Archive

Ein Jahr Freundeskreis Sowjetischer Garnisonfriedhof – eine Bilanz. / Feierstunde zum 23. Februar auf dem Nordflügel mit dem Volksbund und Zeitzeugen der sowjetischen Besatzung

In der vergangenen Woche, am 14. Februar, wurde der Freundeskreis Sowjetischer Garnisonfriedhof ein Jahr alt. Es war ein turbulentes Jahr, in dem seine Mitglieder – zum Großteil unerfahren vor allem in Sachen organisatorischer Vereinsarbeit – einiges erreicht haben, aber auch einiges haben lernen müssen. Unsere Bemühungen um den Erhalt des Nordflügels des Sowjetischen Garnisonfriedhofes einten uns hingegen schon seit Sommer 2010. Seit dem Frühjahr desselben Jahres existieren Pläne seitens des Freistaates, den Nordflügel einzuebnen und in eine pflegeleichte Grünfläche mit kleinem Gedenkbereich umzugestalten. Für mehr als eine Viertelmillion Euro soll wertvolles historisches Dokumentationsmaterial verschwinden, damit der Freistaat im Jahr 4000 Euro Pflegekosten spart.

Der Nordflügel des Sowjetischen Garnisonfriedhofes nach einem Arbeitseinsatz des Freundeskreises

Der Nordflügel des Sowjetischen Garnisonfriedhofes nach einem Arbeitseinsatz des Freundeskreises

Zusammenarbeit mit dem Deutsch-Russisschen Kulturinstitut

Als der Freundeskreis im Februar 2011 entstand, bestand er aus sechs aktiven Mitgliedern. Vier davon waren parallel auch Mitglied im Deutsch-Russischen Kulturinstitut (DRKI) in Dresden. Im Verlaufe des Jahres sollte ein fünftes zum Freundeskreis hinzustoßen und dessen Mitgliederzahl auf insgesamt sieben erweitern. Alle Mitglieder hatten sich bereits lange zuvor eigenständig um den Garnisonfriedhof bemüht und die Entwicklung seines sich seit Übergabe der Pflege an den Freistaat im Jahr 1996 rapide verschlechternden Zustandes mit Sorge verfolgt.
Der FK bemühte sich im vergangenen Jahr unermüdlich um Kontakt zum zuständigen Staatsbetrieb Sächsisches Immobilien- und Baumanagement (SIB), zur russischen Regierung, der die Umgestaltungspläne des Freistaates für den Nordflügel zur Genehmigung vorliegen, sowie um Kontakt zu Angehörigen der auf dem Friedhof beigesetzten Soldaten und Zivilisten und ehemals hier stationierten Soldaten und Offizieren. Nicht zuletzt ein Bewusstsein für die Problematik innerhalb der Dresdner Bevölkerung zu schaffen, bildete ein wesentliches Moment unserer Arbeit. Auf unser Bemühen in Zusammenarbeit mit dem DRKI kamen zudem hochrangige Gäste wie die Bürgermeisterin von St. Petersburg, Valentina Matwijenko, oder der Erzpriester der Gemeinde Sologubowka in St. Petersburg, die einen der größten deutschen Soldatenfriedhöfe auf russischem Boden beherbergt.

Ende letzten Jahres traten zunehmend Differenzen über die künftige Organisation des Freundeskreises zwischen dem Vorsitzendes des DRKI, Wolfgang Schälike, sowie einem weiteren DRKI-Mitglied und den übrigen Mitgliedern des FK auf. Der Freundeskreis wollte weiter als unabhängige Arbeitsgruppe arbeiten und gemeinsam gleichberechtigt über das weitere Vorgehen entscheiden, während das DRKI den FK in das Institut integrieren wollte. Auch gab es Bedenken seitens des DRKI, ob ein Drängen auf eine Revision der Abrisspläne gegenüber dem Freistaat in der bis dato praktizierten Form der richtige Weg sei. Im Dezember 2011 schied Wolfgang Schälike daher auf eigenen Wunsch aus dem Freundeskreis aus und nahm zwei enge Vertraute mit. Damit endete die enge Zusammenarbeit mit dem DRKI.

Unter dem Dach des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge

Im Januar 2012 begab sich der Freundeskreis als eigenständige Arbeitsgruppe unter das Dach des Stadtverbandes Dresden des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. – einem über die Staatsgrenzen hinaus renommierten Verein, der weltweit die Gräber in Kriegen gefallener deutscher Soldaten pflegt und an der Aufklärung von Vermisstenfällen arbeitet. Maßgeblich für diese Entscheidung war für uns, dass wir so weiterhin gezielt an der Causa Nordflügel arbeiten konnten, ohne plötzlich nur noch eines von vielen vereinsrelevanten Themen zu sein, wie das bei einer Integration in das DRKI der Fall gewesen wäre. Zudem können wir von der immensen Erfahrung des Volksbundes in Sachen länderübergreifende Zusammenarbeit mit Behörden sowie hinsichtlich Gräberfürsorge und Forschung nur profitieren. Nach wie vor ist der Freundeskreis eigenständig, kein eingetragener Verein, erhält keinerlei Fördermittel und kann somit vollkommen unabhängig gegenüber freistaatlichen und kommunalen Behörden agieren.

Was wir erreicht haben

Zum ersten Mal jubeln durften wir im April 2011: Durch eine Antwort des Staatsministers des Inneren, Markus Ulbig (CDU), auf eine Anfrage der Linksfraktion im Landtag erfuhren wir, dass unserem im Herbst des Vorjahres beim Landesamt für Denkmalpflege eingereichten Antrag auf Ausweitung der Denkmalschutzwürde von der Hauptanlage des Garnisonfriedhofes auf den Nordflügel bereits im Dezember 2010 stattgegeben wurde. Wermutstropfen: Uns als Antragsteller hatte man damals darüber nicht informiert. Dennoch: Der Nordflügel mit seinen 600 militärischen und zivilen Gräbern trägt seither den Status eines Kulturdenkmals als wichtiges zeithistorisches Dokument der Besatzungszeit.

Mit Schreiben wandten wir uns unter anderem an den russischen Staatspräsidenten Wladimir Putin, der von 1985 bis 1990 die Dresdner Dependance des KGB leitete. In dem Schreiben klärten wir die russische Regierung über den veränderten Denkmalschutzstatus des Nordflügels auf, was der Freistaat bis heute nicht getan hat, und baten darum, den sächsischen Umgestaltungsplänen nicht zuzustimmen. Gleichzeitig machten wir deutlich, dass es sich hierbei um Gräber sowjetischer Staatsbürger handele, für die die SU-Nachfolgestaaten gemeinsam mit den hiesigen Behörden Sorge tragen sollten. Mithilfe von Wladimir Wassiljew, ehemals als Offizier in Königsbrück stationiert und heute im Verband der Veteranen der Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland aktiv, gelang es, festzustellen, dass unser Schreiben von Präsident Putin über das Außen- zum Verteidigungsministerium wanderte und dort anscheinend Sympathie für unser Engagement erkennbar ist.

Aus einer Antwort der Staatsregierung auf eine weitere Anfrage der Linksfraktion im sächsischen Landtag vom Sommer 2011 ging hervor, dass sich die Aufwendungen des Freistaates für Pflege und Instandhaltung sowohl der Kriegsgräberstätte als auch des Nordflügels seit Beginn unseres Engagements im Herbst 2010 vervielfacht haben. Das zeigt: Unser Einsatz hat sich gelohnt. Lagen die Pflegeaufwendungen etwa für den Nordflügel im Jahr 2010 noch bei 400 (!!) Euro jährlich, was man der Anlage durchaus ansah, lagen sie im Jahr 2011 bereits bei über 2200 Euro. Seit wir dafür sorgen, dass Menschen auch außerhalb Deutschlands sich für die Problematik interessieren und den Friedhof besuchen, ist der Freistaat bemüht, auch den Nordflügel in einem ansatzweise präsentablen Zustand zu halten.
In seinen Umgestaltungsplänen hatte der Freistaat den derzeitigen Pflegeaufwand für den Nordflügel wohlgemerkt mit 8000 Euro pro Jahr beziffert. Durch den Abriss der Gräber und der übrigen Friedhofsarchitektur sollte er auf 4000 Euro pro Jahr reduziert werden. Erstens wurden jedoch auch mit Bestehen der Friedhofsarchitektur in den vergangenen Jahren keine 8000 Euro für die Pflege ausgegeben. Zweitens würde der jetzige Pflegezustand bei gleichzeitiger Errichtung eines Wildschutzzaunes vollkommen ausreichen. Der jetzige Zustand (mit Grabmalen und Friedhofsarchitektur!) wird jedoch nachweislich mit 2000 bis 3000 Euro pro Jahr erreicht.

Der Freundeskreis hat es mit seinem Engagement in alle nur denkbaren Richtungen geschafft, die Causa Nordflügel bis zum heutigen Tage offen zu halten, dabei war der Baubeginn ursprünglich für Ende 2010/Anfang 2011 geplant. Bis dato hat die russische Regierung keine Entscheidung getroffen, und das SIB kann den Abriss der Friedhofsarchitektur nicht starten.

Unerwünschtes Bürgerengagement mit Folgen

Für den zuständigen SIB ist der Freundeskreis ein rotes Tuch. Der durch unser Engagement verursachte Aufschub des Umbaus und wiederholte Neuplanungen haben das Unternehmen Nordflügel zu einem teuren Unterfangen werden lassen, das bereits jetzt an die 100.000 Euro verschlungen hat. Dabei hat der Freundeskreis unter anderem eklatante Fehlplanungen des früheren Landesgeschäftsführers des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge Sachsen, Klaus Leroff, aufgedeckt. Leroff hatte auf eigene Faust mit dem Freistaat die Umgstaltung des Nordflügels geplant – und für die angedachten Namensstelen die falschen Gräberlisten herangezogen. Dadurch war er zu dem Schluss gekommen, dass auf dem Nordflügel viel mehr – nämlich fast doppelt so viele – Menschen beerdigt sein müssten als Gräber vorhanden sind. Was Leroff übersah, war der Umstand, dass auf seinen Listen nicht nur auf dem Nordflügel Bestattete vermerkt waren, sondern auch solche von der Kriegsgräberstätte. Auf Leroffs Geheiß war seinerzeit eine Umplanung veranlasst worden, die drei weitere Stelen vorsah, um “alle Namen” unterzubekommen. Hätten wir den SIB nicht auf den Fehler aufmerksam gemacht, hätte das verheerende und für den Freistaat vor allem peinliche Folgen haben können. Klaus Leroff ist mittlerweile nicht mehr Landesgeschäftsführer des VDK Sachsen.

