die Fälle aus völlig verschiedenen Zeiten datieren und die Geschichte, insbesondere der Strafverfolgung, der beiden Angeklagten unterschiedlicher nicht hätte sein können. Die Rede ist von Roman Polanski, millionenschwerer Hollywood-Regisseur, vielgefeierter Star, und Jörg Kachelmann, ARD-Wetterkönig und Riverboat-Moderator.

Beide waren wegen desselben Verbrechens angeklagt: Vergewaltigung. Bei Kachelmann sogar im besonders schweren Fall in Tateinheit mit schwerer Körperverletzung. Beide sind nunmehr auf freiem Fuß – mit unterschiedlichem Werdegang.

Rückblick. Roman Polanski vergewaltigte im Jahr 1977 in der Villa des Hollywood-Schauspielers Jack Nicholson ein erst 13-jähriges Mädchen, nachdem er es zuvor mit Drogen und Alkohol gefügig gemacht hatte. Ein klarer Fall von Kindesmissbrauch und Vergewaltigung. Eine niederträchtige Tat zur Befriedigung des Sexualtriebes. Polanski hatte die Tat gestanden, um die Chancen auf einen Deal zu erhöhen, der ihn mit einem kürzeren Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik hätte davonkommen lassen. Als er kurz vor Prozessauftakt davon Wind bekam, dass der Deal wohl platzen würde, nutzte er die Gelegenheit zur Flucht nach Frankreich. Niemand hinderte ihn, niemand lieferte ihn aus, mehr als 30 Jahre lang. 30 Jahre, in denen Polanski Karriere machte, Oscars gewann, zum weltweiten Star avancierte. 30 Jahre, in denen er dem damaligen Opfer höchstwahrscheinlich großzügige Entschädigungsgelder zahlte, denn Samantha Gailey setzte sich in der Vergangenheit sogar öffentlich in den Medien für eine Verschonung Polanskis ein – ein mehr als untypisches Verhalten für Vergewaltigungsopfer, die in den meisten Fällen von Hass- und Ekelgefühlen ihren Peinigern gegenüber geschlagen sind.

Roman Polanski 1975

Roman Polanski 1975. Quelle: written by.


Trotz des offensichtlichen Verbrechens und seiner Schwere konnte Polanski über 30 Jahre lang unbehelligt von Strafverfolgung im französischen Exil leben, nahm sogar die französische Staatsbürgerschaft an. Bis die Falle im September 2009 in der Schweiz zuschnappte. Doch wer geglaubt hätte, der Vergewaltiger eines Kindes würde nun endlich seiner gerechten Strafe zugeführt, der irrte. Nach einigen Wochen im Gefängnis erlaubte man dem Weltstar gegen eine saftige Kaution, die Gefängniszelle mit seinem Schweizer Chalet zu tauschen. Ist das die Behandlung, die einem jahrzehntelang flüchtigen Sexualverbrecher von Rechts wegen gebührt? Die Auslieferung Polanskis lehnte die Schweiz offiziell wegen angeblich fehlender Papiere ab.
Seit Mitte Juli ist Polanski nun offiziell wieder ein freier Mann – ein nachweislicher Sexualstraftäter, der eine Minderjährige vergewaltigte und dafür nie eine Strafe gesehen hat, wird einfach in die Freiheit entlassen. Gründe? Die Schweizer Justizministerin Widmer-Schlumpf sagte zum Fall Polanski:

Ich beurteile nicht Schuld oder Unschuld von Herrn Polanski.

Dieser Satz brachte viele Befürworter einer gerechten Strafzuführung auf die Palme, denn über Schuld oder Unschuld von Polanski war längst befunden worden, es ging seinerzeit in den USA nur noch um die Höhe des Strafmaßes. So hat die Schweiz vor wenigen Wochen wohlwissentlich einen flüchtigen Sexualstraftäter in die Freiheit entlassen – ein Skandal ohne Gleichen. Auch wenn der Täter schon 76 Jahre alt ist: Das gute Leben, das ihm in den letzten 30 Jahren vergönnt war, hat wesentlich dazu beigetragen, dass Polanski sich in einer außergewöhnlich guten körperlichen Konstitution für einen Mitte-70-Jährigen befindet. Umso unbegreiflicher, zumal Polanski sich bis heute vielmehr selbst als Opfer von antisemitischen und Neid-Kampagnen seitens der US-Justiz und der Medien begreift, statt irgendein Schuldbewusstsein und Einsicht in die Schwere seiner Tat entwickelt zu haben. Dass solch ein Mann über Jahrzehnte ein Leben in völliger Öffentlichkeit und in Saus und Braus führen konnte, ohne von irgendwelchen international verbindlichen Haftbefehlen beeinträchtigt zu werden, und nun – wo er doch einmal gefasst war – vorsätzlich wieder in Freiheit entlassen wurde, verdient meiner Ansicht nach das Prädikat “Justizskandal des 19. Jahrhunderts”. Vielleicht sollte die Schweiz erwägen, allen ihren verurteilten Sexverbrechern ein derartiges Privileg der Straffreiheit zuteil werden zu lassen.

Ganz anders gelagert, wenn auch mit ähnlichen Anklagepunkten ausgestattet: der Fall Jörg Kachelmann in Deutschland. Der allseits (anscheinend vor allem auch bei der Damenwelt) beliebte Wettermoderator wurde im März nach seiner Rückkehr von den Olympischen Spielen in Vancouver noch am Flughafen festgenommen. Der Vorwurf: Kachelmann sollte im Februar seine damalige Lebensgefährtin nach einem Streit über vermeintliche Affären des TV-Stars vergewaltigt und ihr dabei ein Messer an die Kehle gehalten haben. Jörg Kachelmann kam umgehend in Untersuchungshaft. Anders als im Fall Polanski etwa wurde er aus dieser auch nicht gegen Zahlung einer Kaution oder Ähnlichem vorzeitig entlassen, Begründung: Fluchtgefahr.

Jörg Kachelmann am Tag seiner Freilassung. Quelle: Süddeutsche Zeitung.

Hätte man Polanski nicht vorzeitig aus der Psychiatrie entlassen bzw. ihn stattdessen umgehend in Untersuchungshaft überführt, hätte er niemals fliehen und sich so seiner Strafe entziehen können. Wäre der Täter ein gewöhnlicher Arbeiter oder gar ein Schwarzer gewesen, er wäre auch nie auf freien Fuß gekommen. so viel darf man wohl mit Blick auf die gängige Praxis der US-Strafjustiz feststellen. Stattdessen wurden Polanski offensichtlich schon damals aufgrund seiner Prominenz Privilegien eingeräumt.

