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Stalins vergessene Helden

Am 23.8. erschien in den Dresdner Neuesten Nachrichten in der Rubrik “Heimatgeschichte”, S. 16, der von mir verfasste Artikel “Stalins vergessene Helden”.
Da es mir ein Bedürfnis ist, möglichst viele Menschen für eine aus mehrfacher Perspektive finstere Periode Dresdner Geschichte zu sensibilisieren, habe ich mich entschlossen, den Wortlaut auch hier in meinem Blog nochmals niederzuschreiben und ggf. zur Diskussion zu stellen, was ja so in der Zeitung nicht möglich war.

Stalins vergessene Helden

von Jane Jannke

Im Westflügel des Dresdner Garnison-Friedhofes an der Marienallee reihen sich in bedrückender Gleichförmigkeit 140 Betonstelen aneinander. Lebensdaten und Dienstgrade verraten: Hier ruhen fast ausschließlich junge Rekruten; 21 Jahre wurden sie im Schnitt alt. Sie starben Mitte bis Ende der 50er-Jahre – zu Friedenszeiten. Ein ähnliches Bild bietet sich dem Besucher im Nordflügel. Verwilderte Pfade führen scheinbar in den Wald – doch da leuchten zwischen wuchernden Büschen frische Gerbera neben einer Grabtafel.Erst auf den zweiten Blick realisiert man: Hunderte Grabplatten liegen dicht an dicht im Boden: Gräber einfacher Soldaten, die jüngsten erst 16, 17 Jahre alt.
Diese scheinbare Verschwendung jungen Lebens macht nachdenklich: Waren diese jungen Männer nicht Stalins und Chruschtschows strahlende Helden? Stattdessen endeten etwa 600 von ihnen allein in den 50er- und 60er-Jahren auf dem Dresdner Garnisonfriedhof. In der letzten Reihe des Westflügels blinkt zwischen Beton das Bildnis des Rekruten Koschelnik († 20, 1958) – ein blonder Jüngling mit müdem Blick. Es durchbricht die steinerne Anonymität, will die Geschichte eines kurzen Lebens erzählen.

“Freunde” blieben Fremde

In der realsozialistischen Rhetorik traten die sowjetischen Besatzer als Befreier und Freunde auf; die SU als Hort des Fortschritts und der Menschlichkeit. Tatsächlich lebten Sowjetsoldaten und Deutsche in Dresden in unmittelbarer Nachbarschaft, doch Kontakte blieben selten und unterlagen dem Diktat der sowjetischen Militärkommandantur. Aber es gab sie natürlich, die Begegnungen zwischen “Ivans” und “Nemziy”. Dieter Liebschner, 1938 in Dresden geboren, erzählt von Angst und Hass, aber auch von Dankbarkeit, welche die Menschen in der von russischer Vergeltung und Hunger geprägten Nachkriegszeit gegenüber den Sowjets empfanden:
“Kaum jemand hier hat die Russen als Befreier angesehen, die kamen als Sieger. Doch zu uns Kindern waren sie gut, verteilten Essen.”

Das offizielle Bild: Stabsunteroffizier der Sowjetarmee mit deutschem Kind.

Das offizielle Bild: Stabsunteroffizier der Sowjetarmee mit deutschem Kind.


Später erhielt Dieter Liebschner als Kfz-Techniker Zutritt zu den Kasernenanlagen – Einblicke in eine andere Welt:
“Alles dort war sehr ärmlich, aber in den Schlafsälen für bis zu 50 Personen herrschte penible Ordnung”, erinnert sich der 72-jährige Hobby-Historiker. “Vieles war für uns Deutsche gewöhnungsbedürftig: das Essen, die Sitten. Viele Soldaten konnten nicht einmal Russisch, weil sie aus Fernost kamen. Der Umgang mit Munition und Waffen war oft fahrlässig, es gab viele Unfälle.”

Sowjetsoldaten bei Manöver in Königsbrück. 70er-Jahre.

Sowjetsoldaten bei Manöver in Königsbrück. 70er-Jahre.


Vice Versa blieb die Teilnahme am deutschen Leben den sowjetischen Offizieren vorbehalten. Den einfachen Soldaten war das Verlassen der Kaserne hingegen nur im dienstlichen Auftrag gestattet, der Militäralltag glich für sie oft einem Gefängnisaufenthalt. Zeitzeugen berichten von einseitiger Ernährung, die für die Mannschaftsdienstgrade oft spärlich ausfiel; von jungen Rekruten, die für schwerste Arbeiten in volkseigenen Betrieben förmlich verheizt wurden; von gefassten Deserteuren, mit denen eiskalt “kurzer Prozess” gemacht wurde. Behörden wie Bürger schauten wechselweise zu oder weg.

Seltenes Ereignis kurz vor der Entlassung aus dem Wehrdienst: Zoobesuch in Dresden.

Seltenes Ereignis: Zoobesuch in Dresden. Foto: Besitz A. Trizna.


