Am 23.8. erschien in den Dresdner Neuesten Nachrichten in der Rubrik “Heimatgeschichte”, S. 16, der von mir verfasste Artikel “Stalins vergessene Helden”.
Da es mir ein Bedürfnis ist, möglichst viele Menschen für eine aus mehrfacher Perspektive finstere Periode Dresdner Geschichte zu sensibilisieren, habe ich mich entschlossen, den Wortlaut auch hier in meinem Blog nochmals niederzuschreiben und ggf. zur Diskussion zu stellen, was ja so in der Zeitung nicht möglich war.
Stalins vergessene Helden
von Jane Jannke
Im Westflügel des Dresdner Garnison-Friedhofes an der Marienallee reihen sich in bedrückender Gleichförmigkeit 140 Betonstelen aneinander. Lebensdaten und Dienstgrade verraten: Hier ruhen fast ausschließlich junge Rekruten; 21 Jahre wurden sie im Schnitt alt. Sie starben Mitte bis Ende der 50er-Jahre – zu Friedenszeiten. Ein ähnliches Bild bietet sich dem Besucher im Nordflügel. Verwilderte Pfade führen scheinbar in den Wald – doch da leuchten zwischen wuchernden Büschen frische Gerbera neben einer Grabtafel.Erst auf den zweiten Blick realisiert man: Hunderte Grabplatten liegen dicht an dicht im Boden: Gräber einfacher Soldaten, die jüngsten erst 16, 17 Jahre alt.
Diese scheinbare Verschwendung jungen Lebens macht nachdenklich: Waren diese jungen Männer nicht Stalins und Chruschtschows strahlende Helden? Stattdessen endeten etwa 600 von ihnen allein in den 50er- und 60er-Jahren auf dem Dresdner Garnisonfriedhof. In der letzten Reihe des Westflügels blinkt nzwischen Beton das Bildnis des Rekruten Koschelnik († 20, 1958) – ein blonder Jüngling mit müdem Blick. Es durchbricht die steinerne Anonymität, will die Geschichte eines kurzen Lebens erzählen.
“Freunde” blieben Fremde
In der realsozialistischen Rhetorik traten die sowjetischen Besatzer als Befreier und Freunde auf; die SU als Hort des Fortschritts und der Menschlichkeit. Tatsächlich lebten Sowjetsoldaten und Deutsche in Dresden in unmittelbarer Nachbarschaft, doch Kontakte blieben selten und unterlagen dem Diktat der sowjetischen Militärkommandantur. Aber es gab sie natürlich, die Begegnungen zwischen “Ivans” und “Nemziy”. Dieter Liebschner, 1938 in Dresden geboren, erzählt von Angst und Hass, aber auch von Dankbarkeit, welche die Menschen in der von russischer Vergeltung und Hunger geprägten Nachkriegszeit gegenüber den Sowjets empfanden: “Kaum jemand hier hat die Russen als Befreier angesehen, die kamen als Sieger. Doch zu uns Kindern waren sie gut, verteilten Essen.”
Das offizielle Bild: Stabsunteroffizier der Sowjetarmee mit deutschem Kind.
Später erhielt Dieter Liebschner als Kfz-Techniker Zutritt zu den Kasernenanlagen – Einblicke in eine andere Welt: “Alles dort war sehr ärmlich, aber in den Schlafsälen für bis zu 50 Personen herrschte penible Ordnung”, erinnert sich der 72-jährige Hobby-Historiker. “Vieles war für uns Deutsche gewöhnungsbedürftig: das Essen, die Sitten. Viele Soldaten konnten nicht einmal Russisch, weil sie aus Fernost kamen. Der Umgang mit Munition und Waffen war oft fahrlässig, es gab viele Unfälle.”
Sowjetsoldaten bei Manöver in Königsbrück. 70er-Jahre.
Vice Versa blieb die Teilnahme am deutschen Leben den sowjetischen Offizieren vorbehalten. Den einfachen Soldaten war das Verlassen der Kaserne hingegen nur im dienstlichen Auftrag gestattet, der Militäralltag glich für sie oft einem Gefängnisaufenthalt. Zeitzeugen berichten von einseitiger Ernährung, die für die Mannschaftsdienstgrade oft spärlich ausfiel; von jungen Rekruten, die für schwerste Arbeiten in volkseigenen Betrieben förmlich verheizt wurden; von gefassten Deserteuren, mit denen eiskalt “kurzer Prozess” gemacht wurde. Behörden wie Bürger schauten wechselweise zu oder weg.
Seltenes Ereignis kurz vor der Entlassung aus dem Wehrdienst: Zoobesuch in Dresden.
Wie wenig ein Mensch im sowjetischen Militär zählte, veranschaulicht vor allem die “Dedowschtschina” (“Herrschaft der Älteren”): ein von Willkür und Gewalt geprägtes Kastensystem, das kaum mit dem vergleichbar ist, was in westlichen Streitkräften an Initationsriten und Hierarchien bekannt ist. Neu verpflichtete Wehrdienstleistende (“Grünschnäbel”) wurden den Längerdienenden gnadenlos unterworfen. Sklaverei, sadistische Prügelrituale, sexuelle Gewalt waren auch in den in der DDR stationierten Truppen an der Tagesordnung. Für jedes noch so kleine Vergehen blühten den Soldaten drakonische Strafen, von Einzelhaft unter mittelalterlichen Bedingungen über Essens- und Schlafentzug bis hin zu physischer Gewalt.
Während des Zweiten Weltkrieges fast verschwunden, flammte die menschenverachtende Tradition nach Erkenntnissen der Historikerin Silke Satjukow spätestens ab den 50er-Jahren wieder auf. Viele Soldaten hielten dem nicht stand und brachten sich um. Die Schicksale der jungen Verzweifelten blieben der breiten Öffentlichkeit verborgen.
Dokumentiertes Grauen
Erst mit dem Umbruch 1989/90 wurden die Zustände offenbar – mit den ersten Deserteuren, denen die Flucht in die BRD gelang. So berichtete ein aus einer Einheit nahe Zeitz desertierter Rekrut 1990 der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) in Frankfurt/M. : “Ich wurde jeden Tag geschlagen, die Offiziere sahen zu. Ein Soldat ist völlig rechtlos, ein Untermensch und Arbeitsroboter. Man hatte ständig Hunger, und es gab grausame ethnische Konflikte unter den Soldaten. Während meines Dienstjahres in der DDR erfuhr ich von zehn Todesfällen.” “Die Wahrscheinlichkeit, dass auch zwischen 1950 und 1970 in der DDR viele junge Soldaten internen Grausamkeiten zum Opfer fielen, ist sehr hoch”, konstatiert Wanda Wahnsiedler, bei der IGFM zuständig für Menschenrechtsverletzungen im russischen Militär. “Unter der Abschottung des Eisernen Vorhangs war es sogar noch leichter, Verbrechen zu vertuschen.”
Und so war wohl auch für die Betroffenen am schlimmsten, dass sie während des damals noch dreijährigen Wehrdienstes (heute 12 Monate) bei niemandem um Hilfe ersuchen konnten, oft selbst noch auf der Krankenstation die Mechanismen der “Dedowschtschina” wirkten.
Gegenüber dem “Spiegel” stellte der russische Publizist Dmitrij Bykow 1995 fest: “Die Armee ist ein seit 75 Jahren funktionierender Mechanismus zur Vernichtung vaterländischer Intelligenz.” Die Vorstellung, dass mitten in Dresden weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit junge Sowjetsoldaten achtlos zu Tode geschunden, begraben und vergessen wurden, mag in der etablierten Wahrnehmung der Sowjets als kommunistische Gewaltherrscher, derer man sich nur zu gern entledigte, für Irritationen sorgen. Doch sie weist auch auf die Notwendigkeit einer differenzierteren Betrachtungsweise hin – die Grausamkeit des Regimes wirkte durchaus auch gegen jene, die es verteidigen sollten.
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Mit dem jetzigen Stand meiner Kenntnisse und Recherchen, welcher oben zusammengefasst dargestellt ist, trete ich für die Anerkennung des sowjetischen Garnisonfriedhofes in Dresden nicht nur als Kriegsgräberstätte, sondern ebenso als Mahnmal gegen Willkür, Gewalt und staatlich praktizierte Menschenverachtung in diktatorischen Regimen ein.
Sowohl in der SU als auch in der DDR konnten Willkür und Grausamkeiten im sowjetischen Militär teils schauerliche Blüten treiben: Keiner hat die Hand erhoben oder zumindest deutliche Worte gefunden, als etwa ein junger Deserteur, der mit einem Kampfpanzer die Grenze zur BRD durchbrechen wollte, mittels Handgranatenwurfes durch die Einstiegsluke aus dem Verkehr gezogen wurde – ein eiskalter Mord, und zwar sowohl nach SU- als auch nach DDR-Recht, und das war nichtmals unter den dokumentierten Fällen ein Einzelfall. Wie verzweifelt muss aber ein Mensch gewesen sein, eine solch aussichtslose Flucht ins sichere Verderben zu wagen?