Weit gefehlt im Fall Kachelmann. Der Wetterfrosch saß insgesamt mehr als vier Monate lang in Untersuchungshaft und das, nachdem sich im Grunde bereits im April Zweifel hinsichtlich der Aussagen und Vorwürfe des vorgeblichen Opfers zum Tathergang ergaben. Im Gegensatz zum Fall Polanski war hier also zu keinem Zeitpunkt einwandfrei von einer Schuld Kachelmanns auszugehen – dennoch blieb der durchaus der Prominenz Zuzuordnende in Haft. Und dennoch: Diese Art der Strafverfolgung ist konsequent, neutral und den Vorwürfen absolut angemessen.
Frei kam Kachelmann nun letzte Woche schließlich doch noch – nicht, weil er einwandfrei unschuldig wäre, sondern schlicht und ergreifend, weil sich die Vorwürfe der Anklage als widerspruchsbehaftet und teils unglaubwürdig erwiesen hatten.

Im Fall Polanski dagegen stand zu keiner Zeit nach dem Ermittlungsprozess vor über 30 Jahren die Frage, ob der Regisseur schuldig oder unschuldig sei, denn diese Frage war einwandfrei geklärt worden. Dennoch führte der Mann 30 Jahre lang und wie es scheint wohl bis an sein Lebensende ein Leben in Freiheit, ohne jemals für seine Tat bestraft worden zu sein, die eventuell nur die Spitze eines Eisberges sein könnte.
Denn nach der Freilassung Polanskis kamen neue Vorwürfe gegen den Hollywood-Star auf. Mit 21 sei das ehemalige Model Edith Vogelhut (57) von Polanski nach einer Party abermals in der Villa von Jack Nicholson vergewaltigt worden. Sie hätte sogar eindeutig Sex mit Polanski erwartet, sei aber in der Villa dann gegen ihren Willen brutal gefesselt und vergewaltigt worden. Die Schauspielerin Charlotte Lewis (42) will mit 16 Jahren von Polanski missbraucht worden sein. Kein Mensch weiß bislang, ob diese Vorwürfe stimmen und es wird sich mit Sicherheit auch nicht mehr feststellen lassen. Allerdings lassen sie die Freilassung dieses Menschen auch vor dem Hintergrund, dass Sexualstraftäter selten Einmaltäter sind, noch grotesker erscheinen.

Wie konnte das passieren?

Die diesjährige Loveparade ist gestern in einer unbeschreiblichen Katastrophe geendet. Das Techno-Festival, das 2010 erstmalig auf dem Gelände eines ehemaligen Güterbahnhofes in Duisburg stattfand, sollte ein friedlicher Rave werden, circa 1 Million Menschen waren erwartet worden. EINE MILLION. Mindestens 19 von ihnen sind nun tot, über 100 verletzt, mehr als 40 davon schwer.
Fragen über Fragen tun sich auf. Wie konnte das geschehen?

Das Konzept

Wieso erschließt man den Zugang zum Festivalgelände durch einen engen, langen Tunnel?? Hat man denn aus den Schreckensszenarien des Mont-Blanc-Brandes vor 11 Jahren gar nichts gelernt? In Tunneln wird mangels Frischluftzufuhr die Luft in der Regel besonders schnell stickig, die Röhre zwingt Personen darin zudem, sich lediglich in eine bestimmte Richtung fortzubewegen.
Millionen Menschen sollten, sowohl in Richtung Festgelände, als auch von dort kommend, durch den wenige Meter breiten Tunnel geschleust werden. Dass dieser unweigerlich zu einer Falle werden würde, sobald irgendetwas außer Kontrolle gerät, hätte man doch ahnen MÜSSEN. Daran ändern für meine Begriffe auch die Verteidigungsversuche des Panikforschers Michael Schreckenberg nichts, der genau dieses Konzept nun verteidigt. Nach seiner Ansicht sei der Tunnel groß genug gewesen für mehr als 1 Million Leute. Die Schuld sieht Schreckenberg vielmehr bei den Jugendlichen, die versuchten, sich aus ihrer schlimmen Lage per Kletteraktion über eine nicht gesicherte Treppe zu befreien, von der einige von ihnen dann aus ungeklärten Gründen auf die Masse unter ihnen stürzten. Zur Panik sei es deswegen gekommen, so Schreckenberg. Ich glaube, diese ignoranten, unverbesserlichen Aussagen überraschen niemanden mehr, wenn man erfährt, dass Schreckenberg das Sicherheitskonzept für die Loveparade selbst mit ausgearbeitet hatte und jetzt vermutlich um seinen Kopf fürchtet.


Das Vorgehen der Sicherheitskräfte

Wieso öffnete das Sicherheitspersonal die Tore zum Festivalgelände nicht, als es von einigen der wie Sardinen in einer Büchse gedrängt im Tunnel Gefangenen die ersten Hilferufe gab, bzw. Warnungen von Leuten, die es gerade so aus dem Tunnel rausgeschafft hatten? Letztere gab es NACHWEISLICH. Auch dies ein Beleg dafür, dass eben nicht nur die Treppenstürze einiger Verzweifelter für das Ausbrechen der Panik verantwortlich waren, sondern dass schon zuvor eine panische Stimmung im Tunnel geherrscht hatte.
Das Festivalgelände war zudem längst nicht voll, und die Massen hätten sich dort in jedem Fall besser verlaufen können als in dem Tunnel, in dem es weder Vor noch Zurück gab – selbst wenn es zwischenzeitlich auf dem Gelände etwas enger geworden wäre. Für meine Begriffe ein schier unverantwortliches Vorgehen des Sicherheitspersonals.