Wie wenig ein Mensch im sowjetischen Militär zählte, veranschaulicht vor allem die “Dedowschtschina” (“Herrschaft der Älteren”): ein von Willkür und Gewalt geprägtes Kastensystem, das kaum mit dem vergleichbar ist, was in westlichen Streitkräften an Initationsriten und Hierarchien bekannt ist. Neu verpflichtete Wehrdienstleistende (“Grünschnäbel”) wurden den Längerdienenden gnadenlos unterworfen. Sklaverei, sadistische Prügelrituale, sexuelle Gewalt waren auch in den in der DDR stationierten Truppen an der Tagesordnung. Für jedes noch so kleine Vergehen blühten den Soldaten drakonische Strafen, von Einzelhaft unter mittelalterlichen Bedingungen über Essens- und Schlafentzug bis hin zu physischer Gewalt.
Während des Zweiten Weltkrieges fast verschwunden, flammte die menschenverachtende Tradition nach Erkenntnissen der Historikerin Silke Satjukow spätestens ab den 50er-Jahren wieder auf. Viele Soldaten hielten dem nicht stand und brachten sich um. Die Schicksale der jungen Verzweifelten blieben der breiten Öffentlichkeit verborgen.

Dokumentiertes Grauen

Erst mit dem Umbruch 1989/90 wurden die Zustände offenbar – mit den ersten Deserteuren, denen die Flucht in die BRD gelang. So berichtete ein aus einer Einheit nahe Zeitz desertierter Rekrut 1990 der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) in Frankfurt/M.
: “Ich wurde jeden Tag geschlagen, die Offiziere sahen zu. Ein Soldat ist völlig rechtlos, ein Untermensch und Arbeitsroboter. Man hatte ständig Hunger, und es gab grausame ethnische Konflikte unter den Soldaten. Während meines Dienstjahres in der DDR erfuhr ich von zehn Todesfällen.”
“Die Wahrscheinlichkeit, dass auch zwischen 1950 und 1970 in der DDR viele junge Soldaten internen Grausamkeiten zum Opfer fielen, ist sehr hoch”, konstatiert Wanda Wahnsiedler, bei der IGFM zuständig für Menschenrechtsverletzungen im russischen Militär. “Unter der Abschottung des Eisernen Vorhangs war es sogar noch leichter, Verbrechen zu vertuschen.”
Und so war wohl auch für die Betroffenen am schlimmsten, dass sie während des damals noch dreijährigen Wehrdienstes (heute 12 Monate) bei niemandem um Hilfe ersuchen konnten, oft selbst noch auf der Krankenstation die Mechanismen der “Dedowschtschina” wirkten.
Gegenüber dem “Spiegel” stellte der russische Publizist Dmitrij Bykow 1995 fest: “Die Armee ist ein seit 75 Jahren funktionierender Mechanismus zur Vernichtung vaterländischer Intelligenz.” Die Vorstellung, dass mitten in Dresden weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit junge Sowjetsoldaten achtlos zu Tode geschunden, begraben und vergessen wurden, mag in der etablierten Wahrnehmung der Sowjets als kommunistische Gewaltherrscher, derer man sich nur zu gern entledigte, für Irritationen sorgen. Doch sie weist auch auf die Notwendigkeit einer differenzierteren Betrachtungsweise hin – die Grausamkeit des Regimes wirkte durchaus auch gegen jene, die es verteidigen sollten.

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Mit dem jetzigen Stand meiner Kenntnisse und Recherchen, welcher oben zusammengefasst dargestellt ist, trete ich für die Anerkennung des sowjetischen Garnisonfriedhofes in Dresden nicht nur als Kriegsgräberstätte, sondern ebenso als Mahnmal gegen Willkür, Gewalt und staatlich praktizierte Menschenverachtung in diktatorischen Regimen ein.
Sowohl in der SU als auch in der DDR konnten Willkür und Grausamkeiten im sowjetischen Militär teils schauerliche Blüten treiben: Keiner hat die Hand erhoben oder zumindest deutliche Worte gefunden, als etwa ein junger Deserteur, der mit einem Kampfpanzer die Grenze zur BRD durchbrechen wollte, mittels Handgranatenwurfes durch die Einstiegsluke aus dem Verkehr gezogen wurde – ein eiskalter Mord, und zwar sowohl nach SU- als auch nach DDR-Recht, und das war nichtmals unter den dokumentierten Fällen ein Einzelfall. Wie verzweifelt muss aber ein Mensch gewesen sein, eine solch aussichtslose Flucht ins sichere Verderben zu wagen?

In einem vor 2 Wochen verfassten Artikel zum Garnisonfriedhof erwähnte ich den desaströsen Zustand des Nordflügels, in dem die über 600 Grabstätten (400 Soldaten, 200 Zivilisten) der Verwahrlosung preisgegeben sind. Vor den oben genannten Hintergründen gelten zumindest einige der dort begrabenen Soldaten zweifelsohne als
“Personen, die aufgrund rechtsstaatswidriger Maßnahmen als Opfer des kommunistischen Regimes ums Leben gekommen oder an den Folgen von aufgrund derartiger Maßnahmen erlittener Gesundheitsschädigungen innerhalb eines Jahres nach Beendigung der Maßnahme verstorben sind”, wie es im deutschen Gräbergesetz als Bedingung für dauerhaften Erhalt und Pflege von Grabstätten formuliert steht.

Der Umstand, dass es sich bei den dort Bestatteten fast ausschließlich um Rekruten/Soldaten (Pядовой), ein paar Gefreite (Eфрейтор), einige Unteroffiziere (Mладший Cержант/Cержант) und lediglich ganz vereinzelt um Feldwebel (Cтарший Cержант) bzw. Stabs-/Oberfeldwebel (Cтаршина) handelt, die zudem in der übergroßen Mehrzahl zwischen 18 und 23 Jahren (Untere Spitze 16 J., Obere Spitze 29 J.) alt waren, als sie starben, weist klar auf eine 2-Klassen-Gesellschaft zulasten der niederen Dienstgrade hin, was Lebensqualität (Versorgung, Gesundheit, Grad der körperlichen und mentalen Belastung) sowie Sterblichkeit innerhalb der Truppe betrifft.
Das Argument, das zahlenmäßige Verhältnis zwischen den Offiziersrängen und den einfachen Truppen wäre einfach entsprechend gewesen, taugt für dieses Phänomen nicht zur Erklärung.
Denn: Das sowjetische Militär war bekanntermaßen sehr “kopflastig” strukturiert, das bedeutet, dass es eine vergleichsweise hohe Dichte an Offiziersdienstgraden gab, in die junge Soldaten relativ schnell aufsteigen konnten. Dies gilt für die Jahre bis einschließlich 1967, als das Militär zum ersten Mal grundlegend reformiert und vor allem auch ausgedünnt wurde. Damals sank auch die Wehrdienstzeit von bis dahin 3 auf dann nur noch 2 Jahre. Das Problem der “Kopflastigkeit” des Militärs steigerte sich allerdings danach noch – so stand in den 70er-Jahren fast ein Viertel des gesamten Personenbestandes im Offiziersrang. Unteroffiziere etwa waren ein innerhalb der Truppen überproportional stark vertretener Dienstrang – ihr Anteil an den auf dem Garnisonfriedhof Begrabenen ist aber vergleichsweise gering.
Parallel ist auch auf dem Garnisonfriedhof eine rapide Abnahme an Soldaten-Bestattungen ab dem Jahr 1967 zu verzeichnen – obgleich mit den Unruhen des Prager Frühlings 1968, zu dessen Niederschlagung auch Divisionen der in Dresden stationierten 1. Gardepanzerarmee entsandt wurden, eine kriegerische Konfliktsituation hinzukam, die für gewöhnlich ein erhöhtes Todesrisiko für kämpfende Truppen bedeutet.

Auch Epidemien oder Seuchen können für jene Jahre zwischen 1953 und 1968 als Ursache für das hohe Soldatensterben weitgehend ausgeschlossen werden. Zum einen konnten Gespräche mit Zeitzeugen (unter anderem ein in der damaligen Medak, heute Uniklinikum, beschäftigter Angehöriger der Abteilung Militärmedizin, der rege Austauschbeziehungen zum sowjetischen Militärlazarett in der Marienallee unterhielt) dahingehend keinerlei Anhaltspunkte liefern, auch in den Archiven ist diesbezüglich nichts verzeichnet. Zum anderen hätten Seuchen und Epidemien nicht vor höheren Dienstgraden haltgemacht und ausgerechnet fast ausschließlich junge Soldaten in der Blüte ihrer Jahre befallen. Die Versorgung in den Hospitälern und Lazaretten soll zudem, gemessen am ostdeutschen Standard, eher gut gewesen sein.

Als Gründe können deshalb am ehesten angenommen werden:

1. Mangelernährung und Überlastung (immer ein Gesundheitsrisiko):
In den 50er-Jahren vor allem anfangs noch aufgrund der schlechten Versorgungslage, sowie allgemein im Rahmen von Strafmaßnahmen (Essensentzug) auch im Zuge der Dedowschtschina. Es muss dazu gesagt werden, dass die Ernährung bis zur Wende 1990 allgemein schlecht und einseitig blieb, zumindest für die einfachen Soldaten. Frisches Obst und Gemüse waren Mangelware. Zeitzeugen berichten von kranken Soldaten, die mit Fieber in dünner Kleidung im Freien schwer schuften mussten. Schwerste körperliche Arbeit ohne Lohn in DDR-Betrieben war zudem an der Tagesordnung.

Knochenarbeit.

Knochenarbeit.


2. Unfälle:

Laut Aussagen von Zeitzeugen und Historikern sowie nach Studium alter Zeitungsarchive lässt sich sagen, dass es bis in die 80er-Jahre hinein häufig zu Unfällen aufgrund fahrlässigen Umgangs mit Waffen und Fuhrpark sowie oft mangelhafter Ausbildung der Soldaten kam. Sicherheitsvorkehrungen waren oft unzureichend. Von solchen “Querschlägern” waren manchmal auch deutsche Zivilisten betroffen.

3. Kriegseinsätze

Neben dem Prager Frühling 1968, bei dem insgesamt offiziell 50 Angehörige der in der Tschechoslowakei zum Einsatz gekommenen sowjetischen Einheiten ums Leben gekommen sind, darunter eventuell auch einige aus den 4 entsandten Dresdner Divisionen, sind mir keinerlei weitere Kriegseinsätze bekannt, bei denen Dresdner Soldaten zum Einsatz gekommen wären. Beim Aufstand in Ungarn 1956 wurden soweit mir bekannt, keine Dresdner Einheiten zur Niederschlagung eingesetzt, bei dem in Berlin 1953 ebenfalls nicht.

4. Verbrechen und Selbstmord

Dieses Kapitel ist am schwersten nachzuvollziehen, da schlicht und ergreifend von den russischen Behörden gehütet wie die Augäpfel. Dennoch gibt es Berichte von Desertierten und früheren Opfern, die bezeugen, dass Gewalt im Rahmen der “Herrschaft der Älteren” an der Tagesordnung war, sowohl zwischen Offizieren und einfachen Soldaten als auch unter den Wehrflichtigen selbst. Neulinge wurden gnadenlos unterworfen und mussten für die Längerdienenden die niedersten Arbeiten erledigen. Weigerten sie sich oder bestanden auf Diensterfüllung gemäß Regularium, waren sie quasi vogelfrei und den grausamen Racheakten der Älteren über die gesamte Zeit ihres 3- bzw. ab 1967 2-jährigen Wehrdienstes ausgeliefert. In den Jahren seines Dienstes am Vaterland wurden Persönlichkeit und Emotion des Soldaten systematisch gebrochen, “um Disziplin und unbedingten Gehorsam in der Truppe zu erreichen.” Wer das einmal durchgemacht und überstanden hatte, “rächte” sich meist zum Ende seines Dienstes als “Älterer” dafür, indem er Frust und aufgestaute Wut an den Jüngsten ausließ. Es kam zu schweren, regelmäßigen Gewaltakten und sexuellen Übergriffen. Wer sich hingegen weigerte, der Tradition zu folgen und als Längerdienender die Jüngeren zu unterwerfen, blieb häufig bis zum Ende seiner Dienstzeit ein “Niederer” und damit Opfer von Schikanen und Demütigung. Später kamen noch ethnische Konflikte unter den Soldaten hinzu.
Es gibt Zeitzeugenberichte über junge Soldaten, die von ihrem Zugführer mitten im Winter an Kreuzungen abgesetzt wurden, um diese zu “bewachen” – ohne Proviant, in eisiger Kälte, die reine Willkür. Nach einer Woche wurden sie halberfroren wieder eingesammelt, hätten Anwohner den armen Kerlen nicht zwischenzeitlich Essen und Trinken gebracht, hätte man wohl Tote abgeholt – und das mitten in der DDR. Nach Kolwalczuk/Wolle kamen allein in der in der DDR stationierten Westgruppe der Sowjetarmee jährlich zwischen 3000 und 4000 Soldaten ums Leben – zu Friedenszeiten. Bis zu 500 davon werden schätzungsweise auf Selbstmorde zurückgeführt. Desertionsversuche endeten für die Betroffenen entweder mit Tötung an Ort und Stelle oder mit einer Verlegung in eines der berüchtigten Strafbataillone in Sibirien oder im Fernen Osten, wo oft noch menschenunwürdigere Zustände herrschten.

Die Dedowschtschina ist heute im russischen Militär noch immer an der Tagesordnung. Gerade ethnische Konflikte treten extrem zutage. Unter Aufsicht der Offiziere, die allzu oft froh sind, dass die älteren Wehrdienstler ihnen das “Ordnungschaffen” in den Truppen abnehmen, werden sadistische Rituale ohne Rücksicht auf Verluste ausgelebt – jährlich sterben heute im russichen Militär nach offiziellen Zahlen (!) Hunderte junger Soldaten allein an den Folgen der Dedowschtschina, sie bringen sich um, werden ermordet oder sterben an Verletzungen, Tausende desertieren, Abertausende bleiben psychisch oder körperlich geschädigt. Dass diese Zahlen überhaupt publik werden und die Täter immer öfter auch ermittelt und bestraft werden in einem Land, in dem das Militär quasi einen Staat im Staate bildet, ist dem unermüdlichen öffentlichen Engagement von Menschenrechtlern wie etwa der Organisation der russischen Soldatenmütter zu danken.

Verzweifelt. Auch heute noch. Quelle: Erlangen-Wladimir.blogspot

Verzweifelt. Auch heute noch.

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Marwa El-Sherbini, Rassismus und die Betonstelen des Vereins Bürger Courage e. V. sorgen für so manche wunderliche Wortmeldung

Skulptur "18 Stiche" vor dem Dresdner Landgericht. Quelle: Bürger courage e. V.


Knapp ein Jahr ist es her, dass die Ägypterin Marwa El-Sherbini im Dresdner Landgericht von Alex W., einem 28-Jährigen mit russischem Migrationshintergrund, mit 16 Messerstichen getötet wurde.
Der Dresdner Verein Bürger Courage e. V. hatte anlässlich des ersten Todestages der damals schwangeren Mutter eines 3-jährigen Sohnes eine Aktion ins Leben gerufen, um – so die Protagonisten – ein Zeichen gegen Alltagsrassismus und Fremdenfeindlichkeit zu setzen: 18 Stelen in Form eines versenkten Messers aus weißem Beton, versehen mit einer kleinen Gedenktafel, wurden nach und nach an verschiedenen Plätzen in Dresden errichtet. Darüber wurde viel geredet – nicht immer wurde vorher nachgedacht, so mein Eindruck.

So steht etwa in der aktuellen Wochenendausgabe der Sächsischen Zeitung ein Artikel von Johanna Lemke zum Thema zu lesen (leider mit Passwort geschützt, aber auch in der Zeitungsausgabe im Kulturteil unter “Das Nacht-und-Nebel-Prinzip” zu lesen), in dem die Autorin den Initiatoren der Gedenkaktion sinngemäß vorwirft, Dresden ungerechtfertigt pauschal zu einer Stadt zu erklären, in der Alltagsrassismus und Fremdenfeindlichkeit an der Tagesordnung wären. Und überhaupt, könne man den Schluss, in Dresden herrsche Alltagsrassismus, aus dem Fall so gar nicht ziehen, weil der Täter ja schließlich ein Russlanddeutscher sei:

In der Tat ist es fraglich, ob der Fall Marwa El-Sherbini der geeignete Anlass ist, um einen tief sitzenden Rassismus in Dresden anzuprangern – kam der Mörder doch erst 2003 als junger Mann aus Russland nach Dresden.

Spätestens hier fragte ich mich, wie solch ein Artikel durch die Schlussredaktion kommen konnte. Eine persönliche Meinung der Autorin ist eine Sache. Eine völlig unreflektierte, einer grundsätzlichen Antihaltung entspringende, zudem pauschal verunglimpfende Behauptung hingegen etwas völlig anderes.

Alex W. kam 2003 als Spätaussiedler nach Dresden. Das heißt, er hat deutsche Wurzeln und siedelte wie viele andere aus der russischen Heimat zurück nach Deutschland über – möglicherweise auch, weil Deutsche in vielen Teilen Russlands nach wie vor als Fremdkörper und “Nazis” schikaniert werden. Zur Folge haben diese Ausgrenzungen – wen wundert’s – oft eine Rückbesinnung auf alte Wurzeln, in Alex W.s Fall wohl auf einen archaischen, deutschtümeligen Nationalismus, ähnlich wie der wachsende Rassismus gegenüber Muslimen in Deutschland oft zu einer Rückbesinnung auf besonders archaische Auslegungen von Religiosität bei selbigen führen.
Seit sechs Jahren lebte W. in Dresden, das bedeutet: W. war selbstverständlich Dresdner. Zur Information: Als Dresdner gilt offiziell, wer seinen Hauptwohnsitz hier länger als drei Monate hat. Und zwar verbunden mit allen damit einhergehenden Rechten und Pflichten: Er muss sich beim Einwohnermeldeamt registrieren lassen und darf bei kommunalen Entscheiden mitwirken (Stadtratswahl, Bürgermeisterwahl, Bürgerentscheide). Nach Ansicht von Frau Lemke braucht es offensichtlich einen Abstammungsnachweis, um auch in ihrer Wahrnehmung zu Recht das Prädikat “Dresdner” führen zu dürfen, um das mal ironisch zu überspitzen.

Die Autorin Lemke postuliert nun in ihrem Artikel unterschwellig nichts anderes, als dass W.s rassistische Gesinnungen eine “russische Sache” seien und keine deutsche, die große Masse der Dresdner frei von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit sei und deshalb von W.s Geisteshaltung nicht auf ein Rassismusproblem in Dresden geschlossen werden könne. Sie geht sogar so weit, russischen Migranten völlig unreflektiert eine allgemeine Islamfeindlichkeit zu attestieren:

Anstatt die Islamfeindlichkeit unter russischen Migranten zu problematisieren, haben die Künstler den einfachen Weg gewählt: Marwa El-Sherbini als Symbol für den sogenannten Alltagsrassismus in unserer Gesellschaft.

Dass die Islamfeindlichkeit, die unter russischen Migranten sicherlich auch diversen Zuspruch finden wird, in Deutschland durchaus in vielen Köpfen auf fruchtbaren Boden fällt und eben kein russisches Phänomen ist, scheint die Autorin anders zu sehen. Für sie, so möchte man dem Artikel entnehmen, wurde die Islamfeindlichkeit eines Alex W. aus Russland nach Dresden eingeschleppt und bedarf daher keiner expliziten öffentlichen Anklage in einem Dresdner Zusammenhang.
Im Prinzip meint Johanna Lemke, in der Stelen-Aktion, die sich laut Bürger Courage e. V. sehr allgemein gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit richtet, eine ungerechtfertigte und unfaire Kritik an den Dresdnern zu erkennen, die ihrer Ansicht nach vielmehr den russischen Migranten hätte gelten sollen. Dabei fehlen mir jedoch gleich in zweierlei Hinsicht die vielbeschworene journalistische Redlichkeit sowie ein reflektierter Umgang mit dem behandelten Thema: Zum einen scheint Frau Lemke nicht mit der nötigen Akuratesse recherchiert zu haben, oder doch zumindest sehr selektiv. Machte sie sich auf der einen Seite die Mühe, zu recherchieren, dass die von den Aktivisten genannte Zahl von 18 Messerstichen gar nicht stimmte, sondern laut Obduktionsbericht nur 16 bestätigt wurden, ließ sie selbiges Engagement hinsichtlich dessen, was Bürger Courage e. V. eigentlich mit seiner Aktion tatsächlich “anprangerte”, wie Frau Lemke es nennt, hingegen sträflich vermissen, wenn sie davon spricht, die Aktivisten wöllten mit dem Stelen-Projekt einen “tiefsitzenden Rassismus in Dresden anprangern”. Woher nimmt die Autorin diese (Falsch-)Information? Bei Bürger Courage e. V. benennt man die Absicht der Aktion folgendermaßen:

Wir wollen mit dieser Aktion zum einen an Marwas Tod erinnern und zum anderen deutlich machen, dass sich der tägliche Rassismus für die Betroffenen ebenso wie viele kleine Messerstiche anfühlt. Daher gilt es, Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Diskriminierung jeglicher Art zu bekämpfern! [...] Die “Messer” stehen stellvertretend für die kleinen und großen “Stiche”, die in Dresden Tag für Tag durch versteckten oder offenen Rassismus solchen Menschen widerfahren, die offensichtlich ihre Wurzeln nicht in Deutschland haben. Die 18 Betonskulpturen sollen somit den schleichenden, oft kaum wahrnehmbaren Alltagsrassismus versinnbildlichen.

Von einem “tiefsitzenden Rassismus” in Dresden keine Spur, sondern vielmehr von den Erscheinungsformen, in denen Rassismus – bewusst oder unbewusst, latent oder akut – auftreten kann.
Zum anderen ist es wohl kaum akzeptabel, wenn Frau Lemke den Mord an El-Sherbini derart platt aus dem gesellschaftlichen Rahmen in Dresden herauslösen und ihn auf die “Tat eines russischen Migranten” reduzieren will, um damit gleichzeitig Kritik an einer Aktion üben zu können, die Alltagsrassismus als gesamtgesellschaftliches Phänomen thematisiert, dessen extreme Zuspitzung Taten wie die von Alex W. symbolisieren.

Als Nächstes glaubt die Autorin, durch den Umstand, dass einige der Stelen offensichtlich von Vertretern des linksextremen Spektrums umgestoßen wurden und nicht von Rechtsextremisten, belegen zu können, dass das Motiv hierfür nicht Alltagsrassismus lauten könne:

Doch der hier in Gang gesetzte Mechanismus ist kurzsichtig. Die Rechnung „Umgekippte Gedenksteine = Alltagsrassismus“ führt am Kern vorbei. Beim Umwerfen einer weiteren Stele wurden ausgerechnet zwei Jugendliche gestellt, die sich angeblich selbst dem „linken Milieu“ zuordnen.

Dahinter steht die naive und nicht zu Ende gedachte Annahme, Alltagsrassismus sei eine ausschließlich rechtsextreme Sache, könne nur von Nazis ausgehen und äußere sich immer in greifbaren Aktivitäten, etwa Vandalismus, Schmierereien, Übergriffe auf Fremde, wie die Autorin auch sogleich bestätigt:

Rassismus gibt es. Ihn bekommen Migranten alltäglich zu spüren: Anpöbeleien im öffentlichen Nahverkehr, zerstörte Dönerbuden, die wie selbstverständlich verwendete Bezeichnung „Fidschis“ für Migranten mit asiatischem Hintergrund

während Alltagsrassismus bei Johanna Lemke anscheinend auf das diffuse Schattenreich von “über 7000 NPD-Wählern” in Dresden begrenzt ist.

Dabei geht das Gro des alltäglich gedachten und gelebten Rassismus von ganz normalen Bürgern aus, oft auch unbewusst, weil bestimmte Unterscheidungen und Werturteile hinsichtlich der verschiedenen Ethnien vielen gesellschaftlichen Denk- und Handlungsmustern einfach immanent sind. Dabei muss im Resultat nicht immer eine Straftat oder ein konkreter Personen- oder Sachschaden stehen, vielmehr wird darüber immer wieder eine stabile Frontstellung des “Wir” und “Die” in den Köpfen reproduziert. Äußern tut sich Derartiges dann etwa in der unmittelbaren Benachteiligung von Äusländern im Bildungswesen und auch in der Vergabe von Arbeitsplätzen. Wie sonst ist es zu erklären, dass selbst Akademiker mit Migrationshintergrund auf dem Arbeitsmarkt ungleich schlechtere Chancen haben als ihre einheimischen Pendants? Die Entscheidung, ob ein türkisches Kind eine Empfehlung für die Haupt- oder aber für die Realschule erhält, ob ein libanesischer Ingenieur mit Abschluss 1 oder doch eher ein deutscher mit Abschluss 2 die Stelle bekommt, trifft zumeist kein Nazi oder Extremist, nein, es sind ganz biedere Durchschnittsbürger, die am Wahltag ihr Kreuzchen bei CDU oder SPD machen.
Und selbstverständlich gehören zu dieser Art latenten Rassismus’ (Alltagsrassismus) auch pauschale Negativzuweisungen an eine bestimmte ethnische Gruppe – etwa die undifferenzierte Aussage Johanna Lemkes, russische Migranten seien tendenziell islamophob.
Zudem ist gerade Islamfeindlichkeit eine Sache, die zunehmend auch im linksextremen, antideutschen Spektrum zu finden ist und mit bedingungsloser Unterstützung des radikalen israelischen Zionismus einhergeht, der im muslimischen Araber seinen Hauptfeind erkannt zu haben glaubt. Jedoch ist auch jene Art der pauschalen Feindseligkeit gegenüber einer ethnischen Gruppe eine Form von Rassismus – ob dieser von rechten oder linken Gruppierungen ausgeht, ist für die Feststellung des Tatbestandes überhaupt nicht relevant.

Der Artikel wirkt schon insgesamt unstrukturiert und vermittelt eigentlich überhaupt keine klare, argumetative Leitlinie der Autorin. Doch vollends verwirrend wird es, wenn sie dazu übergeht, diffus von “gesichtslosen Nazis” und “Alibitäterschaften” zu reden, auf die man (wer eigentlich genau?) die Verantwortung für die umgestoßenen Messer-Plastiken “verlagern” wolle:

Das Problem nun auf linke Autonome zu schieben, wäre naiv. Doch die Taten als Spitze des Eisbergs eines von Fremdenfeindlichkeit durchsetzten Dresden zu instrumentalisieren, ist ebenso kurz gedacht. Denn wenn die Schuld auf gesichtslose Neonazis verlagert wird, ist das eine Flucht aus der eigenen Verantwortung. Die Alibi-Täter ermöglichen es dem Einzelnen, sich seiner Bürgerpflicht zu entziehen.

Ja wie denn nun? Der Verein Bürger Courage e. V. hat sich ja eben gerade nicht darauf versteift, platt diffusen “Nazis” oder gar wie die Autorin “den Russen” Rassismus und Islamophobie zu unterstellen, sondern die Aktion soll ja gerade darauf abzielen, “die Gesellschaft”, die “Bürger” in die Pflicht zu nehmen, auf das Vorhandensein von eben solchem alltäglichem Rassismus aufmerksam zu machen. Auch zu den umgestoßenen Stelen äußerste sich der Verein in einer Presseerklärung recht unmissverständlich:

Da an den Stelen die Hinweisschilder, die über den antirassistischen Hintergrund der Aktion informieren, abmontiert und teilweise entfernt wurden, ist jedoch sicher, dass alle bisherigen Zerstörungsversuche Angriffe auf die freiheitlich demokratische Grundordnung unserer Gesellschaft, darstellen. Wer ein Denkmal gegen Alltagsrassismus umwirft oder beschädigt, ganz gleich aus welchen Motiven heraus, verhindert, dass Fremdenhass und Rassismus der Boden entzogen wird und bewegt sich selbst kaum im demokratischen
Terrain.

Weder vermutete man hier konkret rechte, noch linke, sondern vielmehr sehr allgemein prorassistische Gesinnungen als Täter. Wie Johanna Lemke darauf kommt, der Verein wolle “gesichtslose Nazis” oder “linke Autonome” für die Tat verantwortlich machen, ist mir ein Rätsel. Vielmehr können die Täter sehr gut aus beiden Szenen stammen bzw. keiner von beiden angehören.

Dennoch bezieht der Verein von der Autorin hier offensichtlich “Prügel” und sieht sich mit Vorwürfen konfrontiert, er wolle Dresden als “von Fremdenfeindlichkeit durchsetzt anprangern”. Was will Frau Lemke also dann mit der “Verantwortung des Einzelnen” sagen? Es erschließt sich mir nicht.
Sie wettert gegen das Anmahnen von Alltagsrassismus im biederen Kleinbürgertum durch Bürger Courage e. V., fordert aber gleichzeitig die Übernahme von Verantwortung eines jeden Einzelnen und erkennt selbst das Vorhandensein von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit an. Liegen die Motive von Frau Lemke am Ende einfach nur in persönlichen Animositäten, inhaltlichen Differenzen mit der Arbeit des Vereins begründet?
Dann wäre es ehrlicher gewesen, dies auch so zu formulieren.

Über das Stelen-Projekt und auch so manche andere Aktion des Vereins Bürger Courage e. V. kann man sicherlich geteilter Ansicht sein. So bin auch ich nicht unbedingt der Auffassung, dass es sonderlich zielführend ist, sich durch derart aufwendige und vor allem rein symbolische Aktionen “gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit” zu produzieren. So hätte beispielsweise auch eine Stele vor dem Landgericht völlig ausgereicht. Teilweise bin ich der Ansicht, dass hier eine grausame Tat für die Inszenierung der eigenen Arbeit benutzt wird.
Und Tatsache ist letzten Endes: Durch solch provokante Aktionen von rein symbolischem Wert (wie etwa auch die Blockade-Aktionen zum 13. Februar) ändert man nichts am tatsächlich vorhandenen Rassismus, im Gegenteil, provoziert man häufig nur Widerstand und wohl auch undifferenzierte, indifferente Kritik wie die einer Johanna Lemke, die ihre eigentliche Motiviation wahrscheinlich aus ganz anderen Zusammenhängen speist und die Aktion lediglich zum Anlass nahm, sich zu äußern.
Dennoch wehre ich mich gegen die Art und Weise, wie Lemke offensichtlich versucht, über eine durchaus diskussionswürdige Aktion generell das Vorhandensein von Alltagsrassismus auch in Dresden infrage zu stellen sowie die Gelegenheit zu nutzen, unreflektiert eigene Ressentiments und Pauschalismen gegenüber einer ethnischen Minderheit (hier den russischen Migranten) breitzutreten.

[...]

In einer Demokratie undenkbar.

Nach dem Überfall auf einen mit Hilfsgütern für den Gaza-Streifen beladenen Schiffskonvoi in internationalen Gewässern durch Israel befürchtet die Staatsführung nun Proteste vor allem der Palästinenser in den besetzten Gebieten sowie der palästinensischen Minderheit im eigenen Land. Im Rahmen des seit 1948 permanent aufrechterhaltenen Notstandes umgeht die israelische Führung nunmehr abermals die ohnehin aufgrund der fehlenden Verfassung nicht eindeutig formulierten Grundrechte und hat in Jerusalem für Muslime den Zugang zum Tempelberg stark eingeschränkt. Am Fuße des Tempelbergs steht eines der großen Heiligtümer der Muslime, die al-Aksa-Moschee. Nun dürfen lediglich noch Frauen und Männer über 40 Jahren die Moschee zum Freitagsgebet betreten, allen anderen wird die Ausübung ihrer religiösen Traditionen untersagt, um sie daran zu hindern, spontane Demonstrationen abzuhalten. Dazu muss gesagt werden, dass es Palästinensern in den besetzten Gebieten grundsätzlich nicht gestattet ist, Demonstrationen anzumelden, auch friedliche nicht.

Demokratie sieht anders aus.

Unterdessen lehnt Israel eine internationale Untersuchung der Überfallsaktion, bei der 10 türkische Aktivisten ums Leben kamen, strikt ab. Stattdessen läuft es, wie von mir schon befürchtet, drauf hin, dass eine israelische Kommission die Untersuchung vornehmen soll, die “von ausländischen Beobachtern” unterstützt werden könne, so Außenminister Lieberman – so lief es auch beim Massaker von Jenin, das durch diese unneutrale “Untersuchung” offiziell zu einer Lappalie herabgestuft wurde.
Ein Land, das nichts zu verbergen hat, verhält sich so nicht – ist das nicht immer die Argumentation Israels im Falle des iranischen Atomprogramms?

Der schwedische Autor Henning Mankell nutzt derweil seine “Lesetour” durch Deutschland, um von den Ereignissen zu berichten, derer er Zeuge wurde. Unter anderem sollen die Israelis der Besatzung seines Schiffes “Sofia” Nassrasierer und Brieföffner als vermeintliche Waffen ausgelegt haben und mehrere Personen mit Elektroschock-Pistolen niedergestreckt haben, obgleich niemand Widerstand leistete. Als Grund für die Verhaftung in Ashdod wurde den Menschen “illegale Einreise nach Israel” genannt – der pure Hohn, denn nach Israel waren sie nicht eingereist, sondern verschleppt worden, sie hatten israelische Gewässer nicht einmal ansatzweise betreten.
Für kommenden Herbst plant Mankell eine erneute Teilnahme an einem ähnlichen Hilfseinsatz – diesmal hoffentlich ohne Blutvergießen.

[...]