
Der Countdown zur Bundestagswahl läuft – und ogleich man es eigentlich besser, da einfach um die ungefähre Stimmungslage im Lande, weiß, kann man nicht wirklich umhin, sich so ein wenig von der Aufbruchstimmung anstecken zu lassen, die momentan von Seiten unserer Volksvertreter, vor allem aber der Medien, im ganzen Lande mühsam erzeugt wird.
Als traditionelle Linkswählerin weiß ich sehr wohl, dass meine Stimme lediglich die Opposition stärken oder bestenfalls zu einer erneuten Großen Koalition führen kann. Da ich weder eine Große Koalition noch eine Ampel und schon gar nicht Schwarz-Gelb befürworte, bleibt mir eigentlich nicht mehr viel Auswahl, und rein taktisch verbietet sich eigentlich eine Stimme für die SPD, obgleich ich rein programmatisch so manchem, wenn auch bei Weitem nicht allem, zustimmen kann, für das die SPD steht.
Allein: Was nützt das beste Programm, wenn die Durchsetzung entweder gar nicht oder nur in Abhängigkeit von einer übermächtigen Union in einer Großen Koalition verwirklicht werden kann? Und nicht zuletzt ist ja der Faktor “zweifelhafte Wahlversprechen” gerade durch die unseligen Mehrwertsteuer-Versprechungen der SPD bei der Wahl 2005 und ihre katastrophale, diametrale Übertragung in die Regierungswirklichkeit der Großen Koalition entscheidend geprägt worden.
Dennoch bin ich heute hochinteressiert in die Stadt gepilgert, um dem Wahlkampf-Schlussspurt der linken Parteien einen Besuch abzustatten.
Auf dem Programm standen zum einen natürlich Frank-Walter Steinmeiers vielumworbenes Wahlkampfspektakulum vor historischer Kulisse auf dem Schloßplatz, zum anderen hatte aber auch die sächsische Linke eine “Dresdner Wahltour” für den heutigen Tag angekündigt.
Es war zunächst einmal festzustellen, dass Wahlkampfveranstaltungen dieses Jahr durchgängig unter dem Segen des Wettergottes standen, denn, wie schon am 27. August, herrschte auch heute grandioses Altweibersommerwetter, mit azurblauem Himmel, stechender Sonne und bis zu 22 Grad.
Ich schwang mich also gutgelaunt auf meinen Drahtesel und erreichte den Schloßplatz gegen 11:45. Frank-Walter Steinmeier war laut Plakaten für “ab 11:30 Uhr” angekündigt. Als ich eintraf, war der Platz schon gut gefüllt, allein, Herr Steinmeier ließ sein Wahlvolk sage und schreibe 11/4 Stunden warten.

Ich war zwischenzeitlich also zurück zum Albertplatz geradelt, wo ja schließlich die “Wahltour” der Linken mit Klaus Sühl für 12 Uhr angekündigt war. Pünktlich um 12:05 Uhr traf ich dort ein – doch weder von Herrn Sühl noch von einem Infostand, geschweige denn einer Wahlveranstaltung war etwas zu sehen. Enttäuschung. Keine Ahnung, ob da später noch irgendetwas durchstartete – mit Pünktlichkeit und Verlässlichkeit haben es die Herren Politiker anscheinend weniger.
Also zurück zum Schloßplatz.
Dort war die Menge zu einer mehrere Hundert zählenden Masse angeschwollen, auf der Bühne fanden sich mittlerweile wenigstens die Dresdner SPD-Bundestagskandidaten ein (also die, für die man mit der Erststimme stimmt).
Gegen 12:45 Uhr schließlich wurde der Tross aus Sicherheitsbeamten, Parteifreunden und Getreuen, der den Kanzlerkandidaten umgab, oben auf der Brühl’schen Terrasse sichtbar und bahnte sich langsam seinen Weg in Richtung Bühne.

Die Rede, die dann folgte, war durchwachsen. Positiv würde ich Steinmeier selbst bewerten wollen. Gut gelaunt, humorvoller, als man es ihm zutrauen würde, und Entschlossenheit versprühend, arbeitete er sich durch das SPD-Wahlkampfprogramm, ohne jedoch den gewissen Schuss Volksnähe vermissen zu lassen. Wenn man weiß, dass ausgerechnet die Person Frank-Walter Steinmeiers es mir momentan gründlich versalzt, der SPD meine Stimme zu geben und Steinmeier selbst damit fürs Kanzleramt zu empfehlen, wird man erkennen, dass mir dieser positive Kommentar zu Steinmeier doch ein ziemliches Maß an sachlicher Distanz abverlangt.
Die Ansprache selbst war dann jedoch wieder getragen vom obligatorischen Dualismus aus Madigmachen des politischen Gegners und Hervorheben der eigenen Leistung. Erhellende Vorstöße in die Tiefen der eigenen Programmpunkte – Fehlanzeige.
Wer bis heute noch nicht sicher war, wie er das politische Programm der SPD nun eigentlich begreifen und bewerten soll, der wird es auch nach dieser Veranstaltung nicht sein.

Letzte Kommentare