Die Erziehung der Bürger zum “korrekten Gedenken” und damit die Übermittlung von bestimmten politisch korrekten “historischen Wahrheiten” lässt sich in jüngster Zeit in Dresden exemplarisch illustrieren.
Gleich fünf Vorschläge (teils bereits realisiert), irgendwessen zu gedenken, drangen in den letzten Monaten aus Dresdner Stadtratskreisen, vor allem aus Richtung der schwarz-gelben Koalition.
Da hätten wir zunächst das jüngst wiederaufgestellte und um die Bedeutung des Gedenkens der bürgerlichen Revolution von 1989 erweiterte Denkmal zu Ehren des Kreuzchor-Kantors Ernst Julius Otto vor der Kreuzkirche am Altmarkt. 1998 wurde der Aufbau desselben im Stadtrat beschlossen, 2007 gabs die Ausschreibung, im August 2010 wurde es eingeweiht. Es soll daran erinnern, dass die bürgerliche Revolution maßgeblich von der christlichen Kirche ausgegangen sei.
Gestern erst wurde auf dem Heidefriedhof ein weiteres Mahnmal zum Gedenken der Opfer des 13. Februar 1945 eingeweiht – Malgorzata Chodakowskas “Trauerndes Mädchen am Tränenmeer”. Auch hier hatte die schwarz-gelb dominierte Kommunalpolitik ihre Hände im Spiel. Ich habe so meine Zweifel, dass die Skulptur zwischen den mehr als ein Dutzend monumentalen Betonstelen mit den Aufschriften von Orten des Grauens im Zweiten Weltkrieg (unter anderem Auschwitz, Conventry und Dresden) sowie den vielen anderen Denkmälern zu Ehren der Opfer, die sich dort finden, wirklich noch eine ihr eigene Wirkung zu erzielen in der Lage ist.
Dann gab es erst kürzlich vonseiten FDP und CDU den Vorschlag, man möge in Dresden eine “Straße der Einheit” zu Ehren der Wiedervereinigung vor 20 Jahren einrichten. Vor dem Hintergrund, dass just jene schwarz-gelben Stadträte 1991 die Umbenennung zahlreicher Dresdner Straßen und Plätze in ideologisch weniger konfliktbeladene frühere Namen aus Kaiserreich und Drittem Reich veranlassten – unter anderem des “Platz der Einheit” sowie der “Straße der Einheit” in der Neustadt, dem heutigen Albertplatz bzw. der Albertstraße, kann man ob dieser schildbürgeresque anmutenden Töne, die nun laut werden, um zudem eine Einheit zu feiern, die längst noch keine ist, nur noch die Hände überm Kopf zusammenschlagen. Die Linke, mit Häme immer schnell dabei, schlug als Lokation für eine solche Straße eine Straße oder einen Platz in Sichtweite zur Dresdner ARGE vor, also just dort, wo sich bis heute die Verlierer der Einheit die Klinke in die Hand geben.
Ebenfalls von der FDP kam kürzlich der Vorschlag eines Denkmals für den “Unbekannten Demokraten”, das unter anderem die Helden und Opfer der Dresdner Aufstände im Zuge der Märzrevolution 1848/49 ehren soll. Dass es solche Denkmäler in Dresden – zwei Stück an der Zahl – längst gibt (am Schloßplatz und am Albertinum), wurde geflissentlich unter den Tisch fallen gelassen – oder vielleicht gar nicht erst recherchiert, bevor man sich mit solch einem Vorschlag aus dem Fenster lehnte? Hauptsache, man postiert sich immer mal wieder medienwirksam als Verfechter von Demokratie und Liberalismus – zumindest vor laufenden Kameras und wenn es nur drauf ankommt, große Worte zu formulieren.
Die Linken konterten diesen sonderbaren Vorschlag entsprechend zynisch, indem sie im Gegenzug ein Denkmal für den “Unbekannten Liberalen” anregten. Sorry, aber etwas anderes als Spott hatte der strategische Winkelzug nun auch wirklich nicht verdient, wenn sich das Spektakel auch als ziemlich unwürdiges Theater darstellte.
Nun soll nach Medienberichten auch noch ein weiteres Denkmal am Altmarkt hinzukommen, dass “die 19.000 Opfer der Bombenangriffe von 1945″ durch Namensnennung ehrt.
Man führe mir jenen Menschen herbei, der dafür bürgen kann, 1945 exakt 19000 Bombenopfer gezählt zu haben, dass es gerechtfertigt wäre, das Denkmal als eines auszuweisen, das “die 19.000 Bombenopfer von 1945″ ehrt.
Was sollen diese Zahlenspiele? Hier sollen “Wahrheiten” geschaffen werden, die so vor der Realität nie bestehen würden. So ist es selbst nach Auffassung von Historikern schlicht nicht möglich, dass alle Opfer restlos identifiziert worden sind, um wirklich alle Namen auf solch einem Denkmal nennen zu können. Warum errichtet man nicht, wenn schon unbedingt noch ein Denkmal sein muss, ein zahlenmäßig neutrales? Der maßlosen Übertreibung der Opferfrage durch die Rechtsextremen begegnet man sicher nicht adäquat durch das Postulieren eigener, betont niedriger und dafür entgültig anmutender Zahlen. Dieses Denkmal ist eine rein politische Entscheidung, mit Gedenken und Erinnerung hat das noch so viel zu tun wie eine Kuh mit Dosenmilch.
Die Stadt scheint ein heiden-Geld zu haben, wenn es darauf ankommt, Gedenken in politisch und ideologisch genehme Bahnen zu lenken und sei es nur für die Medien und die Wahrnehmung in der Weltöffentlichkeit. An anderer Stelle verfallen hingegen die Kulturgüter, oder dringend notwendige Projekte wie etwa das Sachsenbad, der Russensportplatz oder auch das Kulturkraftwerk Mitte bleiben auf der Strecke.
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