In einem vor 2 Wochen verfassten Artikel zum Garnisonfriedhof erwähnte ich den desaströsen Zustand des Nordflügels, in dem die über 600 Grabstätten (400 Soldaten, 200 Zivilisten) der Verwahrlosung preisgegeben sind. Vor den oben genannten Hintergründen gelten zumindest einige der dort begrabenen Soldaten zweifelsohne als
“Personen, die aufgrund rechtsstaatswidriger Maßnahmen als Opfer des kommunistischen Regimes ums Leben gekommen oder an den Folgen von aufgrund derartiger Maßnahmen erlittener Gesundheitsschädigungen innerhalb eines Jahres nach Beendigung der Maßnahme verstorben sind”, wie es im deutschen Gräbergesetz als Bedingung für dauerhaften Erhalt und Pflege von Grabstätten formuliert steht.
Der Umstand, dass es sich bei den dort Bestatteten fast ausschließlich um Rekruten/Soldaten (Rjadovoy), seltener Gefreite (Jefreitor), noch seltener Unteroffiziere (Sergeant) und lediglich ganz vereinzelt um Feldwebel (Starschiy Sergeant) bzw. Stabsfeldwebel (Starschina) handelt, die zudem in der übergroßen Mehrzahl zwischen 18 und 23 Jahren (Untere Spitze 16 J., Obere Spitze 29 J.) alt waren, als sie starben, weist klar auf eine 2-Klassen-Gesellschaft zulasten der niederen Dienstgrade hin, was Lebensqualität (Versorgung, Gesundheit, Grad der körperlichen und mentalen Belastung) sowie Sterblichkeit innerhalb der Truppe betrifft.
Das Argument, das zahlenmäßige Verhältnis zwischen den Offiziersrängen und den einfachen Truppen wäre einfach entsprechend gewesen, taugt für dieses Phänomen nicht zur Erklärung.
Denn: Das sowjetische Militär war bekanntermaßen sehr “kopflastig” strukturiert, das bedeutet, dass es eine vergleichsweise hohe Dichte an Offiziersdienstgraden gab, in die junge Soldaten relativ schnell aufsteigen konnten. Dies gilt für die Jahre bis einschließlich 1967, als das Militär zum ersten Mal grundlegend reformiert und vor allem auch ausgedünnt wurde. Damals sank auch die Wehrdienstzeit von bis dahin 3 auf dann nur noch 2 Jahre. Das Problem der “Kopflastigkeit” des Militärs steigerte sich allerdings danach noch – so stand in den 70er-Jahren fast ein Viertel des gesamten Personenbestandes im Offiziersrang. Unteroffiziere etwa waren ein innerhalb der Truppen überproportional stark vertretener Dienstrang – ihr Anteil an den auf dem Garnisonfriedhof Begrabenen ist aber vergleichsweise gering.
Parallel ist auch auf dem Garnisonfriedhof eine rapide Abnahme an Soldaten-Bestattungen ab dem Jahr 1967 zu verzeichnen – obgleich mit den Unruhen des Prager Frühlings 1968, zu dessen Niederschlagung auch Divisionen der in Dresden stationierten 1. Gardepanzerarmee entsandt wurden, eine kriegerische Konfliktsituation hinzukam, die für gewöhnlich ein erhöhtes Todesrisiko für kämpfende Truppen bedeutet.
Auch Epidemien oder Seuchen können für jene Jahre zwischen 1953 und 1968 als Ursache für das hohe Soldatensterben weitgehend ausgeschlossen werden. Zum einen konnten Gespräche mit Zeitzeugen (unter anderem ein in der damaligen Medak, heute Uniklinikum, beschäftigter Angehöriger der Abteilung Militärmedizin, der rege Austauschbeziehungen zum sowjetischen Militärlazarett in der Marienallee unterhielt) dahingehend keinerlei Anhaltspunkte liefern, auch in den Archiven ist diesbezüglich nichts verzeichnet. Zum anderen hätten Seuchen und Epidemien nicht vor höheren Dienstgraden haltgemacht und ausgerechnet fast ausschließlich junge Soldaten in der Blüte ihrer Jahre befallen. Die Versorgung in den Hospitälern und Lazaretten soll zudem, gemessen am ostdeutschen Standard, eher gut gewesen sein.
Als Gründe können deshalb am ehesten angenommen werden:
1. Mangelernährung und Überlastung (immer ein Gesundheitsrisiko):
In den 50er-Jahren vor allem noch aufgrund der schlechten Versorgungslage, sowie allgemein im Rahmen von Strafmaßnahmen (Essensentzug) auch im Zuge der Dedowschtschina. Es muss dazu gesagt werden, dass die Ernährung bis zur Wende 1990 allgemein schlecht und einseitig blieb, zumindest für die einfachen Soldaten. Frisches Obst und Gemüse waren Mangelware. Zeitzeugen berichten von kranken Soldaten, die mit Fieber in dünner Kleidung im Freien schwer schuften mussten. Schwerste körperliche Arbeit ohne Lohn in DDR-Betrieben war zudem an der Tagesordnung.
Knochenarbeit.
2. Unfälle:
Laut Aussagen von Zeitzeugen und Historikern sowie nach Studium alter Zeitungsarchive lässt sich sagen, dass es bis in die 80er-Jahre hinein häufig zu Unfällen aufgrund fahrlässigen Umgangs mit Waffen und Fuhrpark sowie oft mangelhafter Ausbildung der Soldaten kam. Sicherheitsvorkehrungen waren oft unzureichend. Von solchen “Querschlägern” waren manchmal auch deutsche Zivilisten betroffen.
3. Kriegseinsätze
Neben dem Prager Frühling 1968, bei dem insgesamt offiziell 50 Angehörige der in der Tschechoslowakei zum Einsatz gekommenen sowjetischen Einheiten ums Leben gekommen sind, darunter eventuell auch einige aus den 4 entsandten Dresdner Divisionen, sind mir keinerlei weitere Kriegseinsätze bekannt, bei denen Dresdner Soldaten zum Einsatz gekommen wären. Beim Aufstand in Ungarn 1956 wurden soweit mir bekannt, keine Dresdner Einheiten zur Niederschlagung eingesetzt, bei dem in Berlin 1953 ebenfalls.
4. Verbrechen und Selbstmord
Dieses Kapitel ist am schwersten nachzuvollziehen, da schlicht und ergreifend von den russischen Behörden gehütet wie die Augäpfel. Dennoch gibt es Berichte von Desertierten und früheren Opfern, die bezeugen, dass Gewalt im Rahmen der “Herrschaft der Älteren” an der Tagesordnung war, sowohl zwischen Offizieren und einfachen Soldaten als auch unter den Wehrflichtigen selbst. Neulinge wurden gnadenlos unterworfen und mussten für die Längerdienenden die niedersten Arbeiten erledigen. Weigerten sie sich oder bestanden auf Diensterfüllung gemäß Regularium, waren sie quasi vogelfrei und den grausamen Racheakten der Älteren über die gesamte Zeit ihres 3- bzw. ab 1967 2-jährigen Wehrdienstes ausgeliefert. In den Jahren seines Dienstes am Vaterland wurden Persönlichkeit und Emotion des Soldaten systematisch gebrochen, “um Disziplin und unbedingten Gehorsam in der Truppe zu erreichen.” Wer das einmal durchgemacht und überstanden hatte, “rächte” sich meist zum Ende seines Dienstes als “Älterer” dafür, indem er Frust und aufgestaute Wut an den Jüngsten ausließ. Es kam zu schweren, regelmäßigen Gewaltakten und sexuellen Übergriffen. Wer sich hingegen weigerte, der Tradition zu folgen und als Längerdienender die Jüngeren zu unterwerfen, blieb häufig bis zum Ende seiner Dienstzeit ein “Niederer” und damit Opfer von Schikanen und Demütigung. Später kamen noch ethnische Konflikte unter den Soldaten hinzu.
Es gibt Zeitzeugenberichte über junge Soldaten, die von ihrem Zugführer mitten im Winter an Kreuzungen abgesetzt wurden, um diese zu “bewachen” – ohne Proviant, in eisiger Kälte, die reine Willkür. Nach einer Woche wurden sie halberfroren wieder eingesammelt, hätten Anwohner den armen Kerlen nicht zwischenzeitlich Essen und Trinken gebracht, hätte man wohl Tote abgeholt – und das mitten in der DDR.
Viele (Zahlen sind hier nicht belegt) dürften daraufhin Selbstmord begangen haben oder versuchten, zu desertieren. Desertionsversuche endeten für die Betroffenen entweder mit Tötung an Ort und Stelle oder mit einer Verlegung in eines der berüchtigten Strafbataillone in Sibirien oder im Fernen Osten, wo ein noch grausameres Regime herrschte.
Die Dedowschtschina ist heute im russischen Militär grausamer und brutaler denn je ausgeprägt. Gerade ethnische Konflikte treten extrem zutage. Unter Aufsicht der Offiziere, die froh sind, dass die älteren Wehrdienstler ihnen das “Ordnungschaffen” in den Truppen abnehmen, werden sadistische Rituale ohne Rücksicht auf Verluste ausgelebt – jährlich sterben heute im russichen Militär nach offiziellen Zahlen (!) Hunderte junger Soldaten allein an den Folgen der Dedowschtschina, sie bringen sich um, werden ermordet oder sterben an Verletzungen, Tausende desertieren, Abertausende bleiben psychisch oder körperlich geschädigt. Dass diese Zahlen überhaupt publik werden und die Täter immer öfter auch ermittelt und bestraft werden in einem Land, in dem das Militär quasi einen Staat im Staate bildet, ist dem unermüdlichen öffentlichen Engagement von Menschenrechtlern wie etwa der Organisation der russischen Soldatenmütter zu danken.
Der Garnisonfriedhof der Sowjetarmee an der Marienallee und die ihn umrankenden Geschichten sind momentan beherrschendes Thema in meinem beruflichen wie mittlerweile auch privaten Alltag. Seit meinem ersten Besuch auf der Anlage vor einigen Monaten (ich berichtete) hat sich in mir der Wille gefestigt, ein gewisses Stück des Weges zurückzugehen in eine Welt, ein gesellschaftliches und politisches Klima, die mir als 1979 Geborener unbekannt geblieben sind. Wie sah sie aus, die Welt in den Kasernen der Dresdner Militärgarnison der 50er- bis 70er-Jahre? Jenen Jahren, in denen etwa tausend Sowjetsoldaten und Angehörige – Frauen und Kinder – auf dem Garnisonfriedhof an der Marienallee ihre letzte Ruhe fanden.
Ausgangspunkt für mein sich regendes Interesse war eigentlich die Beobachtung, dass lange nach Kriegsende, ab etwa 1951 bis Ende der 60er-Jahre, vor allem junge Soldaten niederer Dienstgrade (Rekruten, Gefreite, Unteroffiziere) zahlreich in den in Dresden und Umgebung stationierten Einheiten verstorben waren. Zu Hunderten (>500) ruhen sie primär im West- und Nordflügel des Friedhofes. Im Schnitt waren die jungen Männer zum Zeitpunkt ihres Ablebens etwa 22 Jahre alt, der jüngste erst 16, wie sich nun herausstellte. Es drängte mich, zu erfahren, was mit ihnen geschah. Zumal auf diesem Friedhof, der anscheinend ursprünglich hauptsächlich für die Bestattung höherer Dienstgrade vorgesehen war, mit fortschreitender Zeit immer mehr junge Rekruten und immer weniger Offiziere beigesetzt wurden. In den 50er- und 60er-Jahren standen teilweise pro Jahrgang bis zu 50 Rekruten und Gefreiten nur 3 oder 4 Offiziere gegenüber. Die Entdeckung des Nordteils des Friedhofes, der mir bei der ersten Begehung gar nicht aufgefallen war, verstärkte diesen Eindruck noch.
Nun mag mancher argumentieren, dass das alles doch schon so lange her sei, und man die Geschichte auch einfach mal ruhen lassen sollte. Die sowjetische Besatzung und damit die Erinnerung an “die Russen” ist eben bei vielen Zeitgenossen hauptsächlich negativ besetzt, und das sicherlich auch nicht vollkommen unberechtigt. Doch ich halte diese Periode für ein Stück Heimatgeschichte, zudem eines, über das wenig bekannt ist – und sie markiert eine Schnittstelle zwischen deutscher und russischer Geschichte. Sie sollte nicht vergessen, sondern endlich aufgearbeitet werden.
Mehr noch drängt sich die Notwendigkeit historischer und menschlicher Aufarbeitung jener Zeit auf, als der Nordteil des Garnisonfriedhofes – trotz bestehender Verträge und Gesetze – seit Jahren der Verwahrlosung preisgegeben wird. Anfang der 2000er-Jahre wurde zwar der Hauptteil, bestehend aus Süd-, Südwest-, West-, Mittel- und Ostflügel mit Sandstein-/Beton-Stelen und den Ehrenmalen, für über 1 Million Euro aufwendig instand gesetzt. Und auch jetzt wird ein Mindestmaß an mehr oder weniger regelmäßiger Pflege gewährleistet.
Doch wenn man an der Nordseite des Hauptfriedhofes am Denkmal für die Kriegsgefangenen, wo man sich eigentlich schon am Ende der Anlage angekommen wähnt, vorbeigeht, wird man gewahr, dass der Friedhof hier eine traurige Fortsetzung findet.
Garnisonfriedhof Marienallee, Blick zum Ost- und Mittelflügel
Garnisonfriedhof Westflügel mit Blickrichtung zur Mitte
Das nördliche Areal befindet sich in einem absolut unwürdigen, desolaten Zustand. Es beherbergt – soweit ich sie erfassen konnte – etwa 400-450 Soldatengräber ausschließlich junger Männer im Alter von 16-26 Jahren in einfachen Dienstgraden sowie etwa 150 Gräber von Frauen und Kindern aller Altersstufen. Hier sucht man aufwendige Stelen aus Beton oder gar Sandstein vergeblich. Stattdessen dominieren aufs zweite, genauere Hinsehen schlichte Platten aus rotem Granit das Bild, mal klein, mal größer, mal stehend, hauptsächlich jedoch flach im Boden liegend. Doch die Einfachheit des Materials geht auch mit ausgesprochener Robustheit einher – diesem Umstand dürfte es auch gedankt sein, dass die Grabplatten der Verwahrlosung bislang gut standhielten.
Die ältesten Gräber im Nordteil stammen von 1952. Allein im Jahr 1953 wurden über 65 junge Rekruten zwischen 17 und 25 Jahren, die in/um Dresden während ihres Militärdienstes starben, hier begraben, 1954 waren es gar 95, 1965 waren es immerhin noch um die 50. Das jüngste Grab ist von 1987 – ein kleines Mädchen. Im Nordteil ruhen auch die beiden letzten auf dem Garnisonfriedhof bestatteten Soldaten aus dem Jahr 1973. Was mit jenen geschah, die ein ähnliches Schicksal nach 1973 ereilte, ist nach wie vor ungewiss. Anscheinend wurden viele auf städtischen Friedhöfen oder innerhalb der Kasernenmauern beigesetzt, wie mir aus gut informierten Kreisen zugetragen wurde.
Im Nordteil des Friedhofes liegen die meisten Grabmale mittlerweile halb oder ganz unter Erde und Pflanzen versteckt, manche sind vollkommen von ausufernden Sträuchern umwachsen und gar nicht mehr zugänglich. Auch fehlt ein stabiler Zaun zur Dresdner Heide hin – die Folge: Schwarzwild hat auf dem gesamten Friedhofsgelände, vor allem jedoch auf dem Nordteil, schwere Schäden in Form aufgewühlter Erde und dadurch verschütteter Grabmale verursacht.
Garnisonfriedhof, Nordflügel in desolatem Zustand
Garnisonfriedhof Nordflügel in desolatem Zustand
Nordflügel, Gräber sind teils verschüttet und überwuchert
Das Land Sachsen, dem die Pflege und der Erhalt der Kriegsgräberstätte bzw. der Ruhestätten von Opfern von Gewalt und Willkürherrschaft obliegen, hat hier seit Jahren nichts getan, um dem schleichenden Verfall und der Verwahrlosung Einhalt zu gebieten. Weder wird das Eindringen von Wild durch Einhegung verhindert, noch werden Büsche und Hecken zurückgeschnitten oder gar Wege freigelegt. Besucher stolpern durch wildes Gestrüpp, kniehohes Gras und ackerähnlichen Boden. Teilweise musste ich dort, wo ich welche vermutete, Grabplatten durch Graben mit den Füßen und einem Schippchen freilegen, um sie erfassen zu können – ein trauriger Anblick.
Wie müssen Angehörige der Toten empfinden, die nach Jahrzehnten endlich den Weg nach Deutschland finden und einen Besuch am Grab des Angehörigen damit verbinden wollen? Wie haben wohl die Angehörigen des Rekruten Rodin (†19, 1955) empfunden, als sie sein Grab vor Kurzem inmitten unwegsamen, verwilderten Geländes unter Erde und überwuchert von Unkraut vorfanden? Die Grabplatte im Boden wurde liebevoll großflächig von Dreck und Unkraut freigeräumt und mit frischen Blumen geschmückt, während man die benachbarten Platten weiterhin mit der Lupe unter Erde und Wiese suchen muss.
Freigeräumt - Liebevolle Erinnerung inmitten des Vergessens.
Alles in diesem Friedhofsteil atmet auf fast unerträgliche Art Vergessen. Viele der dort bestatteten sehr jungen Menschen dürften nach bisherigen Erkenntnissen den rauen, teils menschenunwürdigen Lebensumständen innerhalb des sowjetischen Militärs zum Opfer gefallen sein, in dem ein Menschenleben oft nicht viel zählte – was übrigens noch heute so ist. Sie ereilte ein einsames Ende weit ab von Heimat und Familie. Sollte man ihnen nicht wenigstens im Tod ein Mindestmaß an Respekt entgegenbringen und ihnen die Ehre einer bescheidenen Grabpflege erweisen?
Freigelegt: Grab mit Bildnis des Gefreiten Malkin (21)
Schon oft war ich am Rande von Radtouren oder Spaziergängen hier vorbeigekommen. Und immer – wie so oft, wenn ich an Friedhöfen vorbeigehe – hat mich ein leichtes Schaudern dabei ergriffen. Und jedes Mal hatte ich mir vorgenommen, mir diese Stätte einmal genau anzusehen. Jahrelang war sie für die Öffentlichkeit nicht zugänglich. Dann, ab 2007, konnte man sie wieder betreten, nachdem sie halbwegs wieder in Schuss gebracht worden war.
Die Rede ist vom Garnisonfriedhof der Roten Armee an der Marienallee, oberhalb des Prießnitzgrundes. Von 1945 bis 1987 bestatteten die nach dem Sieg über Hitler-Deutschland hier stationierten Sowjettruppen hier ihre Toten, darunter auch Frauen und Kinder.
Doch immer wieder zögerte ich seither, das gusseiserne Tor zu öffnen und jenen Platz zu betreten, an dem auf pi mal Daumen zwei Hektar verstreut mehr als tausend steinerne Grabmale in einschüchternder Gleichförmigkeit stehen, die sich erst auf den zweiten blick in Form und Gestaltung voneinander unterscheiden.
Als ich gestern das schwere Tor endlich aufstemmte, gesellte sich zu dem leichten Prickeln entlang der Wirbelsäule ein Gefühl der Ehrfurcht, der Bedrückung, aber schnell auch eine Art stille Heiterkeit und innerer Frieden.
Ich bin nicht allein. Inmitten der Gräber hat sich eine ganze Familie mitsamt Baby auf Bänken in einem kreisförmig angelegten Ruhebereich niedergelassen. Ich nicke freundlich und wende mich den Gräbern zu.
Still ist es hier und unglaublich grün, die Vögel zwitschern und die Sonne lässt den hellen Sandstein der Grabmale leuchten, die auf wildgewachsener Wiese in Reih und Glied stehen, Wildblumen und Kienäpfel bilden einen seltsam schönen Schmuck für fast jedes Grab.
Ingenieur-Major Georgiy M. Kisseljew, Grab mit Marmorplatte und Wildblumenpracht.
Rhododendren und Hecken umsäumen rote Kieswege, Nadelgehölze und übermannshohe Büsche teilen das Gelände in verschiedene Bereiche. Erstaunt stelle ich fest, dass der Friedhof viel größer ist, als er von außen wirkt: Hinter hohem Gebüsch schließen sich an die endlosen Reihen der Stelen im Nordbereich versteckte Ecken an, wo im Schatten der Bäume kleine, einfache Grabsteine und halb überwucherte Bodenplatten mit Inschriften ruhen. Gräber von Kindern und Jugendlichen hauptsächlich.
Insgesamt vier verschiedene Monumente zähle ich, alle noch aus DDR-Zeiten und alle mit flammenden Hymnen auf Ruhm und Ehre der hier Bestatteten sowie einschlägigen Symbolen, vom tapferen Soldaten mit Waffe, über die rote Fahne bis hin zum unermüdlichen Arbeiter, besetzt. Unkontrolliert zuckt eine Augebraue nach oben und ein ironisches Grinsen huscht über mein Gesicht, um gleich darauf wie ertappt wieder zu erlöschen.
Sinnend laufe ich durch die Reihen der Grabmale. Namen und letzte Grüße in kyrillischer Schrift, Geburts- und Sterbedaten ziehen an mir vorbei – bedrückend: Die allermeisten hier Begrabenen haben kaum das 45. Lebensjahr erreicht. An einigen wenigen Stelen sind sogar noch die Keramiktafeln mit den Abbildern der Toten erhalten; die Gesichter der zumeist jungen Soldaten blicken stolz und ernst – entschlossene, mutige junge Männer, wie man sie in der Sowjetarmee gerne sah.
Und mit einem Male, so scheint es mir, bin ich von Geschichten umgeben, nicht mehr von Gräbern. Geschichten, die ich lediglich noch nicht zu entschlüsseln vermag.
Grenadier P. D. Koschelnik starb im Mai 1958 mit nur 21 Jahren.
Oberleutnant P. J. Komarov starb 1947 mit nur 26 Jahren.
Am Westende des Friedhofs finden sich ganze Reihen von Gräbern, in denen junge Soldaten ruhen, die kaum älter als 20 wurden. Was geschah mit ihnen? Anfangs dürften noch die desaströse Lage betreffs Versorgung und Hygiene der Nachkriegsjahre sowie alte Kriegsverletzungen eine Rolle gespielt haben. Doch woran starben Ende der 50er- bis Mitte der 60er-Jahre in Dresden reihenweise junger russischer Soldaten Anfang 20? Diese Frage lässt mir seither keine Ruhe, mein Forscherdrang ist geweckt.
Unteroffiziersanwärter N. I. Duboviy war erst 14 Jahre alt, als er bei der Schlacht um Dresden im Mai 1945 fiel.
Erschüttert stelle ich zudem fest, dass bei der Einnahme der Stadt Dresden im Mai 1945 sogar halbe Kinder kämpften – und fielen: Das Schicksal des erst 14-jährigen Unteroffiziersanwärters (Kursant) N. I. Duboviy war beileibe kein einzelnes in jenen entmenschlichten Tagen der Schlacht. Bei dem Gedanken daran, Kindern ein Gewehr in die Hand zu drücken und sie in einen so mörderischen Krieg zu schicken, befällt mich ein Gruseln.
Und selbst nach all der Zeit, nach bis zu 65 Jahren, liegen hier und da an Grabsteinen kleine Blumengrüße, an einer Stele steht ein Topf mit weiß-gelben Margeriten aus Plastik, sie leuchten weithin zwischen den schmucklosen Grabsteinen. Angehörige, die nach wie vor hier leben? Auf jeden Fall eine unermüdliche, vielleicht sogar über große Distanzen aufrechterhaltene Kultur des Erinnerns an geliebte Menschen, die viel zu früh ihr Leben lassen mussten.
Ab und zu knie ich vor einem der Grabsteine im weichen Gras nieder, lese genauer, betrachte Gesichter. Erst da fällt mir auf, dass die Grabsteine durchaus unterschiedlich aussehen, die Gravuren und Ornamente der höheren Dienstgrade sind zumeist aufwendiger und kunstvoller gestaltet, als bei einfachen Gefreiten. Geburtsdaten werden hier teils voll ausgeschrieben, die Inschriften befinden sich auf Mamorplatten, oder Grußworte der Angehörigen sind zu lesen, während bei niederen Dienstgraden nur Name, Geburtsjahr und Sterbedatum in einfachem Sandstein eingraviert sind und die Stelen nur ein einfaches Ornament in Form eines Sterns aufweisen.
Auch sind es oft die niederen Dienstränge, die in Mehrfachgräbern bestattet wurden (siehe Foto links).
Während ich fotografiere, komme ich mir irgendwie vor, wie ein Voyeur. Doch längst hat mich der Ort mit seiner irgendwie magischen Atmosphäre gefangen genommen, und ich will darüber berichten.
Oberstleutnant A. M. Kirejew - Grab mit Marmorfront.
So wild-romantisch der weitestgehend der Natur überlassene Ort auch wirkt – die mangelnde Pflege und Aufsicht haben auch ihre negativen Seiten: Am Mahnmal im Südteil des Friedhofes liegen verwelkte Blumen und Gebinde, viele noch mitsamt der Kunststoffverpackung. An den Inschriften der verblichenen Bänder ist zu erkennen – sie liegen bereits seit dem 8. Mai hier, dem Tag der Befreiung – unansehnlich, von Wind und Wetter zerzaust. Von den umliegenden Gräbern klaube ich verstreutes Blumenpapier, gieße Blumen, die in Töpfen am Mahnmal stehen und die Köpfe hängen lassen.
Aufgeräumt und gepflegt wird hier ganz sicher nicht. Im Papierkorb in der Sitzecke finden sich haufenweise leere Flaschen diverser Alkoholika und andere Reste für meinen Geschmack und den Ort zu geselligen Beisammenseins. Als ich mich vom hinteren Teil des Friedhofes wieder in Richtung Tor bewegen will, sehe ich gerade noch einen jungen Mann in Radlerdress den Hosenstall schließen, sein Rad lehnt an dem Denkmal, hinter dem er gerade seine Notdurft verrichtet hatte. Darauf angesprochen, wie er es fände, wenn später mal jemand neben seinen Grabstein pinkeln würde, winkt er feixend ab und sucht das Weite.
Es scheint, als wäre der abgelegene Ort so ein wenig in Vergessenheit geraten. Die Kriegsgräberfürsorge sorgt zwar für ein Mindestmaß an Ordnung und legt einmal im Jahr zum 8. Mai Blumen nieder. Doch an den Gräbern selbst wird nichts gemacht, sie sind der Verwitterung und auch Vandalismus preisgegeben. Auch aufgrunddessen sind mittlerweile nur noch wenige der Keramikfbildertafeln an den Stelen erhalten – dabei sind sie es gerade, die dem Friedhof etwas Menschliches, Persönliches verleihen. Ich erinnere mich an Spaziergänge zu Kinderzeiten, bei denen von den Grabmalen noch zahlreiche Gesichter, teils in Farbe, durch die Gitterstäbe blickten. Heute haben selbst die vereinzelt noch erhaltenen zum Teil schon Risse.
Grab von Hauptmann D. P. Mazakov mit fast zerstörtem Keramikbildnis.
Jeder halbwegs sesshaft gewordene Neustädter wird wissen, was gemeint ist, wenn vom “Russen-Sportplatz” die Rede ist. Das Westareal des Alaunparks, ca. 4 Hektar groß, diente bis zur Wende als Sportplatz für die in den umliegenden Neustädter Kasernen stationierten Sowjetsoldaten. Die letzten Sowjets zogen 1992 aus Dresden ab, das Gelände wurde vom Kampfmittelräumdienst gesichert, die existierenden Gebäude in ihre Bestandteile zerlegt – diese türmen sich dort noch heute in Form loser Platten und Einzelteile. Seit nunmehr 18 Jahren liegt das Gelände brach, bis heute verrotten dort die Überbleibsel der Vergangenheit, bis heute wuchert das Unkraut; und mit dem Unkraut, so scheint es, möchte die Stadt den Mantel des Vergessens über das Areal legen, die Erinnerung an eine Zeit zudecken, die mancher wohl gern aus seinem Gedächtnis tilgen wollte.
Anders kann man sich die nun fast 2 Jahrzehnte dauernde Tatenlosigkeit der Stadt sowie das zermürbende, letztlich zu nichts führende Hickhack um eine Wiederbelebung des Gebietes seitens Parteien, Verbänden und Bürgerinitiativen nicht erklären. Immer wieder taucht das Thema in den Agenden von Ortsbeirats- und Stadtratssitzungen auf – so zuletzt im Dezember 2009 im Ortsbeirat Neustadt -, wusste im kommunalen Wahlkampf 2009 viel Beachtung in der Bevölkerung zu schüren; immer wieder werden Anträge und Anfragen an die Stadtverwaltung und das Land gestellt, immer wieder, so scheint es, versickert das Thema in den Rinnsälen kommunaler Bürokratie.
Wahrlich eine Schande, weiß man doch, dass die Neustadt eines der kinderreichsten Stadtviertel Deutschlands, dicht bebaut und mit verhältnismäßig wenig Grün- und Freiflächen ausgestattet ist. Schon heute treten sich die Menschen auf dem Alaunplatz mit seiner begrenzten Fläche an schönen Tagen fast tot – darunter leiden nicht nur die Menschen, sondern zu allererst auch die Anlage selbst. Im Spätsommer ist vom erquickenden Rasengrün zumindest stellenweise fast nichts als eine erdbraune, kahlgewalzte Wüste übrig geblieben, dank exzessiver und unkontrollierter Nutzung als Bolz-, Grillplatz und für andere raumgreifende Freizeitaktivitäten. Wo sollen sie auch hin? Bis heute gibt es keinen öffentlichen Grillplatz in der Neustadt, keine öffentliche Freizeitanlage mit Spielfeld. Wenn das so weitergeht, wird der Platz als Erholungsoase bald ausgedient haben.
Woran scheitert es also?
Nach Auskunft der Neustadt-Grünen hakt es an einer allgemeinen Kakophonie innerhalb der Kommunikation zwischen Stadt und Land. Die Stadt (in Person der Oberbürgermeister Helma Orosz) möchte nach eigenen Angaben das im Besitz des Landes Sachsen befindliche Areal gerne vom Land kaufen. Das Land Sachsen jedoch will es nach Aussage der Stadt nicht verkaufen. Offiziell behauptet nun aber wieder das Land Sachsen, es läge ihm seitens der Stadt Dresden gar kein Kaufinteresse vor. Wer flunkert hier?
In einem Antwortschreiben der Frau Oberbürgermeisterin Orosz an die anfragende SPD-Landtagsabgeordnete Sabine Friedel vom November 2008 teilte Erstere mit, dass über den Ankauf des Geländes bereits seit 2007 über das Liegenschaftsamt mit dem Land Sachsen Gespräche geführt würden. Als Grund für den stockenden Fortschritt nannte die Bürgermeisterin einen entscheidenden Dissens zwischen Stadt und Land hinsichtlich der Preisvorstellungen.
Angesichts diverser Großprojekte straßen- und gewerbebaulicher Art, die seither in Dresden verwirklicht wurden, frage ich mich ernsthaft, wie es sein kann, dass bei einem dringend notwendigen Projekt zur Aufwertung des Wohnumfeldes eines der pulsierendsten Stadtteile Dresdens ein solches Gefeilsche um den Kaufpreis ausbricht. Wenn das der Grund sein soll, weshalb es in Sachen Russenbrache seit Jahren nicht vorangeht, dann rufe ich hiermit dazu auf, eine Bürgerinitiative zu gründen und notfalls den zur Debatte stehenden Differenzbetrag aus Spendenmitteln aufzubringen, damit dieses Projekt endlich umgesetzt wird.
Dass der Bedarf groß und die Ideen zur Nutzung des Areals vielfältig sind, zeigen Umfragen der Grünen unter Neustädter BürgerInnen:
In meiner Erinnerung präsentierte sich das Gelände zu DDR-Zeiten als bewehrte Bastion, umgeben von Steinmauern, teils mit Stacheldrahtaufsatz, und mit einem eisernen Tor samt Ausfahrt zur Südseite hin. Diese fremdelnde Abwehrhaltung zog uns Kinder magisch an, in großer Zahl lungerten wir oft an oder in der Nähe der Mauer herum und suchten Kontakt zu den Soldaten.
Auf dem Gelände selbst, auf welches man entweder von der Nordseite, von der Tannenstraße aus, oder bei Erklimmen der Mauern einen Blick werfen konnte, befanden sich ein ziemlich erbarmungswürdiges Ballsportfeld mit provisorischer Laufbahn ringsherum, ein schmuckloser Plattenbau – wohl Verwaltungsgebäude -, diverse lagerähnliche Anbauten sowie in der nordöstlichen Ecke, unterhalb der Tannenstraße, ein paar Stallungen mit Schweinen und Hühnern. Auf dem restlichen Gelände boten ungeordnete Haufen von Baumaterial, diverse Armeefahrzeuge und Gerätschaften ein reichlich chaotisches Bild.
Fragte man mich, wie ich die Brache nutzen wollen würde, kämen mir einige der im obigen Video bereits vorgeschlagenen Dinge ebenso in den Sinn: Ein Fußball- und ein Beachvolleyball-Feld etwa, ein Schwimmbad oder auch einfach nur eine schön gestaltete Parklandschaft mit Spielplatz und Feuerstelle.
Eines jedoch schwebt mir vor, was noch nie wirklich jemand im Zusammenhang mit der Neugestaltung des Geländes vorschlug: Ich tue mich schwer mit dem Gedanken, die Vergangenheit mit jeder Menge neuer Farbe und modernen Chics zuzudecken und zu übertünchen. Ich fände es spannend und sinnvoll, Erinnerungen, Fundstücke und Informationen über die einstige Präsenz der sowjetischen Besatzungstruppen zusammenzutragen und in einer Art Lehrpfad oder Ausstellung dem kollektiven Gedächtnis zu übergeben.
Mehr als 4 Wochen nach den Ausschreitungen um den 13. Februar hagelt es nun Bußgeldbescheide der Stadt gegen die Protagonisten der moralisch zwar überlegenen, rechtlich betrachtet jedoch illegalen Blockadeaktionen linker Gruppen in der Dresdner Neustadt. Diese hatten seinerzeit die genehmigte Demonstration der rechtsextremen Jungen Landsmannschaft Ostdeutschland erfolgreich verhindert.
Die Stadt hatte im Vorfeld bereits den Aufruf zu solcher Art Blockade als rechtswidrig deklariert – man sollte also davon ausgehen, dass die Aktivisten die möglichen Konsequenzen ihres Handelns absehen konnten. Dennoch reichen die Reaktionen sowohl seitens der Bürger als auch der Beteiligten von Empörung über Unverständnis bis hin zu einem trotzigen “mir doch egal, jetzt erst recht”.
So schreibt etwa eine Userin auf Facebook zum Thema:
Geldbuße wofür!? Bitte, Demokratie hin oder her aber braune Schei….hat in DD nun mal nix zu suchen oder !?
Viele andere stimmen in einen ganz ähnlichen Tenor ein. Doch muss man sich hier fragen, ob die Demokratie in Deutschland tatsächlich nur auf einer derart dünnen Basis steht, dass demokratische Werte wirklich so schnell zugunsten eigener Überzeugungen ad acta gelegt werden. Und genau das tut man doch, wenn man sich zwar als grundsätzlichen Anhänger demokratischer Werte positioniert – z.B. im Kampf gegen Rechts -, diesen demokratischen Grundsätzen jedoch jederzeit selbst den Rücken zu kehren bereit ist, sobald sie einer ganz subjektiven Vorstellung von Recht und Gerechtigkeit im Wege stehen.
Selbst gestandene Politiker – und hier mache ich durchaus der Linkspartei und den Grünen den stärksten Vorwurf – sind anscheinend bereit, diesen ideellen Widerspruch hinzunehmen, um eindrucksvoll Öffentlichkeit herzustellen.
Ein Grüne-Mitglied etwa konstatierte auf Facebook:
Es geht um das Recht, gegen andere zu demonstrieren, und zwar in Sicht- und Hörweite. Insofern war die Demonstrationsanmeldung am Albertplatz von J. Lichdi (mehr als eine Woche vor dem 13.2.!) konsequent – eine Verfassungsbeschwerde wurde aufgrund der sehr kurzfristigen Verbotsverfügung unmöglich gemacht.
Und das Demonstrieren kann nicht nur das Recht von einzelnen Bürgern sein [...] sondern auch das Recht von Mehreren (aber genau das hat ja die Dresdner Versammlungsbehörde zunächst verboten (halte ich für rechtswidrig).
Jetzt mal ehrlich, Herr Herrmann, Herr Lichdi, Herr Wesjohann von den Grünen: Sie als Grüne hatten zuvor aktiv das linke Bündnis unterstützt, das für eine Blockadeaktion gegen die rechte Demo aggressiv Werbung machte. Die Stimmung in der Neustadt war aufgrunddessen bereits im Vorfeld des 13.2. derart angespannt und konfliktbeladen, dass man es förmlich knistern hören konnte. Und dann meldet Herr Lichdi am 3. Februar eine Gegendemo am Albertplatz an, wo dieselbe Partei parallel auch Werbung für einen seitens der Stadt für illegal erklärten Blockade-Aufmarsch machte. Wenn Sie im Rathaus oder im Verwaltungsgericht zu entscheiden gehabt hätten, liebe Grünen-Abgeordneten, ganz ehrlich, Sie hätten im Interesse der öffentlichen Sicherheit und auch im Interesse der Gegenseite – nämlich der rechten Demonstranten, deren Demo genehmigt war – gar nicht anders entscheiden KÖNNEN, als dieser geplanten Demo eine Absage zu erteilen, ohne ihre richterliche Neutralität aufzugeben.
Es ist mir völlig unverständlich, dass man Politikern tatsächlich die Funktionsweise des demokratischen Rechtsstaates und vor diesem Hintergrund die Entscheidungsfindung öffentlicher Behörden erklären muss.
Es ist eben nicht einfach damit getan, den Zweck (in vielerlei Hinsicht sicherlich vor allem Selbstzweck politischer Organisationen) sämtliche Mittel heiligen zu lassen, nur, weil es sich um eine glücklicherweise mehrheitlich abgelehnte Gesinnungsgruppe handelte, die es selbstverständlich aufgrund ihrer Menschenfeindlichkeit zu bekämpfen gilt – aber eben NICHT um jeden Preis und mit allen Mitteln.
Daher sind die nun verschickten Bußgeldbescheide selbstverständlich völlig in Ordnung, wenn auch die Kommentare so mancher Zeitgenossen wenig Hoffnung auf Einsicht und Besserung machen:
ach von mir aus…
dann bezahl ich die “buße” im nächsten jahr im vorraus und darf dann ganz öffiziös vor den faschos blockieren…
, so ein weiterer User auf facebook.
Demokratie ist kein Lieblingspulli, den man ablegt, sobald man mal keine Lust darauf hat, und am nächsten Tag wieder trägt, weil man das gute Stück doch einfach zu lieb gewonnen hat. Sie garantiert ihren Bürgern zwar Rechte, auf die sie sich jederzeit berufen und die sie sogar einklagen können, sie erlegt ihnen aber auch gewisse Regeln und Pflichten auf, die zu akzeptieren und zu befolgen man zu allererst bereit sein sollte, möchte man im Gegenzug auch auf seine Rechte pochen.
Ironischerweise ist genau das die Argumentation, mit der die sogenannten “aufrechten Demokraten” den Rechtsextremen gerne ihren Anspruch auf Respektierung ihrer Grundrechte absprechen wollen: “Die verachten doch die Demokratie, wie können sie sich da auf ihre Grundrechte berufen”.
Sie selbst begeben sich jedoch mit Aktionen wie der am 13. Februar auf genau das Level der Rechtsextremen: Demokratische Werte sind genau so lange prioritär, wie sie den eigenen politischen Zielen bzw. Interessen nützen und ruckzuck lästig, stehen sie diesen entgegen. Das sollte zu denken geben.
Seit Wochen ist die Diskussion um die Sanierung und vor allem die Nutzung des seit 15 Jahren vor sich hinmodernden ehemaligen DVB-Hochhauses am Albertplatz neu entbrannt. Stein des Anstoßes sind Pläne der Architektin Regine Töberich, das Hochhaus-Areal mit einem Mischkonzept aus Wohn-, Geschäftshaus sowie Gastronomie neu zu gestalten.
In einer lebhaften Diskussion zum Thema im Neustadt-Ticker wurden denn auch schnell Zweifel am Töberich’schen Konzept laut:
Zu behaupten, dass ein Riesen-Einkaufszentrum nicht in Konkurrenz zu der kleinteiligen Händlerstruktur in der Neustadt stehen würde, ist ja schon ein wenig frech – und dieser Argumentation zu glauben, mehr als naiv. Die Rechnung ist ganz einfach: Kein großer Einkaufspark in der Neustadt = viele kaufen öfter in kleineren Läden. Großer Einkaufspark mit billigeren Lebensmitteln und größerem Sortiment = viele kaufen dort, die kleinen Läden haben das Nachsehen. Dass alle Leute bisher für ihren Wocheneinkauf immer in den Elbepark oder die Altstadt fahren, ist ja tendenziell Käse.
schrieb ein Diskutant mit dem Pseudonym “Information”.
In der Tat verweist Regine Töberich in ihren Plänen darauf, dass bei der Gestaltung der Händlerstruktur des neuen Einkaufstempels besonderes Augenmerk darauf gelegt werden soll, die kleinteilige, gewachsene Einzelhändlerstruktur der Neustadt nicht zu bedrohen. Und so sind denn laut Hochhaus-Blog auch primär die “üblichen Verdächtigen” vorgesehen: Ein Supermarkt, ein Drogeriemarkt, ein Fleischer, ein Bäcker und einige andere.
Ohne nun ein ausgesprochener Freund des Einkaufstempel-Konzeptes zu sein, nahm ich den oben genannten Einwand als Anlass zum Widerspruch, denn ich bin nicht der Ansicht, dass die vielen kleinen Schmuck-, Kleidungs-, Schuh- und Lebensmittelgeschäfte in der Neustadt nun durch einen weiteren Supermarkt, einen weiteren Bäcker und einen weiteren Fleischer zugrunde gehen werden. Gerade an Drogeriemärkten und Fleischern gibt es – wie ich finde – in der Neustadt einen ziemlichen Mangel. Ganze 6 Fleischereien sowie 2 Drogerien gibt es zwischen Loschwitz und Königsbrücker.
Zudem glaube ich nicht, dass Leute, die bislang zufrieden beim zwar etwas teuren, aber qualitativ hochwertigen Neustädter Einzelhandel kauften, statt etwa an den Fleischtheken in den Supermärkten, dies nun auf einmal nicht mehr tun, weil es einen weiteren Supermarkt gibt. Das widerspräche der Logik des Konsumverhaltens. Ebenso haben Leute, die sich den teuren Einzelhandel einfach nicht oder nur ganz selten leisten können, bislang wohl kaum nennenswert zum Kundenstamm der Einzelhändler gehört – können demzufolge von diesen auch nicht an ein Einkaufszentrum verloren werden:
Ich kann nur von mir selbst ausgehen. Ich studiere noch und habe nicht gerade viel Geld zum Leben. Ich schaue also schon, dass ich so gut es geht sparen kann. Und bei manchen Dingen – z.b. Tierfutter, Einrichtungsbedarf oder Kleidung – ist es mir einfach nicht möglich, im speziellen, aber teuren Neustädter Einzelhandel zu kaufen, zumindest ist das nicht die Regel.
Für solche Zwecke fahre ich momentan bis raus zum Elbepark einkaufen, lasse mein Geld also auch ohne Einkaufszentrum am Albertplatz nicht oder nur sehr begrenzt im Neustädter Einzelhandel.Nicht jeder kann sich den teuren Einzelhandel leisten, wer sich das aber leisten kann, der wird wohl kaum Individualität und Qualität gegen Billigware aus dem Kaufhaus eintauschen, nur weil da plötzlich ein neuer Einkaufstempel steht.
Bis hier hin handelte es sich um einen kontrovers geführten, aber dennoch regen und sachlichen Austausch von Argumenten und Standpunkten. Wie gesagt, ich persönlich fände eine ausgeprägte soziale Nutzung in Form einer Bibliothek, einer Kita, Gastronomie oder etwa einem Theater weitaus schöner, als einen weiteren Einkaufstempel, mein Einwand sollte also keine Parteinahme für den Töberich’schen Entwurf, sondern nur punktuelle Kritik darstellen.
Doch leider gibt es bei kontrovers geführten Diskussionen um verschiedene Nutzungskonzepte anscheinend auch immer jene, die über eine militant und unsachlich geführte Argumentationsweise nicht hinauskommen. So war der pure Verweis auf die Existenz von Menschen in diesem Viertel, die sich den teuren Einzelhandel nicht leisten können, Anlass für den Poster “Rudi”, mit an sozialdarwinistische Tendenzen der aktuellen Stunde grenzenden Einlässen zu glänzen:
Ist schon traurig, wie ignorant du hier gegenüber deinen Nachbarn argumentierst. Warum ziehst du nicht nach Mickten, wenn du so gern in den Elbepark gehst? Wärst du mal in einen kleinen Laden um die Ecke gegangen, hättest du übrigens gesehen, dass gerade die Leute mit dem kleinen Geldbeutel auf Geschäfte in unmittelbarer Nähe angewiesen sind, die brauchen keinen Elbe-oder Albertpark. [...] Es sollte eher um das generelle Einkaufskonzept in diesem Viertel gehen und da bin ich schon erschrocken, wenn Bewohner so ignorant mit dem Geschäft nebenan umgehen, nur weil sie denken, dass sie in irgendeiner Shoppingmall richtig sparen.
1. Gehe ich noch häufig genug in die “kleinen Läden um die Ecke” – etwa zum Wochenmarkt oder in die lokalen Gründzeug-Läden, oder einfach, weil ich es schön finde, mir all die tollen Sachen anzuschauen, auch, wenn ich sie nicht kaufen kann, mir zudem dort Ideen und Inspiration hole -, um zu wissen, dass gerade in den Schmuck-, Interieurs- und Kleinkunstläden vor allem Liebhaber des Besonderen mit entsprechendem Geldbeutel und Menschen mit offensichtlich nicht-Dresdner Wurzeln einkaufen, die sich am Rande der Neustadt niedergelassen haben.
2. Dürften ein Supermarkt, ein Fleischer und eine Drogerie (die ja für das Einkaufszentrum geplant sind) kaum in irgendeiner Weise Konkurrenz für oben genannte Art von Einzelhandel darstellen.
3. Hätte gewiss kein derartiger Protest stattgefunden, würden der Supermarkt, der Fleischer oder der Bäcker, statt in einem möglichen Albert-Park, an der Brache Bautzner-Prießnitzstraße, Ecke Lousie/Pulsnitzer oder in einem neu gebauten Pavillon auf dem Alaunplatz aufgemachen. Der Konkurrenzfaktor für den lokalen Einzelhandel wäre dann zwar noch derselbe gewesen, nur hätte in diesem Fall das Buzzword “Einkaufszentrum” niemanden zum erregten Protest anstacheln können.
4. Finde ich es schlichtweg inakzeptabel, dass jemand derart anmaßend Gericht über Leute hält, die sich – unabhängig von ihren Wünschen und Ansichten – den regelmäßigen Einkauf in solchen privaten Lädchen einfach nicht leisten KÖNNEN und daher auf preiswerte Discount-Nahversorger und preiswerten Großhandel schlicht und ergreifend angewiesen sind. Eine derartige Arroganz erinnert mich an den sozialdarwinistischen Duktus eines Guido Westerwelle, der anscheinend auf fruchtbareren Boden im Volke fällt, als diesem Land lieb sein kann.
Man kann hinsichtlich des besseren Nutzungskonzepts für das Hochhaus-Areal verschiedener Ansicht sein, man kann hinsichtlich persönlicher Prioritäten verschiedener Ansicht sein – gebe ich nun lieber mehr Geld für die Miete in der Neustadt aus und muss dann als Student eventuell verstärkt auf Discounter oder Großhandel zurückgreifen, oder ziehe ich nach Leuben und kann dann dafür den Leubener/Prohliser Einzelhandel regelmäßiger nutzen. Was aber gar nicht geht, ist sich zum Richter über Andersdenkde oder Unterprivilegierte aufzuschwingen, indem man anderen seine eigenen Ansichten und das eigene Lebensmodell überstülpt, ohne Rücksicht auf deren persönliche Möglichkeiten und finanzielle Situation zu nehmen.
Das ist ein negativer Individualismus, der zunehmend das soziale Gefüge und den verbindenden Kitt zwischen den so verschiedenen Menschengruppen hier in der Neustadt gefährdet, indem man den Stadtteil möglichst nur für Gleichgesinnte (und -gestellte?) reservieren möchte – bei Stefanolix auch “Stadtteil-Protektionismus” genannt.
Anlass für diesen kleinen Beitrag war ein Erlebnis der weniger schönen Art heute Nachmittag beim Grünzeug-Shoppen. Zunächst steuerte ich – wie üblich – den Wochenmarkt auf dem Alaunplatz an, machte aber genervt wieder kehrt, als ich sah, dass der gesamte Marktplatz aufgrund des massiven Tauwetters einer Seenlandschaft glich und mein Stamm-Händler nicht da war. Wo also hin?
Ich stattete dem Asia-Gemüse-Blumen-Laden gleich gegenüber an der Haltestelle Alaunplatz, neben der Bäckerei Rissmann, einen Besuch ab. Die Tür stand offen, aber drinnen war es dunkel und muffig. Der vietnamesische Verkäufer schaute mich an, als wäre ich ein unerwarteter Gast, auf mein freundliches “Hallo” bekam ich keine Antwort. “Ok”, dachte ich, “schaust du dir das Grünzeug trotzdem mal an”, schießlich brauchte ich dringend Tomaten. Was hatten wir denn da: Verschrumpelte Paprika, ebensolche Cocktail-Tomaten, welke Kräuter, wabbelige Möhren. “Nee”, dachte ich angeekelt und wollte mich gerade dem Obst zuwenden, als mich der Verkäufer plötzlich in gebrochenem Deutsch unfreundlich von der Seite anfuhr:
“Sie jetzt gehen, ich zuschließen, weil Kind abholen”.
Es war wohlgemerkt nachmittags 15:30 Uhr, und laut Öffnungszeiten sollte der Laden bis abends geöffnet sein. Ich war einigermaßen baff, verließ mit einem zugegeben etwas zynischen “Ok, ok, ich geh ja schon” den Laden und machte mich auf den Weg zum nächsten Grünzeughändler.
Noch nie ist es mir passiert, dass ich derart unhöflich aus einem Geschäft hinauskomplimentiert worden bin. Auf zufriedene Kundschaft, die auch wiederkommt, scheint dieser Laden keinen Wert zu legen – kein Wunder, dass Obst und Gemüse dort im Regal vergammeln, statt gekauft und verzehrt zu werden. Von mir eine glatte 6 – nicht zu empfehlen.
Nächste Station war dann Schlüters Fruit-Shop und Käse-Eck auf der Rothenburger Straße 44. Ein Unterschied wie Tag und Nacht: Zwar lagen auch hier die Preise für Tomaten utopisch hoch, aber zaubern können eben auch Schlüters nicht, denn momentan ist einfach mal keine Saison beim Paradiesapfel. Bei Schlüters fühlt man sich immer willkommen und wird freundlich bedient, egal, wie lange man überlegt. Man wird gut beraten, und ein kleines Pläuschchen übers Wetter, Saison-Gemüse und die Preise ist immer drin. Nachdem ich schon zu zweifeln begonnen hatte, überhaupt noch zu meinen Tomaten zu kommen, verließ ich Schlüters zufrieden und mit dem Reinfall beim Asia-Markt versöhnt. Schlüters verkörpern ein in der Neustadt fast einmaliges Mischkonzept aus Alimentari- und Feinkostladen mit erlesenen Käse- und Wurstprodukten aus aller Welt. Mutter und Sohn Schlüter sind dabei immer freundlich, mit ihrer Stammkundschaft verbindet sie eine familiäre Atmosphäre, kompetent wird über Herkunft und Herstellung der Produkte Auskunft gegeben. Einziger kleiner Kritikpunkt: Der Laden ist doch arg klein und die Produkte manchmal etwas unübersichtlich angeordnet. Von mir gibts hier die Note 1-.
