Archive

Familientrip in die Servicewüste - oder was eine Heiße Zitrone über Kundenorientierung zu erzählen weiß.

Gestern, Pfingstmontag. Hastig hatte ich mit der Familie eine Verabredung in der Dresdner Innenstadt getroffen, um die wenigen Sonnenstrahlen des frühen Nachmittags zu erhaschen. Allerdings fing das Unterfangen schon ziemlich blöd an, da die Neustadt just in dem Moment, in dem ich mich aufs Rad schwingen wollte, von den Ausläufern der Gewitterfront getroffen wurde, die im Großenhainer Land eine Schneise der Verwüstung hinterließ. Aufgrund des starken Windes und prasselnden Regens musste ich warten, bis das Gröbste vorüber war – während meine Family 20 Minuten am Treffpunkt auf mich warten musste.

Als ich am Haus der Presse ankam, hatte sich der Himmel zwischenzeitlich auch hier in ein bedrohliches Dunkelgrau gefärbt, Wind peitschte nun auch durch die Gassen der Innenstadt, doch das tat der Stimmung keinen Abbruch. Munter starteten wir in Richtung Landtag und Theaterplatz.
Doch schon, als wir am Fürstenzug ankamen, öffneten sich sämtliche Schleusen, die Straßen verwandelten sich binnen Kürze in eine Seenlandschaft, und während ich mit der einen Hand den Schirm umklammerte und mit der anderen abwechselnd versuchte, die wirren Haarsträhnen zu bändigen, die mir der Sturm um Mund und Augen jagte, und die etwas zu lang geratenen Hosenbeine vor den Pfützen zu retten, flüchteten die anderen bereits kurzentschlossen in eines der Restaurants am Neumarkt. Ich stolperte etwas irritiert hinterher.
Drinnen brach zunächst ein Kampf derjenigen, die aufgrund des Unwetters die gleiche Idee hatten, um die letzten freien Plätze aus. Giftige Blicke und genervtes Zungenschnalzen taten den Ärger derjenigen kund, die keinen Platz mehr ergattern konnten. Beherzt sprang ich durch eine Gruppe verdutzt dreinguckender Touristen zu einem frei werdenden Tisch und rief die anderen heran – im Nachhinein bin ich eingermaßen froh, dass ich mich in diesem Moment nicht selbst im Spiegel beobachten musste: eine aufgeplusterte Henne, die gackernd und flügelschlagend ihren Nistplatz markiert und gegen Konkurrenten verteidigt… brrrr.

Nun ja, nach all den unerwarteten Strapazen, die der Nachmittag parat gehalten hatte, stimmte die Aussicht auf Kaffee und Kuchen in gehobenem Ambiente direkt unterhalb der Frauenkirche etwas versöhnlich. Der Kellner, der kam, um uns zu bedienen, erinnerte mich ein klein wenig an eine uralte Geschichte des Blogger-Kollegen Anton Launer zu einem ehemaligen Kellner eines ehemaligen Neustädter Inn-Lokals, der heute überdies ein geschätzter Kollege ist.
Mit unverkennbarer Flamboyance näselte er ein: “Was kann ich Ihnen bringen?”
Doch weit kam meine Mutter mit der Bestellung nicht, denn gerade, als sie sich anschickte, der bestellten Schwarzwälder Kirschtorte noch meine Eierschecke hinzuzufügen, wandte der junge Ober sich bereits einigermaßen ungeduldig zum Gehen, schnappte wie von einem Gummiband gehalten wieder zurück, als er bemerkte, dass die Bestellung noch nicht beendet war, wiederholte herablassend “…und ein Stück Eierschecke…” – und wandte sich abermals zum Gehen, als mein Vater mit einem gefährlichen Stirnrunzeln und mit Nachdruck noch ein Kännchen Kaffee mit 2 Tassen und die heiße Zitrone folgen ließ, die ich ausgewählt hatte. Zwischendurch traf mich ein Blick, der zwischen Neugier und Verachtung schwankte.
Nachdem wir die gesamte Bestellung schließlich hatten unterbringen können, rauschte unser Oberlein davon, als hätte man ihn zwischenzeitlich an unseren Tisch gekettet und gegen seinen Willen dort festgehalten.