Dennoch gestaltet sich das Verhältnis zwischen SIB und FK frostig. Im Mai 2011 drohte man uns im persönlichen Gespräch nach unserem Arbeitseinsatz auf dem Nordflügel vom 30. April indirekt mit einer Klage wegen Hausfriedensbruchs, sollte sich das wiederholen. Im letzten September untersagte man uns unter Angabe fadenscheiniger Gründe (Haftungsrisiko zu hoch), auf dem Friedhofsgelände zum Tag des Friedhofes bzw. des offenen Denkmals das Abhalten einer Ausstellung zur Geschichte des Sowjetischen Garnisonfriedhofes, der im selben Jahr 65 Jahre alt wurde. Wir mussten auf den Parkplatz gegenüber dem Friedhof ausweichen. Das SIB schickte eine “Streife”, die unsere Aktion überwachte und im Bild festhielt. Des Weiteren versuchte man uns quasi zu erpressen, indem man uns vor die Wahl stellte: Entweder wir akzeptierten die Umgestaltungspläne des Freistaates, oder es geschehe in der nächsten Zeit bis zur Entscheidung der russischen Seite überhaupt nichts mehr am Friedhof. Auf Anfragen zum neuesten Stand gibt der SIB keine Auskunft.
Bis heute hat der SIB die russische Seite nicht über den Denkmalschutzstatus des Nordflügels informiert. In einer Besprechung mit dem Amt für Stadtgrün und Abfallwirtschaft deutete man an, dass man erst grünes Licht für den Umbau haben wolle, den Denkmalschutz würde man danach “fragen”. Derzeit prüft der Freundeskreis die Möglichkeit einer einstweiligen Verfügung für den Fall eines unerwarteten Baustarts auf dem Nordflügel.

Aktivitäten 2012

Die Erforschung von Lebensbedingungen und Todesumständen auf dem Nordflügel beerdigter Soldaten wie Gennadij Malkin (Bild) ist ein wesentliches Ziel des Freundeskreises

Die Erforschung von Lebensbedingungen und Todesumständen auf dem Nordflügel beerdigter Soldaten wie Gennadij Malkin (Bild) ist ein wesentliches Ziel des Freundeskreises

Auch im neuen Jahr war der Freundeskreis bereits rege beschäftigt. Am 23. Februar (Donnerstag) haben wir um 14 Uhr eine kleine Feierstunde auf dem Nordflügel organisiert. Dies geschieht anlässlich des an diesem Datum in Russland begangenen Tages der Verteidiger der Heimat. Zu Sowjetzeiten hieß er Tag der Sowjetarmee. Wir wollen den Tag nutzen, um weiter auf die drohende Vernichtung des Nordflügels aufmerksam zu machen. Und um den Bogen zum russischen Feiertag zu schlagen: 400 dieser damaligen Verteidiger der Heimat fanden auf dem Nordflügel ihre letzte Ruhe. Bis heute weiß man fast nichts über ihre Lebensbedingungen hinter den Kasernenmauern der Dresdner Garnison in den 50er- bis 70er-Jahren. Noch viel weniger weiß man über die Umstände ihres frühen Todes. Wir wollen an ihr Schicksal erinnern und auf die Notwendigkeit einer vollumfänglichen Aufarbeitung der Besatzungszeit in Dresden aufmerksam machen.
Doch so nahe wie heute an der Aufklärung zumindest eines der Schicksale war der Freundeskreis nie zuvor. Es ist uns gelungen, einen Zeitzeugen zu finden (oder besser gesagt: er hat uns gefunden), der in Kontakt zu einer Familie eines hier in den 50er-Jahren stationierten sowjetischen Wehrpflichtigen steht, der im Jahr 1954 ums Leben kam und auf dem Nordflügel beerdigt wurde. Herr Neumerkel wird gemeinsam mit Vertretern des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge Dresden zur Feierstunde erwartet, um über seine Erfahrungen zu sprechen und das Grab des Soldaten zu besuchen.
Jeder, dessen Interesse für unsere Arbeit geweckt wurde, ist ebenfalls herzlich eingeladen, am 23. Februar um 14 Uhr auf den Nordflügel des Sowjetischen Garnisonfriedhofes an der Marienallee zu kommen.

[...]

Update: Schutz des Zivilteils des Garnisonfriedhofes vor Abriss und Umgestaltung.

Eine Eingabe zur Ausweitung des Denkmalschutzes für den Garnisonfriedhof von der Kriegsgräberstätte auf den Nordflügel ging im September 2010 an das Sächsische Landesamt für Denkmalpflege. Darin wurde geschildert, wie wichtig der Erhalt eines zeithistorisch in Dresden einmaligen Ortes ist und dass eine Trennung in Kriegsgräberstätte und “Zivilteil”, wie es im offiziellen Behördendeutsch der Fall ist, unsinnig ist, da die Linie zwischen Kriegsgräber und Nichtkriegsgräber selbst auf der unter Denkmalschutz stehenden Kriegsgräberstätte im Zickzack verläuft.
Im April erfuhr der zwischenzeitlich gegründete Freundeskreis Sowjetischer Garnisonfriedhof in Dresden aus einer Antwort der sächsischen Staatsregierung an die anfragende Linksfraktion im Landtag, dass das Landesamt für Denkmalpflege bereits im November 2011 dieses Ersuchen positiv beschieden und die Anpassung der Liste der Dresdner Kulturdenkmäler um den Nordflügel beschlossen hatte. Der Freistaat Sachsen informierte über diese Entscheidung weder den Freundeskreis als Antragssteller noch das Deutsch-Russische Kulturinstitut, das sich seit 1993 um den Garnisonfriedhof bemüht und eigentlich auch bei den Gesprächen über die Zukunft des Nordflügels mit am Tisch sitzen sollte. An das Sächsische Immobilien- und Baumangement (SIB) als verantwortliche Institution für die Umgestaltungspläne, die den Abriss der Grabmale vorsehen, gab das Landesamt für Denkmalpflege diese für den Umgestaltungsprozess essenziell wichtige Information nach SIB-Angaben erst Mitte März 2011 weiter.

Im Gespräch zwischen Vertretern des SIB und dem Freundeskreis, dem auch zwei Mitglieder des Deutsch-Russischen Kulturinstitutes angehören, am 12. Mai 2011 war die Verachtung des Freistaates für das bürgerschaftliche Engagement des Freundeskreises zum Erhalt des Nordflügels unüberhörbar. Unter anderem attestierte man mir als für den Freundeskreis anwesende Journalistin unlautere Methoden (“wahrscheinlich haben sie da irgendwo ein Tonbandgerät mitlaufen”) und machte den Freundeskreis offen dafür verantwortlich, dass die Umgestaltungspläne bis heute nicht von der russischen Seite abgesegnet seien und durch den veränderten Denkmalschutzstatus zusätzlich ins Stocken gerieten. Die russische Seite, der derzeit der aktuelle Entwurf für den Nordflügel zur Prüfung vorliegt, wurde über diesen veränderten Status bis heute nicht informiert. Auf Anfragen reagiert der SIB ausweichend.
Man warf uns in Geheimdienst-Manier Fotos unseres am 30. April stattgefundenen Arbeitseinsatzes auf dem Nordflügel auf den Tisch und meinte, dies sei gesetzeswidrig gewesen. Wir hatten den Arbeitseinsatz initiiert, weil der 8. Mai anstand und der SIB bis dahin keine Anstalten unternommen hatte, wie versprochen den Nordflügel herzurichten. Just am Tag vor dem Einsatz hatte man einen Gärtnertrupp über das Gelände gescheucht, der in Windeseile Rasen mähte und Sträucher zurückschnitt, die in jahrelangem Wildwuchs Grabmale vollkommen überwuchert hatten – natürlich außerhalb der gesetzlich dafür zulässigen Gehölzschnittzeiten (30.9.-31.3.) – wo wir schon bei Gesetzeswidrigkeiten wären.

Fazit: Der Freundeskreis versteht nicht, warum der Steuerzahler für die Zerstörung eines zeithistorisch wertvollen Friedhofes und die Errichtung eines seelenlosen Gedenkschreins, der über Bestattungs- und Trauerkultur zur Besatzungszeit keinerlei Auskunft mehr geben wird, eine Viertelmillion Euro zahlen soll. Es sind für jedes Grab Grabsteine vorhanden, die sich in hervorragendem Zustand befinden, ihr Abriss ist vollkommen irrational und aus kulturwissenschaftlicher Perspektive als absoluter Frevel zu bezeichnen. Alles, was der Nordflügel an Instandsetzung bräuchte, ist die Errichtung eines stabilen Zaunes zum Schutz vor Wildbefall sowie etwas Auslichtung und Grünflächensanierung. Dies wären einmalige Arbeiten, die um ein Vielfaches weniger Kosten verursachen würden als die geplante Generalumgestaltung.
Auch das Argument der aufwendigeren Pflege bei Belassen der Grabsteine ist nicht nachvollziehbar. Der Freundeskreis und auch das Deutsch-Russische Kulturinstitut haben mehrfach dem Freistaat ihre Unterstützung bei der Pflege und Instandhaltung des Nordflügels angeboten. Der Arbeitseinsatz vom 30.4. sollte dieses Angebot unterstreichen. In Kooperation mit grenzübergreifenden Schüler- und Migrantenprojekten soll künftig ein großer Teil der Pflege des Nordflügels ehrenamtlich – also ohne Kosten für den Freistaat – bewerkstelligt werden. der Freistaat nimmt dieses Angebot weder an noch ernst, er belächelt es vielmehr als halbseiden und unzuverlässig. An dieser Reaktion kann man erkennen, was das Ehrenamt in einem Land, in dem praktisch permanent die vorgebliche Bedeutsamkeit des Ehrenamtes besungen wird, tatsächlich wert ist: nämlich gar nichts, wenn es nicht imstande ist, Aufgaben mit derselben chirurgischen Präzision zu meistern, wie das Prinzp “kurzer Prozess”, mit dem der Freistaat das Thema “Nordflügel des Garnisonfriedhofes” ein für allemal vom Tisch haben will.

