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Schleichendes Vergessen statt gelebter Aufarbeitung

Der Garnisonfriedhof der Sowjetarmee an der Marienallee und die ihn umrankenden Geschichten sind momentan beherrschendes Thema in meinem beruflichen wie mittlerweile auch privaten Alltag. Seit meinem ersten Besuch auf der Anlage vor einigen Monaten (ich berichtete) hat sich in mir der Wille gefestigt, ein gewisses Stück des Weges zurückzugehen in eine Welt, ein gesellschaftliches und politisches Klima, die mir als 1979 Geborener unbekannt geblieben sind. Wie sah sie aus, die Welt in den Kasernen der Dresdner Militärgarnison der 50er- bis 70er-Jahre? Jenen Jahren, in denen etwa tausend Sowjetsoldaten und Angehörige – Frauen und Kinder – auf dem Garnisonfriedhof an der Marienallee ihre letzte Ruhe fanden.

Ausgangspunkt für mein sich regendes Interesse war eigentlich die Beobachtung, dass lange nach Kriegsende, ab etwa 1951 bis Ende der 60er-Jahre, vor allem junge Soldaten niederer Dienstgrade (Rekruten, Gefreite, Unteroffiziere) zahlreich in den in Dresden und Umgebung stationierten Einheiten verstorben waren. Zu Hunderten (>500) ruhen sie primär im West- und Nordflügel des Friedhofes. Im Schnitt waren die jungen Männer zum Zeitpunkt ihres Ablebens etwa 22 Jahre alt, der jüngste erst 16, wie sich nun herausstellte. Es drängte mich, zu erfahren, was mit ihnen geschah. Zumal auf diesem Friedhof, der anscheinend ursprünglich hauptsächlich für die Bestattung höherer Dienstgrade vorgesehen war, mit fortschreitender Zeit immer mehr junge Rekruten und immer weniger Offiziere beigesetzt wurden. In den 50er- und 60er-Jahren standen teilweise pro Jahrgang bis zu 50 Rekruten und Gefreiten nur 3 oder 4 Offiziere gegenüber. Die Entdeckung des Nordteils des Friedhofes, der mir bei der ersten Begehung gar nicht aufgefallen war, verstärkte diesen Eindruck noch.

Nun mag mancher argumentieren, dass das alles doch schon so lange her sei, und man die Geschichte auch einfach mal ruhen lassen sollte. Die sowjetische Besatzung und damit die Erinnerung an “die Russen” ist eben bei vielen Zeitgenossen hauptsächlich negativ besetzt, und das sicherlich auch nicht vollkommen unberechtigt. Doch ich halte diese Periode für ein Stück Heimatgeschichte, zudem eines, über das wenig bekannt ist – und sie markiert eine Schnittstelle zwischen deutscher und russischer Geschichte. Sie sollte nicht vergessen, sondern endlich aufgearbeitet werden.

Mehr noch drängt sich die Notwendigkeit historischer und menschlicher Aufarbeitung jener Zeit auf, als der Nordteil des Garnisonfriedhofes – trotz bestehender Verträge und Gesetze – seit Jahren der Verwahrlosung preisgegeben wird. Anfang der 2000er-Jahre wurde zwar der Hauptteil, bestehend aus Süd-, Südwest-, West-, Mittel- und Ostflügel mit Sandstein-/Beton-Stelen und den Ehrenmalen, für über 1 Million Euro aufwendig instand gesetzt. Und auch jetzt wird ein Mindestmaß an mehr oder weniger regelmäßiger Pflege gewährleistet.
Doch wenn man an der Nordseite des Hauptfriedhofes am Denkmal für die Kriegsgefangenen, wo man sich eigentlich schon am Ende der Anlage angekommen wähnt, vorbeigeht, wird man gewahr, dass der Friedhof hier eine traurige Fortsetzung findet.

Garnisonfriedhof Marienallee, Blick zum Ost- und Mittelflügel

Garnisonfriedhof Marienallee, Blick zum Ost- und Mittelflügel


Garnisonfriedhof Westflügel mit Blickrichtung zur Mitte

Garnisonfriedhof Westflügel mit Blickrichtung zur Mitte

Das nördliche Areal befindet sich in einem absolut unwürdigen, desolaten Zustand. Es beherbergt – soweit ich sie erfassen konnte – etwa 400-450 Soldatengräber ausschließlich junger Männer im Alter von 16-26 Jahren in einfachen Dienstgraden sowie etwa 150 Gräber von Frauen und Kindern aller Altersstufen. Hier sucht man aufwendige Stelen aus Beton oder gar Sandstein vergeblich. Stattdessen dominieren aufs zweite, genauere Hinsehen schlichte Platten aus rotem Granit das Bild, mal klein, mal größer, mal stehend, hauptsächlich jedoch flach im Boden liegend. Doch die Einfachheit des Materials geht auch mit ausgesprochener Robustheit einher – diesem Umstand dürfte es auch gedankt sein, dass die Grabplatten der Verwahrlosung bislang gut standhielten.
Die ältesten Gräber im Nordteil stammen von 1952. Allein im Jahr 1953 wurden über 65 junge Rekruten zwischen 17 und 25 Jahren, die in/um Dresden während ihres Militärdienstes starben, hier begraben, 1954 waren es gar 95, 1965 waren es immerhin noch um die 50. Das jüngste Grab ist von 1987 – ein kleines Mädchen. Im Nordteil ruhen auch die beiden letzten auf dem Garnisonfriedhof bestatteten Soldaten aus dem Jahr 1973. Was mit jenen geschah, die ein ähnliches Schicksal nach 1973 ereilte, ist nach wie vor ungewiss. Anscheinend wurden viele auf städtischen Friedhöfen oder innerhalb der Kasernenmauern beigesetzt, wie mir aus gut informierten Kreisen zugetragen wurde.