Der Faktor Mensch

Ich kenne ihn selbst aus unzähligen Großkonzert- und Festivalerfahrungen, den Faktor Mensch. Einmal in Euphorie oder gar Hysterie geraten, gibt es für viele oft kein Halten, keine Vernunft mehr. Rücksichtslos wird nach vorne gedrängelt, um gute Plätze zu ergattern, oder einfach nur, weil man Spaß an der Rangelei auf Kosten anderer hat. Bei der Loveparade waren zudem auch schon immer diverse aufputschende Mittelchen im Einsatz, um stundenlang durchhotten zu können und in die richtige “love-sex-rave”-Stimmung zu kommen. Diesmal dürfen sich einige Unverbesserliche gewiss sein: Sie haben den Tod von rund 20 jungen Menschen mitzuverantworten. Denn nach Zeugenaussagen drängten immer mehr Menschen von hinten in den Tunnel, obgleich ersichtlich war, dass es vorne nicht voranging, teilweise liefen nach Augenzeugenberichten die Nachfolgenden rücksichtslos über bereits am Boden liegende Menschen hinweg in Richtung Festival. Unklar. Warum macht man so was? Warum kann man nicht vernünftig sein und warten? Zumal das alles andere als Zeichen eines natürlichen Verhaltens bei Panik ist, denn da läuft man normalerweise schnellstens vom Ort der Gefahr weg, statt geradewegs hinein.

Ich kann mich an Konzerte erinnern wie HIM oder Reamonn, wo kreischende Teenies mir die Tasche aus der Hand rissen und wie eine Welle über mir zusammenschlugen, als ich mich bückte, um sie aufzuheben. Hätten vier Freundinnen nicht eine eiserne Mauer um mich gebildet und die außer Rand und Band Geratenen zurückgedrängt, ich wäre schlicht und ergreifend nicht mehr hochgekommen, weil einige schon damit begonnen hatten, sich mit den Händen auf meinem Kopf und Schultern abzustützen, um sich in dem Gedränge einen besseren Halt zu verschaffen.
Massenereignisse wie Großkonzerte oder die Loveparade erfordern vor allem eines: Ein großes Maß an Verantwortungsbewusstsein, auch wenn viele das nicht wahrhaben wollen. Es geht eben nicht nur um Spaß und das eigene Vergnügen. Wer sich auf die Veranstalter und das Sicherheitspersonal verlässt, ist im Notfall selbst verlassen. Im schlimmsten Fall sterben Menschen.

Draußen Panik und Tod, drinnen Party ohne Ende

Was ich absolut nicht nachvollziehen kann: WIE kann es sein, dass draußen Dutzende Menschen zu Tode kommen und drinnen wird munter weitergefeiert??? DAS ist für meine Begriffe die Krönung der Abgebrühtheit, eine unglaubliche Ignoranz!
Die Erklärung, man hätte eine neuerliche Panik auf dem Festivalgelände vermeiden wollen, ist die mieseste Ausrede, die mir in meinem Leben bislang untergekommen ist. Man hätte die Veranstaltung sehr kontrolliert abbrechen können, warum hätte jemand in Panik ausbrechen sollen? Drinnen war doch genug Platz, und irgendwann war die Party doch sowieso zu Ende, da ist doch auch niemand in Panik geraten.
Ich als parade-Besucher hätte wissen wollen, wenn draußen eine Katastrophe geschehen ist – und ganz sicher hätte ich NICHT weiterfeiern wollen, während draußen Menschen um ihr Leben kämpfen! Ich hätte mich nicht blümchenschwenkend und lachend in den Sondernachrichten neben in Tücher gehüllten Leichen sehen wollen – welch eine Groteske. Noch Stunden später, als das Festivalgelände sich auf “natürlichem Wege” bereits erheblich geleert hatte, soll die Party bis zum bitteren Ende weitergelaufen sein.

Was ist bloß aus den Menschen geworden? Ein Schelm, wer hier die Besorgnis der Veranstalter und Sponsoren klingeln hört, dass die Umsätze an Getränken, Essen und anderen Bezahlangeboten hinter den Erwartungen hätten zurückbleiben können, wäre das Festival vorzeitig abgebrochen worden.

In letzter Konsequenz hat heute der Veranstalter der loveparade, Rainer Schaller, das endgültige Ende der Großveranstaltung bekannt gegeben. Für meine Begriffe gehört der Mann vor Gericht, denn ihm oblag die letztendige Entscheidung hinsichtlich des Sicherheitskonzeptes, ebenso die Entscheidung, die Party nach dem Tod von 19 Menschen und Hunderten Verletzten weiterlaufen zu lassen.

Aus Anstand und Pietät verzichte ich darauf, an dieser Stelle eines der schrecklichen Videos zu veröffentlichen, die derzeit im Internet grassieren, und die unmissverständlich das ganze Ausmaß der chaotischen Zustände im Tunnel zeigen.

Kolumne: Standardisierte Inkorrektness.

Art und wIEse stand und steht in seiner grundsätzlichen Ausrichtung für Toleranz, Multikulturalismus und Demokratie. Letzere steht wiederum unumstößlich für Wertgrößen wie Freiheitlichkeit, Gleichheit und Rechtsstaatlichkeit – Werte, denen fremdenfeindliche Hetze, Nationalismus, Demokratiefeindlichkeit, Intoleranz und geistiges Brandstiferterum, wie sie im islamophoben Hetzblog “Politically Incorrect” gängige Praxis sind, maximal zuwiderlaufen.

Seit 2004 existiert die nach eigener Aussage prozionistische, proamerikanische und antiislamische Plattform des gelernten Sportlehrers Stefan Herre, ihre Nutzerzahlen stiegen seither stetig an, täglich verzeichnet sie bis zu 70.000 Hits, über eine Millionen Kommentare schafften es bislang durch die Blog-interne Zensur.
Inhaltlich dreht sich bei PI im Prinzip alles immer nur um zwei Themen: Israel bedingungslos zu unterstützten, seine Politik blindlings zu verteidigen und den Islam als die schlimmste Bedrohung unseres Zeitalters sowohl für die westliche Zivilisation als auch für den Weltfrieden zu brandmarken. Dabei schrecken Herre und seine Autorenschaft, zu der unter anderem so illustre Namen wie Henryk M. Broder oder der Rechtsanwalt Joachim Steinhöfel gehören, auch vor rechtlich grenzwertigen bis eindeutig volksverhetzenden, gewaltverherrlichenden und grauenverharmlosenden Beiträgen nicht zurück. Da wird der Islam als “Naturkatastrophe” bezeichnet, im Stundentakt werden halbherzig recherchierte und vor allem ideologisch zurechtgestutzte Meldungen über gewalttätige und straffällige Mulime abgefeuert, um eine vermeintliche generelle Gefährlichkeit des Islam zu “belegen”, während Gewalt, die Muslimen oder etwa den Palästinensern im Gaza-Streifen angetan wird, verharmlost und gar öffentlich als rechtmäßig gefeiert wird.