Wir sahen uns an: Meine Mutter schnappte empört nach Luft, mein Vater sah immer noch aus, als würde er jeden Moment explodieren – und ich bekam einen Lachanfall, mit dem ich schließlich meine Mutter ansteckte. Wir flüchteten aufs WC.
Als wir zum Tisch zurückkehrten, hatte unser Ober den ersten Teil der Bestellung gebracht: für die Eltern ein Kännchen Kaffee und zwei Tassen – ähm, mit Kaffee. Keine leeren, wie es Sinn gemacht hätte und wie bestellt worden war. Wir nahmen es mit Humor: “Da hätta wohl eenfach mal n bissjen oofmerksamer die Löffel uffsperrn solln, als wa bestellt hattn, statt hier so arrojant rumzuhampeln”, witzelte meine Mutter in feinstem Berlinerisch.
Der Kuchen kam, ich war zufrieden, aber meine Mutter war jetzt richtig in Fahrt: Die Kirschfüllung bestand aus zu viel Gelee statt richtigen Kirschen, die Creme war zu fettig und überhaupt schmeckte das Teil “wie Diätkuchen”. Als Nächstes fing mein Vater an, am Kaffee herumzumosern – “ni de Welt, viel zu dinne”. Den ungekrönten Höhepunkt aber bildete die Ankunft meiner “heißen Zitrone”. Für die 2,30 €, die ich für das kleine Glas bezahlen sollte, bekam ich ein Instant-Zitronengetränk, wie es aus jedem Uni-Getränkeautomaten läuft, statt einer frisch zubereiteten heißen Zitrone, wie man sie etwa im Scheune-Cafe oder der Planwirtschaft serviert.

Der Bogen war überspannt. “Unmöglich!”, entwich es mir, während ich noch mit dem grauenhaften Geschmack nach lauem Pippi kämpfte. Ein solches Gebräu hätte ich noch nicht mal meinen beiden erkälteten Kollegen angeboten, wie ich später in Gedanken notierte. Immerhin, heiß war es, das Gemisch aus Aromen, Farbstoffen und Vitaminpräparaten.
Mom und Paps schlürften derweil mit angwidertem Gesicht ihren Bohnenkaffee: “Frechheet! Da wird mer ja bei McDonalds besser bedient”, gollte Paps, der als Fernfahrer sonst eher robusten Raststätten-Charme gewohnt ist. Und auch im Pinguin-Eiscafe mit Kantinen-Feeling beim Zoobesuch mit klein-Jack neulich war der Kaffee hundertmal besser – und billiger natürlich.
“Keen Trinkjeld, Lutz, ditt fehlte ja noch”, schnaubte meine Mutter mit tiefbeleidigtem Seitenblick in Richtung Thresen.
Und während mir mein Bauchgefühl empfahl, diesen wenig service- und kundenorientierten Ort so bald als möglich zu verlassen, versprach ein Blick nach draußen in den immer noch vom Himmel herabströmenden Regen wenig Gutes.

Abkassieren kam dann gottseidank nicht unser zappeliger Kellner, sondern eine Kollegin. Bei der einstudierten, beiläufig wirkenden Frage “Und, war alles zu Ihrer Zufriedenheit?” hielt es mich nur mit Mühe auf meinem Stuhl. ‘Immer schön ruhig bleiben’, dachte ich mir, ‘hier kommst du eh nicht wieder her’.
Zu meiner Überraschung entgegnete mein Vater mit unverhohlener Ironie: “Also, wenn Se schon so dirrekt frachen, de weld war das hier nich.” Wie vom Blitz getroffen war die Kellnerin aus ihrer höflichen Gleichgültigkeit erwacht, Kritik hatte es hier anscheinend noch nicht allzu oft gehagelt. Nun wurde auch ich etwas mutiger und mahnte freundlich aber bestimmt an, dass ich laut Karte eine “heiße Zitrone” und kein Instant-Zitronengetränk bestellt hatte.
Mit einiger Belustigung vernahm ich die anschließenden Tipps in Sachen Dosierung der Kaffeemaschine, die mein Vater der sichtlich peinlich berührten Bedienung gab. Meine Mutter warf mir von der Seite einen Blick zu, der Genugtuung verriet. Der Aufruhr war mir unangenehm, ‘nur raus hier’, dachte ich.