Im Nordteil des Friedhofes liegen die meisten Grabmale mittlerweile halb oder ganz unter Erde und Pflanzen versteckt, manche sind vollkommen von ausufernden Sträuchern umwachsen und gar nicht mehr zugänglich. Auch fehlt ein stabiler Zaun zur Dresdner Heide hin – die Folge: Schwarzwild hat auf dem gesamten Friedhofsgelände, vor allem jedoch auf dem Nordteil, schwere Schäden in Form aufgewühlter Erde und dadurch verschütteter Grabmale verursacht.

Garnisonfriedhof, Nordflügel in desolatem Zustand

Garnisonfriedhof, Nordflügel in desolatem Zustand

Garnisonfriedhof Nordflügel in desolatem Zustand

Garnisonfriedhof Nordflügel in desolatem Zustand


Nordflügel, Gräber sind teils verschüttet und überwuchert

Nordflügel, Gräber sind teils verschüttet und überwuchert

Das Land Sachsen, dem die Pflege und der Erhalt der Kriegsgräberstätte bzw. der Ruhestätten von Opfern von Gewalt und Willkürherrschaft obliegen, hat hier seit Jahren nichts getan, um dem schleichenden Verfall und der Verwahrlosung Einhalt zu gebieten. Weder wird das Eindringen von Wild durch Einhegung verhindert, noch werden Büsche und Hecken zurückgeschnitten oder gar Wege freigelegt. Besucher stolpern durch wildes Gestrüpp, kniehohes Gras und ackerähnlichen Boden. Teilweise musste ich dort, wo ich welche vermutete, Grabplatten durch Graben mit den Füßen und einem Schippchen freilegen, um sie erfassen zu können – ein trauriger Anblick.
Wie müssen Angehörige der Toten empfinden, die nach Jahrzehnten endlich den Weg nach Deutschland finden und einen Besuch am Grab des Angehörigen damit verbinden wollen? Wie haben wohl die Angehörigen des Rekruten Rodin (†19, 1955) empfunden, als sie sein Grab vor Kurzem inmitten unwegsamen, verwilderten Geländes unter Erde und überwuchert von Unkraut vorfanden? Die Grabplatte im Boden wurde liebevoll großflächig von Dreck und Unkraut freigeräumt und mit frischen Blumen geschmückt, während man die benachbarten Platten weiterhin mit der Lupe unter Erde und Wiese suchen muss.

Grab Rekrut Rodin (1955), Nordflügel Garnisonfriedhof

Freigeräumt - Liebevolle Erinnerung inmitten des Vergessens.

Alles in diesem Friedhofsteil atmet auf fast unerträgliche Art Vergessen. Viele der dort bestatteten sehr jungen Menschen dürften nach bisherigen Erkenntnissen den rauen, teils menschenunwürdigen Lebensumständen innerhalb des sowjetischen Militärs zum Opfer gefallen sein, in dem ein Menschenleben oft nicht viel zählte – was übrigens noch heute so ist. Sie ereilte ein einsames Ende weit ab von Heimat und Familie. Sollte man ihnen nicht wenigstens im Tod ein Mindestmaß an Respekt entgegenbringen und ihnen die Ehre einer bescheidenen Grabpflege erweisen?

Freigelegt: Grab mit Bildnis des Gefreiten Malkin (21)

Freigelegt: Grab mit Bildnis des Gefreiten Malkin (21)

Zwei Anklagen, zwei völlig unterschiedliche Arten der Strafverfolgung, und am Ende steht die Freiheit.

Im Juli kamen zwei Männer nach gleich lautender Anklage frei – wenn auch die Fälle aus völlig verschiedenen Zeiten datieren und die Geschichte, insbesondere der Strafverfolgung, der beiden Angeklagten unterschiedlicher nicht hätte sein können. Die Rede ist von Roman Polanski, millionenschwerer Hollywood-Regisseur, vielgefeierter Star, und Jörg Kachelmann, ARD-Wetterkönig und Riverboat-Moderator.

Beide waren wegen desselben Verbrechens angeklagt: Vergewaltigung. Bei Kachelmann sogar im besonders schweren Fall in Tateinheit mit schwerer Körperverletzung. Beide sind nunmehr auf freiem Fuß – mit unterschiedlichem Werdegang.

Rückblick. Roman Polanski vergewaltigte im Jahr 1977 in der Villa des Hollywood-Schauspielers Jack Nicholson ein erst 13-jähriges Mädchen, nachdem er es zuvor mit Drogen und Alkohol gefügig gemacht hatte. Ein klarer Fall von Kindesmissbrauch und Vergewaltigung. Eine niederträchtige Tat zur Befriedigung des Sexualtriebes. Polanski hatte die Tat gestanden, um die Chancen auf einen Deal zu erhöhen, der ihn mit einem kürzeren Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik hätte davonkommen lassen. Als er kurz vor Prozessauftakt davon Wind bekam, dass der Deal wohl platzen würde, nutzte er die Gelegenheit zur Flucht nach Frankreich. Niemand hinderte ihn, niemand lieferte ihn aus, mehr als 30 Jahre lang. 30 Jahre, in denen Polanski Karriere machte, Oscars gewann, zum weltweiten Star avancierte. 30 Jahre, in denen er dem damaligen Opfer höchstwahrscheinlich großzügige Entschädigungsgelder zahlte, denn Samantha Gailey setzte sich in der Vergangenheit sogar öffentlich in den Medien für eine Verschonung Polanskis ein – ein mehr als untypisches Verhalten für Vergewaltigungsopfer, die in den meisten Fällen von Hass- und Ekelgefühlen ihren Peinigern gegenüber geschlagen sind.

Roman Polanski 1975

Roman Polanski 1975. Quelle: written by.


