Gleich 2 seltene Erfahrungen konnte ich vergangene Woche machen:
Nummer 1 - ich war mal wieder im Kino, ein Ereignis, das mir höchstens zwei- bis dreimal im Jahr widerfährt, und dann handelt es sich meist um ein kleines Programmkino. Nummer 2 - Der Film, den ich gesehen habe, war zudem auch noch richtig gut, das bezahlte Eintrittsgeld also jeden Cent wert.
Warum gehe ich so selten ins Kino? Nein, diesmal ist ausnahmsweise mal nicht der Geldbeutel schuld (zumindest nicht vorrangig ). Ich mag diese großen, finsteren Säle ganz einfach nicht, mit ihrer unpersönlichen Atmosphäre, der schlechten Luft und den mit Popcorn knuspernden Besuchern, von denen sich so manches Mal einige nicht zu benehmen wissen. Und um öfter in ein kleines Programmkino zu gehen, bin ich meist viel zu schlecht über das aktuelle Programm informiert und komme so gar nicht erst auf die Idee.
Diesmal brachte mich ausgerechnet meine aus Berlin stammende Mutter auf die Idee. In Friedrichshain/Pankow aufgewachsen, war sie sofort ganz Ohr, als Matti Geschonneks Real-Satire um den “Boxhagener Platz” in Berlin-Friedrichshain den Feuilleton enterte.
Der Film basiert auf dem gleichnamigen Buch von Torsten Schulz und spielt im heruntergekommenen Milieu rund um den Boxhagener Platz des Jahres 1968, just in jener Zeit, als im Westteil der Stadt und im Rest der BRD die studentischen Unruhen der 68-er tobten. Am Boxhagener Platz spürt man freilich nichts von all der Aufbruchsstimmung: Heruntergekommene Altbauten, vereinzelt huschen graue, verblichene Gestalten über die Straße und verschwinden in der Eckkneipe – dem “Feuermelder”, saufende Väter, die ihre Kinder misshandeln und mittendrin der 12-jährige Holger, der mehr bei seiner rüstigen Großmutter Ottilie lebt als bei seinen sich ständig streitenden Eltern. Der Vater ein aufrecht-linientreuer Polizist, die Mutter, einst schön, nun fast verwelkt, von der Trostlosigkeit des Viertels und dem Spießbürgertum seiner Bewohner ernüchtert und in Gedanken schon mit einem Bein im Westen.
All dies mag den Eindruck erwecken, es handele sich um einen furchtbar deprimierenden, schwermütigen Film – doch weit gefehlt. Denn zum Glück gibt es die Figur der Ottilie, die mit Haaren auf den Zähnen und viel naivem Sarkasmus durch die Szenen hasardiert und einen Tränen lachen lässt. Als der letzte ihrer 5 Ehemänner unter der Erde ist, verliebt sich die alte Dame in den weißhaarigen Karl, der als “wahrer Kommunist” das totalitäre Regime ablehnt und heimlich mit den im Westen aufbegehrenden Studenten sympathisiert. Durch ihn erfährt der junge Holger auch von der Kehrseite des Regimes, die im Film vor allem von Holgers Polizisten-Vater und den ständig herumschnüffelnden Stasi-Mitarbeitern verkörpert wird, die im Fall des Mordes am örtlichen Fischhändler, einem alten Nazi, mit ihren ganz eigenen Methoden ermitteln.
Der Film greift dankenswerterweise wenige Ostklischees (Stasi, verfallende Bausubstanz, dogmatisches Bildungswesen) heraus und lässt ringsherum eine Szenerie erstehen, die ohne Weiteres auch in der Alaunstraße der früheren Neustadt hätte spielen können. Ohne Kitsch und Ostalgie, ohne Tempo-Linsen und Muckefuck, Parteitagsnelken und Hammer-Zirkel-Ährenkranz, wie etwa in “Sonnenallee” oder “Goodbye Lenin”. Im Vordergrund steht das Geflecht an Beziehungen, die die Menschen miteinander verbinden, und die Zerrissenheit eines Kindes zwischen Linientreue und Blick über den Tellerrand, sanft umspült von den unablässig und in feinster Berliner Schnauze vorgetragenen, vor Zynismus und Pointe nur so strotzenden Lebensweisheiten der Ottilie – von der Politik über die Liebe bis zur regen Verdauung.