Keine fünf Minuten später standen wir wieder auf der Straße, meine Mutter immer noch tief gekränkt ob der “miesen Bedienung” und permanent am Schimpfen über den “unterirdischen Service”, während ich eigentlich die ganze Zeit nur lachen musste. Was soll man sich auch aufregen über die wenig überraschende Entdeckung, dass die Servicewüste ihre öden, sandigen Ausläufer nun sogar schon in die Nobelviertel der Stadt einsickern lässt: Schwarzwälder Kirschtorte von K-Classic, frisch aus dem Tiefkühler, Zitronenpulver zum Aufgießen aus der Drogerie, Kaffee in maximaler Spardosierung und das alles in einem Lokal in exquisiter Lage – das wird die Zukunft sein in einer Welt, die sich noch mal totsparen wird, um konkurrenzfähig zu bleiben.
Im strömenden Regen kämpften wir uns zurück zum Haus der Presse. ‘Na hoffentlich werden die Tweed-Hosen nicht schrumpelig’, dachte ich besorgt beim Anblick meiner schon leicht angefeuchteten, hochgekrämpelten Hosenbeine – immerhin musste ich anschließend noch zur Arbeit.

Waldschlösschenbrücke: Verkehrte Welt für Brückengegner.

Entgegen allen Befürchtungen und dem gebetsmühlenartigen Drohszenario der organisierten sowie der latenten Brückengegnerschaft sind die Tourismuszahlen für Dresden im Jahr eins der Aberkennung des UNESCO-Weltkulturerbe-Titels nicht gesunken, sondern – im Gegenteil – erstmals seit 2006 und trotz Wirtschaftskrise wieder gestiegen, im Oktober etwa um knapp 8% im Vergleich zum Vorjahresmonat. Aber auch auf das gesamte Jahr 2009 bezogen, sind die Touristenzahlen für Dresden und auch andere Teile Sachsens wieder gestiegen. Eine entsprechende Meldung findet sich auch in der Sächsischen Zeitung von heute.

Und diese Entwicklung spiegelt meines Erachtens nach hauptsächlich eines wider: nämlich die gesunde Unbedarftheit und den unvorbelasteten Blick Auswärtiger, die nicht den ideologischen Schlagabtausch sehen, der die Bewohner dieser schönen Stadt spaltet, sondern einfach nur die schöne Stadt als solche, die trotz vorübergehenden Baulärms und Chaos’ um die Brückenbaustelle herum doch insgesamt nicht weniger schön und sehenswert geworden ist.

waldschloesschenbruecke

Ich habe eine solche Entwicklung erhofft und insgeheim auch ziemlich selbstbewusst kommen sehen. Leute kommen nicht wegen eines Titels, sondern sie kommen wegen der Sehenswürdigkeiten, des kulturellen Angebots und besonderen Erholungsmöglichkeiten. All das ist und war schon immer im “Florenz des Nordens” in besonderem Maße gegeben, auch vor der Verleihung eines Welterbetitels schon, und das wird auch mit einer weiteren Brücke und nach Aberkennung des Titels so bleiben. Die neuesten Zahlen sprechen dahingehend ja erstmals eine deutliche Sprache, die auch die Brückengegner, die bislang gerne auch mit touristischen Argumenten diskutierten, anerkennen müssen.

Machte sich besonders im 1. Halbjahr 2009 noch die Wirtschaftskrise in Form leicht sinkender Übernachtungen für Dresden bemerkbar, kann gerade das 2. Halbjahr, also jene Zeit nach Aberkennung des Titels, als Erfolgsgarant gewertet werden.
Unterm Strich stellt man fest, dass das Tourismus-Argument letztendlich nicht mehr als ein “hohler Vogel” war, ein Pseudo-Argument, das zunächst gut Wirkung zeigt, weil es scheinbar am Geldbeutel und an der Existenz vieler Menschen rührt und Ängste schürt, die sich wiederum gut für die eigenen Überzeugungen einspannen lassen.
Erstaunlich, wie gerade Grüne, Ökos und Linke in eine Politik der Panikmache verfallen, die man sonst eigentlich von Falken und Haien kennt.