Trotz des offensichtlichen Verbrechens und seiner Schwere konnte Polanski über 30 Jahre lang unbehelligt von Strafverfolgung im französischen Exil leben, nahm sogar die französische Staatsbürgerschaft an. Bis die Falle im September 2009 in der Schweiz zuschnappte. Doch wer geglaubt hätte, der Vergewaltiger eines Kindes würde nun endlich seiner gerechten Strafe zugeführt, der irrte. Nach einigen Wochen im Gefängnis erlaubte man dem Weltstar gegen eine saftige Kaution, die Gefängniszelle mit seinem Schweizer Chalet zu tauschen. Ist das die Behandlung, die einem jahrzehntelang flüchtigen Sexualverbrecher von Rechts wegen gebührt? Die Auslieferung Polanskis lehnte die Schweiz offiziell wegen angeblich fehlender Papiere ab.
Seit Mitte Juli ist Polanski nun offiziell wieder ein freier Mann – ein nachweislicher Sexualstraftäter, der eine Minderjährige vergewaltigte und dafür nie eine Strafe gesehen hat, wird einfach in die Freiheit entlassen. Gründe? Die Schweizer Justizministerin Widmer-Schlumpf sagte zum Fall Polanski:

Ich beurteile nicht Schuld oder Unschuld von Herrn Polanski.

Dieser Satz brachte viele Befürworter einer gerechten Strafzuführung auf die Palme, denn über Schuld oder Unschuld von Polanski war längst befunden worden, es ging seinerzeit in den USA nur noch um die Höhe des Strafmaßes. So hat die Schweiz vor wenigen Wochen wohlwissentlich einen flüchtigen Sexualstraftäter in die Freiheit entlassen – ein Skandal ohne Gleichen. Auch wenn der Täter schon 76 Jahre alt ist: Das gute Leben, das ihm in den letzten 30 Jahren vergönnt war, hat wesentlich dazu beigetragen, dass Polanski sich in einer außergewöhnlich guten körperlichen Konstitution für einen Mitte-70-Jährigen befindet. Umso unbegreiflicher, zumal Polanski sich bis heute vielmehr selbst als Opfer von antisemitischen und Neid-Kampagnen seitens der US-Justiz und der Medien begreift, statt irgendein Schuldbewusstsein und Einsicht in die Schwere seiner Tat entwickelt zu haben. Dass solch ein Mann über Jahrzehnte ein Leben in völliger Öffentlichkeit und in Saus und Braus führen konnte, ohne von irgendwelchen international verbindlichen Haftbefehlen beeinträchtigt zu werden, und nun – wo er doch einmal gefasst war – vorsätzlich wieder in Freiheit entlassen wurde, verdient meiner Ansicht nach das Prädikat “Justizskandal des 19. Jahrhunderts”. Vielleicht sollte die Schweiz erwägen, allen ihren verurteilten Sexverbrechern ein derartiges Privileg der Straffreiheit zuteil werden zu lassen.

Ganz anders gelagert, wenn auch mit ähnlichen Anklagepunkten ausgestattet: der Fall Jörg Kachelmann in Deutschland. Der allseits (anscheinend vor allem auch bei der Damenwelt) beliebte Wettermoderator wurde im März nach seiner Rückkehr von den Olympischen Spielen in Vancouver noch am Flughafen festgenommen. Der Vorwurf: Kachelmann sollte im Februar seine damalige Lebensgefährtin nach einem Streit über vermeintliche Affären des TV-Stars vergewaltigt und ihr dabei ein Messer an die Kehle gehalten haben. Jörg Kachelmann kam umgehend in Untersuchungshaft. Anders als im Fall Polanski etwa wurde er aus dieser auch nicht gegen Zahlung einer Kaution oder Ähnlichem vorzeitig entlassen, Begründung: Fluchtgefahr.

Jörg Kachelmann am Tag seiner Freilassung. Quelle: Süddeutsche Zeitung.

Hätte man Polanski nicht vorzeitig aus der Psychiatrie entlassen bzw. ihn stattdessen umgehend in Untersuchungshaft überführt, hätte er niemals fliehen und sich so seiner Strafe entziehen können. Wäre der Täter ein gewöhnlicher Arbeiter oder gar ein Schwarzer gewesen, er wäre auch nie auf freien Fuß gekommen. so viel darf man wohl mit Blick auf die gängige Praxis der US-Strafjustiz feststellen. Stattdessen wurden Polanski offensichtlich schon damals aufgrund seiner Prominenz Privilegien eingeräumt.

Weit gefehlt im Fall Kachelmann. Der Wetterfrosch saß insgesamt mehr als vier Monate lang in Untersuchungshaft und das, nachdem sich im Grunde bereits im April Zweifel hinsichtlich der Aussagen und Vorwürfe des vorgeblichen Opfers zum Tathergang ergaben. Im Gegensatz zum Fall Polanski war hier also zu keinem Zeitpunkt einwandfrei von einer Schuld Kachelmanns auszugehen – dennoch blieb der durchaus der Prominenz Zuzuordnende in Haft. Und dennoch: Diese Art der Strafverfolgung ist konsequent, neutral und den Vorwürfen absolut angemessen.
Frei kam Kachelmann nun letzte Woche schließlich doch noch – nicht, weil er einwandfrei unschuldig wäre, sondern schlicht und ergreifend, weil sich die Vorwürfe der Anklage als widerspruchsbehaftet und teils unglaubwürdig erwiesen hatten.

Im Fall Polanski dagegen stand zu keiner Zeit nach dem Ermittlungsprozess vor über 30 Jahren die Frage, ob der Regisseur schuldig oder unschuldig sei, denn diese Frage war einwandfrei geklärt worden. Dennoch führte der Mann 30 Jahre lang und wie es scheint wohl bis an sein Lebensende ein Leben in Freiheit, ohne jemals für seine Tat bestraft worden zu sein, die eventuell nur die Spitze eines Eisberges sein könnte.
Denn nach der Freilassung Polanskis kamen neue Vorwürfe gegen den Hollywood-Star auf. Mit 21 sei das ehemalige Model Edith Vogelhut (57) von Polanski nach einer Party abermals in der Villa von Jack Nicholson vergewaltigt worden. Sie hätte sogar eindeutig Sex mit Polanski erwartet, sei aber in der Villa dann gegen ihren Willen brutal gefesselt und vergewaltigt worden. Die Schauspielerin Charlotte Lewis (42) will mit 16 Jahren von Polanski missbraucht worden sein. Kein Mensch weiß bislang, ob diese Vorwürfe stimmen und es wird sich mit Sicherheit auch nicht mehr feststellen lassen. Allerdings lassen sie die Freilassung dieses Menschen auch vor dem Hintergrund, dass Sexualstraftäter selten Einmaltäter sind, noch grotesker erscheinen.