Um so verwunderlicher, dass sowohl der Verfassungsschutz als auch die Bundesregierung bislang keinerlei Handlungsbedarf sehen. Der Verfassungsschutz NRW etwa stufte das Blog 2007 als “nicht rechtsextremistisch” ein. Was versteht man aber unter Rechtsextremismus, wenn nicht Derartiges? Hier wird doch aktiv die Behauptung transportiert, in Deutschland sei es “vorgeschrieben”, positiv über den Islam zu sprechen und subtil die Empfehlung ausgesprochen, bereits Kindern “die Wahrheit über den Islam” zu erzählen – und als wäre das nicht schon genug, es handelt sich beim Autoren auch noch um einen Lehrer, der diese Möglichkeit der Einflussnahme auf Kinder auch tatsächlich tagtäglich hat. Zitat:

Es gilt jetzt erst mal den Bau des ZIEM in München, das Baby des Imams, zu verhindern. Der Imam Bajrambejamin Idriz ist der PI-Gruppe München mittlerweile als besonders guter Freund ans Herz gewachsen. Wir schätzen ihn ganz besonders ob seiner Lauterkeit und seiner untadeligen Gesinnung. Er spricht nur selten die Unwahrheit, nämlich nur, wenn er die Lippen bewegt.

Es dürfte manchen überraschen, dass die sächsische NPD mit denselben Äußerungen regelmäßig für Unmut im Landtag sorgt. Das kann man natürlich nicht auf sich sitzen lassen, also spricht man dem Islam einfach die Kulturfähigkeit ab, damit man sich schnell multikulturell geben kann:

Desweiteren müssen wir vom Image der Ausländerfeindlichkeit wegkommen.Meine Ausführungen haben wohl klar gezeigt, dass ich immer ein Multikulti war und bin und gerade deswegen gegen die Mono-Unkultur des barbarischen Islam kämpfe.

Schon in den Leitlinien des Blogs rollen sich dem demokratisch gesinnten Leser die Fußnägel hoch, so schamlos werden dort pauschale, unbelegte Thesen aufgestellt, die den Islam als eine Art Welle der Gewalt charakterisieren, die über Europa hinwegzurollen drohe:

Es gab einmal eine Zeit, da waren Moslems in Europa eine interessante Farbe und vielleicht auch eine kulturelle Bereicherung. Inzwischen hat sich jedoch in ganz Europa eine islamische Indoktrination und freche Anmaßung breitgemacht. Tausende von Moscheen dienen vor allem diesem Zweck. Mit den Moscheen und ihren Predigern sind auch massive Menschenrechtsverletzungen wie Zwangsehen und Ehrenmorde zu uns gekommen.[...]
Der Islam hat nach seinen Worten und Werken kein anderes Ziel, als jede andere Gesellschaftsform abzuschaffen; und dass er dieses Ziel auch mit Gewalt verfolgt, hören und lesen wir jeden Tag. Die Unterwerfung der Welt unter den Islam ist ausdrückliches Ziel des Djihad und im Koran festgelegt.
Für uns im Westen ist es bereits soweit, dass sich Europa zunehmend islamischen Standards angleichen muss. Die pro-islamische Selbstzensur unserer Medien ist ein offensichtlicher Beleg dafür, dass man in den Redaktionen offenbar dem Glauben anhängt, es könne mit dem Islam nur dann ein „friedliches“ Zusammenleben geben, wenn wir uns den islamischen Interessen unterwerfen.
Die Ausbreitung des Islam bedeutet folglich, dass unsere Nachkommen – und wahrscheinlich schon wir selbst – aufgrund der kulturellen Expansion und der demographischen Entwicklung in zwei, drei Jahrzehnten in einer weitgehend islamisch geprägten Gesellschaftsordnung leben müssen, die sich an der Scharia und dem Koran orientiert und nicht mehr am Grundgesetz und an den Menschenrechten. Wir sehen es daher aus staatsbürgerlichen und historisch gewachsenen Gründen als unsere Verpflichtung an, einer sich ankündigenden religiösen Diktatur in Deutschland durch Information und Aufklärung gemäß dem Motto entgegen zu treten: “Nie wieder!”

Auf Deutsch: Die barbarische islamische Weltverschwörung ist im Begriff, das zivilisierte westliche Abendland zu unterwerfen und weite Teile der Gesellschaft sind bereits infiltriert. Ein Schelm, wer hier die Protokolle der Weisen von Zion leise klingeln hört, die seinerzeit von den Nazis erfunden wurden, um eine vermeintliche jüdische Weltverschwörung zu belegen und den millionenfachen Mord an den europäischen Juden zu rechtfertigen.

Es mutet befremdlich an, dass etwa eine Linkspartei in Deutschland vom Verfassungsschutz überwacht wird, weil man “kommunistische Tendenzen” befürchtet, eine immer einflussreicher werdende Bewegung von Hasspredigern und geistigen Brandstiftern, die aktiv die Verhetzung von Menschen eines bestimmten Glaubens betreiben, hingegen nicht. Wer hier den triefenden Rassismus gegen eine ausgewählte ethnische Gruppe nicht grollen hört, der sollte gegebenenfalls über ein Hörgerät nachdenken.

Diesen Rat muss sich aber nicht nur der Verfassungsschutz antragen lassen, sondern auch die Bundesregierung, die eine diesbezügliche Anfrage der Linkspartei 2008 mit der Auskunft bedachte, dass ihr keinerlei Erkenntnisse vorlägen, dass das Blog Beiträge beinhalte, die dazu geeignet wären, den öffentlichen Frieden und das friedliche Zusammenleben der Völker zu stören.
Wie kann das sein?? Dieses Blog sucht in Punkto Volksverhetzung und Stimmungsmache gegen Muslime in Deutschland seinesgleichen. So pauschal und vollumfänglich wird sonst nirgendwo einer bestimmten ethnischen Gruppe bzw. Religion Gewalttätigkeit, Blutrünstigkeit und Gefährlichkeit unterstellt. Und es werden täglich mehr Leute, die sich davon “inspirieren” lassen. Wer das ignoriert, muss sich die bohrende Frage gefallen lassen, ob er nicht hinter geschlossenen Türen in dasselbe antiislamische Horn stößt.