[...]

Subbotnik.

Wie geplant, haben der Freundeskreis Sowjetischer Garnisonfriedhof in Dresden und das Deutsch Russische Kulturinstitut (DRKI) am Sonnabend, dem 30. April, auf dem Nordflügel des Garnisonfriedhofes einen sogenannten “Subbotnik”, also einen freiwilligen Arbeitseinsatz, durchgeführt. Bei herrlichstem Sonnenwetter versammelten sich etwa 20 Personen, um den Nordflügel für die Feierlichkeiten zum 8. Mai, dem Tag des Kriegsendes in Europa, herzurichten. Vor allem Kriegsveteranen und ihre Familien, aber auch ehemals hier stationierte Sowjets waren gekommen. Der älteste Teilnehmer war ein 90-jähriger Mann, der die Blockade von Leningrad (1941-1943) er- und überlebt hat. Der jüngste war der neunjährige Daniel.

Zwei Gäste waren eigens aus Russland bzw. Tschechien angereist: Wladimir Wassiljew (49) aus Moskau war von 1987 bis 89 Leiter des Fernsehzentrums in der Garnison der 40. Gardepanzerarmee in Königsbrück, der Weißrusse Eduard Mojsak (40) lebte als Kind mit seinem hier als Offizier stationierten Vater und der Familie in Dresden-Klotzsche und ging dort in eine sowjetische Grundschule. Beide waren extra mit dem Auto angereist, um beim Arbeitseinsatz mitzuhelfen. Es wurde viel geschafft, und ich habe noch eine Woche danach meine Knochen gespürt.

Viel geschafft hatte in der Woche zuvor auch das Sächsische Immobilien- und Baumanagement. Erstmals seit vielen Jahren wurde nicht nur die Kriegsgräberstätte, sondern auch unser Neudenkmal, der Nordflügel, aufwendig instand gesetzt. So wurde der Wildwuchs um völlig eingewachsene Grabmale entfernt, viele Gräber waren zum ersten Mal seit Jahren wieder zugänglich. Für eine Schönheitskur haben dann die Subbotniki am 30. April gesorgt. Hier einige Fotos vom Einsatz:

Gisela Wedekind vom Freundeskreis an unserem Modell-Feld

Gisela Wedekind vom Freundeskreis an unserem Modell-Feld

Gisela und ich - beide FSGiD.

Gisela und ich - beide FSGiD.

Vitali Kolesnyk vom DRKI.

Vitali Kolesnyk vom DRKI.

Eduard Mojsak aus Prag und Wladimir Wassiljew aus Moskau.

Eduard Mojsak aus Prag und Wladimir Wassiljew aus Moskau.

Subbotniki (nicht vollzählig).

Subbotniki (nicht vollzählig).

Das Modell-Feld nach getaner Arbeit.

Das Modell-Feld nach getaner Arbeit.

Gemeinschaftsproduktion von Bürgern und SIB.

Gemeinschaftsproduktion von Bürgern und SIB.

Edik und Wladimir bei den Kindergraebern, rechts Philipp.

Edik und Wladimir bei den Kindergraebern, rechts Philipp.

Edik, ich, Wladmir nach getaner Arbeit.

Edik, ich, Wladmir nach getaner Arbeit.

[...]

Ringen von Erfolg gekrönt: Nordflügel des Sowjetischen Garnisonfriedhofes nun Kulturdenkmal!

Es ist geschafft! Nach mehr als einem halben Jahr Ringen um den Erhalt des Nordflügels des Sowjetischen Garnisonfriedhofes, insgesamt drei Eingaben an das Landesamt für Denkmalpflege, das sächsische Innenministerium und das Sächsische Immobilien- und Baumanagement (SIB) und jeder Menge Öffentlichkeitsarbeit steht seit heute fest: Der Garnisonfriedhof wird von nun an als zusammenhängendes Ensemble von zeithistorischem Wert angesehen und steht vollständig unter Denkmalschutz – und zwar inklusive dem bislang von der Denkmalschutzwürde ausgeschlossenen Nordflügel, auf dem sich rund 600 Gräber von Soldaten, Zivilisten und Kindern befinden, die in der Zeit zwischen 1952 und 1987 in Dresden ums Leben kamen (art und wIEse berichtete). Dies ging heute aus einer Antwort der Sächsischen Staatsregierung auf eine Anfrage der Linksfraktion im Landtag hervor, die hier zu einem späteren Zeitpunkt noch verlinkt wird. Damit haben sich viele Stunden Arbeit, in denen viele Menschen ihre Freizeit geopfert haben, letztlich gelohnt.

Inzwischen gibt es einen “Freundeskreis Sowjetischer Garnisonfriedhof in Dresden”, der von sechs engagierten Dresdner Bürgern am 14. Februar 2011 ins Leben gerufen wurde – ich selbst gehöre auch dazu. Gemeinsam haben wir in den letzten Monaten Gespräche geführt, zuständige Instanzen angeschrieben und um Unterstützung für unseren Standpunkt geworben, dass es keiner Radikalumgestaltung bedarf, die mindestens eine Viertelmillion Euro kosten würde und die Anlage ihres Friedhofscharakters vollständig berauben würde, um eine kostengünstige Pflege zu gewährleisten, wie vom Freistaat in Kooperation mit dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge geplant. Nicht nur aus dem Bürgerlager und von russischer Seite, sondern nun auch von denkmalschutztechnischer wehen den Plänen des unbelehrbaren Herrn Leroff vom Volksbund nun eisige Winde entgegen. Die Losung heißt ganz klar: Wir wollen kein seelenloses, dafür aber teures Denkmal – für wen denn auch? – wir wollen Ursprünglichkeit erhalten und den im Nordflügel beerdigten Toten nach Sitte ihres Heimatlandes eine würdige Totenruhe gestatten – ohne dass ihre Gräber für immer anonymisiert würden, was das Vorhaben des Herrn Leroff unweigerlich bedeutet hätte.

Der Freundeskreis setzt sich aber nun nicht zur Ruhe. Wir hoffen zwar, dass sich die unseligen Abrisspläne des Freistaates nun endgültig erledigt haben, denn ein Abriss von Grabsteinen auf einem unter Denkmalschutz stehenden Friedhof wäre so ohne Weiteres nicht möglich. Wir rechnen jedoch auch damit, dass SIB und Volksbund in irgendeiner Weise versuchen werden, ihre Pläne dennoch umzusetzen. Deshalb stehen in der nächsten Zeit eine Reihe weiterer Aktivitäten auf dem Programm. Unter anderem wird es am 30. April eine Aktion “Frühjahrsputz” auf dem Nordflügel geben. Freiwillige sind aufgerufen, mit mitgebrachtem Gartengerät wie Spaten, Harken, Besen und Schaufeln den sich in einem katastrophalen Zustand befindlichen Nordflügel von den gröbsten Verwahrlosungserscheinungen zu befreien.
Dabei werden wir uns zunächst den schlimmsten Teil am Südwestende des Nordflügels vornehmen, wo die meisten Grabmale unter eine Schicht aus Unkraut und aufgewühlter Erde verschwunden sind. Die Erde soll gelockert, von Unkraut befreit und geebnet, die Grabmale freigelegt werden. Die Aktion soll ausloten, was das Ehrenamt künftig imstande ist, in Sachen Friedhofspflege zu leisten. 4000 Euro würde die Radikalumgestaltung dem Freistaat im Jahr Pflegekosten sparen – wir wollen zeigen, dass eine Kooperation mit Bürgern und Vereinen das ebenso abfangen kann. Es ist geplant, über das Deutsch-Russische Kulturinstitut dauerhaft Jugend- und Migrantenprojekte in die Friedhofspflege mit einzubeziehen.

Wer also Lust hat, am 30. April bei trockenem Wetter mitanzupacken, der finde sich zwischen 9 und 16 Uhr (jeder macht nur so lange mit, wie er will) am Garnisonfriedhof an der Marienallee ein (zum Nordflügel bitte vom Haupttor aus den Mittelweg rechter Hand zwischen den Grabreihen bis ganz hinter zum Denkmal für die Kinder gehen, dann die Stufen zwischen den hohen Lebensbaumhecken hinunter zum Nordflügel gehen). Für Verpflegung sorgt der Freundeskreis. Dringend benötigt werden für die Aktion Gartengeräte aller Art, Schubkarren, Besen, Eimer, aber auch Bürsten (zum reinigen der Grabsteine) und Wellblech oder Maschendraht (zum Stopfen der Löcher im Maschendrahtzaun, durch die ständig Schwarzwild einfällt) – ganz toll wäre auch ein benzingetriebener oder ein Handrasenmäher sowie eine Gartenfräse.
Falls sich ein Gartenbaubetrieb fände, der mit einer Art Spende oder aber einer dauerhaften Patenschaft die Pflege des zeithistorisch wertvollen Nordflügels unterstützen möchte, wäre das riesig. Wir benötigen jede Art von Geräten, aber auch ein- bis zwei kostengünstige Gehölzrückschnitte im Jahr. Bei Interesse bitte einfach mailen.

P.S.: Ich weiß, ich habe mein kleines Wiesen-Blog in den letzten Wochen arg vernachlässigt. Das liegt daran, dass mir mein Volontariat, das ich im März begonnen habe, einfach keiner Zeit mehr gelassen hat. Und die Zeit, die überblieb, hab ich meinem Privatleben und zum Beispiel dem Garnisonfriedhof geschenkt.

[...]

Frieden.

Wer Ruhe und Abgeschiedenheit sucht, der sollte dem Garnisonfriedhof an der Marienallee unbedingt im Winter einen Besuch abstatten. Nirgends ist es ruhiger, friedlicher und feierlich als dort, wenn der Schnee zentimeterhoch alles bedeckt, beinahe jedes Geräusch verschluckt und dabei im stahlenden Sonnenschein glitzert und funkelt. Kaum ein Ort hätte den Namen “FRIEDhof” mehr verdient.