Wie konnte das passieren?

Die diesjährige Loveparade ist gestern in einer unbeschreiblichen Katastrophe geendet. Das Techno-Festival, das 2010 erstmalig auf dem Gelände eines ehemaligen Güterbahnhofes in Duisburg stattfand, sollte ein friedlicher Rave werden, circa 1 Million Menschen waren erwartet worden. EINE MILLION. Mindestens 19 von ihnen sind nun tot, über 100 verletzt, mehr als 40 davon schwer.
Fragen über Fragen tun sich auf. Wie konnte das geschehen?

Das Konzept

Wieso erschließt man den Zugang zum Festivalgelände durch einen engen, langen Tunnel?? Hat man denn aus den Schreckensszenarien des Mont-Blanc-Brandes vor 11 Jahren gar nichts gelernt? In Tunneln wird mangels Frischluftzufuhr die Luft in der Regel besonders schnell stickig, die Röhre zwingt Personen darin zudem, sich lediglich in eine bestimmte Richtung fortzubewegen.
Millionen Menschen sollten, sowohl in Richtung Festgelände, als auch von dort kommend, durch den wenige Meter breiten Tunnel geschleust werden. Dass dieser unweigerlich zu einer Falle werden würde, sobald irgendetwas außer Kontrolle gerät, hätte man doch ahnen MÜSSEN. Daran ändern für meine Begriffe auch die Verteidigungsversuche des Panikforschers Michael Schreckenberg nichts, der genau dieses Konzept nun verteidigt. Nach seiner Ansicht sei der Tunnel groß genug gewesen für mehr als 1 Million Leute. Die Schuld sieht Schreckenberg vielmehr bei den Jugendlichen, die versuchten, sich aus ihrer schlimmen Lage per Kletteraktion über eine nicht gesicherte Treppe zu befreien, von der einige von ihnen dann aus ungeklärten Gründen auf die Masse unter ihnen stürzten. Zur Panik sei es deswegen gekommen, so Schreckenberg. Ich glaube, diese ignoranten, unverbesserlichen Aussagen überraschen niemanden mehr, wenn man erfährt, dass Schreckenberg das Sicherheitskonzept für die Loveparade selbst mit ausgearbeitet hatte und jetzt vermutlich um seinen Kopf fürchtet.


Das Vorgehen der Sicherheitskräfte

Wieso öffnete das Sicherheitspersonal die Tore zum Festivalgelände nicht, als es von einigen der wie Sardinen in einer Büchse gedrängt im Tunnel Gefangenen die ersten Hilferufe gab, bzw. Warnungen von Leuten, die es gerade so aus dem Tunnel rausgeschafft hatten? Letztere gab es NACHWEISLICH. Auch dies ein Beleg dafür, dass eben nicht nur die Treppenstürze einiger Verzweifelter für das Ausbrechen der Panik verantwortlich waren, sondern dass schon zuvor eine panische Stimmung im Tunnel geherrscht hatte.
Das Festivalgelände war zudem längst nicht voll, und die Massen hätten sich dort in jedem Fall besser verlaufen können als in dem Tunnel, in dem es weder Vor noch Zurück gab – selbst wenn es zwischenzeitlich auf dem Gelände etwas enger geworden wäre. Für meine Begriffe ein schier unverantwortliches Vorgehen des Sicherheitspersonals.

Der Faktor Mensch

Ich kenne ihn selbst aus unzähligen Großkonzert- und Festivalerfahrungen, den Faktor Mensch. Einmal in Euphorie oder gar Hysterie geraten, gibt es für viele oft kein Halten, keine Vernunft mehr. Rücksichtslos wird nach vorne gedrängelt, um gute Plätze zu ergattern, oder einfach nur, weil man Spaß an der Rangelei auf Kosten anderer hat. Bei der Loveparade waren zudem auch schon immer diverse aufputschende Mittelchen im Einsatz, um stundenlang durchhotten zu können und in die richtige “love-sex-rave”-Stimmung zu kommen. Diesmal dürfen sich einige Unverbesserliche gewiss sein: Sie haben den Tod von rund 20 jungen Menschen mitzuverantworten. Denn nach Zeugenaussagen drängten immer mehr Menschen von hinten in den Tunnel, obgleich ersichtlich war, dass es vorne nicht voranging, teilweise liefen nach Augenzeugenberichten die Nachfolgenden rücksichtslos über bereits am Boden liegende Menschen hinweg in Richtung Festival. Unklar. Warum macht man so was? Warum kann man nicht vernünftig sein und warten? Zumal das alles andere als Zeichen eines natürlichen Verhaltens bei Panik ist, denn da läuft man normalerweise schnellstens vom Ort der Gefahr weg, statt geradewegs hinein.

Ich kann mich an Konzerte erinnern wie HIM oder Reamonn, wo kreischende Teenies mir die Tasche aus der Hand rissen und wie eine Welle über mir zusammenschlugen, als ich mich bückte, um sie aufzuheben. Hätten vier Freundinnen nicht eine eiserne Mauer um mich gebildet und die außer Rand und Band Geratenen zurückgedrängt, ich wäre schlicht und ergreifend nicht mehr hochgekommen, weil einige schon damit begonnen hatten, sich mit den Händen auf meinem Kopf und Schultern abzustützen, um sich in dem Gedränge einen besseren Halt zu verschaffen.
Massenereignisse wie Großkonzerte oder die Loveparade erfordern vor allem eines: Ein großes Maß an Verantwortungsbewusstsein, auch wenn viele das nicht wahrhaben wollen. Es geht eben nicht nur um Spaß und das eigene Vergnügen. Wer sich auf die Veranstalter und das Sicherheitspersonal verlässt, ist im Notfall selbst verlassen. Im schlimmsten Fall sterben Menschen.