So überwiegen Erheiterung und Amüsement über Oma Otties scharfe Zunge oft so stark, dass man regelrecht aufpassen muss, dass einem der durchaus ernste Milieustudien-Charakter nicht vollends entgeht. Und das macht den Film durchaus anspruchsvoll. Über ganze Salven trocken-schwarzen Humors federt er die mit Gewalt hervorbrechenden Erinnerungen an die eigene Kindheit im tristen Viertel mit Eckkneipen und M/L-Drill in der Schule ab, die ohne jene herrlich-satirischen Einspieler wohl nur schwer zu ertragen gewesen wären.
Ein seltener Wermutstropfen: Ausgerechnet die Besetzung der jungen Hauptrolle des Holger Henschel in Person des 15-jährigen Samuel Schneider war meines Erachtens nach eher ein Fehlgriff. Schneider gibt dem eigentlich erst 12-jährigen Holger zwar ein perfekt verschlossen-melancholisches Gesicht, bleibt aber spielerisch viel zu blass und wirkt von seiner ganzen körperlichen Konstitution her eben nicht wie ein 12-jähriges Kind, sondern voll und ganz wie ein 9.-Klässler.
Sonst kann ich den Film nur allen empfehlen, die sich gerne ab und an auf eine Reise zurück in vergangene Zeiten begeben, um längst vergessen Geglaubtes wiederzubeleben und ein Stück eigene Geschichte wiederzuentdecken.
Eine gute, gleich aus mehreren Perspektiven hochinteressante Frage. Gestellt hat sie die Landeszentrale für Politische Bildung Sachsen, die derzeit unter dem Motto “Kein schöner Land in dieser Zeit, als hier das unsre weit und breit…” zum großen Schreibwettbewerb für alle mehr oder weniger erfahrenen Schriftsteller, oder jene, die es gern werden wollen, trommelt.
Auf maximal 3 DIN-A4-Seiten können interessierte Schreiber sich in Philosophierereien darüber ergehen, was ihnen diese ersten beiden Zeilen des berühmten Volksliedes Anton Wilhelm Zuccalmaglios vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte bedeuten:
Was macht unser Land einzigartig, liebens- und schützenswert?
Was nicht?
Und was können und müssen wir tun, weil wir unser Land lieben?
Die beeindruckendsten Einsendungen werden prämiert (Studienreisen, Bücher), aus ihnen soll später ein Buch entstehen. Wichtig: Die Arbeiten müssen unveröffentlicht sein, die Nutzungsrechte werden mit der Einsendung dem Veranstalter übertragen.
Ich persönlich finde an der ganzen Geschichte wohlgemerkt nicht den Konkurrenzgedanken oder gar die ausgelobten Prämien so interessant, sondern eher das Thema, zumal es wiederum einem Werk der Lieddichtkunst entlehnt wurde. Schon die von der Landeszentrale vorgeschlagene Deutung der Grundaussage des Liedes in Gestalt von:
Es bringt zum Ausdruck, dass Menschen ihre Heimat lieben – ganz gleich, in welchem Land sie zu Hause sind.
bietet eine Menge Anlass zur Diskussion, wie ich finde.
Und auch so tun sich eine ganze Reihe Fragen auf: Welches Land ist eigentlich gemeint? Sachsen? Deutschland? Die DDR? Muss man sein Land lieben bzw. liebt man es automatisch nicht, wenn man es nicht für einzigartig, liebens- und unter allen Umständen schützenswert hält? In welchem paradigmatischen Zusammenhang ist hier die Bezeichnung “Land” gemeint? Meint es die Deutsche Nation als Teil des Staatengefüges? Die Deutsche Gesellschaft? Die Menschen? Die Natur? Oder alles zusammen?
Wer sich also beteiligen möchte, kann dies noch bis zum 16. April 2010 per Post oder email tun, die Adressen findet ihr unter obigem Link.