Welch verlogener Zynismus sich hinter vermeintlicher Sorge um Grundrechte und Demokratie versteckt, wird offenbar, wenn man sieht, mit welchen Methoden das Blog arbeitet. Grob zusammenfassen kann man die Arbeitsweise etwa mit den folgenden Charakteristiak:

- Wirklichkeitsverzerrend
- Einseitig
- volkverhetzend (islamophob)
- Dogmatisch
- Populistisch

Meinungsfreiheit etwa wird nur so lange groß geschrieben, wie den Machern die Meinung gefällt. Kritik oder Gegenargumente schaffen es nur äußerst selten durch die gnadenlos Zensur-Abteilung. Bereits in seinen Nutzungsbedingungen stellt der Betreiber die Weichen für ein willkürliches Aussieben ungenehmer Kommentare, indem er sich, Zitat:

Kommentare, die als eine Art von ständiger Gegen-Kolumne darauf zielen, jede unserer Auffassungen reflexartig zu konterkarieren,

verbittet und mit Löschung sanktioniert.
Was der Betreiber unter einer “ständigen Gegen-Kolumne” versteht, die “reflexartig unsere Auffassungen konterkariert”, durfte ich persönlich erfahren. Bereits mein erstes Posting, das eine Richtigstellung zu einem Artikel enthielt, der einen in Deutschland geborenen, aufgewachsenen und sozialisierten jungen Hamburger mit deutschem Pass unreflektiert zu einem “Afghanen” umetikettierte, weil er einen afghanischen Vater hat, um die fraglos tragische Hintergrundgeschichte in das antiislamische Grundschema einzupassen und entsprechend zu instrumentalisieren, landete in Moderation und wurde nie freigeschalten. Ebenso erging es mir bei meinen anschließenden Kommentarversuchen. Auf meine Anfrage diesbezüglich bei der PI-Administration bekam ich keine Antwort.
Das ist bei Weitem kein Einzelfall, sondern gängige Praxis bei PI. Via Meinungsdiktatur soll ein “gesundes Gesamtbild” überwältigender Zustimmung zu den verbreiteten “Wahrheiten” aufrechterhalten werden.

Langer Rede kurzer Sinn: Ich halte “Politically Incorrect” für eine brandgefährliche Brutstätte rassistischer, faschistoider (da augenscheinlich von einer Leitkultur und davon ableitbaren Vorrechten ausgehender) Ideen, die sich zudem hinter vorgeschobenen Antisemitismus- und Kulturalismus-Debatten verstecken, um einer menschenverachtenden Gesinnung einen quasi-legitimen Anstrich zu verpassen.
Ich habe mir daher zur Aufgabe gemacht, wöchtenlich in der Kolumne “Standardisierte Inkorrektness” über die schwerwiegendsten Aussetzer dieses Blogs zu informieren, seine eklatanten journalistischen und methodischen Schwächen offenzulegen und eine ausgewogene, faktenbasierte Gegenberichterstattung aufzustellen, die Herre und seine Spießgesellen als das entlarvt, was sie sind: ein Konglomerat an Ideologen und Rassisten, wie es sie schon seit Menschengedenken gab, und deren Aufwiegelungsversuchen mit Vehemenz begegnet werden muss.

Ein Ort, an dem jeder Stein eine Geschichte erzählt.

Schon oft war ich am Rande von Radtouren oder Spaziergängen hier vorbeigekommen. Und immer – wie so oft, wenn ich an Friedhöfen vorbeigehe – hat mich ein leichtes Schaudern dabei ergriffen. Und jedes Mal hatte ich mir vorgenommen, mir diese Stätte einmal genau anzusehen. Jahrelang war sie für die Öffentlichkeit nicht zugänglich. Dann, ab 2007, konnte man sie wieder betreten, nachdem sie halbwegs wieder in Schuss gebracht worden war.
Die Rede ist vom Garnisonfriedhof der Roten Armee an der Marienallee, oberhalb des Prießnitzgrundes. Von 1945 bis 1987 bestatteten die nach dem Sieg über Hitler-Deutschland hier stationierten Sowjettruppen hier ihre Toten, darunter auch Frauen und Kinder.

Doch immer wieder zögerte ich seither, das gusseiserne Tor zu öffnen und jenen Platz zu betreten, an dem auf pi mal Daumen zwei Hektar verstreut mehr als tausend steinerne Grabmale in einschüchternder Gleichförmigkeit stehen, die sich erst auf den zweiten blick in Form und Gestaltung voneinander unterscheiden.
Als ich gestern das schwere Tor endlich aufstemmte, gesellte sich zu dem leichten Prickeln entlang der Wirbelsäule ein Gefühl der Ehrfurcht, der Bedrückung, aber schnell auch eine Art stille Heiterkeit und innerer Frieden.
Ich bin nicht allein. Inmitten der Gräber hat sich eine ganze Familie mitsamt Baby auf Bänken in einem kreisförmig angelegten Ruhebereich niedergelassen. Ich nicke freundlich und wende mich den Gräbern zu.

Still ist es hier und unglaublich grün, die Vögel zwitschern und die Sonne lässt den hellen Sandstein der Grabmale leuchten, die auf wildgewachsener Wiese in Reih und Glied stehen, Wildblumen und Kienäpfel bilden einen seltsam schönen Schmuck für fast jedes Grab.

Ingenieur-Major Georgiy Moissejewitsch, Grab mit Marmorplatte und Wildblumenpracht.

Ingenieur-Major Georgiy M. Kisseljew, Grab mit Marmorplatte und Wildblumenpracht.

Rhododendren und Hecken umsäumen rote Kieswege, Nadelgehölze und übermannshohe Büsche teilen das Gelände in verschiedene Bereiche. Erstaunt stelle ich fest, dass der Friedhof viel größer ist, als er von außen wirkt: Hinter hohem Gebüsch schließen sich an die endlosen Reihen der Stelen im Nordbereich versteckte Ecken an, wo im Schatten der Bäume kleine, einfache Grabsteine und halb überwucherte Bodenplatten mit Inschriften ruhen. Gräber von Kindern und Jugendlichen hauptsächlich.
Insgesamt vier verschiedene Monumente zähle ich, alle noch aus DDR-Zeiten und alle mit flammenden Hymnen auf Ruhm und Ehre der hier Bestatteten sowie einschlägigen Symbolen, vom tapferen Soldaten mit Waffe, über die rote Fahne bis hin zum unermüdlichen Arbeiter, besetzt. Unkontrolliert zuckt eine Augebraue nach oben und ein ironisches Grinsen huscht über mein Gesicht, um gleich darauf wie ertappt wieder zu erlöschen.