Draußen Panik und Tod, drinnen Party ohne Ende

Was ich absolut nicht nachvollziehen kann: WIE kann es sein, dass draußen Dutzende Menschen zu Tode kommen und drinnen wird munter weitergefeiert??? DAS ist für meine Begriffe die Krönung der Abgebrühtheit, eine unglaubliche Ignoranz!
Die Erklärung, man hätte eine neuerliche Panik auf dem Festivalgelände vermeiden wollen, ist die mieseste Ausrede, die mir in meinem Leben bislang untergekommen ist. Man hätte die Veranstaltung sehr kontrolliert abbrechen können, warum hätte jemand in Panik ausbrechen sollen? Drinnen war doch genug Platz, und irgendwann war die Party doch sowieso zu Ende, da ist doch auch niemand in Panik geraten.
Ich als parade-Besucher hätte wissen wollen, wenn draußen eine Katastrophe geschehen ist – und ganz sicher hätte ich NICHT weiterfeiern wollen, während draußen Menschen um ihr Leben kämpfen! Ich hätte mich nicht blümchenschwenkend und lachend in den Sondernachrichten neben in Tücher gehüllten Leichen sehen wollen – welch eine Groteske. Noch Stunden später, als das Festivalgelände sich auf “natürlichem Wege” bereits erheblich geleert hatte, soll die Party bis zum bitteren Ende weitergelaufen sein.

Was ist bloß aus den Menschen geworden? Ein Schelm, wer hier die Besorgnis der Veranstalter und Sponsoren klingeln hört, dass die Umsätze an Getränken, Essen und anderen Bezahlangeboten hinter den Erwartungen hätten zurückbleiben können, wäre das Festival vorzeitig abgebrochen worden.

In letzter Konsequenz hat heute der Veranstalter der loveparade, Rainer Schaller, das endgültige Ende der Großveranstaltung bekannt gegeben. Für meine Begriffe gehört der Mann vor Gericht, denn ihm oblag die letztendige Entscheidung hinsichtlich des Sicherheitskonzeptes, ebenso die Entscheidung, die Party nach dem Tod von 19 Menschen und Hunderten Verletzten weiterlaufen zu lassen.

Aus Anstand und Pietät verzichte ich darauf, an dieser Stelle eines der schrecklichen Videos zu veröffentlichen, die derzeit im Internet grassieren, und die unmissverständlich das ganze Ausmaß der chaotischen Zustände im Tunnel zeigen.

Ware Kind?

Wie aus dem Nichts wurde Fußball-Superstar Cristiano Ronaldo kürzlich Vater, von einer “einfachen Kellnerin” aus den USA, wie gmx es ziemlich platt formulierte – als läge der Skandal an dieser Geschichte darin, dass ein Mann von Rang und Namen wie Cristiano Ronaldo sich ein Kind von einer Unterschichtlerin andrehen lässt. Dabei stellte der “Stern” korrekt fest, dass der 25-jährige teuerste Fußballer der Welt oft selbst noch wie ein Kleinkind wirkt mit seinen Bockanfällen auf dem Platz und seinem divenhaften Auftreten.

Und kaum hatte die Welt von seiner Vaterwerdung erfahren, war das Kind auch schon für (je nach Quelle wechselnd) 12 bis 17 Millionen Euro “Schweigegeld” zum Papa nach Spanien verfrachtet worden – im Alter von gerademal drei Wochen. Selbst junge Welpen werden länger bei der leiblichen Mutter gelassen… Um Cristiano junior kümmert sich nun nach Auskunft des Fußballprofis eine eigens organisierte Pflegemutter – toll.

Da drängen sich doch gleich eine Reihe von Fragen auf.
Zunächst natürlich: Wie kann eine Mutter ihr eigenes Kind einfach so verkaufen? Unbegreiflich. Es sei denn, alles war vorab bereits genau so ausgemacht. Gerüchte machen entsprechend die Runde, Cristiano Ronaldo hätte gar keine Affäre mit der jungen Frau gehabt, sondern es handele sich um eine Leihmutterschaft, auch Gerüchte um eine eventuelle Homosexualität des Fußballprofis flauen nicht ab – erst letzte Woche soll er seinen jungen Sohn in Spanien bei der Pflegemutter zurückgelassen haben, um mit dem homosexuellen Musiker Lance Bass die New Yorker Schwulen-Szene unsicher zu machen, wollen diverse Klatsch-Blätter wissen.

Doch abgesehen davon: Wie kann das eigentlich sein, dass Väter nur allzu oft ewig um ein Sorgerecht für ihre leiblichen Kinder streiten müssen, während solch unreife kleine Früchtchen wie Cristiano Ronaldo sich ihres einfach kaufen können? Paare, die keine eigenen Kinder bekommen können, müssen oft jahrelang um eine Adoption kämpfen, unsägliche Schikane seitens der Behörden über sich ergehen lassen – unter Umständen, bis sie irgendwann “zu alt” sind – während Promis zu ihren Kindern kommen wie andere zu einem neuen Fernseher?
Des Weiteren: Warum werden die Lebensverhältnisse der “Kinderkäufer” von keiner Instanz überprüft? Wo bleibt da das vielbeschworene Kindeswohl? In manchen Fällen wohl leidlich auf der Strecke, wie zu befürchten ist.

Eins dürfte jedenfalls feststehen: Ein Durchschnittsmann, der sich kein 12-Millionen-Kind hätte leisten können, hätte bei einem Fulltime-Job, bei dem er immer unterwegs ist, bei einem Lebenswandel, der von ständig wechselnden Affären und fragwürdigen Auftritten geprägt ist, nie das Sorgerecht für ein Kind zugesprochen bekommen.

Papst Benedikt soll hinter Gitter...