Selten habe ich Klamotten erleichterter in die Ecke gefeuert, als nach dem Opernball letzten Freitag. Wieso? Nun, sagen wir mal, das gute Stück roch nicht mehr so ganz angenehm. Um ehrlich zu sein, roch es schlimmer als es ein Abend in der Raucherkneipe hätte hinbekommen können. Nein, ich hab auf dem Opernball nicht zu wild getanzt, in Champagner gebadet oder eine Kollision mit der Häppchen-Dame hingelegt. Völlig falsche Richtung, oder besser: falsche Etage, ja falsches Gebäude. Ich habe unter Deck mit den anderen “Zeitungssklaven” gerudert. Liebe Redakteure, nicht falsch verstehen, ihr wart großartig! Die Wortwahl bezieht sich vielmehr auf die Arbeitsbedingungen: bis zu 20 Personen gleichzeitig in einem 15-qm-Raum ohne Fenster, mit ebenso vielen Rechnern wie Menschen, bei geschätzten 40 Grad Hitze und vermutlich exorbitanten Elektrosmog-Werten.
Derartige Grenzerfahrungen verlangen nach umso größerem Respekt vor dem Berufsstand des Journalisten: Bewundernswert, wie die Damen und Herren Redakteure über Stunden in kneifenden Smokings samt Fliege sowie hautengen Abendkleidern und High Heels in dem brütenden Verlies von einem Raum ausharren konnten, um anschließend dann noch gut gelaunt dem bunten Ball-Treiben zu frönen.
Für mich als Opernball-Newbie war das zunächst mal eine ziemliche Strapaze, aber auch ein hautnah-Erlebnis in Sachen journalistischer Arbeit, man konnte die Arbeit in jener Nacht förmlich riechen. Zitate prominenter Opernballbesucher und der letzte Schrei in Sachen Ballmode umspülten mich, in warme Wogen stickiger Luft gehüllt; der Kollege, der direkt vor mir saß, twitterte stundenlang wie aufgezogen den neuesten Ball-Gossip ins World Wide Web; zu meiner Linken und Rechten türmte sich das Equipment der Fotografen, und Redakteurin G. verdeckte mit ihrem weitausladenden grünen Ballkleid ständig die Sicht auf den Live-Monitor…
Meine erste Reaktion daheim: Nie wieder! Das mit dem Journalisten-Beruf vergessen wir am besten gleich wieder, als Sekretärin warst du doch auch ganz gut…
Und heute? See u next year
David Schnell, geboren in Bergisch-Gladbach, ist Ende 30 und lebt und arbeitet heute in Leipzig.
Viel mehr ist über die Person Schnell auf die Schnelle nicht zu erfahren, was angenehm ist – und etwas, was er mit vielen anderen Vetretern der Neuen Leizpiger Schule gemein hat.
Wie einst Neo Rauch, lernte Schnell bei Professor Arno Rink an der Leiziger Hochschule für Grafik und Buchkunst, und wie Rauch gehört Schnell heute zu den prägenden Protagonisten der Neuen Leizpiger Schule, wenn auch sicherlich einer anderen, jüngeren Generation zuzuordnen.
Schnells Stil ist wohl einer der geometrischsten, grafischsten seiner Strömung, Raum und Perspektive räumt er einen hohen Stellenwert ein. Nicht zuletzt das unterscheidet seine Werke bisweilen erheblich beispielsweise vom romantischen, bildhaften Malstil eines Neo Rauch. Menschen und alles, was sie für gewöhnlich umgibt, wird man in David Schnells Bildern so gut wie nie finden. Sein Metier ist das Banale – Holz, Stein, Bäume, Wände. Was auf den ersten Blick wie eine Aneinanderreihung geometrischer Formen wirkt, eröffnet auf den zweiten Blick meist eine völlig andere Perspektive: Eine Landschaft wird erkennbar, ein Wald, Himmel – ein Bild im Bild. Keinem Zweiten gelingt das momentan so wie Schnell, Schnells Bilder arbeiten mit dem Betrachter.
Doch dann sind da wieder die leuchtenden Farben, das Spiel mit Licht und Schatten, Hell und Dunkel – und eben das gediegen-Zweideutige, das allen “Leipzigern” irgendwo gemein ist.
So jedenfalls wird es heute gern ziemlich pauschal dargestellt, z. B. gestern in der ARD. Weihnachten sei in der DDR ja eine “ziemlich knifflige Angelegenheit” gewesen und zwar, weil die DDR-Führung die Kirchen und den christlichen Glauben nicht gerade schätzte und ein Großteil der DDR-Bürger das Fest daher nicht in christlicher Tradition begingen, so Kirchenvertreter in der ARD.
So weit ja so richtig.
Aber – warum macht allein der Umstand, dass Weihnachten in der DDR weitgehend entchristlicht wurde und (zumindest offiziell) als Jahresend-Familien-Fest galt, zu einer “kniffligen Angelegenheit”?
Auch Stimmen, die behaupten, in der DDR hätte es an Weihnachten “nichts” gegeben, weil es ja immer “nichts” gab, werden um diese Jahreszeit mit schöner Regelmäßigkeit lauter.
Hm, aber gab es wirklich “nichts”, und war Weihnachten in der DDR wirklich so “knifflig” und trostlos?
Eine kleine Rückschau:
Weihnachten war für mich und meine Familie immer ein Fest der Besinnlichkeit, der Familie, des Beisammenseins und der kleinen Überraschungen und Gaben, die man sich gegenseitig bescherte. Und im Prinzip halten wir das bis heute so. Auch bei uns in der DDR war Heiligabend offiziell Arbeitstag, der 1. und 2. Weihnachtstag hingegegen gesetzlicher Feiertag. In der Vorweihnachtszeit gab es Betriebsweihnachtsfeiern, die besonders im Betrieb meiner Mutter immer richtig schön waren: Jedes Jahr gab es dort Märchenaufführungen der Betriebstheatergruppe für Mitarbeiter und deren Kinder, dazu Kaffee, Punsch und Gebäck.
Vor dem Heiligen Abend hatte meine Mutter die Stube immer blitzblank gewienert, der Vater hatte einen riesigen Weihnachtsbaum besorgt und aufgestellt, und am Vorabend des Heiligen Abends wurde der von der ganzen Familie traditionsgemäß angeputzt, mit bunten Lichtern, uralten Kugeln aus Familienbesitz und reichlich Lametta. Also eigentlich so, wie man das heute auch noch macht. “Knifflig” war es nie, einen Weihnachtsbaum oder Baumschmuck zu bekommen, höchstens das Aufsetzen der Weihnachtsbaumspitze auf den 2 Meter hohen Baum war manchmal eine etwas knifflige Angelegenheit.
An Heiligabend gab es traditionell mittags eine Geflügelsuppe und abends Kartoffelsalat und Würstchen oder Buletten – auch das ist heute noch so bei meinen Eltern. Beim Metzger unseres Vertrauens (damals: Seifert, Görlitzer/Ecke Sebnitzer Straße) bereits bestellt, brauchte man Würstchen und Gehacktes am Vortag lediglich noch abzuholen, und am nächsten Abend stand alles, dank Muttis Kochkünsten, lecker auf dem festlich mit dem besten Porzellan gedeckten Wohnzimmertisch. Mit dem Weihnachtsbraten für die Festtage verhielt sich das ganz ähnlich. Gab es mal keine Gans, dann eben Pute, Kaninchen oder Rouladen mit Rotkohl und Klößen, wobei Letztere in jeder Kaufhalle erhältlich waren. Klar musste man lange vorbestellen und so eine Gans konnte schon mal tief im 2-stelligen Mark-Betrag enden, aber “knifflig”? Höchstens für Mutti, die alles zubereiten musste und am 23. bis Mitternacht in der Küche stand
Und selbst wenn es zum rein kommerziellen Teil – der Bescherung – überging, konnten zumindest wir uns nicht über irgendeinen Mangel beschweren. Mal gab es eine Ski-Ausrüstung, dann einen Puppenwagen, Kleidung ein Puppenbett, Bücher, jede Menge Süßigkeiten – und natürlich die obligatorischen Dinge von “drüben” aus den Westpaketen: ein Monchichi, Kinderschokolade, Stabilo-Neon-Liner, Mickey-Mouse-Hefte, Parfümerie-Artikel und Kaffee für die Eltern usw.
Fazit:
Weihnachten in der DDR war für gewöhnlich eine schöne, besinnliche Angelegenheit, die weder trostlos noch “knifflig” war, sondern einfach nur – und gerade für die Kinder – herrlich festlich und etwas ganz Besonderes, genau, wie es das für die Menschen in der BRD damals auch gewesen sein wird. Und es wurde höchstwahrscheinlich auch ganz genau so gefeiert wie in der BRD, ob nun christlich oder weltlich, nur vielleicht etwas weniger luxuriös.
Auch, lieber Herr Ulbrich, wenn der Strom mal flackerte oder wie im Jahrhundertwinter 78/79 mal ganz ausfiel und Weihnachten bei Kerzenschein verbracht wurde – meine Eltern fanden es romantisch, nicht etwa trostlos.
Ich kenne zudem keine einzige Person aus jener Zeit, die Weihnachten technokratisch als “Jahresabschlussfest” angesehen und begangen hätte, wie es im ARD-Beitrag dargestellt wurde. Für alle war es – wie auch heute – eine Zeit der Besinnung, der Familie und der Freude. Schon in der Vorweihnachtszeit wurde das Besondere der Zeit zelebriert: Plätzchenbacken, Gedichte schreiben, Weihnachtslieder wurden einstudiert, mit dem Chor auf Weihnachtskonzerten aufgetreten.
Was besonders schön war: Nach der Bescherung klingelte man meist bei den Nachbarn oder anderen Hausbewohnern, wir Kinder stürmten zu den befreundeten Nachbarskindern, und man tauschte sich über Geschenke, Dekorationen und Traditionen aus. Heute wird wohl in den meisten Fällen im stillen Eckchen die neue Playstation ausprobiert, oder die Familie versammelt sich andächtig vor dem neuen XXL-Plasma-Bildschirm. Diese Entwicklung ist meines Erachtens nach nicht mehr nur “knifflig”, sondern bedenklich.
Heutzutage verkommt Weihnachten – trotz freier Kirchen und Meinungsfreiheit – immer mehr zur reinen Kommerzschlacht. Wer hingegen Weihnachten in der DDR in christlicher Tradition feiern wollte, der konnte das auch, wie zahlreiche christliche Nachbarn in der Neustadt jedes Jahr unter Beweis stellten, denn alle Kirchen waren Gläubigen und Nichtgläubigen auch damals an Weihnachten offen.
Alles in allem war es damals sicherlich nicht “kniffliger”, ein gelungenes Weihnachtsfest samt Braten, Geschenken und festlicher Atmosphäre zu organisieren als heute für eine Hartz-IV-Familie oder Niedriglohnbeschäftigte. Schlimmer: heute müssen Menschen aufgrund ihrer Armut wieder ernüchtert an all dem Glanz und der Gloria der Weihnachtsmärkte und Konsumtempel vorbeigehen, und Kinder drücken sich traurig die Nasen an Schaufenstern platt, weil sie all die schönen Dinge zwar sehen, sie sich aber eben nicht leisten können.
Das gabs früher so nicht. Da gabs eben allgemein nicht viel, aber das, was es gab, das konnten sich die meisten Menschen wenigstens einmal im Jahr leisten.
Insgesamt wird man das Gefühl nicht los, als würde es besonders im Interesse der Kirchen liegen, alles über Gebühr schwarz zu malen, was mit der DDR zu tun hat. Zu einem gewissen Teil sicherlich verständlich, hält man sich vor Augen, unter welchem Druck die Kirche in der DDR stand. Aber so?
Es ist ja auch nicht so, dass nur das “ungläubige DDR-Regime” Weihnachten entchristlichte und zu einem weltlichen, bürgerlichen Fest umstrickte – es gibt auch so einige weihnachtliche Traditionen, die heute u.a. in jedem Christenhause an Weihnachten Anwendung finden, die aber so gar nichts mit der christlichen Überlieferung zu tun haben: Den Weihnachtsbaum zum Beispiel – eine alte heidnisch-nordische Tradition zum Wintersonnenwend-Fest, die erst im Mittelalter so langsam im christlichen Europa Einzug fand und heute weitverbreitet zum “Christbaum” verchristlich worden ist. Und auch das ganze Weihnachtsfest, wie wir es heute im Dezember feiern, war ursprünglich keine christliche Angelegenheit, sondern datiert vielmehr auf das nordische Wintersonnenwend-Fest um den 25. Dezember herum zurück.
Die ersten Festlichkeiten zu Ehren Christi Geburt fanden vielmehr ab Mitte des 1. Jahrtausends nach Chr. um den 6. Januar statt, an Heilige Drei Könige, wie es die Orthodoxen Christen auch heute noch halten.
Also, liebe Kirchen-Vetreter: bitte lasst die Kirche doch im Dorf in Sachen DDR-Kritik. Sei sie in vielen Bereichen selbstverständlich auch noch so berechtigt – und ich will mich hier ganz sicher nicht zu Lobesarien auf die untergegagene Diktatur aufschwingen -, aber auf Weihnachten in der DDR muss doch nun wahrlich nicht herumgehackt werden. Es zieht nur abermals schöne bisweilen auch urkomische Erinnerungen in den Schmutz.
Und so habe ich für mich gleich Mehreres beschlossen.
1. eine neue Frisur (jaaa, typisch Mädchen…)
2. endlich mal meine Freundin in London besuchen (und dafür meine Flugangst anpacken)
Drittens ist etwas längerfristig angelegt und würde die Verwirklichung eines Lebenstraumes bedeuten.
Um das näher zu erklären, muss ich etwas weiter ausholen.
Mein Vater hat zu DDR-Zeiten jahrelang in der damaligen Sowjetunion an der Erdgastrasse gearbeitet und war deshalb für mich als Vater über eine lange Phase meiner Kindheit nicht wirklich präsent, da er nur für wenige Wochen im Jahr nach Hause kam.
Zunächst war er in der Ukraine stationiert, später am Fuße des Ural an der Grenze zu Sibirien.
Wenn er heimkam, zeigte er uns wackelige Schwarz-Weiß-Fotoaufnahmen vom Arbeitercamp, von den umliegenden Dörfern, von feucht-fröhlichen Feiern mit den gastfreundlichen Einheimischen, sehr freundliche Menschen, sehr bescheiden. Und er erzählte von den rauen Wintern, den glühend heißen Sommern (in Südsibirien kann es im Winter bis zu -40 Grad kalt und im Sommer bis über 30 Grad heiß werden), vom harten Alltag in den Trassen-Camps und dem noch härteren Leben in den abgeschiedenen Bergdörfern des Ural und der Karpaten.
Wir Kinder hörten immer voll Spannung und Begeisterung zu, für mich war es immer, als ob mein Vater den überwiegenden Teil des Jahres ein Leben wie aus einem russischen Märchenbuch führte – mit tiefen, dunklen, verschneiten Wäldern, mit Wölfen, Luchsen und windschiefen Katen mit altmodischen Kachelöfen darin. Ich malte mir mein ganz eigenes Bild von diesem wilden, weiten Land – ein Bild in Schwarz-Weiß.
Und so habe ich nun für mich beschlossen, dieses Bild in Bälde farbig und real werden zu lassen, indem ich jene Region bereisen werde – per Zug, 1. Klasse in der TransSib (Transsibirische Eisenbahn).
Zunächst aber solls in die Ukraine gehen, die Karpaten, vielleicht sogar bis ans Schwarze Meer. Anschließend dann nach Moskau und von dort mit der TransSib über Sibirien bis nach China.
Unter anderem werde ich dann in genau jener Stadt am Fuße des Ural Halt machen, in der mein Vater vor gut 20 Jahren oft einkaufen ging – in Perm. Es wird durch Burjatien nördlich der Mongolei und Jakutien gehen.
Sobald das Geld für dieses größte Abenteuer meines Lebens verdient, die richtige Reisebegleitung gefunden ist, wird organisiert, durchgeplant und Tickets besorgt werden.
Bei diesem Projekt ist es mir besonders wichtig, einen Einblick in die Kulturen der verschiedenen Völker zu erhalten, die wir hier im Westen für gewöhnlich unter dem ignoranten Sammelbegriff “Russland bzw. die Russen” zusammenfassen: die Mari, die Burjaten, die Jakuten, die Ukrainer, die Chakassen, die Tuwiner, die Russen, die Tataren, die Baschkiren und andere.
Und wenn ich diese unglaubliche Reise tatsächlich realisiert und durchlebt habe, dann werde ich ein Buch darüber schreiben.
Ich kann die einsam-schöne Wildheit der Birken-Ebenen und Bergwälder schon förmlich vor mir sehen…
Für Neustadt-Veteranen und -Liebhaber ist die diesjährige Vorweihnachtszeit bislang ein wahres Schlaraffenland der Emotionen, Erinnerungen und Bilder. Eigentlich läutete ja bereits Andreas Hüttners Hommage an 20 Jahre Neustadt nach der Wende unter dem Namen “Von Hunden und Menschen”, die Anfang November im Projekttheater Premiere hatte, den nostalgischen Neustadt-Reigen ein und rührte das Publikum mit selbstironischer, kritischer und humoresquer Aufmachung bisweilen zu Tränen und Hustenanfällen (vor Lachen!), aber auch des Häufigeren zu Deja-vu-Momenten und bittersüßer Nachdenklichkeit.
Am 1. Dezember dann ging die Scheune anlässlich des Kurzfilmabends “Bonjour Tristesse” mit 7 Kurzfilmen über die Neustadt vor der Wende förmlich zu Boden unter dem Andrang Anschauungswütiger, sodass nun sogar anscheinend ein Wiederholungstermin für Januar geplant ist.
Doch damit ist längst nicht Schluss. Seit Kurzem hat Fotograf und Neustädter Urgewächs Günter Starke einen Kalender für das Jahr 2010 herausgebracht, der ausschließlich Schwarz-Weiß-Aufnahmen von Neustadt-Szenarien aus der Zeit von 1979 bis 1989 zeigt.
“Starkes Viertel” lautet der Titel, und Starke bietet wahrhaftig tiefe Einblicke in den nicht immer rosigen Alltag seines Viertels – meines Viertels, und in vielen Fällen sicherlich auch eures. Neustädter Unikate wie Zigarren-Barth oder die Geschwister Ludwig vom Eisen-Feustel fehlen genauso wenig wie Aufnahmen längst verschwundener Geschäfte und des Verfalls von Häusern und Höfen.
Persönlich am meisten verbunden fühlte ich mich mit diesem Foto:
Manufacturer
CASIO COMPUTER CO.,LTD.
Model Name
EX-Z77
Exposure Program
Normal Program
Exposure Time
1/8
F Number
3.1
ISO
800
Focal Length
6.3mm
Metering Mode
Pattern
Title
"Teppichstangenbande"
Ganz einfach deshalb, weil ich eines dieser Kinder hätte sein können – die Teppich- und Wäschestangen als Klettergerüst, heruntergekommene Hinterhöfe als Abenteuerspielplatz, so war es damals tatsächlich.
Das Bild von der alten “Frau Sch.” schließlich erinnert mich an die Wohnung meiner eigenen Großmutter seinerzeit in der Sebnitzer Str. 11, direkt unterm Dach. Ihre Wohnzimmerwände schauten noch ein klein wenig schwärzlicher aus, aber die Dachschrägen, aus denen schon die Dämmung quoll, waren auch dort ein allgegenwärtiges Bild.
Manufacturer
CASIO COMPUTER CO.,LTD.
Model Name
EX-Z77
Exposure Program
Normal Program
Exposure Time
1/10
F Number
3.1
ISO
800
Focal Length
6.3mm
Metering Mode
Pattern
Title
Dachwohnung von Frau Sch.
Damals war das Normalzustand für Neustadtbewohner. Heute denkt man: Eine Schande, dass solch liebe, gebrechliche alte Leutchen derart hatten hausen müssen.
Es ist faszinierend, zu erleben, wie Starkes Fotos aus einer längst vergangenen Zeit einem halb Vergessenes wieder ins Gedächtnis rufen. Sie tun das besonders, weil sie die Dinge ungeschönt und unbearbeitet zeigen, wie sie waren. Für jeden Neustadt-Veteranen und auch für historisch interessierte Neustädter des Heute und Jetzt ist dieser Kalender quasi ein Muss.
Für 14,80 € ist er im Fotoatelier Günter Starkes in der Louisenstraße 6 sowie im ausgewählten Buchhandel (z.B. Thalia Rothenburger-/Ecke Bautzner Str.) erhältlich.
Alle Fotos copyright Günter Starke, entnommen aus: “Starkes Viertel”.
Soeben auf Youtube entdeckt und sofort verliebt – nicht in den Typen, sondern in dieses wirklich wunderschöne, sozusagen im Rhythmus der Waschmaschine aus dem Stegreif performte Cover eines meiner Lieblingssongs meines absoluten Lieblingskünstlers Matthew Good.
Es versöhnte mich sozusagen ein wenig mit der momentan auf dem neuesten Matthew-Good-Album “Vancouver” veröffentlichten Version dieses im Original rein akustisch konzipierten Songs, die doch – wie das gesamte Album – für den Harcore-Fan einigermaßen enttäuschend ausfiel.
Ich bin ja der Ansicht, dass dieser so tiefschürfende Song über die Leichtigkeit, mit der die Menschen oft über das größtmögliche Gut hinweggehen: das Leben, ganz einfach akustisch gespielt werden muss, mit so wenig technischem und instrumentellem Putz wie möglich. Und unser youtube-Matthew oben im Video hat da voll meinen wunden Nerv getroffen
Lyrics:
What will you find, where will you be
When you’ve got to trade for company
Those plastic guns and infantry
For a silent army in the trees
Well this ain’t the woods behind the house
There ain’t nobody screaming out
For you to come inside and eat
You’re just holding your friends and watching them bleed
Wore camouflage on Halloween
A plastic bag, an M-16
Door to door and house to house
But there ain’t nobody handing it out
Ya nothing’s even what it seems
When you’re kicking in teeth and wishing it dreams
Just plastic guns and infantry
For a silent army in the trees
Well baby don’t you let me down
A world away and still somehow
Can’t shake the feeling that you’re out
With another man’s arms wrapped tight around you
At night it’s cold, we sit and freeze
Running red lights in our Humvees
Never thought I’d live to see the day I’d be
Afraid of little kids playing in the streets
Well this ain’t the woods behind the house
There ain’t nobody screaming out
For you to come inside and eat
You’re just holding your friends and watching them bleed
I’m on fire
But all ice on the outside
That old man in the sky
Well he’s all ice on the outside
A muted whale out in the streets
You watch the stage but burn the seats
Two metal legs to get along
You ain’t got much without one to stand on
Sometimes at night I hear it roll
A hundred cars long pulling out slow
Like the engineer’s inside my head
Cold and dark like your side of the bed
Ya nothing’s ever what it seems
And even if it is ends justify means
With plastic guns and infantry
For a silent army in the trees
I’m on fire
But all ice on the outside
That old man in the sky
Well he’s all ice on the outside
Wie mir fellow blogger Torsten von den Adventures in German Social Work heute mitteilte, wird für Dezember – quasi als Ersatz für den in diesem Jahr nicht stattfindenden Neustädter Musikalischen Weihnachtskalender – ein stimmungsvolles Pendant in Dresden-Löbtau geplant.
Dazu werden nun musikalische Leute aus dem Viertel (oder gern auch von außerhalb) gesucht, die mit kleinen, selbstfabrizierten Weihnachtsständchen am Küchenfenster oder vor dem Haus Passanten, Besucher und Bewohner gleichermaßen im Advent erfreuen und stimmungsvoll in die Weihnachtszeit begleiten möchten.
Die Aktion setzt bewusst auf einfache Organisation und freie Event-Gestaltung durch die Teilnehmer: Ob Gitarre, Blöckflöte, Seniorin oder Kindergartenknirps – Klein und Groß können auf jegliche denkbare Weise ein Weihnachtsständchen darbieten, das Freude und Spaß bringt.
Wer Interesse hat, sollte sich hier für sein 10-20-minütiges hausgemachtes “Weihnachtskonzert” an einem Abend (19 Uhr) im Advent anmelden.
Ich finde das ganz generell eine super tolle Idee und werde den Meldezettel gewiss im Auge behalten und hier und da vorbeischaun.
Allen Teilnehmenden wünsche ich jetzt schon viel Spaß!
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