Sinnend laufe ich durch die Reihen der Grabmale. Namen und letzte Grüße in kyrillischer Schrift, Geburts- und Sterbedaten ziehen an mir vorbei – bedrückend: Die allermeisten hier Begrabenen haben kaum das 45. Lebensjahr erreicht. An einigen wenigen Stelen sind sogar noch die Keramiktafeln mit den Abbildern der Toten erhalten; die Gesichter der zumeist jungen Soldaten blicken stolz und ernst – entschlossene, mutige junge Männer, wie man sie in der Sowjetarmee gerne sah.
Und mit einem Male, so scheint es mir, bin ich von Geschichten umgeben, nicht mehr von Gräbern. Geschichten, die ich lediglich noch nicht zu entschlüsseln vermag.

Grenadier P. D. Koschelnik starb im Mai 1958 mit nur 21 Jahren.

Grenadier P. D. Koschelnik starb im Mai 1958 mit nur 21 Jahren.


Leutnant P. J. Komarov starb 1947 mit nur 26 Jahren.

Oberleutnant P. J. Komarov starb 1947 mit nur 26 Jahren.

Am Westende des Friedhofs finden sich ganze Reihen von Gräbern, in denen junge Soldaten ruhen, die kaum älter als 20 wurden. Was geschah mit ihnen? Anfangs dürften noch die desaströse Lage betreffs Versorgung und Hygiene der Nachkriegsjahre sowie alte Kriegsverletzungen eine Rolle gespielt haben. Doch woran starben Ende der 50er- bis Mitte der 60er-Jahre in Dresden reihenweise junger russischer Soldaten Anfang 20? Diese Frage lässt mir seither keine Ruhe, mein Forscherdrang ist geweckt.

N. I. Duboviy war erst 14 Jahre alt, als er bei der Schlacht um Dresden im Mai 1945 fiel.

Unteroffiziersanwärter N. I. Duboviy war erst 14 Jahre alt, als er bei der Schlacht um Dresden im Mai 1945 fiel.


Erschüttert stelle ich zudem fest, dass bei der Einnahme der Stadt Dresden im Mai 1945 sogar halbe Kinder kämpften – und fielen: Das Schicksal des erst 14-jährigen Unteroffiziersanwärters (Kursant) N. I. Duboviy war beileibe kein einzelnes in jenen entmenschlichten Tagen der Schlacht. Bei dem Gedanken daran, Kindern ein Gewehr in die Hand zu drücken und sie in einen so mörderischen Krieg zu schicken, befällt mich ein Gruseln.

Und selbst nach all der Zeit, nach bis zu 65 Jahren, liegen hier und da an Grabsteinen kleine Blumengrüße, an einer Stele steht ein Topf mit weiß-gelben Margeriten aus Plastik, sie leuchten weithin zwischen den schmucklosen Grabsteinen. Angehörige, die nach wie vor hier leben? Auf jeden Fall eine unermüdliche, vielleicht sogar über große Distanzen aufrechterhaltene Kultur des Erinnerns an geliebte Menschen, die viel zu früh ihr Leben lassen mussten.
Ab und zu knie ich vor einem der Grabsteine im weichen Gras nieder, lese genauer, betrachte Gesichter. Erst da fällt mir auf, dass die Grabsteine durchaus unterschiedlich aussehen, die Gravuren und Ornamente der höheren Dienstgrade sind zumeist aufwendiger und kunstvoller gestaltet, als bei einfachen Gefreiten. Geburtsdaten werden hier teils voll ausgeschrieben, die Inschriften befinden sich auf Mamorplatten, oder Grußworte der Angehörigen sind zu lesen, während bei niederen Dienstgraden nur Name, Geburtsjahr und Sterbedatum in einfachem Sandstein eingraviert sind und die Stelen nur ein einfaches Ornament in Form eines Sterns aufweisen.
Auch sind es oft die niederen Dienstränge, die in Mehrfachgräbern bestattet wurden (siehe Foto links).
Während ich fotografiere, komme ich mir irgendwie vor, wie ein Voyeur. Doch längst hat mich der Ort mit seiner irgendwie magischen Atmosphäre gefangen genommen, und ich will darüber berichten.

Oberstleutnant A. M. Kirejew - Grab mit Marmorfront.

Oberstleutnant A. M. Kirejew - Grab mit Marmorfront.

So wild-romantisch der weitestgehend der Natur überlassene Ort auch wirkt – die mangelnde Pflege und Aufsicht haben auch ihre negativen Seiten: Am Mahnmal im Südteil des Friedhofes liegen verwelkte Blumen und Gebinde, viele noch mitsamt der Kunststoffverpackung. An den Inschriften der verblichenen Bänder ist zu erkennen – sie liegen bereits seit dem 8. Mai hier, dem Tag der Befreiung – unansehnlich, von Wind und Wetter zerzaust. Von den umliegenden Gräbern klaube ich verstreutes Blumenpapier, gieße Blumen, die in Töpfen am Mahnmal stehen und die Köpfe hängen lassen.
Aufgeräumt und gepflegt wird hier ganz sicher nicht. Im Papierkorb in der Sitzecke finden sich haufenweise leere Flaschen diverser Alkoholika und andere Reste für meinen Geschmack und den Ort zu geselligen Beisammenseins. Als ich mich vom hinteren Teil des Friedhofes wieder in Richtung Tor bewegen will, sehe ich gerade noch einen jungen Mann in Radlerdress den Hosenstall schließen, sein Rad lehnt an dem Denkmal, hinter dem er gerade seine Notdurft verrichtet hatte. Darauf angesprochen, wie er es fände, wenn später mal jemand neben seinen Grabstein pinkeln würde, winkt er feixend ab und sucht das Weite.

Es scheint, als wäre der abgelegene Ort so ein wenig in Vergessenheit geraten. Die Kriegsgräberfürsorge sorgt zwar für ein Mindestmaß an Ordnung und legt einmal im Jahr zum 8. Mai Blumen nieder. Doch an den Gräbern selbst wird nichts gemacht, sie sind der Verwitterung und auch Vandalismus preisgegeben. Auch aufgrunddessen sind mittlerweile nur noch wenige der Keramikfbildertafeln an den Stelen erhalten – dabei sind sie es gerade, die dem Friedhof etwas Menschliches, Persönliches verleihen. Ich erinnere mich an Spaziergänge zu Kinderzeiten, bei denen von den Grabmalen noch zahlreiche Gesichter, teils in Farbe, durch die Gitterstäbe blickten. Heute haben selbst die vereinzelt noch erhaltenen zum Teil schon Risse.