Nun soll hier nicht der Eindruck entstehen, ich würde keine Asia-Gemüsehändler mögen. Im Gegenteil, bin ich beim Händler auf der Alaunstraße neben dem Konsum (nicht der schräg gegenüber) Stammgast. Die Behandlung ist auch hier zwar immer sehr unterkühlt, aber höflich, und Gemüse und Obst sind hier immer von einer geradezu erstaunlichen Frische, der Laden blitzt vor Sauberkeit. Auch die Vielfalt des Angebotes von Obst und Gemüse bis hin zu Eiern, exotisch-asiatischen Lebensmitteln und Getränken ist wahrhaft phänomenal. Zudem darf auch mal probiert werden (z.B. bei Wein oder Beeren). Abzug gibts für die oft sehr gelangweilt und abweisend wirkende Kassiererin sowie die doch im Vergleich recht hohen Preise. Note 2-.
Auch nicht von schlechten Eltern ist der Asia-Gemüsemarkt auf der Bautzner Straße gleich neben dem Bäcker Ecke Alaunstraße (Note 3+) bzw. jener neben der Apotheke Bautzner-/Ecke Löwenstraße (Note 2-). Beide haben ein vielfältiges Angebot, das meistens auch frisch ist. In letzterem Laden ist zudem die Bedienung sehr freundlich.
Weniger zu empfehlen ist hingegen der Asia-Gemüsemarkt schräg gegenüber dem Konsum auf der Alaunstraße (der mit den grellen Scheinwerfern abends). Das Angebot ist zwar auch hier meistens sehr vielfältig und auch frisch, aber wenn man probieren möchte, wird man unfreundlich angeblafft, und mit Ausreden ala “die Beeren sind abgezählt” wird sich die Kostprobe energisch verbeten. Auch sonst fühlt man sich nicht wirklich erwünscht in diesem Laden, der Umgangston ist meist sehr unterkühlt und abweisend. Daher Note 4 und lieber bei der Konkurrenz vorbeischauen.
Weitere Gemüse-Händler in der Kurzeinschätzung:
Asia-Markt Lousienstraße Höhe Martin-Luther-Straße: sehr freundliche Bedienung, Obst und Gemüse vom Frischegrad gut, Lebensmittelabteilung mit utopischen Preisen – Note 3+.
Asia-Markt Louisenstraße/Ecke Alaunstraße: Lethargisches Personal, Obst und Gemüse vom Frischegrad meistens befriedigend bis ausreichend, Ambiente eher ungepflegt – Note 4-.
Asia-Markt Alaunstraße (kurz vor der Einmündung Bautzner Straße, linke Straßenseite): Personal befriedigend, Zustand der Waren (Grünzeug) meistens ungenügend, Ambiente eher ungepflegt und unhygienisch – Note 5.
Trotz fiebriger Erkältung habe ich mich für geschätzte 2 Stunden nach draußen begeben, um das Antlitz meiner Stadt an diesem geschichtsträchtigen Tag einzufangen.
… und da könnt ihr uns getrost glauben, das, was wir hier sagen, ist alles überprüft und somit wahr! Also glaubt nicht, wenn ihr was anderes hört, ok?
So begrüßte mich sinngemäß ein Sprecher auf der kleinen Bühne bei der Gegendemonstration des Aktionsbündnisses “Dresden Nazifrei” am Albertplatz gegen 12:30 Uhr. Das, zusammen mit den zahlreich anwesenden schwarz gekleideten, sonnenbebrillten Kapuzinierten sowie ebenso zahlreich geschwenkten MLPD-Fahnen der Stalinisten, verursachte mir doch ein etwas mulmiges Gefühl.
Die Neustadt ist abgeriegelt.
Die bis zu 5 gleichzeitig über dem Albertplatz im Tiefflug kreisenden Polizeihubschrauber ließen beinahe täuschend echte “Bomben-Stimmung” aufkommen.
Stilles Gedenken an den geschlossenen Pforten der Dreikönigskirche.
Das Flower Power Dresden war dereinst in meinen jungen, wilden Jahren ein wahres Mekka für all jene, denen Vielseitigkeit, Toleranz, Multikulturalität sowie ein alternatives und familiäres Ambiente, umrahmt von fliegenden Kühen und lächerlich großen Papp-Blumen, am Herzen lag.
So habe ich das Flower in Erinnerung: offenherzig und kitschig, klein und gemütlich, exhaltiert und provokant, musikalisch die ganze Bandbreite alternativer Musik sowohl der 50er, 60er, 70er als auch der 80er und 90er Jahre anbietend.
Die DJs hatten noch keine Vorgaben hinsichtlich der aufzulegenden Musik seitens des Eigentümers und spielten alles, was ihnen so gefiel. Als Stammgast mit Draht zum DJ durfte man schon mal eigene Scheiben mitbringen, von denen dann mal auf Wunsch ein Song gespielt wurde. Die legendären Zettelblöcke für die Song-Wunschlisten lagen immer über das ganze DJ-Pult verstreut.
Mit Schlaghosen und Filzjacke war man ebenso akzeptiert wie in Lack und Leder, auf dem Ledersofa neben der hinteren Bar tanzte immer der Opa im Stringtanga, und auf der durchgesessenen Couch an der Tanzfläche liebten sich Pärchen ganz ungeniert in aller Öffentlichkeit – ohne, dass das irgendwen irgendwie sonderlich gekümmert hätte.
Das war 1999, wohl auch noch 2000 und 2001 – bis der Eigentümer wechselte, umbaute und im ehemaligen “Diebels” das “Nubeatzz” unterbrachte, das von nun an direkt mit dem Flower Power verbunden war. Im Nubeatzz wurde nun verstärkt Wert auf Mainstream und Chartsmusic gesetzt, was zunehmend die Fun-Lollipop- und DaFa-Klientel anlockte – junge, overdressedte, viel zu stark gebräunte junge Menschen in zunehmend glitzernder und viel zu knapper Kleidung stürmten nun auch das Flower, tranken viel zu viel und machten ständig Ärger. Schlägereien auf der Tanzfläche nahmen zu, und als Goth- oder Metal-Freak musste man sich von aufgetakelten Schicksen im Glitzer-Mini sagen lassen, wie scheiße man rumlief.
Als eine der Letzten “von früher” hielt ich noch ein paar Jährchen tapfer durch und besuchte meine Stammkneipe hin und wieder, bis ich – es muss so gegen 2004 gewesen sein – ihr entgültig und schweren Herzens den Rücken kehrte, als meine Freundin beim Tanzen von einer volltrunkenen Magda einen 1 cm langen künstlichen Fingernagel mit Wucht in die Nase geschoben bekam und auch noch gewürgt wurde, als sie sich darüber mit blutender Nase beschweren wollte.
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Uptdate: Wie von der Homepage des Flower Power zu erfahren ist, hat das Flower Power Dresden seit gestern komplett geschlossen! Von einem Umzug in eine andere Location, der gerüchteweise die Runde machte, war zunächst nichts zu erfahren, vielmehr deutet die Wortwahl (“goodbye Dresden”) eher auf einen dauerhaften Rückzug aus Dresden hin.
Sollte dem so sein, ginge eine fast 12-jährige Ära zu Ende – auf ziemlich unrühmliche Weise. Es bleibt abzuwarten, ob es irgendwann ein neues “Flower” in Dresden geben wird.
So schnell kann jedenfalls aus einer Kritik, die der obige Artikel eigentlich sein sollte, ein Nachruf werden.
Endlich mal wieder ein richtig winterlicher Winter, der seinen Namen auch verdient. Ich bin ja sonst nicht gerade ein Fan der dunklen Jahreszeit – es sei denn, es gibt möglichst viel Schnee, das macht die frühe Dunkelheit und auch so manchen grauen Tag um so viel erträglicher. Der Spaziergang durch den tiefverschneiten Rosengarten bei klirrender Kälte und starkem Schneetreiben war daher ein absoluter Genuss.
Auch Statuen frieren bei solch einem Wetter schon mal. Besorgte Spaziergänger haben daher vorsorglich eine Mütze spendiert, damit sich die Gute nicht erkältet.
Weiß wie Schnee, rot wie Blut, schwarz wie Ebenholz… Rote Beeren machen sich im Schnee immer hervorragend. Geknipst an einem Grundstück im Preußischen Viertel, dem man bei Wetter wie dem aktuellen unbedingt mal einen Besuch abstatten sollte.
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