…, zumindest wenn es nach dem Willen zweier Briten geht. Konkret werfen ihm der Oxford-Professor Richard Dawkins und der Publizist Christopher Hitchens jahrelange Vertuschung zahlloser Vorfälle von sexuellem Kindesmissbrauch durch katholische Priester – unter anderem auch in Großbritannien – während seiner Zeit als Kardinal und Präfekt der vatikanischen Glaubenskongregation vor.
Die Behörden prüfen momentan einen Haftbefehl, ähnlich wie er vor einigen Jahren auch gegen die damalige israelische Außenministerin Zipi Livni ergangen war; während eines geplanten Großbritannien-Besuches des Papstes sollen dann die Handschellen klicken, wenn es nach Hitchens und Dawkins und sicherlich einer nicht zu verachtenden Zahl von Opfern, Angehörigen und schlichtweg wütenden Briten geht. Das Verschweigen von Kindesmissbrauch sei ein Verbrechen, und der Papst stehe weder über noch außerhalb des geltenden Rechtes.

Nun mag man den beiden im Prinzip ja Recht geben: Auch ein Papst darf weder Straftaten begehen noch solche decken oder vertuschen in der Absicht, dem Ruf der Institution Kirche nicht zu schaden. Doch riecht die ganze Aktion der beiden bekennenden Atheisten, die mit ihren kirchenkritischen Attitüden zudem omnipräsent sind auf dem publizistischen Markt, doch auch nach einer gehörigen Portion Populismus und Eigenwerbung. Gewinner der ganzen Aktion dürften deshalb nicht zuletzt Dawkins und Hitchens selbst sein, eine bessere PR-Kampagne für die eigenen Veröffentlichungen kann es kaum gebebn.

Dennoch steht die Frage: Darf der Papst straflos über Jahre ihm bekannte Fälle von sexuellem Kindesmissbrauch verschweigen, die Täter aus der Schusslinie nehmen, indem er sie einfach in andere Diözesen versetzt, wieder mit Kindern arbeiten lässt, sodass es zu neuerlichen Missbrauchsfällen kommt, wie beispielsweise in den USA geschehen?
Zumindest schafft auch ein Hirtenbrief diese schwere Schuld nicht aus der Welt, in dem von “Scham und Reue” gesprochen wird. Da wurden über Jahrzehnte mit Wissen der Kirche Leben zerstört – ich kenne kein Gericht dieser Welt, das derartige Schuld mit einem simplen “ich bereue” für gesühnt erachtet.

Augen zu und durch - kein Platz für die Opfer.

Sie steht nicht erst seit dem verheerenden Luftschlag der deutschen Streitkräfte nahe Kundus im vergangenen September in der Kritik, bei dem mehr als 90 Zivilisten umkamen: die deutsche Afghanistan-Politik.
Ein ranghoher Verantwortlicher nach dem anderen hat seither seinen Hut genommen, und die Forderungen nach einem möglichst baldigen Abzug deutscher Truppen, mindestens aber nach einem generellen Umdenken hinsichtlich der deutschen Aufgaben in dem krisengeschüttelten Land wurden unüberhörbar laut.

Bekanntlich ist die Linkspartei ein vehementer Verfechter eines schnellstmöglichen Abzuges deutscher Truppen aus Afghanistan. Es sei nicht nachvollziehbar, Terrorismus und Gewalt bzw. deren Überschwappen nach Deutschland ausgerechnet mit deutscher Militärpräsenz und deutschen Gewaltakten bekämpfen zu wollen, Gewalt erzeuge nur neue Wut, neue Ohnmacht und somit neuen Terrorismus.
Bei der heute stattfindenen Bundestagsdebatte verlieh die Bundestagsfraktion der Linken ihrem Anliegen im Anschluss an die Rede der Parteikollegin Christine Buchholz mit einer stummen Gedenkaktion Nachdruck: Die Fraktionsmitglieder hielten Plakate mit den Namen der Opfer des Kundus-Luftschlages vom September hoch.

Die Aktion verlief ohne viel Aufhebens und dauerte wenige Sekunden. Der Aufforderung des Bundestagspäsidenten Norbert Lammert (CDU), die “Spruchbänder”(!) unverzüglich herunterzunehmen, wurde in den 2 Sekunden, die der Linken Fraktion von ihm dazu eingeräumt wurden, nicht nachgekommen. Dies nahm der Bundestagspäsident zum Anlass, die gesamte Fraktion der Linkspartei des Plenarsaales zu verweisen und zunächst auch von der im Anschluss stattfindenden Abstimmung über die Erhöhung des Afghanistan-Etats auszuschließen.
Dies dürfte sicherlich nicht nur die Linksfraktion, die nach mehrmaliger Aufforderung schließlich empört den Plenarsaal verließ, als völlig übertriebene Reaktion wahrgenommen haben – immerhin hat es im deutschen Bundestag mit Sicherheit schon unschönere Vorfälle, ja sogar peinliche Aussetzer, gegeben, die keine solchen Konsequenzen nach sich zogen. Lammert hingegen bezeichnete seine Entscheidung als “alternativlos” und verwies auf das “Demonstrationsverbot im Bundestag”. So wurde aus einer Gedenkaktion eine “Demonstration”. Wenn hingegen im Parlament verstorbenen Parlamentariern oder anderen Staatspersonen mit Gedenk- und Schweigeminuten gedacht wird, dann ist das anscheinend etwas anderes.
Für das Gedenken an die Opfer des Holocaust etwa werden ganze Sondersitzungen anberaumt, dann spielt im Bundestag auch schon mal ein prominenter Geiger. Der Opfer des Amoklaufes von Winnenden wurde im Bundestag gedacht, der Opfer des RAF-Terrors und sogar der Opfer des 11. September.
Nur der Opfer eines Kriegseinsatzes, für den soeben sogar noch eine Verlängerung verabschiedet werden soll, darf nicht gedacht werden – noch nicht einmal stumm.
Dass es jedoch durchaus anders geht, zeigen zudem ähnliche Aktionen der Linken im vergangenen Jahr, die nicht mit Ausschluss geahndet wurden.