Grab von Hauptmann D. P.  Mazakov mit fast zerstörtem Keramikbildnis.

Grab von Hauptmann D. P. Mazakov mit fast zerstörtem Keramikbildnis.

Walpurgis.

Gestern war Walpurgis-Nacht, und im ganzen Lande dürften bei herrlich mildem Wetter die Maifeuer gelodert haben, also hab auch ich mich an ein solches begeben und mit Bekannten gemütlich in den Mai gefeiert.
Alles neu macht der Mai, sagt man ja auch. Und nachdem ich Hexen und böse Geister gestern also gründlich ausgetrieben habe, hoffe ich, dass sich der Rest des Jahres gewogen zeigen wird.

Erinnert sich vielleicht noch jemand an die alte ungarische Volksweise, die wir früher immer an den Lagerfeuern der sozialistischen Jugendfreizeiten gesungen haben? Über den Link kann man eine Audio-Version des Liedes downloaden, die zwar etwas gewöhnungsbedürftig klingt, nach mehrerem Hören – wie ich fand – aber irgendwie sehr schön.

Flackerndes Feuer, Zelte, die träumen
ruhloser Nachtwind fern in den Bäumen.
Schür die Glut
und laß das Feuer nicht verwehen!
Übers Jahr erst werden wir ein neues sehen.

Hoch loht die Flamme, stumm wird die Runde,
Abschied zu nehmen, mahnt uns die Stunde.
Steig’ ein letztes Lied empor,
mein Freund, nun singe,
daß es in die abendstille Weite dringe…

Noch heute kommt mir immer dieses Lied mit seiner seltsam wehmütigen Melodie in den Sinn, wenn ich an einem Lagerfeuer sitze. Interessant ist, dass es im Grunde gar kein sozialistisches Lied ist, sondern ein Volkslied mit Melodie nach Bela Bartok. Und dennoch ist es heute fast vergessen.

Seltene Erfahrungen.

Gleich 2 seltene Erfahrungen konnte ich vergangene Woche machen:

Nummer 1 - ich war mal wieder im Kino, ein Ereignis, das mir höchstens zwei- bis dreimal im Jahr widerfährt, und dann handelt es sich meist um ein kleines Programmkino.
Nummer 2 - Der Film, den ich gesehen habe, war zudem auch noch richtig gut, das bezahlte Eintrittsgeld also jeden Cent wert.

Warum gehe ich so selten ins Kino? Nein, diesmal ist ausnahmsweise mal nicht der Geldbeutel schuld (zumindest nicht vorrangig :mrgreen: ). Ich mag diese großen, finsteren Säle ganz einfach nicht, mit ihrer unpersönlichen Atmosphäre, der schlechten Luft und den mit Popcorn knuspernden Besuchern, von denen sich so manches Mal einige nicht zu benehmen wissen. Und um öfter in ein kleines Programmkino zu gehen, bin ich meist viel zu schlecht über das aktuelle Programm informiert und komme so gar nicht erst auf die Idee.

Diesmal brachte mich ausgerechnet meine aus Berlin stammende Mutter auf die Idee. In Friedrichshain/Pankow aufgewachsen, war sie sofort ganz Ohr, als Matti Geschonneks Real-Satire um den “Boxhagener Platz” in Berlin-Friedrichshain den Feuilleton enterte.
Der Film basiert auf dem gleichnamigen Buch von Torsten Schulz und spielt im heruntergekommenen Milieu rund um den Boxhagener Platz des Jahres 1968, just in jener Zeit, als im Westteil der Stadt und im Rest der BRD die studentischen Unruhen der 68-er tobten. Am Boxhagener Platz spürt man freilich nichts von all der Aufbruchsstimmung: Heruntergekommene Altbauten, vereinzelt huschen graue, verblichene Gestalten über die Straße und verschwinden in der Eckkneipe – dem “Feuermelder”, saufende Väter, die ihre Kinder misshandeln und mittendrin der 12-jährige Holger, der mehr bei seiner rüstigen Großmutter Ottilie lebt als bei seinen sich ständig streitenden Eltern. Der Vater ein aufrecht-linientreuer Polizist, die Mutter, einst schön, nun fast verwelkt, von der Trostlosigkeit des Viertels und dem Spießbürgertum seiner Bewohner ernüchtert und in Gedanken schon mit einem Bein im Westen.

All dies mag den Eindruck erwecken, es handele sich um einen furchtbar deprimierenden, schwermütigen Film – doch weit gefehlt. Denn zum Glück gibt es die Figur der Ottilie, die mit Haaren auf den Zähnen und viel naivem Sarkasmus durch die Szenen hasardiert und einen Tränen lachen lässt. Als der letzte ihrer 5 Ehemänner unter der Erde ist, verliebt sich die alte Dame in den weißhaarigen Karl, der als “wahrer Kommunist” das totalitäre Regime ablehnt und heimlich mit den im Westen aufbegehrenden Studenten sympathisiert. Durch ihn erfährt der junge Holger auch von der Kehrseite des Regimes, die im Film vor allem von Holgers Polizisten-Vater und den ständig herumschnüffelnden Stasi-Mitarbeitern verkörpert wird, die im Fall des Mordes am örtlichen Fischhändler, einem alten Nazi, mit ihren ganz eigenen Methoden ermitteln.

Der Film greift dankenswerterweise wenige Ostklischees (Stasi, verfallende Bausubstanz, dogmatisches Bildungswesen) heraus und lässt ringsherum eine Szenerie erstehen, die ohne Weiteres auch in der Alaunstraße der früheren Neustadt hätte spielen können. Ohne Kitsch und Ostalgie, ohne Tempo-Linsen und Muckefuck, Parteitagsnelken und Hammer-Zirkel-Ährenkranz, wie etwa in “Sonnenallee” oder “Goodbye Lenin”. Im Vordergrund steht das Geflecht an Beziehungen, die die Menschen miteinander verbinden, und die Zerrissenheit eines Kindes zwischen Linientreue und Blick über den Tellerrand, sanft umspült von den unablässig und in feinster Berliner Schnauze vorgetragenen, vor Zynismus und Pointe nur so strotzenden Lebensweisheiten der Ottilie – von der Politik über die Liebe bis zur regen Verdauung.