Der Schnee deckt gnädig die Spuren der Verwahrlosung im Nordflügel zu.

Der Schnee deckt gnädig die Spuren der Verwahrlosung im Nordflügel zu.

[...]

Heiße Phase im Friedhofsstreit beginnt.

Am Donnerstag – zu Fastnachtsbeginn – fand im Ministerium für Soziales ein inoffizieller Termin zum Garnisonfriedhof statt. Nichts Genaues wurde über die tatsächlichen Teilnehmer bekannt, außer, dass Ministerium, Sächsisches Immobilien- und Baumanagement (SIB) und Herr Leroff vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge beteiligt waren. Von Herrn Leroff erfuhr ich, dass Argumente und Wünsche der “russischen Seite” betreffs die Umgestaltung des Nordflügels gehört und dann eine Entscheidung getroffen werden sollten. Baubeginn soll wohl je nach Wetterlage Anfang nächsten Jahres sein – da kann man eigentlich nur auf einen langen, harten Winter hoffen. Die russische Seite (Konsulat und Botschaft) hingegen haben uns versichert, nach wie vor zu keiner Entscheidung gekommen zu sein, und auch von einem Termin im Sozialministerium vom 11.11. wüsste man nichts.

Nach langem Hin und Her, vielen Beratungen und einer Phase des Werbens um Aufmerksamkeit und Interesse für die von Zerstörung bedrohten Grabmale aus den 50er- bis 80er-Jahren im Nordflügel des Garnisonfriedhofes ist es nun so weit: In Zusammenarbeit mit dem Deutsch-Russischen Kulturinstitut (DRKI), dem Verein Echo e. V. und mit der Unterstützung vieler weiterer Institutionen und BürgerInnen wurde nun eine Eingabe an das Sächsische Staatsministerium des Inneren verfasst, die in der kommenden Woche dort eingehen wird. Das DRKI hat freundlicherweise seinen Briefkopf zur Verfügung gestellt und fungiert somit als Hauptinitiator.

Darin wird zum einen Kritik an der Art und Weise geübt, wie der Freistaat über viele Jahre hinweg nicht nur den Nordflügel dem Verfall, sondern auch die Kriegsgräberstätte – trotz Bundesförderung nach dem Gräbergesetz – zusehends der Verwahrlosung preisgibt.
Des Weiteren wird punktweise stichhaltig argumentiert, weshalb wir mit den derzeitigen Plänen des Freistaates für die Umgestaltung, zumindest was den Abriss der Grabmale betrifft, nicht einverstanden sind.
Zu guter Letzt wird dargelegt, weshalb wir der Ansicht sind, dass der Friedhofsteil unter Denkmalschutz gestellt werden sollte.

Es ist zudem gelungen, sowohl im Dresdner Amt für Kultur und Denkmalschutz sowie im Amt für Stadtgrün und Abfallwirtschaft Unterstützer für unser Anliegen zu finden. Der Dresdner Verband des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge hat die Petition – entgegen der Position seines Landesverbandes – ebenso unterzeichnet wie der Erzpriester der Russisch-Orthodoxen Gemeinde Dresden und einige weitere Vereine von deutscher wie russischer Seite.
Anmerkung: Wie jetzt erst bekannt wurde, wurde die Petition den zuvor benannten beiden Institutionen entgegen zuvor lautenden Aussagen des DRKI doch nicht zur Unterschrift vorgelegt, sondern in der oben sichtbaren Fassung eingereicht.

Deutscher Soldatenfriedhof Sologubowka bei St. Petersburg. Quelle: Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge.

Deutscher Soldatenfriedhof Sologubowka bei St. Petersburg. Quelle: Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge.

Sowjetischer Soldatenfriedhof in Dresden.

Sowjetischer Soldatenfriedhof in Dresden.

Neu errichteter deutscher Soldatenfriedhof in Kursk.

Neu errichteter deutscher Soldatenfriedhof in Kursk. Quelle: www.weltkriegsopfer.de.

Nachfolgend der exakte Wortlaut des Dokumentes:

Sächsisches Staatsministerium des Inneren

Betrifft: Pläne des Freistaates Sachsen zur Umgestaltung des Nordflügels („Zivilteil“) des Garnisonfriedhofes der Sowjetischen Armee an der Marienallee, Dresden-Albertstadt

Ersuchen um die Verleihung der Denkmalschutzwürde für den Nordflügel

Sehr geehrte Frau xxxxx,

als bürgerschaftliche Interessengemeinschaft, die sich zusammengefunden hat, um das historische Erbe unserer schönen Stadt Dresden in all seinen Facetten zu schützen, zu erhalten und zu erforschen, um auch künftig eine gewinnbringende Auseinandersetzung und Aufarbeitung vergangener Epochen zu ermöglichen, wenden wir uns mit folgendem Anliegen an Sie.

1. Zustand des Garnisonfriedhofes, insbesondere des Nordflügels

Zum einen möchten wir unsere Bestürzung über den derzeitigen desolaten Zustand des Garnisonfriedhofes der Sowjetischen Armee, insbesondere des im Norden gelegenen Anbaus aus der Zeit der Besatzung (der sogenannte „Zivilteil“), zum Ausdruck bringen.
Wir sind der Ansicht, dass der derzeitige Zustand des Friedhofes im Allgemeinen – sowohl auf der unter Denkmalschutz stehenden Hauptanlage, noch ausgeprägter aber auf dem „Zivilteil“ – in keinster Weise hinnehmbar ist. Auf dem gesamten Friedhof zeigen sich schwere Spuren von Vernachlässigung. Seit der Freistaat die Verwaltung des Geländes 1994 übernommen hat, wurde kein stabiler Zaun errichtet – Wildschäden prägen das Bild auf dem gesamten Areal. Für die Pflege erhält der Freistaat Bundesmittel unter anderem nach dem Gräbergesetz für den Erhalt der Kriegsgräber. Eine zweckorientierte Verwendung kann allerdings seit Jahren nicht wesentlich festgestellt werden.

Einige Beispiele:
Seit Monaten ist die Türklinke des Haupttores auf der Außenseite abgebrochen.
Die zur Heide hin installierten Maschendrahtzäune sind seit Jahren an mindestens drei verschiedenen Stellen zerstört.
Ende September wurde auf der Kriegsgräberstätte der Rasen gemäht, die zentimeterhoch aufgewühlte Erde wurde hingegen nicht angetastet.
Der einzige Wasserhahn auf der Kriegsgräberstätte funktioniert seit ewigen Zeiten nicht mehr, das Gleiche gilt für die Wasserhähne auf dem Nordflügel, eine Grabpflege vor Ort – etwa durch Angehörige – ist so gar nicht möglich.

Noch weitaus schlimmer stellt sich die Lage auf dem Nordflügel dar: Dass sich dort über 600 Gräber von Frauen, Kindern und zumeist sehr jungen Soldaten befinden, ist an vielen Stellen kaum mehr auf den zweiten Blick zu erkennen. Wege sind zugewachsen, Grabfelder völlig von Unkraut überwuchert und die Grabmale durch ausufernde Wildschweinsuhlen zumeist verschüttet und abgesunken. Der stiefmütterliche Umgang mit den Gräbern ehemaliger sowjetischer Bürger hier in Ostdeutschland hat gerade in den ehemaligen Sowjetrepubliken für Bestürzung sorgt.

Bekanntlich sieht nun auch der Freistaat Sachsen Handlungsbedarf. Das Vorhaben, das Areal endlich mit einem Wildzaun einzufrieden, begrüßen wir auf das Ausdrücklichste. Diese lange aufgeschobene Maßnahme wird in Zukunft helfen, gravierende Wildschäden zu vermeiden. Auch die angedachte grundlegende Instandsetzung des Areals, das Anlegen gepflegter Grünflächen sowie das Reduzieren des Wildwuchses begrüßen wir ausdrücklich.

Inakzeptabel ist für uns hingegen die Tatsache, dass diese Umgestaltungsmaßnahmen mit dem Abriss der Grabmale einhergehen sollen, um die künftigen Pflegekosten so gering wie möglich zu halten.
Wir sind der Ansicht, dass es zum einen aus ethischen Gründen nicht akzeptabel ist, bestehenden Gräbern einfach ihren Gedenkstein zu nehmen, als dem Inbegriff dessen, was von den Verstorbenen verblieben ist: ihre Namen, ihre Lebensdaten, in Einzelfällen ihr Bildnis und in vielen die in steinerne Worte gegossene Trauer derer, die zurückblieben. Selbst auf städtischen Friedhöfen wird dies so nicht gehandhabt: Entweder werden die Gräber komplett eingeebnet und wieder für Beerdigungen freigegeben, oder sie bleiben eben komplett erhalten und stehen unter Denkmalschutz (siehe etwa Elias-Friedhof).
Des Weiteren sind wir der Ansicht, dass gerade die Grabsteine einen erheblichen historischen und kulturellen Wert darstellen, der mit ihrer Vernichtung unwiederbringlich verloren ginge. Nur, wenn die Grabanlagen insgesamt in ihrer Ursprünglichkeit bestehen bleiben, ist ein Nachvollziehen und Erleben der Lebensumstände und der Bestattungskultur während der vergangenen Epoche der sowjetischen Besatzungszeit in der Dresdner Garnison möglich.

2. Denkmalschutz für den Nordflügel

Zum zweiten möchten wir daher im Interesse eines möglichst dauerhaften Erhaltes des Friedhofscharakters des Nordflügels in seiner Ursprünglichkeit dazu auffordern, das Areal nicht länger wie ein Stiefkind der Hauptanlage zu behandeln und es endlich wie eben jene unter Denkmalschutz zu stellen.
Es erschließt sich uns nicht, wie man eine Anlage, die von 1946 bis 1987 ein und demselben Zweck diente – nämlich der Bestattung jener Militärangehörigen und ihrer Verwandten, die ohne den von Deutschland verschuldeten Zweiten Weltkrieg nie hier stationiert gewesen wären –, derart nach ihrer vermeintlichen Wertigkeit spalten kann. Diese Spaltung hat zu dem als irrational zu bezeichnenden Umstand geführt, dass heute ein Grab eines 1965 in Dresden verstorbenen Offiziers (also nach Gräbergesetz kein Kriegstoter), das auf dem Südwestflügel des Friedhofes Platz fand, unter Denkmalschutz steht, das Grab eines 1952 verstorbenen 18-jährigen Rekruten auf dem Nordflügel hingegen nicht, welches deshalb dem Verfall preisgegeben ist und nun durch den Abriss des Grabsteins anonymisiert werden soll.
Im Übrigen sind wir der Überzeugung, dass bereits die Unterscheidung zwischen „militärischem“ und „Zivilteil“, wie im Beamtendeutsch üblich, irreführend und schlichtweg falsch ist, da auf dem Nordflügel zu zwei Dritteln Soldaten begraben liegen (gezählt wurden 405 Soldatengräber und etwa 200 von Zivilisten), die zudem während der Besatzungszeit aufgrund des Kalten Krieges in ständiger Mobilmachung und unter Waffen standen und die Einheiten auf einen Kriegseinsatz permanent vorbereitet wurden. Es handelt sich also in der Tat mehrheitlich um militärische Gräber, deren Errichtung aufgrund des bestehenden Kalten Krieges als unmittelbarer Folge des Zweiten Weltkrieges sowie diverser unschöner Umstände des Militäralltages notwendig wurde.
Die Unterscheidung zwischen Kriegsgräbern und Nicht-Kriegsgräbern als Kriterium für die Verleihung der Denkmalschutzwürde wird allein schon durch die fließenden Grenzen zwischen beiden auf der Hauptanlage ad absurdum geführt, wo neben den knapp 1250 Kriegstoten auch etwa 250 nach dem 31.3.1952 Verstorbene begraben sind.

Warum ist der Nordflügel unter Denkmalschutz zu stellen?

1.
Der Nordflügel gehört untrennbar zum bereits unter Denkmalschutz stehenden Rest der Anlage. Schon aus der chronologischen Abfolge der Bestattungen auf dem gesamten Friedhof ist erkennbar, dass es keine ursprüngliche Trennung zwischen einer Anlage für die Kriegstoten und einer für später Verstorbene gab. Vielmehr ist man pragmatisch vorgegangen und hat aus Platzgründen die Anlage nach allen Seiten erweitert. Eine Abgrenzung ist allenfalls zwischen höheren und niederen Dienstgraden erkennbar: Während die Offiziere bis zur Reform des Sowjetischen Militärs 1967 und der dabei beschlossenen Rückführung verstorbener Militärangehöriger in die Heimat ausschließlich mit aufwendigen Grabmalen auf der Hauptanlage bestattet wurden, die sich von den Grabmalen der Kriegsgefallenen höherer Ränge mitnichten unterschieden, wurden die einfachen Soldaten in großer Zahl auf der nördlichen Erweiterung beigesetzt.

2.
Die Grabmale auf dem Nordflügel bestehen aus naturbelassenem rotem Quarzporfyr mit aufwendig herausgearbeiteten, erhabenen Beschriftungen. Selbst nach 20 Jahren der Verwahrlosung sind die meisten davon noch sehr gut erhalten. Die Inschriften sind in kyrillischer Schrift verfasst und stellen in solch großer Zahl in Dresden eine absolute Rarität dar. Lebensdaten und Dienstgrade geben wertvolle Aufschlüsse über die Lebensverhältnisse in der damaligen Garnison. Die Grabmale bieten einen wahren Fundus an Informationen für Historiker und Wissenschaftler. Der Nordflügel ist Teil des einzigen Dresdner Friedhofes, auf dem ausschließlich nicht-deutsche Staatsangehörige begraben sind.

3.
Der Nordflügel ist landschaftsarchitektonisch planvoll und gestalterisch aufwendig in die Hanglage des oberen Prießnitzgrundes eingepasst. Die terrassenförmig gestaltete Anlage mit viel altem Baumbestand sowie sandsteingefassten Grabfeldern und Wegen stellt ein Kleinod landschaftsbaulicher Handwerkskunst dar. Anderenorts – etwa in Russland – werden solche Anlagen heute teuer und aufwendig errichtet, sobald ein weiteres Massengrab deutscher Wehrmachtssoldaten aus dem 2. Weltkrieg entdeckt wird. In Dresden hat man eine solche Anlage bereits – und möchte sie nun ihrer wesentlichen Struktur berauben.

4.
Der Nordflügel stellt ein Zeitzeugnis einer in sich abgeschlossenen historischen Epoche Dresdner Geschichte dar. Er dokumentiert die Existenz und den Umgang mit Lebenden wie Toten von Menschen einer anderen Nation, die hier fast ein halbes Jahrhundert lang gelebt haben. Und er dokumentiert die Wirkmechanismen einer totalitären, auf ständige Wehrhaftigkeit getrimmten Diktatur nach innen.

Uns lässt der Gedanke keine Ruhe, dass man Menschen, die während der SED-Diktatur Unrecht erfuhren, Denkmäler setzt, weil es der politischen Leitlinie entgegenkommt, während man Menschen, die zur gleichen Zeit, zumeist unbemerkt von der Öffentlichkeit, teils unter unmenschlichen Bedingungen den Tod fanden, vergisst bzw. nicht einmal Willens ist, ihre Gräber zu erhalten, weil es sich um keine deutschen Opfer handelte, sondern um Angehörige der kommunistischen Besatzungsmacht, die heute immer noch synonym für ein äußerst diffuses, wenig differenziertes Feindbild steht.
Mit dem Garnisonfriedhof ist uns Dresdnern eine Möglichkeit gegeben, an den Gräbern der Toten über die Folgen von Diktatur und Militarismus aufzuklären, die für Menschlichkeit oft keinen Platz ließen. Aber auch eine Möglichkeit, uns zu erinnern an die Zeit der Besatzung und das oft problematische Zusammenleben, geprägt von Misstrauen und ideologisch konstruierten Freund- und Feindbildern, das nur selten Raum für tatsächliche Annäherung bot.

Nicht zuletzt das Deutsch-Russische Kulturinstitut steht heute für eben jenen Gedanken gelebter Annäherung zwischen Deutschen und ehemaligen Sowjets, zwischen Kriegsschuldnern und Besatzern. Es gibt viele Ideen für Jugendprojekte und integrationsfördernde Maßnahmen etwa für Migranten aus den ehemaligen Sowjetrepubliken, in die die ehrenamtliche Pflege des Zivilteils des Garnisonfriedhofes im Rahmen von Bildungs- und Begegnungsseminaren und auch als aktives Erleben eines Teils eigener Geschichte eingebunden werden könnte.
Es ist uns wichtig, den Friedhof auch für Informations- und Aufklärungsarbeit zu nutzen, Menschen, die die Vergangenheit aus unterschiedlichen Perspektiven erlebt haben, ins Gespräch zu bringen und somit auch zum Abbau der allgemeinen Situation der Scham und des Schweigens über jene Zeit beizutragen.

Als historisches Zeitzeugnis von derartiger Bedeutsamkeit ist der Garnisonfriedhof als untrennbare Einheit zu betrachten und daher insgesamt unter Denkmalschutz zu stellen, um seinen dauerhaften Erhalt zu garantieren.

Die Unterzeichner:

Deutsch-Russisches Kulturinstitut, Herr Dr. Wolfgang Schälike:

Verein European Culture and Hospice Oganizations, Frau Prof. Dr. Ingrid-Ulrike Grom:

Frau Jane Jannke, freie Journalistin:

im Namen vieler weiterer Kulturfreunde, die derzeit in einer separaten Unterschriftenliste ihre Unterstützung bekunden.

Keiner der 4 Wasserhähne auf der Anlage funktioniert mehr.

Keiner der 4 Wasserhähne auf der Anlage funktioniert mehr.

Die Türklinke des Haupttores ist seit Monaten defekt.

Die Türklinke des Haupttores ist seit Monaten defekt.

Die Liste der Unterzeichner ist derweil noch angewachsen, die aktuelle Fassung liegt mir noch nicht vor, da Herr Dr. Schälike bis gestern noch von Pontius nach Pilatus unterwegs war, um alle Unterzeichner zu erreichen.

Wer diese Eingabe und damit den Erhalt der Grabstätten seinerseits unterstützen möchte, kann dies jederzeit im Deutsch-Russischen Kulturinstitut Dresden, Zittauer Straße 29, 01099 Dresden, tun. Dort liegen seit gestern Unterschriftenlisten aus.
Für ein Gespräch und einen Kaffee wird man dort gern Zeit haben.

Es bleibt nun, zu hoffen, dass man an entscheidender Stelle zugänglich für Argumente und zur Zusammenarbeit mit Vereinen und Bürgern bereit sein wird.

Blumen zum 45. Todestag. Worotynzew, Nordflügel.

Oktober: Blumen zum 45. Todestag. Worotynzew, Nikolai Kuzmich. Nordflügel.

Oktober: Blumengruß nach 65 Jahren, Kriegsgräberstätte.

Oktober: Blumengruß nach 65 Jahren, Kriegsgräberstätte.

[...]

Da wiehert der Amtsschimmel.

Bekanntlich sollen ja im Sowjetischen Garnisonfriedhof die Grabsteine abgerissen werden, weil die Pflege, für die ab 2011 übrigens mit dem Amt für Stadtgründ und Abfallwirtschaft die Stadt Dresden zuständig sein soll, dann weniger aufwendig und damit billiger ist. Aber irgendwo muss man schließlich das Geld, das man anderswo ins Blaue pulvert, wieder reinholen – wieso also nicht bei den verwitterten Gräbern der ehemaligen Besatzer?

Denn: Abgerissen wurde soeben in unserer schönen Stadt auch etwas ganz anderes: ein guter Teil der gerade erst für teures Geld (200.000 Euro) errichteten Flutschutzmauer in der Dresdner Friedrichstadt. Gut 20.000 Euro einfach zum Fenster rausgeworfen, weil man – sorry – schlichtweg zu blöd war, eine ordentliche Planung hinzulegen, die die an dieser Stelle geplante Straßenbahntrasse zum Messegelände berücksichtigt.

Weiteres Beispiel: Das sogenannte “Wiener Loch” am Dresdner Hauptbahnhof. Seit Mitte der 90er-Jahre dümpelt die riesige Baugrube als Investitionsleiche vor sich hin. Zig Nutzungsmodelle kamen und gingen – keins wurde bislang verwirklicht. Allein die Sicherung des Lochs verschlingt seit über 15 Jahren monatlich 30.000 Euro an Steuergeldern – hochgerechnet auf 15 Jahre satte 5,5 Millionen Euro. Millionen wurden bislang zusätzlich investiert – ohne, dass es zu einem Ergebnis geführt hätte, das zur Refinanzierung taugte. Der Bund der Steuerzahler hat das Millionengrab deshalb in sein Schwarzbuch der Verschwendung von Steuergeldern aufgenommen. Die Baugrube erobert sich mittlerweile die Natur zurück – die wohl teuerste städtisch und staatlich geförderte Renaturierungsmaßnahe, die es in Dresden je gegeben hat.

Beispiel 3: Die 39. Grundschule auf der Schleiermacherstraße in Dresden-Plauen. 2005/06 wurde das über 130 Jahre alte Gebäude für mehr als eine halbe Million Euro saniert. Allerdings derart schlampig, dass die Schule nur 4 Jahre nach ihrer Wiedereröffnung im April dieses Jahres wegen akuter Einsturzgefahr erneut geschlossen werden musste. Für knapp 1 Million Euro muss die Schule nun erneut und dieses Mal so saniert werden, wie dies bereits 2006 hätte erfolgen sollen. Auf die Idee, die Statik zumindest einmal gründlich zu prüfen, ist man bei der damaligen Instandsetzung anscheinend gar nicht erst gekommen.

Beispiel 4: Waldschlösschenbrücke. 120 Millionen Euro sollte sie ursprünglich kosten – bei Weitem genug, das Land Sachsen wollte die Brücke mit 96 Millionen Euro bezuschussen. Die neuesten Kostenprognosen stehen dank unzähliger Planungspannen und leichtfertiger Versäumnisse der Stadt Dresden mittlerweile bei stolzen knapp 160 Millionen Euro – 40 Millionen mehr als eingangs veranschlagt. Es würde nicht verwundern, dass bei einer derart dillettantischen Planung und Durchführung der Stadt Dresden der entgültige Kostenpunkt bis zum Jahr der Fertigstellung auf 200 Millionen Euro klettern würde.

So hätte man dann in Dresden in nicht mal 20 Jahren mit nur vier ausgewählten Projekten stattliche knapp 100 Millionen Euro Steuergeld verschwendet, verjubelt, einfach in den Orkus geblasen – und auf einer historischen Stätte reißt man nun die Grabsteine aus der Erde, um im Jahr einen fünfstelligen Betrag an Pflegeaufwand zu sparen.
Für so viel Dilettantismus stifte ich spontan den Wiehernden Amtsschimmel – den neuen Bürgerpreis für besonders ineffiziente und bigotte Finanz- und Verteilungspolitik von Kommunen.

Motiv: Der Amtsschimmel von Eggebek, Karl Goldhamer www.goldhamer.de

Motiv: Der Amtsschimmel von Eggebek, Karl Goldhamer www.goldhamer.de

P. S.: Vielleicht möchte jemand eine entsprechende Büste sponsern? Den organisatorischen Part übernehme ich :twisted:

[...]

Mehr Demokratie wagen?

Nicht, wenn es nach der schwarz-gelben Regierung des Freistaates Sachsen geht, wie es scheint. Wie demokratisch unser schönes Land wirklich ist, das weiß man tatsächlich erst dann, wenn man einmal versucht hat, sich politisch einzubringen und zwar in eine Richtung, die der Position der Entscheidungsträger zuwiderläuft.
Zu Zeiten klammer Kassen ist der Bürgerwille zudem umso lästiger, bedeutet er doch eigentlich zumeist, dass man vom eigenen Kurs abweichen müsste, der im Falle der schwarz-gelben Sachsen-Koalition lautet: Lieber noch ein wenig mehr an Kultur, Sozialem, der Umwelt und dem Bürger sparen, als teure Image-Kampagnen, Leuchtturm-Förderung, Infrastruktur- und Tourismusprojekte einzuschränken oder gar am eigenen Verwaltungsapparat zu kürzen.

Was tut der Freistaat also, wenn er durch unliebsame Bürgerinitiativen Gefahr läuft, in seiner Sparwut etwa in kulturellen Fragen ausgebremst zu werden? Ganz einfach: Man sperrt jene Vereine und Personen, die unbequeme Fragen stellen und Positionen vertreten, die den Plänen des Freistaates im Wege stehen, einfach aus und verhandelt ausschließlich mit jenen darüber, die man auf seiner Seite weiß.

So läuft es derzeit zur Frage, wie zukünftig mit dem russischen Garnisonfriedhof an der Marienallee verfahren werden soll. Als Produkt von Übereinkommen, die mit der Sowjetunion und der DDR zwischen zwei Staaten getroffen wurden, die seit 20 Jahren nicht mehr existieren, befindet sich zumindest der nicht unter Denkmalschutz stehende Zivilteil heute quasi in einem rechtsfreien Raum. Niemand will ihn haben, niemand fühlt sich verantwortlich. Zuständig ist notgedrungen der Sächsische Staatsbetrieb Immobilien- und Baumanagement (SIB), doch macht man dort kein Hehl daraus, dass man den lästigen Kostenproduzenten am liebsten los wäre.
Da man jedoch mit einer kompletten Räumung die russische Seite verprellen würde, sieht der Kompromiss nun so aus, dass der Zivilteil zwar erhalten werden soll, jedoch nur unter Abriss der oberirdischen Grabmale, damit der Rasenmäher zukünftig schneller über die Grünfläche kommt. Stattdessen sollen 2 neue Steine mit den Namen der Toten aufgestellt werden.
Das muss man sich mal vorstellen: Die Gräber sollen bleiben, aber man raubt ihnen ihren Gedenkstein und anonymisiert sie dadurch. Welch ein würdeloser Kuhhandel, den der Freistaat hier mit den russischen Behörden und dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. beschlossen hat und der auch in anderen ostdeutschen Bundesländern derzeit – ebenfalls in Verbindung mit dem Volksbund – Schule macht, um Kosten zu sparen.

Dabei sind die Friedhöfe oft die letzten öffentlich zugänglichen Dokumente einer längst vergangenen Zeit, die so viele offene Fragen hinterlassen hat, und deren Spuren gerade von offizieller Seite am liebsten vollumfänglich getilgt würden. Fakt ist, dass gerade die Grabmale in ihrer Anordnung und mit den Lebendaten und Dienstgraden der Verstorbenen darauf viele Informationen hinsichtlich der Lebensumstände der damals hier stationierten Soldaten und Zivilisten geben, dass die Grabmale auch die letzten Spuren einer Existenz darstellen, die nur allzu oft an den Folgen kommunistischer Gewaltherrschaft und Willkür zugrunde ging.

Im deutschen Gräbergesetz gibt es einen Passus, der den Gräbern der Opfer kommunistischer Gewaltherrschaft dauerhaften Erhalt im Sinne eines mahnenden Gedenkens zugesteht. Demnach fallen darunter:

Personen, die aufgrund rechtsstaatswidriger Maßnahmen als Opfer des kommunistischen Regimes ums Leben gekommen oder an den Folgen von aufgrund derartiger Maßnahmen erlittener Gesundheitsschädigungen innerhalb eines Jahres nach Beendigung der Maßnahme verstorben sind

Im sowjetischen Militär kamen nach Erkenntnissen von Historikern allein auf dem Gebiet der ehemaligen DDR alljährlich 3000 bis 4000 Soldaten ums Leben – zu Friedenszeiten. Das entsprach 1% aller dauerhaft in der DDR stationierten Sowjetsoldaten, und das jedes Jahr. Etwa 500 davon sollen allein jährlich Selbstmord begangen haben, weitere starben bei Unfällen, Straftaten oder bei standgerichtlichen Exekutionen nach Desertionsversuchen. Wenn DAS keine Willkürherrschaft ist, der der einfache Soldat als vollkommen rechtlose Person mehr oder weniger hilflos ausgeliefert war, dann frage ich mich, was der deutsche Staat dann darunter begreift.

Kritische Stimmen sind in den sächsischen Amtsstuben aber natürlich nicht gefragt, man hat es nun eilig, die eigenen Pläne durchzupeitschen, denn bald ist Stichtag für die Fördermittelvergabe. Deshalb wurden auch zu dem am kommenden Donnerstag stattfindenden Termin zur Sache im Staatsministerium für Soziales lediglich jene Parteien eingeladen, die nachweislich den freistaatlichen Plänen nicht im Wege stehen: Der SIB, das Finanziministerium, der Volksbund für Kriegsgräberfürsorge und Vertreter der russischen Behörden, denen der kulturelle und historische Wert der Grabstätten aus einer vergangenen, abgeschlossenen Epoche gleichgültiger nicht sein könnten.

Das Deutsch-Russische Kulturinstitut, das im April noch mit am Verhandlungstisch saß und dabei eindringlich seine Bedenken gegenüber den Abrissplänen äußerte, wurde nun erst gar nicht über den Termin informiert. Und das, obwohl man dem Vorsitzenden, Herrn Dr. Schälike, noch im April schriftlich zugesichert hatte, seine Position zur Angelegenheit auch künftig zu berücksichtigen. Dass ich von dem bevorstehenden Termin überhaupt erfahren habe, ist einem glücklichen Zufall geschuldet.
Der Freistaat setzt sich mit diesem Verhalten über die Ansichten vieler Menschen in Dresden und auch in den ehemaligen Sowjetrepubliken hinweg. So gesteht der russisch-orthodoxe Glaube, ähnlich dem jüdischen, Verstorbenen ein ewiges Ruherecht zu, so etwas wie ein Erlöschen des Ruherechts nach 25 Jahren wie es das im zernormten und ach so zivilisierten Deutschland gibt, kennt man dort nicht. Zudem ignoriert der Freistaat den Umstand, dass viele Angehörige vielleicht gerne pflegen kommen würden, dies aber über die Distanz schlicht und ergreifend nicht möglich ist.

Die vonseiten des Deutsch-Russischen Kulturinstitutes ins Gespräch gebrachte Möglichkeit, die künftige Pflege des Zivilteils des Friedhofes zu einem guten Teil durch ehrenamtliches Engagement im Rahmen von Begegnungs- und Bildungsseminaren für russische Jugendgruppen oder aber von integrationsfördernden Maßnahmen für in Dresden lebende Migranten aus den ehemaligen Sowjetrepubliken zu bewerkstelligen, will man gar nicht erst diskutieren, sondern versucht nun, klammheimlich hinter verschlossenen Amtstüren eine Entscheidung herbeizuführen, die dann so leicht nicht mehr gekippt werden kann.
Auf das Ersuchen der erneuten Prüfung der Denkmalschutzwürde des Zivilteils, das ich im September beim Landesamt für Denkmalpflege eingereicht hatte, gibt es bis heute keine Reaktion, und vermutlich drängt man beim Freistaat nun auf eine Entscheidung, weil man den Druck der Bürger spürt, die sich mit diesem Raubbau an Kultur und historisch wertvollen Stätten zugunsten einiger eingesparter Euronen nicht abfinden wollen.

Dass es auch anders geht, zeigt das Beispiel Brandenburg, wo das Land und die Kommunen mit den verschiedenen Vereinen und Initiativen an einem Tisch sitzen und gemeinsam über die Zukunft ihrer Garnisonfriedhöfe verhandeln. In Brandenburg ist wohlgemerkt eine rot-rote Regierung an der Macht. Schwarz-Gelb in Sachsen hingegen bevorzugt die Hau-Drauf-Methode des Durchregierens unter Ausschluss kritischer Stimmen und vor allem unter weitestgehender Ignoranz gegenüber der Tatsache, dass man im Begriff ist, wertvolle Spuren der Vergangenheit auszulöschen, die schon allein aus diesem Grund wert wären, unter Denkmalschutz gestellt zu werden.

[...]

Ringen um Erhalt des Zivilteils des Garnisonfriedhofs nimmt Formen an.

Die vergangenen zwei Wochen verliefen einigermaßen turbulent. Während Leser dieses Blogs schon mal den Anschein gewinnen konnten, es täte sich nichts in Sachen Rettung des Zivilteils vor Abrissbaggern und kulturfeindlicher Umgestaltung, formiert sich hinter den Kulissen langsam eine Allianz der Kulturfreunde, der engagierten Bürger, ehemaliger Angehöriger der sowjetischen Streitkräfte und verschiedener Vereine. Die Kontakte, die ich in der letzten Zeit knüpfen konnte, reichen bis nach Russland. Nach Angaben des Offiziers und ehemaligen Kommandeurs einer bei Königsbrück stationierten Einheit der Sowjettruppen, Wladimir K. Wassilijew, der sich bereits persönlich in Dresden einen Überblick über die derzeitige Situation verschaffte, befassen sich mit dem Schutz und dem Erhalt der historisch wertvollen Anlage an der Marienallee auf sein Bestreben hin momentan auch das russische Verteidigungsministerium und die russische Botschaft in Deutschland.

In einem Internetforum, in dem sich aktuell etwa 2000 ehemals in und um Dresden stationierte Sowjetsoldaten austauschen und miteinander Kontakt halten, kursiert ein Aufruf, sich zu erinnern: Wer weiß von Kameraden oder Angehörigen, die auf dem Garnisonfriedhof zwischen 1952 und 1987 bestattet wurden? Wer hat Originalpapiere aufbewahrt? Welche Behörde war zuständig (sowjetische oder deutsche)? Dabei entwickeln immer mehr ehemalige Soldaten einen intensiven Aktivismus. Dabei konnte ermittelt werden, dass die Regierungen fast aller ostdeutschen Bundesländer wie Brandenburg, Thüringen und Sachsen-Anhalt derzeit ähnliche Projekte initiieren, um die zivilen Bereiche der sowjetischen Garnisonfriedhöfe zurückzubauen und durch pflegeleichte Grünanlagen zu ersetzen, dabei gleichen die Pläne einander oft bis ins Detail. Auch aus Polen sind solche Vorhaben bekannt geworden. So wurde etwa auch der Zivilteil des Ehrenhains in Michendorf (Brandenburg) jahrelang vernachlässigt, befindet sich heute in einem desolaten Zustand und soll nun ähnlich dem Dresdner-Modell in eine Grünanlage mit Obelisk umgewandelt werden. Eine deutsch-russische Initiative bemüht sich derzeit darum, dieses Vorhaben zu verhindern und die Mittel für Sanierung und Erhalt der Anlage aus russischen Spendengeldern aufzubringen.

Doch auch in Dresden tun sich Möglichkeiten auf. So ist für den kommenden Montag ein Treffen mit dem Vorstandsvorsitzenden des Deutsch-Russischen Kulturinstitutes (DRKI) in Dresden geplant, das sich bereits seit dem Abzug der Sowjettruppen aus Sachsen 1993 mit der Angelegenheit des Garnisonfriedhofes beschäftigt und unter anderem die Sanierung der Kriegsgräberstätte zwischen 1998 und 2007 durchsetzen konnte und auch das Dostojewski-Denkmal am Landtag realisierte. Den Kontakt stellte freundlicherweise Herr Wladimir Wassilijew her. Ein erstes Telefonat heute verlief bereits sehr vielversprechend. Der Freistaat Sachsen steht derzeit in intensiven Verhandlungen mit dem DRKI. Nach Angaben des Vorsitzenden, Herrn Schälike, liegt dem Institut mittlerweile der genaue Entwurf des Sächsischen Staatsbetriebes Immobilien- und Baumanagement (SIB) zur Umgestaltung vor. Während der Verein wie ich selbst auch dem geplanten Bau eines stabilen Zaunes zustimmt, lehnt er den Abriss der kulturell wertvollen Grabanlagen ab. Am Montag werde ich nun erstmals Einsicht in die genauen Pläne erhalten, das SIB hielt sich diesbezüglich bis jetzt ja eher sehr vage und bedeckt.

Des Weiteren haben sich Kontakte zum ECHO – European Culture and Hospice Organisation e. V. ergeben, einem Verein, der sich mit Gedenk- und Trauerkultur über Ländergrenzen hinweg beschäftigt. Über Zeitungsartikel und art und wIEse auf das Thema aufmerksam geworden, wird der Umgang mit dem Andenken an hierzulande in der Fremde und während der stalinistischen Diktatur verstorbene Menschen dort rege diskutiert. Auch hier wird es demnächst ein erstes intensives Gespräch geben, des Weiteren wurde die Möglichkeit eines Podiumsgespräches bzw. einer Ausstellung zum Thema Garnisonfriedhof im Dresdner Landtag vorgeschlagen.

Was wurde sonst konkret bislang getan?
Ich habe wie bereits erwähnt, einen Antrag auf eingehende Prüfung auf Denkmalschutzwürdigkeit des Zivilteils des Garnisonfriedhofes bei der zuständigen Abteilung Inventarisation des Landesamtes für Kultur und Denkmalpflege Sachsen eingereicht. Ein Ergebnis steht hier noch aus. Des Weiteren wurde der aktuelle Wikipedia-Eintrag zum Sowjetischen Garnisonfriedhof von mir überarbeitet und auf den neuesten Stand gebracht. Emails mit einem Aufruf, die Aktion zu unterstützen, gingen unter anderem an Dresdner Blogger, von denen leider wenig Resonanz kam. Keinerlei Reaktion kam erstaunlicherweise auch von den Neustadtgrünen, die sich sonst doch immer recht vehement gegen Kulturschwund und Neubaupläne der schwarz-gelben Landesregierung einsetzen.
Es wurden des Weiteren Hinweisschilder an der Marienallee entlang des Friedhofes angebracht, die Passanten und Besucher auf die Problematik aufmerksam machen. Bei regelmäßigen Besuchen vor Ort fällt insbesondere eines auf: Relativ häufig sind nun russischstämmige Bürger auf der Anlage anzutreffen, was bei früheren Besuchen eher selten der Fall war. Und immer häufiger “verirren” sich Besucher bis in den Nordflügel, der sonst immer einsam und versteckt im Schatten der Kriegsgräberstätte lag und von dessen Existenz oft nicht einmal jene wussten, die den Friedhof als solchen bereits kannten.

Das Thema nimmt derzeit Dimensionen an, die den möglichen zeitlichen Rahmen beinahe sprengen, berücksichtigt man, dass ich momentan noch immer als Einzelkämpfer aktiv unterwegs und zudem beruflich voll eingespannt bin. Aber vielleicht wird sich das ja bald ändern. Spannend ist das alles allemal.

[...]

Geburt einer Idee?

Gestern war bundesweiter Tag des (offenen) Friedhofs. Auch in Dresden gab es anlässlich dieses Tages Friedhofsführungen bzw. Vorträge, so etwa auf dem Jüdischen Friedhof in der Pulsnitzer Straße, Dresden-Neustadt, dem Tolkewitzer Friedhof, oder auch auf dem Trinitatisfriedhof in der Johannstadt. Auf dem Nordfriedhof am Kannenhenkelweg konnten Besucher in Führungen die Ruhestätten von Größen des preußischen Militärs, wie etwa die der sächsischen Kriegsminister von Carlowitz oder von der Planitz, sowie die Gedenkstätte für den Mitverschwörer des 20. Juli 1944, Friedrich Olbricht, besichtigen.
Ganz großer Bahnhof dagegen auf dem Heidefriedhof: Malgorzata Chodakowskas Skulptur “Trauerndes Mädchen am Tränenmeer” zum Gedenken der Opfer des alliierten Bombardements vom 13. Februar wurde der Öffentlichkeit übergeben.

Man mag nun geteilter Ansicht sein, ob etwa der Heidefriedhof mit seiner ohnehin schlicht monumental zu nennenden Gedenkinfrastruktur, was die Opfer des 2. Weltkrieges ingesamt anbelangt, ein weiteres Mahnmal gebraucht hätte, oder ob der Jüdische Friedhof in der Pulsnitzer Straße auch zum Tag des (offenen) Friedhofes 4 Euro Eintritt verlangen muss (so stand es zumindest in der Zeitung und am Tor). Eine positive Geschichte ist dieser Tag des (offenen) Friedhofs allemal, bedeutet er doch eine wichtige Annäherung an Themen wie Tod und die Endlichkeit allen Seins, aber auch die Geschichte der jeweiligen Region.

Was ich sehr schade finde, ist die Tatsache, dass weder Stadt noch Freistaat, noch Vereine oder Institutionen diesen Tag jemals genutzt hätten, auch Führungen auf dem Garnisonfriedhof der Sowjetischen Armee an der Marienallee anzubieten. Gerade hier, auf einer Anlage, die eine Zeit berührt, die die meisten von uns noch unmittebar miterlebt haben, gäbe es so viel zu erzählen, so viel Möglichkeit zu Aufklärung, Enttabuisierung und Austausch.
Doch wie in jedem Jahr, waren für den Garnisonfriedhof auch in diesem Jahr keinerlei Veranstaltungen geplant.

Daher hatte ich beschlossen, dies einfach selbst in die Hand zu nehmen und mich als Gedenkstättenführer zu versuchen. Vorab sei vielleicht darauf hingewiesen, dass ich mich nicht aus politisch-ideologischen Gründen um eine bessere Wahrnehmung des Friedhofes bemühe, sondern vor allem aus historischen, aufklärerischen und kulturellen. Es geht darum, zu zeigen, dass auf dem Friedhof Licht und Schatten nah beieinander liegen. Dass die Helden, die hier im Befreiungskampf starben, zugleich auch grausame Besatzer waren, dass das Regime, das sie hier verteidigten, ein grausames war, das sich auch gegen die eigenen Leute richtete – junge Menschen, deren Gräber zu Dutzenden auf dem Friedhof zu finden sind. Letztendlich, dass es allemal lohnt, diese Stätte in ihrer Gesamtheit und vor allem in ihrer Ursrpünglichkeit als zeitgeschichtlich relevantes Kulturgut zu erhalten und der Öffentlichkeit nahezubringen.

Eine Informationstafel (bestehend aus einer Leinwand) mit allerlei Wissenswertem rund um Geschichte, Beschaffenheit und Zukunft des Garnisonfriedhofes war schnell zusammengestellt. Sie enthielt unter anderem einen mehr als provisorischen und gewiss nicht maßstabsgerechten Lageplan, um zu zeigen, dass der Friedhof am nördlichen Ende der Hauptanlage weitergeht. Die Tafel wurde gut einsehbar am Friedhofstor befestigt, das sonst immer fest verrammelte Tor selbst weit geöffnet.
Und die Sache wurde ein voller Erfolg.
Da zwischenzeitlich die Arbeit rief, war es mir lediglich möglich, zwischen 13:30 und 14:45 Uhr sowie zwischen 17:15 und 18:00 Uhr selbst vor Ort zu sein. In diesen zwei Stunden zählte ich mindestens 25 Gäste auf einer Anlage, die sonst mehr oder weniger einsam im Schatten der Heide liegt. Mit vielen davon ergaben sich sehr gute Gespräche.

Tag des Friedhofs - Leben auf dem Garnisonfriedhof.

Tag des Friedhofs - Leben auf dem Garnisonfriedhof.

Etwas unsicher war ich zunächst, wie ich mich verhalten sollte: die Leute gleich am Tor in Empfang nehmen? Sich eher im Hintergrund halten und sie kommen lassen? Es stellte sich heraus, dass viele einen freundlichen Empfang am Tor mit der Bemerkung, falls Fragen bestünden, könnte man sich gern an mich wenden, sehr schätzten. Auch die Auskunft, dass die Verfasserin der Zeitungsartikel, aufgrund derer man sich entschlossen hatte, mal wieder vorbeizuschauen, direkt vor Ort war, löste positive Reaktionen aus und stellte sofort ein ungezwungenes Klima her.
Bei meinen früheren Besuchen zu Recherchezwecken war ich meist über Stunden völlig allein auf der Anlage – trotz Wochenendes und schönen Wetters. Die Menschen liefen meist verschüchtert vorbei, blieben allenfalls mal kurz stehen, um durch die Gitterstäbe zu lugen. Nur selten verirrte sich mal jemand für einen kurzen verschämten Besuch oder schlimmstenfalls auf der Suche nach einem Ort fürs kleine Geschäft auf den Friedhof.

Gestern war das anders. Von Besuchern, die die Anlage bereits kannten, erfuhr ich, dass viele bis heute nicht wussten, dass es noch einen zivilen Anbau im Norden des Areals gibt. Diejenigen, die ich dort hinführte, zeigten sich bestürzt über den verwahrlosten Zustand. Ein Mann bestürmte mich mit Fragen, ob ich einen Verein wüsste, der sich um die Auffindung von in Russland oder Polen während des 2. Weltkriegs verstorbenen Wehrmachtsoldaten bemühe; ein weiterer in Begleitung seiner Frau war selbst vom Zustand der an sich gepflegten Hauptanlage wenig begeistert.
Es stellte sich heraus, dass der Radebeuler in der jüdischen Gemeinde engagiert ist. Auch von dort, so berichtete er, kenne man das, dass die Friedhöfe oft verwahrlosten, wenn sich nicht Vereine oder engagierte Bürger darum kümmerten. Er freute sich wie ein Kind, als ich ihn zu einem Grab führte, das ich vorsichtig als das eines jüdischen Sowjetsoldaten identifiziert hatte: Der 1947 verstorbene Oberleutnant der Sowjetischen Armee hieß mit Nachnamen Baum, und auf seinem Grabmal liegen zwei blankpolierte Steine.

Es muss dazugesagt werden, dass sich das Interesse erfreulicherweise nicht nur auf die ältere Generation beschränkte. Auch Jugendliche und junge Erwachsene sammelten sich am Tor vor der Tafel, die allermeisten statteten der Anlage draufhin einen mehr oder weniger ausgedehnten Besuch ab. Intensiverer Informationsbedarf zeichnete sich aber dann doch bei den Gästen jenseits der 55 ab.
Leider gab es auch die weniger sensiblen “Besucher” – so etwa eine Frau um die 40 in lässig-modernem Outfit mit Knöpfen im Ohr, die Musik daraus konnte man noch auf 60 Meter Entfernung deutlich hören. Sie schlenderte mit desinteressiertem Gesicht über den Hauptweg – um dann schließlich an einem Vogelbeerenstrauch mit hübschen orangenen Früchten stehen zu bleiben, ein paar Zweige abzubrechen und wieder abzuziehen.

Jedenfalls war dieser Tag des (offenen) Friedhofes der Geburtstag einer Idee. Aufgrund des positiven Feedbacks durch Besucher, die sich erfreut zeigten, endlich einmal einen Ansprechpartner vor Ort zu haben, der ihnen mehr zur Anlage erzählen konnte, habe ich mir überlegt, dass man solche Führungen doch regelmäßiger veranstalten könnte, um einen größeren Bekanntheitsgrad des Friedhofes in der Bevölkerung zu etablieren. Da mehrere Besucher andeuteten, sich durchaus vorstellen zu können, ein-, zweimal im Quartal oder Halbjahr mit anzupacken und die gröbsten Witterungs- oder Vandalismusschäden auf dem Friedhof zu beseitigen, überlege ich sogar, demnächst (möglichst noch vor dem Winter) so etwas wie eine Art “Aktion Friedhofsputz” für den Nordflügel zu organisieren, um diesen wenigstens ansatzweise wieder in einen würdigen Zustand zu versetzen.

Die Hoffnung, die ich mit diesem Engagement verbinde, ist die, dass der Freistaat so davon überzeugt werden kann, seine Pläne zum Abriss der originalen Grabanlagen im Nordflügel zugunsten einer Grünanlage mit lediglich noch zwei Stelen ad acta zu legen. Die Kosten, die bei einer gebührenden Pflege eines so großen Areals anfallen würden, waren (nach Aussage des Staatsbetriebes Sächsisches Immobilien- und Baumanagement) ein Hauptgrund für die jahrelange stiefmütterliche Behandlung durch den Freistaat und sie dürften auch ein Hauptgrund für die aktuellen Umgestaltungspläne sein. Doch würde die Umbaumaßnahe an sich Zigtausende wenn nicht gar über hunderttausend Euro kosten – Geld, das mittels bürgerlichen Engagements gespart und zum Beispiel für die sinnvolle Gestaltung des ehemaligen Russensportplatzes am Alaunplatz verwendet werden könnte.

Nur wenn die Anlage in ihrem Ursprungszustand erhalten bleibt, jedes einzelne der über 400 Soldatengräber des Nordflügels so wie seine Pendants, die das Glück hatten, auf der gepflegten Hauptanlage ihre letzte Ruhe zu finden, eingesehen werden kann, wird doch die Dimension sichtbar, in der ein totalitäres Regime ohne Rücksicht auf Menschenleben in den eigenen Reihen seinen Status quo aufrechterhalten wollte. Sie stehen hier in Dresden repräsentativ für die 2000-4000 sowjetischen Soldaten, die Schätzungen von Historikern und Menschenrechtsorganisationen zufolge während der Besatzungszeit JÄHRLICH IN DER DDR zu Friedenszeiten ihr Leben verloren.

P. S.: Wem es ein Bedürfnis ist, sich für den Erhalt des einzigen Friedhofes in Dresden in seinem ursprünglichen architektonischen Zustand zu engagieren, der ausschließlich nichtdeutsche Staatsangehörige beherbergt, kann sich gerne melden. Ich freue mich jederzeit über Mitstreiter. Hier geht es nicht um Spenden oder finanzielle Aufwendungen, sondern vor allem um Öffentlichkeitsarbeit und gegebenenfalls wenige Male im Jahr um tatkräftiges Anpacken. Die eine oder andere Heckenschere, Schaufel oder Harke könnte allerdings durchaus von Nutzen sein ;-)

[...]