An der Abstimmung, die mit 429 zu 111 Stimmen klar für die Verlängerung des Afghanistan-Einsatzes ausfiel, durften die Linken dann auf Wunsch der anderen Fraktionen doch noch teilnehmen.

Mit Genugtuung reagierten Afghanistan-Hardliner wie Jürgen Hardt (CDU) auf den Ausschluss der Linken – Jürgen Hardt ist wohlgemerkt der Ansicht, dass man in Afghanistan mittels gezielter Tötungen von Taliban-Mitgeliedern besonders effizient zum Ziel kommen könne.

Als einzige Partei redet die Linkspartei offen über die tatsächlichen Motivationen und Ziele, die hinter dem Afghanistan-Einsatz stehen und prangert sie gleichzeitig an. Keineswegs geht es darum, den Menschen Freiheit und Demokratie zu bringen, denn das kann unmöglich mittels Gewalt funktionieren, sondern muss immer aus der Mitte der Gesellschaft heraus eingefordert und durchgsetzt werden, um auch nachhaltig stabil zu sein. Die Situation der Menschen in Afghanistan zu verbessern, kann höchstens als positiver Nebeneffekt von Bedeutung sein für diejenigen, die diesen Menschen zur Not auch ohne zu zögern Tod und Verderben schicken würden.

Tatsächlich bedeuten Kriege Milliarden-Aufträge für die Rüstungsindustrie, die im Falle Afghanistan vor allem langfristig gesichert sind, sie bedeuten die Ausweitung von Einfluss und Macht, sie bedeuten zudem Unterstützung von Patronen wie den USA, deren Schutz und Wohlwollen in der Hierarchie der Interessen weit oben rangieren.
Dass Kriege auch immer den Tod von unschuldigen Menschen fordern, passt da ganz einfach nicht ins Bild, eine unschöne Notwendigkeit, die im Gesamtkonzept des Ausbaus der deutschen Stellung in der Welt einfach stört.
So erklärt sich auch die harte Reaktion gegen das stumme Gedenken der Linken.

Bloßer Populismus oder gefährliches Brandstiftertum?

Junge und gesunde Hartz-IV-Empfänger sollten zu zumutbarer Arbeit verpflichtet werden – etwa zum Schneeschippen. In Berlin liegt beispielsweise seit Wochen Eis und Schnee auf den Bürgersteigen. Da könnte die Stadt doch junge Sozialempfänger zum Räumen der Bürgersteige einsetzen. So praktisch ist das Leben. Wer sich dem verweigert, dem müssen die Mittel gekürzt werden.

Guido Westerwelle heute in der BILDzeitung.

Frustige Weihnachten für freenet-Kunden.

Als freenet-Kunde traf mich – wie vermutlich auch viele andere freenetter – zu Beginn des Monats eine Nachricht wie aus heiterem Himmel:
freenet geht in der 1&1 Internet AG auf, und ich war somit ab
1. Dezember nicht mehr freenet-, sondern 1&1-Kunde. Zack. Einfach so, ohne dass ich vorab informiert und um meine Zustimmung zu Anbieterwechsel und Datenweitergabe gebeten worden wäre.

Dazu muss erwähnt werden, dass ich vor einigen Jahren schon einmal 1&1-Kunde war – und nach nicht einmal einem Jahr entnervt vorzeitig gekündigt hatte, weil unsinnige Sondergebühren erhoben worden waren und der Kundenservice schon chronisch nicht erreichbar oder aber nicht sonderlich hilfreich war.
Nie wieder, so hatte ich mir damals geschworen, würde ich zu diesem Anbieter wechseln.
Denkste, Puppe! 1&1 hat sich sozusagen durch die Hintertür reingeschlichen und pocht jetzt auf Vertragserfüllung.

Der Hammer dabei ist ja: 1&1 pocht also auf Vertragserfüllung, andersrum hingegen kann überhaupt keine Rede mehr von den gewohnten Service-Qualitäten von freenet sein, die mir dort vertraglich zugesichert waren.
Der Kundenservice bei 1&1 ist schon seit Tagen nicht erreichbar, ich hing schon x-mal bis zu 20 Minuten in Warteschleifen, die automatische Anrufannahme schafft es nicht einmal, die über Telefon-Tastatur eingegebene Kundennummer korrekt zu erfassen – und das alles, um einen simplen Tarifwechsel in Auftrag zu geben.
:evil:

Bei 1&1 hat sich also trotz des neuerdings aufgrund der notorisch hohen Kundenunzufriedenheit eingeführten Postens eines “Leiters Kundenzufriedenheit” nichts an den unmöglichen Service-Bedingungen geändert.

Für mich schlichtweg ein Skandal, dass Leute, die mit einem Unternehmen ihrer freien Wahl einen Versorgungsvertrag abgeschlossen haben, gezwungen werden sollen, Servicestrukturen eines Konkurrenzanbieters zu akzeptieren (Rechtsnachfolge hin oder her), die unter alle Würde sind und die sie aus freien Stücken niemals gewählt hätten, zumal 1&1 diesbezüglich ja bereits ein mehr als desolater Ruf vorauseilte. Von freier Anbieterwahl kann da eigentlich keine Rede mehr sein.
Toll habt’s das hingekriegt, liebe freenet-Leute. :roll:

Klatsch und Tratsch: Flop der Woche.

Der Vatikan soll den homosexuellen Star-Coiffeur Udo Walz von einer zunächst zugesagten Audienz bei Papst Benedikt XVI. wieder ausgeladen haben. Anlass sei nach Angaben Walz’, der “zuverlässige Quellen” zitierte, der Umstand, dass Walz in einer sogenannten eingetragenen Lebenspartnerschaft mit einem Mann lebt.
Eine ganze Woche lang soll demnach im Vatikan über der hochpikanten Angelegenheit gebrütet worden sein, bis man sich dazu entschloss, doch besser davon abzusehen, Walz zu empfangen.

Hier wäre nun eine, wenn nicht DIE Gelegenheit für die katholische Kirche gewesen, sich einmal als vorwärtsgewandte Institution zu präsentieren, die sich langsam aber sicher vom staubigen Mief der vergangenen tausend Jahre verabschiedet hat und den modernen Menschen von heute einen mit so neudmodischen Errungenschaften wie Gleichberechtigung und Freitheit der persönlichen Lebensgestaltung zu vereinbarenden Lebensentwurf zu bieten in der Lage ist.
Dafür ist die Zeit im Vatikan anscheinendn noch nicht reif – und man ist geneigt, zu fragen, wie das jemals der Fall sein soll in einem Stadtstaat, der beinahe ausschließlich von Männern über 60 gesteuert wird.
Für so viel Intoleranz, Weltfremdheit und Rückwärtsgewandtheit gibts alle zehn Daumen runter :twisted:

Sind wir wirklich wieder reif für eine neue "Zeitenwende"?

Ich frage mich das zumindest immer öfter, und ganz besonders dann, wenn ich in unseren freien Medien wiederholt Kommentare wie den oben verlinkten aus einer Folge von Stefan Raabs “TV Total” vom 14.10. erblicke.

Ist es tatsächlich wieder so weit, dass in Deutschland ohne Scham, ohne moralische Bedenken Menschen aufgrund ihrer Herkunft und ihres Glaubens zu Zielscheiben öffentlichen Spotts und gewollt verletzender Häme werden?

Die Mohammed-Karikaturen machten es vor 31/2 Jahren vor, wie Meinungs- und Pressefreiheit – an sich löbliche und erhaltenswerte Errungenschaften der modernen Demokratien – blitzschnell zu Instrumenten öffentlicher Diskreditierung und Bloßstellung einer bestimmten gesellschaftlichen Gruppe entfremdet werden können.
Hassprediger-Blogs wie “Politically Incorrect” wurzelten in diesem nahrhaften Boden und entwickelten sich im Schatten von 9/11 und des Global War on Terror zu wahren Portalen gemeinschaftlicher Hetze gegen den Islam und seine Anhänger.

Von der “Islamisierung Europas” lesen wir da oder aber glorifizierende Laudationes auf Leute wie Theo van Gogh, für den Muslime nach einem berühmten Zitat “Ziegenficker” waren, was schon eine Menge dahingehend aussagt, wie viel Wertschätzung van Gogh diesen Menschen grundsätzlich entgegenbrachte (oder eben auch nicht).

Schon seit einiger Zeit ist im Lande eine wachsende Tendenz zu verzeichnen, die infolge von Nationalsozialismus und Judenmord angeeigente Scheu abzulegen, sich öffentlich abfällig oder diskriminierend über Menschen anderen kulturellen Einschlags zu äußern bis hin zu offener Hetze.

Die Äußerungen Thilo Sarrazins über Muslime “ohne produktiven Nutzen außer für den Gemüsehandel, die ständig neue kleine Kopftuchmädchen produzierten und die man daher nicht anerkennen müsse” kürzlich in einem Interview mit dem “Lettre International” etwa können in diesen Beobachtungszusammenhang gestellt werden.
Ein von mir aufgrund seiner umfangreichen und bissigen Informationsarbeit mittlerweile sehr geschätztes Blog hat dazu einen (sogar mehrere) interessante(n) Artikel verfasst.

Daran, dass Sarrazin in unsäglicher Manier pauschalierende Halbwahrheiten über die muslimische Minderheit ausposaunt hat, mindestens aber Phänomene, die im Vergleich zur großen Masse als marginal bezeichnet werden können und die es ebenso am gesellschaftlichen Rande der Deutschstämmigen zu beobachten gibt, zur “muslimischen Realität in Deutschland” aufblies, mit dem Ziel, die Muslime zum Abfallprodukt unserer Gesellschaft zu stempeln, kann meines Erachtens nach überhaupt kein Zweifel bestehen.
Zum Dank darf Sarrazin weiter die IT-Abteilung der Deutschen Bundesbank leiten und auch die Verfahren wegen Volksverhetzung, die gegen ihn eingeleitet wurden, dürften kaum irgendwelche Folgen für Sarrazin haben.

Das Kategorisieren von Menschen in “ökonomisch wertvolle” und “ökonomisch unbrauchbare” deutet zudem ein Menschenbild Sarrazins an, das den Menschen als solchen als wirtschaftliche Kennzahl begreift und dessen Recht auf Anerkennung vom Grade seiner produktiven Wertschöpfung abhängig macht. Inwieweit Muslimen hierzulande mehr oder weniger bewusst die Teilnahme am produktiven Wertschöpfungsprozess versagt wird, darüber geben Zahlen Auskunft, die Herrn Sarrazin entweder nicht bekannt waren oder die er bewusst verdrängt hat.

Stefan Raab hat dem ganzen antiislamischen Wind, der durch unser Land geht, nun noch eine gehörige Portion Vorstadtgassen-Niveaulosigkeit beigemischt, als es um die an sich sachliche Frage ging, ob denn ein muslimischer Feiertag eingeführt werden sollte.
Man wird das Gefühl nicht los, als würde jeder Versuch, jeder Vorschlag der islamischen Gemeinde hierzulande, den Islam ein Stückchen mehr ins Bewusstsein und in die Nähe der deutschstämmigen Mehrheit zu rücken, von dieser als Versuch gewertet, Mission zu betreiben, Deutschland zu “islamisieren”, ja als Angriff auf deutsche Kultur und Tradition begriffen.

Mit so einer Mehrheitsgesellschaft braucht man sich dann auch nicht zu wundern, wenn Migranten sich in Parallelgesellschaften zu ihresgleichen zurückziehen, wo sie wenigstens anerkannt und respektiert sind, und Integration nicht oder nur sehr schwer funktionieren kann. Denn erfolgreiche Integration braucht immernoch zwei: einen zur Einfügung in die neue Gesellschaft willigen zu Integrierenden und eine zur Integration eines Menschen mit fremder Kultur bereite Mehrheitsgesellschaft.