So überwiegen Erheiterung und Amüsement über Oma Otties scharfe Zunge oft so stark, dass man regelrecht aufpassen muss, dass einem der durchaus ernste Milieustudien-Charakter nicht vollends entgeht. Und das macht den Film durchaus anspruchsvoll. Über ganze Salven trocken-schwarzen Humors federt er die mit Gewalt hervorbrechenden Erinnerungen an die eigene Kindheit im tristen Viertel mit Eckkneipen und M/L-Drill in der Schule ab, die ohne jene herrlich-satirischen Einspieler wohl nur schwer zu ertragen gewesen wären.

Ein seltener Wermutstropfen: Ausgerechnet die Besetzung der jungen Hauptrolle des Holger Jürgens in Person des 15-jährigen Samuel Schneider war meines Erachtens nach eher ein Fehlgriff. Schneider gibt dem eigentlich erst 12-jährigen Holger zwar ein perfekt verschlossen-melancholisches Gesicht, bleibt aber spielerisch viel zu blass und wirkt von seiner ganzen körperlichen Konstitution her eben nicht wie ein 12-jähriges Kind, sondern voll und ganz wie ein 9.-Klässler.
Sonst kann ich den Film nur allen empfehlen, die sich gerne ab und an auf eine Reise zurück in vergangene Zeiten begeben, um längst vergessen Geglaubtes wiederzubeleben und ein Stück eigene Geschichte wiederzuentdecken.

Rätselraten der etwas fieseren Art.

überschminkte Mädchen

Wie alt würde man diese beiden Ladies wohl schätzen? Tipp: beide sind Amerikanerinnen und stehen im Rampenlicht.

Was sollte man tun, wenn man sein Land liebt?

Eine gute, gleich aus mehreren Perspektiven hochinteressante Frage. Gestellt hat sie die Landeszentrale für Politische Bildung Sachsen, die derzeit unter dem Motto “Kein schöner Land in dieser Zeit, als hier das unsre weit und breit…” zum großen Schreibwettbewerb für alle mehr oder weniger erfahrenen Schriftsteller, oder jene, die es gern werden wollen, trommelt.
Auf maximal 3 DIN-A4-Seiten können interessierte Schreiber sich in Philosophierereien darüber ergehen, was ihnen diese ersten beiden Zeilen des berühmten Volksliedes Anton Wilhelm Zuccalmaglios vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte bedeuten:

  • Was macht unser Land einzigartig, liebens- und schützenswert?
  • Was nicht?
  • Und was können und müssen wir tun, weil wir unser Land lieben?

Die beeindruckendsten Einsendungen werden prämiert (Studienreisen, Bücher), aus ihnen soll später ein Buch entstehen. Wichtig: Die Arbeiten müssen unveröffentlicht sein, die Nutzungsrechte werden mit der Einsendung dem Veranstalter übertragen.

Ich persönlich finde an der ganzen Geschichte wohlgemerkt nicht den Konkurrenzgedanken oder gar die ausgelobten Prämien so interessant, sondern eher das Thema, zumal es wiederum einem Werk der Lieddichtkunst entlehnt wurde. Schon die von der Landeszentrale vorgeschlagene Deutung der Grundaussage des Liedes in Gestalt von:

Es bringt zum Ausdruck, dass Menschen ihre Heimat lieben – ganz gleich, in welchem Land sie zu Hause sind.

bietet eine Menge Anlass zur Diskussion, wie ich finde.
Und auch so tun sich eine ganze Reihe Fragen auf: Welches Land ist eigentlich gemeint? Sachsen? Deutschland? Die DDR? Muss man sein Land lieben bzw. liebt man es automatisch nicht, wenn man es nicht für einzigartig, liebens- und unter allen Umständen schützenswert hält? In welchem paradigmatischen Zusammenhang ist hier die Bezeichnung “Land” gemeint? Meint es die Deutsche Nation als Teil des Staatengefüges? Die Deutsche Gesellschaft? Die Menschen? Die Natur? Oder alles zusammen?
Wer sich also beteiligen möchte, kann dies noch bis zum 16. April 2010 per Post oder email tun, die Adressen findet ihr unter obigem Link.

Gala, Gossip und Grenzwerte.

Selten habe ich Klamotten erleichterter in die Ecke gefeuert, als nach dem Opernball letzten Freitag. Wieso? Nun, sagen wir mal, das gute Stück roch nicht mehr so ganz angenehm. Um ehrlich zu sein, roch es schlimmer als es ein Abend in der Raucherkneipe hätte hinbekommen können. Nein, ich hab auf dem Opernball nicht zu wild getanzt, in Champagner gebadet oder eine Kollision mit der Häppchen-Dame hingelegt. Völlig falsche Richtung, oder besser: falsche Etage, ja falsches Gebäude. Ich habe unter Deck mit den anderen “Zeitungssklaven” gerudert. Liebe Redakteure, nicht falsch verstehen, ihr wart großartig! Die Wortwahl bezieht sich vielmehr auf die Arbeitsbedingungen: bis zu 20 Personen gleichzeitig in einem 15-qm-Raum ohne Fenster, mit ebenso vielen Rechnern wie Menschen, bei geschätzten 40 Grad Hitze und vermutlich exorbitanten Elektrosmog-Werten.

Derartige Grenzerfahrungen verlangen nach umso größerem Respekt vor dem Berufsstand des Journalisten: Bewundernswert, wie die Damen und Herren Redakteure über Stunden in kneifenden Smokings samt Fliege sowie hautengen Abendkleidern und High Heels in dem brütenden Verlies von einem Raum ausharren konnten, um anschließend dann noch gut gelaunt dem bunten Ball-Treiben zu frönen.
Für mich als Opernball-Newbie war das zunächst mal eine ziemliche Strapaze, aber auch ein hautnah-Erlebnis in Sachen journalistischer Arbeit, man konnte die Arbeit in jener Nacht förmlich riechen. Zitate prominenter Opernballbesucher und der letzte Schrei in Sachen Ballmode umspülten mich, in warme Wogen stickiger Luft gehüllt; der Kollege, der direkt vor mir saß, twitterte stundenlang wie aufgezogen den neuesten Ball-Gossip ins World Wide Web; zu meiner Linken und Rechten türmte sich das Equipment der Fotografen, und Redakteurin G. verdeckte mit ihrem weitausladenden grünen Ballkleid ständig die Sicht auf den Live-Monitor…

Meine erste Reaktion daheim: Nie wieder! Das mit dem Journalisten-Beruf vergessen wir am besten gleich wieder, als Sekretärin warst du doch auch ganz gut…
Und heute? See u next year :twisted: